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Die documenta, von Arnold Bode 1955 initiiert, ist die weltweit wichtigste Ausstellung zeitgenössischer Kunst. Bis heute spiegelt eine jede documenta den Zeitgeist der jeweiligen Epoche – ihre Kontroversen und Konflikte, Entwicklungsprozesse und Sehnsüchte. Der Band bietet eine profunde und aktuelle Einführung in die Geschichte der documenta in Kassel. Er beleuchtet den zeit- und kulturgeschichtlichen Hintergrund und verweist auf die Impulse der documenta für Themen wie Kuration und Kunstvermittlung. Ein umfangreicher statistischer Anhang liefert kompakte Informationen im Überblick.
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Seitenzahl: 132
Veröffentlichungsjahr: 2022
LEGENDE
Das graphisch-inhaltlich bestimmte ‚Wort-Zahl-Spiel‘ mit der documenta beginnt erst mit der zweiten Ausgabe 1959. Arnold Bode war klug genug, die erste documenta noch ohne Zahl, gleichsam als einmalige Veranstaltung, zu präsentieren, um die politischen Entscheidungsträger erst nach der erfolgreichen Auftakt-documenta als kultureller Begleitveranstaltung der Bundesgartenschau für eine kontinuierliche Fortsetzung zu gewinnen.
Das jeweilige Graphikdesign lag anfangs in Bodes Händen, Oskar Blase gehört darüber hinaus zu den prägenden Gestaltern. Nur einmal war mit Ed Ruscha ein arrivierter Künstler für das Design verantwortlich (d 5), seit den neunziger Jahren dominieren Agenturen.
Der besseren Lesbarkeit halber ist im Band die Schreibweise vereinheitlicht:
Cover
Titel
Impressum
Vorwort
DIE DOCUMENTA: VORAUSSETZUNGEN UND FOLGEN
Der Gründer: Arnold Bode und seine Welt
Warum Kassel? Von Einfluss und Wirkungsmacht kultureller Standortfaktoren
Mythos documenta. Ein Erklärungsversuch zur Einführung
DIE GESCHICHTE DER DOCUMENTA 1955–2022: KUNST – KONZEPTE – ZEITGESCHICHTE
Rekonstruktion: d bis d 3 (1955–1964)
Transformation: d 4 bis d 6 (1968–1977)
Pluralität: d 7 bis d 9 (1982–1992)
Globale Diskurse: d 10 bis d 13 (1997–2012)
Ökosysteme: d 14 und d 15 (2017–2022)
Vergangene Zukunft: Weitere Aussichten
KONTEXTE DER DOCUMENTA
Die documenta und die Kunst der Ausstellung
Die documenta und die Kunst im öffentlichen Raum
Die documenta und die Kunst der Vermittlung
Die documenta-Besucher
Die documenta als Institution
DIE DOCUMENTA IM ÜBERBLICK
Die documenta in Zahlen (d bis d 15)
Die documenta-Orte in Kassel
Die künstlerischen Leiter in Kurzbiographien
Die documenta-Künstler und ihre kontinentale Herkunft
Literatur (Auswahl)
Über den Autor
Bildnachweis, Impressum
Friedrichsplatz mit dem Museum Fridericianum, d 2, 1959
In der Geschichte der documenta spiegeln sich mehr als nur die wesentlichen Entwicklungslinien und -tendenzen der Kunst des 20. Jahrhunderts. Selbstverständlich legt die documenta Zeugnis ab über die großen Meister und prägenden Künstler der Moderne und das jeweils gültige zeitgenössische Kunstparadigma. Sie zeigt alle wichtigen Stilrichtungen wie ästhetischen Innovationen, und sie dokumentiert die unaufhaltsame Erweiterung des Kunstbegriffs. Vor allem künden fast siebzig Jahre documenta aber von den Räumen – den sozialen, politischen, kulturellen, diskursiven und alltäglichen Räumen, die die moderne Kunst in den letzten 100 Jahren geschaffen oder besetzt hat. Von diesen musealen, spielerisch-ereignishaften, urbanen und globalen Räumen der Kunst geht die vorliegende kurze Geschichte der Weltkunstausstellung aus. Die documenta selbst wird zum Medium ästhetischer Verwandlungen, künstlerischer Rezeptionen und lebensweltlicher Interventionen. Der Band zeichnet die verschiedenen Entwicklungsphasen der documenta nach: von einem internationalen kunstgeschichtlichen Ereignis im Zeichen der rekonstruierten Moderne zu einem globalen künstlerisch-sozialen Ökosystem heute. Es gilt also, diesen vielschichtigen Prozess kulturell, gesellschaftlich und politisch einzuordnen und zu veranschaulichen. Ergänzt und kontextualisiert wird der historische Abriss durch vertiefende Darstellungen zu Idee, Verständnis und Formen künstlerischer Produktion, Vermittlung und Inszenierung im Wandel von Zeit und Gesellschaft.
