Die Wikinger - Anders Winroth - E-Book
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Anders Winroth

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Beschreibung

Anschaulich und mit großem Erzähltalent schildert Anders Winroth die Lebenswelt der Wikinger. Zugleich zeichnet er ein umfassendes, farbiges Bild einer der stürmischsten Epochen des Abendlandes, in der die Räuber aus dem Norden das Gesicht Europas veränderten. Nach wie vor haben die Wikinger einen lebhaften Einfluss auf unsere Phantasie: Sie brandschatzten und trieben Sklavenhandel. Doch es gab auch friedliche Ansiedlungen, und sie entwickelten ein weit ausgreifendes Handelsnetzwerk. In ihren starken, schnellen Schiffen ließen sie ihre Heimatländer weit hinter sich zurück – nicht nur um zu plündern, sondern auch aus reiner Entdeckerlust. Anders Winroth schreibt gegen die gängigen Mythen an, untersucht jeden wichtigen Aspekt dieses aufregenden Zeitalters und stellt so den Innovationsgeist und schieren Wagemut der Wikinger dar, ohne ihr destruktives Erbe zu beschönigen. Zugleich enthüllt er, wie sich Kunst, Literatur und religiöses Denken der Wikinger auf eine Art und Weise entwickelten, die in Europa einzigartig dasteht: eine ebenso unterhaltsame wie umfassende Darstellung einer Gesellschaft, die weitaus modernere Züge trägt, als man vermuten möchte. »Der Autor versteht es, äußerst plastisch die Wikingerzeit auferstehen zu lassen.« Damals   »Das Buch von Anders Winroth ist so wichtig, weil es ein umfassendes objektives Verständnis der Wikinger-Kultur ermöglicht.« Gerhard Beckmann, Passauer Neue Presse   »Anders Winroth hat ein anschauliches, populärwissenschaftliches Buch über ein Volk geschrieben, von dem wenig bekannt ist und über das viele Vorurteile verbreitet sind.« Rolf Hürzeler, kulturtipp

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Seitenzahl: 526

Veröffentlichungsjahr: 2016

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ANDERS WINROTH

Die WIKINGER

Das ZEITALTER des NORDENS

Aus dem Amerikanischenvon Susanne Held

Impressum

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Speicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Klett-Cotta

www.klett-cotta.de

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel:

»The Age of the Vikings« im Verlag Princeton University Press,

Princeton, Oxford, 2014

© 2014 by Princeton University Press

Für die deutsche Ausgabe

© 2016 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung

Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Umschlag: Rothfos & Gabler, Hamburg

Unter Verwendung einer Abbildung von mauritius images/Robert Harding

Zweite Auflage 2016

Datenkonvertierung: Fotosatz Amann, Memmingen

Printausgabe: ISBN 978-3-608-94927-8

E-Book: ISBN 978-3-608-10952-8

Dieses E-Book basiert auf der aktuellen Auflage der Printausgabe.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten

sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Inhalt

KAPITEL 1Einleitung

KAPITEL 2Gewalt in einer gewalttätigen Zeit

KAPITEL 3Die Röriks zu Hause und in der Fremde

KAPITEL 4Schiffe, Boote und Fähren in die Nachwelt

KAPITEL 5Münzen, Seide, Heringe

KAPITEL 6Von Häuptlingen zu Königen

KAPITEL 7Auf der heimischen Farm

KAPITEL 8Die Religionen des Nordens

KAPITEL 9Kunst und Literatur

KAPITEL 10Epilog

Anhang

Tafelteil

Vor- und Nachsatz

Anmerkungen

Bild- und Kartennachweis

Abbildungen im Text

Abbildungen im Tafelteil

Personenregister

Länderregister

Ortsregister

Für meine Eltern

KAPITEL 1

Einleitung

Der Furor der Nordmänner

Endlich ließ sich der Häuptling auf seinem erhabenen Sitz nieder. Die Krieger hatten in gespannter Erwartung auf den Bänken in der großen Halle ausgeharrt, gewärmt vom prasselnden Feuer und sich labend an reichlichen Mengen Met. Die Dienerinnen des Häuptlings hatten im Herbst mehrere Wochen damit zugebracht, Honig und Wasser zu mischen und Fässer zu füllen mit dem Trank für die berühmte Yule-Feier, das alte skandinavische Mittwinterfest. Nun war der Häuptling eingetroffen – angetan mit seinen besten Gewändern – und verlangte zu wissen, warum man seinen berühmten Kriegern nur ein so gewöhnliches Getränk kredenzt hatte. Verdienten sie denn nichts Besseres nach all dem, was sie im Land der Franken vollbracht hatten? Hatten sie im letzten Sommer nicht Fässer voll besten fränkischen Weins aus dem reich bestückten Keller jenes Klosters mitgenommen und ihre Beute mit ihrem Blut teuer bezahlt?

Abb. 1: Dieser wunderschöne Krug, hergestellt auf einer schnell drehenden Töpferscheibe im Fränkischen Reich, wurde in einem Grab im schwedischen Birka(1) gefunden. Das Muster entstand durch das Anbringen dünner Zinnfolie. (1)

Der Anblick des Krugs, seine perfekte Ebenmäßigkeit, die so wenig gemein hatte mit ihren gewohnten plump-irdenen Gefäßen, ließen die ungehobelten Krieger in der riesigen Halle verstummen. Mehrere horizontale Reihen aus Zinnfolie, dazwischen Gruppen von Rhomben, schmückten den Krug, ein wundervolles Gefäß für ein exotisches Getränk. Der Häuptling wurde als Erster bedient, er nahm einen Becher mit kunstvollem Dekor entgegen, das aus blauem, in feinen Streifen angeordnetem Glas bestand; danach wurde dem Mann auf dem Ehrenplatz ein ebensolches Glas überreicht. Die anderen Männer tranken aus Hörnern oder einfachen Bechern, jetzt aber nahmen alle Wein statt Met zu sich, um ihrer aller Tapferkeit und ihren Erfolg bei den Raubzügen des Sommers zu feiern. Einige der Krieger erkannten die Glasgefäße wieder: Der Häuptling hatte sie gekauft, als die Kriegerbande auf dem Heimweg vom Raubzug der Stadt Hedeby einen Besuch abstattete. Man munkelte, die blau schimmernden Gläser stammten aus einem weit entfernten Königreich namens Ägypten(1) und der Häuptling hätte für das, was er nach zähen Verhandlungen dafür bezahlte, ein gutes Langschiff erwerben können.

Einige der Krieger, gewöhnt an schlichtere Getränke, kannten den Geschmack von Wein noch nicht. Welch ein herrlicher Anführer, der solchen Luxus so großzügig zu teilen verstand! Und er sah ja auch ganz wie ein Anführer aus. Auf den Umhang, den er trug, waren Leopardenmotive und silberne Pailletten gestickt, der Stoff war üppig mit Fuchspelz verbrämt. Auf dem Kopf trug der Häuptling eine seidene Mütze. Ein mit Eiderdaunen gefülltes Kissen in einem herrlich bestickten Überzug, auf dem eine Prozession von Menschen, Pferden und Wagen zu sehen war, polsterte seinen Sitz, und neben ihm lehnte eine Zeremonialaxt: Sie war dekoriert mit einer Einlegearbeit aus Silberdraht, die ein Phantasietier darstellte. Wahrhaftig ein echter Häuptling! Woher nahm er all diese herrlichen Dinge? Nur wenige Krieger waren jemals mit vergleichbaren Luxusgütern so auf Tuchfühlung gelangt. Nie hatten sie so dunkel schimmernde Füchse gesehen, nie waren sie mit Stoff in Berührung gekommen, der so glänzte und leuchtete.

Nicht jeder in der Halle war im letzten Sommer mit dem Häuptling auf Fahrt gegangen, um im Land der Franken Beute zu machen; zur Feier waren auch viele Neulinge erschienen. Man konnte sie prahlen hören: Wie sie selbst im nächsten Sommer mit diesem Häuptling ziehen würden, um ihre Schwerter rot zu färben mit dem Blut der Franken und der Angeln, die später Engländer genannt wurden, und vielleicht sogar, warum nicht, auch mit dem Blut der Mauren in Spanien(1)? Und sie würden unerhörte Reichtümer einheimsen.

Im vorletzten Sommer hatten sie nicht so viel Glück gehabt. Von den drei Schiffen, die unter dem Befehl eines anderen Häuptlings ausgefahren waren, kam nur eines zurück, ohne Anführer, der gefallen war, so hieß es, als sich die Friesen ganz überraschend zur Wehr gesetzt hatten. Keiner wusste genau, was passiert war, denn die Rückkehrer sprachen nicht gern darüber.

Nun war es Zeit für das Hereinbringen der Speisen, doch als Erstes mussten die Götter ihren Anteil bekommen. Der Häuptling schnitt dem Opfertier die Kehle durch und ließ das Blut auf den Boden fließen. Auf die Lache goss er etwas Wein. Außerdem hielt er zwischen seinen Fingern ein kleines Stück Goldfolie hoch, sodass jeder es bewundern konnte. Diejenigen, die in der Nähe saßen, konnten darauf das Motiv eines sich umarmenden Paares ausmachen. Der Häuptling befestigte das Stück Folie an einem der Pfosten, die das Dach trugen. Nicht alle seine Krieger wussten so ganz genau, was es mit diesem Ritual auf sich hatte, aber alle waren sich sicher, dass es mit einem Segen zu tun hatte. Das geopferte Lamm wurde hinausgetragen, um gebraten zu werden, und das übrige Essen wurde hereingebracht: große Stücke gebratenes Fleisch, mehrere Kessel gekochter Fisch und Zuckerwerk. Die Krieger langten kräftig und zufrieden zu. Selbstverständlich musste man zu den Festen dieses berühmten Häuptlings sein Essen nicht selber mitbringen!

