Drachen des Verrats - Margaret Weis - E-Book

Drachen des Verrats E-Book

Margaret Weis

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Beschreibung

40 Jahre Drachenlanze: Feiern Sie eine der besten Fantasy-Sagas aller Zeiten mit einem brandneuen Roman!

Die Drachenlanze-Romane gehören zu den größten Klassikern der Fantasy-Literatur. Hunderttausende Fans verschlangen die Abenteuer ihrer geliebten Heldinnen und Helden allein im deutschsprachigen Raum. Jetzt erscheint eine brandneue Saga erstmals auf Deutsch: Während der Drachenkriege starb Destina Rosendorns Vater. Doch sie sieht noch immer eine Möglichkeit, ihn zu retten. Mit Hilfe zweier Artefakte reist sie in die Vergangenheit, um das Schicksal zu ändern. Auf ihrer Suche trifft sie auf Magier, Götter, Drachen – und auf die legendären Helden der Drachenlanze. 


Die Drachenlanze-Saga ist zeitloser Fantasy-Kult: Lesen Sie, wie alles in der »Chronik der Drachenlanze« begann:
1. Drachen des Zwielichts
2. Drachen der Nacht
3. Drachen der Dämmerung

Alle Bände der Trilogie »Das Schicksal der Drachenlanze«:
1. Drachen des Verrats
2. Drachen der Vorsehung
3. In Planung

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 637

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Buch

Die Drachenlanze-Romane gehören zu den größten Klassikern der Fantasy-Literatur. Hunderttausende Fans verschlangen die Abenteuer ihrer geliebten Heldinnen und Helden allein im deutschsprachigen Raum. Jetzt erscheint eine brandneue Saga erstmals auf Deutsch: Während der Drachenkriege starb Destina Rosendorns Vater. Doch sie sieht noch immer eine Möglichkeit, ihn zu retten. Mithilfe zweier Artefakte reist sie in die Vergangenheit, um das Schicksal zu ändern. Auf ihrer Suche trifft sie auf Magier, Götter, Drachen – und auf die legendären Helden der Drachenlanze.

Autoren

Margaret Weis und Tracy Hickman gehören zu den beliebtesten und meistgelesenen Fantasy-Autoren der Welt, seit sie Mitte der 80er-Jahre mit der unvergessenen Chronik der Drachenlanze den Grundstein der vielschichtigen und noch immer wachsenden Drachenlanze-Saga gelegt haben. Zwar haben sie sich gelegentlich – teils gemeinsam, teils allein – auch anderen Projekten zugewandt, doch sie sind immer wieder gerne ins Reich der Drachenlanze zurückgekehrt wie mit der neuen Trilogie »Das Schicksal der Drachenlanze«.

Von Margaret Weis & Tracy Hickman bei Blanvalet:

Erstmals auf Deutsch! Das Schicksal der Drachenlanze:

Drachen des Verrats

Drachen der Vorsehung

Endlich wieder lieferbar! Die Chronik der Drachenlanze:

Drachen des Zwielichts

Drachen der Nacht

Drachen der Dämmerung

MARGARET WEIS & TRACY HICKMAN

DRACHEN desVERRATS

DAS SCHICKSAL DER DRACHENLANZE 1

Deutsch von Michelle Gyo

Die Originalausgabe erschien 2021 unter dem Titel »Dragons of Deceit (Dragonlance Destinies, Vol.1)« bei Del Rey, New York.Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Wizards of the Coast, Dungeons & Dragons, D&D, their respective logos, Dragonlance, and the dragon ampersand are registered trademarks of Wizards of the Coast LLC in the U.S.A. and other countries. © 1984, 2024 Wizards of the Coast LLC. All rights reserved. Licensed by Hasbro.

All characters in this book are fictitious. Any resemblance to actual persons, living or dead, is purely coincidental. All Wizards of the Coast characters, character names, and the distinctive likenesses thereof, and all other Wizards trademarks are property of Wizards of the Coast LLC.

Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2024 by Blanvalet in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

Redaktion: Kerstin Fricke

Umschlaggestaltung: Isabelle Hirtz, Inkcraft, nach einer Originalvorlage von Penguin Random House US

Umschlagdesign: David G. Stevenson

Umschlagillustration: Philipp Urlich

HK · Herstellung: fe

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-26052-1V001

www.blanvalet.de

Für David, Josiah und Matt von Herzen und mit aufrichtigem Dank!

Der Ruf des Flusses

Von Michael Williams

Weil ein Name Schicksal ist

Die Seele angetrieben

Durch den Imperativ der Sprache

Durch die blinde Richtung des Herzens

Und weil das Flussufer

An dem wir stehen, halb Zeuge

Und halb Teil des Stroms

Ist und nicht die Flutwelle selbst

Es gibt diese Leerstelle

Die wir mit Vorstellungskraft füllen

Die Ahnung von Vorfahren

Von Heimat und von Heranwachsen

Diese Kluft zwischen Traum

Und dem, was wir niemals sein werden

Überbrückt von Gottes Finger

In Gestalt von Stern und Jahreszeit

Bis wir irgendwann sagen können, siehe da

Dort draußen im Strom, wo die Dunkelheit

Die Wasseroberfläche aufbricht und kräuselt

Und was wir geschaffen, uns erschafft

Und wo die Wasservögel

Ihre Flügel aufstellen und das Wasser zerteilen

Und für einen Moment bedeutet die Strömung beinahe

Was wir sein sollen.

PROLOG

Schloss Rosendorn stand auf einem Felsturm, der über dem fruchtbaren Tal aufragte, durch das der Vingaard floss. Das Schloss war sehr alt, ging zurück auf die Zeit vor dem Kataklysmus und war nach dem Vorbild anderer solamnischer Festungen der Epoche errichtet worden, wenn auch von bescheidenerem Ausmaß. Schloss Rosendorn unterschied sich jedoch dank seiner einmaligen Lage und seines einfallsreichen Entwurfs sehr von jeder anderen Festung. Dem Schloss sei eine fast magische Schönheit zu eigen, so sagte man.

Wenig ist über den Architekten bekannt, denn sein Name verlor sich in der Zeit. Vielleicht war er es leid gewesen, Pläne für praktische Festungen zu zeichnen, oder vielleicht hatten auch der Name »Rosendorn« und die aparte Lage auf dem Felsenturm seine Vorstellungskraft angefacht.

Die sechs Seiten der äußeren Ringmauer hatte er um die herausragende Steinformation des Felsens geplant und ihren Umriss zu ästhetischem und praktischem Nutzen herangezogen. Jede der sechs Zinnenspitzen besaß einen Wall, der aus der Ringmauer herausragte, die man die »Dornen« nannte. Der Bergfried, der aus den dornbewehrten Mauern wuchs, stellte die »Rose« dar.

Arbeiter hatten Jahre damit zugebracht, den Graben, der das Schloss umgab, aus dem massiven Stein auszuheben. Das Schloss war nur über einen Damm und eine Zugbrücke erreichbar, was Eindringlinge davon abhielt, sich darunter hindurchzugraben. Einlasssuchende mussten auf dem Weg zum Schloss zwei Tore passieren und dann einer schmalen Pflasterstraße folgen. Das untere Tor schützte ein eisernes Fallgatter, das Zugang zu der schmalen Pflasterstraße gewährte, die zwischen der Klippenwand auf der rechten und der Innenseite der Ringmauer auf der linken entlangführte.

Die als »Dornenrinne« bekannte Straße wand sich zwischen Felsen auf der einen Seite und der Verteidigungsbrustwehr auf der anderen entlang aufwärts. Ein rasch fließender Strom floss durch einen tiefen Kanal hinab, der in die Mitte der Pflastersteine eingelassen war.

Die obere Pforte, die die »Rose« schützte, befand sich fast am höchsten Ende der gekrümmten Dornenrinne. Ein Wasserfall flankierte die Pforte und speiste den Fluss. Nachdem man das Tor durchschritten hatte, führte die schmale Pflasterstraße auf einen weitläufigen Burghof, der den Burgfried umgab.

Der Burgfried selbst bestand aus einem Hauptgebäude und zwei runden Türmen: dem Wachtturm und dem Rosenturm. Der Wachtturm war gedrungen und breit und besaß keine Fenster. Eine Wendeltreppe an der Außenmauer führte hinauf zu einem knospenförmigen Haubendach. Der Rosenturm war schmaler und verjüngte sich zur Spitze hin. Über eine innenliegende Wendeltreppe gelangte man zu einem schmalen Balkon, der die Basis des kunstvollen Turmhelms umgab und so erbaut worden war, dass er aussah wie eine frisch aufgeblühte Rose.

Fürst Gregor Rosendorn war bei Tagesanbruch die Treppe des Rosenturms hinaufgestiegen, wie er es oft tat. Er sah gern hinaus auf den Fluss, der tief unten im Sonnenschein glitzerte, und auf die Felder mit goldenem Weizen, Gerste, Bohnen und Hafer sowie das üppige Weideland. Schafe tupften die grasbewachsenen Hügel. Das Vieh weidete. In der Ferne stieg der Rauch der Kochfeuer vom Dorf Eisenwald auf.

Der Fluss mäanderte zwischen den niedrigen Hügeln und den flachen Tälern dahin und verschwand in den dichten Wäldern, wo sich das Laub durch den herannahenden Herbst langsam zu verfärben begann. Die orangefarbenen Blätter des Ahorns präsentierten stolz ihre Pracht unter dem dunklen Blaugrün der Tannen und dem üppigen Grün der Eichen. Bald begann die Ernte. Sie würde gut ausfallen in diesem Jahr.

