Die Zukunft der Immobilienwirtschaft - Sabine Eckhardt - E-Book

Die Zukunft der Immobilienwirtschaft E-Book

Sabine Eckhardt

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Beschreibung

Seit März 2020 bestimmt die Corona-Pandemie einen großen Teil unseres täglichen Lebens. Sie zeigt sich nicht nur als allumfassendes globales Geschehen, vielmehr treten in ihr die Grundstrukturen unseres Verhältnisses zueinander und zur Welt neu hervor. Daraus entstehen aktuell Dynamiken, die alle Lebens- und Arbeitsbereiche erfasst. Neue Wirklichkeitsaspekte sind Anlass, die Zukunft der Immobilienbranche in den Blick zu nehmen. Das New Normal legt die Notwendigkeiten für Veränderung wie unter einem Brennglas frei. Die Auswirkungen sind für Eigentümer und Investoren weitreichend. Heute muss in der Planung und Entstehung eine höhere Flexibilität eingearbeitet werden. Flächen müssen schnell und kostengünstig umgewidmet werden können. Die Möglichkeiten einer variablen Verwendung dienen nicht nur der Risikoreduzierung für Eigentümer, sondern trägt auch zur Wiederbelebung der Innenstädte bei, die nach Ladenschluss ausgestorben sind. Ausgangspunkt für das vorliegende Kompendium ist die im Frühjahr 2021 in Frankfurt gegründete Initiative Future Initiative Real Estate Society (Finreso). Ihr Ziel ist es, dazu Impulse zu geben, Vergangenheit und Gegenwart der Immobilienwelt in ihrer Wechselwirkung mit Gesellschaft und Wirtschaft zu verstehen und daraus Konzepte für die Zukunft abzuleiten und umzusetzen. Der vorliegende erste Band der die Initiative begleitenden Buchreihe deckt das Spektrum grundlegender Themen programmatisch ab. Experten verschiedener Disziplinen und Institutionen aus Forschung und Wissenschaft, unternehmerischer Praxis und Verbandswesen, Beratung und Dienstleistung analysieren die großen Zukunftsthemen wie Umwelt- und Klimakrise, Digitalisierung und Urbanisierung.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Die Zukunft der Immobilienwirtschaft. Verantwortung für Gesellschaft und Umwelt

Fakten + Köpfe Verlagsgesellschaft, Groß-Gerau 2021

ISBN 978-3-9815157-8-7

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung verschiedengeschlechtlicher Sprachformen verzichtet. Die Verwendung des generischen Maskulinums wird geschlechtsabstrahierend verstanden.

IMPRESSUM

Fakten+Köpfe Verlagsgesellschaft mbH, Schulstraße 13, 64521 Groß-Gerau

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, ist ohne Zustimmung der Fakten+Köpfe Verlagsgesellschaft mbH unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen und Übersetzungen, Mikroverfilmungen sowie die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen und digitalen Systemen.

Herausgeberin: Sabine Eckhardt, Bockenheimer Straße 55, 60325 Frankfurt am Main

Redaktion: Dr. Kurt E. Becker, Emmendingen; Susanne Theisen-Canibol, Groß-Gerau

Korrektorat: Günter Neeßen, Frankfurt am Main

Layout und Satz: SatzWerke, Rüsselsheim

Covergestaltung: Diana Bootz, JLL Germany, Corporate Communications

Coverbild: Fritz Philipp im Auftrag von JLL Germany

Logo Finreso: Anastasia Kromm, JLL Germany, Corporate Communications

Inhalt

Die Wirklichkeit im Wandel

Kurt E. Becker | Vier Mauern und ein Dach über dem Kopf. Die Verantwortung als „Hausender“

Martin Greiffenhagen | Wohnen im Wertewandel

Hans-Michael Brey | Kulturelle Bildung im Quartier: vom Wohnraum zum Lebensraum

Jonas K. Löser | Soziale Nachhaltigkeit im Objekt – unter besonderer Berücksichtigung pandemischer Prävention

Martin C. Wolff | Städte als Prozessoren

Stefan Fahrländer | Daten und Modelle nutzen, aber: „denken hilft!“

Nikolas Samios | Von den zukünftigen Megatrends durch PropTechs und externe Innovation profitieren

Raphael Gielgen | Neue Denkräume schaffen für die nächste Wissensgesellschaft

Yasmin Weiß | Büro der Zukunft: dynamisches Ökosystem für Kooperation und Lernen

Christian Huttenloher | Das Quartier als Handlungsebene für Klimaschutz im Gebäudebestand

Michael Weinhold | Vom Stadtquartier zum smarten Campus: Zur Rolle der Technologie bei der Dekarbonisierung der Stadt

Rainer Monnet | Zukunftsfähige Prosperität für Immobilienunternehmen

Herausgeberin/Autoren

Die Wirklichkeit im Wandel

Wir leben in einer Ära der Veränderung, wie wir sie in dieser Dynamik noch nie zuvor erfahren haben – und zwar in allen Lebens- und Arbeitsbereichen. Die Welt von morgen erschien noch nie so ungewiss, die Welt von heute umso disruptiver. Und der Blick auf die Welt von gestern übersieht allzu gern, dass die Herausforderungen von heute dort entstanden sind. Genauso wie das Potenzial zur Erneuerung und Verbesserung für die Zukunft.

Ganz fraglos: Seit März 2020 bestimmt Covid-19 unser aller Bewusstsein und auch einen großen Teil unseres täglichen Lebens. Die Pandemie zeigt sich als das, was der Name sagt: als globales Geschehen von erheblicher Tragweite, das Grundstrukturen unseres Verhältnisses zueinander und zur Welt freilegt. Ein Virus prüft unsere Lebens-, Gesellschafts- und Arbeitsweise und offenbart die jeweiligen Schwachstellen. Und es lässt eine zumeist staatlich verordnete Ruhe und manchmal eine individuelle – persönliche oder unternehmerische – Besinnung einkehren.

Die Pandemie ist also der Ausgangspunkt von Ereignissen und deren Folgen, die sich sowohl als verhängnisvoll denn auch als hilfreich erweisen können. Was letztlich überwiegt, wird die Zukunft zeigen.

Der Ausnahmezustand als Alltagsphänomen

Allerdings erleben wir schon seit Längerem den Ausnahmezustand als Alltagsphänomen. Denn die aktuellen Krisen, die ich kurz skizzieren möchte, sind vielfältiger Natur. Und sie führen zu der Frage, welche Relevanz all diese Wirklichkeitsaspekte für die Immobilienbranche haben.

Unterhalb unserer Corona-Wahrnehmungsschwelle finden ja nicht nur geopolitische Verschiebungen statt, auch ganze Gesellschaftsstrukturen verändern sich. Das konnten wir zum Beispiel bei der Präsidentschaftswahl 2020 und den Geschehnissen danach in den USA beobachten. Ein Gefühl umfassender Unwirklichkeit, genauer: allgemeiner Unsicherheit, was denn überhaupt noch real ist und was nicht, woran man sich halten kann und woran nicht, ist in unserer Mitte angekommen – ein Gefühl also, das wir eigentlich Psychotikern zuschreiben.

Dass sich dieses Gefühl der Unwirklichkeit in unserem Alltag eingenistet hat, ist beunruhigend und verstörend. Kriege, Flüchtlingsströme und Terror sind fester Bestandteil der täglichen Nachrichten. Gleichzeitig erleben wir Globalisierungs- und De-Globalisierungsentwicklungen, verbunden mit vergeblichen Rufen nach der einen, der vereinten Welt. Aber leider finden sich (noch) keine gemeinsamen Antworten auf beispielsweise die Klima- oder die Verteilungskrise. Auch ist der Innovationsgrad etwa bei der so wichtigen Digitalisierung allein schon in der Europäischen Union je nach Mitgliedsland sehr unterschiedlich. Was bedeutet dies alles für die Immobilienbranche und welche Realitätsaspekte werden prägend für deren Zukunft sein?