Nachdem die Bäuche von diesem wunderbaren Festmahl gefüllt waren, gingen nun alle dazu über, in aller Ruhe die Nüsse von ihren harten Schalen zu befreien, um zum Dessert die süßen Kerne zu genießen. Der Häuptling und seine unmittelbare Entourage hatten größere Nüsse, die einfacher zu öffnen waren, denn ihre Schalen waren weicher und dünner. Ob wohl auch der Inhalt wohlschmeckender war? Nur wenige in der Halle hatten je von diesen ausländischen »welschen« Nüssen, den »Walnüssen«, gekostet. Einige konnten sich daran erinnern, einmal eine einzelne Walnuss gesehen zu haben, die in das prächtige Grab des vorherigen großen Häuptlings gelegt worden war.

Dieses Begräbnis war ein Ereignis gewesen, das man nicht so leicht vergaß: Der tote Mann hatte ein riesiges, prachtvolles Schiff mit erlesenen Holzschnitzereien bekommen, das ihn ins Jenseits tragen sollte. Die Leute hatte beeindruckt, dass sein Sohn bereitwillig ein so gewaltiges Schiff hergab, obwohl böse Zungen behaupteten, das Schiff sei nicht sonderlich seetauglich gewesen, zweimal gekentert und hätte den Bruder des Häuptlings bei dem Unfall mit in die Tiefe gerissen. Außerdem hatte der Sohn des alten Häuptlings eine unerhörte Anzahl von Pferden auf dem Vorschiff geopfert. Man sprach noch lange von dem Meer von Blut, das sich über das Deck des Begräbnisschiffs ergossen hatte, ehe man Erde darüber häufte. Aus dem daraus geformten Hügel ragte zur Erinnerung der Mast heraus.

In der Mitte der Halle erhob sich der Skalde, und die Krieger, mittlerweile recht angeheitert, verfielen zwar nicht in Schweigen, doch immerhin kehrte genug Ruhe ein, dass die meisten im Raum ihn hören konnten. Der Skalde wandte sich an den Häuptling und deklamierte: »Hört meiner Dichtung zu, Zerstörer des dunklen Blau, ich weiß zu komponieren.« Das war ein guter Skalde, sogar ein sehr guter; man konnte an seinem Akzent hören, dass er ein Isländer war, und die Isländer waren, wie jeder wusste, die besten Skalden. Die Krieger genossen den Wohlklang der Verse, die er rezitierte: den Rhythmus, die Alliterationen, den Endreim, den unreinen Reim, die Assonanzen – allerdings verstanden sie nicht jede Strophe so ganz genau. So unnatürlich war die Wortstellung, so hoch komplex das Gewebe des Reims(1) und so weit hergeholt die dichterische Umschreibung. Dunkles Blau … was bedeutete das genau? Wunden-Schwäne? Mahlzeiten von Riesen? Doch feierten die Verse ganz eindeutig die Erfolge des Wikingerabenteuers vom letzten Sommer. Die Krieger erkannten einzelne Wörter: Franken, Feuer, Gold, Pferde, ein Rabe. Und plötzlich platzte ein Krieger heraus: »Wir haben kräftig den Raben gefüttert im Land der Franken!«, denn ihm war auf einmal aufgegangen, was die Lösung eines Teils des Rätsels in einer der Strophen war. Alle applaudierten, und der Dichter musste einen Augenblick lang verstummen. In der altnordischen Dichtung bedeutete »den (poetisch auch als Wunden-Schwan bezeichneten) Raben füttern«, den Feind zu töten, also eine Mahlzeit zu bereiten für Tiere, die sich von Aas ernähren. Es war für die betrunkenen Krieger schwierig, selbst solche Wendungen zu entschlüsseln, denn der Isländer glänzte nicht nur mit weit hergeholten Ausdrücken, sondern auch mit unnatürlichen Wortstellungen und seltenen Redewendungen. Die Eingangszeile war noch ganz einfach gewesen, denn der Skalde begann – strategisch geschickt – mit leicht verständlichen Worten. Und auch über das Ende konnte es keinen Zweifel geben, denn seine Gesten und sein Tonfall verrieten überdeutlich, dass er das Finale des großen Lobpreises des Häuptlings erreicht hatte.

Der Häuptling belohnte den Skalden mit einem goldenen Armreif, den er von seinem eigenen Arm ablöste, und er überschüttete die erwartungsvollen Männer für ihre Tapferkeit und Treue mit Armringen aus Gold und Silber, Schwertern mit reich dekorierten Knäufen, mit Kleidung, Helmen, Kettenhemden und Schilden. Selbst diejenigen, die sich erst kurz zuvor dem Häuptling angeschlossen hatten, empfingen Beweise seiner Freundschaft, überwiegend Waffen, entsprechend ihrem Ansehen und ihrer Stärke als Krieger.

Als der Abend zu Ende ging, waren alle glücklich. Sie hatten mehr als genug gegessen und getrunken, hatten gehört und wenigstens halbwegs verstanden, worüber sie sich sicher waren, dass es sich um große Dichtung handelte, und sie konnten mit ihren neuen Armringen oder Schwertern prunken, die jedermann zu verstehen gaben, dass sie die geschätzten Freunde dieses grandiosen Häuptlings waren. Diesen Winter würden viele Männer ganze Monate damit zubringen, ein neues, noch eindrucksvolleres Schiff für die Überfallsaison des nächsten Sommers zu bauen. Sklavenfrauen und Dienerinnen würden ein großes wollenes Segel spinnen und weben, eine Arbeit von Tausenden und Tausenden von Stunden, aber die Arbeit würde sich lohnen. Das neue Schiff würde nicht nur schneller vorankommen, die Größe des Segels würde auch dafür sorgen, dass der Ruf des Häuptlings diesem noch weiter vorauseilte und noch mehr Männer dazu verlockte, sich freiwillig auf die Ruderbänke zu setzen.

Natürlich konnte sich der Häuptling mit all dem Silber und Gold, das er im vergangenen Sommer zusammengerafft hatte, mit Leichtigkeit all diese Ausgaben leisten: Einiges hatte er schlicht aus Klöstern, Kirchen und Privathäusern genommen; anderes hatte man ihm gegeben als Bezahlung für das Versprechen, unglückselige Europäer in Ruhe zu lassen; wiederum anderes empfing er als Bezahlung für die Männer und Frauen, die er gefangen genommen und als Sklaven verkauft hatte. Es lief gut für diesen Häuptling, der einer Gruppe ergebener Krieger vorstand. Alle waren sie ganz versessen darauf, auszuziehen und treu für ihren Häuptling zu kämpfen – wenn es sein musste, auch für ihn zu sterben. Alle freuten sich darauf, raubschatzend durch Europa(1) zu ziehen, sobald der Frühling anbrach.

Alles fing mit den großen Festgelagen in den Hallen der norwegischen Häuptlinge an. Von hier gingen die Raubzüge der Wikinger aus: Sie wurzelten in den Treuebeziehungen und Freundschaften, die beim Essen, Trinken und Schenken entstanden. Und in den Hallen ging auch alles zu Ende – mit der Verteilung der Beute, was den Grund legte für einen neuen Kreislauf der Gewalt im folgenden Jahr. Die Männer liebten ihren großzügigen Häuptling, der für Essen und Trinken, Unterhaltung, Schmuck und Waffen sorgte. Gern revanchierten sie sich dafür mit Gefolgschaftstreue und kriegerischer Kühnheit. Obwohl die Demütigung der mächtigen Königreiche Europas(2), die Plünderung reicher klösterlicher Schatzkammern und die großen Schlachten zwischen Wikingern und Europäern die spektakulärsten und bekanntesten Ereignisse des Wikingerzeitalters darstellen, spielte sich die wahre Geschichte jener Zeit in den großen Hallen des Nordens ab. Sie waren die Brennpunkte der frühmittelalterlichen skandinavischen Geographie der Macht. Jede Halle war das Zentrum der Ehre, der Geltung, des Rufs des Häuptlings, der Fokus seiner Welt, der Ort seiner Macht.

Hrothgar(1), der legendäre König der Dänen, residierte in Heorot, einer besonders großartigen Halle – jedenfalls in der Vorstellung des im Zeitalter der Wikinger wirkenden Beowulf(1)-Dichters. Als die schwedischen Krieger des Titelhelden Beowulf sich in freundschaftlicher Absicht Heorot nähern, sind sie unendlich beeindruckt von dieser riesigen, grandiosen, in der ganzen Welt berühmten Halle. Hrothgar hatte sie bauen lassen, auf dass sein Ruhm wachsen und für immer erhalten bleiben möge. Der Dichter betont den Ruhm und die Vortrefflichkeit von Heorot, was Hrothgars Prahlen Legitimität verschafft und eine Grundlage seiner Macht bildet. Genau das wurde mit dem Bau einer Halle bezweckt – ein Bauwerk, das beeindruckte, und ein weithin gerühmter Ort, zu dem Krieger strömten, um an der Gastfreundschaft und Freigebigkeit des Häuptlings und Erbauers der Halle teilzuhaben.1

In ganz Nordeuropa ließen die Häuptlinge solche Hallen bauen. Archäologen haben die Überreste von Dutzenden gefunden, was uns Zeugnis davon gibt, wie viele Warlords im frühmittelalterlichen Skandinavien(1) nach Macht strebten. Jeder Häuptling hielt seine Halle in hohen Ehren, er ließ sie so groß und hoch wie nur irgend möglich bauen und ließ sie schmücken – vielleicht nicht immer mit Gold wie das erdichtete Heorot, aber doch zumindest mit bemalten Schnitzereien, Waffen und anderem Zierrat.

Die Hallen skandinavischer Häuptlinge sind die größten Bauwerke, die wir aus dem frühmittelalterlichen Nordeuropa kennen. Mit Ausmaßen von 48,5 mal 11,5 Metern war die Halle von Lejre(1) auf der dänischen Insel Seeland(1) von allen die größte. Abgesehen von einigen wenigen Holzüberresten am Grund einiger Pfostenlöcher und dem Abdruck des Fundaments in der dänischen Erde ist von dem Gebäude, dem ganzen Stolz seines Häuptlings, nichts erhalten geblieben. Doch reicht dieser Abdruck aus, um die Dimensionen der Halle und ihre massive Bauweise zu erschließen: Kräftige Holzbalken stützten das Dach, die Wände waren 15 Zentimeter dick und bestanden aus Planken, die man aus alten Bäumen gezimmert hatte.

