Doppelt oder aus - Will Berthold - E-Book

Doppelt oder aus E-Book

Will Berthold

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Beschreibung

Einmal im Monat lässt die TV-Quizsendung Doppelt oder aus die Einschaltquoten in die Höhe schnellen. Die Straßen sind leer gefegt. Erwin Rampendahl ist der unübertroffene Star der Sendung, Jung und Alt vergöttern ihn, den charmanten Junggesellen. Ein Dutzend Live-Ausstrahlungen haben ihn so populär gemacht, und Rampendahl ist ein Vollprofi. Doch ein anonymer Gegenspieler hat es auf ihn abgesehen und schmuggelt die sexy Ina unter die Kandidatinnen, und Ina schafft es, den Fernsehstar in eine ganz und gar unmögliche Situation zu befördern. Das Rampenlicht hat ganz offensichtlich auch seine Schattenseiten, und das muss Rampendahl nun am eigenen Leibe erfahren. Ein erotisch-prickelnder Roman und zugleich ein schonungsloser und amüsanter Blick hinter die Kulissen des Showbusiness.-

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Will Berthold

Doppelt oder Aus

Roman

Originalausgabe

SAGA Egmont

Doppelt oder aus

Genehmigte eBook Ausgabe für Lindhardt og Ringhof Forlag A/S

Copyright © 2017 by Will Berthold Nachlass,

represented by AVA international GmbH, Germany(www.ava-international.de).

Originally published 1983 by Heyne Verlag, Germany.

All rights reserved

ISBN: 9788711727126

1. Ebook-Auflage, 2017

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt og Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com

Die Schönen belagerten den Berühmten. Er stand in ihrer Mitte, genoß ihre Rivalität, und vergaß offensichtlich, daß er zumindest im deutschsprachigen Raum vom Leben auf Diät gesetzt war. Es sah aus, als würde eine stramme Dreißigerin, deren großzügiger Dirndl-Ausschnitt tiefe Einsicht in ihre freitragenden Werte zuließ, das Rennen machen, aber Mueller, der Producer, ließ Erwin Rampendahl nicht aus den Augen und würde schon dafür sorgen, daß es ein totes Rennen bliebe.

Er bewachte seinen Star wie der Ober-Eunuche im Serail die Lieblingsfrau des Sultans, und dafür gab es einen triftigen Doppelgrund: Mueller hatte vor Jahren einen gefeierten Schlagersänger an das frühere TV-Spektakel der goldene schuss ausgeliehen und ihn in seiner Garderobe eine knappe Stunde mit einer kessen Autogrammjägerin alleingelassen; das Ergebnis waren Zwillinge gewesen. Der Produzent – flott im Geschäft: Vorabend-Serien Dokumentationen, Sport-Features, Musik-Shows, vor allem aber doppelt oder aus – wollte nicht noch einmal in verzweifelte Anstrengungen verstrickt werden, einen Skandal abzudichten.

Edward Mueller war rund und geschäftig. Weiße Lokken ringelten sich um eine Stirnglatze. Er trug eine dicke Brille, in deren Gestell ein Hörgerät eingelassen war. Er war schwerhörig, besonders wenn man ihn um Gagenerhöhung anging. Vergaß er seine Brille, erwies er sich als ebenso blind wie taub. Doch selbst in diesem Zustand verließ ihn nicht seine Witterung für gängige Effekte. Im heimlichen Unterton der Anerkennung und zur Unterscheidung zwischen ihm und einer in der Branche weit verzweigten Müllerei hieß der 55jährige deshalb Nasen-Mueller.

Er schob sich in der Dorfschenke Zur Post von Groß-Kleinersdorf in die Mitte weiblicher Rampendahl-Fans und behauptete: »Es klart gleich auf, Erwin.«

Es war eine vorsätzliche Falschmeldung. Der original oberbayerische Schnürlregen, der auf den Chiemgau fiel, hielt an. Das kleine Fernsehteam sollte hier nur einen Werbe-Vorspann für doppelt oder aus drehen, höchstens 40 bis 45 Sende-Sekunden als Anreiz für das Rate-Programm, aber selbst dafür benötigte man besseres Wetter. So lange es weiter in Strömen goß, würde der Hauptdarsteller – sonst nur live in Direktübertragungen zu sehen – als Zeitvertreib weiter Enzian in sich hineinschütten und seine Bewunderinnen bewundern.

Er war ein Trinker und ein Steher und auf den ersten Blick alles andere als ein Frauenheld, aber gerade Evas Töchter hatten entscheidend zu seiner Blitzkarriere beigetragen, wobei ihm sein von der Werbung betonter Junggesellen-Status durchaus nicht hinderlich gewesen war. Der 42jährige war untersetzt, massiv, ohne dick zu sein. Er hatte wache Augen, kurze Haare, war zuvor politischer Korrespondent in aller Welt gewesen, vor Ort arbeitend, bis er als Entertainer entdeckt worden war.

Wenn er lächelte, sich bewegte, konterte oder bekümmert aussah, weil er einen Kandidaten durchfallen lassen mußte, überwältigte er die Zuschauer mit seinem Charme.