Drei globale Themen bestimmen die Zukunft der Immobilienbranche

Wesentlich sind es drei globale Themen, die unsere immobile Zukunft prägen werden:

● die Globalisierung – respektive De-Globalisierung,

● die Nachhaltigkeit in all ihren zahlreichen Facetten und Aspekten

● und last but not least die Digitalisierung.

Schauen wir auf diese globalen Themen im Einzelnen: Die Globalisierung respektive De-Globalisierung ist im Prinzip ein altbekanntes Phänomen in der Immobilienbranche. „Think global, act local“ ist eine Maxime, die dem international agierenden Investor selbstverständlich ist. Globalisierung respektive De-Globalisierung beschreibt eine ganz konkrete Realität der Immobilienwelt – wie sie schon immer war, heute ist und auch morgen sein wird.

Das Thema Nachhaltigkeit gewinnt deutlich an Dynamik seit der „Fridays for Future“-Bewegung, geht aber letztlich zurück auf den Club of Rome mit seiner Hypothese von den „Grenzen des Wachstums“. Von den vielfältigen Aspekten längst überfälliger Nachhaltigkeitsmaßnahmen sind in der Immobilienbranche schon viele angekommen: etwa die CO2-Reduzierung im Energiehaushalt von Gebäuden oder die Planung ganzer Städte im Blick auf deren Gebäudebestand, die Neuplanung von Quartieren und Stadtteilen sowie sinnvolle Infrastrukturmaßnahmen von besonderer Relevanz. Eine nicht zu unterschätzende Dringlichkeit haben dabei die Nachrüstung bestehender Gebäude unter Gesichtspunkten der Energieeffizienz und die große Frage nach den künftigen Maßstäben der Urbanisierung in einem übergreifenden Kontext.

Die unternehmerische Verantwortung

Zunächst: Nachhaltigkeit, Digitalisierung und alle damit verbundenen Fragen stehen an erster Stelle einer generellen Prioritäten-Liste jeder unternehmerischen Programmatik. Alles, was wir tun, wird wesentlich bestimmt durch diese beiden Megatrends. Zur Nachhaltigkeit zählen im Übrigen auch alle Maßnahmen der Ge­sundheitsvorsorge für die aktuelle Pandemie genauso wie für alle hypothe­ti­schen künftigen Pandemien.

Als Unternehmen ist sich JLL seiner Verantwortung im Hinblick auf die Umwelt- und Klimakrise sehr bewusst und richtet sein unternehmerisches Handeln entsprechend aus. Wir haben uns als Unternehmen etwa durch die Unterzeichnung des „Net Zero Carbon Building Commitments“ des World Green Building Council verpflichtet, bis 2030 in allen von uns genutzten Gebäuden einen Netto-Null-CO2-Ausstoß zu erzielen. Darüber hinaus befürworten wir auch einen Netto-Null-Ausstoß-Ansatz für unsere Kunden und Lieferanten. Wesentlich wollen wir dies durch das Vorantreiben der Nutzung erneuerbarer Energien und die Verbesserung der Energieeffizienz unseres Portfolios erreichen. Durch diese Nachhaltigkeitsziele und die Beratung und Dienstleistungen, die wir unseren Kunden anbieten, werden wir daran arbeiten, unseren Unternehmenszweck zu erfüllen: Immobilien künftig so zu gestalten, dass sie eine bessere Welt ermöglichen.

Die Digitalisierung unserer Welt hat sicherlich einen genauso großen Einfluss auf unsere Branche wie die Ökologisierung. Und beide Entwicklungen ergänzen einander. Zukünftig wird es kaum einen Bereich der Immobilienwirtschaft geben, der nicht digital appliziert sein wird. Hinzu kommt, dass die Digitalisierung auch die Steuerung ökologischer Maßnahmen erleichtert, Stichwort: Smart Home und Smart City. Und nicht zuletzt hat die Corona-Pandemie aufgezeigt, dass das sogenannte Home Office ein wesentliches Momentum künftigen Arbeitens sein wird.

Die enge Verzahnung von Leben und Arbeiten

Mit der Erfindung des World Wide Web hat nicht nur die Globalisierung einen dynamischen Schub erlebt, auch unsere Lebens- und Arbeitswelt begann sich zu verändern. Sie wurde hybrid, verschmolz zwei Welten. Und spätestens seit der umfassenden Nutzung von Smartphones ist die Hybridität, die enge Verzahnung von Leben und Arbeiten, in unserem Alltag angekommen und wird sich aus diesem Alltag auch nicht mehr verabschieden. Das Phänomen Home Office, das in der Pandemie in unserer Wahrnehmung und in der der Medien eine Hochzeit erlebt, kann dabei eher als Nebenkriegsschauplatz angesehen werden. Sicher: Wir erleben gerade eine Hybridisierung der Arbeitswelt mit einem firmenindi­viduellen Austarieren von Home Office und Büropräsenz. Dieses Verhältnis wird sicher noch häufig angepasst werden müssen, um den jeweils richtigen Mix zu finden. Fakt ist aber schon jetzt, dass hybride Arbeitssituationen zwei interessante Auswirkungen haben werden: eine Regionalisierung des Wohnungsmarktes, die Druck aus den überhitzten Ballungszentren nehmen kann. Und eine neue Gestaltungsphilosophie für die Büros der Zukunft, die das Ende der Arbeitswaben bedeuten wird.

Aber schauen wir en détail auf das Phänomen Home Office.

Wer heute über die Arbeitswelt spricht, spricht zuallererst über Home Office. Aus der Not geboren, wurde es zum „Heilsbringer“. Home Office wird landauf, landab als die Lösung gefeiert. Aber ist es wirklich die Lösung?

Hier ist eine deutlich differenzierte Betrachtung nötig. Zunächst ist dies eine – sagen wir vorsichtig – „elitäre“ Debatte, denn Home Office ist nur einem bestimmten Teil der Bevölkerung möglich. Kein Home Office in der Produktion, im Handel, im Gesundheitswesen, im Tourismus, im Nah- und Fernverkehr, beim Transport, in der Gastronomie und so weiter. Fakt ist aber, dass in den Bereichen, wo Home Office praktiziert werden kann, Arbeit und Freizeit immer mehr verschwimmen. Und wenn wir ehrlich sind, können wir die Auswirkungen auf den Menschen selbst, aber auch auf die Gesellschaft als Ganzes noch überhaupt nicht absehen. Sind Menschen zu Hause glücklicher? Oder ist das Arbeiten in Isolation eher eine Belastung?

Und auch die Arbeitgeberseite betritt Neuland: Sind Mitarbeiter tatsächlich – wie häufig behauptet – im Home Office produktiver? Oder doch nicht? Wie misst man eigentlich Produktivität in diesem Kontext? Welche Auswirkungen hat Home Office auf Führung – und auf „Geführt-werden“? Was bedeutet es für die Weiterentwicklungsmöglichkeiten von Mitarbeitern? Was für das Miteinander mit den Kollegen? Wo bleibt das „Identitätsstiftende“ eines Büros, einer Arbeits-Gemeinschaft?

Schnell führen uns diese Gedanken zu Themen wie Mitarbeiter-Zufriedenheit, dem War for Talents, der Mitarbeiterbindung. Und damit auch zu der Frage, ob der „Home-Arbeiter“ in der Vorstadt nicht schnell durch den „Home-Arbeiter“ im Nachbarland oder in Indien ersetzt werden kann.

