Du deutsch? Raus! - Hans Schellbach - E-Book

Du deutsch? Raus! E-Book

Hans Schellbach

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Beschreibung

Friede wird. nur herrschen, wenn alle Völker sich zu ihrer Schuld bekennen. Diese Erkenntnis stellt der Autor Hans Schellbach seinem Buch "Du deutsch? Raus!", einem "Roman über die Vertreibung der Deutschen zwischen Oder und Neiße", voran. Er erzählt vom Schicksal der Oberschlesierin Anja Schigulla zu der Zeit, als polnische Polizei und Verwaltungsmacht sich in Schlesien etablierten. Die Brutalität, die auf die Zivilbevölkerung ganz Schlesiens in den Schicksalsmonaten des Jahres 1945 hereinbrach, ist nicht überzogen.

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Hans Schellbach

Du Deutsch?

Raus!

 

Roman über die Vertreibung der Deutschen zwischen Oder und Neiße

 

 

Laumann-Verlag

 

 

Die Handlung ist frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Personen wäre rein zufällig und vom Autor nicht beabsichtigt.

 

 

© 2016 by Laumann Druck & Verlag GmbH & Co. KG, 48249 Dülmen

 

Gesamtherstellung:

Laumann Druck & Verlag GmbH & Co. KG,

Postfach 1461, 48235 Dülmen

 

ISBN 978-3-89960-446-7

 

 

[email protected]

www.laumann-verlag.de

 

 

»Wir, die Deutschen, haben die von den Nationalsoziali­sten im Namen des deutschen Volkes verübten Verbrechen an anderen Völkem nicht vergessen.

Die europäischen Nationen haben den Wunsch, ein gemeinsames Haus zu bauen. Friede wird in diesem Haus nur herrschen, wenn alle Völker sich zu ihrer Schuld bekennen.«

Hans Schellbach

 

 

HERR, VERGIB UNS UNSERE SCHULD …

Panie odpuść nam nasze winy …

 

 

Über dem schlesischen Land lastete der Tod. Tausende waren hier während der Kriegskämpfe gefallen, und nun geisterten die Seelen von Freund und Feind in den ver­wunschenen Wäldern, wo die schrägen Sonnenstrahlen durch die reglosen Blätter schienen.

Die ganze Landschaft lag in einem unirdischen Schweigen da.

Jedes leere, von Granaten zerstörte Haus und jeder in den Himmel ragende Schornstein, der einsam über den geschwärzten Trümmern Wache hielt, erinnerte an die Schrecken des Krieges.

 

Aufbruch

 

 

Anja Schigulla erhielt von der russischen Kommandan­tur die Genehmigung, ihren verstorbenen Sohn, den erst zwei Jahre alten Klaus, am l. Juni 1945 auf dem Friedhof der Gemeinde Liebersdorf, die in der Nähe von Walden­burg gelegen war, zu bestatten. Aber nur die nächsten Angehörigen durften der Zeremonie beiwohnen. Frau Müller, die die evakuierte Familie Schigulla aufgenom­men, mit der Anja in den letzten Wochen Freud und Leid geteilt hatte, mußte schweren Herzens der Bestattung des ihr liebgewordenen Kindes fernbleiben.

Anja Schigulla und die ihr noch verbliebenen drei Kinder betraten gegen zehn Uhr den Friedhof. Der elf Jahre alte Georg und seine Schwester Steffi, die gerade das achte Lebensjahr vollendet hatte, zogen einen Handwagen, auf dem ein kleiner, aus alten Brettern gefertigter Sarg lag. Anja Schigulla ging mit Ruth, ihrer jüngsten, erst fünf Jahre alten Tochter, die sie an der Hand führte, hinter dem Karren her.

Mit ausdruckslosen Augen starrte Anja auf das frisch ausgehobene Grab, in das Georg den kleinen Sarg hin­einlegte. Das Schluchzen ihrer Töchter krampfte ihr das Herz zusammen. Sie warf eine Handvoll Erde auf den Sarg, wischte mit der rechten Hand über die tränenfeuch­ten Augen und sagte: »Gehen wir!«

Georg ergriff den Holm des Handwagens. Langsam folgte er der Mutter und seinen Schwestern. Als sie den Friedhof verlassen hatten, sagte er: »Mutti, ich fahre noch zu den Russen, vielleicht finde ich was …«

»Geh nur, komme aber nicht zu spät wieder!«

Schweigend legten Anja und ihre Töchter den Weg zu­rück.

»Laßt mich jetzt in Ruhe, ich möchte mal allein sein!« sagte sie zu den Mädchen, als sie am Haus angekommen waren, und ging die Stufen zur Wohnung hinauf.

Sie trat in das niedrige, nur mit dem nötigsten Mobi­liar ausgestattete Zimmer ein, in dem sie wohnten, aber auch schliefen. Die Starre, die den Ausdruck ihres Ge­sichts geprägt hatte, löste sich. Nachdem sie tief und hör­bar ausgeatmet hatte, schien sie kleiner geworden zu sein.

