Disruption - Henning Vöpel - E-Book

Disruption E-Book

Henning Vöpel

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Beschreibung

Überall findet derzeit Disruption statt. Die Welt ist in Unordnung geraten und buchstäblich ver-rückt. Sie befindet sich in einem historischen und gleichsam kritischen Übergang in ein neues Zeitalter. Globalisierung, Digitalisierung und Klimawandel erfordern einen Paradigmenwechsel in Wirtschaft und Gesellschaft. Auch die Coronakrise zeigt: Wir müssen unsere Zukunft neu denken. Eine andere Welt ist möglich.

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Seitenzahl: 240

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Den Lieben in meinem Leben gewidmet:

Marzena und Nelly sowie meinen Eltern,

Geschwistern und Salomon.

„Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.“

Albert Einstein

Inhalt

Vorwort zur zweiten, erweiterten Auflage

Der „Corona-Schock“

Die Welt im Umbruch

Verortungen

Kapitel 1: Eine ver-rückte Welt

Kapitel 2: Historische Übergänge

Kapitel 3: Systemversagen und Vermögensillusion

Verwerfungen

Kapitel 4: Wir verstehen die Welt nicht mehr

Kapitel 5: Vertrauensverlust und Unsicherheit

Kapitel 6: Populismus, Grenzen und Fake News

Kapitel 7: Filterblasen, Hysterie und Hass

Verschiebungen

Kapitel 8: Die Krise der Globalisierung: Rückfall in Nationalismus oder Neue globale Kooperation?

Kapitel 9: Die digitale Revolution: Humane Utopie oder Totalitäre Dystopie?

Kapitel 10: Die existenzielle Bedrohung: Klimakatastrophe oder Ende des Wohlstands?

Verwandlungen

Kapitel 11: Umwertungen und Neuordnungen

Kapitel 12: Ein neuer Gesellschafts- und Generationenvertrag

Aufbruch

Kapitel 13: Der Welt eine Zukunft, der Zukunft einen Sinn geben

Kapitel 14: Das Vermögen, Zukunft zu gestalten

Auswahl weiterführender Literatur

Personenverzeichnis

Vorwort zur zweiten, erweiterten Auflage

Unmittelbar nach Erscheinen der ersten Auflage dieses Buches brach die Corona-Pandemie aus. Sie ist eines jener seltenen Ereignisse in der Geschichte, die die Welt mit einer solchen Wucht verändern, dass sie die Zeit in ein Vorher und Nachher teilen, weil sie sich so sehr in das Bewusstsein der Menschen eingebrannt hat, dass sie fortan als Bezugspunkt zur Einordnung von Entwicklungen und Trends dienen. Ohne jede Frage berührt die Corona-Krise nicht nur die in der ersten Auflage angesprochenen „Disruptionen“, sondern sie verstärkt sie, beschleunigt sie oder gibt ihnen eine andere Richtung. Um der Bedeutung des Ereignisses gerecht zu werden, bedarf es einer gesonderten Betrachtung der Corona-Krise und einer Einordnung in Bezug auf die großen Umbrüche unserer Zeit. Die zweite Auflage ist daher um ein Kapitel erweitert worden, welches dem eigentlichen Buch vorangestellt ist, gewissermaßen als Prolog. Der sonstige Inhalt ist unverändert geblieben, auch deshalb, weil die anderen Aspekte durch die Corona-Krise nichts von ihrer eigenständigen Bedeutung verloren haben – ganz im Gegenteil: Sie werden noch dringlicher und signifikanter. Darüber hinaus sind in der zweiten Auflage einige Fehler korrigiert worden, die bedauerlicherweise trotz der Bemühungen um Sorgfalt verblieben waren.

Henning Vöpel

Hamburg im April 2020

Der „Corona-Schock“: Das Virus, ein fast schwarzer Schwan und eine veränderte Welt

Die Corona-Pandemie ist für sehr viele Menschen auf der Welt gesundheitlich, wirtschaftlich und (psycho-) sozial eine Katastrophe. Sie ist für nichts gut. Es wäre zynisch den Ängsten und Sorgen der Menschen gegenüber, in ihr etwas primär Positives zu sehen. Punkt. Und dennoch: Es gibt Ereignisse, die verändern die Welt so stark, dass eine Rückkehr zur Normalität nicht mehr möglich ist, denn es gibt nur eine veränderte, eine neue Normalität. Die Corona-Krise ist ein solches Ereignis und zugleich eine historische Herausforderung für die Menschheit, an der sie scheitern oder wachsen kann.

