Dr. Norden Bestseller 5 – Arztroman - Patricia Vandenberg - E-Book

Dr. Norden Bestseller 5 – Arztroman E-Book

Patricia Vandenberg

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Beschreibung

Dr. Norden ist die erfolgreichste Arztromanserie Deutschlands, und das schon seit Jahrzehnten. Mehr als 1.000 Romane wurden bereits geschrieben. Deutlich über 200 Millionen Exemplare verkauft! Die Serie von Patricia Vandenberg befindet sich inzwischen in der zweiten Autoren- und auch Arztgeneration. Patricia Vandenberg ist die Begründerin von "Dr. Norden", der erfolgreichsten Arztromanserie deutscher Sprache, von "Dr. Laurin", "Sophienlust" und "Im Sonnenwinkel". Sie hat allein im Martin Kelter Verlag fast 1.300 Romane veröffentlicht, Hunderte Millionen Exemplare wurden bereits verkauft. In allen Romangenres ist sie zu Hause, ob es um Arzt, Adel, Familie oder auch Romantic Thriller geht. Ihre breitgefächerten, virtuosen Einfälle begeistern ihre Leser. Geniales Einfühlungsvermögen, der Blick in die Herzen der Menschen zeichnet Patricia Vandenberg aus. Sie kennt die Sorgen und Sehnsüchte ihrer Leser und beeindruckt immer wieder mit ihrer unnachahmlichen Erzählweise. Ohne ihre Pionierarbeit wäre der Roman nicht das geworden, was er heute ist. »Praxis Dr. Norden«, meldete sich Felicitas Norden, als das Telefon läutete. Eine kleine Pause entstand, in der Helga Moll, Dr. Nordens Sprechstundenhilfe, eine aufgeregte Stimme durch den Draht schallen hörte. »Ja, Frau von Rosen, ich verstehe, dass Sie besorgt sind. Falls mein Mann nicht sofort abkömmlich ist, werde ich kommen.« Fee legte den Hörer auf und sah Molly, wie Helga Moll von allen genannt wurde, mit einem flüchtigen Lächeln an. »Ein Hotelgast ist schwer erkrankt«, erklärte sie. »Frau von Rosen ist sehr aufgeregt, aber erbaut scheint sie nicht davon zu sein, dass ich in Vertretung meines Mannes kommen will. Es ist nicht einfach, die Frau eines vielbegehrten Arztes zu sein, Molly.« »Sie machen das schon recht, Frau Doktor«, sagte Molly im Tone höchster Anerkennung. »Die Leut können sich halt noch nicht daran gewöhnen, dass es hier nun auch eine Frau Dr. Norden gibt.« Herr Dr. Norden entließ gerade einen Patienten aus seinem Sprechzimmer. Das Wartezimmer war allerdings noch voll. »Was gibt es denn, Fee?«

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Dr. Norden Bestseller – 5 –

Der schwierige Patient

Wer trachtet André Clermont nach dem Leben?

Patricia Vandenberg

»Praxis Dr. Norden«, meldete sich Felicitas Norden, als das Telefon läutete. Eine kleine Pause entstand, in der Helga Moll, Dr. Nordens Sprechstundenhilfe, eine aufgeregte Stimme durch den Draht schallen hörte.

»Ja, Frau von Rosen, ich verstehe, dass Sie besorgt sind. Falls mein Mann nicht sofort abkömmlich ist, werde ich kommen.«

Fee legte den Hörer auf und sah Molly, wie Helga Moll von allen genannt wurde, mit einem flüchtigen Lächeln an.

»Ein Hotelgast ist schwer erkrankt«, erklärte sie. »Frau von Rosen ist sehr aufgeregt, aber erbaut scheint sie nicht davon zu sein, dass ich in Vertretung meines Mannes kommen will. Es ist nicht einfach, die Frau eines vielbegehrten Arztes zu sein, Molly.«

»Sie machen das schon recht, Frau Doktor«, sagte Molly im Tone höchster Anerkennung. »Die Leut können sich halt noch nicht daran gewöhnen, dass es hier nun auch eine Frau Dr. Norden gibt.«

Herr Dr. Norden entließ gerade einen Patienten aus seinem Sprechzimmer. Das Wartezimmer war allerdings noch voll.