Denn weit über ihre Ausstellungsgeschichte hinaus hat die documenta auch Maßstäbe gesetzt und Initiativen ergriffen, die in heute zentralen Bereichen wie „Vermittlung“ (kulturelle Bildung, kulturelle Kommunikation, arts education), Besucherforschung, Kunstorganisation, Kunst im öffentlichen Raum (Public Art) und damit dem Selbstverständnis der Ausstellungsmacher/Kuratoren nachwirken. So lässt sich mit der documenta auch die Geschichte des Kuratierens als „Kunst zweiter Ordnung“ (Arnold Bode) veranschaulichen und erklären. Mit der documenta wird das Ausstellen zum Ereignis. Die von jeder einzelnen documenta definierten und gestalteten Räume der Kunst thematisieren die bis heute gültigen Kunst-Diskurse um Freiheit, Engagement und Gesellschaft, um Werk-, Betrachter- und Ereignisästhetik, Transdisziplinarität und Wissenschaft, Kritik des Museums und Kunstmarkts sowie auch Eurozentrismus und Globalisierung, Ökologie, Postkolonialismus und Interkulturalität, um Stadtentwicklung und urbane Ethnologie.
Die englischsprachige Erstausgabe dieser Einführungs- und Überblicksgeschichte zur „Institution“ documenta erschien 2017 im Rahmen der Pekinger Ausstellung „Mythos documenta“ im Kunstmuseum der Central Academy of Fine Arts (CAFA). Das Buch folgte in Aufteilung wie inhaltlicher Akzentuierung dem kuratorischen Konzept dieser bisher größten Gesamtdarstellung der documenta-Geschichte. Für die deutschsprachige Edition im unmittelbaren Vorfeld der d 15 in 2022 bestand kein Grund, daran prinzipiell etwas zu verändern – wiewohl einzelne Kapitel nicht nur aktualisiert und erweitert, sondern auch neu verfasst wurden. Das ist weniger vermeintlicher ‚Neubewertungen‘ der documenta geschuldet, auf die hier im Folgenden nur kurz einzugehen lohnt, sondern orientiert sich an einer deutschsprachigen Leserschaft und spiegelt nicht zuletzt auch das weiterführende Erkenntnisinteresse des Autors.
Die leitende Motivation bleibt, Orientierungs- und Zusammenhangswissen zum ‚Kosmos documenta‘ zu vermitteln und eine vertiefende kultur- und zeitgeschichtliche Einordnung und Reflexion zu bieten.
Arnold Bode, 1972
Große dauerhafte Kultur- und Kunstereignisse haben Gründer und Ideengeber, sie leben von kreativen Köpfen und Teams, aber auch „fruchtbaren“ zeitgeschichtlichen Konstellationen, und im Fall der documenta brauchte sie kluge Unterstützer sowie ein freiheits- wie unabhängigkeitssicherndes gesellschaftliches Umfeld. Das galt und gilt auch für die documenta. Und doch gibt es eine Besonderheit, ein Alleinstellungsmerkmal: Ohne Arnold Bode keine documenta. Ihre Existenz und dauerhafte Institutionalisierung ist zu allererst ihm geschuldet! Wie kam es dazu?
Wer war Arnold Bode, und was machte seine „Welt“ aus? Arnold Bode (1900–1977) war ein Mann vieler Talente: Künstler, Produktdesigner, Graphiker, Kunstlehrer, Ausstellungsmacher und Projektentwickler. Er verkörperte einen traditionsbewussten Verfechter der Moderne und einen leidenschaftlichen Vermittler ihrer Ideale und Visionen. Bodes Neugier, Empathie und Tatendrang konnten weder Diktatur noch Krieg, noch Zerstörung oder gar Politiker und Bürokraten aufhalten. Bode hatte ein feines Gespür für die Nöte und Notwendigkeiten seiner Zeit, und er war ein „Menschenfänger“, wenn es um die Verwirklichung seiner Ideen und Pläne ging. Eigentlich gehörte er zu jener „verlorenen Generation“, deren Karrieren und kreativen Entfaltungsmöglichkeiten in ihren ‚besten Jahren‘ die nationalsozialistische Diktatur und ein alles vernichtender Weltkrieg verhindert hatten.
