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Auf der Alpennordseite herrschen zu Beginn des 6. Jahrhunderts dunkle Zeiten. Nach dem Zusammenbruch des Römischen Reiches trägt die Region um den Thunersee den alten keltischen Namen Vendolindium und ist die Heimat von Nachfahren eines helvetischen Stammes, dessen Angehörigen eine enge Verbindung zum grossen See am Fuss der Schneeberge pflegen. Zugleich huldigen diese Menschen aber einem grausamen Brauch: Jeweils an den Sonnwenden erwählen ihre Priester durch das Los zwei junge Leute, um sie einem blutrünstigen Drachen darzubringen, der tief im Berg haust und seit vielen Jahren das Seevolk bedroht. Anêrios, der Sohn des Bootsbauers von Vernausium, hegt eine tiefe Abscheu gegen diese barbarischen Menschenopfer. Als das Los unvermutet auf seinen besten Freund fällt, nimmt das Leben des Jünglings eine dramatische Wende. In einem liebenswürdigen Wanderprediger, welcher in Vendolindium die christliche Botschaft verkündet, findet er einen wertvollen Verbündeten. Aber ausgerechnet eine hochnäsige Aristokratentochter aus der dekadenten Seestadt Raûlium und ein raubeiniger Söldnerführer begleiten ihn auf seine abenteuerliche Reise, um dem Treiben des Ungeheuers ein Ende zu bereiten. Im Dunstkreis der überlieferten Sagen um den Heiligen Beatus und den Drachen vom Wendelsee entspinnt sich eine fesselnde Geschichte über Kelten und Romanen, Nixen und Feen, Zauberer und Zwerge, über den Missbrauch von Macht und über die tragende Kraft der Freundschaft.
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Seitenzahl: 977
Veröffentlichungsjahr: 2025
Ein blutrünstiges Ungeheuer. Ein grausamer Opferkult. Ein geheimnisvolles Seevolk. Ein vergessener Schatz tief im Berg. Diese fantastische Neu-Erzählung alter Sagen und Legenden aus dem Berner Oberland beschwört eine Welt voller Magie und Abenteuer.
Auf der Alpennordseite herrschen zu Beginn des 6. Jahrhunderts dunkle Zeiten. Nach dem Zusammenbruch des Römischen Reiches trägt die Region um den Thunersee den alten keltischen Namen Vendolindium und ist die Heimat von Nachfahren eines helvetischen Stammes, dessen Angehörigen eine enge Verbindung zum grossen See am Fuss der Schneeberge pflegen. Zugleich huldigen diese Menschen aber einem grausamen Brauch: Jeweils an den Sonnwenden erwählen ihre Priester durch das Los zwei junge Leute, um sie einem blutrünstigen Drachen darzubringen, der tief im Berg haust und seit vielen Jahren das Seevolk bedroht.
Im Dunstkreis der überlieferten Sagen um den Heiligen Beatus und den Drachen vom Wendelsee entspinnt sich eine fesselnde Geschichte über Kelten und Romanen, Nixen und Feen, Zauberer und Zwerge, über den Missbrauch von Macht und über die tragende Kraft der Freundschaft.
Drachenberg schildert die dramatische Vorgeschichte zur Helisee-Saga. Trotz zahlreicher Verknüpfungen zur Hauptreihe erzählt dieser Roman aber eine eigene Geschichte und ist in sich abgeschlossen.
Andreas Sommer lernte als langjähriger Tour Guide in der Sahara an den Lagerfeuern der Tuareg die Erzählkultur und die magische Wirkung von überlieferten Geschichten kennen, ehe er begann, die heimische Sagentradition zu erforschen. Heute ist er als Erzählkünstler, Wanderführer und Autor bestrebt, an die ursprüngliche Verbundenheit von Natur und Menschenseele zu erinnern. 1976 in Bern geboren, ist er mit den urwüchsigen Landschaften des Üechtlandes von Kindsbeinen auf vertraut. Er lebt mit seiner Familie in einem alten Bauernhaus am Fuss der Berner Voralpen.
www.animahelvetia.ch
Martin Aeschlimann, 1972 geboren, im Üechtland aufgewachsen. Heute, verheiratet und Vater von vier fast erwachsenen Kindern, betrachtet er das magische Land und die stolzen Häupter der Gantrischkette vom östlichen Aareufer aus.
Zeichner, Holzwerker, Hobbywinzer...und was sich das Leben sonst noch so einfallen lässt.
Andreas Sommer
DRACHENBERG
Ein magischer Roman aus der Schweizer Sagenwelt
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© 2025 by NeptunVerlag
Rathausgasse 30
CH-3011 Bern / Schweiz
www.neptunverlag.ch
ISBN 978-3-85820-388-5
Daniel Vaucher und meiner Frau Nathalie für aufmerksames
Probelesen und kritische Rückmeldungen
Martin Aeschlimann, Dominique Bischofberger und
Mirjam Helfenberger für die künstlerische Ausgestaltung
Meinem Verleger Roman Wild für die vertrauensvolle
Bereitschaft, dieses Buch im Neptun Verlag zu publizieren
Meiner Familie, dass sie mich immer wieder in die magische
Natur und in meine inneren Welten hinausziehen lässt,
wo diese Geschichten entstehen können
Für all jene Menschenseelen,
die sich von den magischen Strömen
unter den Wurzeln unseres Landes
berühren lassen
«... Den Bergstock am Wendelsee, darinnen weyland St. Batten gehauwset, nennen sie gemeyniglich den Drackenberg, sintemalen allda in alter Vorzeyth eyn greuwlicher Lindtwurm heymisch geweszen. Dasz man in seynen Abyssen auch nach Guld und Ertz gegraben und daraus eyne güldene Statt erbauwet, behertet Volkes Zungen im gesamten Landte.»
Aus dem Legendarium Antiquae Helvetiae des Albin Zurlauben, frühe Sammlung von Sagen, Mythen und Legenden der alten Eidgenossenschaft, 16. Jahrhundert
«Tief unter der (...) Höhle soll eine zweite Höhle, bewohnt von Zwergen oder Bergmännchen, sein. Diese hüten dort einen Schatz von drei Diamanten, der köstlicher ist als alle Reichthümer des Berneroberlandes zusammen.»
Aus Habkern – Tal und Leute, Sagen, Überlieferungen und Brauchtum von Melchior Sooder, erste Hälfe des 20. Jahrhunderts
«... Uiber die Archaeolithen oder Mirackel-Steynen (Lapides Archaici) iszt eyn Mythus aus den helvethischen Landen zu citieren, wonach vor dem Anbeginn der Annalen eyn omnipotentes Arcanum im Fundamentum des Alpengebirgs beschloszen ward, welchselbigem mirum in modum der genuine Aether, ergo die Prima Materia der Kosmogenesis, per se immanent iszt. Die Maere benamset eyne Trinitas von Gemmae oder Crystall-Steynen. Primo dero Weyszen als wie frischer Schnee, Helys geheyszen. Secundo dero Blauwen als wie ein Kobalt, Urmen nomine. Tertio dero feuwrig Roten als wie eyn Rubinus und Amor dicitur. Ex arches seyen diese Kleynode dem Gewirke der heydnischen Albae entfloszen, ea sunt Wesenheyten aus der Anders-Sphaere und im Lichte Wandelnde als wie die Angeli der himmlischen Hierarchey ...»
Aus dem Dialogus Miraculorum des Cesarius Heisterbachiensis, 11. Jahrhundert, frühneuzeitliche Übersetzung aus dem Lateinischen
«Bergspiegel oder Adamanthenglas (Speculum Adamantis) heisst man ein magisches Instrumentum der geomanthischen Kunst, welches den Initiierten befähigt, mit Hilfe der Elementhargeister bis in die siebte Schicht des Erdenkoerpers hinabzuschauen und daselbst verborgene Schaetze aufzuspueren.»
Aus Sapientissimus Philosophus Picatrix, Kompilation zu Magie, Astrologie und Talismankunde, Original vermutlich im 11. Jahrhundert in Andalusien verfasst, Autor unbekannt, Übersetzung aus dem Arabischen
Prolog
TEIL I
SCHATTEN ÜBER VENDOLINDIUM
I
Die Höhle des zornigen Gottes
II
Gefangene des Goldenen Adlers
III
Die Mutter der nachtblauen Tiefen
IV
Einen Freund zu verlieren
V
Die Erwählten
VI
Der Zorn des Drachen
VII
Ein Stecken voller Laub
VIII
Der wundersame Mantel
IX
Das Gesicht im Schwarzen Brunnen
X
Die Stimmen des Unergründlichen
XI
Goldene Blüten im See
XII
Die letzte Fahrt des Bootsbauers
XIII
Unerwarteter Besuch
Interludium
TEIL II
DAS VERFLUCHTE LAND
I
Lindînium
II
Der Götterbaum
III
Tod im Nebel
IV
Unter Jägern
V
Eine Handvoll Erde und ein Garnknäuel
VI
Sturm über Helicôna
VII
Wilde Pfade
VIII
Der Schicksalsturm auf dem Weltenberg
IX
Die Herrin von Funtaflauis
X
Die Berufung
XI
Der Rat der Bergkönige
XII
Helvas Herold
XIII
Das Singende Gras
Interludium
TEIL III
DER FALL VON RAÛLIUM
I
Im Tal des Friedens
II
Der Verlorene Steig
III
Die Feuerprobe
IV
Die fremde Reiterin
V
Ein Geschenk für die Prinzessin von Raûlium
VI
Die Weisse Zitadelle
VII
In der Sirenengrube
VIII
Ein Bündnis gegen den Erzzauberer
IX
Schwanenschliche
X
Sturm auf den Drachenberg
XI
Im Herzen des Berges
XII
Schrecken in der Dunkelheit
XIII
Die Quelle unter dem brennenden Rosenbusch
Epilog
Nachtrag des Verfassers
Anhänge
Dramatis Personae
•
Glossar
•
Die Hohen Feste der Vendolindier im Jahresrad
•
Götterwelt
•
Spectaculi Loca
Rallingen im Freigericht Sigriswyl, im Hornermonat A.D. 1709
Ein rauer Nordostwind fiel aus dem Gebirge herab und strich unbändig über die bleigrauen Fluten des Wendelsees. Das Wasser bäumte sich zu einer Legion von kleinen Wellen auf, über deren Kämmen schäumende Kronen zitterten. Die spritzende Gischt gefror am Ufer zu bizarren Eisskulpturen, welche Geröll und Treibholz gleichsam mit einem kristallenen Mantel überzogen. Eine knietiefe Schneedecke lag auf Hügeln und Wäldern und lastete schwer auf den Walmdächern der behäbigen Blockbauhäuser, welche sich auf einer Anhöhe über dem See schützend zusammendrängten, als wollten sie einer eingeschneiten Schafherde gleich gemeinsam der beissenden Bise trotzen. Aus den hochragenden Kaminen wehten Rauchfahnen, die der übermütige Wind sogleich mit Begeisterung zerpflückte. Dunkle Wolkenmassen drängten unaufhaltsam heran und wogten gegen die weissfleckigen Gestalten der hohen Berge im Süden. Sie kündeten von neuen Schneefällen.
