Drecksmaden - Ralph Ardnassak - E-Book

Drecksmaden E-Book

Ralph Ardnassak

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Beschreibung

"Dabei musste sie jedoch beständig darauf achten, dass ihr keine weitere Jägerin in die Quere kam. Denn mit Argusaugen beobachtete sie ihre Mitbewerberinnen, die in reizenden Tenniskleidern, die ihre Reize gleichfalls optimal zur Geltung brachten, auf ihren Stühlen am Rande des Rasens saßen, wie Jäger auf ihren Ansitzen. Die geladenen Waffen der Damen, das waren ihre Dekolletees, ihre nackten, gebräunten, langen Beine, ihre schmalen Fesseln, ihre reizenden Knie, ihre makellosen und glatten Hälse, ihre blutroten Lippen und der stechende und durchdringende Blick ihrer Augen und der seidige Glanz ihres Haares, in dem sich tausende kleiner Reflexe des Sonnenlichtes spiegelten, ähnlich den Tautropfen an den Gräsern einer morgendlichen Wiese. Sie sah die taxierenden Augen ihrer Mitbewerberinnen, wie sie forschend und abschätzend auf die Tennis spielenden Herren gerichtet waren und dabei tatsächlich den Augen von Jägern vor dem Schuss glichen. Sie sah die Busen ihrer Mitbewerberinnen dabei vor Erregung wogen, während sie nun gleichfalls Witterung aufnahmen. Und sie meinte das brunftige Geschlecht all ihrer Konkurrentinnen regelrecht zu riechen, durch all die feinen seidenen und spitzenbesetzten Höschen und zwischen den elegant und scheinbar züchtig übereinander geschlagenen langen schmalen und braunen und durchtrainierten Beinen hindurch. Sie sah all die Damen dort drüben, die Vierzig-, die Fünfzig-, die Sechzigjährigen unter ihnen, die sich bemühten, das Äußere von Siebzehnjährigen anzunehmen und auszustrahlen.

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Seitenzahl: 187

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Ralph Ardnassak

Drecksmaden

Roman

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

I

II

III

IV

V

VI

VII

VIII

IX

X

XI

XII

XIII

XIV

XV

XVI

XVII

XVIII

XIX

XX

XXI

XXII

XXIII

XXIV

XXV

XXVI

Impressum neobooks

I

Der Staat ist die nüchterne, blutleere

Maschinerie, die das Funktionieren

der kapitalistischen Ausbeutung garan-

tiert, sonst nichts. Seine Einrichtungen,

Militär, Justiz, Polizei, selbst Schule

und Kirche sind nur Hilfsmittel dieser

einzigen Funktion des Staates. Aber sie

werden mit dem Schimmer eines sitt-

lichen Prinzips umkleidet …

(Erich Mühsam)

In einem Staat gibt es nichts Ge-

fährlicheres, als eine Körperschaft, deren

Interesse nicht mit dem allgemeinen

Interesse verknüpft ist.

(Claude-Adrien Helvetius)

Eine erfolgreiche und wohlhabende, ja reiche Familie, ist nicht nur ein Segen. Im Gegenteil! Sie kann ein Fluch sein, wenn sie eine beständige Erwartung repräsentiert. Einen Karrierewunsch, der wie ein unerfüllbarer Anspruch, dem man gerecht zu werden hat, über einem hängt!

Eine reiche und wohlhabende Familie ist ein Parasit und ein nimmer satter Moloch zugleich, mit dem man geboren wird, als hätte man einen Mühlstein am Hals. Und dies alles umso mehr, sofern da noch Geschwister existieren, die stets neben einem stehen, um zu beobachten und zu registrieren und aufzurechnen, was man selbst an Gunsterweisungen, an Liebe und an Zärtlichkeiten und vor allem jedoch möglicherweise an Geld und anderen materiellen Dingen geschenkt bekommt, weil diese Gaben das eigene Erbe schmälern.