Mit viel Mühe ging sie zum Tisch hinüber, setzte sich, legte die Ellenbogen auf die Tischplatte, bedeckte das Gesicht mit beiden Händen und begann zu schluchzen. Sie sprach leise vor sich hin, erst stockend, nach Worten suchend. »Und ich … ich … ich konnte … ich konnte dir nicht helfen … mein kleiner Junge … Immer hast du Hunger gehabt … aber … aber ich hatte nichts, was ich dir zu essen geben konnte … Wenn ich doch nur etwas Milch bekommen hätte …« Das Gespräch mit ihrem verstorbenen Sohn, in dem sie sich rechtfertigte, schien sie alles vergessen zu machen. »Du hättest nicht sterben müssen, mein kleiner Klaus, nein, du könntest noch le­ben, wenn wir nur etwas zu essen gehabt hätten … Aber der liebe Gott wird dich besonders lieb haben, dich, mei­nen kleinen, lieben Jungen, weil es dir so schlecht ergan­gen ist auf dieser Welt … Weißt du, Klaus, wir, die armen kleinen Leute müssen immer ausbaden, was die Großen verbrechen. Und wo sind sie jetzt, die Lumpen, die das al­les angezettelt haben? Wo sind die hin, die am lautesten Sieg-Heil geschrien haben? … Jetzt wissen wir, wie so ein Endsieg aussieht, ja, jetzt wissen wir es, alle! Die klei­nen, unschuldigen Kinder müssen ihn bezahlen, mit ihrem Leben bezahlen, müssen darben und hungern … Was ist das für eine Welt?« Anjas Körper bebte, als sie murmelte: »Mit der Evakuierung hat das Unglück ange­fangen … Warum bin ich nicht zu Haus geblieben? Warum habe ich mich nicht gewehrt, als sie uns abge­schoben haben? … Alles wäre anders gekommen. Jetzt leben wir wie die Vögel von dem, was wir zu essen fin­den …« Sie beugte ihren Kopf, legte ihn auf die Tisch­platte, schloß die Augen und ließ das Jahr 1945 bis in die Gegenwart Revue passieren … Wie gut sie sich an alles erinnerte, als ob es sich gestern erst ereignet hätte …

Die letzten Monate des Krieges hatte sie mit aller Härte zu spüren bekommen.

Im Januar waren sie aus Hindenburg evakuiert wor­den. Für die kurze Entfernung hatte der Zug einige Tage benötigt, und niemand hatte sich für die vielen Frauen und Kinder verantwortlich gefühlt. Sie hatten gefroren, gehungert und gedürstet.

Nach dem Tode Adolf Hitlers hatte sie täglich mit dem Ende des Krieges gerechnet. Doch bis in den Mai hinein war das unsinnige Morden noch weitergegangen. Auch in die kleine Ortschaft, deren Häuser sehr schnell zu zählen waren, war die Kunde von der bedin­gungslosen Kapitulation der Deutschen Wehrmacht gedrungen. Von diesem Tag an hatten sich die deutschen Soldaten von der durch Schlesien verlaufenden Front abgesetzt und versucht, durch das Sudetenland und Böh­men zu den Amerikanern zu gelangen, um der gefürch­teten russischen Kriegsgefangenschaft zu entgehen.

Noch in der Nacht zum 9. Mai waren unzählige deut­sche Soldaten durch das Dorf gezogen, die Waffen und sonstiges Gerät hatten sie in die Straßengräben gewor­fen, um schneller voranzukommen.

Nach der großen Freude, der Erleichterung über das Ende des Krieges hatte sich die Angst eingestellt, die Angst vor dem, was nun kommen würde. Mit jeder Stunde war die Unruhe gewachsen, die Spannung uner­träglicher geworden. Die Frage: Was werden die Russen mit uns machen? war unbeantwortet geblieben.

Es war am Mittwoch, dem 9. Mai, gewesen. Gegen sechs Uhr waren die ersten russischen Truppen durch Liebersdorf gezogen. Russisches Militär hatte dann den ganzen Tag über den Ort in Richtung Hirschberg pas­siert. Der Infanterie war ein großer Troß gefolgt. Panje­wagen an Panjewagen waren meist im Trab durch das Dorf gerollt – im gleichen Tempo vierspännige Artille­rie. Sehr schnell war jedem klar geworden, was die russi­schen Soldaten am meisten begehrten – was man vor ihnen verstecken mußte. Ihr besonderes Interesse hatte den Uhren und Schmuckwaren gegolten, aber auch Fahrräder waren sehr beliebt.

Als Anja den Kopf hob und zur Tür blickte, stöhnte sie auf. Ein Geschehen kam ihr in Erinnerung, das sie augenblicklich in Angst versetzte.