Eine große Halle musste ein weiträumiges, eindrucksvolles Bauwerk sein. Archäologen kamen zu dem Schluss, dass das Dach der Halle von Lejre(2) mindestens eine Höhe von zehn Metern erreichte. Es wurde gestützt von zwei Pfostenreihen im Innern und von Pfosten in den Wänden, die durch 22 gekrümmte Planken auf jeder Seite im Abstand von 1,5 Metern verstärkt wurden. In der Mitte des Gebäudes waren zwei Dachpfostengruppen ausgelassen worden, wodurch ein großer Innenraum von rund 9,5 Quadratmetern entstand, auf dessen einer Seite sich die zentrale Feuerstelle befand.2

Dieser offene Raum war die Basis der politischen Macht des Häuptlings von Lejre(3). Sein thronartiger Stuhl – der hohe Sitz – stand hier, er war reich mit Holzschnitzereien verziert und sehr wahrscheinlich auch bemalt. Die skandinavischen Kunsthandwerker im Zeitalter der Wikinger waren Meister der Schnitzkunst. Im norwegischen Oseberg(1) in einem Grabhügel gefundene Möbelstücke weisen höchst filigran geschnitzte Drachendarstellungen mit großen, stilisierten Augen auf; die ineinandergreifenden Beine der Tiere bilden ein fein ausgearbeitetes Flechtmuster. Um den Häuptling herum konnten seine Krieger auf Bänken sitzen – der Dichter des Beowulf(2) bezeichnete sie als »Met-Bänke« – und die Gastfreundschaft ihres Anführers genießen, was sicher eine Menge Met bedeutete, aber auch erlesenere Getränke sowie Speisen und Unterhaltung. Hier war der Ort, wo sich die Überfallbanden der Wikinger erstmals als Gemeinschaften von Kriegern unter der Führung eines Häuptlings einfanden. Bande der Treue, der Kameradschaft und der Freundschaft wurden hier geknüpft, Blutsbrüderschaften begründet und Solidaritätseide geschworen. In der Methalle kamen Scharen von skandinavischen Kriegern zusammen, tranken und feierten gemeinsam und ließen es sich gut gehen. Sie waren tief beeindruckt von der Großzügigkeit und dem Reichtum des Häuptlings. Wie bei Trinkgelagen unter Männern so üblich, war am Ende das Gefühl der Solidarität untereinander und der Loyalität zu ihrem Anführer stärker als vorher.

Bei der Halle des Wikingerhäuptlings nahmen die Wikingerüberfälle auf Europa(3) ihren Ausgang. Und bei dieser Halle beginnen auch wir, das Wikingerzeitalter historisch zu erkunden. Hier kommen sämtliche Geschichtsstränge zusammen – Politik, militärische Fähigkeiten, Handel, Ackerbau, Abenteuer, Religion, Kunst, Literatur und vieles mehr –, und wir werden ihnen aus der Halle heraus in die frühmittelalterliche Welt folgen, was uns in einigen Fällen sehr weit wegtragen wird, an exotische Orte wie Choresmien(1) in Zentralasien(1) und Neufundland(1) in Amerika, nach Sevilla(1) in Südwestspanien und zum Weißen Meer am nördlichen Rand Russlands(1). Denn die Wikinger – von den Europäern als unsägliches Übel empfunden, das in Erfüllung biblischer Prophezeiungen vom Ende der Welt über sie hereingebrochen sei – waren tatsächlich tief in die Strukturen der frühmittelalterlichen europäischen Gesellschaft eingebettet.

Nach wie vor sind wir von den Wikingern und den Geschichten über ihre heldenhaften Fahrten fasziniert. Wilde Barbaren mit Hörnerhelmen, funkelnden Schwertern und scharfen Äxten, die über Lindisfarne(1), Hamburg, Paris(1), Sevilla(2), Nantes(1) und viele andere Orte herfallen, um abzuschlachten, zu plündern, zu vergewaltigen, zu vernichten, Königreiche zu stürzen und Europa(4) zu verheeren: Die Wikinger regen unsere Phantasie an. In unserer Vorstellung töten und verstümmeln sie ohne Rücksicht auf Alter, Geschlecht oder gesellschaftlichen Status. Wir sehen in ihnen supermännliche Helden, übersteigert brutale Kämpfer, gewalttätig um der Gewalt willen, Anhänger merkwürdiger heidnischer Religionen, die unter grausamsten Umständen blutige Opfer fordern. Da wir als Gesellschaft nach wie vor ein belastetes und komplexes Verhältnis zur Gewalt haben, sind wir von den Wikingern sowohl fasziniert als auch abgestoßen. Einerseits empfinden wir Mitleid mit den hilflosen Opfern und wollen von all der sinnlosen Schlachterei am liebsten nichts wissen, andererseits können wir nicht umhin, die Stärke, den Mut und die Männlichkeit der Wikinger zu bewundern.

Doch die Wikinger stehen auch für ein ganz unzweideutig positives Bild: Wir stellen sie uns gern als jugendliche, mutige Abenteurer vor, die sich der Erkundung ferner Länder verschrieben haben. Die Wikinger sind für uns begnadete, furchtlose Entdecker, die fünfhundert Jahre vor Kolumbus(1) den Atlantik überquerten. Auf der anderen Seite Europas(5) befuhren sie die Flüsse Russlands(2), entdeckten Handelsrouten über Land nach Zentralasien(2) und zum arabischen Kalifat der Abbasiden und stellten über die Seidenstraße eine Verbindung zu China(1) her. Die neuen Handelsrouten trugen dazu bei, dass sie als Händler und Kaufleute ein Vermögen machten.

Trotz ihres Hangs zur Gewalt ist der Ruf der Wikinger nach wie vor überwiegend positiv; ständig werden sie zu Werbezwecken und als Metapher in immer abenteuerlicheren Kontexten vermarktet. Mit den Wikingern zusammenhängende Markenbezeichnungen werben für Heringe, Kabeljau, Flusskreuzfahrten, Computerspiele, Kücheneinrichtungen, Heimwerkergeräte und die National Football League von Minnesota. Ein weitverbreitetes Datenübertragungssystem trägt den Namen eines berühmten Wikingerkönigs, und viele Bands – vor allem offenbar solche, die dem ein oder anderen Subgenre des Heavy Metal zuzurechnen sind – leiten ihren Namen von nordischer Kultur und Überlieferung ab. Spielfilme, Fernsehserien und Dokumentationen über Wikinger ziehen gewaltige Zuschauermengen an, und Collegekurse über Themen, die mit Wikingern zusammenhängen, stoßen bei den Studenten meist auf breitestes Interesse. Wikinger faszinieren, und sie verkaufen sich gut. Sie evozieren eine attraktive Mischung aus Männlichkeit, Stärke, Abenteuer und nordischer Herzlichkeit und Bodenständigkeit.

Aber was wissen wir eigentlich über die realen Wikinger? Wissen wir, wer sie waren, was sie taten, wofür sie standen? Unsere modernen kulturellen Konzepte erfassen lediglich einige wenige Aspekte der Wikinger, und was wir zu wissen meinen, ist verzerrt, übertrieben oder einfach ein Missverständnis. So haben beispielsweise ihre ikonischen gehörnten Helme nie existiert, jedenfalls nicht vor der Premiere von Wagners(1)Ring des Nibelungen im Jahr 1876.3 Während wir also lediglich Mythen wiederkäuen, werden einige der faszinierendsten Geschichten über die Wikinger selten oder nie erzählt.

Die Wikinger waren gewalttätig, extrem gewalttätig. Sie jagten Sklaven, sie töteten, verstümmelten und plünderten in weiten Gegenden Europas(6), auch in Skandinavien(2) selbst, und es wäre unvernünftig, ihre Blutrünstigkeit abzustreiten. Allerdings müssen wir auch den Kontext und die Ursachen für ihre Taten sehen. Hirnlose Killermaschinen waren sie sicher nicht. Das Mittelalter war insgesamt eine gewalttätige Zeit, was vor allem für die staatenlosen Gesellschaften der frühen Periode gilt. Gewalt spielte eine entscheidende Rolle in der politischen Ökonomie jener Zeit, selbst bei als zivilisiert geltenden Herrschern wie Kaiser Karl dem Großen(1) und den frühen englischen Königen, die in weitgehend gleichen, von Gewalt grundierten Zusammenhängen agierten, womöglich sogar in größerem Ausmaß als die Wikinger.4

Doch obwohl Gewalt und Krieg eine so dominante Rolle spielten, war das Zeitalter der Wikinger auch eine Phase großer kultureller, religiöser und politischer Leistungen. Intensive Kontakte zwischen Skandinavien(3) und Europa(7) ließen nicht nur den »Zorn der Nordmänner« auf die Häupter ihrer europäischen Opfer herniederdonnern, sondern bewirkten auch, dass Skandinavien in großem Ausmaß kulturellen und politischen Einflüssen aus Europa ausgesetzt wurde. Die Menschen im Norden Europas reagierten darauf auf vielfältig kreative Weise. Die Literatur erblühte, vor allem eine Dichtkunst von kaum überbietbarer Komplexität. Während des Zeitalters der Wikinger kam es in Skandinavien außerdem zu einer Blüte ornamentaler Kunst. Vieles ging zurück auf Künstler und Handwerker in reichen Handelsstädten der Region oder an den Höfen ehrgeiziger Herrscher. Einige Skandinavier jener Zeit bekehrten sich zu der neuen, modernen Religion, dem Christentum; andere setzten sich für eine Rückkehr zur alten »heidnischen« Religion ein.

