17,99 €
Ein Jahr Trump II: Wie die Tech-Milliardäre unsere Demokratie zerstören und warum digitale Souveränität so wichtig ist
Man muss die Tech-Oligarchen des Silicon Valley als Avantgarde verstehen. Eine Handvoll Männer mit Milliardenvermögen, futuristischer Technologie und einer Vorliebe für Science-Fiction sieht sich berufen, die Welt nach ihren Vorstellungen zu formen. Und hat sich hinter einem Mann versammelt, der diese Ideen durchsetzen kann: Donald Trump.
Peter Thiel, Mark Zuckerberg, Alex Karp und Marc Andreessen: Um Trump herum formierte sich seit 2024 eine Oligarchie, wie sie die westliche Welt noch nicht gesehen hat. Die reichsten Menschen des Planeten verbünden sich mit dem mächtigsten Menschen. Dieses Buch handelt davon, wie die Oligarchen von einer Wirtschaftsmacht zur politischen Macht wurden. Wie sie die Revolution von oben planten. Und was von unserer Welt noch übrig bleibt, wenn sie ihre gefährlichen Pläne durchsetzen.
Der Digitalexperte der Süddeutschen Zeitung, Jannis Brühl, erklärt den Schwenk der US-amerikanischen Tech-Elite nach rechts und analysiert umfassend ihre unheilvolle Agenda. Zum Einjährigen von Trumps Inauguration zieht Brühl Bilanz und zeigt, wie wir in Europa Resilienz gegen die Bedrohung unserer Demokratie aufbauen.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 324
Veröffentlichungsjahr: 2026
Die unheimliche Macht der Tech-Oligarchen: Wie sie mit unserer Zukunft spielen und wie wir uns wehren können
Das erste Jahr seit der erneuten Amtseinführung Donald Trumps ist eine Orgie der Zerstörung. Und die reichsten Menschen des Planeten halten die Kettensäge, mit der die liberale Weltordnung zerstückelt wird.
Dieses Buch ordnet die wichtigsten Tech-Unternehmer aus dem Silicon Valley ein und erklärt ihren Schwenk nach rechts. Wie wurden sie von Start-up-Gründern zu einer politischen Macht? Wie sehen ihre Visionen für das Schicksal der Menschheit aus? Und was bleibt von unserer Welt noch übrig, wenn sie ihre ungeheuerlichen Pläne durchsetzen?
Der Digitalexperte der Süddeutschen Zeitung, Jannis Brühl, analysiert umfassend die unheilvolle Agenda der superreichen Tech-Elite und zeigt, wie wir in Europa Widerstand gegen die Bedrohung unserer Demokratie leisten können.
Jannis Brühl, geboren in Nürnberg, ist einer von Deutschlands führenden Digitaljournalisten und leitet das Digital- und Finanzteam der Süddeutschen Zeitung. Er studierte Politik und Amerikanistik in Erlangen und Portland, Oregon. Im Jahr 2013 war er Arthur-F.-Burns-Stipendiat in der Redaktion der Investigativplattform ProPublica in New York City. Er ist als Moderator und Speaker tätig und berichtet seit zehn Jahren für die SZ über Big Tech, v. a. über die Disruptionen aus dem Silicon Valley und ihre Auswirkungen auf die deutsche Gesellschaft.
Besuchen Sie uns auf www.dva.de
Jannis Brühl
Die Ideologie der Tech-Oligarchen und das Ende der Demokratie, wie wir sie kennen
Deutsche Verlags-Anstalt
Teile dieses Buches beruhen auf Recherchen des Autors für die Süddeutsche Zeitung.Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.
Copyright © 2026 by Deutsche Verlags-Anstalt, München
in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Straße 28, 81673 München
(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR.)
Dieses Buch wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Gaeb & Eggers.
Umschlaggestaltung: zero-media.net
Satz: Uhl + Massopust GmbH
ISBN 978-3-641-33904-3V001
www.dva.de
Einleitung
Die »Mafia« übernimmt
Politik aus der Zukunft
Gegen den Staat
Ideologie und Interessen: So denken die Oligarchen
Die Disruption der Demokratie
Das Monopol als Prinzip
First Principles
Wie die Oligarchen nach rechts rückten
Die Gegenelite
Der Staat als Start-up
Founder Mode: Gegen das Management der Welt
You can just do things: Zerstörung aus Überzeugung
Superintelligenz und Marsreisen: Der große Plan
Der Kampf gegen DEI
Soziale Medien als Waffe
Krypto-Geschäfte
KI ohne Ketten
Return on Investment: Geschäfte mit der Trump-Regierung
Krieg der Zukunft: Der militärisch-digitale Komplex
Der erste Stamm schlägt zurück
Die Weltrevolution der Oligarchen
Was zu tun ist: Vier Schutzmaßnahmen
Anmerkungen
Man muss die Tech-Oligarchen des Silicon Valley als Avantgarde verstehen. Eine Handvoll Männer mit Milliardenvermögen, futuristischer Technologie und einer Obsession mit Science-Fiction sieht sich berufen, die Welt nach ihren Vorstellungen zu formen.
Der Mann, der das möglich machen soll, heißt Donald Trump und wurde 2025 zum zweiten Mal US-Präsident.
Peter Thiel, Elon Musk, Mark Zuckerberg, David Sacks, Alex Karp, Sam Altman und Marc Andreessen: Um Trump herum formierte sich seit 2024 eine Oligarchie, wie sie die westliche Welt noch nicht gesehen hat. In seiner Abschiedsrede im Januar 2025 warnte der scheidende US-Präsident Joe Biden vor einer »Oligarchie von extremem Reichtum, Macht und Einfluss« und dem »techno-industriellen Komplex«. Dieser Komplex verfiel mit dem Wechsel im Weißen Haus in einen Machtrausch.
Die Tech-Oligarchen haben ein Experiment begonnen, das sich nicht auf die USA beschränkt. Sie wollen herausfinden, ob anstelle der Demokratie des Westens nicht etwas anderes möglich ist. Eine Welt, in der Unternehmer mitregieren, in der Kapital und Technologie mit der Macht der politischen Anführer verschmelzen. In der künstliche Intelligenz (KI) unkontrolliert eingesetzt werden kann und in der sie mit transhumanistischen Techniken die Menschen selbst grundlegend umbauen können – indem Chips in Gehirne gepflanzt, menschliche mit künstlicher Intelligenz fusioniert und der Tod überwunden wird. Es geht um Abermilliarden Dollar an Staatsaufträgen und um eine Tech-Branche, die regellos agieren kann.
Dieses Buch handelt davon, wie die Oligarchen von einer Wirtschaftsmacht zur politischen Macht werden. Und davon, was wir ihnen entgegensetzen können.