In der gemauerten Küche eines Hauses sass die Bauernsippe am prasselnden Herdfeuer und labte sich an der Wärme, die sich in dem kleinen Raum mit den niedrigen, russgeschwärzten Deckenbalken ausgebreitet hatte.
«Grossatt», rief ein kleines Mädchen mit langen blonden Haarflechten, «es ist Geschichtenwetter. Erzählst du uns die Sage vom Untergang der Stadt Roll?»
Eine Handvoll weiterer Kinder stimmte sofort mit begeistertem Geschrei in die Bitte ein. Der Angesprochene, ein betagter Bauer, dessen wettergegerbtes, zerfurchtes Gesicht von einem silberweissen Vollbart umrahmt wurde, verzog den Mund zu einem wohlwollenden Lächeln und rückte seinen dreibeinigen Hocker näher an die Feuergrube heran. Bedächtig klaubte er eine Prise Tabak aus einem Beutel und stopfte sie mit geübten Bewegungen in seine Pfeife. Während sich die Kinder unter den belustigten Blicken ihrer Eltern und Verwandten um ihn herum scharten wie ein Haufen halbwüchsiger Ziegen, welche die Lecksalztasche des Hirten gerochen hatten, hielt der Alte einen Kienspan in die Glut und entfachte damit die Pfeife. Genüsslich sog er daran und blies würzigen Qualm in das Feuer.
«Diese Geschichte habt ihr doch schon hundertmal gehört», murmelte er den erwartungsvollen Kindern mit gespieltem Unwillen zu.
«Nein, nein!», schrien sie im Chor. «Bitte erzähle sie uns nochmals!»
Der alte Bauer lachte gutmütig und nuckelte zufrieden an seiner Pfeife. Dann legte er seine Hände auf die Knie und richtete sich auf. «Nun gut, immerhin ist es die Geschichte jenes Landstriches, den wir seit undenklichen Zeiten bewohnen. Es kann nicht schaden, diese Mär immer und immer wieder zu hören, denn sie gemahnt uns, keinen Unfug mit der Schöpfung zu treiben und alle lebendigen Wesen dieses Landes zu achten.»
Er nahm einen langen Zug aus seiner Pfeife und richtete seinen Blick konzentriert auf die Flammen. Auf einmal schien er in weite Ferne zu schauen, fast als suchte er im Feuer die Bilder zu fassen, welche er seinem gespannten Publikum nun malen wollte. Als die Erwartung im Raum beinahe zu knistern begann, hob er mit seiner eintönig rauen Stimme zu sprechen an.
«In jenen längst verwichenen Tagen, als Sankt Batt den Drachen aus unserem Land vertrieb, erhob sich am Ufer des Wendelsees, just an jener Stelle, wo heute unsere Behausungen stehen, die stolze und strahlende Stadt Roll. Es war die grösste und wohlhabendste Stadt weit und breit. Ihre hochragenden weissen Mauern blendeten die Betrachter, welche von den umliegenden Gestaden über das Wasser blickten. Es heisst, die Türme und Paläste von Roll waren mit Ziegeln aus lauterem Gold gedeckt. Die Bewohner dieser Stadt waren hochmütige und machthungrige Heiden, welche die Bauern und Fischer am Wendelsee verachteten und ausbeuteten. Ihren Reichtum verdankten sie dem Gold, welches sie aus tiefen Löchern unter dem Drachenberg und unter der Spitzfluh1 hervorschürften. Viele Bauernsöhne verloren bei dieser gefährlichen Fronarbeitin den Eingeweiden des Gebirges ihr Leben. Doch die Menschen von Roll bekümmerte das Leid ihrer Untertanen nicht, in ihrer Gier liessen sie nur immer tiefere Stollen in den Felsen hineintreiben. Wenn der grimmige Winter kam, verkrochen sie sich hinter dicken Mauern in ihren geheizten Sälen und liessen das Landvolk draussen darben. Nie erbarmten sie sich der ausgehungerten Frauen und Kinder, die an ihren Toren um einen Bissen Brot flehten. Lange Jahre währte diese Schreckensherrschaft, deren Schatten unser schönes Land umwölkte.»
Die Kinder am Feuer starrten ihren Grossvater mit grossen Augen an. In ihren betroffenen Gesichtern spiegelten sich das Leid und das Entsetzen, welches die Erzählung der damaligen Zeit zuschrieb. Der Alte hielt einen Augenblick inne, fast als müsse er sich sammeln und in den tiefen Gewölben seiner Erinnerung nach dem richtigen Faden forschen, um die Geschichte fortspinnen zu können. Schliesslich schöpfte er Atem und fuhr fort.
«An einem schwülheissen Abend im Erntemonat trippelte einst ein kleines Männchen über den Alten Oberländer Weg, welcher von Sankt Battens Einsiedelei dem rechten Seeufer entlang, unterhalb von Sigriswyl vorbei, bis nach Thun führt. Es schien in Eile zu sein und blickte sich immer wieder hastig nach den Siebentaler Bergen am anderen Seeufer um, wo schwarzes Gewölk stockte und warnendes Donnergrollen rumorte. Ein fürchterliches Unwetter zog dort herauf – und wer immer sich in Sicherheit bringen wollte, musste sich dringend nach einem Unterschlupf umsehen. Das Männchen gelangte bald an das mächtige schimmernde Tor von Roll, welches nach dortiger Sitte Tag und Nacht geschlossen war, um keinen lästigen Landstreichern Einlass gewähren zu müssen. Mit seinem knorrigen Stock pochte der Zwerg an die Pforte und bat um Eintritt. Eine Stimme schallte vom Turm herab. ‹Verschwinde, du elender Wicht, wir haben keinen Platz für dich.› ‹Bitte habt Erbarmen›, greinte das Männchen und deutete verängstigt auf das nahende Wetter. ‹Ihr wollt mich doch nicht diesem Sturm überlassen.› Die Stimme vom Turm lachte höhnisch. Ein Stein flog herab und zerschellte in unmittelbarer Nähe des Zwerges. Der Kleine umrundete hastig die hohe Mauer und wiederholte seine Bitte auf der gegenüberliegenden Seite der Stadt am anderen Tor. Aber auch dort erfuhr er nichts als Unfreundlichkeit und Abweisung durch den Türmer. Inzwischen rauschten die Vorboten des aufkommenden Unwetters mächtig in den Tannen, und das Tageslicht verdüsterte sich unter den finsteren Wolkenbergen am Himmel. Die ersten Blitze zuckten auf die aufgepeitschte Seefläche hernieder, gefolgt von fürchterlichem Donnerkrachen, welches an der Siebenfluh zerspellte. Das Männchen schrie gegen den stürmischen Wind an und flehte in Gottes Namen um Erbarmen. Doch das goldene Tor blieb verschlossen.»
Grossvater nahm sich einen Moment Zeit, um seine Pfeife mit frischem Kraut zu bestücken. Die Kinder warfen verängstigte Blicke durch das Fenster, als erwarteten sie draussen Anzeichen des geschilderten Sturmes zu erkennen. Doch es war nur die frostige Bise, welche sich heulend im Rauchfang austobte. Endlich hatte der alte Erzähler seine Pfeife wieder angesteckt.
«Nun, ihr müsst wissen, nicht weit vom Stadttor entfernt duckte sich ein ärmliches windschiefes Tauner2häuschen in den Schatten der mächtigen Mauer. Ein flackerndes Licht fiel durch sein elendes kleines Fensterchen. In seiner Verzweiflung wandte sich das Männchen nun dieser zusammengedrückten Hütte zu und klopfte behutsam an deren schäbige Brettertür. Es fürchtete wohl, das wurmstichige Holz könnte bersten, wenn es etwas zu forsch dagegen schlüge. Zu seinem Erstaunen ruckte die Tür sogleich auf und ein zerknittertes Mütterchen blinzelte dem unverhofften Besucher entgegen. ‹Komm herein›, raunzte die Alte, ‹bei diesem garstigen Wetter sollte man nicht einmal einen Hund draussen stehen lassen.› Hurtig zog sie den kleinen Gast in das Innere des Häuschens, wo ein bescheidenes Feuerchen in der Grube brannte und für ein flackerndes Zwielicht sorgte. Es war wohlig warm. Ein alter verhutzelter Mann hiess den Zwerg willkommen und wies ihm einen Platz an der Herdstatt. Das Mütterchen schlurfte zu einem Kessel, der über dem Feuer hing, und füllte einen Napf mit einer wässrigen Suppe. Es streckte sie dem Gast mit einem trockenen Stück Brot hin und forderte ihn auf, zu essen. Während draussen die ersten schweren Regentropfen gegen das Häuschen prasseltenund der Tag zur Nacht wurde, erzählten die alten Leute ihrem Besucher, dass sie einst aus Roll vertrieben worden seien, weil sie die Machenschaften seiner hoffärtigen Bewohner nicht gutgeheissen hatten. Nun führten sie hier ein einfaches Leben und ertrügen geduldig den Spott der Stadtbewohner. Was der Berg und der Wald ihnen böten, reiche lange für sie beide, den Putz und das Gepränge der Menschen von Roll bräuchten sie nicht für ihr stilles Glück. Das Männchen nickte und bedankte sich für die Gastfreundschaft. ‹Ihr lieben Leute›, raunte es nach einer Weile, ‹ein gutes Werk trägt immer Zinsen ein, auch wenn es noch so unbedeutend scheint. Aber was übel ist und von böswilliger Art, erhält ebenfalls, was ihm zusteht.› Die Äuglein des Wichtes blitzten unvermittelt im Feuerschein auf. ‹Heute Nacht müsst ihr euch hier drin stillhalten›, verkündete er den erschrockenen Alten mit fester Stimme. ‹Geschehe, was wolle. Weicht nicht aus diesem Häuschen. Ihr habt ein gutes Herz, und das soll euch zugutekommen. Aber bleibt ja, wo ihr seid.› Da sprang das Männchen unerwartet auf und griff nach Mantel und Stock. Das Mütterchen wollte aufbegehren und den Kleinen zurückhalten. ‹Aber bei diesem Wetter ...›, stotterte es verständnislos. Ihr Mann hielt die alte Frau sanft zurück und lächelte begütigend. Der Zwerg wandte sich nach einer tiefen Verbeugung ab und trat mit entschlossenen Schritten in den brausenden Gewittersturm hinaus.