Der ultimative Schock

Für eine globalisierte und freizügige Gesellschaft ist es der ultimative, der größte denkbare Ausnahmezustand: von Hundert auf Null, von grenzenloser Bewegungsfreiheit zu verordnetem Stillstand, von Laissez-faire zu paternalistischer Kontrolle. Es ist so außergewöhnlich, dass es bizarr wirkt – leere Plätze, leere Geschäfte, leere U-Bahnen. Nicht irgendwo, sondern überall zur gleichen Zeit. Das System wird heruntergefahren, indem es das Gegenteil von dem tut, worauf es ausgerichtet ist: auf Vernetzung und Austausch. Die Corona-Pandemie ist eine Allegorie auf die Verwundbarkeit der modernen Gesellschaft. Etwas Unsichtbares, das Individuum in seiner Existenz Bedrohendes gebietet dem gewohnten Leben harsch Einhalt – aus Angst vor Ansteckung, die zu einem Sinnbild des Systemrisikos wird. Der Kontakt wird zum Tabu, die Kontrolle zur Illusion. Wenn die eigene Ansteckung das Risiko für andere erhöht, wird die Selbstdisziplin zu einem Test auf Solidarität in einer individualistischen Gesellschaft. Über Jahrzehnte ist die Welt kleiner und die Zeit schneller geworden. Corona ist der Antiklimax: Die Welt wird plötzlich wieder größer, die Zeit langsamer. Alle Menschen sind vor diesem Virus gleich. Der „Corona-Sozialismus“ fühlt sich für ein paar Tage gar nicht so schlecht an, ist aber tatsächlich eine verführerische Illusion, denn der Ausnahmezustand bleibt Ausnahmezustand und ist kein erstrebenswertes Modell für normale Zeiten, weil es weder ökonomisch noch sozial dauerhaft funktionieren kann. Die Corona-Krise ist ferner weder ein Argument gegen die Globalisierung noch eines für den Klimaschutz. Gut möglich aber – und darin liegt gewiss eine Chance der Krise –, dass nach der Corona-Krise das, was „normal“ ist, sich verändert haben wird. Vielleicht ist sogar zu hoffen, dass wir nicht einfach in die gewohnten Muster zurückfallen. Eine Ahnung von gewonnener Freiheit ist an einigen Stellen des Lebens zu vernehmen. Mit etwas mehr Zeit gewinnt das Abendessen plötzlich wieder rituelle Bedeutung, hält das Sporttreiben wieder Einzug in den Alltag. Noch keine Umkehr, aber eine vorübergehende Einkehr ist hier und da zu spüren. Ein anderes Leben ist möglich, keines, das auf Null heruntergefahren wird, aber eines, das in Zukunft weniger Stress gegen mehr Lebensqualität tauscht, sozialer, weil solidarischer, und zufriedener, weil weniger getrieben ist.

Die Realität ist indes eine andere: Es hat etwas Beängstigendes, Radikales und Faszinierendes, als Individuum und als Gesellschaft so elementar und existenziell mit der eigenen Idee des Lebens und seiner Verwundbarkeit konfrontiert zu werden. Sehr viele Menschen, insbesondere Risikogruppen, haben ernste Sorgen um ihre Gesundheit, noch mehr fürchten sich vor Arbeitslosigkeit und beginnen, unter den psychischen Folgen der Kontaktsperre und deren sozialen und infrastrukturellen Beschränkungen zu leiden. Wahrscheinlich kann nur ein Ereignis von solcher Wucht uns die Augen öffnen – für viele Dinge, die wir übersehen haben, weil wir keine Zeit für sie hatten, und nun zu fragen beginnen, ob das schon immer so war oder wirklich so sein muss.

Die globalisierte Bedrohung

Vor wenigen Monaten war das Virus, die Coronavirus-Mutation Covid-19 noch völlig unbekannt. Irgendwo in der Nähe der chinesischen Stadt Wuhan übertrug es sich wohl auf eine Fledermaus. Schließlich ist das Covid-19-Virus von dieser Fledermaus auf ein Tier übergesprungen, welches auf dem geschäftigen Marktplatz von Wuhan, unweit des örtlichen Bahnhofs, zum Kauf angeboten wurde. So gelangte es zum Menschen. Alternative Theorien gehen von einer Laborpanne aus, die dazu geführt habe, dass das Virus entwichen sei. Unglücklicherweise – eine zufällige Koinzidenz mit gewaltiger Auswirkung – feierten die Chinesen Ende Januar bis Anfang Februar ihren Jahreswechsel, den Chinese New Year, zugleich die längsten Ferien des Jahres in China. In China kommt es aus diesem Anlass zu regem Reiseverkehr, so dass sich das Coronavirus Covid-19 in alle Richtungen verbreitete – von Wuhan aus nach Peking, Schanghai und andere große chinesische Metropolen, von wo aus das Virus seine Reise in alle Welt, bis nach Europa und in die USA antrat und die weltweit größte Pandemie seit der Spanischen Grippe Anfang des 20. Jahrhunderts auslöste. Niemand konnte oder wollte noch vor Ende Februar vorhersehen oder auch nur ahnen, welche Konsequenzen dies haben würde. Wenngleich es warnende Stimmen gab, wie etwa jene von Bill Gates, der bereits in einem Vortrag im Jahr 2015 auf die prinzipielle Gefahr einer unkontrollierten Pandemie und unsere unzureichende Vorbereitung auf ein solches Ereignis hinwies. Gerade in den USA richtet die Pandemie eine soziale und humanitäre Katastrophe an, dort wo viele Menschen kaum eine Kranken- oder Arbeitslosenversicherung haben und gezwungen sind, trotz Infektion zur Arbeit zu gehen, und so noch alles schlimmer machen. Letztlich kann die Krise sogar die geopolitische Entwicklung beeinflussen oder beschleunigen. Die Krise ist ein seltener Moment in der Geschichte, in dem sich die Bewegungsrichtung, der Gradient der Entwicklungen verändern kann.