Und das gilt natürlich auch andersherum. Ohne Bindung wird der Arbeitgeber ebenfalls schneller austauschbar. Wichtige Fragen, die man bei aller Euphorie nicht vergessen sollte. Denn Home Office ist weit mehr als die technische Umsetzung dezentralen Arbeitens.

Auch hier ist der Bogen zur Immobilienbranche schnell geschlagen, wie ich an drei Thesen aufzeigen will.

1. Das Office kommt ins Heim und Home Office bedeutet mehr Platzbedarf zu Hause. Niemand will dauerhaft acht Stunden am Küchentisch sitzen. Ein Arbeitszimmer muss her. Auf zehn Quadratmeter schätzen unsere Wohnexperten den Mehrbedarf zukünftig. Und damit sind in der Regel Wohnungssuche und Umzug in größere Wohnungen sowie Häuser verbunden. Diese größeren Flächen müssen jedoch oft erst noch entstehen. Und sie müssen finanziert werden. Der Vorlauf dafür beträgt oftmals Jahre, wenn nicht gar Jahrzehnte. Denn es wird zu wenig gebaut und die bürokratischen Hürden sind oft zu hoch. Dazu kommt, dass man sich diese größere Wohn- und Home-Office-Fläche auch leisten können muss. Denn das Mietpreiswachstum geht unvermindert weiter. Kann der Arbeitnehmer diese Kosten schultern oder erwartet die Gesellschaft, dass der Arbeitgeber sich daran beteiligt? Auch hier tauchen viel mehr Fragen auf, als man auf den ersten Blick denkt. Und Antworten hat darauf bisher kaum jemand.

2. Home Office bedeutet weniger pendeln. Was bedeutet das für den eigenen Wohn-Ort? Zieht man nun weiter weg vom Arbeits-Ort? Und wenn ja: Gibt es da genug passenden Wohnraum? Wohin genau pendelt man also? Mitten hinein in die klassischen Metropolen wie Frankfurt, Berlin oder München? Oder eher in den Speckgürtel, an die äußersten Ränder der Stadt? Dort entstehen neue, zentralisierte Büros an der Peripherie. Eine Entwicklung, auf die der Immobilienmarkt bisher noch gar nicht eingestellt ist. Zwischen 2015 und 2019 waren 69 Prozent der Büroanmietungen in den „Big 7“ – Berlin, Hamburg, Düsseldorf, Köln, Frankfurt, Stuttgart und ­München – auf dezentrale Lagen entfallen. 2020 waren es sogar 74 Prozent. Ob dies wirklich ein nachhaltiger Trend ist, bleibt abzuwarten. Denn längst nicht alle Unternehmen können diesem „Club und Hub“-Modell etwas abgewinnen. Weniger pendeln heißt vermutlich weniger Verkehr, weniger Staus. Aber eben auch weniger Nachfrage nach Mobilität. Also sinkende Umsätze für die Mobilitäts-Industrie, inklusive des öffentlichen Nahverkehrs. Hier warten viele spannende Chancen für Smart Cities. Verkehrssteuerung, Parkraum-Management, CO2-Ersparnis. Es lohnt ein Blick nach Darmstadt, das unter dem Motto „Smart, smarter, Digitalstadt Darmstadt“ inzwischen auf dem Weg zur digitalen Modellstadt ist.

3. Home Office bedeutet auch veränderte Anforderungen an das klassische Büro. Weniger „Kästchen“ mit dem Charme von Batterien für Legehennen, weniger Quadratmeter-Optimierung, weniger Bedarf an Einzelbüros. Dafür aber mehr Bedarf an kooperativen Flächen, an Teamarbeit, an Austausch, Kollaboration, kreativem Arbeiten und damit an Innovation. Damit beschreiben wir zwei auf den ersten Blick sehr widersprüchliche Trends. Weniger Flächenbedarf wegen Home Office – und gleichzeitig mehr Bedarf an Fläche wegen Home Office. Welcher Trend sich durchsetzen wird, ist schwer abzuschätzen. Im Moment überwiegt die Unsicherheit. Aber beide Phänomene, das gehört zur neuen Komplexität, sind gerade zu beobachten.

Die Zukunft der Arbeit ist hybrid

Dabei darf ein Blick auf die qualitative Komponente der „Heimarbeit“ nicht fehlen.

Kein Home Office ohne Videokonferenz, ohne Teams oder Zoom. Welche Auswirkungen hat das auf die Zukunft der Arbeit? Mittlerweile wissen wir, dass ein großer Teil unserer Meetings tatsächlich online durchgeführt werden kann. Nicht für jedes Zusammentreffen ist eine Dienstreise oder gar ein Flug notwendig. Das ist auf jeden Fall schon einmal etwas sehr Positives.

Aber auch hier gibt es ein „Aber“. Jedes Online-Meeting bedarf einer Terminierung und des Formalismus. So entstehen neue Prozesse, die viel aufwendiger sind als das oft ungeplante, zwanglose Gespräch auf dem Flur oder vor der Kaffee­maschine. Oder der schnelle Besuch im Nachbarbüro. Viele beiläufig geführte Diskussionen haben schnell, unkompliziert und effizient Entscheidungen ermöglicht. Nun werden Entscheidungen komplizierter, starrer, langsamer und damit ineffizienter. Dazu kommt noch ein Trend, den wir aus der E-Mail-Kommunikation kennen: der große Verteiler – das gilt auch für den oft zu großen Teilnehmerkreis vieler Online-Meetings.

Also auch in der Kommunikation und Entscheidungsfindung halten sich vermutlich Vor- und Nachteile die Waage. Weniger Reisen, weniger CO2, weniger Kosten und (Reise-)Zeitersparnis auf der positiven Seite. Kompliziertere, formalisierte, langsamere und damit ermüdende Prozesse auf der negativen.

Fakt scheint mir, dass die Zukunft der Arbeit weder Home Office noch Büro heißt. Die Zukunft der Arbeit ist hybrid. Unsere Analysen gehen zum Ende des Jahres 2020 davon aus, dass Arbeitnehmer, die die Wahl haben, im Schnitt zwei von fünf Arbeitstagen in der Woche zu Hause verbringen möchten – die Mehrheit also im Büro.

Denn Corona hat uns auch den Wert des Büros als relevanten Lebensorts vor Augen geführt. Die Entwicklung einer neuen Denk- und Gestaltungsweise hatte sich bereits vor der Pandemie abgezeichnet, nun nimmt sie spürbar Fahrt auf. Aus Büros werden Kommunikationszentren, Arbeitsplätze werden flexibilisiert, damit sie je nach Präsenz von mehreren Kollegen genutzt werden können. Dadurch verändern sich auch die Ansprüche an die gewerbliche Architektur – weg vom Kleinzelligen, hin zu größeren Flächen, die genügend Raum für Begegnung, Kreativität und Innovation bieten. Und darüber hinaus auch dem gestiegenen Hygiene­bedürfnis Rechnung tragen. Denn speziell in pandemischen Zeiten ist Hygiene eine Grundvoraussetzung für Gesundheit.

Zweifellos: Die Zukunft von Immobilien dreht sich künftig deutlich mehr um die Qualität von Räumen und nicht mehr allein um die Flächengröße. Das gilt über alle Assetklassen hinweg und stellt unsere Branche vor neue Herausforderungen. Wir müssen in vielfältiger Hinsicht umdenken. Auch im Blick auf die Strukturierung und Einteilung von Asset-Klassen. Office und Living müssen im Zusammenspiel neu gedacht werden und Retail und Logistik verschmelzen durch den Online-Handel zunehmend zu einer neuen Entität zusammenwachsender Arbeitswelten.