In dieser Nacht fanden die beiden alten Leute keinen Schlaf. Unablässig tobten sich die Elemente draussen aus und rüttelten mit Urgewalt an dem baufälligen Häuschen. Plötzlich zerbarst ein ohrenbetäubendes Krachen in der finsteren Nacht, und vom Berg herab gellten Harsthörner. Erschrocken sprangen das Mütterchen und sein Mann von ihrem Laubsack auf und hasteten zum kleinen Fenster. Ein gleissender Blitz erhellte die Dunkelheit und gewährte einen Blick auf die Spitzfluh, die sich über der Stadt Roll auftürmte. Für einen Augenblick erkannten die zwei alten Leute dort oben eine Schar von Zwergen, welche den Felsen mit Werkzeug bearbeiteten. Im flackernden Schein der zuckenden Strahlen3 waren sie deutlich zu sehen. Eine mächtige Stimme dröhnte vom Gebirge herab. ‹Flieh, Volk von Roll, flieh! Schlägel und Wecken erkalten. DieSpitze Fluh ist gespalten. Flieh, Volk von Roll, flieh!› Der Mann und die Frau blickten sich eindringlich an. Ohne ein Wort zu sagen, nickten sie einander zu. Sie vertrauten darauf, was das Männchen ihnen geraten hatte, und beobachteten weiterhin mit atemholendem Staunen, was oben am Berg geschah. Jedes Mal, wenn ein lodernder Blitz die sturmheulende Finsternis durchzüngelte, tauchten die Zwerge oben am Felsenturm der Spitzfluh für die Dauer eines Lidschlages aus der Dunkelheit auf. Das metallische Klirren und Klimpern ihrer Hammerschläge klang unüberhörbar bis zur Stadt herab. Plötzlich mischte sich ein Krachen und Bersten unter den grollenden Donnerhall. Die beiden alten Leute hielten sich entsetzt aneinander fest. Ein grosses Stück der Spitzfluh neigte sich bedrohlich von der Bergflanke weg und stürzte schliesslich in die Tiefe. Gewaltige Felsbrocken, so gross wie Häuser und Scheuern, brachen splitternd durch den Wald und wälzten sich dem See entgegen. In der Stadt schlugen die Alarmglocken. Ein vielstimmiges Wehgeschrei übertönte das Getöse des Sturmes und des einstürzenden Berges. Unaufhaltsam rückten die Felsmassen auf die prächtigen Schanzen der Stadt zu. Die beiden alten Leute in ihrem windschiefen Häuschen schlotterten wie Espenlaub. Da erkannten sie zuvorderst einen turmgrossen Felsen, der dem nachstürzenden Geröll eine Schneise durch den Bergwald walzte. Zuoberst auf diesem Brocken sass rittlings ein jauchzendes Männchen und schwang eine Tannengrotze wie eine Reitgerte. Es war unzweifelhaft derselbe Zwerg, der am Vorabend in der Behausung der Alten eingekehrt war. Wie ein ungeheuerlicher Reiter lenkte er den zerstörerischen Felsenkoloss auf das wehrlose Häuschen zu. Im Angesicht des sicheren Unterganges kniffen Mütterchen und Väterchen ihre Augen zusammen und empfahlen sich mit einem Avemaria der Obhut des Himmlischen Vaters an. Doch der mächtige Stein verschonte die kleine Hütte. Einige Schritte davor verharrte er augenblicklich. Das Männchen auf seiner Spitze hatte ihm mit einer machtvollen Geste Einhalt geboten. Die nachfolgenden Geröllmassen schieden sich an dem riesenhaften Hindernis und donnerten auf beiden Seiten weiter voran. So überdauerte das Häuschen der Alten im Schirm des Felsblockes die Katastrophe.
Die Stadt Roll aber wurde vom herabstürzenden Berg überrollt und viele Klafter4 tief verschüttet. Nicht ein Mensch überlebte das Unglück. Von dieser einst so prachtvollen und ruhmreichen Stadt blieb keine Spur zurück. Die Zwerge hatten ihren Bewohnern deren Treulosigkeit und deren tausendfältigen Frevel an den Wesenskräften des Landes heimgezahlt.
Die beiden alten Leute aber verlebten ihre letzten Jahre am Rande der Wüstenei, welche das Strafgericht zurückgelassen hatte. Später überzog wieder frisches Grün die Trümmerstätte, und der Wald eroberte den Schuttkegel zurück. Die Bauern der Umgebung, welche nun vom tyrannischen Joch der goldenen Stadt befreit waren, bauten hier ihre Behausungen und weideten ihr Vieh. Zuletzt errichteten die Gotteshausleute von Inderlappen ihr Rebgut an den Hängen unter der Spitzfluh. Bevor die Gnädigen Herren von Bern das Kloster in der Aarmühle schlossen, hat einst ein neugieriger Propst der Augustiner den Boden von Rallingen aufstechen und nach den Überresten der verschütteten Stadt forschen lassen, aber ohne Erfolg.»
Grossvater blickte seine Zuhörerschaft bedeutungsvoll an und hob die Augenbrauen. «Genau hier haben auch wir heute unser Haus», fügte er schliesslich hinzu. «Deshalb wollen wir die Schöpfungskräfte allzeit achten und das Kleine Volk ehren.» Er deutete durch das Fenster hinaus zu den wuchtigen schneefleckigen Flühen des nahen Berges. «Und diesem Berg sein Gold belassen. Denn wer zu tief wühlt, erweckt lediglich den Zorn uralter Mächte.»
Alle am Feuer waren in ihre eigenen Gedanken versunken. Draussen hatte unterdessen starker Schneefall eingesetzt. Der Wendelsee und die umliegenden Berge, Hügel und Wälder verschwanden hinter wehenden weissen Schleiern. Es schien beinahe, als wolle das ganze Land die unselige Erinnerung an die entsetzlichen Tage der Stadt Roll mit einem dicken Vorhang verhüllen.
Bald krochen die Bauernkinder auf ihre gut gestopften Laubsäcke, kuschelten sich in die wärmenden Schaffelle und zogen die grob gewobenen Wolldecken bis weit über ihre Ohren hinauf. Die murmelnde Stimme ihres erzählenden Grossvaters begleitete sie tief in ihre Träume hinein.
Pagus Vendolindensis, Königreich Byrgondia, im Mond Aedrînios5 des zehnten Regierungsjahres von König Godemâr, A.D. 533
«Da drinnen haust das Ungeheuer, welches unser Volk frisst», raunte Anêrios schaudernd und blickte zu seinem Gefährten Tarvo hinüber.
Die beiden Jungen waren vom Seeufer her über den ausgetretenen Fusspfad hochgestiegen, welcher sich in steilen Kehren zwischen zerklüfteten Felsen, Wacholdergestrüpp und mächtigen Eichen und Eiben bis zum Höhleneingang hochwand. Wie eine Wunde, welche ein urzeitlicher Riese in die Bergflanke geschlagen hatte, klaffte die Öffnung am Fuss einer schwindelerregenden Klippe. Milchweisses Wasser schoss aus der Kluft hervor und stürzte rauschend in ein Felsenbecken, welches unterhalb des dunklen Bergmundes ausgewaschen war, ehe es in stiebenden Kaskaden zum See herabsprühte, der in der Tiefe unter ihnen tiefblau glitzerte.
Tarvo nickte und lächelte. Das Unheil, welches förmlich aus der schaurigen Finsternis heraussickerte, schien ihn nicht sonderlich zu beeindrucken.
Anêrios hielt inne und duckte sich vorsichtig hinter eine der halbkreisförmig aufgerichteten Steinstelen, welche sich vor der Höhlenöffnung aus dem dürren sonnenverbrannten Gras erhoben. Der würzige Geruch von Artemisia, Dost und Thymian umschmeichelte die urtümlichen Steinsetzungen. Der Blick des Jungen schweifte forschend über die Umgebung. Der grosse See Vendolindon breitete sich unter ihnen wie ein weiter blauer Spiegel aus, eingebettet in die umliegenden Hügel, über deren Kuppen sich dichte Wälder zogen. Jetzt im Herbst schien der Laubteppich der Buchen, Eichen und Ulmen gleichsam in Flammen zu lodern. Das weiche Licht der Sonne erzeugte ein überwältigendes Farbenspiel, das im unbewegten Wasser der Seefläche seinen Widerschein fand. Im Süden türmten sich die Gebirgsketten immer höher auf, wölbten sich zunächst zu den gelben und braunen Höhen der Vorberge empor, ehe sie zuhinterst in den weiss leuchtenden Riesengestalten von Albenônas gewaltigem Garten gipfelten. Wie schimmernde Türme inmitten eines kristallenen Schildwalls thronten die drei erhabenen Berghäupter der alten Göttinnen Albenôna, Vermêna und Dubaugra über dem See und dem ihn schützend umfangenden Bergkranz. Es waren dies die Drei Uralten Mütter, welche das Land der Vendolindier seit undenklichen Zeiten behüteten. Ob sie ihre strahlenden Augen in diesem Moment auch auf die beiden törichten Jungen aus Vernausium richteten, welche vielleicht im Begriff waren, den grössten Fehler ihres jungen Lebens zu begehen?