Auf Ost- und Nordsee nahm der Handelsverkehr gewaltig zu, denn durch das Erstarken der Kalifenreiche in Arabien entstanden auf dem eurasischen Kontinent neue ökonomische Strukturen. Diese überwiegend von Skandinaviern und anderen Nordeuropäern gepflegten Handels- und Austauschprozesse brachten in die baltischen Regionen nicht nur ungeahnte Reichtümer – darunter gewaltige Mengen arabischer Silbermünzen, die letztlich aus den reichen Silberminen Afghanistans(1) stammten –, sondern auch alle möglichen exotischen Handelsgüter. Die Häuptlinge beeindruckten ihre Untertanen damit, dass sie Rheinwein aus ägyptischen Gläsern tranken, für ihre Schwerter den härtesten Stahl der Welt aus Zentralasien(3) und Indien(1) bezogen, chinesische Seide und indische Edelsteine trugen und diejenigen, die sie zu ihren Freunden zählten, an all diesem Reichtum Anteil haben ließen. Die Raubzüge der Wikinger waren eine weitere Quelle für ihren Reichtum. Mit ihnen kamen nicht nur westliche Münzen in den Norden – in Skandinavien(4) wurden mehr angelsächsische Pennys gefunden als auf den Britischen Inseln –, sondern auch andere Kostbarkeiten: Juwelen, Seide, Gold- und Silberschätze aus den Kirchentruhen Westeuropas.

Der Reichtum, den die Skandinavier ansammelten, wurde kreativ für die Politik der Region eingesetzt; Häuptlinge, die sich solche Reichtümer angeeignet hatten, schenkten sie weiter, um sich der Freundschaft und Treue derer zu versichern, die diese Geschenke dankbar entgegennahmen. Auf ähnliche Weise setzte man Heiratsbündnisse, Blutsbruderschaften und Patenschaften ein, um moralisch verpflichtende Treuebindungen zwischen den Kriegern und ihren Führern zu schaffen und zu stärken. Jeder Häuptling war erpicht darauf, sich das beste, mächtigste Privatheer aufzubauen. Daher gab es unter den Häuptlingen einen intensiven Wettstreit, wer der eindrucksvollste, großzügigste, eloquenteste und am besten vernetzte von ihnen war – und wer die reichsten Geschenke machen konnte. Ein solcher Konkurrenzkampf hatte auch offenen und brutalen Krieg unter rivalisierenden Häuptlingen zur Folge, ein ständig wechselndes Kaleidoskop instabiler politischer Konstellationen. Einige Häuptlinge scheiterten, andere wichen mit ihren Ambitionen in andere Regionen aus, und wiederum andere setzten sich durch und häuften immer mehr Macht an, bis sich um das Jahr 1000 aus den Turbulenzen die drei mittelalterlichen Königreiche Skandinaviens(5) herauskristallisierten.

Einige Skandinavier verließen ihre nördlichen Siedlungsgebiete und zogen nach Russland(3), Frankreich(1), England(1), Schottland und Irland(1), wobei sie nicht nur ihre ehrgeizigen Ambitionen mitbrachten, sondern auch ihre Sprache und ihre Gebräuche. Dadurch veränderten sie fundamental die Orte, an denen sie sich niederließen. Andere Skandinavier zogen nach Island(1), Grönland(1) und – wenn auch nur für kurze Zeit – nach Neufundland(2) und trugen so die nordische Kultur über den Nordatlantik. Transatlantische Migrationsbewegungen, Fernhandel und auch die Raubzüge der Wikinger wären nicht möglich gewesen ohne ihre robusten, schnellen und extrem seetüchtigen Schiffe, die zu bauen und mit effizienten Segeln auszustatten die Skandinavier unmittelbar vor dem Beginn der Wikingerära gelernt hatten. Die Nordländer waren sich durchaus darüber im Klaren, wie wichtig ihre Schiffe waren, und sie schufen um sie herum phantasievolle Ideologien und Mythologien.

Die Wikinger – das Zeitalter des Nordens widmet sich allen wichtigen Aspekten der Leistungen und Taten der Wikinger und Skandinavier vom Ende des 8. bis zum 11. Jahrhundert. Zu Beginn dieses Zeitraums erfuhren gewöhnliche Europäer zum ersten Mal mehr als verschwommene Allgemeinheiten über ihre Nachbarn im Norden. Sehr bald mussten sie erkennen, dass sie allen Grund hatten, sich vor diesen Nachbarn zu fürchten, denn die Skandinavier entdeckten, wie schnell man reich werden konnte, indem man entlang der Küsten und Flüsse auf dem Kontinent Raubzüge unternahm. Die Langschiffe der Wikinger boten einen unschätzbaren Vorteil: Man konnte mit ihnen die Opfer überraschen, denn diese konnten vor dem bevorstehenden Angriff nicht gewarnt werden. Die Völker Europas(8) waren in dieser gewalttätigen Epoche durchaus vertraut mit willkürlicher Gewalt, aber wenn der Feind über Land kam, dann verbreitete sich die Nachricht von seinem Näherrücken wenigstens sehr schnell. Die Wikinger hatten außerdem eine Vorliebe für Angriffe auf Klöster und Kirchen: Das waren »weiche«, unverteidigte Ziele, die außerdem von christlichen Truppen meistens verschont blieben. Mönche und Kleriker hatten nahezu ein Monopol auf die frühmittelalterliche Schriftkultur, weshalb die erhaltenen Chroniken und andere literarische Zeugnisse ihre Perspektive überliefern: Sie waren – verständlicherweise – gegenüber den Angreifern extrem feindselig eingestellt. Die Wikinger erwarben sich so den unvorteilhaften Ruf, »ein außerordentlich widerwärtiges Volk« und »eine schmutzige Rasse« zu sein.5

Dagegen möchte ich zeigen, dass die von ihnen ausgeübte Gewalt, sieht man sie im größeren historischen Rahmen, nicht grausamer war als die anderer Vertreter dieser wilden Zeit, in der Helden wie Karl der Große(2), der 814 starb, in sehr viel breiterem Ausmaß töteten und plünderten als die Angreifer aus dem Norden.

Im Zeitalter der Wikinger ging Skandinavien(6) einen deutlich anderen Weg als das übrige Europa(9). Bildende Kunst, Literatur und Religion entwickelten sich auf ganz eigene Weise, und die Skandinavier etablierten Handelswege, die zuvor noch nie oder jedenfalls nicht in dieser Intensität benutzt worden waren. Viele zogen fort, um in so unterschiedlichen Regionen wie Grönland(2) und dem russischen Binnenland, Ostengland und Nordfrankreich zu siedeln. Insgesamt war die Wikingerzeit eine dynamische, kreative Epoche, in der Skandinavien vor Energie strotzte. Viele nordische Männer und Frauen ergriffen bereitwillig die Möglichkeiten, die sich ihnen seit der Erfindung des Langschiffs eröffneten. Die Königreiche Europas machten diverse Perioden von Chaos und Schwäche durch, wie etwa den fränkischenBruderkrieg der Jahre 840–843 (nach dem Tod Ludwigs des Frommen(1), kurz vor der Teilung des Fränkischen Reichs im Vertrag von Verdun)6 oder die Revolte von Edmund(1), dem Sohn des englischen Königs, im Jahr 1015, was die Übergriffe der Skandinavier entschieden erleichterte. Indem sie diese Gelegenheiten nutzten, stießen die Skandinavier politischen und sozialen Wandel an, der sie auf lange Sicht in die Lage versetzte, in den Mainstream der europäischen Geschichte einzutreten. Allerdings ging das auf Kosten von einigem, was ihre Kultur so unverwechselbar machte.

In meinem vorliegenden Buch Die Wikinger – Das Zeitalter des Nordens stütze ich mich auf zahlreiche zeitgenössische Schrift-, Bild- und Materialquellen, außerdem auf die umfangreichen Forschungsergebnisse aus Geschichts- und Literaturwissenschaft, Archäologie und Nachbardisziplinen, um aus einer breiten kontextuellen Perspektive etwas von der Erregung und dem Willen zur Veränderung und Erneuerung jener schwierigen Periode einzufangen, ohne ihr destruktives Erbe zu beschönigen. Das Buch wurzelt in konkreten, lebendigen Geschichten über die Männer und Frauen, die bei der Herausbildung einer der ungewöhnlichsten und interessantesten Geschichtsepochen mitwirkten: des Zeitalters der Wikinger.

Das Wort »Wikinger« kommt in zeitgenössischen Quellen kaum einmal vor, während es in der Neuzeit zu einer ebenso allgegenwärtigen wie unscharfen Bezeichnung geworden ist. Der ursprüngliche Sinn des Ausdrucks ist unklar; es gibt zahlreiche Spekulationen über die etymologische Herkunft.7 In diesem Buch reserviere ich den Ausdruck »Wikinger« für jene Nordmänner, die im Frühmittelalter in Europa(10) kämpften und plünderten, in Übereinstimmung mit dem Gebrauch des Wortes in mittelalterlichen Texten. Ansonsten bezeichne ich die Einwohner Skandinaviens(7) als Skandinavier. Die von ihnen gesprochene Sprache ist das Altnordische, ich verwende daher teilweise auch den Ausdruck »Nordländer«.

KAPITEL 2

Gewalt in einer gewalttätigen Zeit

Auf einen Schlag schwärmten die Nordmänner von ihren Schiffen aus. Sie erklommen auf Leitern die Stadtmauern und stürmten in die Stadt hinein. Sie schlugen und schmetterten alles kurz und klein und hieben sich durch Türen und Fenster, sie plünderten, raubten und verwüsteten nach Belieben; niemand war da, um die Stadt Nantes(2) im heutigen Westfrankreich zu verteidigen. Der Ort war voller Menschen, denn es war der Johannistag, der 24. Juni, im Jahr 843. Massenhaft waren sie aus den umliegenden Dörfern, ja sogar aus entfernteren Städten gekommen, um das Fest zu begehen. Die Mönche des neun Kilometer entfernten Klosters Indre hatten als Erste bemerkt, dass sich die Wikinger näherten: Sie hatten ihre Schätze an sich gerafft und waren die Loire stromaufwärts nach Nantes geflohen, in den Schutz der Stadtmauern. Ihre Flucht war vergeblich, sie waren in Nantes nicht besser geschützt. Mönche, Priester und Laien strömten in das massivste Gebäude der Stadt, die grandiose alte, den Aposteln Petrus(1) und Paulus geweihte Kathedrale, wo Bischof Gohard(1), »ein aufrechter, von wahrer Glaubensstärke erfüllter Mann«, in dem Getümmel, so gut er konnte, Ordnung schuf. Die Menschen verbarrikadierten die Türen und warteten ängstlich ab. Sie flehten Gott um Befreiung und Erlösung an – die einzige Hoffnung, die ihnen noch blieb. Bischof Gohard führte seine Gemeinde an, mit Gebeten und liturgischen Anrufungen. Es nützte nichts.