Die Zukunft von Retail, E-Commerce-Logistik

Auch die Arbeitswelt im Handel hat sich durch die Digitalisierung grundlegend geändert – und Covid-19 hat dem boomenden E-Commerce noch einen grundlegenden Schub verpasst. Dabei ist E-Commerce mehr als „Einkaufen im Internet“. Es ist die Chiffre für Lagerung, Transport, Verpackung, Müll, Stau – und oftmals für schlecht bezahlte Ausfahrerjobs.

Dabei hat E-Commerce direkten Einfluss auf die Retailflächen in den Innenstädten. Der Einzelhandel war in den vergangenen Jahren nur bedingt erfolgreich, eine neue Rolle für sich zu finden. Stichwörter: Erlebniswelt, Showroom und Unterhaltung. Nun setzt ihm die erhöhte Nachfrage nach Online-Shopping besonders zu. Viele Flächen sind überdimensioniert und häufig wurde es mit der Filialisierung übertrieben. Wer braucht drei identische Filialen in nur einer Fußgängerzone?

Aber der Einzelhandel reagiert: Zuerst natürlich durch die Aufgabe von unprofitablen Flächen. Und auch an den Standorten, die gehalten werden, versucht man, die Mietkosten zu reduzieren. So sehen wir als Trend, dass Lagerflächen umgewidmet werden. Aus ihnen werden, wo möglich, Büros oder Wohnungen. Der trotzdem bestehende Platzbedarf für die Ware wird ins Zwischenlager verlegt.

Für Immobilien-Investoren hat dies weitreichende Konsequenzen. Und es ist komplettes Neuland. Wurden früher Häuser monothematisch als Verkaufsflächen, Büros oder Wohnungen konzipiert und gebaut, muss heute bereits in der Planung und Entstehung eine höhere Flexibilität eingearbeitet werden: Flächen müssen schnell und kostengünstig umgewidmet werden können. Multi-Use ist nicht nur eine Risikoreduzierung für Eigentümer, sondern auch die Wiederbelebung der Innenstädte, die nach Ladenschluss ausgestorben sind.

Wenn wir über Future of Consumption sprechen, ist es verfrüht und verfehlt, einen Abgesang auf den Einzelhandel anzustimmen. Wir haben die Untergrenze gesehen, die Umsatzkurve wird 2021, das Ende der Pandemie vorausgesetzt, nach oben zeigen: Die Verbraucher werden nach der Lockdown-Erfahrung ein ganz enormes Bedürfnis nach Erlebnis und dem persönlichen Einkauf vor Ort ent­wickeln und so die Innenstädte wieder zum Blühen bringen.

Für Retailer ist es daher enorm wichtig, sich schon jetzt darauf vorzubereiten, indem sie für die Konsumenten ein besonderes Shopping-Erlebnis konzipieren. Auf der Metaebene zeigt sich erneut, wie wichtig die Bedeutung von bekannten und klar positionierten Marken ist. Denn wenn Konsumenten in die Städte zurückkehren, zu welchen Händlern kehren sie dann zurück? Nur wer hier gut aufgestellt und fest in den Köpfen der Konsumenten verankert ist, hat die Chance, am persönlichen Einkauf zu partizipieren.

Schauen wir noch auf eine weitere, ganz neue Entwicklung: Die im Frühjahr 2020 unterbrochenen Lieferketten haben klargemacht, wie abhängig wir uns in den letzten Jahrzehnten von „just in time“-Lieferungen aus aller Welt gemacht haben. Um dem entgegenzusteuern, sehen wir verstärkt die Rückkehr von Logistikzentren nach Europa und auch nach Deutschland. Waren und Güter werden also wieder mehr dort vorgehalten, wo sie auch konsumiert werden. Wir erleben einen hohen Bedarf bei der Beratung und Umsetzung von Logistikflächen.

Auch bei Logistik und Lieferketten eröffnet die Digitalisierung unendlich viele Möglichkeiten. Vor allem positive. Zum Beispiel die Optimierung und Reduzierung von Wegen und Transferzeiten. Es gibt Schätzungen, dass Digitalisierung unseren CO2-Ausstoß um bis zu 50 Prozent reduzieren könnte, so eine Studie, die im Auftrag des IT-Branchenverbandes Bitkom erstellt wurde.

Diese weitgehend bereits Realität gewordenen Verschmelzungsszenarien verändern notwendig auch den Blick auf unser Dienstleistungsverständnis als Beratungsunternehmen in einer sich neu findenden und erfindenden Immobilienbranche.

Future Initiative Real Estate Society

Wie eingangs beschrieben: Wir leben in einer Ära der Veränderung, wie wir sie in dieser Dynamik noch nie zuvor erfahren haben – und zwar in allen Lebens- und Arbeitsbereichen. Wir als JLL möchten für unsere Branche diesen Prozess gestalten – nachhaltig, innovativ und digital. Für uns und für die nachfolgenden Generationen. Dazu haben wir die Initiative „Future Initiative Real Estate Society“, kurz: FINRESO, ins Leben gerufen.

Diese komplexe Gemengelage hat uns dazu veranlasst, der Frage nach der Zukunft der Immobilienbranche intensiver nachzugehen. Mit dem einführenden Kompendium zu FINRESO haben wir den Anspruch, Vergangenheit und Gegenwart, vor allem aber die Zukunft der Immobilienwelt in ihrer Wechselwirkung mit Gesellschaft und Wirtschaft zu verstehen. Aus diesem Verständnis sollen relevante Themen identifiziert, analysiert und hinterfragt werden, damit auf der Basis tragfähiger Antworten sinnvolle Zukunftskonzepte abgeleitet und realisiert werden können. Der Frage der Nachhaltigkeit gilt ein Hauptaugenmerk der Initiative.

Der vorliegende erste Band der FINRESO-Buchreihe deckt das Spektrum grundlegender Themen programmatisch ab. Experten verschiedener Disziplinen und Institutionen aus Forschung und Wissenschaft, unternehmerischer Praxis und Verbandswesen, Beratung und Dienstleistung analysieren die großen Zukunftsthemen wie Umwelt- und Klimakrise, Digitalisierung und Urbanisierung. So wird sozialwissenschaftlich philosophisch ein Blick auf den Menschen in seinem Behaust-Sein geworfen (Kurt E. Becker) und auf den Wertewandel in unserer Gesellschaft in puncto Wohnen (Martin Greiffenhagen).1 Die Frage nach dem Zweck von Stiftungen in der Immobilienwirtschaft wird thematisiert, Bezug nehmend u. a. auf Greiffenhagens Aufsatz, den Weg vom Wohn- zum Lebensraum als kulturelle Bildung im Quartier (Hans Michael Brey). Schließlich stehen soziale Nachhaltigkeit und Nutzerbedürfnisse im Fokus einer soziologischen Analyse, nicht zuletzt die Rolle der Architekten und deren Verantwortung thematisierend (Jonas K. Löser). Dass „digitale Technologien auf dem Vormarsch“ sind, ist quasi schon ein Allgemeinplatz, der durch Fakten verifiziert wird – etwa durch die generelle Frage nach der Wirkung der Digitalisierung auf die Immobilienwirtschaft, deren gemeinsame Wurzeln (Martin C. Wolff), die damit verbundenen Automatisierungspotenziale sowie deren bewusste Begrenzung (Stefan Fahrländer) und die mit den PropTechs einhergehenden notwendigen Innovationen zur Aufrüstung der Branche für künftige Herausforderungen (Nikolas Samios). „Die Zukunft der Büroarbeit“ greifen Raphael Gielgen aus einer gesamtheitlichen Perspektive des Arbeitens schlechthin und Yasmin Weiß unter dem Gesichtspunkt eines dynamischen Ökosystems der Kooperation und des Lernens auf. Abschließend thematisieren wir die Frage nach dem Klimaschutz im Gebäude­bestand mit all ihren politischen und bürokratischen Implikationen (Christian Huttenloher) und werfen unter technologischen Aspekten einen Blick auf den intelligenten, nachhaltigen Campus und auf die Rolle der Technologie bei der Dekarbonisierung der Stadt (Michael Weinhold). Last but not least findet der Wertewandel Eingang in die in dieser Form erstmals vorgestellte neue Wertebilanzierung für Unternehmen, verbunden mit der Frage nach der zukünftigen Prosperität von Immobilienunternehmen (Rainer Monnet).