Man ist also hinein geworfen, in eine beständige Wettbewerbssituation und irgendwann hasst und verabscheut man niemanden mehr, als die eigenen Geschwister, die ewig neben einem sitzen, wie eine Jagdhundemeute bei der Fütterung nach der Hatz, um einem jaulend und um sich beißend die besten Stücke weg zu schnappen!

So bestimmen Argwohn und Neid die familiären Bande und nicht Liebe oder Verbundenheit.

Die Schattlings repräsentieren eine uralte Kaufmannsdynastie in der Stadt, die sich auch während der Zeit der DDR ihre Unabhängigkeit und Selbständigkeit wahrte und durch gute Beziehungen zu allen lokalen Größen aus der Partei und dem Staatsapparat ihr einigermaßen Vermögen unbeschadet auch über die Zeit der massiven staatlichen Reglementierung hinüber gerettet hatte.

Im Organisieren von Waren, im Eröffnen von Beschaffungsquellen, im Verhandeln und Feilschen, hatten sie bereits während der Mangel- und Hungerjahre des Ersten Weltkrieges, ausgelöst durch die britische Seeblockade, eine besondere Geschicklichkeit entwickelt und daher zu den wenigen Privilegierten in der Stadt gehört, die niemals Hunger litten, stets über einen reich gedeckten Tisch verfügten und die vor allem immer etwas zum Tauschen im Lager hatten.

Darüber waren ihnen Neid und Missgunst in der Stadt erwachsen, zugleich aber ein quasi angeborenes Bewusstsein, etwas Besonderes unter den Menschen dieser Stadt zu repräsentieren. Eine Familie zu sein, die in besonderer Art und Weise vom Herrgott gesegnet war und geliebt wurde und die daher immer ein Leben für sich beanspruchen konnte, das ein wenig luxuriöser sein musste, als jenes der Menschen in der Nachbarschaft.

Begonnen hatte ein Urgroßvater mütterlicherseits, ein gewisser Hermann Christoph Schattling, etwa um die Mitte des 19. Jahrhunderts herum, in dem kleinen, anfangs noch gemieteten Ladengeschäft, einen Obsthandel aufzubauen, um die Bürger der Straße und des benachbarten Viertels mit Obst zu versorgen, das ihm die Bauern der Umgegend und sogar die Bauern aus dem Gebiet um Werder, in ihren Wagen und Karren anlieferten.

Es waren zunächst lediglich heimische Waren gewesen. Also Kern-, Stein-, Beeren und Schalenobst, wobei später schließlich die besonders begehrten importierten Waren hinzu gekommen waren. Nämlich nahezu sämtliche exotischen Früchte und die wie Obst verwendeten exotischen Gemüsesorten.

Während der Hungerjahre des Ersten Weltkrieges hatte eine Großmutter, die Männer der Familie standen ja überwiegend im Felde, schließlich die von den Bäuerinnen angelieferten Obstmengen in Tafel- und in Wirtschaftsobst unterteilt, wie es auch allgemein im Einzelhandel mit Obst bereits üblich war.

Das Tafelobst, Waren von höchster Qualität und für den direkten Verzehr bestimmt, wurde im Ladengeschäft an die Kunden verkauft oder unter dem Tresen gegen andere Güter eingetauscht, das Wirtschaftsobst wurde hingegen zu Saft oder Most verarbeitet oder hinten im Lager eingemacht und dann im Glas teurer als Einmachobst verkauft.

Im stets kühlen, aber trockenen Keller, wurde Lagerobst zur Nachreifung eingelagert und da Kochobst aufbewahrt.

Mit Schläue und Geschäftssinn hatte es die Großmutter Amalia Augustine Schattling schließlich, während der Gatte als Vizefeldwebel in Frankreich stand, so weit gebracht, dass die Familie das gesamte Gebäude nebst Grund und Boden aufkaufen konnte und somit ein repräsentatives Bürgerhaus mit zugehörigem Ladengeschäft im Erdgeschoß in bester und zugleich repräsentativer Vorstadtlage besaß.