Nun ist der Schwarze Schwan gelandet, und zwar in einer Welt, die ohnedies fragmentiert, fragil und verunsichert, ohne Orientierung ist, in einer Welt, die nun stillsteht, bis auf Weiteres geschlossen ist. Der Risikoforscher Nassim Nicholas Taleb, Autor von „The Black Swan“, spricht im Fall des Corona-Virus zwar von einem weißen Schwan, weil die Pandemie kein wirklich unvorhersagbares Ereignis gewesen sei, gleichwohl ist die Vorhersagbarkeit in Bezug auf Zeitpunkt und Ausmaß doch hinreichend unsicher, zumindest zeigt der Grad, zu dem die Welt unvorbereitet ist, Konsequenzen von Schwarze-Schwan-Phänomenen. Die Corona-Krise ist wie ein Brennglas und ein Zeitraffer, sie schärft unseren Blick und beschleunigt unsere Gedanken. Die Corona-Krise wird einmal der Referenzpunkt für zukünftige Entwicklungen und Entscheidungen sein, der Verweis auf diese Zeit wird uns lange begleiten. Die Krise kommt über uns wie eine Urgewalt, fast wie eine Apokalypse biblischen Ausmaßes – inklusive einer Theodizee, der Deutung von Krise und Leid als Prüfung und Strafe der Menschheit. Wir befinden uns plötzlich, unerwartet und insoweit unvorbereitet in einem Zustand, in dem wir sehr wenig darüber wissen, womit wir es zu tun haben, was zu tun ist und welche Folgen das alles haben wird. Die Nachkriegsgenerationen, die für einen derartigen Ausnahmezustand ohne jedes Beispiel, ohne jede Erfahrung sind, die sich an immer steigenden Wohlstand und unbegrenzte Mobilität gewöhnt haben und nichts anderes kennen, müssen sich mit einer Situation auseinandersetzen, die radikale Unsicherheit mit sich bringt. Die Krise zerstört, sie beschleunigt, sie wirft zurück, aber sie zwingt uns auch, zu reflektieren, zu lernen, uns selbst zu helfen. Es ist eine Begegnung mit uns selbst in einer surrealen und bizarren Gegenwart, die wie eine Unterbrechung des Zeitstrahls, fast wie ein komatöser Zustand wirkt – ohne Vergangenheit und ohne Zukunft, die Frage aufwerfend, ob wir bisher richtig gelebt und die richtigen Maßstäbe angelegt haben.

Natürlich besteht die Gefahr, die Corona-Krise in ihrer Bedeutung für unsere Zukunft zu überhöhen. Die Corona-Krise wird ein sehr bedeutendes Narrativ sein, auch eines, das sehr unterschiedlich und missbräuchlich verwendet werden wird. Menschen fragen unter dem Eindruck einer Krise immer danach, was sie zu bedeuten habe und wie man sie sinnhaft deuten könne. Schwarze Schwäne sind sehr seltene Ereignisse mit sehr großen Wirkungen. Dies ist der Grund, weshalb Menschen deren Einfluss auf die Zukunft systematisch überschätzen. Das Tückische an schwarzen Schwänen ist, dass sie zu selten vorkommen, um mit ihnen rechnen und sich auf sie vorbereiten zu können, wahrscheinlich sogar, um aus ihnen etwas für die Zukunft ableiten zu dürfen. Zudem gibt es potenziell sehr viele sehr unterschiedliche schwarze Schwäne, die zum Teil sehr spezifische Maßnahmen erfordern. Ein tödlicher Virus ist eine gänzlich andere Gefahr als ein Meteoriteneinschlag; mehr Atemmasken vorzuhalten, mag da für die nächste Krise wenig nützen. Sich auf alle schwarzen Schwäne vorzubereiten, ist schlicht unmöglich. Sehr wohl aber gilt es, aus dieser Krise zu lernen, robuster, resilienter oder – wie Nassim Nicholas Taleb es nennt – „antifragiler“ zu werden, also die Fähigkeit auszuprägen, sich der Krise auszusetzen, um an ihr zu wachsen. Ohne diese global-kollektive Krise, die die gesamte Welt binnen Tagen auf den Kopf gestellt hat, würden wir wohl die Fragen, mit denen wir konfrontiert sind, wohl nie so radikal-existenziell stellen. Es ist eine seltene Gelegenheit, mehr über uns selbst zu erfahren.

