Flucht ohne Hoffnung - Hans Schellbach - E-Book

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Hans Schellbach

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Beschreibung

Im Januar 1945 ist Oberschlesien von den Truppen der Roten Armee eingeschlossen. Die geschlagenen deutschen Heeresverbände versuchen aus der Umklammerung auszubrechen. – Karl Grizibowski aus Karf, kaum zwanzig Jahre alt, ist unter den in bitterer Kälte Fliehenden. Aus dem Feldlazarett in den Genesungsurlaub zu seinen Eltern nach Sosnowitz entlassen, half er noch seine Mutter und seine Geschwister in den Zug nach Waldenburg zu setzen, wo sie bei dem Cousin des Vaters unterkommen und vor den anrückenden Russen sicher sein sollten. In Karf hatte er noch die anderen zurückgebliebenen Verwandten in großer Angst vor den Soldaten aus dem Osten gesehen und wurde zusammen mit einem Häuflein schlecht ausgerüsteter Soldaten zur Heimatverteidigung eingeteilt. Die Russen brechen durch, und jetzt beginnt auch für Karl eine 'Flucht ohne Hoffnung'. Über Beuthen, wo er den gleichaltrigen Grabka trifft und dessen schreckliches Schicksal miterlebt, sich dann einem Trupp versprengter Soldaten anschließt und in Gustav einen neuen Freund für ein Stück des Weges findet, zieht Karl weiter und gerät in schwere Kampfhandlungen mit dem Feind. In Mährisch-Ostrau erhält er einen Marschbefehl nach Görlitz. Besonders das Elend der Frauen und Kinder auf den Bahnhöfen und in den überfüllen Zügen zerreißt ihm fast das Herz und läßt ihn immer wieder an das Schicksal seiner Familie denken. Der Zug nach Görlitz wird über Waldenburg umgeleitet, wo Karl verbotenerweise seine Mutter und Geschwister sucht und in schlimmsten Verhältnissen lebend findet. – Knapp wieder einmal dem Tod entronnen, gelangt Karl nach Görlitz, und die Odyssee will nicht enden …

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Hans Schellbach

Flucht ohne Hoffnung

 

 

 

Laumann-Verlag

 

 

Die Handlung ist frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Personen wäre rein zufällig und vom Autor nicht beabsichtigt.

 

2. Auflage

 

© 2016 by Laumann Druck & Verlag GmbH & Co. KG, 48249 Dülmen

 

Gesamtherstellung:

Laumann Druck & Verlag GmbH & Co. KG,

Postfach 1461, 48235 Dülmen

 

ISBN 978-3-89960-451-1

 

[email protected]

www.laumann-verlag.de

 

 

 

Die Russen kommen

 

Oberschlesien ist von den Truppen der Roten Armee eingeschlossen. Im südöstlichsten Zipfel des Großdeutschen Reiches, im »Ruhrgebiet des Ostens«, versuchen die geschlagenen deutschen Heeresverbände aus der Umklammerung auszubrechen. Schnee liegt über dem Land und auf den Straßen, und es ist bitter kalt. Das Chaos herrscht. In Gruppen und einzeln fliehen die Soldaten.

 

 

Januar 1945

 

Der Sanitätsgefreite Karl Grzibowski nimmt das hektische Treiben nicht wahr. Er torkelt vorwärts, wird geschoben, gestoßen und verwünscht, weil er die anderen am schnellen Vorwärtskommen behindert. Angst ist in den Augen der Fliehenden zu lesen. »Lauf, Kamerad, lauf, sonst kassiert dich noch der Iwan!« ruft ein Landser dem sich mühsam vorwärtsschleppenden Karl zu. Und ein anderer fährt ihn unwirsch an: »Mach Platz, Kumpel, ich hab’s eilig, ich möchte Muttern wiedersehen!«

Als Karl für einen Moment stehenbleibt, brüllt ein vorbeigehender Unteroffizier: »Sag mal, du Heini, merkst du denn nicht, daß du im Wege stehst?!« Doch dies alles prallt an Karl ab. Seine Gedanken kreisen nur um einen Punkt: um seinen Geburtsort Karf, aus dem er vor den einrückenden russischen Truppen, vor weniger als einer Stunde erst, geflohen ist. Während er geschoben, gerempelt und beschimpft wird, denkt er an die Geschehnisse der letzten drei Wochen zurück, läßt sie Revue passieren … Am 10. Januar war er aus dem Feldlazarett Graudenz entlassen und in den Genesungsurlaub geschickt worden. Über sechs lange Wochen hatte das wolynische Fieber ihn ans Bett gefesselt. Den wohlverdienten Urlaub hatte er bei seinen Eltern in Sosnowitz (Oberschlesien) verbringen wollen und die Marschpapiere, seinem Wunsch entsprechend, ausfertigen lassen.

»Mein Gott«, murmelte er, »hätt’ ich doch nur auf den Feldwebel der Kettenhunde (Feldgendarmerie) gehört, der in Breslau zu mir gesagt hatte: »Was willst du denn noch in Oberschlesien, Mann, da ist doch schon der Iwan! Der Russe ist doch schon bei Öls! – Von da unten kommt keiner mehr raus!!« Auch an die Reaktion des Unteroffiziers, der bei der Kontrolle der Papiere neben ihm im Abteil gesessen hatte, erinnerte er sich … »Der hat schon zuviel gesagt«, hatte er bemerkt. »Wieso … ?« hatte Karl gefragt. »Na hör mal, wenn den ein Offizier gehört hätte … «, hatte er geantwortet. Und als Karl nicht verstand, was er meinte, hatte er gesagt: »Das versteh ich nicht … « Ungehalten hatte der Kapo erwidert: »Mann, so blöd kann doch keiner sein – das gibt es doch gar nicht! – Also, so wie der sich geäußert hat: für den ist der Krieg doch schon verloren! – Begreifst du jetzt?« Karl hatte begriffen und gesagt: »Und das darf ja nicht sein … «

Er glaubte den Unteroffizier sprechen zu hören und erschrak, weil er sich an fast jedes Wort erinnerte, das der alte Fronthase in sarkastischem Tonfall gesagt hatte. »Räder müssen rollen für den Sieg! – Der Endsieg ist unser! – Vorsicht, Feind hört mit! – Das letzte Bataillon auf dem Schlachtfeld wird ein deutsches sein!! – Willst du noch mehr hören?« hatte er dann gefragt, doch Karl hatte abgewehrt: »Bloß nicht, bloß nicht: die Parolen hängen einem schon zum Hals heraus!«

»Aber die Wirklichkeit, hast du sie gesehen?«

»Ich habe sie gesehen«, hatte er sagen wollen – doch er schwieg: weil er in diesem Moment an Mutter und seine kleinen Geschwister gedacht hatte. Schon der Gedanke daran, daß es ihnen auch so ergehen könnte wie den vielen auf den Bahnhöfen, hatte ihm höchstes Unbehagen bereitet. Doch beim Unbehagen war es nicht geblieben. Die Worte, die der Nachbar von sich gab, die hatten ihn in Ängste versetzt.