Der Schattlingsche Obsthandel war schließlich nicht nur bei den Bürgern der Straße geschätzt, sondern auch der Konditormeister und der Gastwirt Henze um die Ecke und noch andere Gewerbetreibende aus der Stadt und der näheren Umgebung, kamen häufiger vorbei, um auch größere Mengen an Obst oder Eingemachtem zu ordern.

So war das „Geschäft“, wie es der Großvater stets zu nennen pflegte, nicht nur eine Erwerbsquelle, sondern spätestens seit den 1920er Jahren zu einer regelrechten Goldgrube geworden, die unzweifelhaft das Potential haben würde, der gesamten Familie und auch noch den nachfolgenden Generationen eine propere Existenz zu sichern, sofern keine gravierenden wirtschaftlichen Fehler gemacht würden.

Aber mit der Freude über den erreichten Wohlstand wuchs auch die Sorge, diesen beständig erhalten, sichern, vermehren und bewahren zu können.

Die Zeit des Dritten Reiches hatte die Familie Schattling nicht nur unbeschadet überstanden, sondern auch noch erheblich Kapital daraus schlagen können, wovon allerdings niemand wusste.

Die kleine enge Straße, in der die Schattlings ihr Geschäft hatten, eigentlich viel eher eine ruhigere Nebenstraße, war ein Paradies für kleine Ladenbesitzer und Handwerker. Darunter besonders viele Juden.

Da gab es die Gaststätte in jüdischem Besitz, den jüdischen Teppichhändler, den Schuhmacher, den Zahnarzt, der ein Jude war, den Rechtsanwalt und den bärtigen alten Herrn, der in seinem ebenerdigen Ladengeschäft die Nähmaschinen anderer Leute reparierte.

Und es gab die Familie Hirschmann, die die Herrenburger Lichtspiele schon einige Jahre vor der Machtergreifung eröffnet hatten. Mit einer Eröffnungsanzeige in der lokalen Zeitung, welche Kläre Schattling, der seinerzeitigen Inhaberin, nicht nur freundliche Töne entlockte, sondern auch ein leises zorniges Murren über den wirtschaftlichen Erfolg all der Juden in ihrer Straße, der scheinbar regelrecht mühelos gelang.

„Herrenburg: Heute, Donnerstag, Eröffnung der Kino-Schauspiele“, so hatte die große und teure Annonce damals allzu prahlerisch, wie Kläre Schattling fand, verkündet:

„In diesem Neubau vereinen sich alle Anforderungen, welche an ein modernes Lichtbild-Theater gestellt werden.

Und glaube ich, annehmen zu dürfen, dass ich mein Theater so eingerichtet habe, dass es den Beifall aller mich beehrenden Besucher findet.

Um auch den Minderbemittelten Gelegenheit zum Besuch meines Theaters zu geben, habe ich die Eintrittspreise gleich denen eines alten Theaters beibehalten.

Ich werde auch weiterhin stets bemüht sein, ein buntes, reichhaltiges und vor allem einwandfreies Programmangebot zu bieten.

Durch Anschaffung all der neuen Maschinen und Theatereinrichtungen werde ich in der Lage sein, allen technischen Anforderungen zu genügen. Um breite wohlwollende öffentliche Unterstützung meines Unternehmens bittend, zeichne hochachtend

Samuel Jacob Hirschmann, Besitzer und technischer Leiter“

„Der verfluchte Itzig!“, hatte Kläre Schattling, die eigentlich keinesfalls antisemitisch, sondern stattdessen im gutbürgerlich-protestantischen Glauben zur Rechtschaffenheit und zum Zusammenhalten und Vermehren ihrer Einnahmen angesichts dieser Zeitungsanzeige wütend gezischt.

Die schmutzige Schürze noch umgebunden und die Brille auf der Nasenspitze hatte sie mitten im Ladengeschäft vor dem Tresen gestanden, als die Rollläden vor den beiden großen Schaufenstern noch herunter gelassen waren und die Morgenausgabe der Zeitung gelesen.