»Was gibt es denn, Fee?«, fragte er in Eile.

»Pension Rosengarten. Ein Gast hat hohes Fieber. Frau von Rosen befürchtet Ansteckungsgefahr. Er ist vor ein paar Tagen aus Portugal gekommen.«

»Da werde ich doch lieber selbst hinfahren. Mach du hier weiter, Liebes«, sagte Dr. Daniel Norden. »In Portugal ist doch Cholera aufgetreten. Na, hoffentlich ist es nicht so schlimm.«

Er holte schon seinen Koffer, nickte seinen Damen zu und verschwand.

Schnell hatte Dr. Norden die Pension Rosengarten erreicht. Frau von Rosen, die Besitzerin, früh verwitwet und Mutter von drei Kindern, hatte aus der Not, in die sie durch den Tod ihres Mannes geraten war, eine Tugend gemacht und die prachtvolle Villa, die inmitten eines großen Parkes gelegen war, zu einem Gästehaus umgestaltet.

Über mangelnden Zuspruch hatte sie sich nicht zu beklagen. Es sprach sich herum, wie angenehm man hier wohnen konnte, und es gab viele Durchreisende, die die Ruhe genossen, wenn sie anstrengende Geschäfte erledigen mussten.

Dr. Norden betreute die Familie Rosen als Arzt und manchmal auch einen Gast, aber einen so schwierigen Fall wie diesen, dessentwegen Frau von Rosen ihn gerufen hatte, hatte es hier noch nicht gegeben.

Der Mann hieß André Clermont, und Frau von Rosen hatte ihn vor drei Tagen erfreut aufgenommen, weil er ein Appartement für zwei Wochen gemietet hatte.

»Ein sehr feiner vornehmer Mensch, Herr Doktor«, erklärte sie. »Schon gestern ging es ihm nicht gut, aber er wollte keinen Arzt, obgleich ich es ihm dringend ans Herz legte.«

André Clermont lag schweißgebadet in seinem Bett. Dr. Norden überzeugte sich, dass das Fieber bereits über vierzig Grad gestiegen war, ansprechbar war der Patient auch nicht mehr, kein Hautausschlag und auch keine Anzeichen für eine Grippe waren vorhanden. Der Puls war stark beschleunigt.

»Sofort in die Klinik«, sagte Dr. Norden. Nicht nur, weil man Frau von Rosen die Pflege eines schwerkranken Gastes nicht zumuten konnte, sondern auch deshalb, weil er eine klinische Untersuchung für dringend erforderlich hielt, um die Ursachen dieses rasenden Fiebers festzustellen.

Dr. Norden rief seinen Kollegen Dr. Dieter Behnisch an, der Besitzer einer Privatklinik war. Sie waren befreundet und arbeiteten gern zusammen. Daniel Norden interessierte dieser Fall, hier konnte er wieder etwas dazulernen.

Der Krankenwagen kam. André Clermont war völlig apathisch, halb bewusstlos. Er öffnete nur zweimal kurz die Augen und murmelte etwas Unverständliches.

Dr. Norden fuhr dem Krankenwagen nach zur Behnisch-Klinik. Er wurde dort von Frau Dr. Jenny Lenz empfangen, die seit ein paar Wochen Assistentin bei Dr. Behnisch war. Er selbst hatte diese Zusammenarbeit vermittelt, und Jenny Lenz war ihm dafür sehr dankbar. Sie war aus Uganda gekommen und hatte nicht erwartet, dass sie so bald eine so gute Stellung bekommen würde.

»Nun, wie geht’s?«, erkundigte sich Dr. Norden herzlich.

»Probezeit bestanden«, erwiderte sie knapp, aber doch mit einem Lächeln.

Sie machte niemals viele Worte, und gerade das hatte ihr bei Dr. Behnisch schon große Sympathie eingebracht. Und wie viel sie von ihrem Beruf verstand, konnte sie gerade heute unter Beweis stellen. Allerdings kam ihr bei dieser Diagnose auch ihr Aufenthalt in Afrika zugute.