Ich danke allen Experten, die unseren ersten Band mit wertvollen Zahlen, Daten, Fakten und ihren Zukunftsvisionen bereichert haben. Und ich wünsche allen Lesern eine anregende Lektüre!

Sabine Eckhardt, April 2021

Kurt E. Becker

Vier Mauern und ein Dach über dem Kopf. Die Verantwortung als „Hausender“

Vier Mauern und ein Dach über dem Kopf: Der behauste Mensch2 ist ein Sinnbild unserer Kultur und Zivilisation im Spannungsfeld von Idealem und Realem. In diesem Spannungsfeld ist der „behauste Mensch“ verantwortlich für seine Behausung. Und das in einem umfassenden Sinn des Wortes: von der Hütte im Wald, deren Planung, Bau und Betreiben, bis zur Urbanisierung des Planeten. Immanuel Kants modifizierter kategorischer Imperativ liefert den Maßstab dieser Verantwortung: „Hause nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“

Der Begriff „hausen“ knüpft an seine ursprüngliche Bedeutung an und meint wohnen, wirtschaften, haushalten, mehr noch: das menschliche Sein auf Erden schlechthin im Sinne Martin Heideggers, nicht zuletzt im Begriff „Heimat“ zum Ausdruck kommend. Die heute gängige umgangssprachliche Abwertung des Begriffs etwa als „sich wüst aufführen“ bleibt formal außen vor, gewinnt aber substanziell dort dystopisch Gewicht, wo von den durch Menschen verursachten Gefährdungen die Rede ist.

Wie „haust“ der Mensch als Individuum und wie „haust“ er in seinen Gemeinschaften mit anderen? Welche Wirklichkeiten ergeben sich aus diesem Hausen für das Leben der Menschen? In welchem Verhältnis steht das Hausen zum Leben und vice versa? Gibt es gleich bleibende Regeln des Hausens über die Zeiten hinweg? Oder verändern sich die Regeln des Hausens von Zeit zu Zeit? Welchen Einflüssen ist das Hausen in diesen Zeitläuften ausgesetzt?

Diese immer wiederkehrenden Fragen bilden die Essenz des „Behaust-Seins“ in einem übergreifenden Sinn. Denn das Behaust-Sein meint eben nicht nur die spezifische Architektur in ihrer jeweiligen Epoche oder das einzelne Bauobjekt mit seinem Wohn-, Geschäfts- oder Arbeitszweck, sondern es geht immer in erster Linie um den individuellen Menschen in seinem architektonischen, gestalterischen und baulichen Wirken und um alle damit verbundenen und daraus resultierenden Lebenswirklichkeiten der Gesellschaften und ihrer Mitglieder innerhalb dieser vier Mauern und unter ihren Bedachungen. Das Menschsein in einer Behausung umfasst die Zeitspanne zwischen Geburt und Tod, unseren Aufenthalt auf Erden quasi, aber auch dessen Vorher im Mythos und dessen Nachher im Vermächtnis. Nicht nur bei Aristoteles ist die Metaphysik Ergebnis der Physik und wird demzufolge auch erst im zehnten und damit letzten Band seiner Werke behandelt. Auch dem Behaust-Sein eignet eine Metaphysik mit einer spezifisch eigenen Entelechie, eine physische Entität in Gestalt eines umbauten Raums vo­raus­setzend.

In diesem umbauten Raum als konkreter Bedingung des Behaust-Seins ereignet sich Philosophie als Ergebnis menschlicher und menschelnder Kommunikation, mündend in den berühmten Fragen Immanuel Kants, in Bezug auf das Thema dieses Beitrags entsprechend modifiziert:

● Was kann ich wissen über mein Behaust-Sein?

● Was soll ich tun als Behauster?

● Was darf ich hoffen in meinem Behaust-Sein?

● Was ist der Mensch als Behauster?

Was kann ich wissen über mein Behaust-Sein?

Überwiegend gilt: Im Behaust-Sein ist der Mensch sesshaft, was einschließt, dass er überall sesshaft werden kann, in seinem Behaust-Sein an keinen be-stimmten Ort auf der Erde gebunden ist. Es steht ihm als freiem Menschen frei, zu wählen, in welcher Region der Erde, in welchem Land, in welcher Stadt, in welchem Dorf, in welchem Wald (Henry David Thoreau: Walden oder Leben in den Wäldern) er behaust sein möchte. Solange Migration nicht Ergebnis eines Zwangs ist, ist auch der Migrant lediglich einer, allgemein definiert, der sich freiwillig auf die Suche nach einem neuen Zuhause, einem neuen Lebensmittelpunkt, einer neuen Heimat begibt. Von diesem Migrationsverständnis zu unterscheiden ist das der Flucht durch deren Unfreiwilligkeit.

In der fortgeschrittenen Industriegesellschaft ist der Wechsel der Arbeit nicht selten auch mit einem Wechsel des Wohnortes verbunden. Von diesem mehr oder minder freiwillig Umziehenden, dessen Umzug bedingt ist durch den Wechsel der Arbeitsstelle gleich Wechsel des Wohnortes, zu unterscheiden ist der Flüchtling, der aus seiner Behausung aus welchen Gründen auch immer, Kriegen oder Naturkatastrophen etwa, gewaltsam Vertriebene, der sich an einem anderen Ort, meist sogar in einem anderen Land ein neues Zuhause suchen muss. Fraglos hat der Begriff „Flüchtling“ viele Facetten und konnotiert mit Verlust von Heimat, von Sicherheit und von Identität. Der Flüchtling ist der Entwurzelte. Die große Mehrheit der Menschen indes ist in unserer so und nicht anders gewordenen Gegenwart in einer bestimmten Gegend verwurzelt, auf Dauer sesshaft, das Behaust-Sein erweist sich als Definiens menschlich zivilisierten Lebens. Und das über die Zeiten hinweg – von den ummauerten Städten als identitätsstiftenden Behausungsentitäten über Burgen und Festungen des Mittelalters bis hin zum afrikanischen Kral, um nur einige Beispiele zu nennen. Diese Definition schließt den Zustand des „Unbehaust-Seins“, wie Hans Egon Holthusen ihn beschrieben hat, ein. Der „unbehauste Mensch“ in Holthusens Sinne ist ein Sonderfall des Behaust-Seins und beschreibt im Konkreten das Lebensgefühl der Trümmergeneration nach dem Zweiten Weltkrieg, die mit ihren Behausungen auch ihre Heimat verloren hatte, in Ruinen leben und aus den Ruinen ein neues Behaust-Sein schaffen musste. Unbehaust lebt freilich auch der Obdachlose in einem Zustand des Mangels an einem Dach über dem Kopf, aber an einem ihm angestammten Platz, der auch verteidigt wird – entweder vorübergehend oder auf Dauer. Aber auch „mobile“ soziale Gruppierungen, wie wir sie per se etwa bei den Nomadenvölkern oder in der US-amerikanischen Wohnwagen-Kultur finden, gehören in diese Kategorie des Unbehaust-Seins ohne spezifische Sesshaftigkeit, die identitäts- und heimatstiftende mobile Behausung quasi von Ort zu Ort bewegend.

