Digital Fix - Fix Digital - Virginia Dignum - E-Book

Digital Fix - Fix Digital E-Book

Virginia Dignum

0,0
9,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Drohen die Heilsversprechen digitaler Technologien ins Gegenteil umzuschlagen? Wie können die verschiedenen Probleme gelöst werden, vor denen unsere Gesellschaften heute angesichts der negativen Auswirkungen der digitalen Revolution stehen? Strategen, Designer, Ingenieure, Forscher, Journalisten, Philosophen, Praktiker, Unternehmer und Künstler stellen in diesem Buch verschiedene Lösungsansätze vor. Ihnen allen ist ein konstruktiver Blick auf die digitale Welt gemeinsam, in der wir heute leben. Herausgegeben von Matthias Schrader und Volker Martens, den Veranstaltern der NEXT Conference in Hamburg. Mit Beiträgen von Virginia Dignum, Pamela Pavliscak, François Chollet, Stephan Dörner, Martin Recke, Adam Tinworth, Nika Wiedinger, Fifer Garbesi, Tobias Revell und David Mattin.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 184

Veröffentlichungsjahr: 2021

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



 

ADAM TINWORTH

Vom unschuldigen Idealismuszu pragmatischenLösungen

Zwei Jahrzehnte Internetkultur

PAMELA PAVLISCAK

Können wir Technologiefür Wohlbefindengestalten?

DAVID MATTIN

Willkommen in derAugmented Modernity

FIFER GARBESI

Fünf Säulen einerethischen Immersion

Grundlagen für ein gesellschaftlich vorteilhaftes Metaversum

FRANÇOIS CHOLLET

Was mich an künstlicherIntelligenz beunruhigt

VIRGINIA DIGNUM

With great power comesgreat responsibility

Eine verantwortungsbewusste künstliche Intelligenz ist notwendig,um die Probleme der digitalen Welt zu lösen

STEPHAN DÖRNER

Luxusprobleme

Wie das Paradoxon der digitalen Ökonomieüberwunden werden kann

NIKA WIEDINGER

No way back?

MARTIN RECKE

Digital Fix – Fix Digital

TOBIAS REVELL

Die Imaginationsfalle

MATTHIAS SCHRADER

Vorwort

In ihren ersten Jahrzehnten war die Digitalwirtschaft von einem Fortschrittsglauben beseelt, der uns heute naiv erscheint. Die Digitalisierung galt schon in sich als gut und deshalb war Digitalisierung gleichbedeutend mit Fortschritt. Es brauchte grundstürzende Ereignisse wie das Brexit-Referendum und die Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der Vereinigten Staaten, um diesen Glauben zu erschüttern. Nun drohen die Heilsversprechen der Digitalisierung plötzlich ins Gegenteil umzuschlagen.

Wir sehen digitale Produkte, die das Leben nicht verbessern und keinen echten Nutzen haben, sondern uns in Filterblasen isolieren und die Gesellschaft spalten. Wir erkennen die übergroße Dominanz der GAFA-Konzerne (Google, Apple, Facebook, Amazon), die in immer neue Bereiche unseres Lebens vordringen. Wir sind beunruhigt angesichts digitaler Technologie, die nicht dem Menschen dient, sondern ihn beherrscht: DIGITAL FIX.

Mit der NEXT Conference 2018 und mit diesem Buch wollen wir zu einer differenzierten Sicht auf die Digitalisierung beitragen. Es geht darum, die Chancen wie die Risiken nüchtern zu betrachten und Wege zu skizzieren, wie wir als digitale Pioniere besser werden können: FIX DIGITAL.

Dem unbestreitbaren Mehrwert, den digitale Technologien schaffen, steht zunächst Wertvernichtung gegenüber, die häufig mit dem Stichwort Disruption beschrieben wird. Betraf Disruption anfangs vor allem veraltete Geschäftsmodelle und die Technologien von gestern, so ist sie inzwischen weit in Bereiche wie Politik, Gesellschaft und die physische Welt vorgedrungen. So betrachtet ist der Techlash, den wir derzeit erleben, allzu gut verständlich. Es ist eine systemische Abwehrreaktion gegen Irritationen, die als existentielle Bedrohung erscheinen.