»Der Patient hat eine schleichende Sepsis«, stellte sie ruhig fest. »Sie ist jetzt in ein akutes Stadium getreten.«

»Und Sie können auch aus dem Handgelenk schütteln, wodurch sie hervorgerufen worden ist?«, fragte Dr. Behnisch sarkastisch.

Dr. Jenny Lenz blieb gelassen. »Aus dem Handgelenk nicht, aber aus gewissen Erfahrungen kann ich es vermuten. Der Patient mag mit einer exotischen Pflanze in Berührung gekommen sein, hatte vielleicht eine kleine Wunde an der Hand.

Ja, da ist eine kleine Narbe zu sehen, wie Sie sehen, schlecht verheilt. Diese Pflanzen, es gibt mehrere, sind giftig.« Sie errötete, als beide Ärzte sie fasziniert anblickten.

»Das ist ja phänomenal«, sagte Dr. Behnisch.

»Überhaupt nicht«, erklärte Jenny Lenz bescheiden. »Es ist in diesem Fall einfach ein Glück, dass ich Ähnliches schon erlebt habe. Ich weiß, wie man eine solche Sepsis behandeln muss. Sein Herz würde dieses Fieber, dem bald Schüttelfröste folgen werden, nicht lange aushalten, obgleich er ein gesundes Herz hat. Sonst würde er wahrscheinlich gar nicht mehr leben.«

»Dann ans Werk«, sagte Dieter Behnisch forsch, um nicht deutlich zu zeigen, wie sehr er von seiner Assistenzärztin beeindruckt war.

»Wie gut, dass Sie hier sind, Jenny«, sagte Dr. Norden warm. »Wir hätten wohl noch gerätselt, was die Ursache sein könnte.«

»Ich will nicht sagen, ob das Leben des Patienten zu retten ist«, sagte Jenny Lenz leise. »Leider habe ich sehr trübe Erfahrungen machen müssen.«

»Haltet mich auf dem Laufenden«, sagte Dr. Norden. »Ich kann doch Frau von Rosen hoffentlich beruhigen, dass keine Quarantäne verhängt werden muss?«

»Ansteckend ist es auf keinen Fall«, erwiderte Jenny. »Das wäre ja auch furchtbar. Und hier ist ja Penicillin in jeder Menge verfügbar.«

Er rief sofort Frau von Rosen an und beruhigte sie, so weit er dies konnte, denn sie zeigte sich äußerst besorgt um ihren Gast.

Fee war noch im Sprechzimmer. Er störte sie nicht, denn er wusste, dass sie sich unsicher fühlte. Molly

hatte ihm gesagt, dass Herr Billing bei ihr war. Das war ihm nicht gerade angenehm, denn Herr Billing war ein schneidiger junger Mann, der sich für unwiderstehlich hielt. Er war gespannt, wie Fee mit ihm fertig wurde.

Er musste dann mit ansehen, wie der Herr Billing seiner Fee zum Abschied die Hand küsste, und seine Stirn umwölkte sich.

»Man kann Sie nur beglückwünschen, Herr Doktor«, sagte Herr Billing dann auch noch, bevor er verschwand, und als sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte, seufzte Fee abgrundtief.

»Der Bursche ist unausstehlich«, schimpfte Daniel.

»Ich werde mit solchen Burschen schon fertig, aber natürlich frage ich mich jetzt, wie du mit deinen Anbeterinnen fertig wirst, mein Schatz.«

»Na, da kann ich Sie beruhigen, Frau Doktor«, mischte sich Molly ein. »Er wird’s aus dem Effeff.«

»Nach wie viel Fehlschlägen?«, fragte Fee schelmisch.

»Nach gar keinen, Fee. Du traust mir doch wohl zu, dass ich mich meiner Haut auch zu wehren verstehe. Sind wir fertig?«

»Ja. Ein paar sind gegangen. Ich fürchte, unsere Heirat bewirkt einen Rückgang der Patientinnen.«

»Meinetwegen. Dann kommen andere, die gleich wissen, dass es eine bezaubernde Frau gibt, mit der sie nicht konkurrieren können. Und wenn alle Stränge reißen, ziehen wir uns auf die Insel zurück.«

Das wäre Fee allerdings am liebsten gewesen. Das Sanatorium »Insel der Hoffnung« wurde von ihrem Vater geleitet, der mit Daniels Vater eng befreundet gewesen war. Entstanden war es nach den Plänen von Daniels Vater, aber die Verwirklichung hatte dieser Arzt und Menschenfreund nicht mehr erlebt. Daniel hatte sich nicht entschließen können, seine Stadtpraxis aufzugeben. Jetzt wusste Fee allerdings auch schon den Grund dafür. Er wollte ihrem Vater, Dr. Johannes Cornelius, nicht ins Handwerk pfuschen, wie er sagte.