Doch Bodes Energie und nie versiegende Phantasie und Entdeckungslust, sein Ideenreichtum und schöpferisches Potential schützte ihn vor Pessimismus, Trauer und Enttäuschung. Im Gegenteil: Mit Ende Vierzig begann erst seine große Zeit und eigentliche Karriere als Kunstakademieprofessor, Produktdesigner, Stadtentwickler und Ausstellungsmacher, die von der Jahrhundertidee der documenta gekrönt wurde.
Arnold Bode avancierte zum Prototyp des künstlerischen Projektentwicklers, Kunstmanagers und Kreativen, wie wir ihn heute bezeichnen würden. Als genialer Netzwerker und ebenso geschickter wie hartnäckiger Stratege hat er die nationale und internationale „Kunstwelt“ nach 1945 in seine Heimatstadt geholt. „Ich musste aus Kassel etwas machen, um nicht unterzugehen.“
Kassel wurde so zu Bodes Erprobungs- und Experimentierfeld. Paris, Venedig, Südfrankreich waren die Sehnsuchtsorte seiner eigenen künstlerischen Sozialisation und Inspiration. Seine Vorbilder fand er in den großen Künstlerpersönlichkeiten, Architekten und Designern seiner Generation von Paul Klee bis Wassilij Kandinsky, von Pablo Picasso bis zum Bauhaus. Von den Zeitgenossen propagierte Bode die vielfältigen Positionen der Nachkriegs-Abstrakten amerikanischer oder deutscher Herkunft.
Obwohl zeit seines Lebens der modernen und zeitgenössischen Avantgarde verpflichtet, galt Rembrandt seine ganze Verehrung. In Bodes Welt war Platz für die jungen und die alten Meister. Seine Kunst, Vergangenheit und damit Tradition und Zeitgenössisches in einen produktiven Zusammenhang zu stellen, war nicht nur für seine Idee der documenta ausschlaggebend. Sein künstlerisch-kreatives Schaffen – ob als Künstler, Designer oder Kurator – stand unter diesen Vorzeichen. Seine Raumentwürfe für Ausstellungen oder Messen, sein bildkünstlerisches Werk, sein Produktdesign ist an den ästhetischen Prinzipien der ‚klassischen‘ Moderne ausgerichtet: „form follows function“.
Bodes vielseitiges Wirken hat sich immer auch an der wechselseitigen Erhellung der Künste orientiert: Architektur, Musik, Literatur, Film, Visual Arts. Und wie das Bauhaus hatte er stets das Praktische, die angewandte Kunst im Sinn. Von Empathie und Engagement durchdrungen, waren seine Visionen und Perspektiven auf ein ganzheitliches Konzept des Zeigens, der Vermittlung und kulturellen Kommunikation fokussiert. Die Idee einer documenta reifte über zehn Jahre lang. Mit unerschöpflichem Elan verfolgte Bode seine Ziele, intervenierte mit Ideen, Vorschlägen, Projekten, suchte Mitstreiter und Unterstützer. Sehr oft war er seiner Zeit voraus, hatte aber zugleich ein feines Gespür für den „fruchtbaren Augenblick“ (Lessing). Die bezeichnerweise nichtnummerierte erste documenta als kulturelle Begleitveranstaltung der Bundesgartenschau 1955 endlich zu etablieren, gehört zu seinen der „List der Vernunft“ (Hegel) und der Gunst des Augenblicks folgenden taktisch-strategischen Meisterleistungen. Noch bevor sein direkter Nachfolger Harald Szeemann das „Obsessive“ zum Energieträger kuratorisch-künstlerischer Produktion erhob, hatte es Bode vorgelebt. Neugierig bewegte er sich durch die europäische Kunst, holte sich Anregungen für Ausstellungsästhetik, Möbelentwürfe oder die Umgestaltung seiner Heimatstadt Kassel und scharte ein Expertenteam um sich, das ihm akademisch-intellektuell überlegen schien und – wie der heute ob seiner NS-Verstrickungen äußerst kritisch gesehene Werner Haftmann – eigene kunstwissenschaftliche Positionierungen verfolgten. Bode besaß Souveränität und persönliche Größe, diesen Konzepten zu folgen, wenn sie seinem ‚Masterplan‘ documenta dienten.