Gregor stützte sich auf das Geländer und blickte hinaus über die Felder, die der Vingaard zur jährlichen Eisschmelze überschwemmte und so die Erde für die Saat fruchtbar machte. Er sah nach Norden zum Habakkuk-Gebirge und dem berühmten Westtorpass: der einzige Pass über die Berge zur Stadt Palanthas.

Der Pass wurde von einer Feste bewacht, die man den Turm des Oberklerikers nannte. Die Festung hatte der Begründer Solamnias und der Ritterschaft errichtet – Vinas Solamnus –, und sie schützte den Pass seit Jahrhunderten. Vor über dreihundert Jahren war sie jedoch infolge des Kataklysmus, des Weggangs der Götter und des Todes des letzten Oberklerikers verlassen worden.

Niemand hatte den Platz des Klerikers einnehmen wollen, denn die Solamnier wollten keine Götter verehren, die sie in der Stunde ihrer größten Not allein gelassen hatten.

Gregor blickte nach Osten zu den Dargaard-Bergen. An klaren Tagen wie heute konnte er die Spitzen des Schlosses sehen, die schon mit Schnee bedeckt waren.

Der Anblick eines heftigen Sturms, der sich im Osten zusammenbraute, fesselte ihn. Dunkle, stürmische Wolken brodelten am Himmel über den Bergen. Blitze flackerten dazwischen, ließen die Wolken in grausig lila Schönheit aufleuchten. Die Morgensonne stieg auf über den Gipfeln und ergoss sich über das Land Solamnia, widersetzte sich der drohenden Dunkelheit.

Sturm aus Ost kam nicht oft von den Bergen herab nach Solamnia, doch jetzt verdunkelten sich die Wolken. Gewaltig, schwarz und von Blitzen durchzogen türmten sie sich hoch am Himmel auf. Gregor spürte, wie der kühle Ostwind sein Haar zerzauste. Es roch nach Regen, und er hörte jetzt das ferne Grollen des Donners.

Gregor erschauderte und das nicht nur wegen des Windes. Eine bange Vorahnung überkam ihn. Er schüttelte den Kopf, spottete über sich selbst. Er war ein Ritter Solamnias, kein Kind, das sich von knisternden Blitzen und rollendem Donner Angst einjagen ließ. Und doch konnte er das Gefühl nicht bannen. Er beobachtete den herannahenden Sturm und sah in seinem Geist dunkle Armeen, die unbehelligt über das Land herankamen.

Er konnte nicht zu den Göttern beten, dass sie sein Land beschützten, so wie es die Ritter längst vergangener Tage getan hatten, denn heute gab es keine Götter mehr, die antworteten. Und doch wartete er auf ein Zeichen, das ihm Hoffnung schenken würde. Er wartete, dass die Sonne heller und stärker würde und die Dunkelheit verbannte.

Die Wolken ballten sich, drängten um die Berggipfel herab und verschlangen die Sonne. Die Dämmerung erstarb, beiseitegeschoben von einer vermeintlich neuen Nacht.

Gregor trotzte dem Sturm und blieb auf der Befestigungsanlage, nährte seine Hoffnung, bis ein Blitz so nah bei ihm einschlug, dass er das Knistern hörte und den Schwefel roch. Der Donner ließ die Schlossmauern erbeben, und der Regen prasselte auf seinen Kopf herab, durchweichte ihn bis auf die Haut.

Endlich doch vom Wall herabgetrieben, stieg er langsam die Turmstufen hinab und versuchte, das bange Gefühl von seinem Herzen zu schütteln, wie er sich zugleich das Wasser aus dem langen Haar schüttelte, denn heute war der Lebenstag seiner geliebten Tochter.

Gregor war entschlossen, nur an sie zu denken.

»Die dunklen Wolken vergehen«, sagte er zu sich. »Stürme, die früh am Morgen beginnen, halten selten bis Mittag an. An ihrem besonderen Tag wird die Sonne scheinen.«

Aber als er an einem Turmfenster stehen blieb und gen Osten blickte, sah er nur Dunkelheit.

ERSTES BUCH

KAPITEL EINS

Destina Rosendorn war ein Kind des Schicksals.

Sie war geboren im Jahr 337 AC und erhielt ihren Namen, nachdem ihre Mutter Atieno die Omen gelesen und ihrem Vater, dem Ritter der Krone Gregor Rosendorn, mitgeteilt hatte, dass sein Kind das Schicksal von Nationen prägen werde.

Gregor war dem Maßstab treu ergeben, so wie alle wahren Ritter von Solamnia, und er glaubte nicht an Omen, denn sie unterstellten, dass der Mensch keine Kontrolle über sein Schicksal hätte. Da sein Sohn der Nachkomme eines wohlhabenden und einflussreichen Ritters der Krone sein würde, brauchte Gregor kein Omen, um seine Zukunft vorauszusagen. Er wählte den Namen Destin, was »Destination« oder »Schicksal« bedeutete, und schenkte Atieno zur Feier des Tages ein Paar goldene Ohrringe, die wie Kronen geformt waren.

Verständlicherweise überraschte es Gregor also, als das Kind, das das Schicksal von Nationen prägen sollte, sich als Mädchen erwies.

Die Omen hatten Atieno gezeigt, dass sie eine Tochter gebären würde, aber das hatte sie ihrem Ehemann nicht erzählt. Bei ihrem Volk wurden Mädchen zu Kriegerinnen erzogen, die Seite an Seite mit den Männern kämpften, denn ihr Stamm war klein, und wurde er angegriffen, mussten alle gemeinsam zu seiner Verteidigung antreten. Doch ihr Ehemann war Solamnier, und während die Frauen hier zwar dazu ausgebildet wurden, das Heim zu verteidigen, konnten sie ohne besonderen Erlass nicht zum Ritter werden oder Besitz erben. Atieno liebte ihren Ehemann von ganzem Herzen. Sie hätte alles getan, um ihm Freude zu bereiten, ausgenommen die eine Sache, über die sie keine Kontrolle hatte: Sie hatte ihm keinen Sohn schenken können, der den Familiennamen und die Traditionen fortführte.

Atieno hätte sich jedoch keine Sorgen machen müssen. Gregor liebte seine Tochter vom Augenblick ihres ersten Atemzugs an und beschloss, sie Destina zu nennen, denn wie er sagte: »Sie ist zur Rettung ihres Vaters bestimmt.«

Er meinte damit nichts anderes, als dass eine Tochter, anders als ein Sohn, da sein würde, um ihn zu trösten und sich um ihn zu kümmern, wenn sein Haar grau wurde und sein Sehvermögen nachließ. Damit neckte er Destina oft. Sie jedoch würde heranwachsen und diese Worte anders verstehen, und sie würden sie verfolgen.

Gregor rechnete damit, noch Söhne zu bekommen, die den Familiennamen tragen, Schloss Rosendorn erben und den Stamm der Rosendorns fortführen könnten, aber so war es nicht. Das nächste Kind war ein Junge, der bei der Geburt starb, und danach bekamen sie keine Kinder mehr. Doch falls Gregor enttäuscht war, so zeigte er das seiner Tochter nie.

Wie bei vielen Rittern von Solamnia üblich, erzog Gregor seine Tochter, wie er seinen Sohn erzogen hätte, denn die solamnische Geschichte war voll mit Erzählungen von beherzten Frauen, die den Burgfried hielten, nachdem ihre Mannsleute gefallen waren. Er lehrte Destina reiten und jagen und mit Schwert und Schild zu kämpfen. Solange sie klein war, setzte er sie vor sich auf sein Pferd und nahm sie mit. Er unterrichtete sie, lehrte sie das Lesen und Schreiben und Rechnen. Er erzählte ihr die Legenden aller großen Ritter von früher. Am liebsten mochte Destina die Legende von Huma Drachentöter.

Oft stellte sie sich vor, dass sie der berühmte Ritter wäre, und belebte ihr Schwerttraining, indem sie im Geiste mythische Drachen mit berühmten Drachenlanzen bekämpfte, geschmiedet aus magischem Drachenmetall und einst Huma geschenkt, als er auf seinem Drachen gegen die Königin der Finsternis in den Kampf zog. Destinas Drachenlanze war ein Besenstiel, und ihr kleines Pony spielte die Rolle des Drachen. Sich betrachtete sie als Humas Knappe, der heroisch an seiner Seite kämpfte, während all die anderen Feiglinge ihn verlassen hatten.

Destina war am Boden zerstört, als sie im Alter von acht Jahren erfuhr, dass der Maßstab Frauen nicht gestattete, Ritter zu werden. Bei ihrem Vater schimpfte sie über dieses Verbot.

»Warum dürfen Frauen keine Ritter werden, Papa? Das ist ungerecht! Ich kann schneller laufen und besser reiten als jeder Junge. Und kämpfen kann ich auch! Wenn wir Ritter und Goblins spielen, schlage ich Berthel immer.«

»Und seine Eltern waren nicht allzu erfreut, als du ihm eine blutige Nase und eine aufgeplatzte Lippe verpasst hast«, sagte Gregor lächelnd. »Ich bin in dieser Sache nicht unbedingt einer Meinung mit dem Maßstab. Deine Mutter ist eine sehr fähige Kriegerin und könnte vermutlich jeden Ritter auf dem Feld schlagen.«

»Der Maßstab irrt sich, Papa«, sagte Destina. »Wenn ich groß bin, werde ich ihn ändern.«

»Das hoffe ich«, sagte Gregor. »Aber du wirst andere Aufgaben haben, die sehr viel wichtiger sind, als ein Ritter zu werden.«

»Welche denn, Papa?«, fragte Destina.

»Du wirst die Herrin von Schloss Rosendorn«, antwortete ihr Vater.