Die Wikinger brachen die Tore auf und zerschmetterten die Fenster der Kathedrale. Wild stürmten sie durch das heilige Gebäude und schlugen jeden nieder, der sich ihnen in den Weg stellte. Sie griffen die Gemeinde an und ermordeten grausam sämtliche Priester und Gläubigen, abgesehen von denen, die sie gefangen nahmen und zu ihren Schiffen schleppten. Die Legende berichtet, Bischof Gohard(2) habe am Altar gestanden und die Messe gele-sen, als er dort am 25. Juni 843 erschlagen wurde, während er gerade das Sursum corda, den Auftakt der Eucharistiefeier, betete: »Erhebet die Herzen«. Wegen seines vorbildliches Verhalten angesichts der unmittelbar drohenden Gefahr gilt er als Märtyrer und wurde von der katholischen Kirche heiliggesprochen.

Die Wikinger töteten einige Mönche vor der Kirche, andere im Innern des Gebäudes, die meisten aber wurden wie Opfertiere auf dem heiligen Altar der Kathedrale hingemetzelt. Jedenfalls berichtete das ein Mönch aus Indre, der Zeuge des Massakers war und überlebte. Als er seine Erinnerungen Jahre später niederschrieb, konnte er sich eines Verzweiflungsausbruchs nicht erwehren: »Wer vermag all die Schmerzen und Verluste jenes Tages zu schildern? Wer kann seine Tränen zurückhalten, wenn man beschreibt, was geschah, als Kinder an der Brust ihrer Mutter Blut bekamen statt Milch, als das Blut meiner heiligen Brüder, vergossen aufgrund von feindlichen Schwertern, den Boden des Tempels tränkte, als über die heiligen Altäre das Blut der Unschuldigen floss?«

Die Wikinger erbeuteten ungeheure Mengen an Gold und Silber, darunter auch die Hostienschale der Kirche, und sie brachten ihre gesamte Beute zu ihrem Stützpunkt auf der Insel Noirmoutier(1) in der Loire-Mündung. Außerdem nahmen sie zahlreiche Gefangene mit. Einige von ihnen wurden später gegen Lösegeld freigelassen, das diejenigen bezahlten, »die das Blutbad überlebt hatten«. Wenige Tage später, am 29. Juni, griffen die Wikinger das Kloster Indre an, das sie so gründlich verwüsteten und niederbrannten, dass es nie wieder aufgebaut wurde.

Diese Geschichte vom Massaker in Nantes(3), einer großen Stadt nahe der Grenze zwischen der unabhängigen Grafschaft Bretagne und dem karolingischen Reich, stammt aus der Feder eines Augenzeugen. Seine Darstellung ist aufgrund ihres Detailreichtums einzigartig. Der Verfasser war ein Gelehrter, der in makellosem Latein schrieb, das er selbstbewusst um ungewöhnliche Wörter und rhetorische Figuren bereicherte. Wir werden sehen, dass die meisten anderen Quellen im Vergleich dazu enttäuschend vage und allgemein abgefasst sind. Dank dieses Augenzeugen können wir Fragen zum Überfall auf Nantes beantworten, die wir im Zusammenhang mit anderen Raubzügen nicht einmal ansatzweise stellen könnten.1

Wie viele Wikinger griffen Nantes(4) im Juni 843 an? Wir wissen es nicht genau. Der Augenzeuge teilt uns lediglich mit, dass es »zahlreiche« Schiffe waren – wahrscheinlich hatte er nicht die Zeit, sie zu zählen –, doch eine spätere Chronik gibt an, dass an diesem verhängnisvollen Hochsommertag 67 Wikingerschiffe die Loire hinaufsegelten oder -gerudert wurden. Solche Zahlen in mittelalterlichen Quellen müssen normalerweise eher symbolisch als faktisch verstanden werden. Aber wir dürfen sicherlich annehmen, dass es eine beträchtliche Schar von mehreren hundert Kriegern war, die über Nantes herfielen.

Der Augenzeuge von Nantes(5) teilt uns – wenn auch nicht mit vielen Worten – mit, dass die Wikinger große Opportunisten waren. Der Angriff erfolgte einen Monat, nachdem das örtliche fränkische Heer unter Graf Rainald(1) von Nantes am 24. Mai in einer Schlacht von den Bretonen unter König Erispoe(1) vernichtet worden war. Graf Rainald war vom karolingischen König offiziell damit beauftragt, diese seine Region zu verwalten und zu verteidigen. Rainald, Graf von Nantes seit 841, wurde im Lauf der Schlacht getötet. Ohne militärischen Schutz war die Stadt preisgegeben, und die Truppen vor Ort waren stark dezimiert, worauf der Augenzeuge eigens hinweist. Eindeutig wussten die Wikinger darüber Bescheid und handelten entsprechend. Aber woher wussten sie es? Der verräterische Schurke Lambert(1), Sohn eines früheren Grafen von Nantes, gegen den der Autor des Texts eine nicht näher begründete Animosität hegt, habe die Wikinger, so unterstellt der Augenzeuge, durch das gefährliche Labyrinth aus Sandbänken, Marschen und Inseln in der Loire-Mündung gelotst.

In Wahrheit hatten die Wikinger keinen fränkischen Aristokraten nötig, der ihnen verriet, dass der Graf von Nantes(6) und ein Großteil seines Heeres nicht mehr am Leben waren, die Stadt also ohne Verteidigung dastand. Zur selben Zeit, als einige Skandinavier Städte wie Nantes angriffen und plünderten, nahmen andere Skandinavier am normalen Handel und an anderen Austauschprozessen im Fränkischen Reich wie auch andernorts in Europa(11) teil. Tatsächlich waren es oft ein und dieselben Männer, die je nach sich bietender Gelegenheit entweder plünderten oder Handel trieben. Jedenfalls gelangten sie schnell in den Besitz wichtiger Informationen.

Die Wikinger wussten auch genau, zu welchem Zeitpunkt sie am besten zuschlugen. Sie ließen einen Monat nach Rainalds(2) Niederlage verstreichen, bevor sie angriffen. Dabei ging es ihnen nicht nur darum, die große Streitmacht zu sammeln, die nötig war, um ein größeres Ziel wie Nantes(7) anzugreifen; die Wikinger reisten im frühen 9. Jahrhundert in kleineren Verbänden von einem oder nur wenigen Schiffen, die, wenn sich eine gute Gelegenheit wie ein Angriff auf eine nicht verteidigte Stadt bot, sich für solche größeren Unternehmungen mit anderen zusammentaten. Doch die Wikinger wollten ganz offensichtlich auch an einem wichtigen christlichen Feiertag angreifen, in diesem Fall dem Johannistag, denn dann, das wussten sie, würden sich viele kostbar gekleidete und geschmückte Menschen in den großen Kirchen der Stadt versammeln. Die Beute würde also größer sein, sowohl an Gold und Silber als auch an Gefangenen, die man entweder gegen Lösegeld freilassen oder als Sklaven verkaufen konnte. Außerdem war mehr Beute an wenigen Plätzen konzentriert.

Der Zeuge von Nantes(8) vermittelt uns den Eindruck, dass die Wikinger plötzlich und unvermittelt angriffen. Gerade war noch alles friedlich, und dann, aus heiterem Himmel, wimmelte es überall von Wikingern. Nicht dass die Bürger von Nantes nicht an kriegerische Zustände gewöhnt gewesen wären: Die Bretagne, damals noch ein unabhängiges Herzogtum, lag ganz in der Nähe, und Grenzscharmützel waren an der Tagesordnung. Und was noch schwerer wog: In den drei Jahren zuvor war das Fränkische Reich durch einen äußerst blutigen Bruderkrieg zerrissen worden, in dem die drei überlebenden Söhne König Ludwigs des Frommen(2) (gest. 840) um die Aufteilung des Reichs gekämpft hatten. Der entscheidende Unterschied bei den Überfällen der Wikinger lag in der Geschwindigkeit: Sie tauchten auf, als kämen sie aus dem Nichts, obwohl sie in Wirklichkeit einfach nur auf ihren schnellen Schiffen vom Meer her kamen. Die karolingischen Truppen im Bürgerkrieg und die Truppen der Bretonen dagegen bewegten sich so schwerfällig über Land, dass Zivilisten noch rechtzeitig alarmiert werden konnten, um sich selbst und ihre Besitztümer vor dem anrückenden Heer verstecken und in Sicherheit bringen zu können. Die Wikinger erschienen gänzlich unangekündigt. Viele Zeitgenossen erwähnten im Zusammenhang mit den Taktiken der Wikinger diese Besonderheit. So vermerkte etwa der Chronist Prudentius(1) von Troyes für das Jahr 837, dass »die Nordmänner dieses Mal mit ihrer üblichen Überraschungstaktik über Friesland(1) herfielen«.2 Das Schlüsselwort hier ist »üblich«; Prudentius wusste, dass die bevorzugte Angriffsmethode der Wikinger der Überraschungscoup war.

Allmählich beginnen sich die Muster der Wikingertaktiken abzuzeichnen – zum einen aufgrund des Augenzeugenberichts über Nantes(9). Doch werden diese Muster durch andere Quellen bestätigt: Die Wikinger griffen bevorzugt aus heiterem Himmel und ohne Vorwarnung an, und zwar dann, wenn sie wussten, dass in der Nähe keine organisierten Streitkräfte bereitstanden, die sich hätten widersetzen können, und wenn darüber hinaus reiche Beute zu erwarten war. Um unter solchen Umständen erfolgreich zu sein, bedurfte es keiner spezifischen Blutrünstigkeit, keiner hoch entwickelten Waffen, auch keines kämpferischen Geschicks. Wir werden noch sehen, dass die Wikinger trotz ihres Rufs zumindest zu Beginn keine virtuosen Kämpfer waren.