Molly fuhr heim. Da Fee jetzt hier war, brauchte sie nur noch halbtags zu arbeiten, was ihrer Familie zugute kam. Hätte sie ihre Tätigkeit jedoch ganz aufgeben müssen, wäre sie todunglücklich gewesen, denn sie war auch schon bei dem alten Dr. Norden Sprechstundenhilfe gewesen. Molly gehörte fast zur Familie, doch von ihrer eigenen wurde sie auch beansprucht wenn die Kinder auch aus dem Gröbsten heraus waren und ihr Mann – nach jahrelanger räumlicher Trennung lebten sie jetzt wieder in einem Haushalt – sich sehr zu seinem Vorteil verändert hatte.

Fee und Daniel fuhren mit dem Lift aufwärts in ihre Penthousewohnung, wo Lenchen schon mit dem Essen auf sie wartete.

Es war eine traumhaft schöne Wohnung, umgeben von einem Dachgarten, der das Gefühl vermittelte, hoch über den Dächern der Stadt in einer kleinen Welt für sich zu sein.

Lenchen, die treue Seele, sorgte mit Hingabe für Ordnung und das leibliche Wohl »ihrer« Kinder. Fee brauchte sich um nichts zu kümmern, und so war sie froh, sich in der Praxis nützlich machen zu können, denn sonst wäre ihr das Leben wohl doch zu langweilig geworden.

Lange Zeit für eine Mittagspause hatten sie nicht. Daniel musste Besuche machen.

In aller Eile hatte er Fee vom Fall Clermont erzählt, und zu Daniels Überraschung wurde Fee bei dem Namen stutzig.

»Der Biologe?«, fragte sie.

»Keine Ahnung, wie kommst du darauf?«

»Ich habe mal eine Abhandlung gelesen. Ein Dr. Clermont hat mal einen sensationellen Selbstversuch gemacht, um ein Mittel gegen Pilzvergiftung auszuprobieren. Das liegt zwei Jahre etwa zurück. Es ist mir in der Erinnerung haften geblieben, weil es mir gewaltig imponiert hat.«

»Und der Versuch ist gelungen, sonst würde er jetzt nicht noch leben. Aber wenn er wieder ein neues Experiment gewagt hat, scheint es nicht gelungen zu sein, denn jetzt schwebt er in Lebensgefahr.«

»Ich könnte mir auch kaum vorstellen, dass er ein Experiment in einer Pension macht«, sagte Fee nachdenklich. »Oder war es gar ein Selbstmordversuch? Sein Bruder, daran erinnere ich mich auch, ist durch Selbstmord aus dem Leben geschieden.«

»Was du für ein Gedächtnis hast. Es ist mir direkt unheimlich«, sagte Daniel.

*

André Clermont hatte die ersten beiden Penicillin-Injektionen schon bekommen. Das Fieber war zwar nur leicht gesunken, aber auf Jennys Zureden hatte sich Dr. Behnisch doch entschlossen, die so schlecht verheilte Wunde an der Hand zu öffnen und auf einen Fäulnisherd zu untersuchen. Das war wohl das Beste, was sie tun konnten, und auch das Beste für André Clermont, denn ihnen bot sich ein schrecklicher Anblick. Eiter quoll hervor, der ekelerregend gefärbt war.

Jenny sah in das fahle Gesicht des Patienten. Ein schmales, intelligentes Gesicht romanischen Charakters. Eine hohe Stirn, schmale, leicht gebogene Nase, dichte schwarze Augenbrauen und dichte, für einen Mann sehr lange Wimpern.