Destina hatte nie groß darüber nachgedacht, das Vermächtnis ihres Vaters zu übernehmen, bis ihr Vater diese Worte ausgesprochen und sie den Stolz in seiner Stimme gehört hatte. Von diesem Augenblick an änderten sich ihre Pläne und Träume. Sie würde die Herrin von Schloss Rosendorn und im ganzen Land verehrt und bekannt werden.

Doch Pläne ändern sich, und Träume sterben, wenn sie auf die harsche Realität prallen.

Atieno sah den Niedergang schon in den Omen, erzählte ihrem Ehemann aber nichts. Er kann nichts tun, sagte sie sich. Und es wird ihm nur Sorgen bereiten.

Hätte Gregor Rosendorn an die Götter geglaubt, so hätte er vielleicht gesagt, sie hätten sich gegen Solamnia gewandt. Dürre vernichtete die Ernte eines Jahres. Überschwemmungen zerstörten die Pflanzen in den nächsten beiden Jahren und töteten unzählige Menschen. Seit dem Kataklysmus hatte das Land keine so harten Zeiten mehr durchlebt.

Gregor trug die Verantwortung für seine Pächter. Er erließ ihnen die Pacht, die sie nicht bezahlen konnten, und stellte sicher, dass sie Nahrung und Obdach hatten. Aber einige starben, und andere gaben auf und gingen. Innerhalb von drei Jahren verlor Gregor Rosendorn einen großen Teil seines Vermögens, und ihm blieb nur genug, um seine Familie zu versorgen und Schloss Rosendorn zu unterhalten, das bei der Verteidigung von Solamnia eine wichtige Rolle spielte.

Die Pläne zur Erweiterung des Schlosses sowie die erforderlichen und aufwendigen Reparaturen musste er aufgeben. Die Zahl der Dienerschaft und der Waffenknechte musste er verringern. Doch er achtete darauf, Geld für die Mitgift seiner Tochter beiseitezulegen. Destina war die Freude seines Lebens, und er war entschlossen, sie gut zu verheiraten.

Im Alter von fünfzehn Jahren genoss Destina den Ruf, die schönste junge Frau in der ganzen Provinz Vingaard zu sein. Sie hatte die ergodische Schönheit ihrer Mutter geerbt, und in einem Land mit blassen, bleichen, blauäugigen Menschen fiel Destina mit ihrer fast wie poliert wirkenden braunen Haut, dem schwarzen Haar, den schwarzen Augen und den flammenbestäubten Wangen auf.

Destina schätzte ihr Aussehen gering. Der Maßstab besagte, wahre Schönheit liege im Geiste, nicht im Gesicht. Sie war stolz darauf, intelligent, entschlossen, mutig und entscheidungsfreudig zu sein. Sie wusste von den finanziellen Problemen ihres Vaters, und diese bereiteten ihr Kummer, denn sie sah, welchen Tribut diese Schwierigkeiten von ihm forderten. Er verbrachte Stunden in seiner Bibliothek, las nicht in den Büchern, die er so liebte, sondern war über Geschäftsbücher gebeugt oder beriet sich mit seinem Sachverwalter.

Destina war entschlossen, ihm seine Last zu erleichtern. Denn als zukünftige Herrin von Schloss Rosendorn fühlte sie sich für das Anwesen verantwortlich. Sie würde Berthel Berthelboch heiraten, ihren Freund aus Kindheitstagen, Sohn des wohlhabendsten Händlers der Provinz Vingaard. Und sie würde das Vermächtnis von Rosendorn wiederherstellen.

Berthel war sechzehn, ansehnlich, reich und in Destina verliebt. Sie war ein Jahr jünger, und die beiden hatten seit ihrer Kindheit miteinander gespielt, denn seine Eltern waren darauf bedacht, ihre Beziehung zur Familie Rosendorn zu fördern. Berthels Vater war Bürgermeister der Stadt Eisenwald und hoffte, durch den Bund mit einer Familie von edler Geburt seine gesellschaftliche Stellung aufzuwerten.

Erst gestern hatten die Berthelbochs Gregor einen Heiratsantrag unterbreitet, am Tag vor der Feier zu Destinas Lebenstag. Destina wusste von dem Antrag, denn Berthel hatte ihr davon erzählt. Den ganzen Morgen schon hatte sie darauf gewartet, dass ihr Vater mit ihr darüber sprach.

Destina war in ihrem Schlafgemach und bewunderte das neue Gewand, das sie am Abend beim Festmahl tragen würde. Das Kleid war aus weißem Samt, wie es einer jungen Frau anstand, verziert mit einem karminrot gestickten Rosenmotiv. Das Mieder des Gewands saß eng und umfloss ihre Kurven wie Sahne, lief dann an der Taille spitz zu und ging in einen ausgestellten, langen, fließenden Rock über.

Ein Sturm hatte sie im Morgengrauen geweckt und den ganzen Morgen weitergewütet, Der Hagel prallte gegen die Bleiglasfenster, und Donner grollte. Destina hatte sich nie vor Stürmen gefürchtet und schenkte auch diesem keine große Beachtung, hoffte nur, er würde bald enden und ihre Feier nicht verderben.

Ein Klopfen an ihrer Tür lenkte ihre Aufmerksamkeit von dem Kleid ab.

»Herrin«, sagte eine Dienerin und vollführte einen Knicks. »Euer Vater bittet Euch, zu ihm in die Bibliothek zu kommen.«

Destina strich ihr Kleid glatt und band eine Schleife um ihren langen, dicken Zopf aus schwarzem Haar. Ihrem Vater gefiel es, wenn sie gut aussah, und sie sah gern, wie ein Lächeln seine für gewöhnlich ernste Miene erhellte, wann immer er sie erblickte. Sie rannte die Stufen ihres Erkerturms von ganz oben herab zur Bibliothek im Erdgeschoss.

Gregor bezeichnete die Bibliothek als »die Schatzkammer von Rosendorn«, nicht nur, weil Bücher selten und kostspielig waren, sondern vor allem wegen des Wissens, das sie enthielten.

Die Bibliothek und ihre Sammlung ging zurück auf den ersten Fürsten von Schloss Rosendorn. Über die Jahre hinweg hatten die Herren und Herrinnen ihr immer neue Bücher hinzugefügt. Die Rosendorn-Bibliothek umfasste die siebenunddreißig Bände des Maßstabs – die umfangreichen Folianten mit den Gesetzen, zusammengetragen aus den Schriften des Begründers der Ritter, Vinas Solamnus – und zusätzlich die Bücher, die all das Material kartierten und die Querverweise enthielten, damit die Gelehrten ohne Weiteres bestimmte Referenzen auffinden konnten. Die Bibliothek enthielt außerdem Bücher über die Geschichte von Solamnia: Kopien der Originale, die in der Großen Bibliothek von Palanthas standen.

Gregor studierte selbst die Geschichte. Er pflegte viele glückliche Stunden an seinem Schreibtisch oder vor dem Feuer zu sitzen und ohne Angst vor Unterbrechung zu lesen – denn er erlaubte es der Dienerschaft nicht, die Bibliothek zu putzen, um keine Schäden an seinen Büchern zu riskieren. Das Feuer schürte er selbst, er staubte die Bücher ab und fegte den Boden.

Destina liebte die Bibliothek mit den schweren Eichentischen, den dicken Teppichen und der großen Feuerstelle mit den Kaminböcken in Form von Drachenköpfen. Sie genoss die Stille und die kühle, schattige Dunkelheit, da Gregor die schweren Samtvorhänge vor den Stabkreuzfenstern immer geschlossen hielt, damit das helle Sonnenlicht die Teppiche, Wandbehänge und Buchumschläge nicht ausbleichte.

Als Destina klein war, hatte Gregor gern in seinem Stuhl mit der hohen Lehne am Feuer gesessen und sie auf seinen Schoß genommen, um ihr dann Bücher über Vinas Solamnus und die Rosenrebellion oder über Huma Drachentöter und seinen Kampf gegen die Königin der Finsternis vorzulesen. Manchmal schlief sie in seinen Armen ein, und dann trug er sie zu ihrem Bett und überließ sie dort ihren Träumen von den gerüsteten Rittern auf ihren Drachen, die in den Kampf zogen.

Jetzt waren diese Träume jedoch verschwunden, ersetzt durch andere. Sie würde die Retterin vom Vermächtnis der Rosendorns sein.

Gregor hielt die Tür zur Bibliothek immer geschlossen, um nicht gestört zu werden. Destina klopfte an, dann öffnete sie die Tür. Er las gerade, also trat sie leise auf, um ihn nicht zu stören, und blieb schweigend vor seinem Schreibtisch stehen, bis er fertig war.

Sie war an ihrem besonderen Tag aufgeregt, freute sich darauf, ihr neues Gewand zu tragen, mit den Erwachsenen am Tisch zu sitzen, und sie war neugierig, was für ein wunderbares Geschenk ihr Vater ihr wohl machen würde.

Gregor markierte die Stelle im Buch mit einem Bändchen, klappte es zu und begrüßte sie mit einem Lächeln. Er erhob sich, kam hinter dem Schreibtisch hervor, küsste sie und wünschte ihr Glück an ihrem Lebenstag.

»Dein Haar ist nass, Papa«, schalt Destina. »Warst du draußen im Sturm? Bei der Kälte wirst du dir den Tod holen.«

»Ich erkälte mich nie, Liebes«, sagte Gregor. »Bitte setz dich, Destina. Ich habe eine sehr wichtige Angelegenheit mit dir zu besprechen.«

Destina schob einen der aufwendig geschnitzten Holzstühle mit hoher Lehne hinüber zum Rand des Schreibtischs und setzte sich ihrem Vater gegenüber. Sie faltete die Hände im Schoß und wartete äußerlich gefasst, innerlich jedoch stolz und erfreut, dass ihr Vater mit ihr sprach wie mit einer erwachsenen Frau.