Im Rückgriff auf literarische Texte von Goethe über Rilke bis Kafka analysiert Holthusen die Situation des modernen Menschen in seinem Geworfensein schlechthin, verbunden mit einer zwangsläufigen Loslösung auch von den alten geistigen Ordnungen. Der unbehauste Mensch steht insofern auch als Symbol für die Zerbrechlichkeit behausten Existierens. „Hausen“, das verdeutlicht der als Flüchtling Unbehauste genauso wie der am Ende eines Krieges in den Trümmern seiner Stadt Unbehauste oder der Obdachlose als – in der Regel – Opfer der modernen Leistungs-, Überfluss- und Konsumgesellschaft, ist keine Selbstverständlichkeit. Behaust-Sein ist das Ergebnis eines nicht zuletzt umfassend schöpferischen Prozesses in und an den Wirklichkeiten unserer Welt und wird so als Wirkung wiederum selbst zum kulturellen, sozialen, politischen, ökonomischen und ökologischen Element des Wirklichen. Diese Wirkung kann auch beschrieben werden als umfängliche Arbeit des Menschen an eben dieser Welt und beinhaltet im Ergebnis das So-und-nicht-anders-Sein des Menschen in der Zeit wesentlich in unserer Hemisphäre. In diesem existenziellen Sinn schreibt Martin Heidegger: „Bauten behausen den Menschen.“ Und weiter: „Das alte Wort ‚bauen‘, zu dem das ‚bin‘ gehört, antwortet: ‚ich bin‘, ‚du bist‘ besagt: ich wohne, du wohnst. Die Art, wie du bist und ich bin, die Weise, nach der wir Menschen auf der Erde sind, ist das Buan, das Wohnen. Mensch sein heißt: ... wohnen.“ Schließlich erwächst aus dem Hausen aber, Heidegger folgend, auch eine Verpflichtung des Bewahrens der Schöpfung vor Schaden und der Vermeidung von Bedrohungen: „Der Grundzug des Wohnens ist ... Schonen. Er durchzieht das Wohnen in seiner ganzen Weite. Sie zeigt sich uns, sobald wir daran denken, dass im Wohnen das Menschsein beruht, und zwar im Sinne des Aufenthalts der Sterblichen auf der Erde.“ Und diese Erde gelte es zu bewahren nicht zuletzt vor Missbrauch durch den Menschen selbst und seine Technik.

Die Arbeit an der Welt, das Herrichten der Erde zur Basis menschlicher Behausungen, hat uns die Möglichkeit globalen Betroffen-Seins von Katastrophen vor Augen geführt und damit der Globalisierung eine bizarre Dimension des Schreckens verliehen. Aus jenen kollektiven Bedrohungen, die die Menschen selbst hervorgebracht haben, leitet Hans Jonas eine „Heuristik der Furcht“ ab, die in der Tat neue Wertsetzungen und Orientierungen ermöglichen könnte. Es geht um eine Re-Humanisierung der Technik, deren verantwortungslose Verselbstständigung und Ent-Humanisierung sicherlich nicht in der Absicht ihrer Erfinder angelegt war. Das damit verbundene Paradoxon ist das bizarre Symbol unseres zivilisatorischen Geworden-Seins schlechthin. Dem Menschen als „Mängelwesen“ (Johann Gottfried Herder und Arnold Gehlen), ohne Kleidung, vier Mauern und ein Dach über dem Kopf kaum überlebensfähig, ist es dank seines Genius als „Fähigkeitswesen“ gelungen, sich zunächst seine Existenz gegenüber den Unbilden der Natur zu sichern, sich anschließend aber in eine existenzbedrohende Krise hi­nein­zu­manövrieren. Und letztlich als Initial dieses „Manövers“ steht der oikos – im Griechischen das Haus oder auch das Herdfeuer, seit Aristoteles der Ursprung aller Ökonomie, die nichts anderes war als „Hauswirtschaft“, die Bewirtschaftung der einzelnen Behausung zum einen und die Bewirtschaftung der kollektiven Behausung, der polis, zum anderen.

Die Konsequenzen der daraus folgenden atemberaubenden Entwicklung sind bekannt. Mündend in unserer Moderne in einen steten Diskurs zwischen Ökologen und Ökonomen. Denn die ökonomische Eindimensionierung der zivilisierten Welt mit ihren Ausbeutungsmechanismen der Erde und der Spezies vor allem in der Dritten Welt hat das Ökosystem über alle Grenzen hinaus belastet, mit vielen irreversiblen Schäden, zum Ausdruck gebracht in einem den Menschen als „Anthropozän“ zugeschriebenen und zugleich angelasteten Erdzeitalter, gleichbedeutend mit einer damit dokumentierten Bilanz des Schreckens. Hans Jonas spricht in diesem Zusammenhang von einer kritischen Verletzlichkeit der Natur durch die technische Intervention des Menschen – „eine Verletzlichkeit, die nicht vermutet war, bevor sie sich in schon angerichtetem Schaden zu erkennen gab“. Dementsprechend schreibt er im Vorwort seines Buchs Das Prinzip Verantwortung: „Der endgültig entfesselte Prometheus, dem die Wissenschaft nie gekannte Kräfte und die Wirtschaft den rastlosen Antrieb gibt, ruft nach einer Ethik, die durch freiwillige Zügel seine Macht davor zurückhält, dem Menschen zum Unheil zu werden.“

Diesem „Prinzip Verantwortung“ wollen wir uns nun zuwenden.

Was soll ich tun als Behauster?

In seinem Behaust-Sein übernimmt der Mensch als Individuum, aber auch die Menschheit als Spezies umfassend Verantwortung für alle mit dem Hausen selbst und seinen Folgen verbundenen Wirklichkeiten. Das gilt für den Einzelfall einer konkret erfolgten oder anstehenden Entscheidung genauso wie für alle im Alltag zur Routine gewordenen Entscheidungsprozesse, die quasi selbstverständlich und ohne klare Zuordnung von Verantwortung bürokratisch erfolgen.

Schauen wir zunächst generell auf das allen Entscheidungsprozessen zugrundeliegende Verantwortungsprinzip. „Verantworten“ meint ja letztlich nichts anderes, als eine Frage zu beantworten und für die Richtigkeit der Antwort so lange persönlich einzustehen, bis die Antwort sich – aus welchen Gründen auch immer – als unrichtig erwiesen hat und revidiert werden muss oder aber die Frage selbst durch sich verändernde Wirklichkeiten irrelevant geworden ist und durch neue Fragestellungen ersetzt oder abgelöst werden muss. „Verantworten“ meint im Prinzip also nichts anderes als „antworten“. Denn mit jeder Antwort treffe ich eine Entscheidung für eine bestimmte Antwort und gegen eine andere. Nicht von ungefähr hatte Max Weber dem Antwortenden eine auf die Zukunft gerichtete, an künftigen Generationen orientierte Ethik, eine „Verantwortungsethik“, zugeschrieben.

Was bedeutet dieses an eine Ethik gekoppelte „Prinzip Verantwortung“ für den Behausten beziehungsweise das Behaust-Sein? Was konkret also soll ich als Behauster tun?

