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"Todesangst" – ein 2012 geschriebenes und bislang unveröffentlichtes Manuskript von Daniel Wachter. Ursprünglich als Teil einer Fortsetzung zum Kriminalroman "Strich" gedacht, hat "Todesangst" ein Eigenleben entwickelt! Begleiten Sie die junge Polizistin Fernanda Pinta, wie sie sich gegen ihren Kollegen Carvalho durchzusetzen vermag!
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Seitenzahl: 135
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Daniel Wachter
Todesangst
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Todesangst
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Impressum neobooks
Daniel Wachter
TODESANGST
22. Juli 2012
17:45 Uhr
Die Sonne war gerade im Begriff unterzugehen und tauchte den gesamten Himmel über der Stadt gelbrot. Die dunkelroten Pylone der Ponte 25 de Abril, welche auch um diese Uhrzeit unerlässlich Autos und Zügen den Weg über den an dieser Stelle zwei Kilometer breiten Tejo ebnete, bildeten einen dunklen Kontrast zum Abendhimmel. Der Tejo war ruhig, wurde allerdings durch einen leichten Wind aus Richtung Atlantik aufgewirbelt, der Wind liess auch die Temperaturen in Lissabon leicht kühler wirken, als das Thermometer beispielsweise im Alentejo jeweils anzeigte. Einige Wolken zogen am Himmel auf, was dem Schauspiel einen weiteren atemberaubenden Aspekt hinzufügte, doch die Gefahr auf Regen in der Nacht würde wie in den Tagen und Nächten zuvor verschwindend gering bleiben.
Lúcia Soares schloss ihre Bäckerei in der Alfama, nur unweit des Castelo São Jorge gelegen. Ihre Haupteinnahmequellen waren Touristen, für die das Schloss mit dem Ausblick auf die gesamte Stadt ein Höhepunkt ihres Lissabon-Aufenthalts darstellt. Heute hatten sie und ihre zwei Angestellten alle Hände voll zu tun, bei Sonnenschein und dank dem kühlen Atlantikwind recht angenehmen 24 Grad Celsius auf dem Thermometer hatten sich zahlreiche Besucher entschieden, diesen Mittwoch auf dem Castelo zu verbringen, so dass Lúcias Bäckerei vor allem zur Mittagszeit die Tür eingerannt wurde.
Der Lichtschalter klackte und sofort wurde die Bäckerei in Dunkelheit gehüllt, die Tür fiel ins Schloss und die Schlüssel klapperten. Lúcia atmete durch. Endlich Feierabend.
Sie trat auf die Rua do São Tome, welche ein wenig die Hauptstrasse des eng verschachtelten Stadtviertels darstellte und auch von Strassenbahngleisen durchzogen ist. Just zu dieser Zeit klapperte und quietschte einer der nostalgischen, in gelber Farbe gehaltenen Triebwagen der Linie 28E durch die Strasse und quälte sich den Hügel hinauf.
Ein Blick auf die Aushänge am Kiosk auf der linken Strassenseite liessen Lúcia wissen, dass die Schlagzeilen der grossen portugiesischen Sportzeitungen immer noch von der bereits über drei Wochen zurückliegenden Fussballeuropameisterschaft handelten, mit der Feststellung, dass die Portugiesen der Sehnsucht und den Erwartungen der Landsleute mal wieder nicht gerecht wurden, und sich das ganze Land wieder mit Tränen füllte, wie 2004, als man als Gastgeber den sicher geglaubten Titel im Finale im Estádio da Luz noch an Griechenland verlor. Obwohl sich Lúcia die Spiele der Nationalmannschaft am diesjährigen Turnier angesehen hatte, war ihr Interesse am runden Leder nach dem Ausscheiden im Halbfinal ausgerechnet gegen den iberischen Rivalen Spanien wieder verblasst, wo sie vor allem bei ihrem Mann und ihren beiden Söhnen auf massives Unverständnis stiess. Für sie waren diese Herren keine Männer, sondern überbezahlte Weicheier.
Als die Bäckerin am Miradouro de Santa Luzia vorbeischlenderte, bemerkte sie, dass der ansonsten lebendige Platz mit der bepflanzten Pergola trotz des warmen Sommerabends wie ausgestorben wirkte. Neugierig wie sie war, überquerte Lúcia die Strasse und ging auf den Aussichtspunkt zu. Unten am Tejo versuchte ein grosser Frachter an den Docks an der Avenida Infante Dom Henrique anzulegen. Die unentwegt aus Mittelspanien Richtung Atlantik fliessenden Wassermassen des Tejo erschwerten aber seinen Plan, denn die Wellen wurden durch den aufwehenden Ostwind aufgewirbelt.