»Berthel Berthelboch hat um deine Hand angehalten, Tochter«, fuhr ihr Vater fort. »Das heißt, sein Vater hat den Antrag vorgebracht, da sein Sohn erst sechzehn ist. Sein Vater führt in seinem Brief aus, dass Berthel dich gebeten hat, ihn zu heiraten, und dass du angenommen hast. Ist das wahr, Destina?«

»Das ist es, Papa«, erwiderte Destina.

Sie lächelte beim Gedanken an Berthels Antrag. Er war so rot geworden und hatte derart gestammelt, dass Destina den feierlichen Augenblick ruiniert, gelacht und im Grunde ihm den Antrag gemacht hatte. Das erwähnte sie ihrem Vater gegenüber natürlich nicht.

Gregor wirkte auch so schon besorgt. »Die Person auszuwählen, mit der du den Rest deines Lebens verbringen wirst, ist die wichtigste Entscheidung, die du je triffst. Das musst du ernsthaft überdenken. Mir ist nichts Nachteiliges über Berthel bekannt, aber er ist dir weder von Geburt noch Bildung ebenbürtig. Er wurde nicht an den Waffen oder im Kampf unterrichtet. Er weiß nichts über den Maßstab oder den Schwur. Er ist unkundig in Geschichte. Er kann kaum lesen und schreiben. Hältst du ihn als Ehemann für dich geeignet, Destina? Liebst du ihn?«

»Berthel ist unterhaltsam und freundlich. Ich kenne ihn seit Jahren. Wir verstehen uns gut, und ich kann nichts daran aussetzen, dass er gern mit seinen Freunden jagen geht«, erwiderte Destina, wich der Frage über die Liebe jedoch aus.

Manche Frauen können sich Liebe nicht leisten, hätte sie zu ihrem Vater sagen können, aber sie wusste, diese Worte würden ihn zutiefst verletzen, also hielt sie sie zurück. Sie dachte praktisch, tat, was nötig war. Dichter machten sowieso zu viel aus der Liebe, fand sie.

Gregor betrachtete sie ernst. »Ich mache mir Gedanken wegen der enormen Kluft zwischen euch beiden, Destina. Der Maßstab besagt: ›Ein verheiratetes Paar soll zusammenstehen wie ein starkes Bollwerk gegen die Welt.‹«

»Und du fürchtest, in Berthels Bollwerk seien Risse«, sagte Destina scherzend.

»Die Ehe ist eine ernsthafte Angelegenheit, Destina.«

»Das weiß ich, Papa«, erwiderte sie. »Wenigstens sieht Berties Mutter die Zukunft nicht in Teetassen voraus.«

In dem Augenblick, in dem Destina die Worte aussprach, wusste sie, dass sie einen Fehler gemacht hatte. Die Augen ihres Vaters wurden schmal.

»Ich hoffe doch, dich nicht respektlos über deine Mutter reden zu hören, insbesondere an dem Tag, an dem sie dir das Leben schenkte!«

»Es tut mir leid, Papa«, murmelte Destina zerknirscht. »Ich liebe und respektiere Mama. Das tue ich wirklich. Aber sie ist so … anders.«

Destina seufzte. Das würde er niemals verstehen.

Sie kannte nicht viele Mädchen in ihrem Alter. Als Tochter des Fürsten von Schloss Rosendorn hatte sie eigene Aufgaben, die sie von ihren Nachbarn fernhielten. Doch wenn sie die Gelegenheit bekam, mit anderen jungen Frauen Zeit zu verbringen, merkte sie immer, dass auch sie ihre Mütter als konstante Quelle der Peinlichkeiten empfanden.

Die adlige Mutter eines Mädchens kochte gern und gesellte sich am Backtag zur Dienerschaft in die Küche, sehr zum Leidwesen ihrer Tochter. Die Mutter eines anderen Mädchens wusch ihre Strümpfe selbst, und wieder eine andere erregte Anstoß bei ihrer Tochter, indem sie zur Erntezeit mit den Arbeitern auf die Felder ging.

Destina meinte, dass sie guten Grund hätte, so betreten zu sein. Immerhin waren andere Mütter von Geburt her Solamnierinnen. Atieno entstammte einem Kriegerstamm in Ergod. Sie sah anders aus, und sie benahm sich anders.

Die solamnische Sprache hatte sie sich selbst beigebracht, und sie las und studierte alle siebenunddreißig Bände des Maßstabs, während sehr wenige Ritter von Solamnia das Gleiche von sich behaupten konnten. Doch sie behielt auch die Sitten ihres Volks bei, braute Tränke, fertigte Amulette und las jedem die Zukunft in Teeblättern, womit sie ihre Tochter beschämte.

»Ich meinte es nicht respektlos Mama gegenüber. Ich habe nicht nachgedacht.«

Er sah weiter ernst drein, und sie wechselte rasch das Thema, kam wieder auf ihre Hochzeit zu sprechen. »Ich weiß, was ich tue, Papa. Wie du sagst, an Berthel ist kein Fehl. Und das Vermögen seiner Familie wird eine willkommene Ergänzung zu unserem sein.«

»Du erwähnst nicht, ihn zu lieben«, sagte Gregor. »Ich möchte nicht, dass du durchs Leben gehst, ohne zu erfahren, wie es ist, jemanden so innig zu lieben wie ich deine Mutter. Du kennst die Geschichte, wie wir uns kennenlernten.«

Destina kannte die Geschichte. Sie hatte sie viele Male gehört, und sie wurde ihrer nie müde. Sie hoffte, ihren Vater aufzumuntern, seine Gedanken vorläufig von Berthel abzuwenden. Gregor gab ihren Wünschen immer nach. Sie brauchte nur ein wenig mehr Zeit.

»Mama war die wunderschönste Frau, die du je gesehen hattest. Du hast ihr das Leben gerettet …«

»Und sie segnete meines«, sagte Gregor. »Ich war siebzehn und auf meiner Ritterfahrt. Ich kam zu einem Kampf zwischen sich bekriegenden Parteien ihres Volks dazu, und da sah ich deine Mutter, die sich daran beteiligte. Ihre stolze Schönheit und ihre Tapferkeit trafen mich ins Herz. Sie rutschte aus und fiel, und einer der Bastarde versuchte, sie davonzuschleppen. Sie wehrte sich, und er versetzte ihr einen brutalen Schlag. Ich war wütend und tötete ihren Angreifer, dann wiegte ich sie in meinen Armen. Sie sah mich an, und obwohl wir die Sprache des anderen nicht beherrschten, so verstanden wir uns in unseren Herzen. Sie nahm mich mit, um mich ihren Eltern vorzustellen, und wir standen zusammen da, Hand in Hand, und machten ihrem Vater klar, dass wir zusammen sein wollten. Er gab uns seine Erlaubnis, und bald danach wurden wir vermählt. An die Hochzeit erinnere ich mich kaum«, gestand Gregor. »Die Tage schienen voll mit Lachen und Liebe. Unsere Reise nach Hause dauerte über einen Monat. Deine Mutter ließ uns erst abreisen, als die Omen besagten, dass die Straße sicher war. Vielleicht hatten sie recht, denn uns begegneten keinerlei Gefahren. Ich lehrte sie meine Sprache, und sie versuchte, mir ihre beizubringen, aber ich habe kein Ohr für Sprachen, und sie lachte über meine ungeschickten Versuche. Stattdessen lehrte sie mich, die Sprache der Natur zu verstehen. Sie brachte mich dazu, den Vogelgesang zu hören und dem Wispern der Bäume zu lauschen. Sie öffnete mir die Augen für die Schönheit der Welt. Ich brachte sie heim und stellte sie stolz meinen Eltern vor. Ich sah, wie ihre Augen schmal wurden, ihre Gesichter kalt und ernst. Ihre Mienen verdüsterten sich vor Missfallen. Wenigstens waren sie höflich genug, nichts zu Atieno zu sagen. Noch heute trage ich die Narben ihrer grausamen Worte in mir. Sie drängten mich, die Ehe zu beenden. Da ich nicht in einer anständigen solamnischen Zeremonie verheiratet worden war, zähle die Ehe nicht. Sie würden Anwälte finden, die das regelten. Ich machte ihnen klar, dass sie meine Ehefrau als geschätztes Mitglied der Familie willkommen heißen müssten, wenn sie ihr erstes Enkelkind in den Armen halten wollten. Sie erlaubten uns, hier mit ihnen zu leben, aber deine Mutter konnten sie nie akzeptieren. Sprach sie darüber, was sie in ihren Omen las, entrüstete sich mein Vater und zitierte die Stellen des Maßstabs, die besagen, dass der Glaube an Omen, Zeichen und Vorboten böse ist, da sie dem Menschen den freien Willen nehmen.«

Gregor lächelte. »Ich erinnere mich, wie er ihr eines Abends beim Essen erzählte, dass der Maßstab besagt, ein Mensch solle seinen Glauben nicht in falsche Götter legen, die uns in einer angenehmen Gestalt erscheinen und uns in den Ruin führen. ›Dann müssen deine eigenen Götter falsch sein‹, sagte Atieno zu ihm. ›Der Maßstab sagt uns, dass die Ritter sich früher einmal auf Gebete an die Götter verließen, um Kranke zu heilen. Heute müsst ihr dazu einen nutzlosen Mann herbeiholen, der behauptet, er hätte das Heilen aus Büchern gelernt. Was wissen Bücher vom Heilen? Was geschah mit den Göttern der Ritter? Wohin gingen sie? Habt ihr sie verlegt? Haben sie euch verlassen?‹ Mein Vater wurde wütend. Sein Gesicht lief rot an. Sein Schnurrbart zitterte so sehr, dass ich dachte, er würde abfallen. Er konnte ihr nicht antworten und stampfte aus dem Zimmer.«

Gregor strich seinen langen Schnurrbart glatt – das Merkmal der Ritter von Solamnia seit Vinus Solamnus. Viele Ritter waren heute glatt rasiert, sagten, die langen, herabhängenden Schnurrbärte wären außer Mode, aber Gregor trug seinen mit Stolz.