„Tut ja gerade so, als ob er ein Wohltäter der Stadtarmut wäre! Dabei hat er eine große Jagd draußen am Herrenbruch gepachtet und sein eigenes Segelboot mit Kajüte oben auf den Berliner Seen liegen, wie jeder in der Straße längst weiß!“, so hatte Kläre Schattling voller Missgunst geschimpft und die Zeitung achtlos neben die große Waage gelegt: „Und unsereins steht vierzehn Stunden täglich im Laden und rackert sich den Rücken kaputt! Nur dafür, dass man das Anwesen für die Nachkommen erhalten kann!“

Kläre Schattling war damals eine sehr junge Frau, gerade erst einmal Anfang der Zwanzig und noch nicht verheiratet. Weil es den Eltern nicht mehr gut ging, führte sie in ihrem jungen Alter jedoch schon das Obstgeschäft.

Die schmale Straße lief auf die prachtvolle Gertraudenkirche zu. Jenes zweitürmige Gebäude, das als einzige Baulichkeit in der Straße mit anthrazitfarbenem Naturschiefer gedeckt war.

Hinter schmiedeeisernen Metallzäunen und schmalen Gärten, die meist mit Hecken und Ziersträuchern bepflanzt waren, lagen die zwei- oder dreigeschossigen gutbürgerlichen Fronten der Wohnhäuser oder Ladengeschäfte der Gegend.

Man nannte dieses Viertel eitel nur das Westend und dieser Name stand als Synonym oder Anspruch der Bewohner für die Tatsache, dass beinahe alle von ihnen möglichst hoch hinaus wollten. Und jeder, der das nicht wollte oder mit dem allgemeinen Wohlstand nicht mithalten konnte, der passte nicht hierher, ins Westend und der wurde weggebissen, wie es die Mutter von Kläre Schattling stets zu nennen pflegte.

Die kopfsteingepflasterte Straße war seinerzeit eher ruhig, solange noch nicht die grölenden Horden der städtischen SA über sie hin marschierten, um die Schaufenster und Fronten derjenigen Geschäfte, von denen man wusste, dass sie sich in jüdischem Besitz befanden, mit ungelenken Pinselstrichen zu beschmieren.

Und wenn Sonntags, morgens um 9:30 Uhr, die Kirchenglocken der nahen Gertraudenkirche läuteten, so schien ihr Klang jedes Blatt an den gepflegten Ahornbäumen hier im Westend zu erfassen und mit schwingen zu lassen.

Kläre Schattling war eine schwache, flachbrüstige und dünne Person. Blutarm war das richtige Wort, welches die Geschäftsleute im Westend seinerzeit meist für das hoch aufgeschossene dürre Ding mit den bereits verhärmt wirkenden Gesichtszügen zu gebrauchen pflegten.

Ihre Arme und Beine wirkten spindeldürr und man sah ihr weder Busen noch Hinterteil an.

Ihre Lippen wirkten blass und blutleer und aus dem schmalen und sommersprossigen Gesicht starrten ein paar große, aber stets berechnend wirkende Augen, denen man bereits ansah, dass Kläre Schattling darauf bedacht war, bei allem ihren wirtschaftlichen Vorteil zu wahren.

Im krassesten Gegensatz zu ihrem ausgemergelten, ja geradezu schwächlichen Habitus, stand jedoch ihr Ehrgeiz, es möglichst zu etwas zu bringen.

Weniger wegen ihres Äußeren, wohl aber wegen ihrer Mitgift und des väterlichen Obstgeschäftes, stand Kläre Schattling daher in dem Ruf, eine gute Partie zu sein.

Das dünne halblange und rotlockige Haar hatte sie meist hochgesteckt und unter einem bunten Kopftuch verborgen, welches mit einer Haarnadel am Scheitel fest gemacht war.