Was lange nur Beobachter des Silicon Valley interessierte und als Spinnerei reicher Männer abgetan werden konnte, hat mit dem zweiten Amtsantritt Trumps Bedeutung für die ganze Welt erhalten. Die kindliche Begeisterung des Präsidenten für Technik wie die von Tesla (»Alles ist Computer hier drin. Das ist schön. Wow!«) und plakative Themen wie Raumfahrt (»Wir werden die amerikanische Flagge auf dem Mars hissen!«), seine Bewunderung für erfolgreiche – lies: reiche – Unternehmer führt die Oligarchen ganz nah an die höchsten Sphären der Macht heran. Doch ihr Bündnis mit Trumps nationalistischer MAGA-Bewegung steht unter Hochspannung. Der politische Aufstieg und Fall von Tesla-Chef Elon Musk zeugen davon, dass die Macht der Oligarchen innerhalb der MAGA-Revolution an Grenzen stoßen kann.
Die Idee, mit der die Oligarchen die Politik erschüttern, heißt: Disruption. Sie ist in der Tech-Branche zentral: die permanente Revolution des Kapitalismus durch Gründer mit radikalen Ideen und einer Liebe zum Risiko. Wenn dieses Denken auf die bislang stabile westliche Demokratie trifft, kann das die Politik inspirieren. Es kann aber auch zu einem Knall kommen, nach dem die Gesellschaft kopfsteht. In dem politischen Disruptor Trump haben die Tech-Disruptoren einen der ihren erkannt. Die Frage ist aber: Wer benutzt hier wen?
Die reichsten Menschen des Planeten, die Zugriff auf revolutionäre Technologien haben, verbünden sich also mit dem mächtigsten Politiker und seinem rechten Aufstand. Gemeinsam haben sie dem Staat, wie man ihn im Westen kennt, den Krieg erklärt. Der gefährlichste Angriff auf die liberale Weltordnung kommt nicht aus Russland, China oder von Dschihadisten. Er kommt aus Amerika – und er kommt von ganz oben. Die Vorstellungswelt des Silicon Valley ist Teil der neuen, autoritären US-Politik geworden. (Ich verwende den Begriff »liberal« in diesem Buch nicht im Sinne der deutschen Wirtschaftsliberalen wie der FDP, sondern im Sinne der liberalen Weltordnung, die auf Gewaltenteilung, Rechtsstaatlichkeit und Machtkontrolle Wert legt und offen für progressive Ideen ist. Der Liberalismus als tragende, parteiübergreifende politische Strömung der vergangenen Jahrzehnte unterscheidet sich zudem klar vom radikaleren Libertarismus, wie wir sehen werden.)
Diese Geschichte handelt nicht von allen mächtigen, superreichen Tech-Bossen. Im Zentrum steht ein Netzwerk um Peter Thiel und Elon Musk, das die Branche heute prägt und politisch weiter rechts steht als die meisten Tech-Unternehmer vor ihnen. Sie unterscheiden sich deutlich von der älteren Generation einflussreicher Gründer im Silicon Valley, zu der Bill Gates von Microsoft gehört, der sich mittlerweile mit seiner Stiftung als Philanthrop betätigt. Und Larry Ellison, Mitgründer und heute starker Mann der Unternehmenssoftwarefirma Oracle. Ellison, Jahrgang 1944, steht Trump zwar nahe und verdient prächtig an dieser Verbindung, unter anderem mit spektakulären Medien- und KI-Deals. Aber vom Disruptionsdenken sind er und sein etabliertes Softwaresystem, das noch aus den Achtzigern stammt, weit entfernt.
Die Gründer und Chefetagen der Konzerne Microsoft und Google, die die neunziger und nuller Jahre dominierten, gehören ebenfalls nicht zum Oligarchen-Netzwerk rund um Trump. Sie blieben der politischen Mitte und einigen progressiven Ideen wie der Gleichberechtigung größtenteils treu. (Was allerdings weder Gates noch Google-Gründer Sergej Brin und seinen CEO Sundar Pichai davon abhielt, Trump bei einem absurd anmutenden Dinner im Weißen Haus zu lobpreisen. Auf gute Verbindungen zum starken Mann in Washington sind alle Unternehmer angewiesen.)
Direkten Einfluss nahm im ersten Jahr von Trumps zweiter Amtszeit vor allem eine andere Gruppe. Die Start-up-Erfolge von Trumps Oligarchen heißen PayPal, Facebook, Instagram, Tesla, Palantir, Anduril und Coinbase. In mehreren Branchen haben sie Revolutionen angeführt. Zu der Gruppe gehört Marc Andreessen, der in den Neunzigern mit seinem Netscape-Browser Microsofts Monopol herausforderte. Mark Zuckerberg, der seine Milliarden auch verdiente, indem er mit Facebook eine Alternative zu Googles Monopol über Online-Anzeigen aufbaute. Oder Alex Karp, der gemeinsam mit Peter Thiel das Daten-Software-Unternehmen Palantir gründete und es leitet. Er hat einen Plan entworfen, wie sich die Tech-Branche mit dem US-Staat vereinigen soll.
Die jüngsten in dieser Gruppe der Oligarchen sind die Wunderkinder Sam Altman und Palmer Luckey, die sich mithilfe von Peter Thiel, KI und Kriegstechnik anschicken, die nächsten Jahrzehnte mitzubestimmen. Und Brian Armstrong, der daran arbeitet, das Geld zu privatisieren und durch Kryptowährungen zu ersetzen. Thiel und Andreessen agieren als Mentoren und Geldgeber im Hintergrund, formen aber zugleich als eine Art öffentliche Halb-Intellektuelle die Tech-oligarchische Ideologie. Die Rollen der beiden sind nach dem Muster good cop, bad cop verteilt. Während Andreessen eine futuristische Utopie entwirft, in der »technologische Übermenschen« auf Planeten und Raumstationen zwischen fernen Sternen leben, zeichnet Thiel ein düsteres Bild: Wenn die Tech-Unternehmen bei künstlicher Intelligenz, Biotechnologie und Fabriken im Weltraum nicht freie Hand bekämen, drohe die Herrschaft des »Antichristen«. Die Visionen der beiden unterscheiden sich derart, dass Thiel Andreessens »Techno-Optimismus« der Washington Post zufolge als »reinstes Silicon-Valley-Geschwurbel« bezeichnet hat.[1]
Der erfahrene britische Financial-Times-Journalist Gideon Rachman schrieb, dass durch Trump Mächte wirken, die er selbst nur halb verstehe.[2] Wer sind diese Mächte, die sich auf höherem Niveau bewegen als jener Präsident, den sie als »Idioten-Messias« sehen, wie der Politikwissenschaftler Henry Farrell schreibt?[3]
Der Trumpismus ist eine Gewalt, die die Welt verändert. Doch er besteht nicht nur aus Donald Trump, seinen Interessen, Instinkten und Launen. Seine Energie gewinnt er aus verschiedenen Quellen. Eine davon ist schon seit seinem ersten Wahlkampf 2016 die Wut der weißen Arbeiterschicht. Wut auf die Städte, die Liberalen, die Minderheiten und oft: Wut über den Verlust der eigenen Privilegien.