»Die Frauen und Kinder, die Alten, das ganze Elend … auf jedem Bahnhof das gleiche: Menschen, Menschen, schreiende Kinder, verhärmte Mütter – und die Goldfasane, die Parteibonzen, die wie gackernde Hühner herumlaufen, statt die Leute zu beruhigen, durch eine vorbildliche Haltung zu beruhigen. – Aber die denken doch nur an ihre eigene Haut! – Die würden sich häuten, wenn sie es könnten. Keine Sorge, die schauen schon, wo sie bleiben! Die werden sich schon in Sicherheit bringen! Sich und ihre Angehörigen, das kannst du mir glauben, Kumpel.« Als einer der im Abteil anwesenden Landser ihm widersprach, hatte er gesagt: »Man muß doch das Kind endlich mal beim Namen nennen können!« und gefragt: »Habt ihr euch schon mal die Züge angesehen, in denen die Frauen und Kinder transportiert werden? Da kann man keine Stecknadel fallen lassen, so überfüllt sind sie. Das ist eine Riesenschweinerei! … Aber was soll’s, es sind die letzten Zuckungen. Wer was anderes glaubt, dem ist nicht zu helfen!«

»Hör auf! Hör endlich auf!!« hatte Karl dem Unteroffizier zugerufen.

»Naja, die Wahrheit will ja keiner hören … das kenne ich schon«, hatte er erwidert und ihn mit einem geringschätzigen Blick bedacht. Karl murmelte: »Er hat recht gehabt, und es ist noch viel schlimmer … «

»Sosnowitz … und Urlaub … «, dachte er, »die Augen wurden mir geöffnet, es ist bitter, sich das eingestehen zu müssen … Hinter den geschlossenen Vorhängen hatten die Polen mich beobachtet, als ich den Poggenweg entlangging, um zu dem Haus, in dem meine Eltern wohnten, zu gelangen. – Ausgespuckt hatten viele vor mir. Ungeniert hatten sie mich einen ›praklaten Niemec‹ (verfluchten Deutschen) beschimpft in der Annahme: der Deutsche versteht uns sowieso nicht. Aber ich habe sie verstanden, und so blieben mir auch ihre im Flüsterton geäußerten, vom Haß geborenen Drohungen und Verwünschungen nicht verborgen.«

 

Ein Panzerspähwagen bahnte sich rücksichtslos einen Weg. Ein Offizier brüllte aus dem fahrenden Panzer: »Aus dem Weg! – Platz machen!«

»Ihr Dreckschweine, ihr habt es nötig, ihr wollt wieder die Kurve kratzen!« riefen die Fahrer der anderen Fahrzeuge ihm zu. Karl wurde aus seinen Gedanken herausgerissen. Er blickte zurück und dachte: »Wievielmal habe ich mich schon umgedreht und zurückgeschaut? Waren es zwanzig – oder dreißigmal? … Ich weiß es nicht. Aber ich muß immerzu an meine Verwandten denken, die ich zuletzt im Hause meines Großvaters, in der Wilhelmstraße 10, in dem sie alle wohnen, aufgesucht hatte. Wie leergefegt war mir das große, viergeschossige Gebäude erschienen. Keine Menschenseele war zu sehen gewesen. ›Wo seid ihr? Wo seid ihr denn? … Ich bin es, Karl!‹ hatte ich gerufen. Doch erst nach einer, vielleicht nach zwei Minuten hatte ich das Quietschen der Kellertür, dann schlurfende Schritte vernommen. Tante Klara war mir entgegengekommen, und ein penetranter Gestank hatte den Hausflur erfüllt. ›Mein Gott, wie siehst du denn aus? – Ich kenn dich gar nicht mehr wieder! – Und woher kommt dieser entsetzliche Gestank?‹ rief ich ihr zu. ›Das ist doch wegen der Russen, Karlik! Wenn die kommen sollten, die müssen sofort vor dem Gestank abhauen!‹ hatte sie gesagt. Die Tanten Elsa und Frieda waren ihr gefolgt. Aber wie hatten sie ausgesehen … Ihre Gesichter waren mit Mist beschmiert, und auch sie rochen widerlich. Die Cousine Ruth, die jüngste der Frauen, die als letzte aus dem Keller gekommen war, hatte ausgeschaut, als sei sie von den Blattern, der scheußlichen Infektionskrankheit, befallen worden. Sorge, tiefste Verzweiflung – und Angst waren aus ihren Worten herauszuhören gewesen. ›Werden die Russen kommen, Karlik? – Oder sind sie schon da? … Werdet ihr sie verjagen?‹ hatte Tante Klara gefragt. Die anderen hatten nicht weniger Fragen gestellt, die sie alle beantwortet haben wollten. ›Ich bin doch nur ein einfacher Soldat – ich weiß doch nichts! – Ich kann euch nur sagen, daß ich auf dem Grützberg in Stellung liege, daß wir Karf verteidigen!‹ hatte ich gesagt und war den Tränen nahe gewesen. ›Soweit ist es schon‹, hatte Tante Else erwidert und ihr Kopftuch fester gebunden.

›Was ist schon soweit?‹

›Der Karlik spielt Soldat auf dem Grützberg, Klara‹, hatte Elsa geantwortet.

›Was … auf dem Grützberg . .. auf dem Grützberg, das sind ja nur ein paar hundert Meter bis zu uns … Auf dem Grützberg: da kann uns nur noch Gott helfen!‹

Tante Klara hatte sich bekreuzigt und war schluchzend und mit sich selber redend davongegangen. Wer hätte das je gedacht, daß die Russen einmal nach Karf kommen werden? Wer hätte das je gedacht? … Aber es mußte ja so kommen, es mußte ja so kommen: denn sie haben den lieben Gott immerzu verspottet, die von der Partei, die …

›Ich bin nur hergekommen, um mich von euch zu verabschieden! Ich habe auch keine Zeit mehr!‹ hatte ich zu ihnen gesagt – und die Worte taten weh. Es war einer der qualvollsten Augenblicke meines Lebens. – Dann bin ich abgehauen, weil ich es nicht mehr aushielt, weil mir die Tränen in den Augen standen, weil der kranke Opapa mir so leid tat. – Ob er das alles überleben wird … ?«