Und erhitzte jugendliche Männerphantasien wurden nicht müde, sich vorzustellen, sie würde ein bestimmtes männliches Körperteil ebenso geschickt und geschwind handhaben können, wie den Bleistift, den sie flink beim Zusammenrechnen der Beträge in der Hand führte und den ihr der Vater, der meist in Schürze und Mütze noch hinter dem Tresen im Laden saß, umständlich mit dem Taschenmesser anzuspitzen pflegte.

Obwohl Kläre Schattling nie eine höhere Schule oder ein Gymnasium, sondern nur die Volksschule und die Handelsschule besucht hatte, träumte sie angesichts der hellen Fassaden im Westend oft davon, sie befände sich in Griechenland. Besonders im Sommer, wenn die Hitze so groß war, dass das Obst trotz der Kühlung rasch verdarb und der Vater sich einen Spaß daraus machte, etwas Obst am Abend an die auf der Straße spielenden Kinder zu verschenken, dann erinnerten sie die flachen Giebel und all die Erker der Fassaden an griechische Tempel. Und sie liebte es dann, davon zu träumen, das Westend wäre die Akropolis! Und die Illusion wäre beinahe perfekt gewesen, würde sie nicht regelmäßig von den lauten quietschenden Tönen zugedeckt, die von nebenan kamen, wo die Elektrische in der Kurfürstenstraße an der Lithografischen Anstalt und Stein- und Buchdruckerei lärmend um eine ganz besonders scharfe Ecke fuhr.

Wie frisch angespitzte Bleistifte so ragten die beiden Zwillingstürme der Gertraudenkirche in den blauen Himmel.

Hell und sauber glänzten die gewaltigen Sandsteinquader der Gertraudenkirche hoch oben an den Türmen, während sie unten, nahe dem Fundament und bis hinauf zur Höhe eines Mannes, verschmutzt und verwittert wirkten, was Kläre Schattling stets auf die unreinen Gedanken all der Menschen zu schieben pflegte, wenn sie Sonntags mit den Eltern zum Gottesdienst ging.

Unweit der Gertraudenkirche verlief der gewaltige breite und schiffbare Strom, der scheinbar träge und doch von gewaltiger Fließkraft, mitten durch Deutschland strömte.

Während die alt-ehrwürdige Gertraudenkirche, deren schmale und filigrane Türme beim Anblick des Stromes regelrecht schüchtern wirkten, hinter den Gleisen des Strombahnhofs am linken Ufer zurück blieb, durchfloss der Strom hier ein gewaltiges Knie. Machte eine Biegung unter einer eisernen Hubbrücke hindurch, floss an mehreren Speichergebäuden vorbei, um anschließend seinen Weg durch die flache norddeutsche Landschaft fort zu setzen, bis hin zum Meer.

Das Stadtviertel, erst 1887 aufgrund seiner Maschinen- und Armaturenfabriken, der Grusonwerke und der Messgerätefabriken eingemeindet, zeigte nun immer öfter das grelle Rot der Hakenkreuzfahnen mit dem strahlenden weißen Rund in der Mitte, indem das schwarze Hakenkreuz prangte.

Unter den Geschäftsleuten des Westends wurde es Mode, der Partei beizutreten und die unterschwellig schon immer von einer gewissen Missgunst bestimmten nachbarlichen Gefühle zu den jüdischen Mitbürgern kühlten sich schnell merklich ab.

Als dem alten Schattling als ehemaligem Weltkriegsteilnehmer dann schon kurz nach der Machtergreifung zugesetzt wurde, er solle doch, wie so viele deutsche Handwerker und Kaufleute des Westends, der Partei beitreten, wiegelte der jedoch ab.

Die Kläre war die Geschäftsinhaberin. Sollte die Kläre doch der NSDAP beitreten, wenn es zum Vorteil für die Geschäfte war.