Ein russischer Soldat hatte auch den Weg in jenen Teil des Hauses gefunden, in dem sie untergebracht waren. Er hatte die Tür aufgestoßen, die Maschinenpi­stole auf sie gerichtet und verlangt: »Du, gäbän Urä – sonst erschießen!« Die Kinder hatten vor Angst geschrien und sich unter den Betten und dem Tisch verkrochen. Was war ihr übriggeblieben, als dem Soldaten entgegenzutreten, ihn zu besänftigen. Sie hatte den Wecker, die einzige Uhr, die sie besaßen, vom Tisch genommen und mit zitternder Stimme gesagt: »Ich gebe dir eine schöne große Uhr!«

Freudestrahlend war der junge Russe abgezogen, und noch auf dem Hofe hatte er gerufen: »Schene Urä, großä Urä!« In den verschiedensten Variationen hatten sich die Rotarmisten dargestellt. Naiv, wie jener, der seiner Freude über den Wecker so lebhaften Ausdruck verlie­hen hatte, aber auch gewalttätig und brutal. Wie die Teu­fel hatten sie sich aufgeführt, wenn sie Schnaps getrun­ken hatten. Die armen, armen Frauen, die den Betrunke­nen in die Hände gefallen waren …

Auch Frau Müller war vergewaltigt worden. Danach hatten Anja und sie sich in den Taubenschlag verkrochen und dort die Nächte verbracht.

Mit der Zeit war es dann ruhiger geworden, nahmen die Vergewaltigungen ab. Belästigungen durch russische Soldaten konnte man den Offizieren melden, die mitun­ter äußerst hart durchgriffen.

Schlimm waren jene Deutsche dran gewesen, denen es nicht gelungen war, vor den plündernden Soldaten einige Lebensmittel zu verbergen. Ihnen war nichts anderes übriggeblieben, als fortan zu hungern.

Die wenigen Vorräte, die Frau Müller versteckt hatte, waren aber auch bald aufgebraucht gewesen, und da ihre zwei Kühe und das Schwein, ja sogar die Hühner von den Rotarmisten geschlachtet worden waren, hatten sie sich in der letzten Zeit hauptsächlich von Kartoffeln ernähren müssen. Wasserkartoffelsuppe hatte sie am Leben erhal­ten.

Nachts, wenn die Kinder vor Hunger gewimmert hat­ten, hatte sie zu Gott gebetet und um etwas zu essen gefleht. Nicht für sich, nein, aber für die Kinder, deren Bäuche immer größer geworden waren, die Gesichter aber immer bleicher.

Bald war Klaus krank geworden. Kaum hatte er die Wassersuppe eingenommen, hatte der Magen sie auch schon wieder hochgewürgt Von Tag zu Tag war es schlimmer geworden, und sie hatte hilflos zusehen müs­sen, wie der Junge immer schwächer und schwächer geworden war. Er hatte unentwegt geweint, als er noch kräftig war, dann nur noch gewimmert. »Ich hab’ Hun­ger, Mutti, gib mir doch ein Stückchen Brot! Nur ein ganz kleines Stückchen«, hatte er gefleht, und ihr Herz hatte sich zusammengekrampft.

Sie murmelte: »Was hätt’ ich ihm denn geben können, ich habe doch nichts gehabt. Nur einen Knochen, den Bruno von den Russen mitgebracht hat, nur den konnte ich ihm geben, damit er wenigstens was zum Lutschen hatte … «

Sie vergrub ihr Gesicht in ihre Hände, stieß leise, unartikulierte Schreie aus. Dann aber brach es aus ihr hervor: »Lieber Gott, was haben wir denn verbrochen, daß wir so leiden müssen?!« Der halbaufgerichtete Kör­per, die weit aufgerissenen, zum Himmel gerichteten Augen drückten unsägliche Verzweiflung aus. Doch dem kurzen Aufbäumen folgte der völlige Zusammen­bruch.

Vielleicht zehn Minuten mochte sie so, in völliger Reglosigkeit, verharrt haben, dann schien sie zu erwa­chen, wie aus einem tiefen Schlaf. Sie blickte sich im Zimmer um, als hätte sie es noch nie gesehen. Doch plötzlich setzte die Erinnerung ein, wurde ihr das Elend, in dem sie mit ihren Kindem lebte, wieder bewußt, und sie kehrte langsam in die rauhe Wirklichkeit zurück. Mit der rechten Hand glättete sie ihr Haar, wischte sich dann die Tränen aus dem Gesicht, und ihre Lippen öffneten sich kaum, als sie leise sprach: »Hier bleiben wir keinen Tag länger!«

Sie ging ziellos im Zimmer auf und ab, blieb einige Sekunden hinter den kleinen Fenstern stehen. Ihr Blick fiel auf den großen Misthaufen, der seit dem Kriegsende weder größer noch kleiner geworden war; einmal des­wegen, weil die Russen die Tiere geschlachtet hatten, zum anderen, weil der Haufen nicht abgetragen worden war. Anja dachte: »Wie haben wir es hier nur so lange aushalten können …« Sie sah die untergehende Sonne über dem Dach des Nachbarhauses stehen und dachte:

»Gleich wird es dunkel sein.« Doch im gleichen Atem­ zug fiel ihr ein, daß die Kinder und sie an diesem Tag noch nichts gegessen hatten, daß es an der Zeit war, die Kartoffeln in den Topf zu legen und zu kochen.

Der kleine Sack, in dem sie die Erdäpfel versteckt hatte, stand unter dem Bett. Sie beugte sich, zog ihn her­ vor. Acht legte sie in den Kochtopf und schob dann mit dem rechten Fuß den Sack wieder unter das Bett.

