Die zweite oder letzte Chance - Daniel Wachter - E-Book

Die zweite oder letzte Chance E-Book

Daniel Wächter

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Beschreibung

Josie Sturgess. Terry Khan. Logan Lampard. Drei junge Londoner aus komplett unterschiedlichen Gesellschaftsschichten haben eines gemeinsam: Sie stehen vor Gericht. Ihre wohl einzige Chance, dem Gefängnis zu entkommen, ist die Teilnahme an einem Rehabilitierungscamp in der Schweiz. Doch niemand konnte erahnen, dass dort die Probleme erst ihren Anfang nehmen würden...

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 285

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Daniel Wachter

Die zweite oder letzte Chance

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

DANIEL WACHTER

Danksagung

Prolog

I

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

II

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

III

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

IV

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

V

Kapitel 61

Kapitel 62

Kapitel 63

Kapitel 64

Kapitel 65

Kapitel 66

Kapitel 67

Kapitel 68

Kapitel 69

Kapitel 70

Kapitel 71

Kapitel 72

Epilog

Anmerkung des Verfassers

Über den Autor

Impressum neobooks

DANIEL WACHTER

DIE ZWEITE

ODER

LETZTE CHANCE

Roman

Texte: © 2022 Copyright by Daniel WachterUmschlaggestaltung: © 2022 Copyright by Daniel Wachter

Verlag Taschenbuchausgabe:Daniel Wachter

CH-6036 Dierikon

http://daniel-wachter.com

Druck: epubli – ein Service der neopubli GmbH, Berlin

Eine E-Book-Version dieses Werkes wurde publiziert von neobooks – ein Service der neopubli GmbH, Berlin

Für Grosspapi

Natale Ricciardi

(1931-2021)

Danksagung

Mein Dank gilt all denjenigen, welche mich in meinen Projekten und in den Tagen meines Lebens stets unterstützt und immer wieder Rückmeldungen zu den Werken gegeben haben.

Ganz besonders meinen Eltern.

Prolog

Battersea, Wandsworth, London

Logan Lampard:

Gestatten, Battersea.

Teil des London Borough of Wandsworth.

Am südlichen Ufer der Themse gelegen, was bereits ziemlich viel auszusagen schien.

Ich, Logan Lampard, genannt Logie, der mit Frank, immerhin einem der berühmtesten Fussballer Londons, nur der Nachname gemeinsam hatte. Trotz meinen einundzwanzig Jahren hatte ich noch nicht viel mehr gesehen als London selbst. Zugegeben, ausser London und Schottland.

Ich lebte mit meinem Vater und meinen drei Geschwistern in einem von gefühlt tausend identisch aussehenden Backsteinhäusern an den Lurline Gardens unweit der Battersea Park Station. Meine Mutter hatte uns nach der Geburt des jüngsten Kindes verlassen, nachdem sich herausgestellt hatte, dass meine Schwester von einem Schnösel aus Richmond gezeugt worden war. Doch auch meine Schwester wurde von ihr zurückgelassen, so dass ich mit einer gewissen Verständnislosigkeit meinen Vater bewunderte, dass er Maddie dennoch wie sein eigenes Kind grossgezogen hatte.

Ich hätte das nie gekonnt.

Wobei mein Vater selbst auch kein Heiliger war; einer dreimonatigen Liaison mit einer Verkäuferin aus Tooting resultierte mein Halbbruder Simon. Weil die gute Dame jedoch bereits von drei Männern vier Kinder zur Welt gebracht hatte und mit der Erziehung überfordert gewesen war, hatte sich die Sozialbehörde eingeschaltet, was meinem Vater etliche Gerichtstermine beschert hatte.

Meine beiden Brüder, Jeremy und Kieran, waren beide ausgezogen; Jeremy lebte und studierte in Cambridge, während Kieran als Lokführer bei Avanti West Coast in Wolverhampton arbeitete und in der Nähe von Birmingham wohnte.

Ich wiederum drückte zurzeit die Schulbank an der London South Bank University in Southwark, doch war ich zum Leidwesen meines Vaters eher faul. Studentenpartys lagen mir eher als das Mitschreiben im Hörsaal.

Eingeschrieben hatte ich mich mal für Psychologie, weil ich mir hatte sagen lassen, dass ich sehr gerne meine Mitmenschen analysiere.

Ja, das Südufer der Themse hatte ein gewisses Schmuddelimage über die Jahrhunderte verpasst bekommen. Als William Shakespeare 1599 an der Southbank sein Globe Theatre errichtete, gehörte das Theater noch zum sündigen Gewerbe. Später wurde beispielsweise Southwark zu einem bevorzugten Standort von Gefängnissen, unweit der Stadt, aber dennoch ausserhalb der Stadtmauern und dank der Themse mit einer natürlichen Barriere vom Gesellschaftsleben abgegrenzt. Bis heute schwingt beim Nennen des Stadtteilnamens eine negative Konnotation mit.

Touristen besuchten lieber den Hyde Park als den Battersea Park. Auch von einem Buckingham Palace oder einer St Paul’s Cathedral konnten wir nur träumen, geschweige denn von einer Oxford Street, auch wenn unsere lokale High Street wohl doch mehr Charme als diese endlose Meile von Billigketten zu besitzen schien. Battersea und Wandsworth im Allgemeinen waren viel schöner und sicherer als ihr Image dies vermuten liess.