II

„Obst wird zu allen Zeiten gebraucht! Es ist gesund und enthält Vitamine!“, pflegte Kläre Schattling den beiden schüchternen Frauen stets einzuschärfen, die sie jetzt stundenweise als Aushilfskräfte im Laden beschäftigte: „Besonders jetzt, wo uns ein gewaltiges weltanschauliches Ringen bevorsteht und der Führer selbst daher auf die Gesundheit der Volksgemeinschaft achtet! Auf die körperliche und die weltanschauliche Gesundheit!“

„Jawohl, Fräulein Schattling!“, pflegten die beiden Frauen in Schürze und Kopftuch darauf im Chor zu antworten und mit gesenkten Köpfen eine Art von Hofknicks durchzuführen.

Aus der schmalen flachbrüstigen Kläre war bereits das gefürchtete Fräulein Schattling geworden, dessen Wort in der Straße etwas galt.

Fühlte sich Kläre Schattling mit ihrem Obstsortiment überwiegend für die körperliche Gesundheit der Volksgemeinschaft zuständig und mit verantwortlich, so fiel die weltanschauliche Gesundheit eher in den Zuständigkeitsbereich der Ausweich- und Auffanglager der hiesigen Gestapoleitstelle, die für Juden, für Mischlinge, für politische Häftlinge und Verhaftete zuständig war, die auf Anforderung als Zwangsarbeiter an die ansässigen Betriebe verliehen wurden.

Obwohl man seitens der zuständigen Stellen auch Kläre Schattling gut zu redete, doch Zwangsarbeiter für den Einsatz im Ladengeschäft anzufordern, lehnte sie stets ab.

„Untermenschen und Verbrecher kommen mir nicht ins Geschäft!“, lautete ihre abweisende und burschikos vorgetragene Begründung stets: „Da mach doch lieber die schwere Arbeit mit meinen beiden Frauen selber!“

„Die Kläre!“, pflegte der alte Schattling zu sagen: „Das ist eine ganz Verrückte! Die kann schindern, bis ihr die Augen aus den Höhlen quellen! Die Kläre macht mir manchmal regelrecht Angst!“

Ansonsten kannte Kläre Schattling beinahe nichts anders, als die Arbeit im Ladengeschäft. Vom Verreisen hielt sie wenig. Wenn sie das als Wahrzeichen der Stadt geltende Münster nicht sehen könne, so pflegte sie zu sagen, so wäre sie krank.

Nur drei oder vier Mal reiste sie mit den Eltern an die See zur Erholung. An die Kurische Nehrung und ans Frische Haff.

Am Rande der Stadt gab es noch den Schrebergarten mit den Obstbäumen und der kleinen Laube. Jenen Schrebergarten, von dem aus man stets die Nähe des gewaltigen Stromes riechen konnte, der die kleine Gartenkolonie hier auf seinem Weg hin zum Meer in geringer Entfernung passierte.

In jener Zeit und nach einem Kinofilm, entdeckte Kläre Schattling ihre Passion für Windhunde, die sie in der alten und ihrer Meinung nach regelrecht majestätischen Manier stets Windspiele zu nennen pflegte.

Für Kläre Schattling waren Windspiele majestätische und eindrucksvolle Hunde. Geeignet, um jeden öffentlichen Auftritt eines Menschen wirksam zu unterstreichen.

Hatte nicht auch der englische König Heinrich VIII. dies bereits praktiziert, sich mit Windspielen zu umgeben? Und gehörten Windspiele nicht zum Zierrat und zu den Accessoires vieler feudaler Höfe?

Kläre Schattling fand, ein Windhund wäre ein geradezu angemessener und passabler Begleiter, der sich auch als Beschützer des Ladengeschäftes gut ausnehmen würde.

Mit Vorliebe las sie abends ihren Eltern mit hoher und lauter Stimme die prahlerischen Beschreibungen vor, die mittelalterliche Adelige und Chronisten über ihre Windhunde hinterlassen hatten. Beschreibungen aus einer Zeit, da das Töten eines Windhundes noch mit der unverzüglichen Hinrichtung des Täters geahndet wurde und ein Windhund teurer war, als selbst ein leibeigener Bauer, ja Windhunde in bestimmten Gegenden sogar als Heilige verehrt und zur Hasen-, Hirsch- und Wolfshetze eingesetzt wurden.