Wir können heute noch nicht alle Probleme mit Sicherheit erkennen. Die Digitalisierung greift tief ein in unser Selbstverständnis als Menschen und unsere Art zu leben und zu arbeiten. Das bringt zahlreiche Konflikte mit sich, die gelöst werden müssen. Doch die grundlegenden Versprechen der Digitalisierung sind weiterhin intakt: Vieles wird bequemer, lästige Routinetätigkeiten verschwinden, die persönliche Reichweite wächst, der Horizont wird erweitert. Es wird eine digitale Welt nach den GAFAs geben, und sie wird besser sein als heute.

Wir fragen in diesem Buch danach, wie wir die digitale Welt von Grund auf erneuern können. Was also tun? Unsere Empfehlung lässt sich mit einem Schlagwort zusammenfassen: digitaler Humanismus. Die Erfolge der Digitalisierung sind eng mit Begriffen wie user-centric, customer-centric oder human-centric verknüpft. Der konsequente Fokus auf den Nutzer, das Nutzererlebnis und den Nutzwert hat den digitalen Siegeszug erst ermöglicht. Nun ist es an der Zeit, das Wohlbefinden des Menschen als ganzen und der ganzen Menschheit zum Maßstab zu machen.

Der digitale Humanismus stellt die Menschen (die Leute, die früher als Nutzer bekannt waren) an die erste Stelle und gibt der Technologie ihre eigentliche Rolle als Mittel zum Zweck zurück. Was das im Detail bedeutet und wie sich das umsetzen lässt, dazu geben die Autoren der verschiedenen Essays in diesem Band Auskunft. Strategen, Designer, Ingenieure, Forscher, Journalisten, Philosophen, Praktiker, Unternehmer und Künstler stellen verschiedene Lösungsansätze vor.

Sie alle eint ein konstruktiver Blick auf die digitale Welt, in der wir heute leben. Wir sind überzeugt, dass die Digitalwirtschaft mit einem konsequenten Fokus auf den Menschen und sein Wohl am Ende erfolgreich sein wird. Wir können uns von der Dynamik der Digitalisierung überrollen lassen oder wir können sie steuern. Das liegt in unserer Hand. Wir bleiben optimistisch.

Matthias Schrader ist Gründer und CEO von SinnerSchraderund der NEXT Conference sowie Managing Director vonAccenture Interactive.

VOLKER MARTENS

Vorwort

„Ein Land voller Sorgen“ betitelte die FAZ im Sommer 2018 einen Artikel über den Zustand der Republik. →1 Der Text zitiert eine Umfrage unter Gymnasiasten in Baden-Württemberg. Demnach hielten die Schüler künstliche Intelligenz für potenziell gefährlicher als die Atombombe. „Die meisten von uns reagieren auf technologische Veränderungen bestenfalls mit Unbehagen, schlimmstenfalls mit Panik“, schreibt der KI-Experte François Chollet in seinem Beitrag zu diesem Buch. Und merkt an, dass „das meiste, worüber wir uns Sorgen machen, nie eintritt“. Chollet bestreitet keineswegs, dass technologischer Wandel auch Schreckliches bewirken kann – Weltkriege und atomare Aufrüstung inklusive. Aber er warnt davor, dass wir uns wieder einmal um das Falsche sorgen – und dabei die realen Gefahren übersehen. So fürchten sich heute nicht nur Schüler vor einer nebulösen Supraintelligenz – und lassen es gleichzeitig geschehen, dass ihre Meinungen und ihr Verhalten durch soziale Medien und die dahinterliegenden Algorithmen manipuliert werden.

Sorgen machen sich auch die Autoren dieses Buchs, doch sie geraten deshalb nicht in Panik. Die Strategen, Designer, Ingenieure, Forscher, Journalisten, Philosophen, Praktiker, Unternehmer und Künstler blicken aus ganz unterschiedlichen Perspektiven auf die technologische Entwicklung. Entsprechend vielfältig ist ihre Kritik am heutigen Zustand der digitalen Welt. Doch sie alle eint der Wunsch, etwas zurechtzurücken, das falsch läuft – und die Hoffnung, dass das gelingen kann.