Mit der Wahl 2024 kam ein zweiter Energiestrom hinzu, und der entfesselte Trump erst richtig. Diese Energie lieferte die rechte Silicon-Valley-Elite, die überzeugt war, dass sich die Politik ihrem Genie nicht würde entziehen können. Trump, der Außenseiter, der Unterkomplexe, hatte schlagartig Zugriff auf ihre milliardenschwere Finanzmacht und die besten Technologielabore des Planeten.
Man darf sich die Oligarchen nicht als ein geschlossenes Machtzentrum vorstellen. Sie sind ein lockerer Verbund aus Leuten, die einander gut kennen und miteinander Geschäfte gemacht haben. Ihre Interessen sind nicht immer deckungsgleich. Sie sind mal Förderer, mal Ideengeber, mal Konkurrenten der anderen. Das Weltbild der Tech-Oligarchen ist kein geschlossenes, sondern, das betonen sie selbst gerne, »heterodox«, also aus vielen Strömungen zusammengebastelt. Das macht es ebenso flexibel wie widersprüchlich.
Die Oligarchen sind steinreich, intelligent, innovativ und halten sich für hyperrational. Sie sind in vielem das Gegenteil der proletarisch-vulgär auftretenden MAGA-Vertreter, aber ihre Methode der Disruption hilft der rechten Bewegung, den Weg für ihre reaktionären Ideen freizusprengen.[4] Obwohl sie nur wenige sind, können sich die Unternehmer im Gegensatz zum Durchschnittsamerikaner sicher sein, dass ihre Stimme im Weißen Haus gehört wird.
Als wichtigste Einflüsterer des Präsidenten galten zu Beginn von Trumps zweiter Amtszeit Elon Musk, der Oligarch, und Russell Vought, Mitautor des MAGA-Strategiepapiers Project 2025, das Trump inzwischen nach und nach umsetzt. So fanden Tech-Disruption und rechtskonservative Politikstrategie zusammen. In dem Papier aus dem Jahr 2023 sind die Tech-Unternehmen als »willige … Partner« für das nationalistische Projekt explizit genannt.[5] Musks Disruptions-Truppe gegen den Staat, das Department of Government Efficiency (DOGE), war in diese Strategie von Anfang an eingebettet. Auch nach Musks Abgang aus dem Weißen Haus im Streit lebt seine Idee von der Staatszerstörung weiter. Vought blieb Chef des Amtes für Verwaltung und Haushaltswesen, der zentralen Stelle, um die Agenda des Präsidenten in der Regierung zu verankern. Dort hält er den Geist und die Strategien von DOGE am Leben.
Auf meine Fragen zu ihrer politischen Rolle, die ich über ihre Unternehmen an die Oligarchen gerichtete habe, antworteten sie nicht, mit Ausnahme von OpenAI, die sich allerdings nur zur Arbeit des Unternehmens äußerten, nicht zu den Verbindungen ihres Chefs Sam Altman zu Trump.
Ohne die Ideologie der Tech-Oligarchen lässt sich der Epochenbruch nicht begreifen, den Trump II bedeutet. Dieses Buch ist ein Versuch, die Gedanken der Tech-Elite ernst zu nehmen. Schließlich formen sie nicht nur die Software und die Geräte, die wir täglich nutzen, sondern nun auch die Politik der mächtigsten Nation der Erde. Um diese Gruppe zu stoppen, ist es entscheidend, sie zu verstehen.
Mit Trump, Vizepräsident J. D. Vance und ihren Verbündeten aus dem Silicon Valley bemächtigen sich Unternehmer der großen amerikanischen Demokratie. Es ist ein Experiment mit ungewissem Ausgang, das immer autokratischere Züge annimmt und auch Deutschland nicht unberührt lässt. Können die westlichen Demokratien den Machtrausch der Oligarchen überleben?
Die Übernahme Amerikas war gut vorbereitet. »Die Linke scheint weitgehend ahnungslos zu sein, dass einige der klügsten und intellektuellsten Trump-Anhänger des Landes« in Chatgruppen vernetzt seien und dort »Links, Informationen, Taktiken, Strategien und Ad-hoc-Aufträge« austauschten. »Und das tun sie (kein Scherz) etwa 20 Stunden am Tag, auch an den Wochenenden.« Das berichtete ein Insider dem Reporter Ben Smith im Frühjahr 2025.[6]
Die Gruppe in der App Signal hieß »Chatham House«. Dort tauschten sich Milliardäre und andere Unternehmer über Politik aus und organisierten die Unterstützung der Tech-Elite für Trump. Gezielt arbeiteten sie von hier aus an dem vibe shift in der Gesellschaft, jener Wendung von der – vermeintlichen – Dominanz progressiver Themen wie Gleichberechtigung, grüne Energie, Antirassismus und LGBTQ-Rechte hin zu den Lieblingsthemen der MAGA-Bewegung: angeblicher Zensur, »Rassismus gegen Weiße« und Horrorgeschichten über Migranten. In dieser Gruppe wurde an der Ideologie der neuen Welt gebaut. Der Trump-Welt. Und die Superreichen gaben den Ton an.
Einer von ihnen war David Sacks. Seit kurzem war er »KI- und Krypto-Zar« des eben wiedergewählten Präsidenten, also Sonderbeauftragter für die beiden digitalen Hype-Bereiche. Wie Elon Musk hatte Trump ihn zum »speziellen Regierungsangestellten« auf Zeit ernannt. Sowohl Sacks als auch Musk sind Mitglieder der sogenannten PayPal-Mafia – des Zirkels von Gründern und frühen Mitarbeitern des Bezahldienstes PayPal, der um die Jahrtausendwende den Finanzsektor erschütterte. Direkte digitale Zahlungen zwischen Menschen waren etwas Neues, der Online-Handel lief plötzlich mit weniger Reibung, Banken und Kreditkartenanbieter hatten PayPal nicht kommen sehen. Es war eine der großen Disruptions-Geschichten aus dem Silicon Valley.
Die Entschlossenheit, der Mut zum Risiko und das Geld, das diese Gruppe aus dem Erfolg von PayPal mitnahm, machten den Zirkel über das Silicon Valley hinaus berühmt. Legendär wurde das Foto, das 2007 im Fortune-Magazin abgedruckt wurde: 13 Gründer und Mitarbeiter von PayPal posieren in glänzenden schwarzen Anzügen mit Pokerchips und Whiskeygläsern.[7] Später verdienten sie mit Gründungen und Verkäufen von Unternehmen weitere Milliarden, zum Beispiel mit dem sozialen Netzwerk LinkedIn, der Datensoftware-Firma Palantir, der Videoplattform YouTube, dem Empfehlungsportal Yelp.