»Was denkst du, warum die Götter uns verlassen haben, Papa?«, fragte Destina.

Sie liebte diese Gespräche mit ihrem Vater, denn sie hatte dann das Gefühl, er teilte seine Gedanken mit ihr wie mit einer Erwachsenen. Sie liebte es, mit ihm in der Bibliothek zu sitzen, abgeschieden vom Rest der Welt, und über gelehrte Themen zu sprechen. Die Heirat vergaß sie über ihrer Freude, bei ihm zu sein.

»Deine Mutter und ich haben über diese Frage viele Male gesprochen«, erwiderte Gregor. »Sie glaubt nicht, dass die Götter uns verlassen haben, sondern dass sie noch hier sind für die, die sie aufsuchen. Ich denke, die Götter haben uns verlassen, weil sie uns prüfen, so wie wir junge Knappen prüfen, um sicherzugehen, dass sie bereit sind für den Mantel der Ritterschaft.«

»Da stimme ich dir zu, Papa«, sagte Destina. »Mama spricht von einem Gott, der in den Wäldern lebt, oder etwas in der Art. Aber ich bin kein Kind mehr, das an so etwas glaubt.«

»Und was denkt Berthel über Glauben und Religion, Destina? Hast du diese wichtigen Themen mit ihm besprochen?«, fragte Gregor sanft.

Destina biss sich auf die Lippen. Jetzt erkannte sie die Falle, die ihr Vater ihr gestellt hatte, aber nur, weil sie darin gefangen saß. Eine pflichtbewusste Tochter hätte den Mund gehalten und unterwürfig zugestimmt, dass ihr Vater es am besten wüsste, und sie hätte sich an sein Urteil gehalten. Doch ein wütender Sturm, wie der Sturm vom Morgen, tobte in Destina und brach aus, bevor sie es verhindern konnte.

»Was sollte ich denn tun, Papa?«, rief sie. »Ich bin eine Frau. Ich kann nicht auf Ritterfahrten gehen und mein Glück suchen! Wir Frauen müssen unser Glück finden, so gut es eben geht, auskommen mit dem, was wir haben. Und Berthel ist, was ich habe. Er ist alles, was ich habe. Sieh der Tatsache ins Auge, Papa. Geeignete junge Männer von edlem Blut treten nicht gerade die Schlossmauern ein, damit sie um meine Hand anhalten können!«

Destina schluckte. Gregor sagte nichts, und Destina wagte es kaum, ihn anzusehen, fürchtete, er wäre so wütend, dass er nicht sprechen könnte. Als sie endlich den Blick hob, merkte sie, wie er sie voll Sorge betrachtete.

»Vergib mir, Destina«, sagte er. »Ich habe dich enttäuscht. Ich lasse den Ehevertrag von meinem Anwalt aufsetzen.«

»Berthel und ich kommen gut miteinander aus«, beharrte Destina in dem Bemühen, ihn zu besänftigen. »Ich werde zufrieden sein.«

Er nickte abwesend. »Du musst mir ein Versprechen geben. Laut Gesetz steht es dir frei zu heiraten, wenn du achtzehn bist, aber das Gesetz erlaubt es weder Mann noch Frau, Eigentum zu erben, bis sie mit einundzwanzig volljährig sind. Versprich mir, dass du und Berthel wartet, bis du einundzwanzig bist.«

»Das verspreche ich, Papa«, sagte Destina. »Aber warum?«

»Ich könnte jetzt behaupten, die zusätzlichen Jahre geben Berthel Zeit, zu einem besseren Mann heranzuwachsen«, antwortete Gregor trocken. »Doch tatsächlich will ich deine Zukunft absichern, denn du musst volljährig sein, um Verträge zu unterzeichnen und andere geschäftliche Angelegenheiten zu regeln. Da Berthel ein Jahr älter ist, könnte er als dein Ehemann diese Entscheidungen treffen und du hättest nichts zu sagen.«

»Ich verstehe. Und wie willst du meine Zukunft absichern, Papa?«, fragte Destina.

»Alles zu seiner Zeit, Destina«, erwiderte ihr Vater lächelnd. »Wie sehen deine Pläne für die Zeit nach deiner Heirat aus?«

Destina hatte vor, das Vermögen ihres zukünftigen Ehemanns für den Ausbau und die Reparaturen an Schloss Rosendorn zu verwenden, aber sie wusste, es würde ihren Vater aufregen, wenn sie das erwähnte. »Wir werden hier bei dir und Mama leben. Berthel wird nach Eisenwald reiten und dort für seine Eltern arbeiten, und ich werde mich weiter um meine Pflichten kümmern und die Aufgaben als Lehnsherrin des Anwesens erlernen. Du hast versprochen, mir die Buchhaltung beizubringen.«

»Das habe ich«, sagte Gregor. »Eines Tages, wenn du älter bist. Stimmst du jetzt meinen Bedingungen zu?«

»Ja, Papa. Ich werde warten. Hast du Mama von der Hochzeit erzählt?«

»Mit ihr habe ich gesprochen, bevor ich dich rief.«

»Was hat sie gesagt?«, fragte Destina. »War sie aufgebracht? Sie mag die Berthelbochs nicht.«

»Sie hat es abgetan. Sie hätte gesehen, dass die Ehe nie zustande kommen würde.«

Destina seufzte. »Ich hoffe, Mama sagt heute Abend beim Essen zu unseren Gästen nichts über die Omen.«

»Das Gespräch wird sich um Politik und die bevorstehende Wahl des Großmeisters drehen«, erklärte Gregor. »Da solche Diskussionen immer in Geschrei enden, würde ich sehr viel lieber über Omen reden.«

Er stand auf, und Destina wusste, es war an der Zeit, ihn wieder seinen Studien zu überlassen.

»Ich freue mich sehr auf mein Geschenk, Papa«, sagte sie, als er sie zur Tür begleitete. »Gibst du es mir beim Abendessen?«

»Wer sagt, dass ich ein Geschenk für dich habe?«, fragte Gregor neckend. Dann wurde er aber weich. »Deine Mutter plant eine private Feier. Dabei gebe ich dir dein Geschenk.«

Er hielt ihr die Tür auf und blickte sie voll Zärtlichkeit, Liebe und einem merkwürdigen, unergründlichen unterschwelligen Bedauern an.

»Mein Segen sei mit dir, meine Tochter.« Gregor küsste sie auf die Stirn, dann wandte er sich wieder seinem Schreibtisch und seiner Lektüre zu.

Leise schloss Destina die Tür und stand dann davor. Noch nie hatte sie ihren Vater so niedergeschlagen gesehen. Sie sagte sich, dass er einfach beunruhigt wäre wegen des Heiratsantrags. Wie die meisten Väter würde er nie einen Mann als seiner geliebten Tochter würdig erachten. Aber sie kannte ihn gut, und sie hatte das Gefühl, dass sein Kummer sehr viel weiter reichte als seine Sorge über die Unzulänglichkeiten seines zukünftigen Schwiegersohns. Und sie nahm an, dass es bei diesen Sorgen um Geld ging.

Und doch war Destina zufrieden mit ihrer Entscheidung. Sie war keine Romantikerin, die an ein Und-sie-lebten-glücklich-und-zufrieden-bis-an-ihr-Lebensende glaubte. Nur wenige Adlige von Solamnia heirateten aus Liebe. Für sie war die Ehe ein Geschäft: Wohlhabende Kaufleute wie die Berthelbochs tauschten Geld gegen Titel. Berthel sah gut aus, war angenehm und beliebt. Viele junge Frauen in Eisenwald waren eifersüchtig auf Destina. Und falls Berthel seine ganze Zeit auf der Jagd verbringen wollte, so würde er sich wenigstens nicht in ihre Pläne einmischen.

Nach dem Mittagessen gesellte sich Destina in den Privatgemächern der Familie zu ihren Eltern. Das Gemach war der angenehmste Raum im Schloss, denn die Nachmittagssonne schien hell durch die zahlreichen Fenster und erfüllte ihn mit Wärme.

Der Sturm hatte endlich nachgelassen, und Atieno hatte die Fenster geöffnet. Die vom Regen reingewaschene Luft war süß und erfrischend.

Atieno war heute besonders heiter. Bei ihrem Volk wurde ein Mädchen mit fünfzehn Jahren zur Frau.

Gregor kam mit einer Holzkiste mit seinem Geschenk darin herein. Er wurde sofort fröhlicher, so wie immer in Gegenwart seiner Frau. Er küsste sie und wünschte ihr Glück für den Tag, an dem sie ihm seine Tochter, seine Freude, geschenkt hatte.

»Was ist mein Geschenk, Mama?«, erkundigte sich Destina.

Atieno überreichte Destina eine Goldkette.

»Gold für die Sonne, für die Weizengarbe, für die Blätter im Herbst«, sagte Atieno. »Gold für die Göttin des gelben Sterns.«

Destina wollte sich nicht in eine weitere Diskussion über Götter, die nicht existierten, hineinziehen lassen. Sie legte sich die Kette um den Hals und dankte ihrer Mutter.