Tatsächlich scheinen wir an einer Zeitenwende zu stehen. Möglicherweise endet hier und jetzt die Moderne, wie wir sie kennen, wie der Trendforscher David Mattin meint. Möglicherweise müssen wir uns jetzt vom zentralen Glaubenssatz der bürgerlichen Moral lösen, dass die Leistung des Einzelnen seinen Platz in der Gesellschaft bestimmen sollte, wie der Tech-Journalist Stephan Dörner fordert. Möglicherweise droht sogar ein „Fin de Siècle“, in dem „die technologische Entwicklung endgültig die Wünsche definiert“ und damit der Demokratie die Grundlage entzieht, wie die Philosophin Nika Wiedinger warnt.

Und dennoch ist dieses Buch keineswegs von Endzeitstimmung, sondern vielmehr von unbändigem Gestaltungswillen geprägt. Die Autoren machen konkrete Lösungsvorschläge, wie der Mensch die Kontrolle über den digitalen Werkzeugkasten zurückgewinnen kann (François Chollet), sie definieren ethische Grundsätze für die Entwicklung von Virtual Reality (Fifer Garbesi) und künstlicher Intelligenz (Virginia Dignum) oder fordern einen radikal neuen Ansatz des Technologiedesigns, der sich allein am Wohlbefinden des Menschen ausrichtet (Pamela Pavliscak). Dabei schrecken sie auch vor großen Visionen nicht zurück und erlauben sich den Traum von einer Welt voller Möglichkeiten für neue Wege des Seins, wo das bisher Unmögliche erforscht und realisiert werden kann (Tobias Revell).

Bei der Lektüre dieses Buchs wird endgültig klar: Digitalisierung ist zuallerletzt eine technologische Frage, sie betrifft vielmehr alle Lebensbereiche und verändert fundamental die Art, wie wir leben, arbeiten, kommunizieren und die Welt wahrnehmen. Deshalb betont der Künstler Tobias Revell auch völlig zu Recht die politische Dimension der Digitalisierung. Und deshalb ist es ebenfalls richtig, wenn sich viele Autoren mit dem Begriff der Verantwortung auseinandersetzen. Jeder Digitalentscheider muss sich heute zwingend fragen (lassen), wo genau die Grenze zwischen dem technisch Machbaren und dem gesellschaftlich Wünschenswerten verlaufen soll. Jeder Kommunikator muss sich einer doppelten Verantwortung stellen: für die von ihm verbreiteten Inhalte und für die möglichen Mechanismen der Manipulation. Gerade im digitalen Zeitalter bedeutet Verantwortung immer auch, Versuchungen zu widerstehen.

Der schwedische Arzt und Wissenschaftler Hans Rosling hat Zeit seines Lebens immer wieder eindrucksvoll belegt, dass Menschen die Welt grundsätzlich schwärzer sehen, als sie tatsächlich ist. Gegen Schwarzseherei und Defätismus setzte Rosling sein Konzept der „Factfulness“, einer offenen, neugierigen und entspannten Geisteshaltung, in der wir nur Urteile fällen, die auf soliden Tatsachen basieren. Für mich ist Factfulness die Voraussetzung für die Definition einer eigenen Haltung in der digitalen Welt. Reflektierte Kommunikation, der Wille, Zusammenhänge herzustellen, und der Versuch, Folgen abzuschätzen, sind auch Ziel und Zweck der NEXT Conference – und dieses Buchs. Die Definition eines humanen, übergeordneten Wertekanons und die Ableitung individueller Handlungsrahmen wären mögliche Optionen.

Aber wer nimmt diese Vorschläge auf? Wo können gute Ideen zu konkreten Vorschlägen und Initiativen reifen? Wo werden Initiativen zu Regelwerk und wer könnte überhaupt noch Adressat globaler Ansätze in einer sich gerade lokalisierenden Welt sein? Wenn es an Institutionen mangelt, bleiben die Gestaltungskraft des Einzelnen, und des Einzelnen mit Gleichgesinnten, und die Vernetzung der Gleichgesinnten in einer globalen Gemeinschaft. Dazu wollen wir als Initiatoren der NEXT Conference einen Beitrag leisten.