Der Paypal-»Mafioso« David Sacks verließ im April 2025 Chatham House. Er beklagte, dass einige in der Chatgruppe nicht mehr auf Trumps Linie waren. Ein Graben hatte sich aufgetan. Manche der Unternehmer waren entsetzt über die wirre Politik Trumps, insbesondere über die Zölle. Sie waren schließlich Globalisierungsgewinner, nun hatte er Technik-Komponenten aus China mit astronomischen Zöllen belegt, um durch Abschottung wieder Jobs nach Amerika zu bringen.
Sacks waren die Skrupel seiner Chat-Kontakte fremd. Trumps Revolution war für ihn wichtiger als das alte Denken, in dem Freihandel als gesetzt galt. Als »Zar« handelte Sacks nun im Auftrag Trumps, so wie Musk die Strippen in der Sparkommission DOGE zog.[8] Während Sacks den US-Staat digital aufrüsten und dabei die Vermögen der Tech-Branche weiter wachsen lassen sollte, war Musks Auftrag, störende Behörden kaputtzuschlagen. Beide waren Teil einer Bewegung. Die Elite des Silicon Valley hatte sich mit Trumps zweitem Wahlsieg aufgemacht, den Moment zu nutzen und die Welt nach ihren Vorstellungen umzubauen. Wozu sind Revolutionen und Chaos schließlich da?
Sacks und Musk waren nicht die einzigen Tech-Unternehmer, die die Nähe zur neuen Regierung suchten. Die Allerreichsten von ihnen hatten Millionen Dollar für die Feierlichkeiten zu Trumps Amtseinführung im Januar 2025 gespendet. Facebook-Gründer Mark Zuckerberg, Amazon-Gründer Jeff Bezos – nach Musk zu diesem Zeitpunkt die Nummern zwei und drei auf der Liste der reichsten Menschen der Welt – kamen Trump und seinem Vizepräsidenten J. D. Vance bei der Amtseinführung ganz nah. Ebenso wie Musk, Chef des Autobauers Tesla, des Raumfahrtunternehmens SpaceX und der Gehirnchip-Firma Neuralink. Er hatte etwa 200 Millionen Dollar für Trumps Wahlkampf ausgegeben. Keiner hatte sich seinen Sitzplatz so offen erkauft wie er. Auch den Demokraten zuneigende Trump-Skeptiker wie Tim Cook und Sundar Pichai, die Chefs von Apple und Google, sowie Google-Gründer Sergej Brin waren gekommen. Geschäft ist eben wichtiger als politische Differenzen. Wie Musk, Bezos und Zuckerberg saßen sie nur zwei Reihen hinter der Familie Trump, noch vor den Ministern. Die Tech-Bosse hatten ihre Distanz zum Trumpismus endgültig aufgegeben.
Die digitalen Umwälzungen der vergangenen Jahrzehnte haben eine neue Form der Oligarchie geschaffen. Die technologische Revolution hat gewaltige Gewinne abgeworfen, und einige wenige haben sie abgeschöpft. Elon Musk besaß im September 2025 unglaubliche 480 Milliarden Dollar, Mark Zuckerberg 258 Milliarden Dollar, Jeff Bezos 233 Milliarden Dollar.[9] Digitale Technik kann denen, die sie kontrollieren, enormen Reichtum bescheren. Das gilt vor allem für das Software-lastige Plattformgeschäft, das Facebook, Instagram, PayPal, Amazon und Google groß gemacht hat. Die Unternehmen profitierten von sogenannten Netzwerkeffekten, die sie extrem schnell wachsen ließen und es Konkurrenten schwer machten, mitzuhalten. Diese Effekte funktionieren wie ein Sog: Jeder zusätzliche Nutzer auf einer solchen Plattform macht es für andere Nutzerinnen und Nutzer attraktiver, auch dort zu sein. Allein oder mit einer Handvoll Menschen auf einer Plattform zu sein, hilft dem Einzelnen schließlich wenig. Durch die Sogwirkung kann das Geschäft in enormem Tempo wachsen. Ist diese Aufwärtsspirale einmal erreicht, wird es für neue Wettbewerber fast unmöglich, ein erfolgreiches Plattform-Unternehmen herauszufordern. Dank ihrer dominanten Stellung in den Märkten mussten die Unternehmen ihre Gewinne kaum mit Konkurrenten teilen. Ihr Reichtum wuchs in ungekannte Sphären, und schon ihr Aufstieg war von Konflikten mit demokratischen Institutionen begleitet:[10] Sie stehen unter dem Verdacht, durch Monopole Mitbewerber unfair auszuschließen. Mit Datenschutzbehörden liegen mehrere der Firmen weltweit im Dauerclinch, weil sie ihre Nutzer überwachen und so eine ungeahnte Form von Datenmacht aufgebaut haben.[11] Weil über die Plattformen Terrorpropaganda und andere problematische Inhalte, aber auch legale politische Botschaften aller Richtungen verbreitet werden, wird ihnen von manchen Verantwortungslosigkeit vorgeworfen und von anderen Zensur. Marietje Schaake, ehemalige Abgeordnete des Europaparlaments, erlebte in ihrer Zeit als Stipendiatin an der Universität Stanford das Silicon Valley hautnah. Sie schreibt: »Technologien können dafür sorgen, dass sich Menschen emanzipieren und ungehörte Stimmen hörbar werden. Sie können jedoch auch Disruptoren in Monopolisten verwandeln, die rücksichtslos Effizienz, Überwachung, Skalierung und Profit verfolgen.«[12] Aufgehalten haben solche Konflikte weder den Aufstieg der Gründer an die Spitze der Reichenlisten noch ihren Weg in die Politik.
Wie stark sich das Geld auf die Technologie-Gründer konzentriert, zeigt ein Blick auf die Liste der reichsten Menschen, die vom Magazin Forbes gepflegt wird. Auf den Plätzen 1 bis 10 tummeln sich acht Westküsten-Gründer, darunter Elon Musk, Larry Ellison, Jeff Bezos und Mark Zuckerberg.[13] Von ihrem Kapital, das im Silicon Valley immer wieder neu investiert wird, haben auch mehrere der Milliardäre profitiert, die die Hauptrollen in diesem Buch spielen.