Er stellte Fragen, aber kein Bein. Er ließ keinen Zweifel darüber aufkommen, daß die Kandidaten von doppelt oder aus meistens mehr wußten als er, und daher konnte er Verlierer so entlassen, daß sie wie Sieger wirkten.

doppelt oder aus war ein Ratespiel wie viele andere und alles andere als eine donnernde Novität – neu war nur, wie der Quizmaster mit seinen Kandidaten umging: Er machte die Schüchternen selbstsicher und entlarvte die Bluffer, er blieb stets schlagfertig, doch nie auf Kosten seiner Partner. Wenn einer stolperte, dann war er es, ohne dabei wie ein Tolpatsch auszusehen. Wenn er einmal mehr wußte als sein Kandidat, war ihm dies offensichtlich peinlich. Und das alles nahm man ihm ab, weil er selbst noch geschminkt unerhört echt wirkte.

Ein Dutzend Ausstrahlungen hatte genügt, um Erwin Rampendahl zu einem der beliebtesten deutschen Fernsehstars zu machen. In der Einschaltquote lag doppelt oder aus Kopf an Kopf mit wetten dass. Und wie Frank Elstner, der andere Millionenliebling, arbeitete auch Erwin Rampendahl am Hochseil ohne Netz. Die beiden Top-Entertainer bewiesen bisher immer wieder, daß in einem Land, in dem Oberlehrer und Kulturwarte Unterhaltung als Trivialität abtun, die Zuschauer trotzdem noch etwas zum Lachen haben.

Für die Männer war Rampendahl ein Mann, mit dem man am Tresen ein Bier trank, ein geradliniger Kerl, durchtrieben, doch offen. Die Mädchen mochten ihn als Mann, und selbst gesetzte Damen konnten ihn sich als Liebhaber vorstellen. Seinetwegen versäumten die Jungen die Disco und gingen die Alten verspätet zu Bett. Das kritische Fernseh-Magazin Playback – gefürchtet, weil es hinter den Kulissen der Fernsehanstalten herumstocherte, doch gerade daher auch von TV-Leuten umworben – hatte den Quizmaster zum ›Mann des Jahres‹ erkoren und ihm dadurch als Massenidol seinen Segen gegeben.

Das war um so bemerkenswerter, als die Programmzeitschrift im gleichen Heft den Lesern auch unbequeme Wahrheiten über den TV-Betrieb servierte: Da bezogen zum Beispiel beim Bayerischen Rundfunk 124 beamtete Redakteure ein gleich hohes Gehalt wie Landräte oder der Oberbürgermeister von München. Innerhalb der TV-Besoldungs-Oase nahmen beim Westdeutschen Rundfunk 14 Quasi-Beamte die salärmäßige Planstelle von Staatssekretären, 12 von Generalbundesanwälten, 13 von Regierungspräsidenten, 10 von Generalstaatsanwälten und 43 von Regierungs-Vizepräsidenten ein, und mitunter sah das Programm auch danach aus, als würde es von solch ehrenwerten, doch TV-fremden Persönlichkeiten gemacht.

Playback hatte diese Tatsachen als Beitrag zur Diskussion über die Erhöhung der Fernsehgebühren gebracht, dabei aber auch auf Aktivposten wie zum Beispiel Erwin Rampendahls doppelt oder aus hingewiesen.

Jeden letzten Freitag im Monat fegte sein Auftritt die Straßen leer, und gewitzte Wirte konnten einer Umsatzminderung nur dadurch entgehen, daß sie einen Fernsehapparat im Schankraum aufstellten.

doppelt oder aus kam aus den USA wie der Begriff ›Quiz‹, die Kartoffel, das Fließband, der Muttertag, die Supermärkte, die Jeans und die Care-Pakete. Von allen US-Importen brachte das Ratespiel, in Amerika unter dem Namen twenty-one entstanden, den schlechtesten Ruf aus Übersee mit. Von den mächtigen TV-Gesellschaften NBC und CBS war es von Küste zu Küste ausgestrahlt worden. Ganz Amerika hatte am Bildschirm gesessen und mit den Kandidaten gefiebert und gelitten, bis ein Skandal einen halben Kontinent erschütterte und Millionen von Mattscheiben für diese Sendung erblinden ließ.

Vor einem Untersuchungsausschuß hatten die Kandidaten gestanden, daß ihnen im voraus nicht nur die Antworten, sondern auch Seufzer, Gesten und Schweißausbrüche beigebracht worden waren. Alles war gefixt, manipuliert und getürkt gewesen, und zwar gegen Geld.

Die amerikanischen Sünden zwangen die deutschen Veranstalter von doppelt oder aus zu ungewöhnlichen Auflagen. Sie mußten ständig vorführen, wie peinlich genau es bei der beliebten Seriensendung zuging. Deshalb hatten sie keine Chance, Reporter oder andere Zaungäste abzuschütteln. Bei doppelt oder aus ging es zu wie in einer Küche, die inmitten eines Nobelrestaurants etabliert worden war: Jeder Genießer konnte mit eigenen Augen verfolgen, wie appetitlich die Speisen zubereitet wurden und welch saubere Hände die Köche hatten.

Der Quizmaster lernte die Kandidaten gleichzeitig mit dem Publikum kennen, nicht vorher. Natürlich waren sie von der Sendeanstalt ausgesucht worden – von tausend Bewerbern kamen hundert in die engere und allenfalls zehn in die engste Wahl –, aber Erwin Rampendahl erfuhr vor seinem Auftritt lediglich die Sachgebiete, um die es ging, zum Beispiel: ›Alles über das Automobil‹.