Auf der kleinen Anhöhe zwischen Karf und Mechtal war Karl Grzibowski, der sich eigentlich im Genesungsurlaub befand, zur Heimatverteidigung eingesetzt worden. Und er erinnerte sich der Gedanken, die ihm durch den Kopf gingen, als die krepierenden Granaten die Heimaterde hochschleuderten. »Verteidigung der geliebten Heimat bis zum letzten Blutstropfen!« hatte der Kommandeur des Frontabschnitts lauthals verkündet, und Karl hatte gedacht: »Solche Worte hören sich großartig an, wenn der Feind hunderte Kilometer entfernt ist, wenn die Granaten das Land des Feindes umpflügen, wenn die todbringenden Geschosse alles was kreucht und fleugt im Feindesland vernichten. Doch hier läßt sich der Russe mit solchen Parolen nicht aufhalten.« Mit bitterem, beißendem Spott hatten die Kameraden die hoffnungslose Lage kommentiert … Der Feldwebel aus Mechtal ging ihm nicht aus dem Sinn. Karl dachte: »Wie muß es in dem Mann ausgesehen haben, als die Geschosse des Granatwerfers in seinem Heimatort niedergingen, krepierten und Leben vernichteten, vielleicht Menschen den Tod brachten, die er kannte, liebte … «

Weiß wie eine frischgestrichene Wand war die Farbe seines Gesichtes gewesen, und bei jedem Abschuß, den er auslösen mußte, hatte er sich übergeben. Voller Verzweiflung hatte er den Hauptmann angefleht: »Ich kann das nicht mehr durchhalten, Herr Hauptmann! – In dem Ortsteil, den ich beschießen muß, wohnen Verwandte!Ich kann nicht mehr! – Geben Sie mir meinetwegen ein Himmelfahrtskommando, aber lassen Sie mich ablösen, befehlen Sie einem anderen, den Granatwerfer zu bedienen.«

»Mann, Sie sind ein Feigling! – Ich möchte wissen, wofür Sie Ihre Auszeichnungen erhalten haben! – Sie schießen weiter, Sie Drückeberger, ich befehle es!!«

Gebrüllt hatte der Hauptmann wie ein Stier, doch der Feldwebel hatte ihn angeblickt und gesagt: »Ich werde diesen Befehl nicht ausführen, Herr Hauptmann!« Es waren seine letzten Worte gewesen. Der Hauptmann hatte die Pistole gezogen und ihn erschossen … Und nachdem er den Exekutierten »Feige Sau!« beschimpfte, hatte er die Zeugen seiner Tat angeschrieen und gedroht: »So ergeht es jedem, der einen Befehl nicht ausführt!!«

Karl erhielt einen Stoß und fiel in den Schnee. Er murmelte Unverständliches, erhob sich und war mit seinen Gedanken wieder an jenem Frontabschnitt, wo alles so ganz anders gewesen als an den vielen anderen. Nichts, aber auch gar nichts war vergleichbar … Als er an die Waffen dachte, mit denen die Heimatverteidiger den Feind zurückschlagen sollten, umspielte die Lippen des fronterfahrenen Soldaten ein Lächeln der Resignation.

»Ich habe mir schon immer so eine panzerbrechende Waffe gewünscht!« hatte Unteroffizier Prybilla gesagt, der nur wenige Kilometer von der Hauptkampflinie in der Ortschaft Martinau zu Hause war, als er den alten Karabiner in den Händen gehalten hatte …

»Da kannst du mal sehen, daß du deine Auszeichnungen zu Unrecht trägst, einen T 34 mit der Panzerfaust zu knacken, war doch keine Kunst!« erwiderte ein Kamerad. Und die Worte des Leutnants waren voller Sarkasmus gewesen: »Kameraden«, hatte er gesagt, »wir werden den Iwan mit den Eigenschaften Mut, Treue und Liebe zum Vaterland aufhalten!«

»Wo ist das Genie des obersten Heerführers? … Wo ist es?« … hatte Karl Grzibowski gedacht …

Als Karl auf dem Marsch nach der Kreisstadt Beuthen an den letzten Häusern angelangt war, die der Volksmund die »Steigerhäuser« nannte, weil sie von höheren Verwaltungsangestellten der Karsten-Centrum-Grube bewohnt wurden, blieb er wieder stehen und blickte in die Richtung, in der sein Geburtsort Karf gelegen war. Auch in diesem bitteren Augenblick seines Lebens ließen die Erinnerungen sich nicht zurückdrängen … Er mußte lächeln, als er daran dachte, daß er als Kind in den »Steigerhäusern« als einer der »Heiligen Drei Könige« Einlaß begehrt hatte, um anderen Kindern von Christus und seiner Geburt zu erzählen. Die Leute, die in den nun leerstehenden Häusern gewohnt hatten, waren immer mehr als großzügig gewesen. Die Freude, die die »Heiligen Drei Könige« ihren Kindern bereiteten, hatten sie stets gut honoriert. Überhaupt gab es in der Weihnachtszeit sehr viele Geschenke. Karl war mit seinen Gedanken noch in der Vergangenheit, als er einen Stoß vor die Brust erhielt und gleich darauf seinen Namen rufen hörte. »Grzibowski … bist du es wirklich? … Na klar, du bist es!«

Karl glaubte seinen Augen nicht zu trauen, als er den Infanteristen erkannte, der ihn angesprochen hatte.

»Das darf doch nicht wahr sein … du? … «

»Ja, ich … da staunst du, nicht wahr?«

»Na und ob! Grabka … du lebst?«

»Ja, ich lebe! – Unkraut vergeht nicht, du weißt ja!«

»Mensch, und ich hab schon gedacht – « Grabka fiel Karl ins Wort und fragte: »Was hast du gedacht?«

»Ich nicht allein, der ganze Zug hat gedacht, daß es dich erwischt hat.«

»Es sollte auch so aussehen, Grzibowski.«

»Ich verstehe dich nicht … «

»Mann, ich bin doch abgehauen, nach Hause, zu meinen Eltern … es waren doch nur ein paar Schritte. – Verstehst du mich jetzt?!«

»Ach so … «

»Du hast aber eine lange Leitung, Grzibowski«, bemerkte der Infanterist.

»Was heißt hier lange Leitung? – Warum hast du nicht gleich gesagt, daß du desertiert bist?!«

»Werf bloß nicht mit so großen Worten herum, das kann ich gar nicht leiden!« sagte Grabka, und er schien verärgert.

»Kannst du mir einen anderen, zutreffenderen Namen sagen für das, was du getan hast?« fragte Karl.