Die Illusion des Wissens und eine neue Politik

In Krisen, in denen wir unter Unsicherheit und unvollständigem Wissen agieren und entscheiden müssen, wird die Güterabwägung sehr viel schwieriger, weil wir notwendig eine viel differenziertere, gemeinwohlorientierte Risikobetrachtung und ethische Erwägungen einbeziehen müssen. Die erste Frage in der Corona-Krise stellt sich folglich nach dem politisch verantwortlichen Handeln. Es hat sich gezeigt, dass es überaus wichtig ist, wissenschaftliche Expertise einzubeziehen, zugleich aber in Rechnung zu stellen, was Wissenschaft eben auch nicht weiß. Handeln unter unvollständigem Wissen wird zukünftig für Politik und Gesellschaft sehr bedeutsam, weil sie eine stärker wissenschaftliche, evidenzbasierte, aber auch risikosensitive Herangehensweise erfordert. Ähnliches sehen wir beim Klimawandel oder in der Digitalisierung. Der unbedingte Schutz der Menschen vor den möglichen Gesundheitsrisiken kann im Fall der Corona-Pandemie kurzfristig nur die einzige Maxime sein, bis weitere Vorkehrungen getroffen werden können, um Menschen intensivmedizinisch zu versorgen, und mehr Informationen und Erkenntnisse über das Virus und dessen Übertragung vorliegen. Bei exponentiellen Verläufen helfen nur schnelle und rigorose Maßnahmen von Shutdown und Lockdown, um die Ausbreitung zu verlangsamen. Eine unkontrollierte und dann unkontrollierbare Pandemie auszuschließen, zunächst also die Kontrolle über kurzfristige Entwicklungen zurückzugewinnen, ist die wichtigste Aufgabe verantwortlichen politischen Handelns. Die Abwägung der Schutzmaßnahmen mit den ökonomischen Kosten und den nicht unkritischen Eingriffen in Freiheits- und Eigentumsrechte ist dennoch legitim und hat eine geradezu philosophische Dimension. Nach Kants Moralphilosophie wäre hier im Sinne des Kategorischen Imperativs zu argumentieren, also den Schutz der öffentlichen Gesundheit als höchstes moralisches Prinzip zu setzen, während die Utilitaristen in der Tradition John Stuart Mills und anderen vom Ergebnis her argumentieren, also weniger prinzipiell als konsequentialistisch von den tatsächlichen Wirkungen her gedacht. Eine neue (Wirtschafts-) Politik wird zukünftig wieder viel stärker in gesellschaftlichen Grundzusammenhängen als allein in technischen Details Entscheidungen treffen müssen.

Die Welt nach Corona

Die Corona-Krise ist aus einem weiteren Grund ein sehr seltenes Ereignis. Fast alle Menschen auf der Welt machen zur gleichen Zeit eine ähnliche Erfahrung. Dadurch brennt sie sich in das gemeinsame Gedächtnis ein und wird zu einem gemeinsamen Referenzpunkt. Jeder wird wissen, wo und mit wem man diese Zeit verbracht hat und was man dabei empfunden hat, wie etwa beim 9/11 oder bei der Mondlandung. Die Krise ist eine gemeinsame Erfahrung einer plötzlichen existenziellen Bedrohung. Ein solches Ereignis kann einen kollektiven Bewusstseinswandel auslösen, nämlich ein verändertes Bewusstsein für die Verwundbarkeit unseres Lebens, aber auch Verunsicherung und Ängste. Diese Erfahrung kann grundsätzlich zu zwei Reaktionen führen, die sich diametral gegenüberstehen. Sie kann dazu führen, dass Gesellschaften in Zukunft mehr globale Kooperation wollen, um die Risiken besser beherrschen zu können. Sie kann aber ebenso zu dem Gegenteil führen, nämlich zu einer Verstärkung dessen, was wir ohnehin schon seit einigen Jahren beobachten: wiederaufkeimenden Nationalismus, protektionistische Abschottung und ökonomische Autarkie. Die elementare Erfahrung der plötzlichen Verwundbarkeit, die aus der funktionalen Vernetzung und deren ökonomische Abhängigkeiten resultiert, löst das Verlangen nach Sicherheit aus, welches politisch in die eine oder die andere Richtung genutzt und ausgenutzt werden kann. Menschen werden verführbar in diesem Zustand der existenziellen Verunsicherung. Insoweit ist heute mehr als ungewiss, in welche Richtung es gehen wird. Der Historiker Yuval Harari hat die beiden großen Dimensionen genannt, in denen sich die Zeit nach der Corona-Krise entwickeln und entscheiden könnte. Die gesellschaftliche Reaktion auf die Krise wird sich zum einen zwischen Re-Nationalisierung im Sinne stärkerer ökonomischer Autarkie und nationaler politischer Souveränität einerseits sowie globaler Kooperation und Solidarität andererseits bewegen. Die zweite Dimension spannt sich zwischen Autoritarismus und Staatswirtschaft einerseits und liberaler Demokratie und Marktwirtschaft andererseits. In vielen Ländern war von einem Krieg gegen das Virus die Rede und in einigen Fällen ist der nationale Notstand ausgelöst worden, wodurch die Exekutive zwar handlungsfähiger, aber auch weniger parlamentarisch kontrolliert ist. Massive Eingriffe in Freiheits- und Eigentumsrechte sind in einem völlig legitimen öffentlichen Gesundheitsinteresse vorgenommen worden, die gewiss eine veränderte Ökonomie, wahrscheinlich auch veränderte Gesellschaft hinterlassen werden. Armut mag zunehmen, die Ungleichverteilung von Einkommen, Vermögen und Chancen abermals steigen. Die Suche nach Schutz kann zu einer Hinwendung ins Private, ins Egoistische, ins Nationale und letztlich zu einem starken Staat bedeuten. Corona wird die politisch und gesellschaftlich relevanten Identitätsbeziehungen in Gesellschaften verändern – positiv wie negativ, lokal wie global. Das hat potenziell gravierende Folgen für die Globalisierung, die sich geopolitisch und weltwirtschaftlich in einem kritischen Übergang befindet. Auch hier wirkt die Corona-Krise wie ein Brennglas für die Entwicklungen und Trends, die wir schon seit einigen Jahren beobachten. In diesem Sinne kann Corona als ein möglicher Tipping Point ein bedeutsames und einschneidendes Ereignis sein. Das gilt nicht für den Fortgang der Globalisierung, sondern auch für die Entwicklung Europas, das in der Koordination der Corona-Krise keine allzu gute Figur abgegeben hat. Der Mangel an europäischer Solidarität kann in den nächsten Jahren zu gefährlichen Folgekrisen wie etwa einer Staatsschuldenkrise führen. Insoweit ist davon auszugehen, dass die Corona-Krise strukturell weit über die Diskussion von Shutdown und Lockdown in unsere Zukunft hineinwirkt.