Der 32000-Mark-Gewinner war ein knapp 16jähriger Junge aus Groß-Kleinersdorf gewesen, der so viel über das Lieblingsspielzeug der Deutschen gewußt hatte, daß er wahrscheinlich sogar Gottfried Daimler zum Stottern gebracht hätte. Der Gewinn wurde von den Eltern des Siegers der fünf Frage-Runden auf ein Sparkonto gelegt – vom Kauf eines Mopeds abgesehen. Auf diesem Zweiradgefährt sollte Rampendahl in dem Vorspannfilm mit dem Sieger eine Runde durchs Dorf drehen, aber es regnete und regnete, und sah aus, als würde es nie wieder aufhören. Das kostete Zeit, und Zeit war Geld, vor allem, wenn die mueller-production – eine freie Herstellerfirma – die Kalkulation einhalten wollte, wofür sie bekannt war.

»Wetterbesserung, Edward?« fragte Erwin Rampendahl den Geschäftsführer und Hauptgesellschafter. »Laß mal lieber mein Ticket für den morgigen New-York-Flug stornieren.«

»Nun sei nicht gleich so ungeduldig!« Der kleine Dicke verströmte ziemlich erfolglos Optimismus. »In dieser Gegend kann das Wetter ganz schnell umschlagen.«

»Du hast wohl ’ne Meise«, erwiderte der TV-Star und goß sich nach.

»Laß den Enzian stehen!« forderte ihn der Producer freundlich, doch unmißverständlich auf. »Und nimm gefälligst die Finger aus der Dame.« Er musterte die pralle Schöne geringschätzig. »Falls sie eine Dame ist.«

»Ist sie«, entgegnete der Quizmaster grinsend und zog das Mädchen an sich. »Hau ihm eine runter, Annamirl«, sagte er dann. »Er hat dich beleidigt.«

»Keine Zeit«, versetzte das Mädchen, legte die Arme um Rampendahl und küßte ihn.

Die Umstehenden lachten und klatschten.

Ausgerechnet in diesem Moment betrat Conny Ritter, die stellvertretende Chefredakteurin von Playback, die überfüllte Wirtsstube, gefolgt von einem Fotografen. Für den Schnappschuß des Kamerajägers war es schon zu spät, aber die clevere Journalistin – und Frau des Verlegers – hatte den Zwischenfall natürlich gesehen.

»Servus, Conny!« winkte ihr der Entertainer zu.

»Freut mich, daß Sie sich so gut amüsieren, Erwin«, entgegnete die Journalistin. Sie trug einen schicken Hosenanzug; ihre sanftroten Haare waren unsymmetrisch geschnitten.

»Was soll man schon machen – bei diesem Sauwetter!« versetzte Rampendahl.

»Trinken und Knutschen«, erwiderte Conny. »Oder?«

»Ausfallprogramm«, antwortete der Quizmaster lachend. »Aber Sie brauchen sich um mich nicht zu sorgen, Conny.« Er deutete auf Nasen-Mueller: »Da steht mein Anstandswauwau und paßt auf wie ein Schießhund, daß ich auch eine TV-Jungfrau bleibe.«

»Lieber Mueller, mach mich fromm«, spottete die Journalistin lachend und reichte dem Producer die Hand, »daß ich in die Glotze komm’.« Sie merkte, daß Rampendahls Augen sie kennerisch abtasteten, und hatte nichts dagegen; sie bot ihnen ein gelassenes Ziel. »Wir bringen eine neue Titelstory über Sie, Erwin«, sagte sie. »Stellen Sie sich also gut mit mir.«

»Das ohnedies«, erwiderte er. »Und Ihr Interesse ehrt mich. Trotzdem frage ich mich«, setzte er hinzu, »ob euch eigentlich nichts anderes mehr einfällt.«

»Wir haben mehr Einfälle als eine Rothaarige Sommersprossen im Gesicht«, entgegnete Conny. »Aber Sie, lieber Erwin, erscheinen uns momentan attraktiver.« Sie schob ihre linke Hand in Rampendahls Arm, mit der rechten griff sie nach Nasen-Mueller und zog beide aus dem Kreis der Bewunderer. »Ich will mal aus dem Nähkästchen plaudern«, fuhr sie fort. »Sie wissen doch, daß wir schnellere Informationen haben als die anderen und daß sie meistens stimmen.«

»Keine Frage«, bestätigte der Producer und beugte sich zu der Journalistin hinab, um seine Hörbrille in Position zu bringen.

»Eine heiße Nachricht«, versetzte sie. »Bleibt sie unter uns?«

»Ehrenwort«, versicherte Nasen-Mueller treuherzig.

»Es ist so gut wie durch: Der Hauptgewinn von doppelt oder aus soll von 32000 auf 64000 Mark erhöht werden.«

»Trotz der leeren Kassen?« fragte der Producer schnell und erregt.

»Das Geld spart man anderswo ein«, antwortete die Vizechefin von Playback. »Und Ihre Sendung, Erwin, wird dann wohl doppelt so aufregend.«

»Mir ist sie jetzt schon aufregend genug«, erwiderte der Quizmaster mit dem ehrlichen Unterton, der so gut ankam.