Bode liebte die Künstler, und sie liebten ihn, wie nicht zuletzt Gerhard Richters großes Bode-Portrait offenbart. „Bodes Verhältnis zur Kunst war von Faszination bestimmt“ (Heiner Georgsdorf), und die war nicht zuletzt bei der Entwicklung und Umsetzung der documenta spür- und erkennbar. Was ihm als Künstler und Designer nicht gelang, mit der Erfindung und Realisation der documenta hat er sich in der Kunstwelt unsterblich gemacht. Von Arnold Bode kann heute noch jeder lernen, dass Leidenschaft, Kraft, Phantasie und Wille auch die widrigsten Umstände und größten Probleme überwinden helfen.
„Warum Kassel?“ Seit fast siebzig Jahren wird in schöner Regelmäßigkeit diese Frage vor jeder neuen documenta gestellt. Die einfachste Antwort lautet: weil Kassel die Heimatstadt des documenta-Erfinders Arnold Bode ist! Ergänzend könnte man anmerken, dass der Kriegsheimkehrer Arnold Bode nach dem Berufsverbot während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, nach den Schrecken des Zweiten Weltkriegs mit sich selbst und dem zerstörten Kassel „etwas anfangen“ musste. Das mag als erster Begründungsversuch für die Anfänge ausreichen, für die jahrzehntelange Verbundenheit und Erfolgsgeschichte bedarf es weitergehender Erklärungen.
Über das Persönlich-Biographische hinaus verweist die Entscheidung für die nordhessische Provinzmetropole auf prinzipiell gültige und relevante Faktoren bei der kulturellen Standortwahl:
Kassel war national wie international ein ‚weißes Blatt‘ in Sachen moderner und zeitgenössischer Kunst. Weder gab es eine namhafte Galerienszene noch ein auf die Moderne spezialisiertes Kunstmuseum. Lediglich die wiedergegründete Kunsthochschule repräsentierte eine Verbindung zur aktuellen Kunstszene. Das bedeutete: die documenta ist bis heute konkurrenzlos.
Als alte Residenzstadt war Kassel allerdings über seine renommierte Museumslandschaft mit herausragenden Sammlungen antiker Plastiken („Kasseler Apoll“) und holländischer Meister (Frans Hals, Rembrandt van Rijn, Peter Paul Rubens u. a.) sowie dem – weltweit einmaligen – Tapetenmuseum, als „Märchenstadt“ der Brüder Grimm sowie über eine jahrhundertelange Orchester- und Theatertradition ein kulturelles Zentrum von nationaler Bedeutung. Das erste öffentliche Museum auf dem Kontinent, das 1778 eröffnete Fridericianum, und eine der ältesten Staatskapellen (1502 gegründet) sowie der erste ‚stehende‘ Theaterbau Deutschlands (Ottoneum, 1605) unterstreichen ein tief verwurzeltes Kulturverständnis in der Stadtgesellschaft. Das sicherte der documenta von Anbeginn lokale Aufmerksamkeit und Identifizierung.
Als zu 80 Prozent im Zweiten Weltkrieg zerstörte mittlere Großstadt (stets um 200.000 Einwohner) gehörte Kassel architektonisch wie stadtplanerisch zu den Modellstädten des Wiederaufbaus („Rekonstruktion“) und der Nachkriegsmoderne. Zugleich ist das Trauma der verheerenden Bombennacht vom Oktober 1943 als ewiges Symbol für Zerstörung und Krieg im 20. Jahrhundert bis heute spürbar, Kassel blieb eine verwundete Stadt. Kassel war und ist im Zeichen von Apokalypse und Moderne zeitgeschichtlich ‚kontaminiert’ und identifizierbar. Die Male der Geschichte, die stellvertretend für Europa stehen, aber auch der sichtbar in der Stadtgestalt dokumentierte Aufbruchswille hin in eine neue, demokratische Zeit haben dem Projekt documenta bis heute den identitätsstiftenden Rahmen verliehen. Das konkrete Lokale in globalen Zusammenhängen verhinderte immer Beliebigkeit, Austauschbarkeit, bloße Zeitgeistorientierung. Am Standort Kassel lässt sich paradigmatisch studieren, wie wichtig lebendige Kontinuität für Entwicklungen und Transformationsprozesse periodischer kultureller Großereignisse ist: „Erdlokalität“ (Ernst Bloch), urbane Stadtkultur (Atmosphäre) und spezifische Historizität verschmelzen zu einer variablen Ausstellungsbühne, die es stets neu inhaltlich zu bespielen, zu arrangieren und komponieren gilt. Diese temporäre ‚Bühne‘ wechselnder Kurationen ist dabei niemals Appendix oder peripher, sondern integraler Bestandteil, Zentrum des urbanen Raums. Solch‘ Verwandlungen einer ganzen Stadt alle fünf Jahre und für konstant 100 Tage sind nur in Kassel möglich und für jedermann erfahrbar. Kassel ist „documenta-Stadt“.