Immerhin hatte es die Battersea Power Station vor einigen Jahrzehnten auf das Cover eines Pink Floyd-Albums geschafft. Auch wenn es manchen Personen missfiel, war die seit ebenso einigen Jahrzehnten stillgelegte Power Station zu einem unfreiwilligen Wahrzeichen der Stadt geworden: Fast jedem stachen die vier markanten Schornsteine ins Auge, was auch dazu geführt hatte, dass geplante Abriss- und Sprengungspläne immer wieder in den Aktenschreddern landeten. Chelsea wollte an dieser Stelle mal sein neues Fussballstadion errichten – und nun war jüngst Apple mit 1400 Mitarbeitern eingezogen.

Gerade als ich meinen rechten Fuss vom Kopf der Rolltreppe nahm, welche mich vom Untergrund der Battersea Park tube station – ja, wir hatten 2021 tatsächlich Anschluss ans Underground-Netz erhalten – rauf an die Erdoberfläche spuckte, liess mich eine Stimme innehalten.

«Hey, Lampard!»

Ich konnte mich nicht umdrehen, da ertönte ein lauter Knall, ich spürte ein Sirren, ehe es vor meinen Augen schwarz wurde.

I

DER FEHLER

Kapitel 1

Hampstead, Camden, London

Josephine Sturgess:

Nachdem die Sprudeldüsen ihren Dienst beendet hatten, kletterte ich tiefenentspannt aus dem Whirlpool und hüllte mich in eines der flauschigen Badetücher, die auf den benachbarten Liegen lagen.

Solch ein Jacuzzi war doch eine grossartige Sache, eine der Annehmlichkeiten, die das Leben als hauptberufliche Tochter eines der reichsten Briten mit sich brachte.

Mein Dad, Andrew Sturgess, hatte mit seiner Sturgess-Gruppe ein Imperium aufgebaut, das inzwischen sogar das Virgin-Konglomerat seines Studienfreundes Richard Branson in den Schatten stellte. Ob Stahlwerke, Supermärkte, Luxusboutiquen an den Prachtstrassen dieser Welt, Apotheken, Reisebüros oder Sportclubs – die Sturgess’ hatten überall ihre Finger drin. Ich genoss dieses Leben – nur Rechte, keinerlei Verpflichtungen.

Meine Mutter wiederum hatte das Vermögen meines Vaters zum Anlass genommen, in ihre Karriere als Modedesignerin zu investieren. Als äusserst praktisch stellte sich freilich heraus, dass der Ehemann ein grossflächiges Einzelhandelsnetz besass, wo man die Produkte gleich an den Mann oder die Frau bringen konnte.

Auf unzähligen Galas waren wir Ehrengäste, ich verbrachte kaum eine Minute meines Lebens ohne ein Glas Champagner in meiner Hand.

Sportanlässe besuchten wir ausschliesslich in der VIP-Loge und wenn wir jeweils in St Pancras in den Eurostar zu den Modeschauen nach Paris reisten, wurden wir bereits am Eingang jeweils persönlich empfangen. Meine Vorfreude für Ende Monat stieg, dann sollte die neue Kollektion meiner Mutter auf den Laufstegen präsentiert werden.

Früher war ich an all diesen Modeschauen präsent, weniger wegen den Kollektionen, vielmehr wegen den Models, mit denen man danach oftmals einige sehr entspannende Minuten oder Stunden im Hinterzimmer hatte geniessen können.

Seit ich mit Jordan zusammen war, waren solche Episoden selbstverständlich tabu. Auch wenn man mich hinter vorgehaltener Hand oftmals als Schlampe betitelte – und nebenbei glaubte, ich würde es nicht bemerken – hatte ich moralische Prinzipien. Und Treue gehörte dazu.

Nach dem heissen Bad stellte ich mich unter die Dusche, um mich anschliessend vor dem raumhohen Spiegel zu schminken.

Ich wollte heute besonders schön sein, denn Jordan hatte mich in ein sündhaft teures Restaurant in Belgravia eingeladen.

Jordan Phillips war nicht nur mein Freund, sondern einer der talentiertesten jungen Fussballer Englands. Zurzeit der zweittreffsicherste Stürmer von Manchester United, hatte er kürzlich ein Aufgebot für die englische Nationalmannschaft erhalten und war auch ein Kandidat fürs Aufgebot für die Fussball-Weltmeisterschaft in Katar im November dieses Jahres. Die nebenbei vom Konzern meines Dads grosszügig gesponsert wurde.

Wir waren gern gesehene Gäste auf Partys und Empfängen, befanden uns schon auf zahlreichen Gästelisten solcher. So standen wir auch gerne im Blitzlicht der britischen Klatschpresse. Böse Zungen bezeichneten mich gerne als Londons Paris Hilton, auch wenn ich grossen Neid dieser Lästertanten dahinter vermute.

Londons Clubs rissen sich um uns, wir konnten stets auswählen, welchen wir besuchen wollten.

Heute musste wahrlich ein besonderer Anlass stattfinden, ich solle mich hübsch anziehen, hatte er nur lächelnd gemeint.

Will er mir etwa einen Antrag machen?

Diesen Gedanken verwarf ich schnell wieder, wollte ich doch keinesfalls zu hohe Erwartungen schüren. Hohe Erwartungen bargen nämlich meist hohe Risiken, enttäuscht zu werden.

Unsere Villa lag am Well Walk, südlich des Hampstead Heath gelegen. Wir zählten berühmte Personen zu unseren Nachbarn, wie Jeremy Irons beispielsweise. Der Stil entsprach einem typischen englischen Landhaus in diesen schnulzigen Cornwallfilmen nach Rosamunde Pilcher. Unzählige Erker und Giebeldächer. Der Whirlpool im obersten Stockwerk bot einen grossartigen Ausblick über die Dächer Hampsteads.