Das Buch dicht vor die bebrillten Augen haltend, so las Kläre Schattling mit sich gelegentlich dabei vor schierer Begeisterung überschlagender Stimme die Beschreibung des geradezu idealen Windhundes des Edmund de Langley aus dem Jahre 1370:

„Der Windhund sollte einen langen, etwas spitzen Kopf haben, ein gutes großes Maul mit Scherengebiss. Sein Hals soll stark und lang sein, gebogen wie bei einem Schwan; die Schultern wie bei einem Rehbock, die Vorderbeine gerade, nicht jedoch die Hinterbeine, die Pfoten rund wie bei der Katze, mit großen Krallen; die Knochen und Gelenke am Oberschenkel groß und stark wie bei einem Hirsch; die Unterschenkel stark und gebogen wie bei einem Hasen; die Hacken gerade, und nicht gedreht wie bei einem Ochsen. Der Schwanz wie bei der Katze, mit einem Ring am Ende, aber nicht zu hoch.“

(Quelle: http://www.gulfcoastgreyhounds.org)

So kam schließlich Nikolai ins Haus. Ein gewaltiger Barsoi oder russischer Windhund und zugleich der erste Windhund der Familie Schattling.

Ein Vertreter jener vor allem beim russischen Adel beliebten Hunderasse, als deren erster Züchter der Großfürst Nikolai Nikolajewitsch aus Perchino gilt.

Als die Juden der Stadt zur Arbeit in den Brabag-Werken, in denen aus Braunkohle Treibstoff für die Luftwaffe gewonnen wurde, nicht mehr zur Arbeit gebraucht wurden, weil dort nun genügend Kriegsgefangene eingesetzt werden konnten und die Deportierungen nach dem Osten einsetzten, wurde eines Abends die alte Frau Hirschmann, die Gattin des Kinobesitzers aus Westend, bei Kläre Schattling vorstellig.

Unter Berufung auf die christliche Barmherzigkeit und die jahrelange gute Nachbarschaft, bat sie Kläre Schattling, auf eine kleine Reisetasche mit Wertsachen Acht zu geben, bis wieder bessere Zeiten für die jüdischen Kaufleute kommen würden. Es sei der letzte Besitz von Wert, der ihnen nach der Enteignung und Arisierung des Kinos geblieben sei und sie fürchte um dessen Konfiszierung im Falle einer Hausdurchsuchung.

In einer abstrusen Mischung aus Argwohn, Gier und Mitleid hatte Kläre Schattling nicht zu widersprechen gewagt und während sie unter den Tränen und Dankesbekundungen der Frau Hirschmann die beachtlich schwere Tasche entgegennahm, war ihr bereits durch den Kopf geschossen: ‚Diese Juden sind doch sowieso praktisch schon tot!‘

Nachdem die Frau davon geschlurft war, hatte Kläre Schattling die Tasche geöffnet und mehrere Preziosen gefunden, die offenbar aus 585er Gold waren. Darunter vier schwere siebenarmige Chanukkia-Leuchter mit dem Davidsstern, die zur Aufnahme von acht Kerzen bestimmt waren, verschiedene goldene Taschenuhren, goldene Ringe, Ketten, Broschen und Manschettenknöpfe und schließlich einige Alben mit 20 Mark Reichsgoldmünzen aus der Prägung des Jahres 1873.

Mehrere Monate lang hatte sie den Schatz im nußbaumfurnierten Kleiderschrank ihres Kleiderschrankes eingeschlossen gehabt. Immer wieder kreisten ihre Gedanken um all das Gold, das den Juden sowie zu nichts mehr nütze sein würde und das sie sich ohnehin in den Jahren der Wirtschaftskrise ergaunert haben mussten.