Auf dem Tisch stand eine brennende Kerze, die bereits zur Hälfte abgebrannt war. Sie verbreitete ein schumm­riges Licht in dem Zimmer. Anja und ihre beiden Töchter schwiegen, doch sie vermittelten den Eindruck von War­tenden, die auf irgend etwas, auf irgend jemanden warte­ten.

Anja hielt es auf ihrem Platz nicht mehr aus. Während sie sich erhob, sprach sie: »Wo der Junge nur bleibt? … Er weiß doch: Wenn es dunkel wird, dürfen wir nicht mehr auf die Straße! … Hoffentlich ist ihm nichts pas­siert.«

»Reg dich nicht auf, Mutti, er wird schon kommen! Georg kennt soviel Schleichwege!« beruhigte Steffi die Mutter.

Er wird schon kommen! Er wird schon kommen!­ Und wenn er mal nicht mehr kommt, wenn sie ihn auf der Straße erwischen – da erschießen sie ihn!«

Auf der Holztreppe, die zu den Zimmern führte, in denen die Schigullas untergebracht waren, waren Schritte schwach zu hören, kamen näher – Georg öffnete die Tür. »Wo bleibst du bloß, Junge – « Doch weitere Worte verließen Anjas Lippen nicht, denn Georg fiel ihr ins Wort, rief: »Mutti, Mutti, heute habe ich aber Glück gehabt! – Schaut euch das an!«

Er stellte einen Karton mittlerer Größe auf den Tisch, den er mit seinem linken Arm an seinen mageren Körper gepreßt hatte, und sagte zu seinen Schwestern: »Ihr werdet aber staunen, ihr werdet Augen machen!« Dann schüttete er den Inhalt des Kartons auf dem Tisch aus.

Weder Anja noch die Mädchen sagten etwas. Ihre weitgeöffneten Augen weideten sich an dem Anblick der Lebensmittel, die sie nur noch vom Hörensagen kannten. Als Anja das Brot erblickte, die Fleischkonserven und die Tüte Mehl, dachte sie an Klaus, den sie vor einigen Stunden erst zu Grabe getragen hatten, und begann zu weinen. Sie weinte, schluchzte und murmelte in einem fort vor sich hin: »Hätten wir das früher gehabt, wäre Klaus nicht verhungert … er wäre nicht verhungert. Mein Gott, warum hast du uns das nicht früher ins Haus geschickt …«

»Weine nicht, Mutti, sonst verdirbst du mir noch die ganze Freude«, sagte Georg.

Immer noch schluchzend erwiderte Anja: »Mit dir hab’ ich sowieso noch ein Hühnchen zu rupfen. – Wo hast du denn bloß gesteckt? Denkst du nicht daran, daß die dich erschießen können, wenn sie dich abends auf der Straße sehen?«

»Ach, hör doch bitte auf, Mutti, mir ist doch nichts passiert. Außerdem konnte mir auch nichts geschehen, denn ich war mit einem Russen zusammen. Von dem hab’ ich auch alles bekommen!«

»Von einem Russen? …«

»Ja, von einem Russen, Mutti!«

»Und warum, warum hat er die Sachen gegeben?«

»Weil ich für ihn gearbeitet habe, deshalb Mutti!«

»Der liebe Gott möge ihn beschützen, der liebe Gott und die heilige Maria mögen diesen Menschen beschüt­zen, Kinder«, sagte Anja und faltete die Hände.

»Wir wollen für diesen guten Menschen beten. – Vater unser, der du …«

Auch die Kinder hatten die Hände gefaltet und spra­chen mit Innigkeit das Vater unser.

»Amen!« sprach Anja.

»Heute können wir uns wenigstens mal richtig satt essen«, sagte Georg, doch Anja erwiderte: »Wir werden soviel wie möglich aufheben, weil wir es für die Reise brauchen.«

»Für welche Reise, Mutti?« fragte Georg.

»Für den Weg nach Haus! – Hier bleiben wir keinen Tag länger, als wir müssen!« sagte Anja bestimmt.

»Aber Mutti, jetzt, wo ich vielleicht noch mehr zu essen bringen kann –«

Sie fiel ihrem Sohn ins Wort, sagte: »Dann wirst du eben noch einige Tage hingehen, und wir werden uns einen Vorrat für den Weg schaffen, damit wir unterwegs nicht hungern müssen. – Aber dann werden wir Liebers­dorf verlassen; denn hier bleiben wir nur noch so lange, wie wir unbedingt müssen!«

Georg maulte: »Ich verstehe dich nicht, Mutti!«

»Brauchst du auch nicht, mein Junge, brauchst du auch nicht.«

»Gerade jetzt, Mutti, gerade jetzt, wo ich mit den Rus­sen gut kann, da …«

»Du bist ruhig! Wir bleiben hier nicht! … Meinst du, ich halte das aus, jeden Tag an Klaus denken zu müssen, daran, daß er hier verhungert ist?! – Kein Wort mehr!« Mit glänzenden Augen saßen die Mädchen um den Tisch und betrachteten mit gierigen Blicken die Lebens­mittel. »Und daß ihr es gleich wißt«, sagte Anja zu den Töchtern, »die Pellkartoffeln sind schon fertig! Die wer­den zuerst gegessen … und hinterher gibt es dann noch ein wenig von dem, was Georg mitgebracht hat!« Und um jeden Widerspruch im Keim zu ersticken, fügte sie hinzu: »Wir müssen was auf die Seite legen, damit wir unterwegs was zu essen haben!«