Nervös warf ich einen Blick auf die grosse Standuhr in der Ecke des Badezimmers, deren Sekundenschlag seit ich denken kann eine beruhigende Wirkung auf mich besass.

Ich hatte noch zwanzig Minuten, bis mich Jordan abholen wollte. Wir wohnten nicht zusammen; Jordan hatte zwar eine Wohnung in Kensington, wohnte aber hauptsächlich wegen des Vereins in Alderley Edge südlich von Manchester. Ich wünschte mir schon lange, dass er mich fragen würde, wenigstens in die Wohnung in Kensington mit einzuziehen, obwohl der grosse Traum seine Villa in Alderley Edge war.

Schnell eilte ich zum Kleiderschrank.

Was zum Henker soll ich anziehen?

Fünf Minuten später sass ich verzweifelt auf der Bettkante, dem letzten Quadratzentimeter, den ich noch nicht mit dem Inhalt meines Kleiderschrankes zugemüllt hatte. Dennoch wusste ich nicht, was ich anziehen sollte.

Ich vergrub mein Gesicht in den Händen und unterdrückte einen Schluchzer. Dann hatte ich die zündende Idee: Ich schnappte mir mein Handy und startete einen Gruppen-Videocall mit meinen Freundinnen, die als Stilberaterinnen fungierten.

Drei Minuten vor dem vereinbarten Zeitpunkt war ich fertig angezogen; ein rotes Designerkleid und hochhackige Schuhe tragend, in denen wohl nur ich elegant laufen konnte.

Dann klingelte es an der Haustür. Ich stöckelte zu dieser und öffnete sie selbst, weil offenbar das Personal Besseres zu tun hatte. Das würde ich aber Dad berichten.

Jordan stand davor, im edlen schwarzen Anzug und im weissen Hemd. Wir gaben uns einen sanften Kuss.

«Darf ich bitten?», fragte er und griff nach meiner Hand. Er hauchte einen Kuss auf meinen Handrücken.

«Gerne!», entgegnete ich.

Er führte mich in die Einfahrt unserer Villa, wo Jordans Sportwagen stand: Ein hellgrüner Lamborghini Aventador.

Galant öffnete er mir die Beifahrertür, ehe er sich hinter das Steuer setzte. Wir gurteten uns an und kurz darauf setzte Jordan den Sportwagen in Bewegung.

Während der Fahrt, die uns über die Finchley Road am Regent’s Park vorbei nach Marylebone führte, sprach keiner ein Wort. Doch still sein mit Jordan war angenehm, er strahlte eine grosse Ruhe aus.

Ich schaute aus dem Fenster, auf der anderen Seite zeichneten sich dunkel im Nachthimmel die Bäume des Hyde Park ab, im Kontrast zum beleuchteten Marble Arch.

Wir fuhren am Ostrand des Parks entlang, um dann beim Wellington Arch in die Quartierstrassen des noblen Belgravia einzubiegen.

Wenig später parkte Jordan vor der Einfahrt des Mosimann’s, einem der wohl exklusivsten Restaurants der Stadt. Der Besitzer war ein berühmter Schweizer Koch, der auch schon für die Queen Aufträge ausgeführt hatte.

Jordan öffnete mir wieder die Beifahrertür, ehe er dem herbeigeeilten Pagen die Autoschlüssel in die Hand drückte.

«Machen Sie da aber keinen Kratzer rein, mein Freund liebt den Wagen mehr als mich!», gab ich dem Pagen mit auf den Weg. Jordan bedachte mich mit einem undefinierbaren Blick, was ich jedoch geflissentlich ignorierte.

Wir wurden am Eingang in Empfang genommen, ich durften meinen Mantel für die Garderobe abgeben, ehe wir dann zu unserem Tisch geleitet wurden. Sofort fragte uns ein Kellner nach ersten Getränkewünschen. Ich bestellte einen Champagner, während Jordan –ganz der Sportler–bei Wasser blieb.

«Schön hier, oder?», begann er den Smalltalk. Ich nickte.

Kapitel 2

London Stadium, Stratford, London

Logan Lampard:

«Hier, dein Bier!» Mit diesen Worten reichte mir mein Kumpel Keith einen Plastikbecher. Ich bedankte mich artig mit einem Nicken und musterte die uringelbe Flüssigkeit argwöhnisch.

«Sorry, die hatten kein Ale mehr, nur mehr diese niederländische Pisse!» Keith hob entschuldigend die Hände. Ich seufzte, entnahm meinen Gesichtszügen jedoch die Strenge. Keith konnte schliesslich nichts dafür, dass die Kommerzialisierung des Sportes längst auch den englischen Fussball eingenommen hatte. Und ihn zu vergraulen war das Letzte, was ich wollte, war er ja schliesslich noch mein wohl einzig richtiger Freund auf Erden.

Wir sassen auf der Tribüne des ehemaligen Olympiastadions, welches inzwischen zur neuen Heimstätte von West Ham United geworden war. Heute stand das Hinspiel des UEFA Europa League-Halbfinales gegen Eintracht Frankfurt auf dem Programm. Die Stimmung war ausgezeichnet, Sprechgesänge hallten durch die Reihen. Ich war kein grosser Hammers-Anhänger, sympathisierte jedoch mit ihnen, weil sie im Gegensatz zu den drei Grossen der Hauptstadt namens Chelsea, Arsenal oder Tottenham noch am ehesten das Image eines Arbeitervereins hatten, auch wenn sie inzwischen ebenso wie die meisten Vereine in England von einem Milliardär aufgekauft wurden und auch der Umzug ins Olympiastadion gewisse Ambitionen hervorgerufen hatte. Doch was hätten sie sonst machen sollen – der altehrwürdige Upton Park war verkauft worden und musste Wohnungen und Einkaufszentren weichen, da war ein freigewordenes Olympiastadion, zudem noch im Osten der Stadt gelegen, ein wahrer Segen gewesen.