Was wollten die Wikinger in Nantes(10)? Liest man, was Prudentius(2) in seiner Chronik überliefert, oder vor allem den Augenzeugenbericht, dann drängt sich primär der Eindruck auf, dass die Wikinger manische Mörder waren, die aus Spaß am Töten Menschen umbrachten. Der Zeuge zieht sämtliche rhetorische Register, um so lebhaft wie möglich das Bild einer Kathedrale zu evozieren, die durch die frevelhaften Taten eines teuflischen Volks in Blut getaucht wurde, eines Volks, das Mönche auf dieselbe Weise auf Altären opferte, wie dies in alten Zeiten die Heiden mit Tieren gemacht hatten.

Natürlich war aus der Perspektive der Opfer der Verlust an Leben schockierend, traumatisch und verheerend. Deshalb betonten die Quellen häufig, dass die Wikinger nicht nur töteten, sondern dies auch in gewaltigem Ausmaß taten. Wenn wir die Quellen etwas genauer anschauen, ergibt sich allerdings ein etwas plausibleres Bild. An einer Stelle spricht der Zeuge von Nantes(11) davon, dass »die Heiden die gesamte Menge von Priestern, Klerikern und Laien niedermähten«, doch fügt er sogleich hinzu: »außer denen«, die in Gefangenschaft abgeführt wurden. Ein paar Zeilen weiter stellen wir dann fest, dass auch in Nantes noch Menschen gelebt haben mussten, die weder getötet noch gefangen genommen worden waren, denn »viele von denen, die das Massaker überlebt hatten«, zahlten Lösegeld für die Gefangenen. Wir sehen also: Der Autor verfällt der rhetorischen Versuchung zu sagen, die Wikinger seien so böse gewesen, dass sie in ihrer unstillbaren Blutrünstigkeit alle und jeden umbrachten, um dann jedoch zugeben zu müssen, dass es sich in Wahrheit nicht ganz so verhielt. Natürlich kann man nachvollziehen, dass jeder, der den abgrundtiefen Schrecken eines Wikingerüberfalls miterlebt hat, die Angreifer als Killermaschinen darzustellen versucht ist, und dass all diejenigen, die tatsächlich getötet wurden, in seinem Gedächtnis einen besonderen Platz einnehmen. Doch dürfen wir daraus nicht den Schluss ziehen, dass es den Wikingern primär ums Töten ging.

Das sollten wir uns klar vor Augen halten, wenn wir andere, weniger ausgeklügelte Quellen zur Kenntnis nehmen, die über die Taten und Untaten der Wikinger berichten. Quellen aus dem Zeitalter der Wikinger sind voller gewalttätiger Wikinger und abscheulicher Verwüstungen, die sie anrichteten. Die umfangreichen Jahresverzeichnisse (abgefasst in Altirisch, Altenglisch und Mittellatein) aktueller Ereignisse, die an vielen Königshöfen, in zahlreichen Klöstern und anderen kirchlichen Einrichtungen angelegt wurden – Werke, die moderne Historiker unter den Titeln Angelsächsische Chronik, Annalen von St. Bertin, Annalen von Ulster und ähnlich zweckdienlichen Bezeichnungen kennen –, betäuben das Aufnahmevermögen ihrer Leser mit den sich ständig wiederholenden Beschreibungen von Angriffen der Wikinger. Die Lektüre kann recht dröge werden, nicht nur aufgrund der jährlichen Wiederkehr des Gleichen, sondern weil die Darstellungen der Wikinger auch alle so ähnlich sind, so stereotyp und, was am frustrierendsten ist, so völlig bar jeglicher Details.

In den Annalen, die der Kleriker Prudentius(3) halboffiziell im Palast Kaiser Ludwigs des Frommen(3) in Aachen(1) verfasste und die er privat nach dem Tod des Kaisers im Jahr 840 weiterführte, wird die Plünderung von Nantes(12) mit einem einzigen Satz abgehandelt: »Piraten aus dem Norden griffen Nantes an, erschlugen den Bischof und viele Kirchenmänner und Laien beiderlei Geschlechts und plünderten die Stadt.«3 Über diesen einen Überfall wissen wir nun allerdings sehr viel mehr, dank des Berichts des Augenzeugen, der zufällig ebenfalls überlebt hat.

Doch bei den meisten Beschreibungen von Wikingerüberfällen geht die Genauigkeit der Schilderung nicht über das hinaus, was Prudentius(4) bietet: Die Wikinger tauchen auf, plündern, bringen viele, wenn nicht alle um, darunter auch diese und jene wichtige Persönlichkeit. So überliefert uns etwa 864 Erzbischof Hinkmar(1) von Reims(2), seines Zeichens ebenfalls Chronist: »Die Nordmänner kamen nach Clermont, wo sie Stefan(1), den Sohn Hugos(1), töteten und einige seiner Männer, dann kehrten sie ungestraft wieder zu ihren Schiffen zurück.« 836 schreibt Prudentius über Wikingerangriffe: »Die Nordmänner verwüsteten erneut Dorestad(1) und Friesland(2).« Ein Geschichtsschreiber vermerkt in seiner altirischen Chronik, dass 844 »Dún Masc von den Heiden [Wikingern] geplündert wurde, und dort wurden getötet Aed(1), der Sohn von Dub da Crich(1), Abt von Tír dá Glas, und Cluain Eidnig(1), Ceithernach(1), Sohn von Cú Cínaisc(1), Prior von Cell Dara, und viele andere.« 844 heißt es bei Prudentius: »Die Nordmänner segelten die Garonne hinauf bis Toulouse(1), überall richteten sie Zerstörung an, nirgends trafen sie auf Widerstand.« Aus dem Jahr 873 erfahren wir: »Die Nordmänner haben sich nun schon seit einiger Zeit, nachdem sie mehrere Städte verwüstet, Festungen geschleift, Kirchen und Klöster niedergebrannt und Ackerland in Wüste verwandelt haben, in Angers niedergelassen.« Ein angelsächsischer Autor berichtet aus dem Jahr 943: »[Der Wikinger] Olaf(1) zerstörte hier Tamworth(1), und auf beiden Seiten kamen in der Schlacht viele um, und die Dänen errangen den Sieg und nahmen viel Kriegsbeute mit sich. Wulfrun(1) [eine adlige Dame aus Mercia(1)] wurde im Zuge des Überfalls gefangen genommen.«4

Die Wikinger »verwüsteten«, »plünderten«, »metzelten«, »verheerten«, »richteten Unheil an« und »vernichteten«. Die Autoren von Annalen und Chroniken waren geübte Stilisten, sie kannten terminologische Variationen, was uns aber den Details keinen Millimeter näherbringt. Wie wurde der Abt von Tír dá Glas getötet, und in welcher Situation? Half er, mit dem Schwert in der Hand sein Kloster zu verteidigen, oder las er in der Klosterkirche die Messe, als ihn die Wikingerbande ohne jegliche Ehrfurcht vor dem Christentum einfach umbrachte (ähnlich wie Bischof Gohard(3) in Nantes(13))? Wurde er von einer Axt getroffen, von einem Speer oder einem Schwert in der Hitze des Kampfes, oder wurde er gefangen genommen und später umgebracht, als das geforderte Lösegeld nicht gezahlt wurde? Keiner gibt uns darüber Aufschluss. Ein Verfasser der Angelsächsischen Chronik berichtet, die Wikinger hätten im Jahr 994 »unbeschreiblichen Schaden angerichtet«, doch der neugierige moderne Leser wird allein gelassen mit der Frage, was genau die Wikinger damals taten oder ob sie 994 noch verheerender auftraten als bei ihren anderen Überfällen. Oder vielleicht kam es nur gerade diesem einen Chronisten so vor, weil er zuvor nur wenige Erfahrungen mit Wikingern gemacht hatte. Wenn die Quellen beispielsweise von der »Abschlachtung von Menschen« sprechen, wie sie es häufig tun, meinen sie dann, dass die Wikinger jedermann (oder jeden Mann?) töteten, den sie antrafen, wenn sie von Haus zu Haus rannten, oder dass die Wikinger offene Schlachten gewannen und jeden Kämpfer auf der gegnerischen Seite töteten? Die Quellen sagen nicht viel, sie lassen viel Raum für unsere Phantasie, bieten dabei aber nur wenige konkrete Details, mit denen sich die Gewalttätigkeit der Wikinger rekonstruieren ließe.

Wenn wir wissen wollen, wie oder warum die Wikinger kämpften, welche Taktiken sie einsetzten, helfen uns solche Quellen nicht sehr viel weiter. Und auch fränkische Gottesdienstbücher, in denen die Art von Gebeten enthalten ist, die Christen verwendeten, wenn sie befürchten mussten, die nächsten Opfer der Wikinger zu werden, sind keine Hilfe: »Rette uns, Herr, vor den wilden Nordmännern, die unser Land verwüsten. Sie erwürgen viele alte und junge Menschen und zarte Knaben. Erlöse uns von allem Bösen.«5

Das mittelalterliche und moderne Wikingerbild ist außerdem stark geprägt von der religiösen Perspektive und der theologischen Ausbildung der Menschen, die die erhaltenen Quellen verfassten: Das waren fast durchgehend Mönche, Priester oder Bischöfe. Wir sehen das bereits an der Reaktion, die der erste bekannt gewordene Wikingerraubzug gegen ein Kloster bei dem Theologen Alkuin(1) (gest. 804) auslöste. Im Jahr 793 plünderte eine Wikingerbande das Inselkloster Lindisfarne(2) im nordöstlichen England(2). Lindisfarne(3) war ein bedeutendes christliches Zentrum in Northumberland(1), einem der Königreiche des frühmittelalterlichen England. Alkuin, der im freiwilligen Exil bei König Karl dem Großen(3) im Fränkischen Reich lebte, schrieb ein Gedicht und eine Reihe tröstender Briefe an englische Bekannte; er selbst war Engländer und hatte zahlreiche Verbindungen nach England. In seiner Klage über »die tragischen Leiden« der Klostergemeinschaft bediente er sich ausgesuchter Wendungen, die normalerweise im Zusammenhang mit der Endzeit benutzt wurden. »Ist das der Beginn des großen Leidens [das nach christlichem Glauben vor dem Ende der Welt eintreten wird] oder die Folge der Sünden derjenigen, die dort [in Lindisfarne(4)] leben?« Alkuin war der Meinung, der Überfall der Wikinger müsse entweder eschatologisch oder moralisch interpretiert werden oder am besten mit einer Kombination aus beidem. In jedem Fall aber »geschah es nicht zufällig«.6