Als Lucía auf die Schnelle einen Blick durch ihre Augenwinkel auf die nächstgelegene Sitzbank wagte, stockte ihr der Atem.
Sie musste zweimal schauen, um sich zu vergewissern.
22. Juli 2012
18:10 Uhr
Die Rua do Conceição in der Baixa glich einem Schauplatz einer amerikanischen Polizeiserie, als zahlreiche Streifenwagen der Polizei über ihren Belag rasten und mit ihren Blaulichtern und Sirenen die Szenerie in gespenstisches Licht hüllten.
Etliche Ladenbesitzer und Touristen waren an den Strassenrand getreten, um dem hektischen Treiben die Ehre als Augenzeugen zu geben. Das Blaulicht wurde an den ockerfarbenen Fassaden der Gebäude reflektiert und aufgrund des schachbrettartigen Grundrisses der Baixa waren die Sirenenlaute weithin hörbar. Die Wagen erklommen die Rua de Augusto Rosa und kamen am Miradouro de Santa Luzia zum Stillstand.
Im zweitvordersten Wagen, anders als die Streifenwagen eine schwarze Mercedes-Limousine, knallte Polizeikommissar João Carvalho da Luz die Autotür zu und schritt auf die weinende Frau zu, welche neben einer auf der Sitzbank liegenden Leiche stand.
„Guten Abend, ich bin João Carvalho“, stellte er sich vor und reckte der Frau seine Hand entgegen. Sie ergriff sie und sprach:
„Lúcia Soares, sehr erfreut.“ Sie räusperte sich und war bemüht, eine feste Stimme zu erhalten.
„Sie haben also die Leiche entdeckt?“, brachte Carvalho den Sachverhalt auf den Punkt. Lúcia nickte nur und begann unverzüglich wieder an zu weinen. Immer wieder hegte sie die Hoffnung, dieser Sommerabend in Lissabon wäre Teil eines Albtraumes, aus dem sie gleich erwachen würde und sich zwar schweissgebadet, aber ohne eine solche traumatische Erfahrung, in ihrem Schlafzimmer in Madre de Deus wiederfinden würde.
Carvalho, nicht gerade der gefühlsdusselige Portugiese in Person, schob sich ohne ein Wort zu verlieren an Lúcia vorbei und betrachtete die Leiche. Die Frau war jung, vermutlich noch minderjährig. Ihr hellblaues Sommerkleid war von den mehrmaligen Messerstichen zerfetzt worden. Das Blut war noch nicht geronnen, es glänzte in den letzten Strahlen der in Atlantikrichtung untergehenden Sonne, ebenso die gebräunte Haut der Toten, welche nun von einem Beamten der Spurensicherung, der sich neben die Sitzbank gekauert hatte, beäugt wurde.
„Was meinen Sie?“, wurde er von Carvalho gefragt.
„So auf die Schnelle gesagt, ist sie im Verlauf der letzten Stunde gestorben. Das Blut fliesst zwar bis zu 12 Stunden nach dem Tod, jedoch werden die Totenflecken erst nach einer Stunde auftauchen, was bisher noch nicht geschehen ist“
Carvalho nickte kurz und blickte abermals auf die Leiche.
„Wieso musstest du so jung sterben?“, murmelte er leise zu sich. Er wartete, bis die Spurensicherung ihre Arbeit beendet hatte, damit er die Identität des Opfers in Erfahrung bringen konnte.
Nach einer gefühlten Ewigkeit signalisierte der Beamte der Spurensicherung Carvalho mit einem Nicken, dass seine Arbeit getan war und nun o Chefe zur Tat schreiten durfte.
„Sie hat drei tödliche Stiche in die Magengegend erhalten, die Klinge war zwischen fünf und zehn Zentimeter lang. Sie schien verblutet zu sein“ Mit diesen Worten verabschiedete sich die Spurensicherung.
Der Kommissar kauerte neben die Sitzbank, so dass die Tote dank seiner relativ kleinen Körpergrösse von knapp einem Meter siebzig auf Augenhöhe lag. Die Augen starr vor Schreck aufgerissen, langsam bildende Totenflecken. Die durch die bepflanzte Pergola erweckte paradiesische Idylle des Miradouro wurde durch die ermordete Person auf einen Schlag zerstört.