Nur besseres Bier dürften sie verkaufen.

«Mal sehen, was die Krauts heute drauf haben!», murrte Keith und spielte damit auf Frankfurt an, die ebenso wie West Ham eher überraschend im Halbfinale des Europapokals gelandet waren, zumal sie noch den grossen FC Barcelona aus dem Wettbewerb geworfen hatten. Keith hingegen war glühender Hammers-Fan und besuchte nahezu jedes Heimspiel. Seine Liebe ging sogar so weit, dass er mal ein Mädchen abserviert hatte, nachdem sie ihm beim zweiten Date gestanden hatte, dass sie Anhängerin des FC Millwall sei, dem grossen Rivalen in Ostlondon. Freilich hatte er es nicht unterlassen können, sie vor allen Restaurantbesuchern noch mit Hasstiraden einzudecken.

«Ich hoffe, sie schicken diese Deutschen mit einer Packung nach Hause! Wären sie doch im Fussball so schlecht wie bei der Kriegsführung!», grummelte Keith. Ich grinste. Nicht nur eine Millwall-Anhängerin würde es niemals in sein Herz schaffen, auch eine Deutsche würde wohl ein ganzes Leben lang vergebens auf Einlass warten.

Deutschland und das Vereinigte Königreich verband eine grosse Rivalität – sei es historisch durch die beiden Weltkriege bedingt, oder eben im Fussball. Darum hob ich meinen für zwanzig Pfund wohl dezent überteuert auf dem Parkplatz vor dem Stadion erworbenen West Ham-Schal in die Höhe und johlte irgendwas mit, auch wenn ich in etwa so textsicher war wie bei der dritten Strophe von God save the Queen.

Nach dem Spiel huschten wir durch die Menge zum Bahnhof Stratford und gelangten per Rolltreppe in den Untergrund, wo sich bereits hunderte Matchbesucher auf den Bahnsteigen der Jubilee Line tummelten. Die Stimmung war längst nicht mehr so ausgelassen wie vor dem Spiel, hatten die Frankfurter doch einen Auswärtssieg erlangt. Auch Keith neben mir zog eine Schnute wie nach drei Wochen Regenwetter. Ich wagte es keinesfalls, auch nur ein Wort zu flüstern. Zwar würde West Ham im Rückspiel kommende Woche in Frankfurt die Gelegenheit zur Revanche haben, doch es war wohl allen bewusst, welchen Vorteil man heute in Stratford verspielt hatte.

Kurz darauf fuhr der nächste U-Bahn-Zug ein, die Türen glitten zur Seite, alle drängten hinein. Ich liess Keith den Vortritt, gerade noch konnten wir in den Zug huschen, als die Türen nach einem kurzen Warnhinweis wie eine Guillotine zuknallten.

An der Waterloo Station trennten sich unsere Wege, da Keith neben dem Bahnhof Clapham Junction wohnte, musste er hier auf die Eisenbahn umsteigen.

Mit Handschlag verabschiedeten wir uns, ehe er mit der Rolltreppe nach oben fuhr, während ich zum Verbindungstunnel zur Northern Line schritt. Ich hatte das Gefühl, als hätte mich das halbe Stadion bis hierhin begleitet, auch wenn wir meilenweit weg von Ostlondon waren. Selbst wenn die durchschnittliche Laune immer noch mies war, war die Stimmung nicht mehr auf dem Nullpunkt, weswegen doch der eine oder andere Fangesang durch die Tunnels geschmettert wurde.

Offenbar hatte ich an diesem Abend Glück mit meinem Timing, denn kaum hatte ich den Bahnsteig betreten, fuhr ein Zug mit Zieldestination Battersea Power Station ein.

«Please, mind the gap!», hallte die berühmt-berüchtigte blecherne Lautsprecherdurchsage, welche vor dem Abstand zwischen Zug und Bahnsteig warnte, durch die Tunnelröhre, ehe sie vom Dröhnen des Zuges überdeckt wurde.

Perfekt. Ich hatte sogar noch einen Sitzplatz. Nun begann ich, meine Müdigkeit zu spüren und lehnte den Kopf ans Fenster, als die U-Bahn mit synchronem Rumpeln durch Londons Untergrund brauste.

An der Endstation angekommen, wurde ich aus meinem Tagtraum gerissen und liess mich per Rolltreppe nach oben befördern.

Die vier Schornsteine der Battersea Power Station wirkten in der Dunkelheit fast unheimlich, doch das Gebäude hatte durch das rundherum neu errichtete Quartier an Dominanz verloren. Moderne Bauten mit verschachtelter Architektur prägten nun das Gebiet und Battersea hatte ein wenig von seiner Seele verloren.

Doch man musste nur die Battersea Park Road überqueren, um das ursprüngliche Quartier kennen zu lernen. An dieser befand sich auch das Duchess Belle, mein Stammpub. Von der Strasse nicht einsehbar, besass es im Innenhof einen kleinen Garten, den ich sehr liebte. Ein Kontrast zum hektischen Leben Londons.

Just dies nahm ich mir nun spontan vor, da mich die Niederlage West Hams doch ein wenig mehr nervte, als ich zugeben wollte. Ein bisschen störte mich auch, dass ich die Idee für diesen Absacker nicht früher hatte, denn dann hätte ich Keith auch noch fragen können.

Hätte, hätte, Fahrradkette...