Auch in den Annalen und Chroniken stoßen wir auf diese theologische Ausrichtung. So bezeichnen etwa die Verfasser der Angelsächsischen Chronik die Wikinger als »die Heiden«. Eine Quelle, die detailliertere Einblicke in die Vorgehensweise der Wikinger bietet, obwohl die Geschichte in religiöser Terminologie verfasst wurde, ist die Überführung von St.-Germain von Paris(2), in der Ereignisse geschildert werden, die sich im Zusammenhang mit dem Wikingerangriff auf Paris zutrugen. »Überführung« (translatio) bezeichnet die Verlegung heiliger Reliquien von einem Ort zu einem anderen. Der Autor nennt seinen Namen nicht, doch war er sicher Mönch des direkt vor der Stadt liegenden Klosters St.-Germain-des-Près. Er schrieb ein einfaches, direktes Latein, ohne die ausgefeilten rhetorischen Verzierungen eines Intellektuellen wie Alkuin(2) oder des Augenzeugen von Nantes(14). Der Hauptteil des Texts befasst sich mit den Wundern, die der Patron seines Klosters, der heilige Germanus(1), vollbrachte, dessen Leichnam normalerweise in der Klosterkirche ruhte, jedoch aufgrund der Nachricht vom Auftauchen der Wikinger weiter landeinwärts verbracht wurde. Die Reliquien einer Kirche galten als deren wertvollster Besitz, und sie waren außerdem, wenn sie von einem bedeutenden Heiligen stammten, eine Quelle göttlicher Kraft.

In diesem Fall sorgte Germanus(3) dafür, dass mehrere Wikin-ger, die »in ihrer Anmaßung plünderten und Gott lästerten«, furchtbar krank wurden, und der Heilige wirkte noch weitere Wunder, die detailliert beschrieben werden. So brach etwa ein vor lauter Hochmut aufgeblasener Nordmann mit gezogenem Schwert in das Kloster ein und begann auf eine Marmorsäule einzuschlagen – dreißig Hiebe versetzte er ihr. Das Ziel des Nordmanns bleibt unklar. Vielleicht wollte der Verfasser die Irrationalität dieses Wikingers zeigen, der aktiv die Zerstörung seiner eigenen Waffe herbeiführte. »Durch die Kraft des Herrn Germanus(2)« verdorrte der rechte Arm des törichten Wikingers und war für den Rest seines Lebens unbrauchbar.

Abb. 2: Kloster Lindisfarne(5) war im Jahr 793 Ziel eines berühmt-berüchtigten Überfalls der Wikinger. Die Gemeinschaft der Mönche floh damals auf der Suche nach einer sichereren Umgebung ins Landesinnere. Im 11. Jahrhundert wurde die monastische Kultur in Lindisfarne(6) wiederbelebt, im 16. Jahrhundert wurden die Mönche erneut verdrängt, und die Gebäude verfielen. Zeichnung und Aquarell von Thomas Girtin, St. Cuthbert(1)’s Holy Island(2)(1797).

Was der Autor eigentlich erzählen will, sind die Wundertaten des Heiligen, doch indem er diese preist, verrät er auch Einzelheiten über die Beweggründe der Wikinger. Ohne auf Widerstand zu stoßen, waren die Wikinger mit ihren Schiffen die Seine hinaufgefahren. In Rouen(1), der ersten größeren Stadt, »machten sie, was sie wollten, sie ergriffen und töteten Menschen beiderlei Geschlechts, verheerten Klöster, plünderten Kirchen und brannten sie nieder«. Ein Stück weiter den Fluss hinauf trafen die Wikinger auf König Karl den Kahlen(1) und das fränkische Heer, das in zwei Trupps aufgeteilt worden war. Von dem einen nahmen die Wikinger 111 Männer gefangen und erhängten sie vor den Augen der zweiten Abteilung, offenbar auf der anderen Seite des Flusses oder auf einer Insel. Und sie »beleidigten den König und lachten ihn aus und mit ihm auch seine Generäle und alles christliche Volk, das dort stand«. Dieses entsetzliche Schauspiel hatte den gewünschten Effekt auf die Moral des fränkischen Heers: Der Autor konsta-tiert, dass viele fränkische Soldaten desertierten, sie flohen, »einige durch die Täler, andere über die Ebene, wieder andere durch dichte Wälder …, was ich nicht schreiben kann, ohne dass mir die Trä-nen kommen«. Was den Mönch besonders bestürzt – so sehr, dass er weinen muss –, ist der Umstand, dass die fränkische Armee gut ausgerüstet war, »sie verfügten über Helme, Rüstungen, Schilde und Lanzen«, wohingegen die Männer, vor denen sie Reißaus nahmen, vergleichsweise »unausgerüstet« waren »und fast unbewaffnet, und es waren nur sehr wenige«.7

Damit teilt uns der Mönch von St.-Germain zwei Dinge von besonderem Interesse mit. Erstens erfahren wir, dass die Wikinger nicht abgeneigt waren, zur Demoralisierung ihrer Gegner mit psychologischer Kriegsführung zu arbeiten. Ebenso wie die Mongolen in der späteren Geschichte Europas(12) kultivierten sie ihr Image grausamer Wildheit, das ihnen bei der Verfolgung ihrer Ziele nur nützen konnte.8 Zweitens waren die Wikinger im Vergleich mit dem professionell ausgestatteten fränkischen Heer nur dürftig bewaffnet und kaum durch eine Rüstung geschützt. Das sollte sich im weiteren Verlauf des Wikingerzeitalters ändern, doch in dieser relativ frühen Periode waren die Wikinger eher Amateur- als Profikämpfer.

Und wie kämpften die Wikinger in Wirklichkeit? Die aufschlussreichsten Hinweise liefern die Grabbeigaben von Wikingerkriegern, die mit ihren Waffen bestattet wurden. Skandinavische Archäologen fanden zahlreiche Waffen – Schwerter, Äxte, Speere und Pfeile – in Grabstätten der damaligen Zeit.

Im Zeitalter der Wikinger wurde keine Waffe mit den kämpfenden Nordmännern so eng assoziiert wie die Axt, wobei sie vor dieser Epoche in Skandinavien(8) eine eher ungewöhnliche Waffe gewesen war. Viele Skandinavier dienten dem byzantinischen Kaiser als Söldner, und diese »Waräger« bezeichnete man in Konstantinopel(1) als »die axttragenden Barbaren«. Sie waren die zuverlässigen, fraglos treuen Elitesoldaten im byzantinischen Heer, und die Kaiser pflegten sie bei besonders schwierigen Aufgaben einzusetzen. Einige Mitglieder der Warägerwache überlebten ihren Dienst und kehrten in ihre Heimat Skandinavien zurück, wo einige von ihnen Runensteine aufstellen ließen, auf denen ihre Großtaten rühmend festgehalten wurden. So ließ beispielsweise der schwedische Krieger Ragnvald(1) in Erinnerung an seine Mutter, Fastvi Onämnsdotter(1), einen gewaltigen Felsblock im südöstlichen Uppland(1) aufstellen, auf dem jedem, der Runen lesen konnte, mitgeteilt wurde, dass er »in Griechenland gewesen war [als] Anführer des Gefolges«.9 Mit anderen Worten: Er hatte die Warägergarde des Byzantinischen Reichs befehligt, das die Skandinavier zur Zeit der Wikinger »Griechenland« nannten. Ein anderer Mann – anonym, denn eine Beschädigung seines Runensteins macht seinen Namen unleserlich – »fiel in Griechenland«, er war also vielleicht ein weniger erfolgreiches Mitglied derselben Elitegarde.10

Abb. 3: Äxte und Speere waren im Vergleich mit Schwertern weniger prestigeträchtige Waffen, doch die Wikinger und andere mittelalterliche Krieger wussten sie gekonnt einzusetzen. (2)

Warägerwachen wie Ragnvald(2) waren auch darin geschult, zusätzlich zu anderen Waffen im Kampf auch die Axt zu benutzen. Skandinavische Schlachtaxten waren großartige, leistungsfähige Waffen, die gewaltigen Schaden anrichten konnten. In seinem Preisgedicht beschreibt der nordische Dichter Arnorr(1) seinen Herrn, König Magnus(1) von Norwegen und Dänemark(1), wie er in einer Schlacht an der Südgrenze von Dänemark seine Axt schwingt: »Der nimmermüde Herrscher stürmte voran mit breiter Axt … der Fürst schloss beide Hände um ihren Schaft. … Hel(1) [so hieß die Axt] spaltete bleiche Schädel.«11 »Hel«, der Name der Axt von König Magnus, ist auch der Name der nordischen Göttin des Todes. Arnorr und Magnus, beide Christen, dürften den Namen mit »hell« – »Hölle« – assoziiert haben, wahrscheinlich eine passende Bezeichnung für eine derart höllisch effiziente Waffe. König Magnus hatte sie späteren Angaben zufolge von seinem Vater geerbt, dem norwegischen Nationalheiligen Olav Haraldsson(1). Hel ist genau die Axt, die im norwegischen Wappen verewigt ist.

Skandinavier benutzten im Kampf verschiedene Arten von Äxten, die Krieger zogen allerdings die Breitaxt vor, eine schreckliche Waffe mit breiter Schneide und einem dünnen Blatt. Eine solche Axt wog ungefähr ein Pfund, die Schneide konnte bis zu dreißig Zentimeter lang sein. Sie wurde mit einem Wetzstein geschärft, der zur Grundausstattung eines skandinavischen Kämpfers gehörte. In den Händen eines gut trainierten Kriegers konnte eine Breitaxt Kettenhemden, ja sogar Helme durchschlagen. Arnorr(2) bediente sich also nicht unbedingt poetischer Übertreibung, als er davon sprach, dass König Magnus(2) mit seiner Axt Köpfe spaltete wie Brennholz. Die nordischen Dichter bezeichneten die Schneide von Äxten als »gähnenden Eisenmund«, der sich drohend »gegen den Feind öffnet« oder ihm tödliche Küsse gibt. König Harald III. der Harte(1) (Hardråde; gest. 1066) soll eine Strophe gedichtet haben, in der er ausdrückte, er könne nicht König von Norwegen bleiben, wenn nicht sein größter Gegner Einar(1) »den dünnen Mund der Axt küsst«.12 Einige Zeit später wurde Einar(2) tatsächlich von den Männern des Königs getötet, doch wird in keiner Quelle erwähnt, ob tatsächlich eine Axt seinem Leben ein Ende machte.