Einer der Strippenzieher – vielleicht der wichtigste – der Oligarchenwelt, die sich nun in die Politik einmischt, ist der deutschstämmige Peter Thiel – Jahrgang 1967, Vermögen 23,5 Milliarden Dollar.[14] Er gilt seinen Bewunderern als hochintelligent, nicht nur weil er der erste Großinvestor bei Facebook war, als sonst praktisch niemand an dessen Gründer Zuckerberg glaubte. Im Präsidentschaftswahlkampf 2016 war Thiel noch der einzige prominente Unternehmer aus dem Silicon Valley, der Trump offen unterstützte. 2025 erschien Thiel nicht zur Amtseinführung, er agiert lieber im Hintergrund. Seit langem fungiert er als Ideengeber für die rechte Minderheit im Silicon Valley, wo die Mehrheit der Angestellten der Tech-Unternehmen auch 2024 die Demokraten wählte. Diese rechte Minderheit ist mit Trumps zweitem Wahlsieg ins Rampenlicht getreten, und mit ihr Thiels elitärer, rechter Libertarismus. Von ihm stammt der Slogan, dass Demokratie und Freiheit nicht miteinander vereinbar seien.[15]
Das Duo Musk und Thiel verbindet schon lange ein besonderes Verhältnis. Ende der 1990er-Jahre gründeten beide im selben Gebäude im kalifornischen Palo Alto je einen Bezahldienstleister: Thiels Firma Confinity und Musks Firma X.com (die damals noch nichts mit Social Media zu tun hatte). Im Jahr 2000 fusionierten die beiden Firmen zu PayPal; die beiden Gründer wurden durch den späteren Verkauf an Ebay reich und legten den Grundstock für viele weitere Investitionen und Gründungen im Silicon Valley.
Es gibt auch eine explizit politische Verbindung zwischen Thiel und Musk: Als Trump 2016 zum ersten Mal gewählt worden war, machte er Thiel zum Mitglied des Teams, das den Übergang nach der Präsidentschaft von Barack Obama vorbereiten sollte. Thiel organisierte nicht nur ein Treffen zwischen Trump und den mächtigsten Tech-CEOs, darunter auch Musk. Er arbeitete damals auch mit einem kleinen Team im Trump-Tower in New York daran, Leute aus seinem Netzwerk in der neuen Regierung zu installieren. Mitarbeiter seiner Investmentfirmen nannten ihn zeitweise schon den »Schattenpräsidenten«.[16] Aber Thiel scheiterte mit den meisten seiner Ideen. 2025 führte Musk dann sein Werk mit DOGE im großen Stil fort. Dieses Mal wurden mehrere Menschen aus Unternehmen, in denen Thiel mitmischt, in der Regierung platziert. Sie kommen aus Thiels Datenanalyse-Firma Palantir, der Militärtechnik-Firma Anduril und seinem Hedgefonds Mithril Capital.[17] Thiels Netzwerk aus ehemaligen Mitarbeitern besetzte nicht nur Positionen bei DOGE, sondern auch im Gesundheits- und Verteidigungsministerium sowie im Haushalts- und Verwaltungsamt. Ken Howery, Mitgründer von PayPal und Thiels Vertrauter aus Studienzeiten, wurde 2025 zum Botschafter in Dänemark ernannt.[18]
Auch Trumps Vizepräsident stammt aus Thiels Dunstkreis: J. D. Vance, der Ex-Soldat aus bescheidenen Verhältnissen, arbeitete einst für Mithril Capital. Thiel finanzierte seinen Senatswahlkampf 2022 mit Millionen Dollar und stellte ihn Trump vor. In mehreren Telefonanrufen bei Trump warb Thiel der New York Times zufolge dafür, Vance als Vize auszuwählen.[19] Seine einstige Abscheu vor Trump überwand Vance wohl auch dank seiner Diskussionen mit Thiel, den er als Intellektuellen verehrt. Denn der Investor und Gründer hat Vance ideologisch geformt. Beide hassen offensichtlich jene liberal-progressive Elite, auf deren Partys sie einst gingen. Als Insider, der für Thiel arbeitete und selbst in Tech-Start-ups investiert hat, ist Vance der Verbindungsmann Trumps zum rechtslibertären Teil des Silicon Valley. Er hat einen Keil zwischen diesen und den progressiven Teil der Tech-Elite getrieben, der mit dem nationalistischen Umbau der USA wenig anfangen kann. Vance nutzte dabei seine Verbindungen zu Thiel und Sacks.[20] Ebenso wie Thiel unterstützte Sacks Vance’ Kandidatur für den Senat und warb 2024 offen für ihn als Trumps Vize.
Musk, Sacks, Thiels Zögling Vance: Die PayPal-Mafia als zentraler Zirkel der Tech-Industrie war 2024 so nah an die Macht gerückt wie nie. Nach Trumps Wahl schrieb der Economist: »Die PayPal-Mafia übernimmt die amerikanische Regierung.«[21] Das Posieren als Gangster oder »Mafiosi« 20 Jahre zuvor war schließlich nur halbironisch gemeint. Ein bisschen gefährlich wollten diese Nerds mit den erfolgreichen Gründergeschichten durchaus wirken. Es war erst der Anfang. Die Gründung von PayPal ist wie der berühmte Flügelschlag eines Schmetterlings, der heute bis auf jedes Handy nachwirkt, auf dem Facebook, Instagram, PayPal oder YouTube installiert ist. Dieser Schmetterlings-Effekt hat nun auch das Weiße Haus erreicht.
Heute ist die alte PayPal-Mafia noch immer bestens miteinander vernetzt. Thiels CEO bei PayPal hieß einst Elon Musk, Thiels Fonds investierte später in Musks Unternehmen SpaceX und in Neuralink, das Schnittstellen baut, um Gehirne direkt mit Computern zu verbinden. Thiel und Musk waren auch an der Gründung von OpenAI beteiligt, jener Organisation, die 2022 wegen ihres Chatbots ChatGPT zum wichtigsten KI-Zentrum der Welt wurde.
Eine zentrale Rolle in den Chatgruppen spielt der sendungsbewusste Marc Andreessen, Jahrgang 1972, Vermögen zwei Milliarden Dollar. Der Erfinder des modernen Browsers gilt als »Chefideologe des Silicon Valley«,[22] seine Risikokapitalfirma Andreessen Horowitz als wichtigste in der Sand Hill Road – jener Straße im Silicon Valley, in der sich die Büros der Venture-Kapitalisten aneinanderreihen. Hier entscheidet sich, welches Start-up Geld bekommt, um zu überleben und zu wachsen, und welches nicht. Wer zur nächsten Generation der Tech-Elite gehören darf, wenn ihn die Midas-Berührung von Andreessen und seinen Nachbarn zum next big thing adelt.