Welcher Sylvân6 hatte Anêrios aufgestachelt, an diesem milden Tag im Herbstmond Aedrînios mit seinem Freund Tarvo eine derartige Freveltat zu begehen? Sie waren mit dem Weidling7 seines Vaters Ambaros in den See hinaus gestochen, weil dieser derzeit krank in seiner Hütte lag und nicht zum Fischfang ausfahren konnte. Wir werden uns darum kümmern, heute Abend etwas auf den Tisch zu bringen, hatte Anêrios grossmäulig verkündet und war frohlockend zu Tarvo gesprungen, dessen Familie im gleichen Dorf hauste wie er. Wie sehr hatten die beiden ungestümen Burschen darauf gebrannt, die legendäre Drachenhöhle einmal aus der Nähe zu besichtigen. Obwohl es eigentlich streng verboten war, den Opferplatz des zornigen Berggottes Urâgus ausserhalb der festgesetzten Feiertage und ohne Begleitung durch die göttergeweihten Priester zu betreten.
Anêrios winkte seinen Freund Tarvo herbei, und die beiden tollkühnen Entdecker kauerten sich gemeinsam in den Schatten eines der mächtigen Monolithen, welche die Sicht auf den dräuenden Höhleneingang verdeckten.
«Bestimmt sind die beiden Erwählten schon längst weg», murmelte Tarvo mit verhaltener Stimme. Er war der Ältere von ihnen, ein quirliger hochgeschossener Springinsfeld, dessen sommersprossiges Gesicht von einem ungezähmten kupferroten Lockenschopf gekrönt wurde. Es schien nichts zu geben, wovor er sich fürchtete. Deshalb war es ursprünglich seine Idee gewesen, die unheimliche Höhle am Fuss des Berges Aurîg aufzusuchen. Anêrios war knapp ein Jahr jünger als sein Freund, von etwas kleinerer und kräftigerer Statur, er hatte eine weizenblonde Haarmähne und blitzende blaue Augen, aber seine Unternehmungslust war nicht weniger ausgeprägt. Den kühnen Gedanken, zu der verbotenen Höhle zu rudern, hätte er allerdings nicht von sich aus gefasst, wenn Tarvo nicht gewesen wäre. Nachdem jener an der letzten Paktfeier am Eingang der Höhle teilgenommen hatte, wollte er seinem Freund nun unbedingt zeigen, was er dort entdeckt hatte.
«Es ist eine Woche her seit dem Fest», sinnierte der Rotschopf. «Der Drache hat die beiden inzwischen bestimmt geholt und gefressen. Sie sind längst tot.»
Anêrios erschauderte bei diesem gleichmütig vorgebrachten Kommentar. Er hatte die beiden jungen Leute nicht gekannt, welche anlässlich des herbstlichen Dubosantionfestes zum Erntedank in einer feierlichen Prozession hierhergeführt worden waren. Sie waren jedenfalls nicht aus Vernausium gewesen. Da Tarvo im vergangenen Sonnenlauf durch seinen vierzehnten Winter gegangen war, hatte er erstmals Zeuge dieser grausamen Zeremonie sein müssen. Sein Namensstein würde im kommenden Jahr auch in der Orakelschale liegen, wenn die Priester an den Sonnwendtagen die neuen Lose zogen. Er war jetzt Teil der Gemeinschaft der Dienenden, welche dazu ausersehen war, den tobenden Drachengott Urâgus zu besänftigen und das Wohlergehen der Vendolindier in diesem Land zu sichern. Deshalb wurden dem Ungeheuer zweimal jährlich ein Bursche und eine Jungfrau aus den Dörfern Vendolindiums als Opfergabe dargebracht. Die Priester nannten diese wiederholt stattfindende kultische Handlung Die Erneuerung des Paktes. Die regelmässigen Opferungen vermochten den zürnenden Drachengott jeweils soweit zu beschwichtigen, dass er die Menschen während der restlichen Zeit des Jahres verschonte. Alljährlich fielen ihm auf diese Weise vier junge Menschen aus den Umlanden des Sees zu. Seit ungezählten Jahren wurde es nun bereits so gehalten. Anêrios konnte sich nicht entsinnen, dass es jemals anders gewesen wäre.
Und nun befanden sie sich selbst an diesem furchterregenden Ort, wo sich das Monstrum seine Menschenopfer vorwerfen liess, um seinen Pakt mit dem Seevolk zu bekräftigen. Anêrios fröstelte es am helllichten Tage. Er war sich plötzlich absolut sicher, dass es keine gute Idee gewesen war, hierher zu kommen. Seine närrische Neugierde hatte ihn diesmal entschieden zu weit getrieben.
Aber Tarvo schien immer noch keine Angst zu empfinden. Er legte seinem verunsicherten Gefährten die Hand auf die Schulter und lächelte ihm aufmunternd zu.
«An der Felswand dort drüben haben sie die beiden angekettet», erklärte er in nüchternem Tonfall. «Die Priester haben die Namenssteine der Unglücklichen in die Höhle geworfen. Dann wurde getrommelt und gesungen. Die Leute waren wie im Rausch. Den Opfern haben sie irgendeinen Trank eingeflösst. Vielleicht waren sie deshalb so still, als wir sie zurückliessen. Das war wohl nicht immer so. Mein Grossvater hat mir erzählt, dass die Angstschreie der Geopferten früher manchmal über den offenen See bis nach Lyesia und Taralêgis zu hören gewesen seien, wenn der Wind talaufwärts wehte ...»
«Ich weiss nicht, ob ich das alles so ausführlich wissen will», unterbrach ihn der Jüngere beklommen und blickte sein Gegenüber gequält an. «Wie kannst du nur so unbekümmert darüber sprechen? Dein Name liegt doch nun auch in der Losurne. Du könntest der Nächste sein.»
Anêrios bereute diese bissige Bemerkung sofort. Ein solches Schicksal war gewiss das letzte, was er seinem Freund wünschte. Tarvo war mit Abstand sein engster Vertrauter. Da Anêrios seine Mutter früh verloren hatte, besass er keine Geschwister. Mit dem unerschrockenen Rotschopf hätte er sich jedoch selbst in das verfluchte Land Nemetônia gewagt oder sich mit ihm auf die Suche nach der sagenumwobenen Goldenen Stadt Aureoclastis begeben. Und mit keinem anderen hätte er den gefahrvollen Weg zur grausigen Opferstätte des Drachengottes Urâgus auf sich genommen. Das wollte etwas heissen, es war ein echter Freundschaftsbeweis.
Aber wer wusste schon, ob der zornige Gott nicht längst seine flammenden Augen auf sie geworfen hatte – und ob ihr Leben darob nicht in höchster Gefahr schwebte.
Anêrios rang sein Unbehagen tapfer nieder und fügte versöhnlich hinzu: «Ich meine, die Wahrscheinlichkeit ist ja eigentlich sehr klein, dass es dich trifft. Es gibt viele Dörfer in Vendolindium – und viele Dienende, deren Namenssteine nun allesamt in den Schicksalsurnen liegen.»
«Alle jungen Burschen und Mädchen, die ihren vierzehnten Winter durchlaufen haben, müssen ihre Namenssteine in die Losschalen legen», bestätigte Tarvo. «Nur wenn du früher heiratest, fällst du raus ... Das ist die Lösung, Êrio!» Ein schelmisches Grinsen stahl sich über das laubfleckige Gesicht des grösseren Jungen. «Wir sollten uns beizeiten darum kümmern, den Bund zu knüpfen. Wie hältst du es denn mit Ariovinna? Vielleicht müsstest du langsam ernst machen mit der Sache und bei Drugantos um ihre Hand anhalten.»
«Ach hör schon auf», wies Anêrios die anzügliche Bemerkung zurück. «Du weisst, dass ich noch zu jung bin. Die wenigsten von uns heiraten in diesem Alter.»
Unvermittelt blitzte hoch über der Felswand ein grelles Licht auf. Anêrios war so hinter der Steinsäule positioniert, dass er es deutlich erkennen konnte.
«Hast du das gesehen?» fragte er erschrocken. «Dort oben ist etwas. Wir sollten schleunigst das Weite suchen. Mir reicht vollauf, was ich hier gesehen habe.»
Er sprang hastig auf.
Der Ältere hielt ihn lächelnd zurück. «Was soll schon sein?», wandte er ruhig ein. «Das Ungeheuer hat vor einer Woche gefressen. Es schlummert jetzt arglos in der Tiefe des Berges und träumt von seiner nächsten Fütterung. Und ausser uns wagt sich ohnehin niemand hierher. Komm, wir gehen etwas näher heran. Wir haben es bisher ohne Schwierigkeiten geschafft. Unsere gute Seegöttin Vendolindia hält ihre schützende Hand über uns.»
Vendolindia war die Schirmherrin der Fischer und Schiffer am See – und seit jeher war sie ihrem Stammvolk, den Vendolindiern, sehr gewogen. Während der tollkühnen Überfahrt der jungen Waghälse hatte sie wohl tatsächlich über sie gewacht, denn nichts und niemand hatte sich den beiden Burschen bei ihrem verwegenen Unterfangen in den Weg gestellt.