Also stiess ich die Tür zum Lokal auf und wurde sogleich von einem gigantischen Lärmteppich, bestehend aus Livemusik und johlenden Pubgästen, garniert mit dem fast untergehenden Gemurmel des Fernsehreportes einer Sport-Liveübertragung, empfangen.

«Ein Guinness, bitte!», bestellte ich beim Barkeeper, als ich mich endlich durch die Meute zur Bar durchgekämpft hatte.

Ich hatte mir vorgenommen, nur ein einziges Guinness zu trinken.

Eine glatte Selbstlüge.

Kapitel 3

Earl’s Court, Kensington & Chelsea, London

Logan Lampard:

Verdammter Mist.

Selten bekundete ich mehr Mühe, meine Augenlider zu heben, als heute.

Als ich es endlich geschafft hatte, durchzuckte mich ein heftiger Gedanke.

Mein Kopf tut weh. Und wie er schmerzt!

Mühsam richtete ich mich auf. Erst jetzt bemerkte ich, dass ich direkt neben einem Hauseingang gelegen hatte. Dies erklärte dann wohl auch die mitleidigen Blicke, welche mir die vorbeieilenden Passanten zuwarfen.

Nicht nur mein Schädel brummte, sondern auch mein Rücken schmerzte; meine nächtliche Unterkunft war wohl nicht sehr förderlich für meine Wirbelsäule gewesen.

Langsam, um mich nicht übergeben zu müssen, wagte ich einen Blick an mir herunter. In den Blicken herrschte nicht nur Mitleid, sondern auch eine Prise Argwohn. War ich etwa splitterfasernackt?

Der erste Blick beruhigte mich; ich trug immer noch meine Kleidung, selbst der West Ham-Schal war noch um meinen Hals gewickelt. Ah, deshalb der Abscheu. Hatte wohl im falschen Stadtteil gepennt.

Auch die Jacke trug ich noch, zugeknöpft, und auch meine Schuhe waren mir nicht abhanden gekommen. Ein Abtasten der Hosentaschen bestätogte mir, dass das Wesentliche noch vorhanden war: Brieftasche, Schlüssel, Handy. Als ich letzteres hervorziehen wollte, um nach einer Uhrzeit oder meinem Standort zu sehen, musste ich feststellen, dass der Bildschirm schwarz blieb.

Akku leer.

Natürlich. Wie immer.

Also wagte ich mich in kleinen Schritten vorwärts, bis ich an eine Strassenkreuzung kam. Das grosse, gelbe, gebogene M einer sehr berühmten Schnellrestaurantkette signalisierte mir, dass ich mich zumindest halbwegs in der Zivilisation befand. Zugegeben, die schwarzen Taxis und die roten Doppeldeckerbusse zeigten dies auch.

Nun erkannte ich Strassenschilder:

Trebovir Road

Earl’s Court Road

The Royal Borough of Kensington and Chelsea

Alles klar – dies erklärte die hasserfüllten Blicke aufgrund meines Schals natürlich vollkommen, war doch die Stamford Bridge des FC Chelsea knapp eineinhalb Meilen von meiner provisorischen Schlafstätte entfernt. Weiter vorne erkannte ich den berühmten roten Kreis mit dem blauen Balken, dem weltberühmten Logo der Underground.

Ich war nicht komplett verloren.

Eilig schritt ich auf die U-Bahnstation zu. Doch just als ich durch die Tore in die Stationshalle eintreten wollte, hörte ich laute Stimmen.

«Da ist er!»

«Haltet ihn auf!»

Und wenige Sekunden später war mein Weg zum Bahnsteig durch eine Wand junger Männer, die mich grimmig musterten, versperrt. Sie waren zu fünft und hatten alle ihr Haar abrasiert, bei einem, der nur ein Tanktop trug, erkannte ich Hakenkreuze und SS-Blitze auf den nackten Armen.

Na toll, Skinheads.

«Entschuldigt, ich müsste da durch!», wagte ich einen – natürlich erfolglosen –Versuch.

«Nicht gedacht, dass wir dich hier nochmals antreffen, Kleiner. Du gehst jetzt nirgendwo hin!», knurrte derjenige mit den Tattoos.

«Was heisst hier nochmals?» Ich musste schleunigst lernen, meinen Mund zu halten. Das könnte sonst ins Auge gehen.

Wortwörtlich.

Kaum hatte ich den Gedanken abgeschlossen, taumelte ich schon und spürte, nur noch das halbe Sehvermögen zu besitzen.

Es war wahrlich ins Auge gegangen.

Meine Kopfschmerzen hatten sich multipliziert, was nicht gerade hilfreich bei der Rekonstruktion des gestrigen Abends war, geschweige denn, wann ich denn mit diesem komischen Verein voller Vollidioten zusammengeprallt war.

«Alter, was soll das?!», keifte ich und funkelte die Neonazis böse an. «Ihr seid eine Schande für unsere Nation!»

«Du hast unser Koks geklaut. Wir wollen es wiederhaben!» Der Tanktop-Wichser hatte nun seine Arme verschränkt und schaute mich gleichgültig an, so dass er wie eine Milchbubi-Version von Rambo wirkte. Arschloch.

«Ich habe gar nichts gemacht!», verteidigte ich mich, wohlwissend, dass ich zwischen Duchess Belle und diesem Hauseingang an der Earl’s CourtRoad einen verdammten Filmriss hatte.