»Ja, ich sage: Ich habe die Mücke gemacht! – Weil doch alles sinnlos ist. – Das solltest du doch verstehen, als Karfer, Grzibowski.«

»Versteh ich ja auch … Das verstehe ich, aber was ich nicht verstehe: Warum bist du nicht zu Hause geblieben, bei deinen Eltern geblieben?«

»Das ist eine ganz beschissene Geschichte, Grzibowski, das kannst du mir glauben. – Das hab ich mir so nicht vorgestellt – ich war doch schon in Zivil herumgelaufen!«

»Und … ?«

»Ja, was heißt und? – Es gibt Dinge, sage ich dir, die dürfen einfach nicht passieren!«

»Was ist denn passiert?!«

»Ihr habt doch den Iwan aus Mechtal rausgejagt, bei dem Gegenstoß – «

»Ja, ja!«

»Nach einigen Stunden war er wieder da, nicht wahr? Und da, stell dir das mal vor – bis dahin war alles ruhig gewesen im Ort, da schießen zwei Hitlerjungen auf die Russen – und erschießen einen russischen Offizier!!«

»Was haben die Idioten gemacht?!«

»Du hast schon richtig gehört! – Mach den Mund wieder zu! – Die haben einen russischen Offizier erschossen!«

»Das kann doch nicht wahr sein! … «

»Doch, leider ist es so! – Es ist die bittere Wahrheit!«

»Und dann? … «

»Du kannst vielleicht Fragen stellen, Grzibowski … «

»Ja, was war dann?!«

»Die Hölle war los, Mensch! – Die haben alle Häuser im Dorf durchsucht und jeden Mann, den sie angetroffen haben, mitgenommen!«

»Jessus Maria … «

»Jessus Maria, hab ich auch gesagt – und gebetet, gebetet: Mutter Gottes, steh mir bei, mach, daß sie mich in meinem Versteck nicht finden! – So inbrünstig hab ich in meinem ganzen Leben noch nicht gebetet … «

»Und wo hattest du dich versteckt?«

»In der Nähe der Jauchegrube. – Du, ich hab soviel Angst gehabt, daß ich den Gestank überhaupt nicht gerochen habe. – Kannst du dir das vorstellen?«

»Und ob!«

»Dann hörten wir Schüsse – da hab ich mir in die Hosen gemacht! Die Iwans haben die Männer auf dem Rummelplatz antreten lassen, abgezählt, und jeder dritte oder vierte – ich weiß es nicht genau – wurde erschossen!«

»Hat das jemand von euch gesehen?«

»Eine Freundin meiner Mutter, die am Rummelplatz wohnt. Sie kam nachher zu uns und hat erzählt. – Die war aber fertig, sag ich dir … «

»Jessus Maria, Jessus Maria … « Mehr Worte brachte Karl nicht über die Lippen.

»Ja, so war das, Grzibowski … «

»Und was hast du dann gemacht?«

»Was ich gemacht habe? – Na, du stellst Fragen! – Das siehst du doch!! – Ich habe meine Uniform zusammengesucht, dann hat mich meine Mutter gesegnet – und dann bin ich abgehauen! Und jetzt bin ich hier. – Aber ich habe die Schnauze voll, bis dahin!« Grabka unterstrich mit einer unmißverständlichen Geste seine Worte. Dann sagte er: »Der Krieg ist für mich erledigt! – Ich schau bloß noch, wie ich aus der Scheiße gesund herauskomme!«

Karl schien nachzudenken, erst nach einer kleinen Weile sprach er kaum hörbar: »Mit ›Sieg‹ und ›Heil‹ braucht mir auch keiner mehr zu kommen! – Für mich ist der Zug auch abgefahren! – Hoffentlich kommen wir aus dem Schlamassel hier raus!« Grabka griff in die rechte Brusttasche seines Uniformrocks, nahm aus einer Packung eine Zigarette heraus, zündete sie an, inhalierte gierig den Rauch, stieß ihn genußvoll durch die Nase aus, fragte: »Willst du eine?«, und als Karl verneinte, sagte er: »Schöne Scheiße! – Bei mir läuft auch nichts mit ›Heil‹ und ›Sieg‹ … aber da ist nie etwas bei uns gelaufen … «

Karl hatte Grabkas Bemerkung nicht aufgenommen, denn er war mit seinen Gedanken in Mechtal, dachte an das grausige Geschehen, von dem ihm der Kamerad erzählt hatte. Er murmelte: »Mein Gott, diese Rotzlöffel, diese Vollidioten, die haben gar nicht gewußt, was sie tun .. !« Dann blickte er Grabka an und sagte vernehmlich: »Diese Kinder sind in dieselbe Schule gegangen wie wir – die können nicht dafür! – Die hat wieder irgend so ein Führer auf dem Gewissen! – Hoffentlich haben die Iwans ihn erwischt!«

Dann atmete er tief und hörbar aus und flüsterte: »Das ist doch zum Heulen … die armen unschuldigen Menschen … «

»Hör mal«, sagte Grabka, »laß uns weitergehen, sonst erfrier ich!« Und nachdem er Karls Uniform in Augenschein genommen hatte, konnte er sich nicht verkneifen zu sagen: »Du hast dich wohl in der Jahreszeit geirrt, mit deinen Klamotten! – Du mußt doch frieren, wie ein Hund, in der Sommeruniform!«

»Sieh dir mal meine Hände an«, sagte Karl.

»Wie gefrorenes Schweinefleisch sehen sie aus, Grzibowski! – Steck sie doch in die Taschen, Herrgott nochmal!! – Und nun sag ich dir was: ich gehe jetzt weiter, ich muß mich ein bißchen bewegen. – Wir können ja reden, während wir marschieren!«

Der Infanterist ging los, doch nach einigen Schritten blickte er zurück und als er Karl noch immer auf derselben Stelle stehen sah, rief er: »Grzibowski, du kannst die Russen auch nicht aus Karf vertreiben! – Los, komm, ich will nicht in Sibirien landen!!« Karl war mit seinen Gedanken wieder in Karf, doch nun war er dem Kameraden aus dem Nachbarort, den der Himmel ihm geschickt hatte – so empfand er im Augenblick –, für die Aufforderung dankbar, denn mit jedem Schritt, der ihn von seinem Geburtsort entfernte, wurde der Wunsch stärker, sich von der Truppe abzusetzen und nach Karf zurückzukehren. Immer wieder erinnerte er sich der Worte, die seine Mutter ihm aus dem bereits angefahrenen Zug zugerufen hatte: »Karlik, spiel nicht den Helden! – Geh nach Karf und versteck dich dort!«

»Mutti, wenn du wüßtest, was in Mechtal geschehen ist, du würdest nicht mehr sagen: Karlik, geh nach Karf und versteck dich dort. Du würdest mir raten, so schnell und so weit wie möglich zu verschwinden!« dachte Karl. Er blickte noch einmal in die Richtung zurück, in der der Ort lag, in dem er seine Kindheit erlebt und zum Jüngling herangewachsen war, und ihm war nicht bewußt, daß seine Lippen Worte formten, daß sein Atem ihnen Leben verlieh. Leise, und so als spreche er in sich hinein, sagte er mit tonloser Stimme: »Leb wohl, Karf, lebt wohl, Leute von Karf … vielleicht sehen wir uns einmal wieder, eines Tages … oder werden wir uns nie wiedersehen, wird es eines schönen Tages heißen: in der Heimat, da gibt’s kein Wiedersehen? … «

Karl hatte Tränen in den Augen. Mit dem Handrücken der eiskalten Rechten wischte er die Spuren, die der Abschiedsschmerz in ihm hinterlassen hatte, hinweg. Dann straffte sich sein Körper – und er ging auf den wartenden Kameraden zu.