Hans Jonas gibt mit seinem epochalen Verantwortungs-Prinzip in diesen Fragen den Takt vor. Sein 1979 erstmals publiziertes Werk kann bei der Beantwortung dieser Fragen Allgemeingültigkeit über die Zeiten hinweg für sich beanspruchen. Seine Variationen des kategorischen Imperativs Kantʼscher Provenienz lauten in diesem Zusammenhang wie folgt:

● „Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden.“

● „Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlungen nicht zerstörerisch sind für die künftige Möglichkeit solchen Lebens.“

● „Gefährde nicht die Bedingungen für den indefiniten Fortbestand der Menschheit auf Erden.“

● „Schließe in deine gegenwärtige Wahl die zukünftige Integrität des Menschen als Mit-Gegenstand deines Wollens ein.“

Diese Maximen decken die Gegenwarts- genauso wie die Zukunftsdimensionen unserer heutigen Verantwortung als Hausende ab. Auch lange vor Jonas waren natürlich Fragen der Existenzgefährdung und deren Vermeidung oder Relativierung Thema von Philosophen und Dichtern. Zu Recht berühmt Friedrich Hölderlins Zeilen aus seiner Hymne „Patmos“:

„Wo aber Gefahr ist, wächstDas Rettende auch.“

Speziell die Themenkomplexe Umwelt, Klimawandel, Atommüll, Müll-Belastung, aber auch demografische Entwicklung sind Gegenwartsrisiken und bei Jonas als Zeit- und Leidensgenossen genauso inkludiert wie die daraus folgenden Konsequenzen notwendig nachhaltig ökologischen Wirtschaftens respektive Hausens. Deswegen schauen wir gemeinsam mit dem Verantwortungs-Philo­sophen Jonas auf das ganz große, auf das gesamtheitliche Bild des Hausens, die Urbanisierung unseres Planeten. Und damit sind wir bei einer das menschliche Kollektiv betreffenden Fragestellung. Denn der Einzelne und die Veränderung seines Verhaltens sind zwar wichtig, aber von entscheidender Bedeutung ist die Frage nach einer neuen, kollektiven Ethik des Hausens in dieser so und nicht anders gewordenen Wirklichkeit unserer Welt im ersten Jahrhundert des dritten Jahrtausends christlicher Zeitrechnung. Was zweitausend Jahre gut ging mit allerdings beständig zunehmenden Risiken vor allem im zwanzigsten und den ersten Dekaden des einundzwanzigsten Jahrhunderts, kann nicht hoffnungsfroh in alle Zukunft linear fortgeschrieben werden. Denn die Risiken des globalen Hausens mit all seinen Implikationen, wie wir sie seit Jahren kennen und diskutieren – handle es sich um die CO2-Emissionen der privaten Haushalte oder die der Wegwerfgesellschaft geschuldeten Plastikabfälle, die den direkten Weg von der Stadt in die Ozeane finden –, werden nicht kleiner, sondern größer. Nicht von ungefähr machte vor einigen Jahren das Wort von der „Risikogesellschaft“ (Ulrich Beck) die Runde. Die Stadt der Menschen, einstmals eine Enklave in der nichtmenschlichen Welt, breite sich über das Ganze der irdischen Natur aus und usurpiere ihren Platz, schreibt Hans Jonas. Im Zusammenhang mit dieser Usurpation dürfen nicht unerwähnt bleiben, mehr noch: müssen in besonderer Art gebrandmarkt werden die menschenverachtenden Verwerfungen des Hausens etwa in den brasilianischen Favelas, den südafrikanischen Townships oder den elendiglichen Flüchtlingslagern überall auf dieser Welt, sogar innerhalb der Verantwortung unseres europäisch „zivilisierten“ Behaust-Seins, einen Skandal in Permanenz markierend. Fraglos: Unser Verständnis des Hausens steht auf dem Prüfstand der Vernunft und der Menschlichkeit.

Aber auch von anderer Seite wird unsere Art des Hausens geprüft. Denn die Natur wehrt sich. Das Wetter schlägt Kapriolen, die Erderwärmung schreitet unaufhaltsam voran und die Sturmfluten werden häufiger und heftiger. Aber auch die große Zahl neu aufgetauchter krank machender Erreger, von HIV über Ebola bis zu den Coronaviren, dürfte mit großer Wahrscheinlichkeit da­rauf zurückzuführen sein, dass die natürlichen Lebensräume der Tierwelt immer rascher zerstört werden. Tiere weichen in die Nähe menschlicher Siedlungen aus und übertragen Erreger auf den Menschen. Wie notiert Jonas bereits Ende der Siebzigerjahre des letzten Jahrhunderts mit prophetischer Weitsicht? Das Natürliche sei von der Sphäre des Künstlichen verschlungen worden, und gleichzeitig erzeuge das totale Artefakt „die zur Welt gewordenen Werke des Menschen, die auf ihn und durch ihn selbst wirken, eine neue Art von ‚Natur‘, das heißt eine eigene dynamische Notwendigkeit, mit der die menschliche Freiheit in einem gänzlich neuen Sinn konfrontiert ist“.

Bevor wir uns mit den daraus resultierenden Konsequenzen für das große Bild des Menschen als Behaustem befassen, wollen wir zunächst fragen: Was darf ich hoffen in meinem Behaust-Sein?

Was darf ich hoffen in meinem Behaust-Sein?

„Moral führt unumgänglich zur Religion, wodurch sie sich zur Idee eines machthabenden moralischen Gesetzgebers außer dem Menschen erweitert, in dessen Willen dasjenige Endzweck (der Weltschöpfung) ist, was zugleich der Endzweck des Menschen sein kann und soll“, schreibt Immanuel Kant in seiner Abhandlung Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft. Unsere Hoffnung auf ein moralisches Leben also geknüpft an die Existenz Gottes? Was freilich dürfen wir als Behauste noch hoffen, wenn Gott tot ist, wie wir seit Friedrich Nietzsche mutmaßen? In seiner berühmten Freiburger Antrittsvorlesung hatte Max Weber mit einem kurzen Zitat auf Dantes Göttliche Komödie verwiesen: lasciate ogni speranza – „Lasst alle Hoffnung (fahren)“. Bei Dante stand der Spruch über dem Tor zur Hölle, bei Weber einige Jahrhunderte später eingangs des 20. Jahrhunderts „über der Pforte der unbekannten Zukunft der Menschheitsgeschichte“, über dem Tor zum Leben folglich. Ein hoffnungsloses Leben? Warum? Was hatte sich ereignet, dass Max Weber, einer der letzten Universalgelehrten der Geistesgeschichte, meinte, derart pessimistisch auf das Leben schauen zu müssen? Hölle? Ja! Aber nicht im Jenseits, sondern im Diesseits, hier auf Erden. Innerhalb unserer vier Mauern und trotz Dach über dem Kopf. „Die Hölle, das sind die anderen“, lässt Jean-Paul Sartre in Geschlossene Gesellschaft Garcin, einen Journalisten, in diesem Drama um die menschliche Existenz sagen, damit die Situation des psychisch-metaphysischen Unbehaust-Seins exemplifizierend.

Weber, genauso wie Karl Marx, Werner Sombart oder Georg Simmel, meinte, die Ursache allen Übels in der Stadt entdeckt zu haben – als Sitz der Geldwirtschaft. In der Tradition eines Hans Sachs schrieb Simmel in seiner Philosophie des Geldes, das Geld sei der neue Gott, die Bankentürme in den Städten überragten deswegen auch die Kirchtürme. Die ganz großen Entwicklungslinien zeichnet Max Weber in seiner zu Recht berühmten Abhandlung Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus.