Sie holte den Kochtopf vom Herd und legte zwei Pell­kartoffeln vor jedem Kind auf den Tisch. Dann sagte sie: »Und jetzt wollen wir beten.« Sie schlug das Kreuz über Stirn, Mund und Brust, sprach dann das Gebet: »Komm, Herr Jesus, sei unser Gast und segne, was du uns besche­ret hast! – Amen!«

»Amen!« wiederholten die Kinder.

Georg war auch an den folgenden Tagen mit manchmal mehr, manchmal weniger Lebensmitteln nach Haus gekommen. Niemand war darüber glücklicher als er; denn nun war er es, der die Familie ernährte, der den schlimmsten Hunger von seiner Mutter und den Geschwistern fernhielt.

Mitunter fiel ihm ein, was seine Mutter des öfteren sagte: »Warum hat Klaus sterben müssen? Ein klein wenig von dem, was wir jetzt zu essen haben … und er würde noch leben … « Dann dachte er: »Warum hat der liebe Gott das zugelassen? Warum hat er ihn sterben las­sen, wo er doch allwissend ist und gewußt hat, daß wir in den nächsten Tagen etwas zu essen haben werden? – Warum?«

Doch da er die Fragen nicht beantworten konnte, half er sich mit der Feststellung: »Wahrscheinlich bin ich noch zu jung, um das zu begreifen.«

Anja legte mittlerweile einen kleinen Vorrat an Lebensmitteln an, und Georg brachte den alten Hand­wagen, auf dem die wenigen Habseligkeiten befördert werden sollten, in Ordnung.

»Wann wollen Sie denn Liebersdorf verlassen, Frau Schigulla?« fragte Frau Müller schon zum wiederholten Mal, erhielt aber keine präzise Antwort von Anja.

»Sobald wir alles beisammen haben«, erwiderte sie nur.

Frau Müller war ganz auf Georgs Seite, der es noch immer für besser hielt, in Liebersdorf zu bleiben, wo es ihnen nun doch verhältnismäßig gut ging. Doch davon wollte Anja nichts hören.

»Mein Entschluß steht fest, wie ein Fels«, sagte sie zu Frau Müller, die sich immer wieder bemühte, sie doch noch zum Dableiben zu bewegen.

Die eintönigen Tage wurden am 8. Juni unterbrochen. Georg, der an diesem Tag zufälligerweise zu Hause war und sich im Hofe am Handwagen zu schaffen machte, erblickte als erster das pferdebespannte Militär, das durch den Ort zog. Er lief die Holztreppe, die zur Woh­nung führte, hinauf, öffnete die Tür und rief: »Mutti, Mutti, da fahren Soldaten, aber es sind keine Russen, guck doch mal!«

Anja stand mit Frau Müller und ihren Kindem auf dem Hof. Sie sahen das vorüberziehende Militär, das sich schon vom Ansehen her von den Russen unterschied. Die Soldaten trugen eine hellbraune Uniform, und an jedem Wagen war eine weiß-rote Fahne angebracht.

»Das sind Polen, Gott sei Dank, da wird es uns besser gehen als bei den Russen«, sagte Anja.

»Polen? Was wollen die denn hier?« fragte Frau Mül­ler.

»Das weiß ich nicht, aber daß es Polen sind: das weiß ich!«

 

Einige Tage nach dem 15. Juni war es dann soweit. Anja und die Kinder verabschiedeten sich von Frau Müller.

»Haben Sie alles richtig überlegt, Frau Schigulla?« fragte Frau Müller noch einmal.

»Da gibt es nichts mehr zu überlegen: Kohldampf schieben können wir auch zu Hause!« sagte Anja und fragte: »Und was werden Sie nun machen? Bleiben Sie hier, oder gehen Sie doch zu Ihren Verwandten nach Görlitz?«

»Ich weiß es noch nicht, ich weiß es wirklich nicht … «, erwiderte Frau Müller. Die beiden Frauen standen sich gegenüber, und man merkte beiden an, wie schwer ihnen der Abschied fiel.

»Vielen Dank für alles, Frau Müller, vielen, vielen Dank!« sagte Anja und versuchte die Tränen zurückzu­halten, die ihr in die Augen drangen.

»Nicht der Rede wert, Frau Schigulla, nicht der Rede wert . . . Aber haben Sie auch an die unruhigen Zeiten gedacht und daß es ein sehr weiter Weg ist bis Oberschle­sien?«

»Wir werden es schon schaffen! Wir vertrauen auf den lieben Gott! Er wird uns helfen und zur Seite stehen, wenn es nötig sein wird, Frau Müller … Also, noch mal vielen Dank und alles, alles Gute für Sie.« Dann rief sie:

»Los, Kinder, machen wir uns auf den Weg!«, wandte sich abrupt von Frau Müller ab und ging los. Nach zehn Schritten etwa blieb sie stehen und blickte zurück. Frau Müller hatte sich noch nicht von der Stelle gerührt, doch als Anja zurückblickte, verlor sie die Beherrschung und ging weinend ins Haus hinein.