Carvalho zog sich einen Gummihandschuh über und begann in der Kleidung der Toten zu wühlen. Eine Handtasche hatte sie nicht bei sich, entweder besass sie keine, oder der Täter hatte sie geklaut. Beweggründe für letzteres gab es zuhauf, zu erbeutendes Geld oder das Vertuschen der Identität des Opfers.
In der ungewöhnlichen Brusttasche des Kleides stiess Carvalho auf einen harten, fast kartonierten Gegenstand. Er griff nach ihm – es war eine Identitätskarte. Die Tote trug den Namen Terésa Pereira de Vila und war laut dem Papier im brasilianischen Belo Horizonte geboren worden.
Das Geburtsdatum liess das Blut in seinen Adern gefrieren: 15. Oktober 1996. Die Kleine war nicht mal 16 Jahre alt!
Carvalho hatte gefunden, was er wollte, so stand er auf und richtete seine Aufmerksamkeit auf seine Kollegen.
„Wir können gehen. Schafft die Leiche in die Pathologie nach Anjos!“, sagte er und begab sich auf den Weg zu seiner Limousine.
Plötzlich winkte ihn einer der jüngeren Streifenbeamten zu sich.
„Was ist?“, bellte Carvalho.
„Sehen Sie sich das an!“, entgegnete der Beamte ungerührt und wies auf den sandigen Boden. Eine Spur getrockneten Blutes führte auf die Strasse, verlor sich aber in der Mitte der Rua do Limoeiro.
„Gut gemacht“ Carvalho rang sich tatsächlich zu einem Lächeln durch. „Das erklärt auch, wieso keine Blutspuren auf der Sitzbank zu finden waren“
„Der Fundort ist nicht identisch mit dem Tatort“, erwiderte er auf den irritierten Gesichtsausdruck des Streifenbeamten.
Einige Autominuten später fand sich Carvalho gemeinsam mit seinen Kollegen wieder im Hauptquartier der kriminaltechnischen Abteilung der Polícia Segurança Pública an der Rua da Cintura do Porto de Lisboa direkt im Hafen Alcântara wieder. Vom Fenster seines Büros bot sich zwischen den beiden vorstehenden Gebäuden eine Sicht über den Jachthafen, das Kreuzfahrt- und Containerterminal Alcântaras, über den Tejo in Richtung Atlantik und auch auf die andere Seite des Flusses, wo im sanften Abendhimmel am Brückenkopf der Ponte 25 Abril in Almada die beleuchtete Cristo Rei-Statue in den Himmel emporragte und die beiden Arme wie ein Bungee-Jumper kurz vor dem Sprung rechtwinklig zur Seite ausgestreckt hatte.
Durch die aufgestaute Hitze, welcher der altertümliche Ventilator keinen Stich entgegenhalten konnte und schliesslich nach 30 Sekunden mit einer Stichflamme, welche gleich noch zwei Blätter des nebenstehenden Bananenbaums versengte, seinen Geist aufgab, sah sich Carvalho gezwungen, das Fenster zu öffnen. Sogleich erfüllte das laute Brummen des über die Ponte 25 de Abril, die sich wenig westlich des Hauptquartiers befindet, zirkulierenden Bahn- und Individualverkehrs den Raum. Man mag sich gleich in einem Bienenstock fühlen, doch die von den Lisboetas trotz der nur knapp ennet den Stadtgrenzen liegenden und ebenfalls den Tejo querenden Ponte Vasco de Gama schlicht Ponte genannt wird, stellt die Lebensader am Tejo dar.
Zur selben Zeit raste eine junge Frau völlig nervös die Avenida Infante Santo in Prazeres hinunter und überholte die vor ihr ihrer Ansicht nach schleichenden Fahrzeuge mal links, mal rechts. Ihre Hände zitterten am Lenkrad. Immer wieder drückte sie auf die Hupe, vor allem, wenn der vorderste Verkehrsteilnehmer noch nicht kapiert hatte, dass die Ampel mittlerweile auf Grün gesprungen war. Es war kaum fünf Minuten her, als der Anruf des Polizeipräsidenten sie in ihrem beschaulichen Heim im Campo de Ourique neben dem Friedhof erreicht hatte. Kaum aus der Polizeischule in den Ernst der Arbeitswelt übergetreten, hatte sie ihren ersten richtigen Fall. An der Seite der Koryphäe schlechthin, Senhor João Carvalho da Luz.