Statt einer Antwort nickte Milchbubi-Rambo einem anderen Trottel zu, der noch Akne auf der Wange hatte, aber dennoch einen auf dicke Hose machte. Ich unterdrückte mit aller Kraft ein genervtes Augenverdrehen. Pickelfresse schritt auf mich zu und riss an meiner Jacke. Überrascht über seine Kraft wich ich einen Schritt zurück, woraufhin die Naht der Aussentasche nachgab und der Inhalt auf den Boden purzelte. Ich verfluchte mich, vorhin nur die Hosentaschen geprüft zu haben. Klar, ich steckte niemals nur einen Gegenstand in die Jackentaschen, denn wenn man einmal in Lambeth saufen gegangen war, wusste, warum.

«Ach was haben wir denn da?», säuselte Milchbubi-Rambo und hob den Gegenstand auf, um ihn mir dann wedelnd vor die Nase zu halten. Eine transparente, wiederverschliessbare Tüte mir weissem Pulver.

«Keine Ahnung, Mehl vielleicht?»

«Sei nicht albern, Lampard!» Bevor ich mich nur fragen konnte, wieso in aller Welt er meinen Namen wusste, sprach er weiter. «Du hast nicht viele Chancen!»

«Für Roggenmehl ist es zu dunkel...», gespielt überlegend strich ich über mein Kinn. «Dann wohl etwa Rattengift!»

Ich erntete einen Schubser.

«Du bist ja so was von witzig, ne! Das ist unser Koks!»

«Wie schön, dann kann ich jetzt ja gehen!» Ich zwängte mich zwischen Milchbubi-Rambo und Pickelfresse durch, als mich Rambos Stimme innehalten liess.

«Richte deiner Mum doch bitte aus, dass sie aufhören sollte, meinen Vater zu ficken!»

Kapitel 4

Shoreditch, Hackney, London

Terry Khan:

«Verdammter Mist!», fluchte ich, als mir zum erneuten Male der Joint aus den Händen zu entgleiten drohte. Ich hatte den Filter wohl zu wenig stark gefaltet, denn er drückte die Long Papes immer wieder zur Seite.

«Was hast’n denn für’n Problem, Alter?», motzte mich eine weibliche Stimme von rechts an. Ich drehte meinen Kopf zur Seite und erblickte Tessa, wie sie sich neben mich hinsetzte. Erst jetzt wurde mir klar, dass ich am Boden sass, den Rücken an eine Hauswand gelehnt.

Stumm wies ich auf den Joint. Tessa seufzte, schnappte sich ihn und hatte ihn im Handumdrehen fertig gedreht.

Ja, so war Tessa Livingstone. Die absolute Perfektion. Ihre langen, schwarzen Haare, ihr geiler Körperbau und auch ihr Charakter, ich war ja schliesslich nicht nur ein oberflächliches, notgeiles Arschloch. Wobei, ja, meistens schon.

Das einzige Problem war, dass mich Tessa nur als ihr bester Freund sah. Mehr nicht. Also blieb mir jeweils nichts anderes übrig, als mir einen runterzuholen, wenn ich an sie dachte.

Herzlich willkommen bei der Geschichte von Terry und Tessa.

Ich nickte ihr dankbar zu und zündete den Joint mit einem Feuerzeug an. Ich inhalierte tief. Mann, tat das gut, nach so einem beschissenen Tag wieder runterzukommen.

Oh, da fiel mir ein: Ich hatte mich ja gar noch nicht vorgestellt. Schnell drückte ich Tessa den Joint in die Hand und rieb mir die Handflächen.

Mein Name ist Terrence John Graham Eric Khan, jeweils Terry gerufen, und bin zweiundzwanzig Jahre alt. Mit meiner Mutter lebte ich in einer verfickten Bruchbude hier in Shoreditch. Meinen Vater hatte ich niemals kennen gelernt.

Klischee, nicht?

Auch wenn dieser Stadtteil seit geraumer Zeit als hip galt und auch viele Künstler und Hipster eingefallen sind, gab es immer noch Leute wie uns: Ich vertickte Drogen, hatte keinen Job, während sich meine Mum mindestens viermal in der Woche für fünfzig Pfund die Stunde von irgendwelchen Typen ficken liess. Notabene solchen in piekfeinen Nadelstreifenanzügen, welche danach, als wäre nichts gewesen, in ihre Vorstadtgärten zu ihren Familien fuhren. Ein solcher dieser Wichser war auch mein Erzeuger. Natürlich hatte er niemals Interesse an mir gezeigt, denn sonst hätte ja seine Frau mitgekriegt, dass er Hobbynutten zum halben Preis bumste.

Da meine Mutter von indischen Einwanderern abstammte, hatte ich einen eher dunkleren Teint, was gewissen weissen Rich Kids nie in den Kram gepasst hatte. Dann hatte ich noch den typischen Nachnamen – Khan – von meiner Mutter geerbt. Meinen Rufnamen verdankte ich ihrem Spleen für Monty Python, wo mit den Herren Jones und Gilliam gleich zwei Mitglieder Inspiration für meinen ersten Vornamen waren. Den Zweitnamen John verdankte ich John Cleese, den Drittnamen Graham dem viel zu früh verstorbenen Graham Chapman, während als Namenspate für den vierten und letzten Vornamen Eric Idle diente.

Von der Schule wurde ich schon lange geschmissen, hatte mal einem Lehrer ein Veilchen verpasst. Keine Ahnung, mehr, warum. Wahrscheinlich irgendein rassistischer Kommentar über Inder. Deswegen hatte ich auch nie einen Abschluss gemacht.

Jetzt hatte ich nur noch Tessa und die Drogen.

Tessa, meine unerwiderte Liebe. Ich durfte nicht daran denken, denn dann würde sich eine kalte Faust um mein Herz legen und langsam, aber immer fester zupressen, dass mir die Luft wegbleiben würde.