Neues kollektives Bewusstsein als Weckruf

Der Schwarze Schwan wird uns wieder verlassen, die Krise vorübergehen. Aber sie wird, das kann man heute bereits vermuten, eine veränderte Welt und ein verändertes Bewusstsein hinterlassen, die Referenzpunkte verschieben, andere Ziele und Werte in den Fokus rücken, die Sinnfrage für Individuen und Gesellschaften neu stellen. Die Corona-Krise kann am Ende unsere Bereitschaft zum Wandel sogar befördern. Die Krise zwingt uns, loszulassen, uns mit dem Gedanken anzufreunden, dass schon in ein paar Monaten alles anders sein kann, weil niemand weiß, wie man gesundheitlich und wirtschaftlich aus ihr herausgehen wird. Die gegenwärtige Disruption kann aufgrund der kollektiven Bewusstseinsveränderung, die sie auslöst, systemverändernd sein. Die gemeinsame Erfahrung, dass nichts sicher ist und plötzlich alles anders sein kann, hilft uns, die anstehenden Aufgaben zu bewältigen, die Zukunft neu zu denken und die Welt neu zu gestalten – von der Globalisierung über die Digitalisierung bis hin zum Klimawandel. Die plötzliche und existenzielle Erfahrung von Disruption kann uns letztlich helfen, den notwendigen Wandel besser und mit einem gemeinsamen Bewusstsein für die wichtigen und elementaren Werte zu gestalten – nicht ängstlich, sondern uns selbst vertrauend. Der Lockdown, der uns alle, jeden einzelnen in individueller Freiheit beschränkt hat zugunsten eines anderen Freiheitsrechts, der gesundheitlichen Unversehrtheit, ist letztlich ein staatsbürgerlicher Akt der Solidarität. Freiheit gelingt nicht ohne Verantwortung. Wer nicht bereit, sich selbst zurückzunehmen, mindert die Freiheit aller. Vertrauen entsteht nur dort, wo Verantwortung getragen wird. Wert und Wertschätzung für die systemrelevante Tätigkeit von Menschen, die bislang im Verborgenen täglich gearbeitet haben, steigen, ohne dass das selbst in einer Marktwirtschaft, die Knappheiten und Präferenzen zu Preisen formt, immer in Preisen, Löhnen und Gehältern zum Ausdruck kommt. Systemrelevanz ist immer eine Frage des Systems. Und das System bestimmen die Menschen, die in ihm leben. Wertmaßstäbe können und werden sich verändern. Die Corona-Krise wäre dann eine Art Weckruf und der Beginn für mehr Empathie und Solidarität, die letztlich notwendig sind für das Maß an Kooperation, das wir in einer global vernetzten Welt zur Lösung der Probleme benötigen. Die hohe systemische Interdependenz kann aber auch dazu führen, dass Politik autoritärer und dirigistischer wird. Ähnliches zeigt sich in der Digitalisierung und im Klimawandel, wo staatliche Regulierung und Intervention in Teilen notwendig sind, um den Rahmen und die Regeln zu setzen, aber auch in eine Art Überwachungskapitalismus führen können. Das Gefühl von Verwundbarkeit kann darüber hinaus zu einem Bewusstsein von Zusammengehörigkeit, die Angst zu einer Evolution des Fortschritts und der Prosperität reifen. Die Krise kann uns tatsächlich die Augen dafür öffnen, die richtigen Fragen zu stellen, nicht nur in Bezug auf die Bewältigung der Krise, sondern für eine aktive, bewusste und optimistische Gestaltung der Zukunft. Die Corona-Krise stellt mitnichten die Systemfrage. Aber jede Krise testet das System, das auf Freiheit gründet, auf ihre Voraussetzungen: verantwortungsbewusste Politik, vertrauenswürdige Institutionen und solidarische Menschen. Durch einen exogenen Schock sind wir plötzlich in einem anderen Zustand gelandet. Von hier aus lassen sich vielleicht andere Zustände erreichen, die sonst nicht oder nicht so schnell erreichbar gewesen wären. Mehr denn je stellt sich die Frage: Wohin? Zurück? Wohl kaum. Es wird darum gehen, die wirtschaftliche Erholung nach der Krise mit der Frage höherer Resilienz und neuer Prosperität und Modernisierung zu verbinden. Eine Jahrhundertaufgabe mit dem Potenzial einer Zeitenwende und eine Chance für Vertrauen in unsere Zukunftsfähigkeit.