»Sie hören wohl das Gras wachsen, Conny«, sagte Mueller.

»Das Gras wie das Unkraut«, antwortete die adrette, selbstbewußte Besucherin; sie ließ keinen Zweifel darüber aufkommen, daß bei ihr die Karriere nicht auf Kosten der Weiblichkeit ging.

Erwin Rampendahl sah sie an, bewundernd, doch nur mit halber Kraft. Er war nicht ganz bei der Sache. Connys Eintritt hatte bei ihm die unbestimmte Vorahnung verstärkt, daß seine nächste Sendung katastrophal verlaufen würde. Er fragte sich, ob es schon Lampenfieber sei oder tatsächlich ein sechster Sinn, wie er ihn zum Beispiel damals in Vietnam, im Kongo und in Uganda entwickelt hatte. Er versuchte, die stummen Unkenrufe zu überhören, aber sie wurden nur lauter.

Zunächst verlief alles überraschend gut, viel zu gut für Abergläubische. Der Regen ließ nach und hörte in der Nacht schließlich ganz auf. Bereits am frühen Morgen stand eine schüchterne Sonne am Himmel. Der Quizmaster drehte mit dem siegreichen Autofan vielbewunderte Mopedrunden durchs Dorf; es reichte sogar noch für einen kurzen Mahn-Spot zur Anmeldung der Fernsehgeräte, da sich die Playback-Journalistin bereit erklärt hatte, Rampendahl nach München-Riem zum Weiterflug nach New York zu bringen und erst unterwegs das gewünschte Interview abzuwickeln. Sie jagte ihren Porsche geschickt durch enge Kurven, überholte beherzt, routiniert wie eine Rallye-Fahrerin.

»Angst?« fragte sie.

»Was wollen Sie hören, Conny?« entgegnete er. »Sag’ ich ja, bin ich ein Hasenfuß, wenn ich verneine, ein Lügner.«

Sie lächelte. Die Journalistin hatte den Hosenanzug mit einem Reisekostüm vertauscht. Das Interview ließ sich wie ein Flirt an. Sie war ebenso sprunghaft wie beharrlich, überlegen und doch auch burschikos. Rampendahl betrachtete sie wie ein Hungerleider die Diamantbrosche in Cartiers Schaufenster. Er versuchte, ihr Alter zu schätzen, und Conny führte ihm ihre fatale Eigenschaft, Gedanken zu erraten, gleich vor:

»Ich bin neunundzwanzig«, sagte sie und setzte lächelnd hinzu: »Und das schon seit vier Jahren. Was schauen Sie mich so an?«

»Sie gefallen mir.«

»Nichts dagegen«, erwiderte sie, »aber ich will nicht über mich, sondern über Sie schreiben.« Die Journalistin hatte den Blick auf der Straße, wich geschickt und ohne Schrecksekunde einem plötzlich über die Dorfstraße laufenden Kind aus, stellte dann fest, daß ihr Begleiter weniger auf die Verkehrssituation achtete, sondern es vorzog, ihre Beine anzustarren. Mit einer eher koketten als prüden Geste schob sie den Rock der Chanel-Kreation wieder über die Kniescheibe.

»Oh, Entschuldigung!« sagte er, wenig zerknirscht.

»Wofür?« fragte sie. »Wäre doch ziemlich peinlich für uns beide, wenn Sie Ihren Männlichkeitswahn nicht entfalten würden.« Sie ließ sich Feuer geben, bedankte sich durch ein Kopfnicken. Ihre Frisur war heute anders drapiert, ihr Make-up betont auf ihre braunen Augen abgestellt. »Schlimm für mich, wenn ich miese Beine hätte, schlimm für Sie, wenn Sie geschlechtsneutral wären.«

»Hübsch gesagt«, entgegnete Rampendahl. »Schade, daß alle klugen, attraktiven und reizvollen Frauen, denen ich begegne, schon in festen Händen sind.«

»Und darum sind Sie noch immer Junggeselle?« sie ging geschickt auf seinen Ton ein.

»Sieht so aus«, brummte er, und Conny Ritter hörte eine Verlegenheit heraus, die sie nicht zu deuten wußte.

»Glauben Sie, wir hätten Ihnen Ihre Rolle als TV-Kapaun auch nur eine Minute abgenommen?« Die Journalistin bog vom Zubringer auf die Autobahn nach München ein. »Sie werden sich in New York schon Ihre Abenteuer pflücken.«

»Himmel!« versetzte der Quizmaster. »Und Sie hetzen Reporter hinter mir her.«

»Das scheitert schon an den Spesen«, erwiderte die Playback-Vizechefin.

»Und Sie haben keinen US-Korrespondenten?«

»Drei«, antwortete die Journalistin. »Aber wir setzen keinen der drei auf Sie an. Das verspreche ich Ihnen.«

»Warum?« fragte der Quizmaster.