Am jetzigen Punkt der Entwicklung müssen wir zwingend neue Antworten auf die alles entscheidenden Fragen finden: Was ist der Mensch? Welchen Sinn hat unser Dasein? Wie wollen wir leben? Auch das macht dieses Buch deutlich. Und beim Lesen entsteht dann die leise Hoffnung, dass diese gewaltige technologische Umwälzung zu einem neuen Nachdenken über den wahren Wert des Menschlichen führen kann. Damit würde die Digitalisierung zur Chance, die sinnentleerte Moderne (David Mattin) mit neuem Sinn zu füllen. Und die Zukunft wäre kein Land voller Sorgen, sondern ein Ort der Zuversicht.

Volker Martens ist einer der Gründer und Vorstand der Hamburger Kommunikationsagentur FAKTOR 3. Gemeinsam mit seinen Partnern Sabine Richter und Stefan Schraps verfolgt er seit Jahren die zentralen Kommunikationsinhalte und Strömungen einer digitalisierten Welt. Gemeinsam mit SinnerSchrader ist FAKTOR 3 Ausrichter der NEXT Conference (www.nextconf.eu).

Quelle

1Knop, Carsten (2018). Zu viele alte Strukturen und zu wenig Mut. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.07.2018.

ADAM TINWORTH

Vom unschuldigen Idealismus zu pragmatischen Lösungen

Zwei Jahrzehnte Internetkultur

Wie viele Menschen meiner Internetgeneration, die Mitte bis Ende der 9oer-Jahre schon ernsthaft online waren, war auch ich von der Welle der idealistischen Euphorie mitgerissen, die die ersten Online-Communitys umgab. Es ist leicht zu verstehen, warum wir die Cyberwelt durch rosafarbene Spiegelscheiben betrachtet haben. Wir waren eine selbst gewählte Gruppe von technisch versierten Nerds, die es genossen haben, sich mit Leuten genau wie uns zu treffen, manchmal zum allerersten Mal.

Wir waren in der Lage, Communitys um die Dinge herum aufzubauen, die uns wichtig waren, und die Diskussion darüber zum ersten Mal in unseren Alltag zu integrieren.

Das Internet hat unser Leben deutlich verbessert. Verbindungen und Beziehungen brachten uns zusammen, in einer Weise, die die Geografie irrelevant gemacht hat. Wenn wir das alles in die ganze Welt bringen würden, würde sicher alles besser werden.

Das zu denken, war ein Fehler.

Wir waren vielleicht die ersten Opfer von digital erzeugten Blasen. Wir waren in unserer eigenen kleinen Blase von selbst erwählten Early Adopters gefangen. Wir wussten noch nicht, wie homogen diese Gruppe war und wie anders die Dinge werden würden, sobald der Rest der Menschheit uns in den Cyberspace folgt.

Jung zu sein und mit einer leidenschaftlichen, idealistischen Gruppe zusammen zu sein, ist ein tolles Gefühl. Jeder sollte es haben, zumindest für eine Weile. Aber wir müssen auch irgendwann einmal erwachsen werden und erkennen, dass die Welt komplizierter sein könnte, als es unsere Evangelisation zulässt. Wir wären auch nicht die erste Generation, die desillusioniert würde. Zwei Jahrzehnte vor dem Internet träumten die Menschen davon, dass Musik die Welt zusammenbringen würde.

Mark Hamill, der Schauspieler hinter Luke Skywalker in den Star-Wars-Filmen, hat uns eine weitere Kostprobe davon gegeben. Er beschrieb kürzlich, wie er erkannte, dass Lukes Reise in dem jüngsten Film The Last Jedi seine eigene Reise vom Idealismus zur Desillusionierung widerspiegelt: →1

“It is tragic. I’m not a method actor, but one of the techniques a method actor will use is to try and use real-life experiences to relate to whatever fictional scenario he’s involved in. The only thing I could think of, given the screenplay that I read, was that I was of the Beatles generation – ‘All You Need Is Love’, ‘Peace and Love’.

I thought at that time, when I was a teenager: ‘By the time we get in power, there will be no more war, there will be no racial discrimination, and pot will be legal.’So I’m one for three. When you think about it, [my generation is] a failure. The world is unquestionably worse now than it was then.”