Sie donnerte – oder besser: flog – mit massiv überhöhter Geschwindigkeit über die Überführung der Linha de Cascais und bog mit quietschenden Reifen auf den Vorplatz der kriminaltechnischen Abteilung der PSP in Alcântara ein. Hätte einer ihrer Streifenkollegen dies beobachtet, dann hätten die wohl mit süffisantem Grinsen der rasanten Ermittlerin einen saftigen Strafzettel verpasst – oder noch besser, gleich den Fahrausweis beschlagnahmt. Sie entsprach dem in Resteuropa gängigen Klischee, dass die Portugiesen Todesfahrer seien.
Als die junge Frau ihren Wagen rechtzeitig vor der Hauswand zum Stillstand bringen konnte, zitterte sie wieder vor Nervosität. Ihre Selbstzweifel begannen wieder, an ihr zu nagen.
Nachdem sie nochmals,zur Beruhigung kurz durchgeatmet hatte, betrat sie das Gebäude und meldete sich wie geheissen am Empfang. Die Sekretärin, welche die junge Ermittlerin nur vom letztjährigen Weihnachtsempfang, der für sie dank viel Portwein und Kirschlikör kopfüber über der Toilettenschüssel gebeugt und mit einem äusserst fiesen Kater geendet hatte, kannte, sah auf.
„Wen darf ich Senhor Almeida melden?“, fragte die schon etwas in die Jahre gekommene Empfangsdame.
„Fernanda Pinta“, sagte die junge Ermittlerin.
Die Sekretärin griff nach dem Telefonhörer und nuschelte etwas Unverständliches. Wenige Augenblicke später schwang schräg gegenüber dem Tresen die Aufzugstür auf und ein älterer Mann, den Fernanda sogleich erkannte, schritt auf die beiden Frauen zu.
„Luis Almeida“, stellte der Herr mit den graumelierten Haaren überflüssigerweise vor. „Wir haben vorhin telefoniert“
Fernanda nickte und musterte den Polizeipräsidenten Lissabons. Mit seiner steifen Haltung glaubte sie, er hätte einen Kleiderbügel geschluckt. Der ungepflegte Schnauzer arrangierte sich schlecht mit der akkurat gescheitelten Frisur.
„Am besten kommen Sie mit mir, Senhora Pinta!“, sprach Almeida und wies mit der rechten Hand zum Aufzug.
Wenige Sekunden später standen die beiden vor einer massiven Eichenholztür. Almeida klopfte und wartete den „Herein!“-Ruf gar nicht ab und ehe sich Fernanda versah, standen die beiden in einem Grossraumbüro mit Blick auf Alcântaras Hafen. Auch den Mann, der am Fenster stand, erkannte die junge Frau. Comissário Carvalho in Person.
Almeida räusperte sich und Carvalho drehte sich sogleich um.
„Fernanda Pinta, deine neue Partnerin!“, stellte der Polizeipräsident die junge Ermittlerin vor.
„Sehr erfreut. Mal sehen, was ich ihnen beibringen kann!“, sagte Carvalho und ein fettes Grinsen zierte sein Gesicht.
'Arrogantes Arschloch!“, schoss es Fernanda durch den Kopf.
„Sehr…erfreut ebenfalls…Senhor Carvalho!“, stotterte sie, aber mehr aus Wut. Ihre Nervosität war der Vorfreude auf einen kriminaltechnischen Fall, die nun einen empfindlichen Dämpfer namens Senhor Doutor João Carvalho da Luz erhielt, gewichen. Was erlaubte sich dieser Schnösel eigentlicht? Nur weil alle Dozenten an der Polizeischule immer ihn als Fallbeispiel nahmen, immer seine ach so genialen Heldentaten auskosteten wie die Lehrer in der Schule die portugiesischen Taten zur See, oder weil sein Portrait auf jedem Stockwerk der Schule in Fotoform eingerahmt war, meinte er doch tatsächlich, er hätte mehr auf dem Kasten als sie. Sie, Fernanda Pinta, die sich als einzige Frau in der Fachrichtung Verbrechen durchkämpfen musste, weil viele Herren der Schöpfung noch der Ansicht waren, dass dies eine Männerdomäne bleiben sollte. Na dir werde ich es zeigen, Senhor Carvalho da Luz, mal schauen, ob du so helle bist, wie dein Name es glauben lässt!