»Sieben Tage Schonfrist«, erklärte sie. »Ich bin ziemlich sicher, daß Sie eine Erholung von der Öffentlichkeit brauchen.«

»Richtig, Conny«, erwiderte er. »Und sehr einfühlsam – aber Sie nehmen doch nicht wirklich an, daß ich über den großen Teich fliege, um mich auszutoben?«

»Nicht nur«, entgegnete sie. »Es ist vermutlich nur einer von mindestens fünf Gründen.«

»Und die anderen vier?«

»Erstens sind Sie hochgradig New-York-süchtig, wie viele, die einmal dort gelebt haben. Zweitens versuchen Sie, Ihr Lampenfieber vor Ihrem nächsten Auftritt in drei Wochen in Dortmund zu betäuben. Zum dritten nutzen Sie die Zeit, sich in die Fragenkomplexe von doppelt oder aus einzuarbeiten, und nicht zuletzt – das ist jetzt nur eine Annahme von mir – werden Sie die Gelegenheit nutzen, einen alten Freund wiederzusehen.« Sie stellte genüßlich fest, daß sie ihn überfahren hatte, und setzte hinzu: »Florian Feiler.«

»Nur so weiter«, brummelte er. Ziemlich erfolglos versuchte Rampendahl sein Erschrecken über soviel Wissen zu verbergen.

»Ein führender Kybernetiker der Nasa, lebt seit sechzehn Jahren in den Staaten. Ist mit Ihnen zur Schule gegangen und in der 6a des Münchner Max-Gymnasiums gleichzeitig mit Ihnen sitzengeblieben. Sie, Erwin, wegen Mathematik, Physik und schlechten Betragens, Florian wegen Deutsch und Englisch. Sein Englisch dürfte sich seit seinem Studium in den Staaten beträchtlich verbessert haben«, stellte sie fest und drückte ihre Zigarette im Aschenbecher aus. »Tolle Story eigentlich: Die beiden Sitzenbleiber, die – jeder in seinem Fach – im Leben zum Primus aufrücken. Paßt prächtig zu Ihrem Sachgebiet: »Genies auf der Schulbanke Nehmen Sie Ihren Freund Florian doch gleich als Kandidaten.«

»Sie wissen, Conny: keine Freunde, keine Verwandten, keine Bekannten! Die Voraussetzung für eine Teilnahme bei doppelt oder aus ist, daß ich die Kandidaten erst im Rampenlicht vor der Live-Kamera kennenlerne. Und damit das wirklich so ist, dafür sorgen nicht zuletzt Sie mit der Wachsamkeit eines Dorfpolizisten.«

»Seien Sie nicht so trübselig an diesem schönen Augusttag!« entgegnete die Journalistin.

»Schlimm, daß Sie nicht einmal davor zurückschrecken, meine früheren Mitschüler auszuhorchen.«

»Ihre Mitschüler, Ihre Nachbarn, Ihre früheren Kameraleute und Cutterinnen«, versetzte Conny. »Wir sind eben eine Spur gründlicher als die anderen. Auch bei Ihren früheren Kollegen waren Sie nicht unbeliebt. Man schildert Sie als großzügig, jähzornig und heißhungrig.« Sie lächelte impertinent. »Auf so ziemlich alles im Leben.«

»Längst satt«, erwiderte Rampendahl. »Und mein Kindermädchen haben Sie nicht ausgequetscht?«

»Sie hatten keins, Erwin«, versetzte sie. »Aber Ihre Tanzstundenpartnerin schwärmt heute noch von dem flotten Wiener Walzer, den Sie mit ihr aufs Parkett gelegt hatten.«

»Aufforderung zum Tanz?« fragte er.

»Keineswegs«, entgegnete sie. »Ich will Ihnen mal was sagen, Erwin: Wir vom Playback haben eine Schwäche für Sie, oder sagen wir mal: eine ausgeprägte Sympathie. Wir kennen Ihre früheren Features und haben zunächst alle bedauert, daß Sie Ihre Tätigkeit als Weltkorrespondent aufgegeben haben. Ihre Dokumentationen waren frisch, unverbraucht und unverfälscht.«

»Danke«, erwiderte er, leicht wehmütig.

»Ihre Tag- und Nacht-Reportage über die Saufbrüder in der Bowery war einmalig. Ich frage mich heute noch, wie Sie das geschafft haben.«

»In Lumpen, die Taschen gefüllt mit Cent-Stücken. Mit einer versteckten Kamera und hochempfindlichem Filmmaterial. Übrigens gab’s hinterher Ärger, weil so ein Mitglied des Rundfunkrats behauptete, ich hätte den Alkoholismus verherrlicht.«

»Weiß ich«, versetzte Conny Ritter.

»Können Sie mir erklären, was das alles mit meinem Privatleben zu tun hat?«

»Wenig«, antwortete sie. »Aber die Öffentlichkeit hat sie vereinnahmt. Sie gehören nicht mehr sich selbst. Das wirkt sich in einer Einschaltquote von annähernd vierzig Prozent und in einer ruinierten Intimsphäre aus.«

»Und das treiben Sie noch voran?« fragte er.

»Wir nicht«, entgegnete die Journalistin. »Aber wir stehen natürlich gewissermaßen Skandal bei Fuß; wenn Sie sich einen solchen leisten würden, könnten wir ihn in unserem Blatt nicht unterschlagen. Bei aller Freundschaft nicht, Erwin – das sehen Sie doch ein.«

»Ich habe nicht die Absicht Mist zu bauen«, versetzte er gereizt. »Aber Ihre Logik geht mir trotzdem auf die Nerven.«

»Keine Bange!« erwiderte sie. »In jedem Fall wären wir fair genug, vor einer Veröffentlichung mit Ihnen zu sprechen.«

Das klang echt und überzeugend – aber auch auf das Wort einer Frau, die ihm gefiel, würde der Quizmaster kein Hochhaus setzen.

