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In seinem Aufsatz zum Kursbuch 176 erneuert Gert G. Wagner seinen 20 Jahre zuvor formulierten Vorschlag zur Reform der Dopingregulation im Spitzensport. Wenn die Sportler nur gewinnen können, wenn sie dopen, weil es andere auch tun, dann müssen sie verdeckt operieren. Aber was, wenn man Doping freigeben würde?
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Seitenzahl: 20
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Gert G. Wagner
Doping freigeben!
Wie eine Anti-Doping-Moral im Leistungssport entstehen kann
Nachdem der US-Schriftsteller Michael Farris Smith, ein Baseballfan, in einem kleinen Artikel in der New York Times klar zum Ausdruck gebracht hat, dass ihm völlig bewusst sei, dass professionelle Baseballspieler sich dopen, kommt er für sich zu dem Schluss, dass er – selbst wenn es ein Mittel dafür gäbe – als Schriftsteller nicht dopen würde, weil er dann vor sich selbst nicht mehr bestehen würde. Er will »aus sich heraus« anerkannt und berühmt werden. »Cheaters always know how it’s going to end.« Dieses Argument leuchtet ein und es trifft sicherlich auch auf (Hochleistungs-)Sportler zu. Damit stellt sich aber die Frage, warum Sportler sich massenweise nicht an dieses Gebot der Würde vor sich selbst halten und zu Doping-Mitteln greifen? Diesen Mangel an Schamgefühl schlicht persönlichen Defiziten und unmoralischen persönlichen Einstellungen anzulasten, ist angesichts der vielen ganz offenkundig sehr schlauen Sportler und auch der großen Bedeutung von Fairness, die im sportlichen Wettkampf verlangt wird, völlig unplausibel. Eher spricht vieles dafür, dass Sportler schlicht nicht wissen, wo Doping anfängt, weil es keine verlässliche Definition dafür gibt. Und auch die Regelverletzung ist, trotz der Bedeutung, die der Fairness beigemessen wird, integraler Bestandteil des Wettkampfsports – schon immer. Wenn man als Wettkämpfer Glück hat, bemerkt der Schiedsrichter Regelverletzungen nicht. Und tut er es doch, wird man halt bestraft. Das heißt: Es ist für Sportler ganz normal, über die Grenze des Erlaubten zu gehen!
Auch hierfür liefert der Artikel von Farris Smith den Beleg: »Cheating is hardly new to Baseball.« Berühmte Pitcher (Werfer) »cheated with vaseline and nail files and sandpaper« und berühmte Batter (Schläger) mit »corked bats«, zitiert Farris Smith als Beispiele und fährt fort: »Good natured cheating. The kind that adds a little color to a game that is otherwise, well, a little boring.« Ja, genau das ist wahrscheinlich einer der Gründe für Fouls im Spiel und für Missachtung des Doping-Verbots: Regelverletzungen machen den Sport, die Sportberichterstattung und die Gespräche darüber noch ein bisschen interessanter, als es der »saubere« Sport allein garantieren könnte. Die New York Times zitiert Doug Logon, ehemals Chief Executive des US-Leichtathletikverbands, der bezüglich des Doping-Verbots von einem »unwinning fight« spricht und die Konsequenz zieht: »Let’s stop making a morality play out oft the issue.«
Kurzum: Unmoral gehört zum System des Wettkampfsports.
Das (moralische) Problem