»Na endlich, Grzibowski, das hat ja ausgesehen, als ob du dich für immer von der Heimat verabschiedest.«

»Ich hoffe nicht, Grabka, ich hoffe nicht … «, antwortete Karl.

 

Karl und der Mechtaler Grabka gingen einige Zeit schweigend nebeneinander her. Es war Karl, der das Gespräch wieder begann. Er bemerkte: »Ich mußte daran denken, was du eben gesagt hast … vom Abschied … und von der Heimat. Das ist schon komisch, Grabka, da ist was in meinem Kopf, ein Gedanke, eine Vorstellung, genau gesagt: ein Bild, das will und will nicht aus meinem Schädel heraus.«

»Und was ist das für ein Bild, Grzibowski?«

»Weißt du, ich sehe viele Menschen, höre sie sprechen und auch singen. Aber es sind polnische Laute, die ich höre … Und ich sehe auch Frauen und Kinder, höre sie stammeln, aber in der deutschen Sprache. Die Mütter tragen ihre kleinsten Kinder auf den Armen und fragen nach Brot … und die Häuser sind leer, aber die Kirchen sind überfüllt … Siehst du, Grabka, und dieses Bild läßt sich einfach nicht aus meinem Kopf verdrängen. – Was sagst du dazu?«

Es vergingen einige Sekunden, dann meinte der Mechtaler: »Muß ich dazu was sagen?«

»Mußt du nicht! Nein, mußt du nicht! – Weißt du, manchmal glaube ich, daß ich spinne!« erwiderte Karl.

»Einsicht ist der erste Weg zur Besserung, sagt man«, stellte Grabka sachlich fest.

»Da! – Siehst du die Schrotholzkirche?« rief Karl.

»Natürlich sehe ich sie! – Aber deswegen mußt du doch nicht so schreien! – Du hast mich richtig erschreckt, Grzibowski!« sagte Grabka in unwirschem Ton.

»Aber die ist doch wirklich schön – und wer weiß, ob wir sie jemals wiedersehen werden!«

»Mensch, die hab ich so oft gesehen! – Und jetzt laß mich in Ruhe mit der Kirche!«

»Na gut«, bemerkte Karl, doch er fragte: »Weißt du, weshalb sich alle Einheiten auf Beuthen zu zurückziehen?«

»Weiß ich nicht, Grzibowski … ich, ich laufe der Herde nach. Was anderes kann ich dir nicht sagen.«

»Ob Beuthen verteidigt wird?«

»Um Gottes willen, bloß nicht – da stünde kein Stein mehr auf dem anderen!« Die beiden Soldaten gingen den Stadtpark entlang, und als sie das Hallenbad sahen, fragte Grabka: »Ob wir mal reingehen und uns aufwärmen?« Er nahm Karls verständnislosen Blick wahr und bemerkte: »Na ja, da war es immer so schön warm.«

»Wollen wir?« Mehr sagte Karl nicht.

»Natürlich wollen wir! – Sieh dir doch mal deine Pranken an, Wärme würde ihnen gut tun!«

»Die jucken auch schon ganz schön – und auch sonst frier’ ich bis auf die Knochen!«

»Na los, gucken wir mal, ob die Türen offen sind«, sagte Grabka und ging zum Haupteingang. Nach wenigen Sekunden schon rief er: »Grzibowski, alles klar, die Türen sind nicht verschlossen!«

»Mensch, ist es hier schön warm«, sagte Karl, als er in das Gebäude eingetreten war. Grabka hatte sich hinter eine Fensterscheibe gestellt und beobachtete das Treiben auf der Straße. »Weißt du, was mich wundert?" fragte er nach einigen Sekunden.

»Was denn?«

»Daß noch keiner von denen, die da vorbeilaufen, auf die Idee gekommen ist, hier hineinzugehen.«

»Vielleicht ist nur uns so kalt«, antwortete Karl.

»Ach, Quatsch, die frieren doch alle wie die Schneider!«

Als Karl nichts entgegnete, sagte Grabka: »Weil die es alle furchtbar eilig haben, deshalb!«

»Bist du auch Genesungsurlauber?« fragte Karl.

»Nein … mein Urlaub war schon lange fällig! – Du warst im Genesungsurlaub?«

»Ja! – Aber für den Heldenklau hatte das keine Bedeutung! Verstehst du?«

»Und wo hat er dich geschnappt?«

»In Beuthen, am Hauptbahnhof. Ich wollte mir die Marschpapiere holen, um zu meiner Truppe zu fahren.«

»Und da haben sie dich gekascht!«

»Ich habe natürlich protestiert! ›Meine Einheit ist eine Elitedivision: ich bestehe darauf, daß Sie mich zu meinem Truppenteil zurückschicken!‹ hab ich gesagt.«

»Und die Kettenhunde?«

»›Allerhöchste Alarmbereitschaft! Wenn der Befehl aufgehoben wird, können Sie von uns aus hinfahren, wohin Sie wollen: aber jetzt bleiben Sie hier!‹ haben sie geantwortet.«

»Siehst du, wenn die Kacke am Dampfen ist, gibt es keine Unterschiede mehr. Da kannst du soviel Streifen am Ärmel tragen wie du willst – daß deine Division Großdeutschland heißt, hilft auch nicht!«

»Das ist aber ein Mist! – Ich wäre lieber bei meiner Truppe!«

»Wer nicht … Das sind keine schönen Aussichten, eine verpaßt zu bekommen – und keiner kennt dich … «

»Das ist das schlimmste, was einem passieren kann. – Aber bei diesen zusammengewürfelten Kampftruppen muß man damit rechnen. – Also, wenn der Heldenklau mich mal wieder kaschen sollte, da mach ich gleich wieder die Mücke, das kannst du mir glauben, Grabka!«

»Ich wünsche dir, daß es immer so kommt, wie du es möchtest. – Schön warm, wie?« sagte Grabka.