Im Gegensatz zu anderen Ratgebern soll Andreessen den jungen Mark Zuckerberg 2010 gedrängt haben, das Angebot von einer Milliarde Dollar auszuschlagen, das der Internet-Konzern Yahoo für Facebook bot. Weil Facebook danach zum Weltkonzern wurde, für den eine Milliarde Dollar heute fast nichts ist, gilt dieser Moment als weiterer Beweis für Andreessens Genie. Wenn Andreessen Horowitz heute in ein Start-up investiert, werden andere Investoren und die Medien hellhörig. Das Kapitalunternehmen wirkt zudem mit einem eigenen Mediennetzwerk aus Blogs und Podcasts auch über das Silicon Valley hinaus. Go direct heißt diese Idee der Tech-Branche: Warum mit skeptischen Journalisten reden, wenn man auch direkt und ohne kritische Zwischenfragen seine Vorstellungen von Politik und Wirtschaft in die Welt senden kann? Das Ziel ist es, Zweifel an der technologischen Revolution und den Start-ups zu zerstreuen, in die Andreessen Horowitz investiert hat.[23] Gleiches gilt heute für Zweifel an der Digitalstrategie der Trump-Regierung.
Andreessens Netzwerk in dieser Regierung steht dem von Thiel in nichts nach. Ehemalige Mitarbeiter seines Unternehmens arbeiteten 2025 unter Trump im Verteidigungs- und Gesundheitsministerium, in der Finanzaufsicht, im Personalverwaltungsamt und in Sacks’ KI-Büro.[24] Andreessen sagt, er habe nach der Wahl in Trumps Anwesen Mar-a-Lago in Florida an Bewerbungsgesprächen für Regierungsposten teilgenommen, um Kandidaten zu bewerten.[25]
Für Andreessen, Sacks, Thiel und Musk ging mit der zweiten Amtszeit Trumps ein Traum in Erfüllung. Endlich hatten sie die Gelegenheit, das wirtschaftliche Prinzip der Disruption auch in der Politik auszuprobieren und die Dinge in ihrem Sinne auf den Kopf zu stellen. Die Chat-Gruppen zeigen allerdings auch, dass es sich hier nicht um eine Verschwörung handelt, sondern um ein loses Netzwerk, in dem heftig über die richtige Politik gestritten wird. Auch reiche Unterstützer der Demokraten wie der Software-Unternehmer Marc Cuban stritten mit, blieben allerdings Außenseiter. Doch man kennt sich in der Sand Hill Road und im Rest des Valley. Der Journalist Sebastian Mallaby schreibt über die Risikokapitalgeber, zu denen Thiel, Andreessen und mittlerweile auch OpenAI-Chef Sam Altman (von dem wir noch lesen werden) gehören: Sie seien »eine Clique: zu weiß, zu männlich, zu Harvard/Stanford«. Eine echt elitäre Gruppe also.[26]
Anfang 2025 waren die Oligarchen aus dem Schatten getreten, angeführt von Elon Musk. Der wurde in den ersten Monaten nach Trumps Amtsantritt zur zentralen Reizfigur der Regierung, manchmal löste er noch heftigere Reaktionen aus als der wilde Präsident selbst.
Musk hatte seine gigantische Medienmacht hinter Trump geworfen. Über seinen Dienst X erreicht er mehr als 200 Millionen Menschen. Seine Stimme hat dort eine Reichweite, die kein Chefredakteur und kein anderer Journalist auf der Welt je hatte. Musk hatte mit Tesla Elektroautos zu einem begehrten Produkt gemacht und mit seinen Raketen-Start-up SpaceX die Raumfahrt revolutioniert. Der Genie-Kult um ihn half ihm, in die neue politische Landschaft Amerikas und der Welt zu stürmen wie kein Unternehmer vor ihm.
Die Oligarchen ergänzen Trump, mehr noch: Sie haben tatsächlich das erreicht, was Trump von sich selbst lediglich behauptete, nämlich wirklich erfolgreiche Unternehmer zu sein. Die Bilanz von Trumps Immobiliengeschäften ist bestenfalls gemischt, und sein Vermögen hat er wohl zeitweise größer dargestellt, als es tatsächlich war.[27] Aus eigener Kraft hat Trump »es« gleich doppelt nicht geschafft. Erstens ist er Erbe eines reichen Immobilienunternehmers, zweitens konnte er lange nicht so viel Geld verdienen, wie er gerne hätte. Die Show The Apprentice, die ihn zu Beginn des Jahrhunderts im öffentlichen Bewusstsein hielt und ihm letztendlich den Weg zur Präsidentschaft ebnete, zeigte ja nicht Trump, den Unternehmer. Sie zeigte Trump, den Schauspieler. Er spielte den ebenso brillanten wie strengen Unternehmer, der die Geschäftsideen der Teilnehmer bewertete.[28] Musk dagegen hat es wirklich geschafft, durch Ingenieurskunst, überraschende Ideen und hartnäckiges »Versuch und Irrtum« (sowie einen herrischen Führungsstil), zum reichsten Menschen der Welt zu werden.
Mit einem der Oligarchen hatte Trump noch eine Rechnung offen: Mark Zuckerberg, Chef der Plattformen Facebook, Instagram, WhatsApp und Threads, über die mehr als zwei Milliarden Menschen kommunizieren.
Weil Trump den Sturm seines MAGA-Mobs auf das Kapitol anheizte, sperrte Zuckerberg 2021 den gerade Abgewählten praktisch eigenhändig von seinen Plattformen Facebook und Instagram aus. Trump drohte Zuckerberg später mit lebenslanger Haft. Als Trump aber 2024 die Wahl gewonnen hatte und die rechte Welle unbesiegbar wirkte, reiste Zuckerberg nach Mar-a-Lago. Angesichts von Trumps neuer Stärke kam es wohl zu einem Deal, denn kurz darauf verkündete Zuckerberg: Er werde die Moderation der Inhalte entschärfen, ganz im Sinne der Konservativen. Für Beleidigungen von Frauen oder Transmenschen gab es nun keine Sanktionen wie Sperrungen oder Löschungen mehr.
Als wichtigstem Social-Media-Unternehmer kommt Zuckerberg eine besondere Verantwortung zu. Er kann entscheiden, wie die Welt miteinander spricht. Die Moderation von Inhalten bringt viele Fragen mit sich, zum Beispiel die, wo Zensur beginnt und der Schutz von Minderheiten endet. Deshalb ist Zuckerbergs Kurswechsel für viele Menschen relevant. Unregulierte soziale Netzwerke werden zum rechtsradikalen Propagandasumpf aus nicht verifizierten, oft falsch beschrifteten Videos, die Migranten in das schlimmstmögliche Licht rücken, pseudowissenschaftlichen »Belegen« für Verschwörungen und den Verfall der Gesellschaft und der Bloßstellung politischer Gegner, insbesondere von Frauen und Minderheiten.
Damit könnten Zuckerbergs Plattformen Facebook, Threads und Instagram wieder zu einer scharfen Waffe werden wie während des weitgehend unregulierten Wahlkampfes 2016. Je weniger reguliert eine Plattform, desto mehr gewinnt rechte Propaganda die Überhand und erweckt den Anschein, den Diskurs zu beherrschen.