Wir alle, die wir ein paar Jahrzehnte später folgten, fanden unseren Idealismus nicht in Protestsongs und Hippie-Idealismus, sondern in den utopischen Welten, die wir uns im entstehenden Internet und Web erschufen. Und es gibt eine Verbindung zwischen den beiden Gruppen von Träumern. Viele derjenigen, die das frühe Internet aufgebaut haben, waren Produkte der Hippie-Generation.

Idealismus ist eine wunderbare Sache. Aber er muss mit Vorsicht abgetönt werden. Während wir in den letzten Jahren die Dichotomie von DIGITAL SUCKS und DIGITAL FIX erforscht haben, lautet der Satz, auf den ich immer wieder zurückkomme: „Hope for the best, plan for the worst“. Meine Internetgeneration war so damit beschäftigt, das Erste zu tun, dass wir das Zweite vergessen haben.

Und so zog eine neue Generation von Internetnutzern ein, mehr getrieben von Geld und Zynismus, aber grausam genug, um die Sprache der frühen Träumer nachzuäffen. Sie „verbinden die Welt“ und „machen die Informationen der Welt zugänglich“, aber mit keiner Silbe erwähnen sie das gesamte Thema „Erstellen von Datenprofilen über Sie, damit Sie für politische und kommerzielle Zwecke manipuliert werden können“.

Es sei daran erinnert, dass nicht alle Songs, die die Beatles geschrieben haben, idealistisch waren. Wie Martin Recke, der Editor dieses Bandes, gerne anmerkt, ist Happiness is a Warm Gun ein Beatles-Song. Und bei all seinen scheinbaren Drogenanspielungen geht es eigentlich um den Schrecken der Waffenwerbung. Das behauptet John Lennon, dessen Begeisterung für Drogen bekannt war und nichts, was er zu verbergen versuchte, also können wir ihm wahrscheinlich glauben.

Die Fähigkeit, in allem das Schlimmste zu sehen

Die eher homogene Charakteristik vieler digitaler Unternehmer – reich, weiß, männlich und hetero – mag zu den Problemen beigetragen haben, vor denen wir heute stehen. Wie Mike Monteiro in seinem Beitrag über die strukturellen Probleme mit Twitter feststellte: →2

“Their goal was giving everyone a voice. They were so obsessed with giving everyone a voice that they never stopped to wonder what would happen when everyone got one. And they never asked themselves what everyone meant. That’s Twitter’s original sin. Like Oppenheimer, Twitter was so obsessed with splitting the atom they never stopped to think what we’d do with it.”

Den Menschen eine Stimme zu geben ist ein nobles Ziel, aber man muss mit Menschen rechnen, die sich das zunutze machen würden, um das Leben anderer Menschen zu beeinträchtigen. Die Tatsache, dass so viele Gründer noch nie missbraucht wurden, sei es rassistisch, sexuell oder anderweitig, bedeutet, dass sie schlecht dafür gewappnet waren, die Probleme zu durchdenken:

“Twitter, which was conceived and built by a room of privileged white boys (some of them my friends!), never considered the possibility that they were building a bomb.”

Nun, diese Bomben sind explodiert, in einer Reihe von Explosionen auf der ganzen Welt. Wir haben eine größere Polarisierung in unserer Politik gesehen, den Aufstieg von selbstgerechten Lynchmobs in sozialen Medien, die so sehr gefangen sind in ihrer Überzeugung, Gutes zu tun, dass sie den Schaden, den sie anrichten, nicht erkennen können. Wir haben gesehen, wie unser Leben auf Daten reduziert wurde und wie unsere psychologischen Schwächen ins Visier genommen wurden.

Das alles scheint sehr weit entfernt von den Tagen, als wir online gehen und über Doctor Who oder Rollenspiele diskutieren konnten, ohne dass irgendein Idiot auftauchte, um uns als „SJW“ oder „Libtard Cuck“ zu bezeichnen und uns zu demütigen, um sich ins Gespräch zu bringen. Wenn wir damals in Chaträumen waren, benutzten wir den Ausdruck „AFK“, um zu signalisieren, wann wir von der Tastatur weg waren. Das ist schon ein Anachronismus geworden, denn die Vorstellung, dass wir von einer Tastatur weg sein können – wir haben immer eine digitale in unseren Telefonen –, ist unvorstellbar. Das erhöht nur den Druck.