»Wie lange wollen wir eigentlich hier drinnen hocken?«

»Ein bißchen länger schon, Grzibowski.«

»Hast du keine Angst, daß der Iwan uns überrascht?«

»Das sehen wir bestimmt, wenn der in unserer Nähe ist.«

»Aber zieh dich vom Fenster zurück, sonst bekommen wir noch Besuch … vielleicht von den Kettenhunden, die werden doch wieder wahnsinnig scharf sein.«

»Wenn es dich beruhigt, warum nicht?«

Karl hatte sich auf einen Hocker gesetzt und rieb die Hände. »Das tut gut. Da könnte ich wer weiß wie lange sitzen bleiben«, meinte er.

»Was ich dich schon lange fragen wollte, Grzibowski, sag mal: Warum bist du eigentlich nicht in Karf geblieben?« Grabka wartete aber Karls Antwort nicht ab. »So wie ich in Mechtal?«

»Was sollte ich denn in Karf?«

»Was du da solltest? – Also, ich verstehe dich nicht! – Mensch, da wärst du doch zu Hause, da wäre der Krieg doch für dich erledigt!«

»Das ist eben nicht so, wie du denkst, das ist schon etwas anders als bei dir, Grabka.«

»Und warum?«

»Meine Eltern sind doch vor zwei Jahren nach Sosnowitz verzogen.«

»Nach Sosnowitz?«

»Mein Vater ist bei der Polizei, er wurde versetzt«, sagte Karl.

»Jessus Maria … Und ist er noch in Sosnowitz?«

»Ja!«

»Da mußt du aber für ihn beten, Grzibowski.«

Grabka zündete die Zigarette an, die er bereits mit den Lippen festhielt, und nachdem er den Rauch hörbar ausgestoßen hatte, wiederholte er: »Da mußt du aber für ihn beten … «

»Ihm wird schon nichts passieren!«

»So … Also, ich möchte nicht in der Haut deines Vaters stecken, das kannst du mir glauben!«

»Aber die Polen werden ihm nichts tun! Sie haben zu ihm gesagt: ›Bleiben Sie hier, wenn es mal anders kommen sollte, es wird Ihnen nichts geschehen!‹«

»Und daran glaubt er?«

»Nicht nur er – ich glaube auch daran!«

»Sag mal, ist dein Vater krank? … Ich meine, hier oben?« Grabka tippte mit dem Zeigefinger der rechten Hand an seinen Kopf.

»Krank ist er bestimmt nicht … und da oben schon gar nicht – vielleicht ist er zu vertrauensselig … Auf jeden Fall, er ist dageblieben.«

»Ihr seid vielleicht eine leichtgläubige Familie, Grzibowski, das muß ich schon sagen.« Grabka sah Karl mit einem Blick an, der Staunen und Spott ausdrückte. »Ich kann nur sagen«, fügte er hinzu, »ihr tickt nicht richtig … da oben!« Er wandte sich von Karl ab, ging einige Schritte auf und ab, blieb vor Karl stehen und sagte: »Ihr tickt wirklich nicht richtig, aber was geht mich das an!« Danach fragte er: »Willst du jetzt eine Zigarette?«

»Ja … «, antwortete Karl nachdenklich. Grabka hielt ihm das brennende Sturmfeuerzeug entgegen, und nachdem er auch seine Zigarette angezündet hatte, sagte er: »Was ich dich schon vorhin fragen wollte: Wie bist du eigentlich nach Beuthen gekommen, Grzibowski? Die Frontleitstelle, bei der du dich zu melden hattest, ich meine, die für dich zuständig war, das war doch die in Sosnowitz – was hast du denn in Beuthen gesucht?«

»Das war so … ich war doch in Karf … zu Besuch, bei meinem Großvater, in der Wilhelmstraße 10 – «

Grabka fiel Karl ins Wort: »Kenn ich!«

»Also: Ich hatte meinen Großvater besucht und die Verwandten. Du mußt wissen, das ganze Haus wird nur von der Verwandtschaft bewohnt. Na ja, die habe ich alle besucht … und ich bin auch dort gewesen, weil mein Vater zu mir gesagt hat: ›Junge, geh nach Karf, da ist es für dich sicherer als hier in Sosnowitzl‹ – Also, deshalb kam ich nach Karf! – Verstehst du jetzt?«

»Hör mal, Grzibowski, ich verstehe nur: dein Vater ist in Sosnowitz geblieben – «

Nun schnitt Karl dem Kameraden das Wort ab. In aggressivem Ton sagte er: »Du wolltest doch wissen, wie ich nach Karf gekommen bin – durch welche Umstände!«

»Ja, ja«, entgegnete Grabka, »aber reg dich doch nicht so auf! – Ich hab dich schon verstanden. – Also, du warst in Karf zu Besuch, und nachdem dein Urlaub abgelaufen war, hast du dich auf der Frontleitstelle in Beuthen gemeldet. – Und da hat dich der Heldenklau kassiert! – Ist doch alles richtig, nicht wahr?«

»Ja!« antwortete Karl verdrossen.

»Na und dann?« fragte Grabka.

»Du solltest lieber fragen, was vorher alles gewesen war«, entgegnete Karl.

»Und was war vorher?«

»Meine Mutter und die Geschwister sind evakuiert worden, das war vorher!«

»Mensch, darüber kannst du doch froh sein, Grzibowski, da sind sie doch außer Gefahr!«

Karl murmelte: »Hoffentlich hast du recht … «

»Hab ich bestimmt!« erwiderte Grabka. Nachdem zwei, vielleicht auch drei Sekunden vergangen waren, fragte er: »Wohin wurden sie denn evakuiert?«

»Nach Waldenburg! … Ein Cousin des Vaters wohnt dort … er hat sich einverstanden erklärt, Mutter und die vier kleinen Geschwister aufzunehmen … «

»Das muß aber ein guter Mensch sein«, sagte Grabka.

»Hoffentlich ist er das … ich kenn ihn überhaupt nicht und habe vorher auch nie was von ihm gehört. Über ihn ist nie bei uns gesprochen worden.«

»Also, wenn der sich einverstanden erklärt hat, so viele Personen bei sich aufzunehmen, muß er ein guter Christ sein, Grzibowski!«

»Hoffentlich hast du recht … «

»Du hast überhaupt keinen Grund, dich verrückt zu machen!«

»Wahrscheinlich hast du recht, Grabka; aber mir ist seit der Evakuierung meiner Mutter nicht ganz wohl … ich weiß nicht, es ist so ein Gefühl … verstehst du das?«

»Und ob … «

»Also, mir ist nicht ganz wohl, seitdem sie weggefahren sind … «

»Und ich sage dir: Mach dich nicht verrückt«, unterbrach ihn Grabka in entschiedenem Ton.