Eine halbe Stunde später – und fünf Minuten vor der Zeit – errreichten sie den Flughafen Riem.

»Wir scheiden als Freunde?« vergewisserte sich Rampendahl.

»Fürs Leben«, versicherte sie mit Spott und Ernst und streckte ihm eine Wange hin.

Der Quizmaster küßte sie mit flüchtiger Herzlichkeit, schüttelte zwei Autogrammsammler ab, drehte sich noch einmal nach Conny um und winkte ihr zu.

Der Bus brachte ihn zur 747 der PanAm.

»Guten Morgen, Mister Rampendahl«, begrüßte ihn die Stewardeß am Einstiegluk.

Sie hatte ihn sofort erkannt; aber in acht Stunden würde er unter acht Millionen New Yorkern untertauchen. Er nahm einen Vorschuß darauf, und es verlief alles, wie es sollte: pünktlicher Start. Glatter Flug. Er sah einen Film, ohne ihn zu sehen. Seine Gedanken glitten zu der reizvollen Conny und dem auffallenden Interesse zurück, das Playback an ihm zeigte. Wieder spürte er dieses Kassandra-Gefühl, ein unbestimmtes Unbehagen. War es Lampenfieber, dann setzte es eine Woche früher ein als sonst. Er wußte längst, daß es von Auftritt zu Auftritt schlimmer wurde. Zwar war der TV-Reporter seit vielen Jahren gewohnt, sich der Kamera zu stellen – aber der Filmkamera, nicht der Live-Kamera; er hatte Passagen herausnehmen oder nachsynchronisieren können, hatte am Schneidetisch immer wieder Gelegenheit gehabt, seinen Auftritt zu kontrollieren und zu korrigieren. Was er aber bei einer Direktübertragung sagte, war unwiderruflich und nicht mehr zu schönen. Gefährlich für einen Mann vom Temperament Rampendahls, der dazu neigte, seine Meinung spontan zu äußern und dabei auch noch seine Schlagfertigkeit vorzuführen. Vielleicht erginge es ihm eines Tages wie einem anderen Quizmaster, wie Dietmar Schönherr: In einem Live-Auftritt vor dem Schweizer Fernsehen hatte der österreichische Generalssohn den amerikanischen Präsidenten in der Hitze des Wortgefechts als ›Armleuchter bezeichnet und war dafür auf der Stelle gefeuert worden (wobei das Wort ›Armleuchter hier nur für die höfliche Umschreibung des tatsächlichen Kraftworts steht).

Der Jumbo war punkt elf Uhr in München-Riem gestartet und setzte, fast auf die Minute genau, 13.40 Uhr Ortszeit auf dem Kennedy Airport auf. Die Zeitverschiebung machte es möglich. Der Gast aus Deutschland hatte sechs Stunden dazugewonnen und wollte nicht eine einzige davon verschenken.

Er hatte seine persönliche Freiheit wieder, wenn auch nur für sieben Tage. Er kam ohne Aufenthalt durch die Paß- und Zollkontrolle, und dann stellte er fest, daß es in der Weltmetropole ebenso regnete wie gestern in Groß-Kleinersdorf. New York empfing ihn unwirsch wie eine treulose Geliebte, aber er wußte, wie man mit einer solchen umgeht.

Der Himmel lichtete sich ein wenig, als das Taxi durch Queens fuhr. Der Wagen kam nur langsam voran, aber Rampendahl genoß die Fahrt. Dieser Schauplatz mit seiner monströsen Gigantonomie und seiner fantastischen Häßlichkeit überwältigte ihn immer wieder. Das Meer aus Stein mit seinen grünen Oasen, der Mammutfriedhof, umbrodelt von ewiger Unruhe. Er nahm die Massenausdünstung der Millionenstadt hin wie den Körpergeruch einer Frau, die er liebte.

Das Taxi hatte Manhatten erreicht. Rampendahl nahm sich vor, unverzüglich Florian in Houston anzurufen; er hoffte, daß der Freund nicht gerade in Cap Canaveral zu tun hatte. In diesem Fall würde er seinen Aufenthalt in New York um zwei Tage verkürzen und via Florida zurückfliegen.

Sie kamen nur schrittweise voran, aber den Gast störte es nicht; er war dabei, ein Sofortprogramm zu improvisieren: Evelyn, die Stewardeß? Oder vielleicht besser Bettina, das Mannequin? Er verglich sie mit der blonden Iris und landete dann bei Manuela, der rassigen Italienerin, die als Guide Besucher durch das UN-Gebäude am East-River führte und dabei versuchte, ihnen die Ausgabe der vielen Beitrags-Millionen nachträglich schmackhaft zu machen.

Schmackhaft war in erster Linie Manuela selbst; vielleicht die hübscheste von allen. Aber auch die gefährlichste – sie galt als heiratswütig, war ziemlich konsequent und hielt wenig von Vorleistungen.

Der Wagen hatte das Regence erreicht.