Dann überreichte Gregor seiner Tochter sein Geschenk: einen Silberkelch mit einem Eisvogelmotiv. Der Eisvogel mit seinem leuchtend himmelblauen und feuerorangenen Federkleid war von Vinus Solamnus als Maskottchen der Ritter erwählt worden. Der Eisvogel symbolisierte Mut und Hoffnung, denn man sagte, der mutige Eisvogel hätte es am Tag der Weltenerschaffung als erster Vogel gewagt, in den Himmel aufzusteigen.

»Für deine Aussteuertruhe, Tochter«, sagte Gregor.

»Papa, ich danke dir! Er ist wunderschön.« Destina schlang ihrem Vater die Arme um den Hals und küsste ihn.

Gregor umarmte sie, dann goss er zur Feier des Tages Wein für sich und seine Frau ein.

»Bitte, Papa, nur ein kleines bisschen für mich, in meinem neuen Kelch?«, flehte Destina. »Immerhin sagt Mama, dass ich ab heute eine Frau bin.«

Sie hielt ihm den Kelch hin, und Gregor schenkte ihr mehrere Schlucke roten Wein aus dem Krug ein. Gregor und Atieno tranken auf ihre Tochter. Destina erwiderte das mit einem Dank an ihre Eltern dafür, dass sie ihr das Leben geschenkt hatten, und nippte dann an ihrem Wein, bewunderte den Kelch, drehte ihn immer wieder in den Händen. Als sie ihn geleert hatte, reichte sie ihrer Mutter den Kelch.

»Du musst mir die Zukunft aus dem Bodensatz lesen, Mama«, bat Destina. »Erzähl Papa, dass ich mit Bertie glücklich werde.«

Atieno runzelte die Stirn und tauschte Blicke mit ihrem Ehemann.

»Ich habe mit ihr geredet«, sagte Gregor. »Sie hat sich entschieden. Aber sie hat versprochen zu warten, bis sie einundzwanzig ist.«

Atieno zuckte mit den Schultern. »Das Omen besagt, es würde nicht passieren.«

»Sieh noch einmal nach, Mama, bitte«, sagte Destina. »Vielleicht hast du dich geirrt.«

Atieno blickte in den Kelch, in dem die Weinhefe zu Boden gesunken war.

»Was siehst du, Mama?«, fragte Destina. »Bekommen Bertie und ich sechzehn Kinder?«

Zu ihrer Überraschung stieß Atieno einen entsetzten Schrei aus und schleuderte den Kelch von sich. Der Silberbecher traf mit einem hallenden Klirren auf dem Steinboden auf und rollte unter einen Tisch.

Atieno machte eine abwehrende Geste mit der Hand und murmelte ein paar Worte, die Destina nicht verstand, aber sie glaubte, es war das, was ihre Mutter als »Magie« bezeichnete. Dann sprang Atieno auf und rannte aus dem Zimmer.

Besorgt starrte Gregor ihr hinterher. »Was ist mit deiner Mutter los? Was hat sie gesagt?«

»Mama scheint ein böses Omen im Bodensatz gesehen zu haben, und ich glaube, sie hat einen magischen Zauber gesprochen, um das Böse abzuwehren. Mit Berthel hat das nichts zu tun, Papa, sieh nicht so ernst drein.«

»Worum ging es dann?«, fragte Gregor.

»Ich … hm … ich habe sie nicht wirklich verstanden«, gab Destina zu, der es unangenehm war, darüber zu reden. »Ich gehe ihr nach und rede mit ihr.«

Destina machte sich auf die Suche nach ihrer Mutter und fand Atieno in ihrem Schlafgemach, in einen pelzgefütterten Mantel gehüllt auf einen Stuhl gekauert. Die Sonne schien durch die vergitterten Fenster. Der Tag war ungewöhnlich mild für den frühen Herbst, und im Raum war es erstickend heiß, da die Diener ein tosendes Feuer geschürt hatten. Atieno entstammte einem warmen Klima, und sie hatte sich nie an die Kälte in Solamnia gewöhnt.

Destina blickte sie an und dachte daran, wie ihr Vater von ihrem Kennenlernen erzählt und dass er sich auf den ersten Blick in sie verliebt hatte. Das konnte Destina nachvollziehen. Sie wusste selbst, dass sie hübsch war; um das zu erkennen, brauchte sie nur ihr Spiegelbild in einem polierten Stahlspiegel anzusehen. Ihre Mutter aber war wunderschön.

Atieno war sich ihres Alters nach dem solamnischen Kalender nicht sicher, denn bei ihren Leuten zählte man das Verstreichen der Zeit anders als in Solamnia. Gregor war zweiunddreißig, und Atieno war wahrscheinlich fast genauso alt. Und doch sah sie so jung aus, dass die Leute sie oft für Destinas Schwester hielten statt für ihre Mutter.

Heute trug Atieno die Strähnen ihres glatten schwarzen Haars in einem juwelenbesetzten Netz am Hinterkopf zusammengefasst. Ihre schwarzen Augen waren groß und blickten manchmal so scharf und durchdringend wie die Augen eines Habichts, waren manchmal jedoch auch träumerisch und strahlend. Weder rötete sie sich Lippen oder Wangen mit Beerenbalsam, so wie das manche Frauen taten, noch musste sie ihre langen Wimpern mit Ruß einfärben, um die Augen zu betonen.

Ihr Gewand war karmesinrot und nach der Mode der Solamnierinnen geschnitten, bestand aus elegantem, glattem Seidensamt, der verziert war mit aufwendigen Stickereien, und es hatte lange, enge Ärmel und eine lange Schleppe.

Atieno blickte aus dem Fenster zum strahlend blauen Himmel und den kupferorangefarbenen Blättern.

»Komm und sieh dir diese wunderschönen Farben an, Destina. Das sind die Farben des Eisvogels. Oben blau und unten orange.«

Destina interessierten die Eisvögel oder die Farben des Herbsts nicht. Der Maßstab untersagte den Glauben an Omen und Vorzeichen, und Destina versuchte, ihn zu befolgen, doch sie hatte so viele Fragen, und in keinem der siebenunddreißig Bände wurden sie beantwortet.

Atieno schien in ihren Omen und in ihren Zeichen und Vorzeichen solchen Trost zu finden, und Destina sehnte sich danach, die gleiche Sicherheit, die gleiche heitere Akzeptanz zu spüren. Sie hatte es nicht gewagt, es ihrem Vater zu erzählen, aber einmal hatte sie ihre Mutter angefleht, ihr das Lesen der Omen beizubringen in der Hoffnung, Erklärungen für das Unerklärbare zu finden. Doch Atieno hatte sie enttäuscht.

»Omen kommen ungebeten, Destina«, hatte sie gesagt. »Du musst lernen, mit deinem Herzen zu sehen und nicht mit deinen Augen.«

»Das ergibt keinen Sinn, Mama«, hatte Destina entnervt erwidert.

»Sinn ist für die Sinnlosen«, hatte Atieno erwidert, und Destina hatte aufgegeben.

Atieno sah weiter aus dem Fenster. Destina bemerkte Tränen auf den Wangen ihrer Mutter, und ihre Angst wuchs. Sie hatte ihre Mutter noch nie weinen sehen.

»Mama, was hast du im Bodensatz gesehen?«

»Wie sollen wir uns dem stellen, was da kommt?«, fragte Atieno. »Wie sollen wir das nur ertragen?« Sie wandte sich zu Destina um und sagte leise: »Mein armes Kind …«

Destina flüchtete sich in den Maßstab. »Mama, denk daran, was der Maßstab besagt: ›Paladin schmiedet das Schwert, doch der Mensch entscheidet darüber, wie er es führt.‹ Das heißt, jeder ist für sein Tun in diesem Leben selbst verantwortlich. Der Maßstab warnt auch: ›Vertraue nicht den Wahrsagern und Wahrsagerinnen, denn ihre Worte sind Lügen, die den Unachtsamen einfangen.‹«

»Und bei meinem Volk sagt man: ›Der Wolf ist zum Töten geboren. Das Schaf ist geboren, um getötet zu werden.‹« Atieno musterte sie aus schimmernden dunklen Augen.

»Mama, bitte erzähl mir, was du in dem Kelch gesehen hast!«, rief Destina verzweifelt.

»Bring mir den Kelch«, bat Atieno. »Dann zeige ich es dir.«

Destina eilte ins Gemach, um den Kelch zu holen. Sie musste auf Händen und Knien herumkriechen, um ihn zu erreichen. Dann kehrte sie zu ihrer Mutter zurück und wollte ihr das Gefäß reichen.

Atieno zuckte zurück und weigerte sich, ihn anzufassen.

»Sieh hinein, Tochter, und sag mir, was du siehst.«

»Du weißt, dass ich nie etwas außer dem Satz sehe, Mutter«, widersprach Destina.

»Wenn du sehen möchtest, sieh hin!«, beharrte Atieno.

Destina seufzte und spähte in den Becher, und dieses Mal formte der Bodensatz ein erkennbares Muster. Sie lachte und sagte, ohne nachzudenken: »Ist das nicht lustig, Mama? Die Weinreste haben die Form eines Drachen. Sieh hier, hier ist der Schwanz und der Kopf und die Flügel …«

Sie hörte ein ersticktes Keuchen und sah zu ihrer Mutter auf. Das Blut war Atieno aus Gesicht und Lippen gewichen, ließ ihre braune Haut grau wie Blei wirken. »Du hast den Drachen gesehen! Das gleiche Omen. Ich hatte gehofft, mich zu irren, aber du bestätigst es!«

»Mama, du machst mir Angst«, sagte Destina. »Ich habe die Gestalt eines Drachen gesehen. Das ist nichts als Bodensatz, Neige, tote Hefe. Hier, ich zeige es dir!«

Sie stippte den Zeigefinger in den Kelch und fuhr damit über die Innenseite. Der Drache verschwand, färbte ihren Finger rot. Destina hob den Finger, um ihn ihrer Mutter zu zeigen.