Dankbar, dass mir besagter Engel mit dem Joint vor der Nase wedelte, schnappte ich mir den Glimmstängel und zog tief daran, um die aufkommenden Gedanken zu verscheuchen. Ich musterte meine Tätowierungen. I love Mum, umrahmt von einem Herz, zierte meinen Unterarm. Statt eines gerührten Dankeskusses hatte es eine schallende Ohrfeige gegeben.

Dann kamen die Totenköpfe und Gebetskreuze auf beiden Armen. Und zu guter Letzt der ausgestreckte Mittelfinger auf dem rechten Brustmuskel. Mein Lieblingstattoo. Ich sparte mir ein paar Pfund zusammen, um diesen mit dem Schriftzug Fuck you zu ergänzen. An wen dies adressiert sein sollte, würde sich jeder Betrachter selbst interpretieren dürfen.

Ja, so verbrachten wir unsere Nachmittage. Zugekifft auf dem verfickten Bürgersteig einer versifften Quartierstrasse unter einer nach Pisse miefenden Bahnunterführung in Shoreditch, wo uns diese Möchtegern-Vollidioten mit ihren Staffeleien unter den Armen mit Abscheu, aber auch mit einem kleinen Bisschen Mitleid beachteten.

«Mason hat mich um ein Date gebeten!», riss mich Tessa aus ihren Gedanken. Mir fiel beinahe der Joint aus der Hand und ich kriegte einen Hustenanfall.

«Mason?», krächzte ich und musste fast kotzen. Nicht wegen des Joints, sondern nur schon beim Gedanken an diesen verdammten Dreckskerl.

«Ja!», sagte sie stolz und ich erkannte ein freudiges Funkeln in ihren Augen, das in den letzten Jahren viel zu selten aufgetaucht war. Ich wusste, dass ihr Vater sie regelmässig verprügelte. Oder auch vergewaltigte, aber das würde sie niemals zugeben. Aber bereits als ich ihn das erste Mal gesehen hatte, wusste ich, was für ein perverses Schwein er war.

Tessa wurde von ihrer Mutter als Baby in einem Korb vor die Haustüre des Vaters gelegt, weil sie durch eine Vergewaltigung gezeugt wurde und Tessas Mutter ihr nicht mehr in die Augen schauen konnte, ohne nicht an ihren Schänder erinnert zu werden.

Ja, dieses tolle London! Es bestand halt nicht nur aus den Reichen und Schönen von Hampstead und Kensington...

Ich fühlte mich schlecht. Ich sollte mich für meine beste Freundin freuen. Doch ich verspürte rasende Eifersucht und grossen Schmerz in meinem Innern. Ich sehnte mich nach was Stärkerem. Kokain vielleicht. Oder Heroin.

Dass Tessa meine Liebe nicht erwiderte, war nichts Neues. Aber dass sie sich nun diesem Arschloch vor die Füsse werfen wollte, war fast zu viel für mich. Ich war wie gelähmt. Lebte ich noch?

Mason McConaugh war genau einer dieser supermegatollen Künstler, der seine Muskeln im Fitnessstudio stählen konnte und nicht so wie ich bei Strassenkämpfen. Deshalb fuhr die halbe Weiblichkeit von Shoreditch auf ihn ab. Klar, wenn man den halben Tag mit nacktem Oberkörper auf einer Veranda sass und malte, musste das wohl attraktiv wirken. Den anderen halben Tag verbrachte er in der Muckibude, was dann alle Weiber anlockte wie ein Misthaufen die Fliegen.

Warum auch immer, keine Ahnung, ich war ein Kerl, ich verstand die Weiber nicht. Und ich hasste dieses Sackgesicht, falls ich dies noch nicht gesagt hatte.

Nun war Tessa sein nächstes Opfer. Warum ausgerechnet Tessa? Warum?

«Lass dich einfach nicht von ihm verarschen?», brachte ich heraus, versucht, den Schmerz nicht in meine Stimme einfliessen zu lassen. Es war hoffnungslos, meine Welt, die ohnehin schon ziemlich instabil war, drohte nun endgültig zusammenzustürzen.

«Nein, nein!», beruhigte sie mich. «Er war ganz zuvorkommend und nett!»

Ach, wie schön! Wieder einer, der diese Standardmasche ausspielte.

«Ich bin mir sicher, ihr würdet euch auch gut verstehen!», fügte sie noch hinzu.

Nie im Leben! Eher würde ich eine rohe Kröte verspeisen!

«Ich liebe dich!», wisperte ich leise, wohl meine letzte Hoffnung ausspielend. Keine Ahnung, welcher Teufel mich dazu getrieben hatte.

Kapitel 5

Belgravia, Westminster, London

Josephine Sturgess:

Drei Gänge später, in denen ich mir gegönnt hatte, was das Herz begehrte – Kaviar, vegetarische Pastete, zwei Flaschen Champagner – während Jordan überraschend zurückhaltend gewesen war – faltete er die Hände und blickte mich an. Seine Iris funkelte vor Zuneigung, was ich so sehr an ihm liebte.

Kommt jetzt die Frage aller Fragen?

Welchen der Juweliere an der Bond Street wird Jordan wohl aufgesucht haben?

In Gedanken sah ich mich schon, den fettesten Klunker an meinem Finger zu tragen. Ach, was würde vor allem Madeleine vor Neid erblassen, nachdem sie ja so herumgeprahlt hatte, nachdem ihr Jungschauspieler ihr den Antrag gemacht hatte.

Aber ich habe einen steinreichen Fussballer mit einem Lamborghini, statt einem solchen erbärmlichen Thespisjünger mit U-Bahn-Jahreskarte.