Die Welt im Umbruch

Wir leben in einer Zeit der umfassenden Disruption. Etablierte Strukturen werden zerstört, gewohnte Denkmuster und bewährte Heuristiken sind nicht mehr anwendbar, eingeübte Routinen führen nicht mehr zum gewünschten Erfolg. Der Grund dafür ist, dass sich die Welt im Übergang in eine neue Ordnung befindet. Die bestehende Ordnung vermag die Dinge nicht mehr zu ordnen, eine neue dagegen existiert noch nicht. Es herrscht Unordnung. Die Gegenwart hat Widersprüche erzeugt, Vertrauen vernichtet und Hoffnungen enttäuscht, was wiederum Konflikte und Krisen auslöst. Die Krise ist seit vielen Jahren der gefühlte Dauerzustand der Gesellschaft – Finanzkrise, Euro-Krise, Flüchtlingskrise, Klimakrise, alles wird, alles ist Krise –, ein permanenter Ausnahmezustand, der Regeln außer Kraft und Menschen und Institutionen unter Stress setzt, was entweder in Abstumpfung oder in Schizophrenie endet. Beides ist gefährlich für die Fähigkeit von Menschen und Gesellschaften, eine Zukunft zu gestalten, von der wir nur wissen, dass sie sehr viel anders sein wird als unsere Gegenwart. Das bedeutet, sie kann besser, aber auch schlechter sein. Der „Zukunftswinkel“, die Bandbreite der möglichen Zukunftsszenarien ist sehr groß. Es sind Gratwanderungen in einer buchstäblich, in doppeltem Sinne ver-rückten Welt, die ansteht, neu vermessen zu werden. Was aber ist der Gradient, die Bewegungsrichtung aller dieser augenblicklichen Veränderungen?

Wir reden von großen Umbrüchen, von tektonischen Verschiebungen. Es findet ein dreifacher Paradigmenwechsel statt: Der Übergang von der Nachkriegsordnung in eine neue, noch unbekannte geopolitische Ordnung, die Transformation des Industriezeitalters in ein neues digitales Zeitalter, das noch keine Konturen und Regeln hat, und die Dekarbonisierung der Wirtschaft in eine nachhaltige, klimaneutrale Ökonomie, die andere Grundlagen und Prinzipien des Wirtschaftens als die bisherigen benötigt. Dieser dreifache Übergang ist schmerzhaft, denn die damit einhergehende Disruption zerstört unser bisheriges Vermögen und die Grundlagen des Wohlstands. Im Moment herrscht eine Vermögensillusion; wir überschätzen angesichts der bevorstehenden Disruption unser gegenwärtiges Vermögen. Es wird schon in wenigen Jahren nicht mehr dazu taugen, unseren Wohlstand zu erhalten. Eine neue Ära des Fortschritts ist möglich. Doch davor steht eine schwierige Phase der Transition, in der Vieles kaputt gehen wird und Neues aufgebaut werden muss. Dabei steht auch auf dem Spiel, was wir für sicher und selbstverständlich gehalten haben: Freiheit, Demokratie – und sogar Frieden.