Tarvo schien das Aufleuchten über der Fluh nicht gesehen zu haben. Oder es beirrte ihn nicht. Gelassen erhob er sich und trat durch den Halbkreis der Megalithen vor den Höhleneingang. Diese Felssäulen mussten sehr alt sein und waren eindeutig von menschlicher Hand bearbeitet worden. Anêrios erkannte in den Stein gehauene Symbole. Das achtspeichige Rad wiederholte sich immer wieder. Es versinnbildlichte bei den Vendolindiern und ihren Nachbarn den Lauf des göttlichen Jahres mit seinen heiligen Feiertagen und Übergängen. Aber auch verschlungene Ornamente und Darstellungen von mythischen Tieren und Ungeheuern waren zu erahnen. Ein monströser Drachenkopf mit dolchartigen Zähnen stach Anêrios ins Auge. Dieses naturgetreue Bildnis verstärkte seine Abneigung gegen diesen Ort auf erschreckende Weise.
Unter der hochragenden Felswand huschten sie zu jener Stelle, wo das schäumende Wildwasser aus dem gähnenden Höhlenschlund zutage trat. Beidseits des Bachgerinnes staken blutverkrustete Stierschädel auf Holzpfählen. Sie schienen die Ankömmlinge geradezu höhnisch anzugrinsen. Zu gewissen Zeiten sprudelte hier viel mehr Wasser aus der Tiefe heraus als üblich. Wenn Urâgus zürnt, so sagten die Leute in den Dörfern am See, dann schiesst das Wasser brüllend aus seiner unterirdischen Heimstatt. Wenn es hingegen ruhig dahinplätschert, dann schläft der blutsaufende Drachengott.
«Schau, Êrio», bemerkte Tarvo scheinbar beiläufig und deutete auf den ausgewaschenen Felsenkanal. «Der Bach führt derzeit wenig Wasser. Wie ich schon sagte, die Bestie liegt im Tiefschlaf.» Er schenkte seinem jüngeren Freund ein Lächeln voller Zuversicht, so dass dieser gar nicht anders konnte, als ihm zu glauben.
Es war empfindlich kühl im Schatten der himmelragenden Felswand. Anêrios bezweifelte freilich, dass die Gänsehaut auf seinen Armen bloss davon herrührte. Wenn Tarvo nicht furchtlos weiter in die Höhlenöffnung hinein geschritten wäre, hätte er sich längst aus dem Staub gemacht. Die bedrohliche Stimmung dieses Ortes kroch erneut wie eine zähe Masse in seine Brust und verdichtete sich dort zu einem beengenden Kloss. Anêrios wagte sich nur zaghaft weiter vor. Das Knirschen des Gerölls unter seinen Ledersohlen erzeugte einen lauten Widerhall an den Wänden des Höhleneingangs. Wie ein lichtloses Auge schien ihn die finstere Öffnung hinter dem tosenden Wasser des Baches anzustarren. Irgendwo dort drin lauerte ein namenloser Schrecken. Den Blutschlinger nannten seine Leute den Drachengott mit Abscheu. Dieses Ungeheuer zehrte ihr Volk auf. Und er war so leichtsinnig, dem Scheusal die Ehre eines freiwilligen Besuches zu erweisen.
«Komm schon, Tarvo, es reicht jetzt», zischte Anêrios so leise wie möglich und stellte fest, dass die Angst ihm die Worte in der Kehle feststecken liess.
Tarvo war im Schatten des Höhleneingangs vor ihm nur noch undeutlich zu erkennen. Ein metallisches Klirren ertönte aus seiner Richtung. Das Geräusch löste in Anêrios Panik aus. Er brachte keine Silbe mehr hervor.
«Das sind die Ketten, womit die Opfer jeweils an den Felsen geheftet werden», erläuterte Tarvo seinen Fund mit einer Art von Begeisterung, welche Anêrios die Haare zu Berge stehen liess. «Und da hinten muss das grosse, krumme Signalhorn sein, mit dem sie das Biest gerufen haben.»
Anêrios beobachtete atemlos, wie sein wagemutiger Freund in der Dunkelheit verschwand. Er fühlte eine erdrückende Last auf seinem Herzen und war unfähig, tiefer in die Höhle einzutreten. Zu seinem Entsetzen stand er nun nicht mehr auf Geröllschutt, sondern auf einem Trümmerfeld zersplitterter Knochen. Er glaubte, die Bruchstücke von Schädeln, Wirbeln und Rippen zu erkennen. Der ganze Eingangsbereich war übersät mit den verstreuten Überresten von Gerippen. Darunter waren eindeutig auch menschliche Gebeine auszumachen. Der Junge rang nach Luft, er befürchtete, jeden Moment ersticken zu müssen.
«Da ist es!», rief Tarvo aus der Dunkelheit eine Spur zu laut, so dass er das Rauschen des Baches mühelos übertönte. «Mit diesem Horn haben sie den Drachen gerufen, bevor sich die Prozession zurückzog und die beiden Erwählten alleine liess. Von welchem Wesen stammt wohl dieses urwüchsige Ding? Ich frage mich, ob ich das Ungeheuer jetzt gleich wecken könnte damit.»
Ist dieser Kerl denn eigentlich wahnsinnig!
Anêrios nahm allen Mut zusammen und sprengte die Fesseln der lähmenden Furcht, die seine Kehle zuschnürte. «Hör auf, du Tor, weisst du denn nicht, welche Mächte du hier heraufbeschwörst?», rief er entrüstet in die Schwärze hinein. «Lass uns endlich abhauen.»
Tarvo tauchte so überraschend wieder aus der finsteren Höhlentiefe auf, dass Anêrios unweigerlich zurückprallte. Obwohl das Licht im Schatten des Höhleneingangs gedämpft war, glaubte der Junge in den Augen seines älteren Gefährten einen fiebrigen Glanz zu erkennen.
«Du fürchtest dich», wisperte Tarvo und fasste Anêrios am Handgelenk. «Zu Recht. Dies ist der Eingang in ein schreckliches unterirdisches Reich. Vielleicht beginnt da drinnen tatsächlich Anunnion, das dunkle Land der Schatten. Oder der Orcus, wie sie in Raûlium sagen.»
Er zog den Jüngeren etwas vom Bach weg in eine Nische, die sich seitlich auswölbte. Dort war seine Stimme besser zu verstehen. «Ich will dir jetzt etwas verraten, Êrio. Ein Geheimnis.»
Er sah Anêrios eindringlich an und suchte einen Moment nach den geeigneten Worten. «Meine Eltern haben mich ermahnt, es niemandem ausserhalb der Familie anzuvertrauen. Aber du bist der Freund meines Herzens, mehr noch, du bist wie ein Bruder für mich. Etwas Wahrhaftiges verbindet unsere Seelen, mehr als Blutsbande dies vermögten.»
Anêrios starrte sein Gegenüber bestürzt an, unfähig zu ergründen, welche Offenbarung ihm nun bevorstehen mochte.
«Nach meiner Geburt», fuhr Tarvo flüsternd fort, und das Gewicht seiner Worte schien die bedrückende Dunkelheit um sie herum etwas zu verscheuchen. «Nach meiner Geburt suchte mein Vater die Valâda auf, die auf einer Insel in den Schwarzaugensümpfen haust. Sie ist eine Seherin vom alten Blut. Sie kennt die Lebensfäden der Vendolindier und liest ihr Geschick im Gewebe von Leben und Sterben. Da ich sein Erstgeborener war, ging mein Vater zu ihr, um sie nach meinem Schicksal zu befragen. Die Valâda hat ihm prophezeit, dass es mir dereinst bestimmt sei, den erlösenden Stein zu werfen, um unserem unterdrückten Volk dadurch den Weg zur Freiheit zu bereiten. Ein brüderlicher Freund in tiefster Seele würde dabei mein Zeuge sein.»
Anêrios blieb ob dieser Enthüllungen die Sprache weg. Er hatte schon oft gehört, dass die Weissagungen der Valâda niemals von ungefähr kamen. Die Götter schienen Tarvo ein aussergewöhnliches Leben zugedacht zu haben. Aber ob er selbst wohl mit dem brüderlichen Freund gemeint war?
«Deshalb, Êrio», fügte Tarvo hinzu, und er sprach nun ganz langsam und erfüllt von einer ernsthaften Feierlichkeit, «ist heute noch nicht das Ende meiner Tage. Und auch nicht dein Ende. Denn wir sind zusammen hier. Und ich spüre untrüglich, dass uns nichts geschehen kann.»
Er atmete hörbar aus und hielt einen Moment inne. «Demnach wird das Los auch nicht auf meinen Namen fallen, wenn die Priester demnächst wieder das Orakel befragen, um die Erwählten zu erküren. Ja, ich habe die vierzehn Winter überschritten und mein Name wird in der Losschale liegen. Aber es ist nicht mein Schicksal, dem Blutschlinger anheimzufallen. Und deines auch nicht.»
Unvermittelt kullerten Steine von der Felswand herab und zersprangen mit lautem Knallen vor dem Höhleneingang. Die beiden Burschen wurden jäh aus ihrem vertraulichen Zwiegespräch herausgerissen und fuhren zusammen.
Tarvo verzog das Gesicht und sprang aus der Felsennische. «Es ist Zeit», zischte er, «wir müssen jetzt gehen.»
Dicht an die schützende, überhängende Felswand gedrängt eilten die Jungen aus dem Schatten des Höhleneingangs und sprangen zwischen den Stelen hindurch an das blendende Tageslicht hinaus, welches die Seefläche unter ihnen wie ein unermesslicher Spiegel reflektierte. Allen Befürchtungen zum Trotz blieb es in der Fluh über ihnen ruhig.
Aber plötzlich nahm Anêrios ein Aufblitzen im herbstdürren Kraut vor sich wahr. Es handelte sich um einen kleinen metallischen Gegenstand, der im Sonnenschein glänzte. Rasch bückte er sich und hob das augenfällige Ding hoch. Es war eine bronzene schimmernde Scheibe, annähernd so gross wie seine Handfläche. Obwohl ihre Oberfläche zerkratzt war, liess sich das eingravierte Bildnis eines Adlers mit gespreizten Schwingen darauf erkennen. Für Anêrios Auge wirkte dieses Fundstück wie eine prunkvolle Gürtelschliesse oder eine Fibel, die jemand hier verloren haben musste. Oder gehörte das kostbare Stück vielleicht ebenfalls zu den Opfergaben für den Drachengott?