«Hör zu, Schatz!» Jordan räusperte sich und senkte den Blick. «Ich muss dir was sagen.»

Kunstpause. Mein Puls beschleunigte sich. Er atmete drei Mal tief durch, schüttelte leicht den Kopf und räusperte sich abermals. Das typische Anzeichen, dass er nervös war.

Das Funkeln in seiner Iris war jedoch verschwunden. Ein Stich machte sich in meiner Brust breit.

«Jordy...was ist los?»

«Ich...ich...» Er nahm einen Schluck aus seinem Wasserglas. «Ich habe ein Angebot bekommen. Von Real Madrid.»

«Wow, das ist doch toll!» Mein Lächeln wurde breiter. Madrid. Ich sehe mich schon, wie ich die Läden der Gran Via reihenweise abklapperte. Lange Gespräche mit anderen Spielerfrauen auf den Aussenterrassen luxuriöser Cafés führte. Und die Sonne, da benötigte ich sicherlich kein Solarium mehr, wie in diesem regenreichen England.

«Ich komme mit dir überall hin, Jordan!»

«Aber...» Er räusperte sich schon wieder. Zu häufig. «I-Ich möchte das nicht.»

«Was denn?» Meine Gesichtszüge entgleisten.

«Das alles!» Er wies mit einer grosszügigen Handbewegung auf das Innere des Restaurants. «Diese noblen Schuppen, diese Partys, das Jetset-Leben. Ich will doch nur Fussball spielen!»

«Aber...das gehört doch dazu, wenn man so erfolgreich ist, wie du!»

«Ich möchte aber wirklich nur Fussball spielen und nicht jedes gefühlte zweite Wochenende nach Saint-Tropez oder Portofino fahren, damit ich in irgendwelchen Hochglanzpostillen gut aussehe!»

«Aber das ist doch das Geile daran. Ganz England redet von uns. Was sage ich, das gesamte Vereinigte Königreich!» Ich konnte ihn nicht verstehen. Neunundneunzig Prozent der gesamten Menschheit träumte von einem Leben, das wir hatten – und Jordan wollte das einfach wegwerfen.

«Deshalb habe ich das Angebot abgelehnt. Ich spiele auch mit dem Gedanken, mit dem Profifussball aufzuhören.»

«Ist das dein Ernst?»

Jordan nickte. «Ich will einfach wieder mit meinen Kumpels in Manchester in den Pubs ein Bier trinken können, ohne dass es entweder am nächsten Tag in der Zeitung steht, Anschiss des Trainers inklusive, oder dass ich von Fans belagert werde. Ich bin doch nur der Junge aus Wythenshawe!»

«Nein, du bist Jordan Phillips, Superstar von Manchester United und der neue Stürmerstar der englischen Nationalmannschaft!»

Jetzt waren es Jordans Gesichtszüge, die entgleisten.

«Siehst du mich so?», fragte er.

«Ja, klar. Als was denn sonst?» Ich zuckte mit den Schultern.

«Ich dachte, als den Menschen, den du liebst?»

«Aber ich liebe dich doch, Jordan!»

«Mich oder meinen Status?» Seine Miene verhärtete sich.

«Wie meinst du das?»

«Würdest du mich auch lieben, wenn ich ein armer Schlucker wäre und dich nicht hierhin zu Mosimann, sondern zu Burger King ausführen würde?»

Ich war sprachlos, fand keine Worte.

Was für Jordan wohl Antwort genug war.

«Siehst du. Und deswegen wäre es besser, wenn wir uns trennen!»

Kapitel 6

Clapham Junction Station, Wandsworth, London

Logan Lampard:

Endlich!

Kaum glitten die Türen zur Seite, sprang ich auf den Bahnsteig. Die entsetzten Blicke meiner Mitreisenden waren kaum mehr auszuhalten gewesen. Geglotzt hatten sie, als wäre ich der hinterletzte Penner.

Ich trat auf den Bahnsteig und atmete tief durch. Idyllische Geräuschkulisse, so ein riesiger Bahnhof an einem Freitagvormittag.

Eigentlich hätte ich nach Hause gewollt, aber da mein Vater wohl bei der Arbeit war oder mit einem Donnerwetter auf mich wartete, hatte ich kurzerhand entschlossen, zu Keith zu fahren, von dem ich wusste, dass er sich wegen dem Fussballspiel ebenfalls freigenommen hatte.

Stöhnend massierte ich meine Schläfen. Diese Kopfschmerzen bringen mich noch um.

Keith wohnte an der Severus Road in einem Backsteinhaus, das ähnlich aussah wie unseres – und etwa gefühlte Millionen in ganz London.

Ich verliess Clapham Junction und eilte in die Seitenstrasse. Als ich Keiths Hausnummer erreicht hatte, presste ich meinen Finger auf die Klingel und läutete sturm, bis die Tür aufgerissen wurde und ich in die wütenden Augen meines besten Freundes blickte.

«Welches Arschloch stört...oh, Lampard!» Seine Augen wurden schlagartig gross. «Alter, was soll das?»

«Hast du noch gepennt?» Statt einer Antwort hob er eine Augenbraue. Erst dann realisierte er, dass er nur in Boxershorts vor mir stand.

«Kannst dir danach einen wichsen, wenn du an meinen geilen Körper denkst!», brummte er sich gleichzeitig an seinem Bauch kratzend und erntete dafür einen Mittelfinger meinerseits.

«Fast hätte ich ja gefragt, ob du Frauenbesuch hast, aber dann ist mir eingefallen, dass dich jede ignoriert!», konterte ich.

«Kann ja nicht jeder der Bad Boy