Zuckerberg ist sicherlich kein Rechtsextremer. Aber seine Laissez-faire-Taktik leistet einer Strategie von Rechtsextremen Vorschub, die auf den italienischen Marxisten Antonio Gramsci und sein Konzept der Hegemonie zurückgeht. Der war ein einflussreicher Linker, aber auch das Umfeld der deutschen AfD nutzt seine Ideen, um das »Vorfeld« – den nichtpolitischen Raum in der Gesellschaft – mit seiner Ideologie zu besetzen, also die Hegemonie über die Kultur eines Landes zu gewinnen. Weniger akademisch hat es Steve Bannon ausgedrückt, Trumps Berater in dessen erster Amtszeit: »die Zone mit Scheiße fluten« (flood the zone with shit), darum gehe es in der Kommunikation seiner Bewegung. »Die Zone fluten« ist eigentlich ein Begriff aus dem American Football. Er steht für eine Strategie, bei der die Verteidigung durch ein Heer von Angreifern überfordert wird. Zu Beginn von Trumps zweiter Amtszeit fluteten die Oligarchen und ihre Fans soziale Medien manchmal mit shit, vor allem aber mit ihren futuristischen Ideen.
Warum hat sich Zuckerberg, einst standhafter Unterstützer der Demokraten, in eine offensichtliche Allianz mit seinem ehemaligen Gegner Trump begeben? Das hat mit Europa zu tun. In der EU gelten weltweit die schärfsten Gesetze zur Regulierung von Online-Plattformen, mehrere davon treffen Facebook hart. Zuckerberg setzt darauf, dass Trump seine Interessen im Rahmen des transatlantischen dealmaking durchsetzt und die Europäer zwingt, von Strafen und Einschränkungen gegen Meta abzusehen. Hier überschneidet sich das Interesse Zuckerbergs mit dem der konservativen Pöbel-Bewegung MAGA: Der Vorwurf, Inhalte auf Plattformen wie Facebook zu zensieren, den J. D. Vance Anfang 2025 auf der Münchner Sicherheitskonferenz gegen die Europäer erhob, war ganz im Sinne beider Gruppen.
Wie die meisten Oligarchen hatte sich auch Zuckerberg lange von der Politik ferngehalten. Der Gedanke, dass die Tech-Größen an einer Art neuem Staat mitbauen, ist revolutionär. Bislang waren sie entweder für politische Ignoranz bekannt oder für die Verachtung des Staates, wie der Unternehmer Balaji Srinivasan, der eine Nation am liebsten nur auf den Computern der Cloud bauen würde. (Wir werden noch mehr über seine Fantasien erfahren.) Palantir-Chef Alex Karp beschreibt den Mark Zuckerberg aus der Frühphase von Facebook als typisch für seine Generation der »technologischen Agnostiker«, die »weder eine große Weltanschauung noch ein politisches Projekt« hätten. Er verweist auf eine Aussage Zuckerbergs von 2010. Nachdem er in dem Spielfilm The Social Network dargestellt worden sei, als habe er Facebook als sexuell frustrierter Student nur gegründet, »um Frauen zu beeindrucken«, sagte Zuckerberg: »Sie können einfach nicht begreifen, dass jemand etwas baut, einfach weil er gerne Dinge baut.«[29] Eine Filmfigur braucht tatsächlich immer eine gute Motivation für ihre Handlungen, Zuckerberg dagegen sah sich einfach als unschuldigen Bastler, der wie zufällig einen Billionen-Dollar-Konzern schuf.
Die Tech-Milliardäre haben mit ihren Erfindungen und Investitionen – Browser, soziale Medien, süchtig machende Manipulationstechnik auf Handys – die Welt an die Bildschirme gefesselt. Mit ihrer Hyperaktivität in den Chat-Gruppen verstießen sie dann gegen die erste Regel aller Dealer: Never get high on your own supply. Zuckerberg, Musk und der frühe Facebook-Investor Andreessen sind am deutlichsten beeinflusst von den rechten Inhalten, die viele kleinere Influencer in ihren Netzwerken verbreiten.
Geld und Politik waren durch die enormen Wahlkampfspenden, die in den USA möglich sind, schon lange verwoben, das galt für Republikaner wie für Demokraten. Dass aber eine elitäre Gruppe mit Obsessionen, die über den eigenen Geldbeutel hinausgehen, so nah am Weißen Haus mit der Weltmacht experimentieren darf, ist ohne Vorbild. Und die größte Obsession der Oligarchen ist die Zukunft.
Am 18. März 2025 stand J. D. Vance auf der Bühne beim American Dynamism Summit in Washington, D. C. Die Konferenz im noblen Waldorf Astoria war von der Risikokapitalfirma Andreessen Horowitz ins Leben gerufen worden, um Start-ups zu unterstützen, die »dem nationalen Interesse« dienen. Firmenchef Marc Andreessen persönlich hatte Vance eingeladen. Der Vizepräsident nutzte den Auftritt für den Versuch, zwei Dinge zusammenzubringen, die eigentlich nicht zusammenpassen. Das Lied, zu dem er die Bühne betrat, dürfte Andreessen und seinem Geschäftspartner David Horowitz, mit dem er zuletzt vor allem in Krypto- und KI-Start-ups investiert hatte, eher fremd sein. »40 Hour Week (For a Livin’)« ist eine Hymne der Country-Band Alabama auf die Industriearbeiter und Postboten Amerikas.
Von »zwei Stämmen« innerhalb der Trump-Allianz sprach J. D. Vance in seiner Rede. Zwei Stämme, deren »stolzes Mitglied« er gleichermaßen sei: der Unterschichtsjunge aus Ohio, der später Peter Thiels Schützling wurde.
Der eine Stamm, das sind die nationalistischen Populisten, die Trump schon zu seiner ersten Amtszeit verholfen haben. Sie sind konservativ, fremdenfeindlich und besessen von einer Rückkehr zum vermeintlich goldenen Industriezeitalter. Der zweite Stamm, das sind die Tech-Futuristen, darunter die anwesenden Unternehmer, aber auch Elon Musk und Peter Thiel. Ihre volle Aufmerksamkeit gilt der Hochtechnologie und der Zukunft. Diesem zweiten Stamm des MAGA-Aufstands versprach Vance von der Bühne, ihn nicht mehr zu »überbesteuern« und seine Kräfte zu entfesseln.[30]
Dem zweiten Stamm gilt auch dieses Buch. Die High-Tech-Unternehmer sind eine Kraft geworden, die durch Trump auf die Welt wirkt. Und Instabilität erzeugt. Denn ihr Ziel ist es, den Kapitalismus derart zu beschleunigen, dass die Erde bebt.