Die Zeiten ändern sich grundlegend. Unbegrenzte digitale Vernetzung findet statt, politische Grenzen werden wieder hochgezogen – auch in den Köpfen der Menschen, Gesellschaften fragmentieren sich – eine regelrechte Neuvermessung findet statt. Sprache und Kommunikation verändern sich, Kausalitäten und Korrelationen gelten nicht mehr, Erfahrungen relativieren sich. Wir fühlen uns lost in transition und unsicher – und Unsicherheit führt zu Angst. Das System versagt: Es ist unfähig, sich selbst anzupassen. Die Folge sind umfassende Disruptionen. Politik und Medien verlieren sich in vielen Einzelaspekten, eine übergreifende, tiefere Diskussion findet nicht statt. Es ist aber wichtig, das große Bild zu verstehen. Nur so können die derzeitigen Umbrüche in eine neue Ordnung überführt werden.

Der Begriff der Disruption ist nicht allein destruktiv; er bezeichnet zugleich eine bestimmte Art des Denkens, nämlich in neuen Paradigmen, in alternativen Entwürfen und revolutionären Ideen. Disruption ist systemverändernd. Schon der Ökonom Joseph Alois Schumpeter wusste vor rund hundert Jahren, dass Fortschritt darin besteht, das überholte Alte durch ein besseres Neues zu ersetzen, und zwar durch einen unternehmerischen Akt der „schöpferischen Zerstörung“ und der Durchsetzung besserer Lösungen gegen den Widerstand der bestehenden Interessen und Strukturen. Zeiten der Disruption sind somit eben auch und vor allem Zeiten der Möglichkeit, Zukunft völlig neu zu denken. Genau an diesem Punkt stehen wir, an dem es gilt, aus dem Zustand der Zerstörung in einen Prozess der Gestaltung zu kommen.

Doch es herrscht eine Art Zukunftsverleugnung. Fast sinnbildlich haben wir negative Zinsen, die nur zu einem Teil durch die ultra-lockere Geldpolitik – die uns Zeit kaufen will, wofür eigentlich? – begründet sind, zu einem größeren Teil durch die hohe Ersparnis aus Angst der Menschen davor, was die Zukunft bringen mag, und die geringe Investitionstätigkeit der Unternehmen und Staaten aus Mangel an Ideen, wie die Zukunft aussehen könnte. Gegenwart ist buchstäblich „billig“ geworden. Wir leben im Hier und Jetzt – gleichermaßen geschichts- wie zukunftsvergessen.

Es gibt gute Gründe zur Sorge und ebensolche für Hoffnung und Optimismus. Der Ökonom Robert Shiller hat in seinem Buch „Narrative Economics“ auf die Bedeutung von übergreifenden Narrativen für die Orientierung von Gesellschaften hingewiesen. Aus der Disruption heraus müssen verstärkt neue Narrative entstehen. Die Zukunft steht in einem bestimmten Verhältnis zur Gegenwart. Über wesentliche Ereignisse in der Zukunft haben wir unvollständige Informationen. In gewisser Weise sind wir blind gegenüber der Zukunft, wir können sie nur mit den Augen der Gegenwart und den Erfahrungen der Vergangenheit betrachten. Darüber hinaus tendieren wir dazu, nur das zu sehen, wonach wir suchen und fragen. Vielleicht sollten wir nicht nur nach besseren Antworten suchen, sondern beginnen, andere Fragen zu stellen.

Dieses Buch ist aus vielen Vorträgen und der vielfachen Bitte entstanden, die darin geäußerten Gedanken und Beobachtungen zusammenzutragen und zu einer Gesamtschau zu verdichten. Diese soll helfen, die großen Zeitlinien zu identifizieren, um die komplexen Entwicklungen und Phänomene, die sie auslösen, zu verstehen. Das ist notwendig, denn es geht darum, den Kern der Gesellschaft und die Essenz des Menschseins zu bewahren. Historisch waren die Phasen großer Umbrüche besonders gefährlich, denn es gibt für deren Gestaltung keine Erfahrungswerte. Ein Paradigmenwechsel bedeutet Zukunft ohne Erfahrung und Gegenwart ohne Orientierung. Wir müssen in einer Welt handeln, die wir nicht verstehen. Nicht zu handeln, ist keine Option. Ein solcher Umstand erfordert die Besinnung auf Werte, Verantwortung, Demut und Zuversicht.

Das Buch gliedert sich in fünf Abschnitte. Es beginnt mit „Verortungen“. Hier wird die Ausgangslage beschrieben, eine Art Ortsbestimmung gegeben, wo wir uns in einem globalen und historischen Kontext gerade befinden. In den „Verwerfungen“ werden die vielfältigen Phänomene der Gegenwart – von Populismus über Fake News zu den Filterblasen – eher deskriptiv behandelt. Sie sind gleichwohl keine koinzidenten Erscheinungen, sondern haben gemeinsame Ursachen. Im dritten Abschnitt werden die tektonischen und in diesem Sinne paradigmatischen „Verschiebungen“ analysiert. Globalisierung, Digitalisierung und Klimawandel werden unser Leben potenziell so radikal verändern, dass sie nicht nur neue Antworten erfordern, sondern neue Fragen stellen. In „Verwandlungen“ geht es um die Transition von der alten in die neue Welt, um das, was wir bewahren wollen, und das, was wir verändern müssen.