Georg zog den Handwagen, auf den Anja die wenigen Habseligkeiten geladen hatte, die sie ihr eigen nannten, aber auch Ruth hatte noch einen Platz gefunden.

Am späten Nachmittag erreichten sie Waldenburg und waren todmüde. »Wir müssen uns ein leeres Haus suchen, in dem wir übernachten können«, sagte Georg.

Die völlig erschöpfte Anja, die in den letzten Jahren keinen so langen Weg zu Fuß zurückgelegt hatte, mur­melte: »Dann such mal, Junge, such mal!«

»Paßt auf den Handwagen auf, laßt ihn nicht aus den Augen!« schärfte Georg seinen Schwestern mit Nach­druck ein. »Also paßt gut auf!« sagte er noch mal und ging davon.

Schon bald kehrte er wieder. »Kommt, ich habe ein schönes Haus gefunden, da können wir schlafen!« rief er seiner Mutter schon aus einiger Entfernung zu.

»Gott sei Dank, Gott sei Dank, es wird Zeit, daß ich mich hinlege, meine Füße, meine Füße«, stöhnte Anja.

»Es ist nicht weit, Mutti, wir sind gleich da«, tröstete Georg, während er den Handwagen zog.»Und jetzt nur noch um die Ecke.«

Das Haus, das der Junge als Nachtquartier ausgewählt hatte, machte einen sehr guten Eindruck. Es war ein Ein­familienhaus, das vor nicht mehr als zehn Jahren erbaut worden sein mochte.

»Mein Gott, mein Gott, die armen Leute«, klagte

Anja, als sie sich in den Zimmern umsah. »Da haben sie geschuftet und vielleicht auch noch gedarbt, um sich das Haus zu bauen, und jetzt haben sie alles stehen – und lie­genlassen … O Gott, o Gott, dieser verdammte Krieg, dieser verdammte … «

»Mutti, ich guck mal im Keller nach, vielleicht finde ich was zu essen!« rief Georg der Mutter zu und ging auch schon die Kellertreppe hinunter.

»Ich komme mit!« rief Steffi und lief dem Bruder nach.

Anja und Ruth saßen im Wohnzimmer, das noch einen wohnlichen Eindruck vermittelte, obwohl nicht zu über­sehen war, daß, wie Anja sich ausdrückte, »Vandalen« hier bereits gehaust hatten.

»Was sind das bloß für Menschen, die immer alles kaputtmachen müssen?« sprach sie vor sich hin, wäh­rend sie die am Fußboden liegenden Gegenstände aufhob, um den Raum wohnlicher zu gestalten. Dann sagte sie zu Ruth: »Komm, Kind, gucken wir uns mal um!« Die Küchentür stand weit offen. Doch als sie in die Küche hineingeblickt hatte, sagte sie: »Was waren das bloß für Schweine, die haben ja sogar in den Ausguß geschissen!­

Komm, das brauchst du nicht zu sehen, das ist nichts für Kinder!«

Obwohl im Schlafzimmer auch die wüsteste Unord­nung herrschte, ließ Anja sich nicht davon abhalten, die Matratzen, die mit einem Messer aufgeschlitzt worden waren, auf die Bettgestelle zu legen.

»Wer weiß, wie und wo wir in den nächsten Tagen schlafen werden, ob wir überhaupt noch in einem Bett schlafen werden – hier legen wir uns in die Betten!«

Steffi kam zurück und sagte: »Georg sitzt noch im Keller, er hat Eingemachtes gefunden. Die haben alles stehen- und liegenlassen, die Leute.«

»Eingemachtes?« fragte Anja.

»Ja, Kirschen, Erdbeeren und süßsaure Gurken!«

»Hoffentlich schlägt er sich den Bauch nicht zu voll und wird davon krank«, erwiderte Anja. Dann sagte sie:

»Geh wieder runter und sag ihm, er soll was übriglassen und auch was raufbringen, damit wir was auf Vorrat haben!«

Am nächsten Morgen schien das Glück den Schigullas zu lachen. Anja erblickte einen russischen Lastwagen, ging kurzerhand auf den Fahrer, einen Soldaten, zu und fragte ihn in der polnischen Sprache, in der sie sich eini­germaßen auszudrücken vermochte: »Dokąd ty jed­ziesz?« – »Tuda!« antwortete der Soldat freundlich und wies mit dem rechten Arm nach Osten.

»Er fährt in unsere Richtung, Mutti, frag ihn, ob wir mitfahren können!« sagte Georg.

»Możemy jechać z wami?«

»Charascho, charascho!« sagte der Russe und half beim Aufladen des Handwagens.