»Du, ich habe genug gesehen«, sagte Karl, »auf der Fahrt hierher nach Oberschlesien … Wenn ich daran denke, da wird mir ganz anders zumute. Wenn ich mir vorstelle, daß es Mutter und den Geschwistern auch so ergehen könnte wie den vielen Menschen, die ich auf den Bahn-höfen habe sitzen sehen, du, da … Das ist vielleicht ein Elend, sag ich dir … «

»Mach dich doch nicht verrückt, Grzibowski! Deine Mutter brauchte doch nur im Zug sitzen zu bleiben und abzuwarten, bis sie in Waldenburg eintraf. – Der Zug fuhr doch nach Waldenburg, nicht wahr?«

»Na ja, ich denke schon – sonst hätte Vater die doch nicht fahren lassen … Hoffentlich sind sie gut angekommen … Dann wären sie jetzt in Sicherheit … «

»Wird schon alles klappen«, bemerkte Grabka. Eine ganze Weile sagten die beiden nichts. Karl rieb seine Hände, und Grabka rauchte. Karl war es, der die Gesprächspause beendete. Er sagte und es schien, als ob er mit sich selbst rede: »Das war vielleicht ein Zirkus, so was wie eine Evakuierung möcht ich nicht nochmal erleben … «

»Sprichst du mit mir?« fragte Grabka.

»Ich hab eigentlich nur laut gedacht«, sagte Karl und blickte dem Kameraden in die Augen, als er wiederholte: »So was möcht’ ich nicht nochmal erleben! … Da verlierst du die Nerven … Die kleinen Kinder, weißt du, die machen dich fertig … Die wissen ja nicht, um was es geht. – Und das Schlimmste war das Warten! Das Warten auf den Befehl zur Evakuierung, das machte einen kaputt … Das mußt du dir vorstellen: Der Iwan kommt näher und näher …, und nichts tut sich! – Die Goldfasane, die dafür zuständig waren, daß die Menschen auch rechtzeitig wegkommen sollten, sie taten, als ob überhaupt nichts wäre. – Und weißt du, warum? – Weil sie den Polen etwas vorspielen wollten – als ob die nicht Bescheid gewußt hätten. Weißt du, was ich immer gedacht habe? – Ich habe gedacht: Warum warten die nur solange? … Je länger sie warten, um so größer wird die Panik – «

Grabka fiel Karl ins Wort. »Diese Vollidioten! – Das ist doch klar, daß die Leute immer verrückter werden! – Aber hast du von denen etwas anderes erwartet?« fragte er.

»Für die Frauen und Kinder, die auf den Abruf warteten, war es eine schlimme Zeit! – Meine Mutter drehte völlig durch! Und das war auch kein Wunder … Überall in der Wohnung standen die Kisten und Koffer herum, wie auf dem Bahnhof in der Gepäckabfertigung. – Und dann das Gequäke der kleinen Geschwister … «

»Das kann ich mir gut vorstellen, Grzibowski, da möchte man am liebsten die Kurve kratzen, nicht wahr?«

»Genau das möchte man, genau das!« stimmte Karl mit lauter Stimme zu, doch nachdrücklich, aber sehr leise sagte er zu Grabka: »Soll ich dir sagen, woran ich gedacht habe? … « Und als der ihn nur fragend anblickte, sagte Karl: »An das, was für mich am bequemsten war! – Daran habe ich gedacht!«

»Und was war das?«

»Wie soll ich dir das erklären … ja, wie soll ich dir das erklären, Grabka … ich schäme mich so, dir das zu sagen … «

»Na, nu mach dir bloß nicht ins Hemd, Grzibowski!« bemerkte Grabka.

»Stell dir mal vor: Ich habe versucht, mein Gewissen zu beruhigen! – Kannst du dir so was vorstellen?«

»Kann ich, kann ich!«

»Ich redete mir ein: Es wird alles schon nicht so schlimm sein, nicht so schlimm werden . . . Mit einer widerlichen Spitzfindigkeit habe ich versucht, das ungeheuerliche Geschehen zu verharmlosen, um mich von dem Unbehagen zu befreien, von dem ich seit meiner Ankunft in Sosnowitz befallen worden war. – Der Verwandte in Waldenburg, der Cousin meines Vaters, den ich noch nie in meinem Leben gesehen hatte, der mußte für vieles herhalten. Ich redete mir ein, genauso wie du gesagt hast: Er ist ein guter Mensch, sonst hätte er sich doch nicht damit einverstanden erklärt, Mutter mit vier Kindern bei sich aufzunehmen. – Du kennst das ja, Grabka, in solchen Situationen versucht man sich mit allen Mitteln zu beruhigen … Doch plötzlich konnte ich mich nicht mehr ausstehen: ich kam mir vor wie ein feiger ›Lump!‹ – Ich verwarf die scheinheiligen Argumente und versuchte klarzusehen. Ich fragte mich immer wieder, ob es denn gut, ob es richtig wäre, Mutter die Wahrheit zu sagen! Ob ich ihr von dem erzählen müßte, was ich auf der Fahrt nach Oberschlesien auf den Bahnhöfen gesehen hatte … Von den Frauen und Kindern, die herumgestoßen wurden, um die sich niemand kümmerte … Davon, daß sie auf den Gepäckstücken gesessen, gefroren und kaum noch die Augen hatten offenhalten können … Von den Säuglingen, die vor Hunger geweint hatten … Grabka, ich sage dir, die Stärksten waren die Rücksichtslosesten! Sie setzten ohne Zögern ihre Kraft ein, wenn es galt, sich Vorteile zu verschaffen! – Von wegen: Einer für alle und alle für einen! Davon hatten die noch nie etwas gehört … Nun, ich hab es nicht fertiggebracht, ihr die Wahrheit zu sagen … Und der Befehl zur Evakuierung war noch immer nicht gegeben worden, obwohl ich von Vater wußte, daß der Russe nur noch wenige Kilometer von Sosnowitz entfernt war … Ja, so war das … Und nun sag ich dir, wer zuerst die Kurve gekratzt hat, als es soweit war: die Goldfasane und ihre Liebchen! – Über Nacht waren sie weg, hatten sie sich verkrümelt!«

»Das ist doch immer so«, bemerkte Grabka.