»Da, Mama. Du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Die tote Hefe ist weg und der Drache auch.«

Voller Entsetzen starrte Atieno auf den roten Fleck an Destinas Finger. Sie sank auf einen Stuhl und sah so krank aus, dass Destina nach ihrem Vater rief.

»Liebste, was ist?«, fragte er beim Eintreten. Er sah Destina an. »Was ist passiert?«

»Ich habe sie zum bösen Omen im Kelch befragt. Mama sagt, sie hat einen Drachen im Bodensatz gesehen.«

»Einen Drachen?«, wiederholte Gregor mit hohler Stimme. »Du hast einen Drachen gesehen?«

Atieno rannte zu ihm und umarmte ihn, hielt ihn fest.

»Geh nicht zum Turm, Liebster!«, flehte sie. »Geh nicht!«

»Zu welchem Turm?«, wollte Gregor wissen.

Atieno antwortete mit einem verängstigten Blick aus dem Fenster. Gregor folgte ihm. In der Ferne war die hohe Spitze des Turms des Oberklerikers zu erkennen. Er lächelte angespannt.

»Meine Liebste, der Turm ist seit Hunderten von Jahren verlassen. Es gibt keinen Grund für mich, dorthin zu gehen. Du brauchst dich nicht zu sorgen.«

Atieno küsste ihn, dann löste sie sich von ihm. »Es ist schön heute. Du solltest mit Destina einen Spaziergang an der frischen Luft machen.«

»Du bist aufgebracht. Ich möchte dich nicht allein lassen«, erwiderte Gregor. »Kommst du denn zurecht?«

»Nein.« Atieno betrachtete ihn aus dunklen, schimmernden Augen. »Aber es wird schon werden. Bitte, geht jetzt.«

Sie schloss die Vorhänge, sperrte die Sonne aus.

»Leg deinen Umhang an, Destina«, sagte Gregor. »Deine Mutter hat recht. Wir spazieren über den Befestigungswall und genießen den Sonnenschein.«

KAPITEL ZWEI

Destina warf sich den Umhang um die Schultern und stieg an der Seite ihres Vaters die Stufen zum Befestigungswall des Rosenturms hinauf.

Schweigend liefen die beiden weiter. Der Wind war kühl ob des nahenden Winters. Oft warf Gregor Destina kurze Blicke zu, als überlege er, ob er etwas sagen sollte. Destina bemerkte sein Unbehagen.

»Bitte sag, was dich bedrückt, Papa. Ich hoffe, du bist nicht böse auf mich.«

»Ganz im Gegenteil«, sagte Gregor. »Ich habe noch ein Geschenk für dich. Ich habe mit meinem Anwalt William Bolland gesprochen, um mein Testament aufzusetzen …«

»Dein Testament!« Erschreckt klammerte Destina sich an ihn. »Papa, was willst du mir damit sagen?«

»Nur dass ich sterblich bin, so wie alle Menschen, und dass ich für meine Familie sorgen muss, für den Fall, dass mir etwas zustoßen sollte.« Gregor schenkte ihr ein beruhigendes Lächeln. »Ich habe vor, lange zu leben, Destina. Keine Sorge. Das meinte ich heute Morgen mit der Absicherung deiner Zukunft.«

Destina bekam wieder Luft.

»In meinem Testament steht, dass du im Fall meines Todes alles erben wirst, sobald du mit einundzwanzig volljährig bist. William Bolland wird es aufsetzen und Kopien davon und vom Ehevertrag behalten. Deine Mutter und ich haben uns darauf geeinigt, dass du im Falle meines Todes die Grundbesitzerin sein sollst.«

Destina wurde überwältigt von Freude und Stolz, dass ihr Vater ihr genug vertraute, um ihr Schloss Rosendorn zu überlassen. Er hätte es genauso gut seinem Bruder vermachen können, ihrem Onkel Vincent.

»Ich danke dir mehr, als ich ausdrücken kann, Papa«, sagte Destina mit erstickter Stimme.

»Dein Großvater glaubte, Frauen sollten kein Land erben, und nahm deshalb in sein Testament auf, dass dein Onkel Vincent das Land erbt, falls ich ohne ein Testament sterben sollte, in dem meine Wünsche festgehalten sind. Jetzt ersetzen mein Wille und mein Testament das deines Großvaters. Verstehst du das?«

»Ich denke schon«, antwortete Destina. »Wird Onkel Vincent böse, wenn ich erbe?«

»Die Frau deines Onkels brachte selbst Geld mit in die Ehe, und unser Vater schenkte ihm Land, also ist er selbst ein reicher Mann«, sagte Gregor. »Ich habe mit ihm gesprochen und ihm gesagt, was ich vorhabe. Er mag dich und denkt, du wirst das gut machen.«

Destina freute sich über sein Lob.

»Die Berthelbochs sind würdig, aber sie wissen nichts über die Verwaltung eines ausgedehnten Anwesens. Sie wissen nichts über die Pflichten und die Verantwortung eines Adligen, wie sie der Schwur und der Maßstab vorgeben. Dir habe ich es beigebracht, wie ich es einem Sohn beigebracht hätte, Destina. Ich weiß, dass ich mich auf dich verlassen kann und dass du dich um unsere Pächter kümmern wirst, die von uns abhängen.«

»Ab jetzt werde ich noch aufmerksamer lernen«, versprach Destina. »Ich werde dich stolz machen, Papa.«

»Das tust du bereits«, sagte Gregor. »Du kannst kein Ritter werden, Destina, aber sollte mir etwas zustoßen, dann kannst und wirst du die Herrin von Schloss Rosendorn sein. Du wirst den Namen Rosendorn tragen und das Familienvermächtnis fortführen. Die Rosendorns errichteten Schloss Rosendorn während der Herrschaft des Königspriesters. Sie erbauten es solide, denn es sollte die Zeiten überdauern. Unser Schloss widerstand dem Kataklysmus, als die Götter das feurige Gebirge auf Krynn herabschleuderten aus Zorn über die Arroganz des Königspriesters. Viele andere wurden zerstört, aber Schloss Rosendorn hielt stand, und wir konnten jenen Schutz bieten, die sich in ihrer Verzweiflung an uns wandten. Wir öffneten unsere Tore und gaben freigiebig von dem, was wir hatten.

Die Götter mochten gegangen sein, aber wir blieben dem Schwur und dem Maßstab treu. Besonders dem Grundsatz, den die Ritter ablegen: Est solarus oth mithas. ›Die Ehre ist mein Leben.‹ Zu viele Ritter halten sich heute nur an den Maßstab. Die Ehre haben sie vergessen, oder sie kümmern sich nicht länger um sie.«

Er hielt inne und wandte sich so, dass er den Turm des Oberklerikers sehen konnte, der Wache stand über dem Westtor-Pass und die Straße bewachte, die zu Solamnias Hauptstadt führte, der Stadt Palanthas.

Seine Miene wirkte jetzt beunruhigt. »Morgen breche ich in Begleitung von Fürst Marcus und Fürst Reginald nach Palanthas auf. Ich hoffe, vor dem Großen Zirkel der Ritter zu sprechen.«

»Worüber, Papa?«

»Fürst Marcus und Fürst Reginald sind von ihren Reisen in den Osten mit verstörenden Berichten über Goblinbanden, Oger und böse Männer, die Städte angreifen und niederbrennen, zurückgekehrt.«

»Du sagst immer, wir würden uns niemals vor so niederen, feigen Kreaturen wie Goblins und Ogern fürchten, Papa«, sagte Destina verächtlich. »Würde ein Ritter einem Goblin auch nur mit seinem Schwert drohen, würde die Kreatur kreischend davonrennen.«

»So war es in der Vergangenheit, doch heute nicht mehr«, erklärte Gregor. »Marcus und Reginald glauben, ein dunkler und mächtiger Feind sammelt Truppen in den Ebenen von Neraka und treibt diese Angriffe voran. Dahinter stecken Vernunft und Intelligenz.«

»Wieso glauben sie das?«, fragte Destina.