Nicht nur die scharfe Klinge einer Axt, sondern auch ihr Schaft konnte eingesetzt werden, um einen Feind zu verletzen oder zu töten. 1012 versuchten betrunkene Wikinger, den Erzbischof von Canterbury(1), Alfheah, den sie gefangen genommen hatten, dazu zu überreden, dass er sich mit Gold und Silber aus dem Schatz seiner und anderer Kirchen auslösen lasse. Erst bewarfen sie ihn mit Tierknochen, dann »schlug ihm einer mit dem Schaft einer Axt auf den Kopf«. Dadurch wurde der Erzbischof getötet, der sich damit die Märtyrerkrone verdiente und bald als St. Alphege verehrt wurde. Noch heute ist er Namenspatron mehrerer englischer Kirchen.13

Die Skandinavier des Frühmittelalters kämpften auch mit anderen Waffen, nicht nur mit der Streitaxt. Bei der archäologischen Untersuchung von Kriegergräbern des Wikingerzeitalters kam eine erstaunliche Vielfalt an Waffen zutage. Üblich waren Speere, Bogen und Schwerter, und das sind auch die Waffen, die in der detailfreudigsten zeitgenössischen Schlachtendarstellung erwähnt werden, dem altenglischen Gedicht The Battle of Maldon(1). Die Angelsächsische Chronik vermerkt zu diesem Ereignis des Jahres 994 lediglich kurz und nüchtern, dass »Ealdorman Byrhtnoth(1) in Maldon [in Essex(1) an der Ostküste von England(3)] getötet wurde«. Das Gedicht hingegen feiert ausführlich Byrhtnoths Heldentum und seine Unerschütterlichkeit im Angesicht der Niederlage, und es liefert Details zum Verlauf der Schlacht (oder jedenfalls dazu, wie sich der Dichter diesen Verlauf vorstellte). Speere wurden geworfen, Pfeile abgeschossen, und die Krieger kämpften mit Schwertern. Äxte erwähnt der Dichter nicht, wahrscheinlich weil er sich auf die repräsentativeren Waffen konzentriert: Schwerter und Speere.

»Die Wikinger griffen als Erste an. Nach ihrem Schlachtruf

schleuderten sie … aus ihren Händen den gehärteten Speer

und ließen die scharfen Lanzen fliegen.«

Die Wikinger ließen faktisch in Maldon(2) wieder aufleben, was sie für die erste Schlacht überhaupt hielten. Diese begann damit, dass Odin(1), der Kriegsgott par excellence, »einen Speer schoss, ihn über die Mannen schleuderte; das war die erste Schlacht der Welt«, so das altskandinavische Gedicht Völuspá.14 Oder man sollte vielleicht genauer sagen, dass der Erzähler der Völuspá die legendäre erste Schlacht so beschreibt, dass sie anfängt, wie Schlachten normalerweise anfangen, darunter eben auch die Schlacht von Maldon.

The Battle of Maldon(3) geht dann weiter mit den Worten:

»Geschäftig waren Bogen – Schilde empfingen Pfeilspitzen.

Bitter war das Kampfgetümmel – Krieger fielen.

Sogar Byrhtnoths(2) Gefolgsmann, der Sohn seiner Schwester,

er wurde mit Schwertern niedergeschlagen.

Den Wikingern wurde Vergeltung zuteil.

Ich habe gehört, dass Edward(1) einen

kühn mit seinem Schwert erschlug und nicht seine Wucht zurückhielt,

sodass ein todgeweihter Krieger zu seinen Füßen zusammenbrach.

Dann schickte ein See-Krieger [Wikinger] einen südlichen Speer,

und der Kriegsherr [Byrhtnoth(3)] wurde verwundet;

er stieß dann so mit seinem Schild zu, dass der Schaft zersplitterte

Wütend war dieser Krieger [Byrhtnoth(4)]. Zornig stieß er

den stolzen Wikinger, der ihn verwundet hatte.

Klug war der Krieger: Er ließ seinen Speer vordringen

durch den Hals des Jungen, seine Hand führte ihn,

sodass er das Leben des plötzlichen Angreifers auslöschte.

Dann schleuderte er einen weiteren,

sodass die Brünne [mittelalterliche Körperpanzerung – d. Ü.] durchschlagen wurde; er wurde in der Brust verwundet

durch das Kettenhemd hindurch; in seinem Herzen

stand die vergiftete Spitze still. Der Jarl hatte mehr Kampfglück.

Dann ließ einer der Krieger einen Hand-Pfeil [Speer]

aus seiner Hand fliegen, sodass dieser

den edlen Dienstmann Ethelreds [Byrhtnoth(5)] verletzte.

Der an seiner Seite stand, ein noch nicht erwachsener Junge,

ein junger Mann, auf dem Schlachtfeld, Wulfstans Kind Wulfmer(1) der Junge,

der zog sehr kühn dem Mann [Byrhtnoth(6)] den blutigen Speer heraus,

und danach ließ er ihn, den gehärteten, zurückfliegen.

Die Spitze drang ein, sodass er zu Boden fiel,

er, der seinen Herrn [Byrhtnoth(7)] so furchtbar verwundet hatte.«15

Bislang kamen in der Schlacht(4) vor allem Wurfgeschosse zum Einsatz, die aus einer gewissen Distanz geschleudert wurden, wahrscheinlich zwischen zwei Heeren, die in Schlachtformation aufgestellt waren. Die Speere werden hin und her geworfen. Das betont der Dichter, als er die Reaktionen der Engländer auf die Aggression der Eindringlinge schildert.

Abb. 4: Das altenglische Epos The Battle of Maldon(5) erwähnt Speere mit scharfen Spitzen, die während einer Schlacht im Jahr 991 zwischen Wikingern und Angelsachsen hin und her geschleudert werden. (3)

Ein Wikinger schleudert einen »südlichen« Speer auf Byrhtnoth(8). Indem er den Speer als »südlich« bezeichnet, bringt der Autor wahrscheinlich zum Ausdruck, dass es ein Speer aus dem Waffenbestand der Engländer war, der zuvor bereits auf die Nordmänner geworfen worden war, und einer von diesen schleuderte ihn jetzt zurück. Diese Praxis war in vormodernen Schlachten durchaus üblich.16 Das versetzt den Jarl in Wut, und er wirft ihn seinerseits wieder zurück. Da er ein kluger und erfahrener Krieger ist, zielt er so gut, dass er einen Wikinger am Genick oberhalb des Kettenhemdes trifft, wodurch dieser getötet wird. Ein zweiter Speer wird mit solcher Kraft geschleudert, dass er das Kettenhemd des Wikingers durchdringt und ihn ins Herz trifft. Dann aber schleudert ein anderer Wikinger einen Speer auf Byrhtnoth und verwundet ihn schwer, doch ein junger Mann, offenbar ein noch eher unerfahrener Krieger, zieht den Speer heraus und schleudert ihn zurück, womit er den Mann, der Byrhtnoth verletzt hatte, zu Boden streckt. Der Autor stellt den Kampf also als eine Reihe von Reaktionen und Gegenreaktionen auf vorhergehende Aktionen dar, wobei sich die Situation zusehends zuspitzt.

Byrhtnoth(9) scheint außer Gefecht gesetzt zu sein, und einer der Wikinger kommt näher, um ihn auszuplündern: »Er war auf Reichtum aus, auf sein Gewand und seine Ringe und sein herrliches Schwert.«17 Das markiert den Beginn der Kämpfe Mann gegen Mann, wenn die Schlachtlinien aufbrechen und die Kämpfer sich Einzelgefechte liefern. Hier hatten die Krieger die Chance, Trophäen zu erringen. Als Anführer der Engländer hatte der Jarl sicher die kostbarste und prunkvollste Ausrüstung. Zuvor schon erwähnte der Autor, dass sein Schwert mit einem goldenen Griff versehen war. Aber Byrhtnoth ist noch nicht besiegt, und er zieht sein Schwert, »breit und mit funkelnder Klinge«, und schlägt nach dem Kettenhemd des beutegierigen Wikingers. Dieser jedoch verhindert den Schlag, indem er ihn am Arm verletzt. Nun bricht Byrhtnoth zusammen; er fällt und betet zu Gott, dieser möge seiner Seele einen leichten Übergang gewähren und höllischen Feinden nicht erlauben, ihn zu verletzen. Und »dann fällten ihn die heidnischen Schurken«. Das hier benutzte Verb, das auch zur Beschreibung des Baumfällens verwendet wird, lässt an eine Axt denken, allerdings erwähnt der Autor diese Waffe nicht explizit. Und er erzielt einen wirkungsvollen Kontrast zwischen Byrhtnoths frommem Wunsch, seine Seele möge vor dem Teufel bewahrt werden, und seiner Unfähigkeit, seinen Leib vor weltlichen (aber heidnischen, sprich teuflischen) Feinden (den Wikingern) zu schützen.

In diesem Teil des Gedichts beschreibt der Autor einen Nahkampf, in dem ein Schwert und möglicherweise auch noch andere geeignete Waffen zum Einsatz kamen. Das unmittelbare taktische Ziel des Wikingers, der Byrhtnoth(10) angriff, bestand darin, dessen Arm zu verwunden und ihn so der Möglichkeit zu berauben, sich zu verteidigen. Wir können diese Vorgehensweise damit vergleichen, was wir über den Tod eines anderen Kriegerhäuptlings wissen, eines Norwegers, der um das Jahr 900 getötet wurde. 1880 stießen Archäologen im norwegischen Gokstad(1)(1)