Drei Stunden etwa mochten sie gefahren sein, als der Fahrer den Lastwagen zum Stehen brachte. Er stieg aus dem Führerhaus aus und rief Anja und den Kindem zu:

»Koniec. – Ich da!«

Bald hatte Georg herausgefunden, daß die Autofahrt ein Schlag ins Wasser gewesen war, denn der gutmütige Mensch hatte sie fast nach Lauban gebracht – und in diese Richtung hatten sie überhaupt nicht gewollt.

»Weißt du, wo er uns hingefahren hat, Mutti, in die völlig falsche Richtung! – Jetzt müssen wir das ganze Stück wieder zurücklaufen!«

»Jässus Maria … und er war so ein netter Mensch!« erwiderte Anja.

»Das hilft uns bloß nichts! So ein Trottel! Das Kaff heißt Wingendorf und liegt vor Lauban!«

Reg dich nicht auf mein Sohn, die Hauptsache ist wir sind gesund und mußten nicht laufen!«

»Das sagst du jetzt so! Mindestens hundert Kilometer müssen wir wieder zurück, Mutti!«

»Wir haben doch Zeit, Junge, reg dich doch nicht auf!«

In Wingendorf waren mehr russische Soldaten, als Anja und die Kinder je zu sehen bekommen hatten.

»Wo man hinguckt – Russen«, sagte Anja.

»Hier sieht man aber, daß um Lauban hart gekämpft wurde. So viele zerschossene Häuser habe ich noch nicht gesehen, Mutti!« stellte Georg fest, der von den Ruinen sehr beeindruckt war.

»Das beste wird sein, wenn wir so schnell wie möglich von hier verschwinden und uns auf den Weg machen, wir haben ja noch den halben Tag vor uns«, erwiderte Anja.

»Vielleicht gehen wir über die Dörfer, Mutti, da sind die Straßen nicht so befahren«, schlug Georg vor.

»Wenn du meinst, warum nicht.«

»Da finden wir bestimmt auch eher ein Haus, in dem wir übernachten können.«

Bald passierten sie Steinkirch, und da es noch früh am Tage war, gingen sie dem nächsten größeren Ort entge­gen. Als sie die Ortschaft Marklissa erreicht hatten, sagte Anja: »So, für heute ist Schluß! Meine Beine wollen nicht mehr!«

Georg, der nach einem Nachtquartier Ausschau hal­ten wollte, bemerkte: »Ich geh’ mal los und guck’ mich mal um, Mutti!«

»Ich möchte auch mit«, meldete sich Steffi.

»Nein, du bleibst hier und paßt auf den Handwagen auf!« erwiderte Georg. »Ich bleibe nicht lange«, sagte er und ging.

Georg hatte vor dem Einbruch der Dunkelheit die Haus-­ und die zum Hof führende Tür verriegelt und Balken unter die Türklinken gestellt. Anja und die Kinder hatten es sich bereits bequem gemacht, als gegen die Haustür geklopft wurde.

»Georg, stell dich hinter das Wohnzimmerfenster und guck mal nach, wer von uns was haben will«, sagte Anja leise. Der Junge stellte sich so hinter das Fenster, daß er von draußen nicht gesehen werden konnte. Er flüsterte:

»Es ist eine Frau, Mutti!«

Anja erhob sich, stellte sich neben Georg, beobach­tete die Frau einige Sekunden und sagte dann: »Mach mal auf und frag sie, was sie will!«

Während Georg zur Haustür ging, wurde erneut an die Tür geklopft.

»Ich mache gleich auf!« rief der Junge, entfernte den Balken unter der Türklinke und schob den Riegel zurück.

»Ich hab’ Licht gesehen, und da hab’ ich mir gedacht: Ich klopf’ mal an!« sagte die vielleicht fünfzigjährige Frau, die Einlaß begehrt hatte.

»Was wollen Sie?«

»Was ich möchte? Junge, ich suche eine Bleibe für die Nacht. Vielleicht – «

Anja, die sich mittlerweile der Haustür genähert und die Worte der Frau gehört hatte, sagte: »Kommen Sie nur rein, hier ist Platz genug!«

Frau Schindler war Berlinerin. Sie hatte ein lebhaftes Temperament und sprach sehr gern, was Anja, die lieber zuhörte, als selbst etwas zum besten zu geben, recht war.

Schon in der nächsten halben Stunde schien die Frau für Anja keine Fremde mehr zu sein. Der Gesprächsfa­den riß bei der Berlinerin nie ab.

»Stellen Sie sich vor, Frau Schigulski –«

»Schigulla«, stellte Anja richtig.

»Entschuldigung, irgendwann werde ich Ihren Na­men schon richtig aussprechen … is ja auch ein bißchen schwierig, für einen Berliner. – Finden Sie nicht auch?«

»Ist doch ganz einfach«, sagte Georg und buchstabierte: »S c h i g u11 a. So einfach ist das.«

»Ist schon gut, Georg, das lernt Frau Schindler schon noch«, sagte Anja und forderte die Frau auf: »Essen Sie nur, heute geht es uns gut. Der Junge hat im Keller Einge­machtes gefunden. Essen Sie, essen Sie, Sie nehmen uns nichts weg!«

»Danke, vielen Dank, Frau Schi-«

»gulla«, fügte Georg hinzu.