«Ein Zeichen», flüsterte Tarvo über Anêrios’ Schulter und lächelte. «Siehst du, mein Freund, die Götter haben uns einen besonderen Weg zugedacht. Wer weiss, welche Gunst des Schicksals uns durch diesen Bronzeadler zulächelt.»
Die beiden abenteuerlustigen Burschen warfen sich vielsagende Blicke zu. Anêrios steckte den unerwarteten Fund achselzuckend ein, ohne sich viel dabei zu denken, und schickte sich an, mit seinem Gefährten über den steilen Pfad an das Seeufer hinunter zu steigen, wo ihr Nachen im Gestrüpp verborgen lag.
Anêrios’ Vater Ambaros baute die besten Weidlinge in Vernausium. Im Verlaufe unzähliger Generationen hatte seine Sippe diese Handwerkskunst vervollkommnet und bestritt damit seit jeher ihr Auskommen. Es hiess, dass die Göttin Vendolindia Ambaros besonders gewogen sei. Im Dorf wurde gar gemunkelt, er stünde wie die altvorderen Schiffbaumeister von Vendolindium mit dem geheimnisvollen Wasservolk der Lindônen im Bunde, dessen gläserne Städte sich in den tiefen Abgründen des Sees Vendolindon verbargen ... Vielleicht schwamm sein einziger Sohn Anêrios deshalb wie ein Fisch und vermochte ungleich länger zu tauchen als alle anderen Leute. Seine Finger- und Zehennägel hatten eine blasse blaugrüne Färbung, und die Hautlappen zwischen seinen Fingern und Zehen waren sehr ausgeprägt, sie sahen beinahe aus wie seltsame Schwimmhäute. Sein Vater behauptete immer, Anêrios’ Mutter hätte diese Merkmale einst auch besessen.
Der Junge hatte seine Mutter allerdings nie gekannt. Man hatte ihm lediglich gesagt, sie sei kurz nach seiner Geburt gestorben. Er war seines Vaters einziges Kind und er hatte ihn oft nach ihr gefragt. Aber Ambaros verfiel jedes Mal in eine schwermütige Stimmung, wenn die Sprache darauf kam. Es war beinahe, als läge ein dunkler Schatten über der Verbindung von Anêrios’ Eltern. Oder vielleicht kam sein Vater einfach nicht über den Verlust seiner dahingegangenen Gefährtin hinweg und grämte sich vor Trauer.
Wenn ich einst das Alter dafür habe, werde ich auch zu der Valâda in die Sümpfe gehen, so wie Tarvos Vater, um das Geheimnis um meine Herkunft zu ergründen.
Ambaros hatte seinen Sohn gelehrt, dem See und seinen Mächten allzeit die erforderliche Ehrfurcht entgegenzubringen. Er pflegte nie ohne die übliche Opfergabe und die rituelle Schutzformel auf den See hinauszurudern. Die vorspringende Bugspiere seines Nachens war auffallenderweise mit einer langen Strange silberweiss schimmernden Haares umwunden. Diese stammte angeblich von einer Lindôna, einer Wasserfrau, und für Ambaros und die anderen Fischer auf dem Vendolindon galt sie als Talisman für besonderen Schutz und Segen im wässerigen Reich der Seegöttin Vendolindia.
An diese besondere Beziehung seiner Familie zum See und zu dessen Geheimnissen musste Anêrios unweigerlich denken, als er mit Tarvo in den schwankenden Weidling am Fuss des Drachenberges stieg. Er nahm Platz auf seinem Bug und strich geradezu zärtlich über das Sirenenhaar an der vorspringenden Spiere. Mittlerweile plagten ihn Gewissensbisse, dass er die Krankheit seines Vaters schamlos ausgenutzt hatte, um dessen Boot zu entwenden. Anêrios wusste nur zu gut, dass dieser Nachen für Ambaros eine nahezu heilige Bedeutung hatte. Deshalb bemühte er sich, die Traditionen seines Vaters jetzt gerade ganz besonders zu ehren. Er warf eine kleine türkisfarbene Glasperle in das glitzernde Wasser und murmelte die traditionelle Fürbitte für eine sichere Überfahrt an die Seemutter Vendolindia.
Tarvo hatte sich derweil im Heck des mehr als drei Mannlängen messenden Flachbootes niedergelassen und stiess das Gefährt mit einer langen Stange vom Felsenufer ab. Anschliessend ergriffen die beiden Burschen zwei abgeplattete Ruder mit kurzen Schäften und hielten mit geübten, gleichmässigen Stössen auf das offene Wasser hinaus. Sie glitten an einer hölzernen Plattform vorbei, die in den See hinausgebaut war. Hier legten anlässlich der Prozessionen an den Paktfeiern jeweils viele Boote an. Für die prunkvolle Barke der Urâgus-Priesterschaft gab es einen eigenen Anlegesteg, der von bemalten Holzpfählen mit furchteinflössenden Drachenkopfschnitzereien gestützt wurde. Hier begann der Fussweg, der in steilen Windungen zum Höhleneingang hinaufführte. Er war stark ausgetreten und die Felsen, in die der Steig gehauen war, waren durch die generationenlange Begehung regelrecht glattgeschliffen.
Als sie sich bereits ein Stück weit vom Ufer entfernt hatten, blickte Anêrios nochmals über die Schulter zum Höhlenportal am Fuss der himmelhohen Felswand hinauf. Die Erinnerung an diesen unheilvollen Ort jagte ihm einen Schauder über den Rücken, obwohl die Herbstsonne warm auf den See herabschien. Gleichzeitig klang Tarvos geheimnisvolle Enthüllung in ihm nach, und er wunderte sich, welche tiefere Bedeutung diese rätselhafte Weissagung wohl in sich barg. Er hoffte bloss, dass ihr Ausflug an diesen verbotenen Ort unbemerkt geblieben war. Üblicherweise gab es auf dieser Seeseite kaum Bootsverkehr, denn niemandem, der bei klarem Verstand war, wäre es in den Sinn gekommen, ohne den schützenden Beistand der Priesterschaft in die Gewässer am Fuss der Drachenhöhle vorzudringen. Und weiter westlich befand sich das Hoheitsgebiet der mächtigen Seestadt Raûlium, welches die einfachen Fischer der umliegenden Dörfer ebenfalls mieden, um keine Auseinandersetzungen mit deren hochmütigen Bewohnern zu riskieren.
Zugunsten einer besseren Deckung lenkten Anêrios und Tarvo ihren Nachen im Schatten der uralten, knorrigen Bäume, welche das felsige Ufer auf der Nordseite des Vendolindon bestanden. Hier war die Wahrscheinlichkeit am geringsten, entdeckt zu werden.
«Wollen wir einen kurzen Blick auf die Weisse Stadt werfen?»
Tarvos euphorische Stimme schreckte Anêrios unvermittelt aus seinen Gedanken hoch. «Es wäre doch jammerschade, diese Gelegenheit zu verpassen, jetzt wo wir schon so nahe heran sind», bemerkte der Gefährte unternehmungslustig.
Tarvo schien wirklich keine Gelegenheit auslassen zu wollen, um seine Tollkühnheit unter Beweis zu stellen. Raûlium war die grösste und wohlhabendste Stadt am See, der Sitz des Procurators8, eines machthungrigen Despoten, der für die Ausbeutung seiner Goldminen im Baranbannogebirge fast unerschöpflichen Bedarf an Sklaven hatte. Da die Vendolindier aber dem König von Byrgondia tributpflichtig waren und unter dem Schutz des Centenarius9 Theudoricius von Dûnon standen, liessen die Schergen des Procurators die Bewohner der Seedörfer notgedrungen in Ruhe. Die Befürchtung in Vendolindium war jedoch gross, dass sich dieser Zustand gelegentlich ändern mochte, nachdem Theudoricius unlängst an der Seite des byrgondiônischen Königs Godemâr in den Krieg gegen die eindringenden Farancier gezogen war und auf unbestimmte Zeit fernab seines Stammlandes weilte. Ohne den beschirmenden Beistand des Centenarius mochte es den skrupellosen Herren der Weissen Stadt früher oder später nach den Erzeugnissen und Arbeitskräften der Vendolindier gelüsten.
Während Anêrios noch darüber nachgrübelte, ob er sich wirklich auf Tarvos Vorschlag zu einem neuerlichen Abenteuer einlassen und sich der verrufenen Stadt annähern wollte, hatten sie eine dicht bewaldete Felsnase erreicht, welche weit in den See vorsprang und die Sicht auf die dahinter liegende Uferpartie verwehrte. Mächtige Eiben, Eichen und Ilexbäume ragten hier weit auf die dunkle Wasserfläche hinaus. Der ältere Ruderer machte keine Anstalten, den Kurs zu ändern, wie es jetzt eigentlich längst angezeigt gewesen wäre, um den See zu queren, sondern er hielt sich weiterhin beharrlich an die Uferlinie. Unvermittelt glitten sie an der Landzunge vorbei und kniffen die Augen zusammen, als ein unerwarteter Glanz sie blendete.
Keine halbe Leuge10 entfernt erhoben sich die strahlendweiss getünchten Mauern von Raûlium in den klaren Herbsthimmel und fingen die ganze Leuchtkraft der Nachmittagssonne ein. Die Stadt war auf einem Felssporn direkt über dem See errichtet und besass am Fuss dieser natürlichen Bastion ein zusätzlich ummauertes Hafenbecken, welches sich ein Stück weit in das Wasser hinaus erstreckte. Ein Kranz von wuchtigen Türmen betonte den wehrhaften Charakter der Anlage. Am eindrücklichsten waren aber gewiss die ineinander verschachtelten Steildächer und Kuppeln, die sich hinter die beschirmende Ringmauer drängten und allesamt schimmerten wie aus schierem Gold. Zuoberst auf dem Felsen thronte die Weisse Zitadelle, eine Palastanlage von verschwenderischer Pracht, in welcher der Procurator residierte. Im Rücken der unwirklich erscheinenden Stadt reckte der schroffe Berg Baranbanno seine kahle Felsenspitze über die Weinberge und Wälder himmelwärts. Zuoberst auf der kühnen Zinne glomm ein helles Licht. Es war der Widerschein eines gewaltigen goldenen Adlerstandbildes, welches von seiner hohen Warte aus über die reiche Stadt wachte.