Die bewusste, einmalige Erweiterung des Standorts Kassel auf Athen 2017 hat unabhängig von den hitzigen Diskussionen im Vorfeld und dem konzeptionellen Ehrgeiz des künstlerischen Leiters in der erfahrenen Praxis nur eines deutlich gemacht: Das ‚Vorspiel‘ Athen scheiterte am weitestgehend desinteressierten urbanen Raum, die künstlerischen Positionen und Orte verloren sich in der weitläufigen Stadt, die d 14 konnte weder Intensität, noch interventionistische Kraft, noch irgendeinen sinnstiftenden Zusammenhang oder gar einen Hauch von Aura in Athen entfalten. Alles – Kunst wie Rezipienten – wirkte beziehungs- und bezugslos verteilt und abgestellt, der Mythos Athen verweigerte sich dem Mythos documenta.
„Warum Kassel?“ Fast ein halbes Jahrhundert nach Arnold Bodes Tod muss die Antwort länger und komplexer ausfallen. Venedig bliebe auch ohne Biennale ein touristisches Massenziel, Athen ist die ewige Geburtsstadt Europas, da ist kein Platz für kulturelle Transfers, wie 2017 nachhaltig bewiesen. Aber die documenta braucht Kassel, weil sie nur hier alle fünf Jahre immer wieder neu und anders den Platz, den urbanen Raum und die Stadtbewohner vorfindet, um sich frei, aber nicht voraussetzungslos entfalten zu können. Es ist das voraussetzungslos aufnahmebereite Lokale, das sich dem jeweils neuen Globalen gegenüber offen zeigt. Nirgendwo anders scheinen temporäre Störungen, Irritationen und Interventionen so willkommen und wirkungsvoll möglich. So hat die documenta Kassel in Besitz genommen, und jede künstlerische Leistung kann sich – unabhängig von ihrem Konzept und ihren Intentionen – sicher sein, dass die documenta ihre Stadt für 100 Tage immer wieder verwandeln wird.
Die zerstörte Kasseler Innenstadt, 1947
Die Bundesgartenschau, 1955
Am Anfang stehen Schrecken und Not, aber auch der Wille zum Wiederaufbau und zur geistigen Erneuerung: Eine zerstörte Stadt inmitten Deutschlands, ein einzelner Mann mit einer großen Idee, eine nationale „Blumen- und Gartenschau“, ein provisorisch wiederhergestellter Museumsbau aus dem 18. Jahrhundert und ein Kreis von engagierten Bürgern, Kunstwissenschaftlern und Künstlern. Die Stadt Kassel, Arnold Bode und seine Freunde, die Bundesgartenschau 1955 als übergeordneter Anlass der ersten documenta und das Museum Fridericianum im Zentrum der Stadt. Das sind Konstellation und situative Fügung der Gründungsgeschichte der documenta und zugleich Ingredienzien ihres Mythos.
Kein anderes kulturelles Großereignis auf der Welt steht so im Zeichen eines geschichtlichen Momentums wie die documenta. Ihr Mythos gründet auf der Dialektik von Zerstörung und Wiederaufbau, von Bruch und Kontinuität im Zeichen von Diktatur, Weltkrieg und „Kaltem Krieg“. Obwohl sie sich selbst als Weltausstellung zeitgenössischer Kunst seit 1955 alle vier, später fünf Jahre immer neu erfindet, gehört diese Verwurzelung in den weltpolitischen Ereignissen und Apokalypsen des 20. Jahrhunderts zur nachwirkenden, basalen Narration einer jeden documenta. Wiewohl die documenta der Idee, Vision und unermüdlichen Tatkraft eines einzelnen Mannes und seines Freundeskreises zu verdanken ist, spiegelt sich doch in jeder documenta der ästhetische wie politische Zeitgeist, das kritische Denken und die Kreativität ganzer Künstlergenerationen wider. Erst dieses unverwechselbare Spannungsverhältnis von Subjektivität, vertreten durch den jeweiligen künstlerischen Leiter, und Objektivität, die von den jeweiligen zeitgeschichtlichen Konstellationen und gesellschaftlich-kulturellen Ansprüchen vorgegeben wird, haben Wirkungsmacht und Imago der documenta nachhaltig geprägt. Die Kunst des 20. Jahrhunderts, zunächst auf Europa und Nordamerika („Westkunst“) fokussiert, seit den neunziger Jahren auch in ihren globalen Manifestationen präsent, findet in der documenta ihr erweitertes Medium der Darstellung und Reflexion.