»Haben wir eigentlich die Personalien?«, fragte Jenny. »Man müsste etwaige Angehörige auf jeden Fall verständigen.«

»Sein Name ist André Clermont. Mehr weiß ich auch noch nicht«, erwiderte Dr. Behnsich.

»Clermont? Kommt mir irgendwie bekannt vor. Ist er Franzose?«, fragte Jenny.

»Keine Ahnung, er hat noch nicht mit uns gesprochen, Frau Doktor«, entgegnete Dr. Behnisch mit einem flüchtigen Lächeln.

»So bald wird er auch nicht mit uns reden«, sagte sie gedankenvoll. »Wir müssen uns erkundigen.«

»Daniel weiß sicher mehr«, sagte Dr. Behnisch vor sich hin. »Ich rufe ihn dann an.«

Das geschah eine halbe Stunde später. Dr. Norden war von seinen Besuchen noch nicht zurück. Fee nahm den Anruf entgegen. Sie war mit Dieter Behnisch schon per Du. Er war auch Gast auf ihrer Hochzeit gewesen, denn das hatte er sich nicht entgehen lassen wollen, dass sein Freund Daniel, den er für einen genauso eingefleischten Junggesellen gehalten hatte, wie er selbst einer war, seine Freiheit aufgab. Allerdings musste er zugeben, dass man für eine so bezaubernde Frau seine Freiheit gern aufgeben könnte.

Fee sagte ihm, dass sie überlege, ob es sich bei dem Patienten um den Biologen Dr. Clermont handeln könne, und versprach, sich mit Frau von Rosen in Verbindung zu setzen, um mehr zu erfahren.

Das tat sie dann auch gleich und bekam zur Antwort, dass er sich zwar als Dr. Clermont eingetragen hätte, aber man sonst auch nichts wisse. Eben wäre allerdings ein Herr gekommen, der Dr. Clermont besuchen wolle.

»Schicken Sie ihn bitte zuerst zu uns in die Praxis, Frau von Rosen«, sagte Fee, um im Nachhinein zu überlegen, warum sie darum gebeten habe.

Ich bin ja neugierig, ging es ihr durch den Sinn, doch bald wurde sie wieder abgelenkt. Patienten riefen sie an, baten um einen Termin oder um einen Besuch.

Dann kamen auch schon ein paar ganz Pünktliche, obgleich die Nachmittagssprechstunde erst um vier Uhr begann. Daniel rief an und fragte, ob etwas Besonderes vorläge. Aber sie ahnte, dass er nur Sehnsucht nach ihrer Stimme hatte. Das kannte sie ja schon. Dennoch sagte sie ihm, dass es wohl gut wäre, wenn er schnell bei der Behnisch-Klinik vorbeifahren würde.

Und gleich darauf erschien Leopold Steiger, der sich als Freund von Dr. Clermont vorstellte.

Er machte einen ausgesprochen sympathischen Eindruck, war mittelgroß, untersetzt und hatte humorvolle Augen, die Fee sofort gefielen. Allerdings nahmen diese einen ernsten Ausdruck an, als sie ihm sagte, dass Dr. Clermonts Zustand bedenklich sei.

»Ich dachte, Frau von Rosen übertreibe mit ihrer Besorgnis«, sagte er. »André ist nicht so schnell umzubringen.«

»Er soll auch nicht umgebracht, sondern gerettet werden«, erklärte Fee. »Verzeihen Sie meine Wissbegierde, Herr Steiger, aber handelt es sich bei dem Patienten um den Biologen Dr. Clermont?«

»Sie kennen ihn?«, fragte Leopold Steiger überrascht.

»Seinen Namen. Ich habe in einigen Fachzeitschriften Abhandlungen über ihn gelesen.«

»Die stammen von mir, aber André hat es nicht gern, wenn man darüber spricht. Unsere Freundschaft wäre fast darüber in die Brüche gegangen, aber es ist meine Meinung, dass alles, was der Menschheit dient, nicht im Verborgenen blühen soll.«

»Das ist auch meine Meinung. Besteht Grund zu der Annahme, dass er wieder ein Experiment an sich vorgenommen hat? Es ist eine Frage, die Sie natürlich nicht beantworten müssen.«