Der Blick auf diese ausserordentlich prachtvolle Erscheinung erweckte den Eindruck, dem entrückten Land der Götter nahe zu sein.
Aber den jungen Schiffern blieb nur wenig Musse, um sich an diesem Bild zu weiden, denn kaum waren sie um die Felsnase herumgebogen, dröhnte unvermittelt der dumpfe Klang eines Signalhorns über das Wasser. Kaum drei Steinwürfe von ihrem Nachen entfernt steuerte eine grosse Prunkbarke auf sie zu. Die Zierfigur am Bug des grossen Schiffes stellte einen hoch aufgerichteten, goldenen Adler mit stolzem Blick und abgespreizten Schwingen dar, der wie ein beutegieriges Raubwesen geradewegs auf sie zustrebte. Auf dem dahinter liegenden Deck war eine Art Baldachin aus rotem Tuch aufgespannt, über dem ein Banner wehte, das ebenfalls einen Goldadler auf rotem Feld zeigte. Ein hünenhafter grobschlächtiger Mann in einem messingglänzenden Brustpanzer, der eine lange geschwungene Peitsche in der Faust hielt, beugte sich über den Schiffsbord zu ihnen herüber. Zwei Riemenreihen trieben das schwerfällig wirkende Gefährt an. Auf ein scharfes Kommando des Hünen tauchten die Ruder jetzt alle gleichzeitig wie die Beine eines riesigen Käfers in das Wasser und bremsten die Barke erstaunlich schnell ab.
Tarvo war beim Anblick des unerwartet aufgetauchten schwimmenden Goldadlers jäh aus seinem Erstaunen herausgerissen worden und zum langen Heckruder gestürzt, um ihren Nachen rechtzeitig herumzureissen. Einen Zusammenprall mit der weitaus mächtigeren Barke hätten sie nicht überstanden. Aber der Führer des grösseren Schiffes schien sie nicht versenken zu wollen und brachte die goldene Barke mit seinem erfolgreichen Haltemanöver zum Stehen, ehe es zu einem verhängnisvollen Zusammenstoss kam. Drohend richtete sich der vergoldete Galionsadler über dem Weidling der beiden jungen Burschen auf und warf seinen einschüchternden Schatten über sie. Die Umrisse mehrerer Gestalten waren im Gegenlicht zu erkennen, welche anscheinend genauso verwundert zu ihnen hinüber äugten wie umgekehrt. Zwei lange Stangen mit Hakenenden reckten sich über das Schanzkleid der Barke und fingerten nach dem schmächtigen Nachen der Jungen.
Für Tarvo und Anêrios gab es kein Entrinnen mehr. Die beiden Burschen beobachteten fassungslos, wie zwei Männer zu ihnen herübersprangen und ihr Boot mit starken Stricken an der Barke festmachten. Dann wurden sie von kräftigen Händen gepackt und in den Bug des schwankenden Fischerkahns gezerrt. Der stiernackige Schiffsführer funkelte sie zornig an. Er trug unter seinem kostbar verzierten Brustpanzer eine vornehme Tunika11 in satten Rot- und Gelbtönen. Ein polierter Messinghelm nach romanischer Machart mit einer purpurrot eingefärbten Quaste aus Pferdehaar sass schief auf seinem kantigen, glatt geschabten Kopf. Um den muskulösen Hals trug der Hüne eine auffällige Kette aus krummen Bärenzähnen, die vernehmlich gegen die Rüstung klapperten.
«Furor furibundus12! Was habt ihr in den Gewässern des Procurators zu suchen?», fuhr er die überrumpelten Jünglinge mit rauer Stimme an. Er sprach in der Lingua Romana, wie sie überall in den ehemaligen Provinzen des zerfallenen Imperiums geläufig war. Obwohl dies nicht die Muttersprache der Vendolindier war, verstanden sie diese Zunge leidlich. Alle ehemaligen Untertanen und Föderaten13 der Romanen benutzten sie als gemeinsame Verkehrssprache.
«Lausiges Pack, wisst ihr denn nicht, dass jegliches Eindringen auf diese Seeseite bei Strafe verboten ist?», donnerte die Stimme des ungeschlachten Schiffsführers.
Tarvo gewann als erster die Fassung wieder. «Wir bitten dich um Verzeihung, Dominus14», stammelte er verlegen, «wir haben zu spät bemerkt, dass wir uns der Stadt annähern. Eigentlich befinden wir uns bloss auf Fischfang und sind ein bisschen vom gewohnten Kurs abgekommen.»
Eine zweite Gestalt trat vor die Sonne. Kleiner und gedrungener als die erste, aber mit aufgerichteter würdevoller Haltung. Es war ein Mann in einem kostbaren langen Mantel, auf dessen schulterlangem gelocktem Haar nach Art der Priester ein Kopftuch mit einem reich ornamentierten kronenartigen Aufsatz ruhte. Er legte dem Schiffsführer geradezu väterlich die Hand auf den Arm.
«Auf diesem See kann man sich nicht verirren, Beligomâgus?», sprach er mit auffallend hoher und näselnder Stimme zu ihm. «Ich habe eher den Eindruck, sie sind ein Zeichen des Goldenen Gottes. Es ist ein besonderer Tag heute. Schafft sie her.»
Auf seinen Wink hin wurden Anêrios und Tarvo grob auf die Barke hinübergestossen.
Das grössere Schiff war mindestens so prunkvoll, wie es auf den ersten Blick gewirkt hatte. Etwa ein Dutzend Männer in weissen Tuniken hielten sich auf dem Deck auf. Einige trugen mit glänzenden Messingbeschlägen verzierte Lederpanzer und waren mit Lanzen und Kurzschwertern bewaffnet. Unter dem roten Baldachin im Heck sass eine junge Frau in einem blütenweissen, langen Gewand und mit aufwendig aufgesteckter Frisur. Sie schien von hoher Abkunft zu sein, wie die drei Dienerinnen bewiesen, welche sie umgaben. Auf beiden Seiten des langgezogenen Schiffes kauerten angekettete Sklaven auf flachen Ruderbänken, etwa zwei Dutzend an der Zahl. Sie erweckten einen erbärmlichen Eindruck.
Anêrios war zuvor nie in die Nähe der Weissen Stadt und ihrer Bewohner gekommen. Alles, was er über sie wusste, hatte er aus den Erzählungen im Dorf vernommen. Der ungewohnte Anblick ihrer üppig zur Schau gestellten Pracht blendete ihn beinahe. Zugleich verursachte ihm das unglückliche Los der erniedrigten Rudersklaven grosses Unbehagen.
Während der grobknochige Kerl mit der Peitsche sie immer noch verächtlich musterte, trat nun dessen Begleiter mit dem würdevoll priesterlichen Aussehen näher an sie heran. Sein Mantel bestand aus einem edlen karminroten Tuch und war an den Säumen aufwendig mit Goldfäden bestickt. Das füllige unbewegte Gesicht war von auffällig dunkler Hautfarbe und verriet ein gesetztes Alter, es war sauber barbiert und wies merkwürdigerweise keine Augenbrauen auf. Der Blick der dunklen Augen unter dem ebenfalls blutroten Kopfschleier und der goldglänzenden Kopfbedeckung in Gestalt eines stilisierten Löwenhauptes wirkte auf unangenehme Weise einnehmend.
«Nennt uns eure Namen», forderte der pompöse Priester die beiden Jünglinge in gelassenem Tonfall auf.
Während Anêrios noch immer um seine Fassung rang, verneigte sich Tarvo an seiner Seite umständlich und sprach mit verlegener Stimme. «Ich bin Tarvônius, Sohn des Korbflechters Gobanôr aus Vernausium. Dies ist mein Freund Anêrios, Sohn des Bootsbauers Ambaros. Es tut uns leid, dass wir unsere angestammten Fischgründe unbefugt verlassen haben.»
Der Priester verzog sein starres Gesicht zu einem freudlosen Lächeln, dem jegliche Wärme und Anteilnahme fehlten. «Ihr seid aus jener Richtung gekommen, wo die Höhle des Löwenköpfigen liegt. Habt ihr etwa den Herrn der Heiligen Dunkelheit behelligt?» Ein gefährliches Blitzen fiel aus den rauchigen Augen des Sprechenden.
Tarvo schwieg unbehaglich, und auch Anêrios fühlte sich unfähig, etwas von sich zu geben. Mit zornfunkelnden Blicken mass der Rotgewandete die beiden verstörten Jünglinge. Der Gerüstete umfasste derweil seine Peitsche mit beiden Händen und ging mit schwerfälligen Schritten um die Burschen herum. Mit geübten Griffen fingerte er an Anêrios’ Gürteltasche herum und nestelte etwas daraus hervor.
Es war die verzierte Scheibe, die dieser vom Höhleneingang mitgenommen hatte.
Die Augen des Schiffsführers verengten sich zu lauernden Schlitzen, als er das Objekt dem Priester hinstreckte. Mit einem Ausdruck von Missbilligung nahm dieser das Fundstück an sich. Die groben Hände des Hünen betasteten nun prüfend die Oberarme, Schultern und Kreuzpartien der beiden Jünglinge, beinahe so, als untersuche er interessante Tiere auf dem Viehmarkt.
«Sie sind kräftig und haben ein gutes Alter», brummte er mit sichtlichem Wohlgefallen. «Und wenn sie so erpicht darauf sind, unsere vielgerühmte Gastfreundschaft kennenzulernen, dann sollten wir sie ihnen nicht vorenthalten.»