Der Portier nahm ihm die Koffer ab; der Mann an der Rezeption begrüßte ihn freundlich. Er war auch hier bekannt – als Hotelgast, nicht als Quizmaster. »Guten Flug gehabt, Mister Rampendahl?« fragte er. »Sie werden schon erwartet.«

»Erwartet?« fragte er und drehte sich um.

Aus einem tiefen Sessel erhob sich lächelnd ein schlanker, hochgewachsener Mann. Typ: Grips mit Bizeps, braungebrannt, sportiv, ein Bursche, dessen Aussehen gut zehn Jahre Leben unterschlug, Wissenschaftler, Junggeselle und Erfolgsmensch – Florian Feiler.

»Du hier, Parsifal?« rief Rampendahl überrumpelt. »Wie ist das möglich?« Er umarmte den Freund »Kannst du zaubern, oder hast du einen fliegenden Teppich konstruiert?«

»Es gibt für alles eine natürliche Erklärung«, erwiderte der Mann von der Nasa. »Dein Telegramm wurde mir nach Washington nachgeschickt.«

»Was machst du in Washington, Parsifal? Du siehst übrigens unverschämt gut aus. Kannst du ein paar Tage in New York bleiben?«

»Du wirst dich wundern«, der Freund spielte die zweite Überraschung aus. »Ich werde mit dir nach Deutschland zurückfliegen.«

Zunächst war Rampendahl mehr erschrocken als erfreut; er dachte an Florians 70jährige Mutter, aber der Freund wirkte viel zu unbekümmert, um familäre Sorgen zu haben.

Nach Männerart gingen sie erst einmal an die Hotelbar, um das Dringendste zu erledigen.

New York war auch nicht mehr, was es einmal für ihn gewesen war; jedenfalls ließ der aufregendste Schauplatz der Welt Erwin Rampendahl diesmal im Stich: Die Stewardeß Evelyn war auf dem Luftweg nach Tokio, das Mannequin Bettina auf dem Laufsteg in Miami, die blonde Iris erinnerte sich überhaupt nicht mehr an den Anrufer und legte ziemlich patzig auf. Auch mit Manuela, der rassigen Italienerin, würde der Quizmaster keine Ehe-Umge hungs-Schwierigkeiten mehr haben, denn ihre Zeit bei den Vereinten Nationen, auf zwei Jahre befristet, war abgelaufen und sie nach Florenz zurückgekehrt.

Wenn Erwin Rampendahl herzhaft in den Big Apple beißen wollte, konnte er nicht auf Konserven der Erinnerung zurückgreifen, er mußte Frischobst pflücken. Normalerweise machte ihm das keine Schwierigkeiten. Mit oder ohne Parsifal war er gewohnt, sich durch das Abenteuer New York zu pflügen, ein Matrose auf kurzem Landurlaub nach großer Fahrt. Aber mit dem Freund war diesmal nicht viel anzufangen; er grübelte über Probleme, und sie schienen höchstens indirekt mit Kybernetik zu tun zu haben. Der Quizmaster wußte, daß es ziemlich sinnlos wäre, in Parsifal zu dringen. Die beiden waren schon Insassen des gleichen Kinderhorts gewesen, sie hatten im selben Nachbargarten unreife Äpel gestohlen, die nämlichen Mitschüler vertrimmt, Gymnasiumpauker geärgert und Mädchen geküßt. Florian immer als erster und Erwin stets in seinen Fußstapfen. Der Freund – Sohn eines Berliners und einer Münchnerin – hatte beim schönen Geschlecht eine ziemliche Vorgabe und wußte meistens recht wenig damit anzufangen. Parsifal eben, der reine Tor, aber für die Torheiten hatte er ja seinen Busenfreund.

Ein plötzlicher Anruf Nasen-Muellers brachte den New-York-Besucher dazu, sich wieder vorwiegend mit eigenen Sorgen zu befassen: »Also, der Moped-Trailer ist so gut geworden, daß Mainz ihn mindestens zweimal ausstrahlen will, je eine ganze Minute lang.« Nach kurzem Räuspern kam er zu weniger angenehmen Eröffnungen: »Was ich dir jetzt sage, Erwin, ist streng vertraulich – das dürften weder du noch ich wissen: Grotehoff soll eine neue Kandidatin aufgetrieben hatten, ein impertinentes Biest, an dem du dir die Zähne schärfen kannst und …«

»Sachgebiet?« unterbrach ihn der Quizmaster.

»Mode.«

»Scheiße!« versetzte Rampendahl.

»Dachte ich gleich, daß dir das nicht schmeckt«, entgegnete der Produzent. »Läuft unter dem Stichwort: ›Vom Feigenblatt zur Karottenhose‹. Grotehoff will die Neue unbedingt bereits in die nächste Sendung nehmen. Ich möchte dir ja den Urlaub nicht verderben, Erwin, ich sage es dir nur, damit du dich darauf einstellst. Sieh zu, daß du ausgeruht zurückkommst. Wir besorgen vorsorglich schon die Unterlagen. Und wie gesagt: Kein Wort zu irgend jemand!«

»Aber ja«, erwiderte Rampendahl unwillig.