Immer wieder fiel Kläre Schattling ein, dass sie eigentlich dringend einen neuen Lieferwagen für das Geschäft benötigen würde. Und sie verfiel allmählich auf die fixe Idee, dass ihr, als einer anständigen Deutschen, dieses Gold der Juden zustehen würde. Ihr und ihrer Familie und nicht diesem raffgierigen Pack, das jetzt zu Recht um sein Vermögen fürchtete!

Und hatte sich nicht all Dasjenige, was man immer vom raffgierigen, reichen und heimtückischen Juden bestätigt, bereits durch die Tatsache, dass ihr die Tasche mit all dem Gold zum Verstecken unter geschoben worden war? Sie wusste, dass sie eigentlich das Gold hätte abgeben müssen. Schließlich war es ein enorm kriegswichtiges Material, das möglicherweise in Devisen hätte umgetauscht werden können. Aber sie besann sich und verwendete schließlich die schweren Chanukkia-Leuchter für den Ankauf eines gebrauchten Opel Olympia Kastenwagens zum Preis von 2.500 Reichsmark.

Und als wäre es der Frau Hirschfeld plötzlich verdächtig vorgekommen, dass der 1,3-Liter-Kastenwagen nunmehr in der Straße vor dem Geschäft stand und als würde sie der Verwahrung ihres Goldes nicht mehr trauen, war die alte Dame unlängst am hellerlichten Tag im Geschäft erschienen, um händeringend die Herausgabe des Goldes einzufordern. Sie hätten eine Möglichkeit gefunden, sich über ein Schweizer Konsulat Ausreisepässe zu kaufen und würden das Gold daher dringend benötigen.

Kläre Schattling hatte die Anwesenheit der Frau und deren Forderung nach Herausgabe des Goldes plötzlich als regelrechte Impertinenz empfunden. War sie doch schließlich auch innerlich inzwischen felsenfest der Überzeugung, der Schatz würde ihr allein zustehen und die Juden wären ohnehin und zwar völlig zu recht, verloren! Nicht umsonst hatte sie deshalb die vier Leuchter bereits zum Ankauf des Kastenwagens verwendet und eingesetzt!

Obwohl ihr klar wurde, dass die Frau keinerlei Handhabe hätte, um ihr Gold zurück zu fordern, schließlich konnte sie als Jüdin nicht zur Polizei gehen und Anzeige erstatten, wurde Kläre die ganze Angelegenheit allmählich mehr als nur lästig.

Das aufdringliche weinerliche Flehen der Frau Hirschfeld, die sich und ihre Familie förmlich als vom Tode bereits gezeichnete Menschen darstellte, ihre immer häufiger werdenden Besuche im Laden, bei denen sich Kläre immer wieder neue Ausreden einfallen lassen musste, sie habe das Gold in einer benachbarten Kleinstadt im Tresor einer Verwandten sicher verwahrt und müsse erst Gelegenheit finden, es zu holen, wurden ihr allmählich unheimlich.

Zwar hätte sie die Frau einfach ignorieren oder aus dem Laden werfen können, doch es schien ihr, die alte Jüdin hätte ihre Tat bereits erraten und habe möglicherweise sogar die unheimliche Fähigkeit, sie und ihre Familie zu verfluchen und ihnen auf diese Weise zu schaden!

Kläre Schattling beschloss also, dass die Familie Hirschfeld weg müsse. Am besten mit all den anderen Juden in den Osten deportiert, damit die unselige Geschichte mit dem Gold dadurch aus der Welt wäre.

Also suchte Kläre die Dienststelle der Gestapo auf, um dort zu erklären, die Familie Hirschfeld würde immer wieder Feindpropaganda betreiben, die Leute im Westend zum Widerstand gegen das Reich aufstacheln und noch zynisch davon berichten, wie sie zu Hause regelmäßig BBC hören würden. Sie bat darum, diese Leute möglichst umgehend zu entfernen, da sie sich als Parteigenossin von diesen immer noch augenfälligen jüdischen Umtrieben verfolgt, bedroht und belästigt fühlen würde.