'Was für einen Grünschnabel haben die denn mir zur Seite gestellt', dachte der Comissário missmutig, als er mit Pintas seltsamem Stottern konfrontiert wurde. Er musterte sie aufmerksam. Sie war hübsch, besass braunes, gelocktes Haar und kaffeefarbene Haut. Sie war nicht zu dünn, besass weibliche Rundungen, war aber nicht zu dick. Trotzdem mochte er sie nicht leiden, denn vorlaute junge Leute, die, kaum aus der Polizeischule entlassen, Chefpositionen bekleiden wollen, behagen ihm gar nicht. Er musste sich seinen Aufstieg ja auch hart erarbeiten! Dann dürfen dies diese snobistischen Damen und Herren auch! Was ihm aber noch mehr auf die Nerven ging, war ihr offensichtlicher Stolz, dass sie sich als Frau für die Rolle einer Kriminalermittlerin qualifizieren konnte. Entweder war sie eine Lesbe oder eine feministische Emanze, für die der Mann ohnehin nur an den Herd gehört!
„Keine Sorge, das wird schon!“, wollte er die junge Frau aufmuntern, doch deren Blick verfinsterte sich noch mehr. Carvalho wusste, dass er arrogant herüberkam, doch das konnte er sich in seiner Position doch erlauben. Schliesslich gilt er als Messlatte und als Vorbild für alle Ermittler in diesem Haus. Er durfte auch gewisse Privilegien wie dieses Superbüro im obersten Stock samt Blick auf den Hafen oder kostenloses Fliegen sowie einen Privatchauffeur geniessen.
„Ich geh dann mal wieder“, riss Almeida Carvalho aus den Gedanken. Sein Vorgesetzter verliess den Raum und schloss die Tür.
„Also, dann…“, wollte Carvalho ein Gespräch beginnen, doch er wurde sogleich von Pinta unterbrochen.
„Was besteht für ein Sachverhalt?“, fragte sie.
'Meine Güte, die ist ja ganz schön frech und nervig' Carvalho liess sich seine schlechte Laune nicht anmerken und flötete ein „Ein Mord in der Alfama“ in Richtung seiner neuen Partnerin. Mein Gott, wieso musste Luis nur zum Polizeipräsidenten befördert werden statt weiterhin mit ihm die bösen Buben der portugiesischen Hauptstadt dingfest zu machen?
Der Kommissar wandte sich der grossen Wandtafel mit der Aufschrift Mordfall Terésa Pereira de Vila zu, auf dem ein das gesamte Stadtgebiet umfassender Plan aufgehängt wurde. An der Fundstelle der Leiche Terésas steckte eine Nadel mit rotem Kopf.
„Téresa Pereira da Vila wurde heute Abend gegen 18 Uhr von einer ortsansässigen Bäckerin am Miradouro de Santa Luzia gefunden. Ich nehme an, Sie wissen, wo das ist?“
„Klar, lebe ja auch in Lissabon und nicht hinter dem Mond!“, knurrte Fernanda. Konnte dieser arrogante Gockel nicht mal von seinem hohen Ross herunterfallen?
„Ist der Fundort identisch mit dem Tatort?“, fragte sie und hoffte, Carvalho aus dem Konzept zu bringen. Doch da liess sich nichts machen, denn der Kommissar schüttelte den Kopf.
„Es waren Transportspuren zu sehen, die darauf schliessen lassen, dass Senhorita Terésa Pereira de Vila nicht am Fundort ermordet wurde“
„Wie alt war sie?“ Fernanda brannte die Frage auf der Zunge.
„Im Oktober wäre sie sechzehn geworden“, sagte Carvalho so trocken und neutral wie möglich!
„Mein Gott!“ Das Entsetzen war in Fernandas Gesicht geschrieben. Ein Leben, das seine Zukunft noch vor sich hatte, wurde einfach ausgelöscht. Nun wurde ihr ohnehin unbändiger Wille, den Mörder oder die Mörderin zu finden, noch grösser.
„Los! Finden wir das Schwein!“, polterte Fernanda, schlug zur Untermalung mit der Faust auf den Tisch und entlockte Carvalho ein Grinsen. Er konnte sich über solch jugendlichen Übermut nur amüsieren.