Mit seiner Rede auf dem American Dynamism Summit wollte der Vizepräsident die Tech-Futuristen an der Seite der vulgären MAGA-Bewegung halten, indem er ihre Gemeinsamkeiten betonte. Die bestehen vor allem im Hass auf die bürokratische, lähmende Welt der Demokraten, die den Aufbau des neuen, glorreichen Amerikas verhindere. Dabei muss die oligarchische Vorstellung von Politik den Praxistest noch bestehen – in Washington, in der Welt, aber auch innerhalb der rechten Allianz.
Die Vorstellung, Politik ausschließlich auf die Zukunft auszurichten, ist eine Abkehr vom rechten und konservativen Denken der vorherigen Jahrzehnte.[31] Politik leitete sich immer aus der Geschichte ab. Herrscher beriefen sich auf Propheten, Kaiser auf die Kirche. Staatsgründer auf die vermeintliche oder tatsächliche Geschichte ihres Volkes, Faschisten auf Blut und Boden, moderne Demokraten auf die Ideale der Gründer und die Lehren aus den Katastrophen der Vergangenheit. Selbst Donald Trump redet gerne von Andrew Jackson, einem frühen, rücksichtslosen US-Präsidenten. Aber was, wenn sich eine Handvoll überreicher Männer in die Politik einmischt, die von der Zukunft besessen sind?
Die Oligarchen sprechen oft vom »Bauen« – build –, das Wort stand auch im Zentrum der Konferenz, auf der Vance sprach. Mars-Raumschiffe, Hirnchips, unterirdische Hochgeschwindigkeitszüge, perfekte Fabriken dank KI, autonome Roboter-Waffen, nukleare Mini-Reaktoren, Technik für ewiges Leben – was Musk, Andreessen und Co. nicht alles bauen wollen.
Diese Zukunftsversprechen sind Marketing – für die Unternehmen, aber immer stärker auch für die Oligarchen selbst. Wie es sich für das Internet-Zeitalter gehört, haben sie eine Gefolgschaft aufgebaut, die sie bedienen wollen. Im Fall Elon Musk ist offensichtlich, dass seine Schar von mehr als 200 Millionen Followern seine politischen Ambitionen mitgeformt und immer weiter verstärkt hat.
Die Ideologie der Oligarchen ist keine konservative, die bewahren will, sie ist ein neuer rechter Futurismus. Die Futuristen waren vor hundert Jahren eine italienische Künstlerbewegung, die dem Faschismus zuneigte, Raketen, Autos, Maschinen und den Krieg vergötterte und Frauenrechtlerinnen hasste. Klingt vertraut? Nun kommt ihr vibe in seiner kalifornischen Überschallvariante zurück.
Andreessen bezieht sich explizit auf den Futuristen Filippo Tommaso Marinetti, der eng mit dem faschistischen Diktator Benito Mussolini kooperierte. Statt Reformen wollen auch die neuen Tech-Futuristen Tabula rasa. Alles auf null setzen, um eine Welt nach ihren Vorstellungen zu bauen, unbeeinflusst von liberalen oder »woken« Ideen. Schon die Vorstellung, dass sie selbst eine Ideologie hätten, erscheint ihnen absurd. Sie lösen nur Probleme, so wie sie es in ihren Firmen gemacht haben. Das ist ihr blinder Fleck. Sie präsentieren sich als ideologiefreie »Rationalisten«, aber ergötzen sich doch am Sozialdarwinismus, nach dem den Stärksten und Klügsten das meiste zusteht. Oder an der düsteren CEO-Führerideologie von selbsternannten Philosophen wie Curtis Yarvin. Von ihm werden wir im Verlauf dieses Buches noch hören. Er taucht wie ein Geist immer wieder im Rücken der Oligarchen auf.
Peter Thiel schrieb zu Trumps zweitem Amtsantritt in der Financial Times, dass er die Beschäftigung mit der Vergangenheit als Problem sehe. »Identitätspolitik« ist sein Feind seit seinen College-Jahren in Stanford, wo er sie noch als »politische Korrektheit« bekämpfte. In dem FT-Beitrag schrieb er: »Identitätspolitik verhandelt antike Geschichte endlos neu.«[32] Sklaverei, Polizeigewalt, historische Vertreibungen und Landraub: Er will solche Dinge aus der Politik heraushalten. In Deutschland würde so ein Schlussstrich dazu führen, keine politischen Lehren mehr aus Zweitem Weltkrieg und Holocaust zu ziehen. Es geht um Politik, die tut, als wäre nichts gewesen.
Elon Musk hat seine Ignoranz und seinen Zynismus gegenüber historischen Zusammenhängen mehrfach öffentlich zur Schau gestellt. Auf der Feier zu Trumps Wahlsieg streckte er triumphierend den rechten Arm in die Höhe; ein offensichtlicher faschistischer Gruß. In Deutschland veröffentlichte er einen Gastbeitrag in der Welt am Sonntag, in dem er argumentierte, die AfD könne überhaupt nicht rechtsextrem sein – schließlich lebe Alice Weidel in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung mit einer Frau aus Sri Lanka. »Klingt das für Sie nach Hitler? Ich bitte Sie!«[33] Dass es in der AfD völkische Strömungen gibt und dass sie sich in rechtsextremer Tradition einzelne Minderheiten als Sündenböcke sucht, ist für Musk offensichtlich gar nicht vorstellbar.
Für Musks zeitweiligen Geschäftspartner Peter Thiel führt der Weg der Menschheit in die Freiheit über die Technologie, die ihn reich gemacht hat: »Es wird keine reaktionäre Restauration der Vor-Internet-Vergangenheit geben.« Das ist der sogenannte Cyberlibertarismus in Reinform, für den Thiel bekannt ist. Das Internet ist die ultimative Freiheitsmaschine für die Menschheit, negative Folgen sind hinzunehmen. Jegliche Regulierung der Monopolmacht der Internet-Unternehmen, von Hatespeech oder algorithmischen Verzerrungen der Realität ist deshalb Frevel.
Dass Thiel und Musk selbst an einer »reaktionären Restauration« mitarbeiten, wenn sie der fremdenfeindlichen, antifeministischen Trump-Bewegung mit Geld und Technologie den Turbo verleihen, ist für sie dabei unerheblich. Der rechte vibe shift besteht auch darin, Zeichen und Sprache ins Gegenteil zu deuten. Reaktionär ist jetzt, was eben noch progressiv war. Empathie sei schlecht, sagte Elon Musk. Progressive Aktivisten nutzten »einen Fehler in der westlichen Gesellschaft aus, die empathische Reaktion«, um die Menschen zu kontrollieren. Empathie bezeichnete er als Bug, also als Softwarefehler.[34] Schwarz ist nun Weiß. Vier ist fünf.