Er packte Tarvo am Haarschopf und zog dessen Kopf ganz nahe an sein hämisches Gesicht heran. «Nun denn, Tarvônius, Sohn des Gobanôr, wir nehmen dich und deinen Kumpanen gerne eine Weile in unsere Obhut», raunte er schmeichlerisch und strich ihm mit seiner Peitsche über die Wange. «Wir werden euch aus der Nähe zeigen, woher unser Reichtum kommt.» Das joviale Lächeln in seiner abgebrühten Visage gefror unvermittelt zu einem Ausdruck bodenloser Verachtung. «Bei Mithras, ihr werdet in unseren Goldminen die Strafe für eure Unverfrorenheit abverdienen. Bis der erste Schnee fällt. Dann werdet ihr eure verfluchte Neugier hinreichend gestillt haben.»
Anêrios rang nach Luft. Es ging alles so schnell, dass er nicht begreifen konnte, was wirklich gerade mit ihnen geschah. Seine Arme wurden unsanft nach hinten gerissen. Auch Tarvo war jegliche Farbe aus dem Gesicht gewichen. Aber dieser gab sich plötzlich einen Ruck und erhob aufbegehrend seine Stimme: «Unser Volk untersteht dem Schutz des Centenarius von Dûnon. Ihr habt nicht das Recht, uns zu verknechten.»
Nun baute sich der stämmige Schiffsführer der Barke bedrohlich vor dem aufmüpfigen Fischerjungen auf und ballte seine klobige Faust. «Willst du wohl dein Maul halten, du erbärmlicher Abkömmling eines barbarischen Volkes. Raûlium ist das letzte verbleibende Bollwerk des Imperiums nördlich des Alpenwalls, und der Procurator vertritt den heiligen Willen des Augustus15 in diesem Land. Wie kannst du es wagen, unser Gesetz in Frage zu stellen. Warte nur, dich werde ich Mores lehren ...» Anêrios zuckte unwillkürlich zusammen, als der bärbeissige Mann seinen Freund am Kragen packte und rüde auf ihn einschlagen wollte.
Da hielt der Priester die erhobene Faust des Wüterichs beschwichtigend zurück und sprach mit besonnener Stimme auf ihn ein. «Dieser Junge hat Recht, Beligomâgus. Wir sind nicht befugt, die Leute von Vendolindium in unsere Dienste zu pressen.»
Nun sah er Tarvo scharf in die Augen. «Es sei denn, sie vergreifen sich an unserem Besitz.» Er hob die Bronzescheibe mit dem Adleremblem in die Höhe, welche der Schiffsführer Anêrios abgenommen hatte. «Dies hier gehört unzweifelhaft nicht euch. Sagt rasch, woher ihr es habt!» Seine Stimme klang auf einmal gefährlich.
«Wir haben es am Eingang der ...», wollte Anêrios bekennen, ehe ihm Tarvo mit laut vorpreschender Stimme über das Maul fuhr. «Er hat es aus dem See gefischt, als wir heute Morgen im seichten Wasser auf der anderen Seeseite die Netze einholten.»
Anêrios blickte beschämt auf die Schiffsplanken. Beinahe hätte er ihren verbotenen Ausflug zu der Höhle des zornigen Gottes preisgegeben.
Der Priester mit der Löwenkopfhaube neigte den Kopf und lächelte mit gespielter Freundlichkeit. «Wie dem auch sei, auf jeden Fall habt ihr ungeladen die Grenze unseres Hoheitsgebietes überschritten. Ihr befindet euch hier in den Gewässern von Raûlium ... und ihr tragt etwas bei euch, das uns gehört. Wir müssen davon ausgehen, dass ihr es gestohlen habt. Es steht uns demnach zu, euch angemessen für dieses Vergehen zu bestrafen.» Er liess den Arm des Schiffsführers los und nickte ihm zu.
Dieser zögerte nicht und bellte einen Befehl zu seinen Männern. «Schafft sie in den Bug. Ihren primitiven Kahn stosst zurück auf den See.»
Unerwartet liess sich vom Baldachin her die gebieterische Stimme der thronenden Frau vernehmen. «Lasst mich sehen, wen ihr da aufgegriffen habt, Amontrâkius», forderte sie mit einer Bestimmtheit, die keinen Widerspruch duldete.
Anêrios sah noch, wie sich der Priester und der Schiffsführer einen bedeutungsvollen Blick zuwarfen, dann wurde er grob herumgezerrt und in den Schatten des Zeltaufbaus auf der Heckseite der Barke gestossen. Dort sass die vornehme Frau im Kreis ihrer Domestiken auf einem kostbaren Teppich und winkte die Burschen mit einer herrischen Geste herbei. Ihr abschätzender Blick verriet eine Mischung aus Interesse und Verachtung. Verwirrt starrte Anêrios die Edelfrau an. Zu seiner Überraschung war sie nicht älter als er selbst, doch verlieh ihr das Gepränge ihrer Erscheinung eine deutliche Überlegenheit. Ihr schwarzes Haar war kunstvoll aufgetürmt und mit funkelnden Goldspangen durchsetzt. Das makellos weisse Gewand warf anmutige Falten um ihre sitzende Gestalt. Ein merkwürdiges haariges Geschöpf mit ängstlich geweiteten Kugelaugen, kaum grösser als eine Katze, sass an einer langen goldenen Kette zu ihren Füssen. Anêrios fragte sich, ob dies wohl ein gefangener Sylvân des Waldes war. Das blasse, ebenmässige Gesicht des Mädchens wirkte wie aus Marmor geschnitten. Seltsam traurig anmutende Schatten lagen unter den dunklen, glänzenden Augen. Über der erhabenen Erscheinung dieser jungen Magnatin aus der Weissen Stadt flatterte das rote Banner mit dem Emblem des goldenen Adlers im frischen Seewind.
«Auf die Knie, ihr fischfressenden Barbaren», zischte der Schiffsführer in ihrem Rücken, und Anêrios und Tarvo wurden von kräftigen Händen grob auf die Schiffsplanken gestossen. «Erweist der Filia Aurea16 von Raûlium eure Ehrerbietung an diesem hohen Tag!»
Atemlos kauerten die beiden Jünglinge am Rand des weichen Teppichs nieder und wagten kaum aufzublicken.
«Wie ungehobelt und schmutzig sie sind», bemerkte das vornehme Mädchen zu einer seiner Dienerinnen, die abfällig lächelte. «Ob sie wohl unsere Sprache verstehen?»
Tarvo räusperte sich, ohne seine demütig niedergekrümmte Haltung zu verändern. «Wir können dich verstehen, Domina17», murmelte er unterwürfig.
Die Jungfrau kicherte belustigt und betrachtete die beiden knienden Jünglinge wie eingefangene Tiere, die man ihr zur Erheiterung vorführte. Ihre langen weissen Finger fuhren verlegen durch das Fell ihres Schosstierchens. Dann blickte sie zu dem Priester auf, der inzwischen mit einem gönnerhaften Lächeln an ihre Seite getreten war. «Warum sind denn die Barbaren zu uns gekommen, Amontrâkius?», fragte sie ihn kühl. «Wollen sie mir etwas darbringen?»
Der würdevolle Mann im rotgoldenen Mantel legte die Hand auf sein Herz und neigte huldvoll den Kopf. «Gewiss, meine strahlende Gebieterin, sie haben sich eingefunden, um sich dem unvergleichlichen Glanz deines Hauses zu unterwerfen.»
Anêrios’ Kehle war auf einmal staubtrocken. Wie konnten diese Menschen so selbstverständlich über sie verfügen, ohne sie nach ihrer eigenen Meinung zu fragen? Soweit er zurückdenken konnte, hatte er von seinem Heimatdorf aus stets die Pracht der Weissen Stadt auf der gegenüberliegenden Seeseite vor Augen gehabt. Und er hatte viel über das überhebliche Wesen ihrer Bewohner gehört. Aber was soeben mit ihm und seinem Freund geschah, ging weit über alles hinaus, was er sich je über Raûlium ausgemalt hatte. Warum wurden sie behandelt wie Gefangene – und nicht wie achtbare Nachbarn? Er hörte, wie der Priester in seiner gestelzten Sprache weiter zu der noblen Jungfrau sprach.
«Sie sind unzweifelhaft ein Geschenk des Goldenen Löwen für dich, an diesem ausgesuchten Tag im Jahresrund. Wenn du willst, lasse ich sie in deinen Palast schaffen, wo sie dir zu deiner Kurzweil frommen mögen. Gewiss stehen sie dir zuallererst zu, meine strahlende Gebieterin, denn heute ist ja dein Dies Natalis18.»
Das Gesicht des Mädchens nahm einen überheblichen Ausdruck an. Es bedachte die schlotternden Burschen, die immer noch vor ihm niedergebeugt waren, mit geringschätzigen Blicken. «Der Kleinere passt gut in meinen Palastgarten. Er mag mir dort die Blumen binden. Aber wascht ihn zuerst gründlich, stutzt seine struppigen Haare und steckt ihn in saubere Kleider. Der Rotschopfige hingegen gefällt mir nicht. Sein Platz ist in der bodenlosen Grube, er soll dort nach Gold und Metallen schürfen, bis seine Zähne ausfallen.»
«Wie du wünschst, Lusilla Aquileia von Raûlium, unvergängliche Blüte deines Hauses», schmeichelte der rotgewandete Priester und gebot den Männern, die beiden in Gewahrsam zu nehmen.
Der Hüne mit dem Messinghelm donnerte einen Befehl und liess die Peitsche knallen. Sogleich legten sich die angeketteten Sklaven in die Riemen. Ein Ruck ging durch das Schiff, als es sich wieder in Bewegung setzte.
Anêrios spürte, wie eisige Beklemmung nach seiner Brust griff. Dies war eindeutig nicht ihr Glückstag! Die Seemutter Vendolindia war gewiss zornig auf sie, denn ihr leichtsinniger Ausflug zu der verbotenen Drachenhöhle hatte unverhofft ein böses Ende genommen.
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