»Das kann ich mir nicht vorstellen. Es muss ein unglückseliger Zufall sein. André hätte niemals andere in Schwierigkeiten gebracht, wenn er experimentiert.«

»Jedenfalls ist sein Zustand ernst. Ich habe es eben aus der Klinik erfahren, aber es ist wohl doch besser, wenn Sie sich direkt mit Dr. Behnisch in Verbindung setzen.«

Leopold Steiger sah sie nachdenklich an. »Nahe Verwandte hat mein Freund André nicht mehr. Sein Bruder starb vor drei Jahren, seine Mutter vor einem Jahr.«

»Sein Bruder war Chemiker und beging Selbstmord«, sagte Fee sinnend.

»Ja, er beging Selbstmord. Er hatte seine Gründe dafür«, erklärte Leopold Steiger nun kühl.

»Verzeihen Sie mir, wenn ich aufdringlich erscheine«, sagte Fee.

»Nein, so fass ich das nicht auf. Ich glaube, dass ich ein ganz guter Menschenkenner bin. Sie sind an André Clermont, dem Forscher, interessiert.«

»So ist es. Es mag wohl nicht jedem begreiflich sein, aber ich finde es fantastisch, wenn ein Mensch sein eigenes Leben einsetzt, um das Leben anderer zu retten.«

»André bedeutet sein eigenes Leben nichts mehr, das ist das Traurige«, sagte Leopold Steiger leise. »Aber nun glauben Sie bitte nicht, dass er es auch wegwerfen würde. Was ist eigentlich los mit ihm?«

»Das wird Ihnen Herr Dr. Behnisch sagen. Wenn er Sie fragen sollte, warum ich mit Ihnen gesprochen habe, dann erwidern Sie ihm ruhig, dass ich es selber nicht weiß.«

Auf Leopold Steigers sehr ernst gewordenem Gesicht erschien ein flüchtiges Lächeln.

»Ich freue mich jedenfalls, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben«, sagte er, und auch er küsste ihr zum Abschied die Hand.

*

Dr. Norden hatte nicht viel in Erfahrung bringen können und auch nicht mehr erfahren, als Dr. Behnisch im Augenblick sagen konnte.

Der hatte sich in den höchsten Tönen über Jenny Lenz ausgelassen und sich bei Daniel bedankt, dass er durch ihn zu einer so überaus tüchtigen Assistentin gekommen war.

Daniel fuhr in die Praxis. Dr. Behnisch lernte Leopold Steiger kennen, der anscheinend der einzige Mensch war, der Dr. Clermont freundschaftlich verbunden war. So jedenfalls sah es während der nächsten Tage aus.

Doch während das Leben des Patienten noch immer in Gefahr war und Fee sich bemühte, so viel wie nur möglich über diesen Dr. Clermont in Erfahrung zu bringen, sollte sie am dritten Tage eine Überraschung erleben.

Der Tag hatte schon turbulent begonnen, dann gegen halb fünf Uhr morgens war Daniel zu einem Patienten gerufen worden, der einen schweren Herzanfall hatte. Natürlich war Fee auch aufgewacht, als das Telefon läutete, und sie hatte nicht mehr einschlafen können.

Fees Gedanken wanderten zu ihrem Schwiegervater, der nicht mehr erlebt hatte, dass sein größter Wunsch in Erfüllung ging und die Insel der Hoffnung zu einem wahren Paradies geworden war, aber vielleicht wäre es ein noch größeres Glück für ihn gewesen, dass sie und Daniel sich gefunden hatten.

Geliebt hatte sie ihn immer, nur hatte sie gemeint, dass es eine unerfüllbare Liebe bleiben würde.

Mein Gott, war ich dumm, dachte sie. Wir könnten längst verheiratet sein und Kinder haben. Aber auf ein Kind brauchten sie nicht mehr lange zu warten!

Als sie daran dachte, flog ein heller Schein über Fees Gesicht. Sie konnte den Tag kaum noch erwarten, bis sich das Kind in ihrem Leib regte, bis sie wirklich an das Wunder glauben konnte.

Wie würde sie dieses Kind lieben! Daniels Kind. Mit aller Zärtlichkeit wollte sie es einhüllen, bevor es noch seinen ersten Schrei tat.