»Natürlich ist das immer so, wir wissen es und sind immer wieder überrascht, aufs neue überrascht. Ja, so war das! – Und dann war da noch etwas, was mir ungemein auf die Nerven gegangen war … Meine Eltern stritten sich, weißt du.« Als Karl wahrnahm, daß Grabka ihn mit einem Blick bedachte, aus dem Zweifel zu lesen war, wiederholte er: »Ja, die haben sich gestritten, stell dir mal vor, in solch einer Situation haben sie sich noch gestritten. – Und soll ich dir sagen worüber? … Meine Mutter gab Vater die Schuld an allem! – Natürlich ist das Unsinn, denn er hat doch den Krieg nicht angezettelt. Aber in den Augen meiner Mutter war auch er schuldig. Zumindest trug er die Schuld dafür, daß sie nach Sosnowitz hatte umziehen müssen! – Aber was hätte Vater denn machen sollen? Es war ein Befehl! … Es ging ihm wie dir und mir und den Millionen, die nie gefragt werden, ob ihnen etwas paßt oder nicht … Ich kann aber auch nicht vergessen, was Mutter zu Vater gesagt hat – «

Grabka fiel Karl ins Wort: »Ich weiß zwar nicht, was deine Mutter gesagt hat, aber meine Mutter, die hat nie was vom Führer und von den Braunen gehalten, schon deshalb, weil sie mit der Kirche nichts im Sinn hatten. Mutter hat immer gesagt: ›Das nimmt ein böses Ende mit den Hitlerosches!‹ So hat sie die von der Partei genannt. Und als ich die paar Tage zu Hause gewesen war – als ich mich von der Truppe verdrückt hatte –, da hat sie zu mir gesagt: ›Junge, das hast du richtig gemacht! Sollen die doch Krieg machen ohne dich!‹«

Während der Soldat Grabka von seiner Mutter sprach, klang seine sonst so spröde Stimme weich und warm. »Sie hat es ja nicht leicht gehabt, weißt du, wie alle die Frauen hier. Die haben schon ein Kreuz zu tragen … « Karl blickte gerade auf den Kameraden, als dieser sich die Nase zu putzen begann. Grabka bemerkte den forschenden Blick Karls und meinte beiläufig: »Hast du auch soviel Staub in den Augen?«

»Natürlich, natürlich … «, antwortete Karl.

»Aber du wolltest von deiner Mutter erzählen, Grzibowski, entschuldige, ich habe dich vorhin unterbrochen.«

»Nicht so schlimm! Auf diese Weise habe ich etwas über deine Mutter erfahren. – Aber was ich sagen wollte, ich weiß eigentlich nicht, wo ich anfangen soll … «, entgegnete Karl, und er vermittelte den Eindruck, als suche er nach Worten. Dann fuhr er fort: »Du hast eben gesagt, daß deine Mutter es sehr schwer hatte. – Du, das ist alles so ähnlich, bei euch und bei uns … « Karl ließ Grabka nicht aus seinem Blick. »Es waren ganz einfache, simple Worte, die meine Mutter gesagt hat, aber sie sind wahr … ›Das ganze Leben haben wir geschuftet und gedarbt, und nun werden wir vielleicht alles verlieren‹, das hat sie gesagt. Aber wie sie es gesagt hat – ein Messerstich in den Magen kann nicht mehr Schmerzen bereiten … Und dann hat sie den lieben Gott gefragt: ›Was haben wir nur getan, daß wir so leiden müssen? Müssen immer die kleinen Leute bezahlen, was die Großen verbrechen? Können die Menschen nicht mal in Frieden miteinander leben?‹ Dann hat sie einen Satz aus der Bibel zitiert: ›Möge nicht wahr werden, was im alten Testament geschrieben steht: Erst schlug er sie … dann zerstreute er sie in alle Winde … ‹«

»Das hört sich ja an wie in der Kirche«, sagte Grabka, und der Ausdruck der Nachdenklichkeit war ihm anzusehen. »Und dann, am Bahnhof«, fuhr Karl fort, »am Bahnhof, da war der Teufel los! Mein Vater hatte für die Fahrt zum Bahnhof einen Lastwagen organisiert. Ich hielt mich schon dort auf, um ein Coupe zu belegen. Als der eingesetzte Zug zum Stehen kam, war ich gleich im Waggon und stellte mich vor die Tür eines Abteils. Schließlich waren es fünf Personen, für die ich den Platz benötigte, oder nicht? – Du kannst dir nicht vorstellen, was ich von den Leuten zu hören bekam. Einige wurden sogar handgreiflich, aber ich wich nicht von der Stelle und ließ keinen in das Coupe hinein. – Dann kam der Abschied … Du, an der Front, da ist alles viel leichter zu ertragen, da heult ja kaum einer, höchstens mal ein Schwerverwundeter … aber das Geschrei der Kinder, das hält man nicht aus! – Mir geht es jedenfalls so.«

»Du bist sicher kein Einzelfall, Grzibowski, das geht uns allen so. Es sind ja die eigenen Leute, ich meine, es sind ja keine Fremden, wo einem das wurscht ist, wenn sie heulen.«

Karl sprach weiter. »In den zwei, drei Minuten, in den letzten Minuten vor der Abfahrt des Zuges, da fallen einem noch so viele Dinge ein, die man loswerden möchte. Da wird geredet und geredet, und weißt du, was ich hinterher festgestellt habe? Daß die unwesentlichsten Dinge plötzlich eine Wichtigkeit erhalten, die ich ihnen nie zugeordnet hätte, ich meine, in einer anderen Situation. Immer wieder versicherte Mutter, sie werde sofort schreiben, wenn sie angekommen sei. Aber sie hatte doch unzählige Wünsche. Mehr als einmal sagte sie: ›Schickt mir dieses und jenes nach; wir brauchen es dringend! – Und räumt ja die Wohnung auf, wenn wir zurückkommen, möchten wir keinen Schweinestall vorfinden!‹ So ein Unsinn, nicht wahr?« Karl hatte, während er sprach, zu Boden gestarrt. Nun sah er Grabka in die Augen und fragte: »Was meinst du, ob die Evakuierten wieder zurückkommen? … «

Grabka warf den Zigarettenstummel auf die Fliesen, trat mit dem Absatz seines rechten Stiefels auf den Rest des Glimmstengels, stieß den Atem hörbar aus und quetschte zwischen den Zähnen hervor: »Frag mich doch was Leichteres! … Ich weiß es nicht … So wie es aussieht – ich weiß es wirklich nicht!«

»Willst du meine Meinung hören?« fragte Karl.

»Schieß los!«

»Ich hab es so im Gefühl … ich glaube, sie kommen nicht zurück … « Karls Worte verloren sich in dem weiten Raum. Auch bei Grabka hatten sie tiefe Nachdenklichkeit hervorgerufen. Wie lange die beiden schweigend nebeneinander gesessen hatten, sie hätten es nicht sagen können, wenn sie gefragt worden wären. Es war Karl, der die an den Nerven zerrende Stille durchbrach. Sehr leise sagte er: »Hast du je gedacht, daß alles mal so kommen könnte? … « Nur ein gemurmeltes: »Nein … « brachte der Kamerad, der in dem Nachbarort Mechtal zu Hause war, über seine Lippen. Karl atmete aus und fuhr fort: »Da weiß man nicht, was man sagen soll … oder?«

»Da hast du recht«, antwortete Grabka, »da fehlen einem die Worte.«