Als „Berufsmensch ohne Herz und Genussmensch ohne Geist“ charakterisierte Max Weber den modernen Menschen im Zeitalter des entfesselten Kapitalismus, von ihm häufig auch als „Raubtier-Kapitalismus“ bezeichnet. Verbunden war diese Art Kapitalismus Weber zufolge mit einem universalen Prozess der Rationalisierung, im Verbund ein „stahlhartes Gehäuse der Hörigkeit“ schaffend, in dem der Einzelne genauso wie das Kollektiv in die Zwangsjacke ökonomischer Zweckrationalität gesteckt wurde. Unter Rationalisierung verstand er den zivi­lisatorischen Modernisierungsprozess schlechthin in seinen vielfältigen Gestalten von Bürokratisierung, Spezialisierung, Säkularisierung und kapitalistischer Produktionsweise – begleitet von einer durch die Wissenschaft forcierten „Entzauberung der Welt“. Die Wissenschaft beraubte und beraubt die Welt ihres Zaubers und damit auch ihrer Götter. Das zauberhaft-irrational Göttliche wird ins Abseits gedrängt, fristet ein eher kümmerliches Dasein gegenüber der dominanten sachlich-nüchternen, anonymen Ratio, die, wie in alten Zeiten die Religion, alle Wirklichkeiten unserer Zivilisation durchdringt, Einfluss nehmend auch auf alle Strukturen und Funktionen im Sozialen. Weber folgend transformierten „die kalten Skeletthände der rationalen Ordnung“ die westlichen Gesellschaftsordnungen bis auf ihre Fundamente. Die vereinigten Kräfte aus Kapitalismus, Wissenschaft, Bürokratie und Rationalisierung werden zur schicksalhaften Macht, vor der es kein Entrinnen gibt. Und genuiner Ursitz dieser Macht ist die Stadt, in ihrer „ganzen Organisation darauf eingerichtet, Eigenwilligkeit und Selbständigkeit abzutöten“, wie uns Lewis Mumford wissen lässt. Mumford weiter: „Auszuwählen, zu unterscheiden, Klugheit, Mäßigung oder Vorsicht zu üben, Selbstbeherrschung bis zur Enthaltsamkeit zu treiben, andere Maßstäbe als diejenigen des Marktes zu besitzen, sich andere Grenzen als diejenigen des alsbaldigen Verbrauchs zu setzen – das alles ist böse Ketzerei, die den ganzen Mythos von Megalopolis in Frage stellen und ihre Wirtschaft zum Erliegen bringen würde.“

Die Wirtschaft in der Stadt – ausgerichtet auf Konsum in Permanenz, unbeschränktes Wachstum und einen totalen Markt, vom Einzelnen bedingungslos Konformität einfordernd. Wo kann in einem solchen Szenario, in dem das Individuum zum Appendix quasi ausschließlich kommerziell ökonomischer Mechanismen und Interessen wird, Hoffnung keimen?

Lewis Mumford, der nonkonformistische Autor des epochalen zweibändigen Werkes Die Stadt, antwortet wie folgt: „Eine brauchbare Lösung dieses Problems, um das sich die ganze Zukunft unserer städtischen Kultur dreht, hängt davon ab, dass wir das Bild einer organischeren Welt entwickelten, welches allen Dimensionen der lebendigen Organismen und der menschlichen Persönlichkeit gerecht wird.“ Mumford weiter: „Daher ist für die Weiterentwicklung der Stadt in unserer Zeit eine der wichtigsten Voraussetzungen, dass wir die wesentlichen Verrichtungen und Werte zurückgewinnen, die erstmals in den antiken Städten, vornehmlich in Griechenland, verkörpert waren. Daher müssen wir uns jetzt die Stadt nicht in erster Linie als einen Ort vorstellen, wo man Geschäfte macht oder regiert, sondern als wichtiges Organ, das der neuen menschlichen Persönlichkeit Ausdruck verleiht und Geltung verschafft. Der Persönlichkeit des ‚Menschen in der einen Welt‘.“

Es sind die immer wiederkehrenden, immer brachialer werdenden Krisen, welcher Provenienz auch immer sie sein mögen, die mit den Fragen nach ihrer Lösung auch immer wieder die „vereinte“ Welt thematisieren, eine universale Hoffnung verbindend mit den Geboten einer menschheitlichen Ethik verbind­lichen Hausens. Wissen, Ethik und Hoffnung im Verein malen kein neues Bild vom Menschen in seinem Behaust-Sein, eher ein seit Jahrtausenden bekanntes.

Was ist der Mensch als Behauster?

Die Vielfalt der Perspektiven beim Blick auf menschliches Behaust-Sein in der Geistesgeschichte ist bemerkenswert. Fast alle Themen, die uns Heutige interessieren, haben zu ihrer Zeit auch unsere Vorfahren beschäftigt. Die Ästhetik der Architektur findet dabei genauso ihren Platz wie deren Gewichtung nach Form und Funktion oder deren soziale Aspekte, genauso wie ihre Wirkung in der Stadt und bei der Stadtplanung oder in der Natur als eine von der Architektur einzelner Objekte oder eine von der Architektur eines Dorfes beherrschten Landschaft. Ökonomische Aspekte sind per se mit dem Behaust-Sein verbunden, denn am Anfang aller systemischen Wirtschaft, wie wir sie kennen, steht der oikos, Haus und Herdfeuer also, neben der Kleidung Überlebensgarant des Mängelwesens Mensch. Ohne die berühmten vier Mauern, dem Dach über dem Kopf und dem Herdfeuer wäre zumindest der heutige Mensch in unseren Breiten nicht überlebensfähig. Aber das Herdfeuer, genauso wie das Lagerfeuer unserer Vorfahren, war und ist auch unabdingbar Initial der CO2-Emissionen und damit einer der Verursacher des Klimawandels.

Auch die Frage nach dem Sozialen, dem Für und Wider von Eigentum, verbunden mit religiöser oder politischer Einflussnahme, hat die Menschen in ihrem Hausen von Epoche zu Epoche begleitet und immer wieder zu neuen Antworten inspiriert und herausgefordert. Die Psychologen haben sich auf die Spurensuche nach dem seelischen Nervus Rerum des Behaust-Seins begeben wie die Philosophen nach dessen Warum und dessen Sinnhaftigkeit. Jüngeren Datums sind die in diesem Beitrag skizzierten Fragen nach Ökologie und Nachhaltigkeit, beherrschend in der Vergangenheit dagegen eher die Frage nach der Versorgung, auch der energetischen, und der Sicherung menschlichen Existierens schlechthin. Überhaupt sind mit der Frage der Existenz Vertreter aller wissenschaftlichen Disziplinen befasst, mündend naturgemäß auch und speziell in den Themenkomplex der Ethik und das Miteinanderumgehen in familialen, dörflichen und städtischen Konstellationen des Sozialen. Generell erweist sich die Frage nach der Ethik im Hausen als Essenz unserer Gegenwart und mehr noch unserer Zukunft: Welche Lehren für unser Selbstverständnis in dieser Zeit, für den Umgang miteinander, vor allem auch für den Umgang mit der Natur und deren ­Ressourcen, aber auch deren Grenzen und vor allem auch Gefahren müssen wir ziehen, um die Risiken zu minimieren aber auch und zugleich in Würde überlebensfähig zu bleiben? Die Corona-Pandemie hat uns Segen und Fluch unserer Art des Hausens vor Augen geführt und uns einmal mehr mit der unabweisbaren Tatsache konfrontiert, dass wir, unserer Ratio-Gläubigkeit zum Trotz, Entscheidungen ins Ungewisse hinein treffen und dafür Verantwortung übernehmen müssen.

---ENDE DER LESEPROBE---