»Und mach dich nicht verrückt, Erwin! Noch ist nichts endgültig entschieden.«

Der TV-Protagonist legte verärgert den Hörer auf. Die letzte Bemerkung nahm er seinem Produzenten nicht ab, dafür kannte er Grotehoff zu gut, den Rivalen, der in seinem Schatten stand. Der Generalstabschef von doppelt oder aus würde sich mit Sicherheit für das Biest und ihr Horrorfach entscheiden. Auch wenn die Fragen vorfabriziert waren, die richtigen Antworten ihm vor der Sendung genannt wurden und ihm zusätzlich Experten zur Seite standen, wußte der Quizmaster nicht, wie er in knapp drei Wochen ein paar tausend Jahre Modegeschichte nachbüffeln sollte, ein Fach, vor dem ihm graute wie einem Vegetarier vor der Metzelsuppe.

»Verstehst du was von Mode, Parsifal?« rief er durch die offene Zimmertür.

»Die berechnete Vergänglichkeit«, erwiderte der Eierkopf. »Ich glaube, die Krawatten werden schmaler und die Miniröcke länger.«

»Du Witzbold!« versetzte Rampendahl. »Die sind schon seit Jahren out of fashion.«

»Das Thema Mode würde ich ablehnen«, sagte Parsifal.

»Das würde ich auch«, erwiderte Rampendahl verärgert. »Wenn ich es könnte.«

»Wenn du etwas willst, was du nicht kannst, dann bläst du ein Solo auf einer verstopften Trompete«, stellte Parsifal lachend fest.

Sie brachen zu einem Stadtbummel auf, schlenderten über die Fifth Avenue, betrachteten die Auslagen. »Mensch«, sagte der Gast aus Deutschland, »bei euch klettern ja auch die Preise hoch wie die Affen an den Bäumen.«

»Die Inflation ist allgegenwärtig«, erwiderte der Wahlamerikaner. »Oder kennst du ein Land, in dem die Regierung mit ihren Wirtschaftsprognosen nicht daneben gegriffen hat?«

»Keines«, bestätigte Rampendahl. »Aber vielleicht doch nicht überall so gründlich wie bei euch.«

»Es gibt seit Ronald Reagan zwei Amerikas«, zitierte der Freund den früheren US-Vizepräsidenten. »Das eine steht Schlange für den Kauf eines neuen Rolls-Royce, das andere für einen Arbeitsplatz.«

»Gut formuliert, aber wohl übertrieben.«

»Das schon«, erklärte der Kybernetiker, »aber 10,4 Prozent Arbeitslose und Fabriken, die nur zu 68 Prozent ausgelastet sind. Zinsen in astronomischer Höhe treiben den Verrechnungskurs des Dollars hoch, das fördert die Importe und erschwert den Export und führt zu einer vernichtenden Handelsbilanz …«

»Mit einem Wort«, entgegnete der Besucher aus Deutschland lachend, »Reagenomics.«

»Sag das in doppelt oder aus«, antwortete Florian. »Dann wirst du gefeiert und gefeuert.«

»Beim Fernsehen nichts Neues«, entgegnete der Quizmaster. »Die Meinungsfreiheit ist nur eine Wohlmeinungsfreiheit.«

Sie nahmen den Lunch in der Oyster Bar unterhalb der Central Station, die normalerweise von Männern im Börsenhabit ebenso besucht wird wie von Arbeitern in blauen Kitteln. Heute herrschte der graue Flanell vor. Das beliebte Restaurant in der reichsten Stadt des reichsten Landes der Welt war für die meisten New Yorker zu teuer geworden.

Sie genossen Meeresfrüchte, die köstlich zubereitet waren, aber weder bei Rampendahl noch bei dem Freund den Appetit anregten.

»Die Sache ist die«, begann Florian Feiler endlich und unvermittelt, »in spätestens einer Woche muß ich entweder meinen Vertrag mit der Nasa um fünf Jahre verlängern oder aus ihren Diensten ausscheiden.«

»Bist du Nasa-müde?« fragte der TV-Star.

»Nicht unbedingt. Aber wie man sagt: lieber öfter mal was Neues.«

»Zuviel Rüstung?«

»Das auch«, erwiderte der Kybernetiker. »Aber ich habe ein Angebot aus Deutschland. Die Technische Universität München hat mir gerade über die Deutsche Botschaft in Washington einen Lehrstuhl angeboten.«

»Lehrstuhl?« erwiderte Rampendahl verblüfft. »Der frühere Sitzenbleiber als Dozent?« Er lachte lauthals. »Professor: der deutsche Traumberuf, die Lieblingsprofession aller Schwiegermütter in spe.«

»Um so besser«, versetzte Parsifal trocken. »Vielleicht heirate ich auch mal. Außerdem habe ich noch einen Lehrauftrag an der Universität von Texas. Da könnte ich zum Beispiel alternierend in Deutschland und in den USA Vorlesungen halten.«

»Und dann hast du ja auch noch eine Mutter und eine Schwester in Deutschland«, wurde Rampendahl ernst.

»Daran denke ich natürlich auch«, entgegnete der Mann von der Nasa. »Mama ist zwar noch rüstig, doch nicht mehr unternehmungslustig genug für Texas. Nach München, wo sie früher gelebt hat, zieht es sie immer noch hin.«

»Wie dich«, versetzte Rampendahl lachend. »Ein bißchen Heimweh ist wohl auch im Spiel?«

»Home, sweet home«, alberte Florian.