Die „Verschiebungen“ haben Asymmetrien und Dysfunktionen, aber auch Legitimationsdefizite erzeugt, die nur durch neue Ordnungen aufgehoben werden können. Neue Mächte wie China oder Facebook haben das Kräftegleichgewicht schleichend und doch tiefgreifend verändert. Sie machen neue Regeln erforderlich. Der fünfte und abschließende Abschnitt handelt vom „Aufbruch“. Denn Fortschritt gibt es nur im Neuen, nicht im Alten. Die Kraft von Vision, Vertrauen, Verantwortung und Vernunft kann helfen, die vor uns liegende Expedition in die Zukunft erfolgreich zu bewältigen. Dazu müssen wir neues Vermögen aufbauen – das Vermögen, Zukunft zu gestalten. Nur wer das vermag, ist vermögend.

Dieses Buch möchte einen Beitrag zur Einordnung der derzeitigen Umbrüche leisten. Es nimmt dazu eine primär ökonomische Perspektive ein, versucht aber, zugleich die historischen und kulturellen Dimensionen einzubeziehen. Es hat oft fragmentarischen, zumeist essayistischen, an einigen Stellen analytischen Charakter und erhebt insoweit keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit. Vielleicht aber vermag es zu eigenen Gedanken zu inspirieren.

Henning Vöpel

Hamburg im Januar 2020

I Verortungen

In und an der Gegenwart brechen sich mehrere Zeitlinien gleichzeitig. Die Zukunft ist keine Fortschreibung der Vergangenheit mehr. Paradigmatische Unsicherheit entsteht, weil Globalisierung, Digitalisierung und Klimawandel neue Antworten erfordern. Das erzeugt Komplexität, Überforderung und eben Unsicherheit – „schwarze Schwäne“ sind im Anflug. „Unknown unknowns“: Wir wissen nicht einmal, was wir nicht wissen. Menschen und Institutionen geraten unter Stress, funktionieren unter neuen Umweltbedingungen nicht mehr wie früher. Die Welt ist im doppelten Sinne ver-rückt. Die Dinge sind nicht mehr „in Ordnung“. Die Fliehkräfte nehmen zu, Fronten verhärten sich. Eine Neuvermessung wird notwendig, damit Fortschritt möglich wird.

Kapitel 1

Eine ver-rückte Welt

Der Zustand der Welt ist geradezu kafkaesk. Vieles scheint noch so zu sein, wie es immer war. Aber doch stimmt irgendetwas nicht. Einst Vertrautes wirkt plötzlich fremd. Orientierung ist kaum möglich. Die Landkarte in unserem Kopf passt nicht zu der Welt, die wir mit unseren Augen etwas ungläubig beobachten. Wo sind wir gelandet und wie sind wir hierhergekommen? Unser Kompass funktioniert nicht mehr. Er ist auf Koordinaten geeicht, die sich selbst verschoben haben. Aber wenn man nicht weiß, wo man ist und wie man dorthin gelangt ist, wohin soll man dann gehen? Wir irren umher – in einer buchstäblich ver-rückten Welt. Etwa so wie Gregor Samsa in Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“, der sich eines Morgens in einen Käfer verwandelt sah und dies zunächst als einen vorübergehenden Zustand ansah, sich in einer anfänglichen Mischung aus Selbstverleugnung und Realitätsverweigerung aber doch mehr und mehr damit abfinden musste, nun diese neue Identität angenommen zu haben.

Noch vor einigen Jahren hätte wohl niemand für möglich gehalten, dass die Welt in den Zustand geraten könnte, in dem sie sich heute befindet. Es ist das Ende der Welt, wie wir sie kennen. Populisten wollen die Globalisierung zurückdrehen und starten den Angriff auf die offene Gesellschaft und die liberale Demokratie, digitale Plattformen dringen tief in unser Leben ein und steuern unsere Realitäten nach neuen Spielregeln, und der Klimawandel zerstört entweder unsere Lebensgrundlagen oder zwingt uns zur radikalen Umkehr in unserer Lebensweise. Interessenskonflikte werden dadurch freigelegt und sichtbar. Menschen, Gruppierungen und ganze Gesellschaften werden anfällig für politischen Extremismus. Die Gesellschaft steht vor Zerreißproben: Alt gegen Jung, Land gegen Stadt, Arm gegen Reich.

Fast scheint es, als existiere geradezu eine fatalistische Lust am Untergang. Statt zu löschen, wird Öl ins Feuer gegossen. Wir ahnen zwar, dass wir gefährlich nah am Abgrund stehen, aber machen dennoch so weiter wie bisher. Heute am Abgrund und morgen einen Schritt weiter. So muss es Generationen vor uns gegangen sein, denen wir heute mit geschichtlicher Distanz vorwerfen, nicht rechtzeitig gegengesteuert zu haben. Vielleicht wird auch heute irgendwann ein Punkt erreicht sein, an dem sich die Zukunft nicht mehr einfach so korrigieren lässt, ein point of no return