»Frau Schigulla. Jetzt habe ich es«, sagte die Berline­rin lachend.

Georg beobachtete die Frau, während sie aß und mit seiner Mutter über dies und das redete. »Die war früher mal blond«, dachte er, »aber jetzt wächst das Haar aus, und es wird immer dunkler. In ein paar Wochen wird sie wohl schwarzes, nein graues Haar haben wie Mutter.

Ob sie Kinder hat? – Wahrscheinlich nicht, sonst wären sie ja bei ihr … Oder aber sie sind schon groß und waren beim Militär. Viele Sachen hat sie ja auch nicht. Außer der alten Tragetasche, in der sich nur wenige Dinge befinden, und der Decke hat sie nichts . . . nicht einmal was zu essen habe ich bei ihr gesehen. – Die muß aber froh sein, daß wir ihr was geben.«

Die Frau hatte Georgs beobachtende Blicke bemerkt und sagte: »Sie werden sich vielleicht wundern, daß ich fast überhaupt nichts bei mir habe – aber ich bin Hals über Kopf weg! Von einer Stunde zur anderen, da hatte ich keine Zeit, mich noch mit Proviant oder was anderem zu versorgen. – Um sich was zu essen beschaffen zu kön­nen, muß man sowieso was zum Tauschen haben – und ich besitze nichts mehr …«

»Dann geht es Ihnen so wie uns«, sagte Anja, »Wir besitzen auch nur das, was wir am Leibe tragen.«

Anjas Worte lösten Schweigen aus. Nach einigen Minuten sagte Georg: »Mutti, erzähl Frau Schindler doch mal, was uns heute passiert ist.«

»Was ist Ihnen denn passiert, Frau Schigulla?« fragte die Berlinerin.

»Ach, das ist eigentlich nicht der Rede wert«, erwi­derte Anja. »Ein sehr freundlicher russischer Soldat hat uns mit dem Lastwagen mitgenommen – doch statt in unsere Richtung ist er nach Lauban gefahren. – Und des­ wegen sind wir hier.«

»Und jetzt können wir das ganze Stück bis Walden­burg zurücklaufen!« schimpfte Georg.

»Wo wollen Sie denn überhaupt hin, Frau Schi­gulla?«

»Wir wollen nach Hause, nach Oberschlesien.«

»Dann haben Sie auch einen schön weiten Weg vor sich.«

»Sie auch?« fragte Georg.

»Ja, mein Junge, ich will nach Berlin! Ich will auch wieder nach Hause! – Wie lange sind Sie schon unter­ wegs, Frau Schigulla?«

»Zwei Tage«, antwortete Anja.

»Und Sie?« fragte Georg die Berlinerin.

»Ich bin erst seit heute unterwegs! Ich sagte ja schon, ich habe mich von einer Minute auf die andere auf den Weg gemacht!«

Anja fragte: »Und woher kommen Sie?«

»Aus Krobsdorf.«

»Kenn’ ich nicht!« bemerkte Georg.

Frau Schindler blickte Georg an und sagte: »Krobs­dorf ist ein kleiner Ort. Er liegt zwischen Bad Flinsberg und Friedeberg, an der Isergebirgsbahn. Aber die fährt ja zur Zeit auch nicht mehr.«

»Waren Sie lange in … Krobsdorf?« fragte Anja.

»Fast ein ganzes Jahr.«

Anja fragte weiter: »Und was haben Sie dort ge­macht?«

»Gemacht . . . also, ich habe weniger gemacht als mein Mann, der war nämlich bei der Aero-Bau beschäf­tigt.«

»Ach, das war wohl ein Rüstungsbetrieb?« fragte Georg.

»Ja, natürlich! – Es wurde doch in fast jedem Betrieb für die Rüstung gearbeitet. – Alles für den Endsieg!«

»Reden Sie bloß nicht davon«, sagte Anja, »wenn ich nur daran denke …«

»Ja, schön stehen wir da, nicht wahr?« Da Frau Schindler keine Antwort erhielt, sprach sie weiter: »Das Ende haben wir uns alle so nicht vorgestellt, glaube ich …«

»Bestimmt nicht!« antwortete Anja.

»Tja, Adolfen hat sich in die Hölle verkrochen – und uns hat er den ganzen Dreck überlassen, damit wir ihn wieder wegräumen.«

Anja murmelte vor sich hin: »Mein Gott, mein Gott …« – »Ist Ihnen nicht wohl, Frau Schigulla?« fragte Frau Schindler.

»Nein, nein, es ist nichts, es ist wirklich nichts … ich habe nur an meinen Mann gedacht.«

»Sie wissen nicht, wo er ist?«

»Das ist es ja eben, Frau Schindler, ich weiß absolut nichts!« – »Das ist schlimm …«

»Ich glaube, wir sind nicht die einzigen, Frau Schind­ler, denen es heute so geht«, sagte Anja und fragte dann:

»Aber Ihr Mann war doch kein Soldat … Wie kommt er denn in Kriegsgefangenschaft?«