»Normalerweise suchen sich plündernde Goblins und Oger eine Stadt, rauben sie aus und rennen mit ihrer Beute davon. Diese Armeen plündern eine Stadt, besetzen sie, verstärken sie, dann ziehen sie weiter und nehmen die nächste ein. Sie besetzen weitläufige Gebiete, und sie rücken langsam und stetig gen Westen vor, gen Solamnia.«

Destina spürte einen Anflug von Angst. Wenn es Krieg gab, würde ihr Vater kämpfen müssen! Vielleicht hatte er deshalb von Testamenten und Erben gesprochen. »Was willst du damit sagen, Papa? Dass Mamas Omen wahr wird? Ich habe den Drachen selbst gesehen!«

»Ich wollte dich nicht ängstigen«, erwiderte Gregor. »Vor mir liegt eine einschüchternde Aufgabe. Ich reise nach Palanthas, um vor dem Zirkel der Ritter von dem zu berichten, was die beiden in Erfahrung gebracht haben. Sie baten mich, dort zu sprechen, da ich ein gewisses Maß an Einfluss besitze. Ich muss dem Zirkel begreiflich machen, dass die Ritterschaft sich jetzt vereinen muss und wir unsere Befestigungen ausbauen und Armeen ausheben müssen, um uns der Dunkelheit zu stellen, die da kommt, wie ich fürchte. Wir sollten keine Zeit und keine Ressourcen verschwenden, indem wir politische Streitereien untereinander ausfechten.«

Gregor hielt inne, dann fügte er fast wie zu sich selbst hinzu: »Ich fürchte, niemand wird meine Warnungen ernst nehmen, aber ich muss es versuchen.«

»Wie lange wirst du fort sein?«

»Die Große Runde tritt in vierzehn Tagen zusammen«, sagte Gregor. »Ich werde zurückkehren, sobald sie beendet ist. Früher, falls mir niemand zuhört.«

»Sie werden zuhören, Papa. Mach dir keine Sorgen. Und ich studiere den Maßstab aufmerksam, um meine Pflichten als Herrin des Schlosses zu lernen, auch wenn ich kein Ritter bin.«

Gregor betrachtete seine Tochter voller Zuneigung. »Der Maßstab besagt: ›Der Wert eines wahren Ritters entspringt einem schlagenden Herzen.‹ Und hier wird kein Unterschied aufgezeigt zwischen dem Herzen eines Mannes und dem einer Frau. Aber jetzt treffen unsere Gäste ein, und du musst dein neues Gewand anlegen. Das Geschenk deiner Mutter steht dir gut.«

Destina berührte die goldene Kette. »Sie sagt, die Kette ist aus Gold wegen irgendeiner Göttin vom gelben Stern. Hast du je von einer solchen Göttin gehört?«

»Nein, aber deine Mutter ist sehr viel gelehrter in solchen Dingen als ich. Bist du sicher, dass du diese Verlobung annehmen willst, Destina?«, fragte Gregor, als sie die Stufen vom Schutzwall herabstiegen. »Noch kannst du deine Meinung ändern.«

»Ich bin sicher, Papa«, sagte Destina. »Ich habe meine Zukunft durchgeplant, und diese Ehe ist der erste Schritt.«

Ein paar Fetzen aus toter Hefe würden daran nichts ändern!

KAPITEL DREI

Gregor beobachtete Berthel während des Abendessens zur Feier von Destinas Geburtstag aufmerksam. Er nahm an, dass der junge Mann nach modernem Maß als gut aussehend betrachtet werden konnte mit seinem langen, lockigen braunen Haar und dem glatt rasierten Gesicht, das die Gesundheit der Jugend und vielleicht auch etwas Verlegenheit darüber, in Gegenwart seines zukünftigen Schwiegervaters zu sein, hatte erröten lassen.

Berthel verhielt sich fürsorglich und respektvoll Destina gegenüber, und er war sichtlich in sie verliebt. Er konnte den Blick die ganze Zeit nicht von ihr abwenden. Aber er sprach auch viel über die Jagd und beschrieb während des Essens sehr ausführlich, wie er einen wilden Eber aufgespürt und getötet hatte.

Seine Eltern lächelten stolz und zeigten sich vernarrt in Destina, schenkten ihr zum Geburtstag einen Silberkamm für ihr Haar. Atieno war eine liebenswürdige Gastgeberin, auch wenn sie wenig sagte und noch weniger aß. Nach Berthels Geschichte über den wilden Eber wandte sich das Gespräch der Politik zu, so wie Gregor es vorausgesehen hatte. Die Berthelbochs waren Anhänger von Derek Kronenhüter und versuchten, Gregor davon zu überzeugen, für ihn zu stimmen. Höflich erwiderte er, dass er sich noch nicht entschieden hätte.

Destina schien froh mit der Wahl ihres Ehemanns, denn sie lächelte Berthel liebenswürdig an und ließ ihn ihre Hand halten, als sie ihn und seine Eltern zur Tür brachte. Und das beruhigte Gregor ein wenig.

Außerdem blieben ihm noch einige Jahre, darauf zu hoffen, dass Destina einen anderen fand.

Am Tag nach Destinas Geburtstag machte sich Gregor Rosendorn mit seinen beiden jungen Freunden Fürst Marcus und Fürst Reginald, die man erst kürzlich in die Ritterschaft von Solamnia aufgenommen hatte, auf den Weg nach Palanthas. Er war ihr Pate gewesen, denn ihre Familien waren seit vielen Jahren befreundet. Die jungen Männer waren beide die Ersten ihrer Generation, die zu Rittern wurden.

Fürst Reginald war Anfang zwanzig, blond und blauäugig, groß und ein wenig stämmig. Seine Rüstung saß eng, und er beschwerte sich immer lachend darüber, dass sie geschrumpft wäre. Fürst Marcus hatte schwarze Haut, schwarzes Haar und schwarze Augen. Seine Vorfahren stammten aus Nordmaar, einem Land unweit des fernen Heimatlands der Minotauren im Nordosten. Sie waren ein Seevolk und hatten vor einem Jahrhundert etwa zur Zeit des Dritten Drachenkriegs Schiffbruch an der Nordküste von Solamnia erlitten. Seine Familie setzte die Seefahrertradition fort und war so zu wohlhabenden Handelsseefahrern geworden.

Gregor und seine Reisegruppe folgten dem Fluss nordwärts, bis der Pfad die alte Hochstraße der Ritter kreuzte. Diese war vom Kataklysmus zerstört und danach nie wieder richtig instand gesetzt worden, dennoch war sie der beste und sicherste Weg über die zentralen Ebenen Solamnias. Die drei mussten feststellen, dass die Brücke über den Fluss Klaar, südlich des ehemaligen Besitzes von Uth Feuerklinge, während einer Überschwemmung eingestürzt war, sodass sie einen kurzen Umweg einlegen und nach Norden reiten mussten, um den Fluss zu überqueren.

Dort trafen sie wieder auf die Hochstraße der Ritter und folgten ihr nach Nordwesten in Richtung des Turms des Oberklerikers und des Passes, der nach Palanthas führte.

Auf der Reise unterhielten sich die drei über das bevorstehende Treffen der Großen Runde und die vorherrschenden Regeln. Die jüngeren Ritter hatten noch nie an einer Großen Runde teilgenommen und waren verständlicherweise nervös und wollten unbedingt einen guten Eindruck auf ihre Mitstreiter machen. Gregor konnte den Maßstab wortgetreu zitieren, und das tat er auch zu ihrer Erbauung.

»Die Gesetze, die solche Treffen lenken, wurden von Vinas Solamnus bestimmt, als er die Ritterschaft gründete«, sagte Gregor. »Er schrieb, dass alle Ritter in jeder Stadt, in der Ritter offen leben, eine, wie er es nannte, Runde gründen und dort ›relevante Angelegenheiten der Ritter der Region diskutieren und entscheiden sollten‹. Den Vorstand der Ritterschaft bezeichnet man als Große Runde. Von den regionalen Runden wird verlangt, Repräsentanten zur Großen Runde zu entsenden, welche sich einmal pro Kalenderjahr zu einer vorgeschriebenen Zeit trifft, um sich den Angelegenheiten der Ritterschaft zu widmen.«

»So weit, so gut«, meinte Reginald. »Aber jetzt kommen wir zum heiklen Teil: der Politik.«

»Leider wahr«, sagte Gregor. »Ich bezweifle, dass Vinas Solamnus den Aufruhr vorausgesehen hatte, den er damit hervorrufen sollte. ›Der Großen Runde soll ein Großmeister vorstehen, auserwählt unter den Oberhäuptern der drei Orden: der Oberste Krieger des Ordens der Rose, der Oberste Wächter des Ordens der Krone und der Oberste Kleriker des Ordens des Schwerts. Das Oberhaupt der Ritterschaft soll der Fürst der Ritter sein, gewählt von der Großen Runde unter den Oberhäuptern des Ordens. Der Fürst der Ritter hält diese Position zeit seines Lebens, es sei denn, er wird Verbrechen oder unehrenhafter Taten für schuldig befunden.‹«

»Oder er wird gar nicht erwählt«, fügte Gregor trocken hinzu, »da drei Viertel der Mitglieder der Großen Runde anwesend sein müssen, um ihn auszuwählen, und diese Zahl erreichen wir nie. In welchem Fall, so der Maßstab, der Großmeister diese Position bis zur Beschlussfähigkeit ausfüllen muss.«

»Was ist so lustig daran?«, fragte Marcus, da er Gregor lächeln sah.

»Ich dachte daran, wie meine Frau einmal einen belesenen Gelehrten anstellte, der ihr etwas über den Maßstab beibringen sollte«, erwiderte Gregor. »Der Gelehrte kam zu diesem Teil der Organisation der Ritterschaft und verbrachte eine Stunde damit, ihr ihn zu erläutern. Atieno lauschte pflichtbewusst, dann fasste sie das Ganze in zwei Sätzen zusammen und verwarf es. ›Runden in Runden. Ritter rennen im Kreis und jagen ihrem eigenen Schwanz nach, womit sie nichts erreichen.‹«

»Eine weise Frau«, bemerkte Reginald lachend. Er und Marcus waren beide ein wenig verliebt in die wunderschöne Atieno.

»Was hat der Gelehrte daraufhin gesagt?«, erkundigte sich Marcus.

»Er war beleidigt und ging hinaus.«

Reginald schüttelte den Kopf. »Ich kann nicht gerade behaupten, dass Eure Ehefrau unrecht hatte. Die Ritterschaft in Runden zu organisieren, funktionierte im Zeitalter der Allmacht gut, aber das System zerbrach infolge des Kataklysmus, als Mobs auszogen und viele Ritter umbrachten oder zum Untertauchen zwangen. Dieser Tage kann eine Runde aus zwei Rittern bestehen, die sich im Weinkeller treffen.«