Wir versuchen, mit der Technologie Schritt zu halten, aber wir können es nicht. Das Internet kann Informationen zwar praktisch unmittelbar übertragen, aber der Mensch kann sie nicht mit der gleichen Geschwindigkeit verarbeiten. Mit den Maschinen Schritt zu halten, ist ein sinnloses Spiel, das wir schon seit einem Jahrzehnt spielen. So wie die Fast-Food-Revolution schließlich eine Slow-Food-Bewegung hervorbrachte, bettelt das Echtzeit-Internet um eine Slow-Web-Bewegung, und tatsächlich gibt es sie bereits. Und um die Fehler der Vergangenheit zu beheben, bedarf es längerer, langsamerer, besser überlegter Entscheidungen und Gedanken.

Pragmatischer ausgedrückt: Die Konsolidierung der Macht im Internet auf eine Handvoll Plattformen ist nicht die Situation, in deren Genuss die meisten Unternehmen kommen würden. Es gibt das, was die Journalistenwelt das „Duopol“ nennt – Google und Facebook –, das den überwiegenden Teil der Werbeeinnahmen im Würgegriff hält. Amazon hat sich faktisch zum Schaufenster für den größten Teil der Welt entwickelt. Es ist der erste Ort, und oft der einzige Ort, an dem wir einkaufen. Wir sind darauf trainiert worden, nicht zu vergleichen, und jetzt zahlen wir höhere Preise für Waren, ohne es zu wissen.

Aber Moment mal, sagen Sie, das ist DIGITAL SUCKS, Adam, nicht DIGITAL FIX. Und Sie haben völlig recht. Aber hier ist der Punkt: DIGITAL SUCKS war eine Voraussetzung für den DIGITAL FIX. Um mit diesem Problem fertigzuwerden, müssen Sie das tun, was so viele Akteure der Digitalindustrie verweigert haben: zugeben, dass es Probleme gibt. Moving fast and breaking things führt manchmal nur zu zerstörten Dingen. Nicht jede Disruption ist gut, und auf jeden Gewinner kommt oft auch ein Verlierer.

Dinge müssen repariert werden, neue Wege müssen gefunden werden, denn Technologie kann nicht unerfunden werden. Wir müssen weitermachen mit dem, was wir haben. Digitale Entgiftungs- oder Entzugsmaßnahmen sind keine Lösung. Um zu Star Wars, Luke Skywalker und The Last Jedi zurückzukehren: Sein Rückzug aus der Galaxie ins Exil hat die Galaxie offensichtlich schlechter gemacht, und obwohl wir dafür dankbar sein sollten, da dies der Auslöser für den Konflikt in der neuen Reihe von Filmen war, würde ich lieber nicht die Errungenschaften der letzten Jahre in der realen Welt umgestürzt sehen.

Regulierung

Viele der Idealisten des frühen Internets sahen das Internet selbst quasi als eine supranationale Gemeinschaft und uns als Bürger des Internets.

Wie der inzwischen verstorbene John Perry Barlow in der Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace schrieb: →3

“We have no elected government, nor are we likely to have one, so I address you with no greater authority than that with which liberty itself always speaks. I declare the global social space we are building to be naturally independent of the tyrannies you seek to impose on us. You have no moral right to rule us nor do you possess any methods of enforcement we have true reason to fear.”

Oh, welch glückliche Tage, als es noch die Einmischung seitens der Regierung war, die wir am meisten fürchteten, und nicht die Verantwortungslosigkeit der Unternehmen.

Und um fair zu sein, ein Teil der Schuld für diesen Absturz liegt bei uns. Wir haben unsere Bürgerpflicht nicht erfüllt, indem wir es versäumt haben, uns selbst und die Unternehmen, die uns „dienen“ würden, zu überwachen. Wir haben diese missbräuchlichen, monopolistischen Unternehmen entstehen lassen, und wir haben es versäumt, dem, was wir online lesen, angemessen skeptisch gegenüberzustehen.

Aber jede solche Regulierung muss vorsichtig, realistisch und mit Augenmaß erfolgen. Bei all den Klagen über die DSGVO denke ich, dass die EU damit ziemlich gute Arbeit geleistet hat. Sie hat die Verbraucher geschützt und die Verantwortung auf die Unternehmen übertragen, sich besser und ehrlicher zu verhalten. Ich hatte in den letzten Wochen mehr als ein Gespräch mit Leuten, die plötzlich ihre E-Mails wieder genießen, einfach weil da so viel weniger Marketinggerümpel ankommt. Das von der DSGVO vorangetriebene Ausleseverfahren hat ihre Informationslandschaft verbessert.

Auf der anderen Seite, unter den vielen lächerlichen Projekten, an denen die derzeitige britische Regierung beteiligt ist (und Sie wissen, wovon ich hier spreche), zeigt der Schritt, Software-Backdoors in verschlüsselte End-to-End-Messaging-Dienste einzubauen, ein tiefes Missverständnis von Verschlüsselung, Mathematik, Computer und Sicherheit. Das wird das Leben für niemanden besser machen außer für die Regierung und für Kriminelle, was eine wirklich unangenehme Kombination ist, unabhängig von Ihrer Position im politischen Spektrum.

Es gibt viel zu sagen über die Macht der Beschränkungen, die Kreativität anzuregen. Ein stärker nutzerzentriertes Bündel vernünftiger, praktischer gesetzlicher Auflagen könnte tatsächlich zu mehr Innovation führen, da so einige der einfacheren Wege für neue Technologieunternehmen versperrt wären und sie gezwungen wären, sich mehr Gedanken über ihre neuen Produkte zu machen.

Unternehmerische Innovation

Sogenannte unternehmerische Innovation hat sich so ziemlich in „eine App bauen, Nutzer finden, an ein größeres Unternehmen verkaufen oder durch Werbung Geld verdienen“ verwandelt. Für ein Unternehmen, das behauptet, es gehe nur um Innovation, nun, ist das nicht wirklich Innovation, oder? Es wiederholt den gleichen Grundprozess immer wieder in verschiedenen Geschmacksrichtungen.

Manchmal bedeutet die Tatsache, dass man immer wieder etwas behauptet, dass man es eigentlich nicht ist. Das gilt für Innovationen ebenso wie für Flughäfen. (Niemand spricht von Heathrow International Airport, oder? Es heißt einfach Heathrow. Hamburg hat nicht das Bedürfnis, „international“ anzuhängen, weil das offensichtlich ist …)

Wenn Sie ein digitales Geschäft aufbauen – oder sogar ein digitales Produkt –, müssen Sie in Kauf nehmen, dass es viel schwieriger sein wird, als es noch vor fünf Jahren war. Sie haben eine strengere staatliche Aufsicht und Regulierung, neben erheblichen Engpässen in Form der Internetgiganten, die als Gatekeeper für den Zugriff auf Ihr Produkt fungieren: die Monolithen Google, Amazon und Facebook.

Das ist eigentlich eine gute Sache – ob Sie es glauben oder nicht. Die erhöhte Schwierigkeit wird unsere schwächeren Mitspieler in einem Ausbruch von digitalem Darwinismus aus dem Weg räumen und den Überlebenden mehr Raum lassen. Und diese Zwänge werden Sie zwingen, kreativer zu denken und etwas Neues aufzubauen. Wir haben dies bereits im Marketing und im Journalismus gesehen, als Facebook die Schrauben der organischen Reichweite angezogen hat, was zu größeren Anstrengungen geführt hat, Verbraucher oder Leser direkt zu erreichen (was das Internet erleichtert, auch wenn einige Websites hart daran gearbeitet haben, uns das „vergessen“ zu lassen). Und die Belohnungen in Form von Kundenloyalität und Engagement sind bemerkenswert.

Bessere Medien

Seien wir ehrlich, die Berichterstattung rund um Technologie war bis vor Kurzem absolut schrecklich. Entweder war sie gänzlich von Gadgets besessen, bis hin zur Nachgiebigkeit gegenüber den großen Herstellern, oder sie war vollständig an das Start-up- und Venture-Capital-Ökosystem verkauft.

Vor einem Jahrzehnt war NEXT18-Sprecher Andrew Keen mit Büchern wie The Cult of the Amateur eine der wenigen Stimmen, die angesichts der Richtung, in die wir uns bewegten, ihre Alarmglocken läuteten. →4