• Herausgeber: mvg
  • Kategorie: Ratgeber
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2012
Beschreibung

Statistisch gesehen wird jede vierte Frau in Deutschland im Lauf ihres Lebens Opfer von Gewalt in der Partnerschaft. Dabei ist es ganz egal, welcher sozialen Schicht sie angehört, wie alt sie ist, ob sie Kinder hat oder nicht. Das Problem zieht sich durch die gesamte Gesellschaft, und theoretisch kennen wir alle mindestens zwei oder drei Betroffene – wir wissen es oft nur nicht. Es fällt den meisten Frauen sehr schwer, sich selbst aus dieser Gewaltspirale zu befreien und aktiv Hilfe zu suchen. Teilweise aus Angst vor dem Partner, teilweise aber auch aus Scham, sich anderen Menschen anzuvertrauen, da sie sich vor dem Satz fürchten: »Warum gehst du dann nicht, du bist doch selbst schuld.« Katja Schneidt, die früher selbst massive Gewalt in der Partnerschaft erlebte, hat nun einen Ratgeber zu diesem Thema geschrieben, der sowohl verschiedene Fallbeispiele als auch konkrete Tipps zum Ausstieg aus der Gewaltspirale enthält. Sie behandelt dabei konkrete Fragestellungen, etwa, wie man sich deeskalierend verhält, wie man sich Schlupflöcher schafft oder wie man das Verlassen des Partners vorbereitet, ohne dass er dies bemerkt. Anhand vieler konkreter Beispiele zeigt sie auch, wie sich Gewalt nach und nach in einer Beziehung manifestiert, was erste Alarmzeichen sind und wie man frühzeitig gegensteuern und Unterstützung finden kann.Ein Buch, das es schon viel früher hätte geben müssen.

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Seitenzahl: 217

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Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://d-nb.de abrufbar.

Für Fragen und Anregungen:

[email protected]

1. Auflage 2012

© 2012 by mvg Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH

Nymphenburger Straße 86

D-80636 München

Tel.: 089 651285-0

Fax: 089 652096

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Redaktion: Susanne Schneider, München Umschlaggestaltung: Julia Jund, München Umschlagabbildung: iStockphoto Satz: HJR – Jürgen Echter, Landsberg am Lech Epub: Grafikstudio Foerster, Belgern

ISBN 978-3-86882-263-2

ISBN E-Book (PDF) 978-3-86415-265-8

Epub – ISBN 978-3-86415-294-8

Weitere Informationen zum Thema finden Sie unter

www.mvg-verlag.de

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Inhalt

Vorwort

Mein Neuer ist mein absoluter Traummann …

Ich befand mich in einem Schockzustand!

Ich konnte mich niemandem anvertrauen!

Niemand hat geholfen!

Du bist doch selbst schuld! Warum lässt du dich auch schlagen?

Es gibt ein Leben »danach«!

Sie sind Opfer und nicht Täter!

Ich gehe!

Die Kinder bleiben bei mir!

Geschafft! Und nun?

Bedroht!

Nützliche Adressen von Frauenhäusern und Gewaltberatungsstellen

Vorwort

Laut einer britischen Studie vergehen von dem Zeitpunkt der ersten Gewaltausübung durch den Lebenspartner bis zu dem Zeitpunkt, an dem Frauen sich Hilfe holen, durchschnittlich sieben kostbare Jahre. Als ich diese Zahl im Zuge meiner Recherche zu diesem Buch vor Augen hatte, erschrak selbst ich, obwohl ich mich seit mehr als 20 Jahren mit dem Thema Gewalt in der Partnerschaft auseinandersetze. Genau genommen seit dem Tag, an dem ich selbst an meinem eigenen Leib die Folgen eines gewalttätigen Partners spüren musste. Nie werde ich vergessen, wie der einst geliebte Mann seine Faust erhob und sie mir mit aller Kraft in mein Gesicht schlug! Ich war zunächst dermaßen schockiert, dass ich keinerlei Schmerzen verspürte. Noch nie hatte mir ein Mann Gewalt angetan, und so war ich darauf absolut nicht vorbereitet.

Ich war zu diesem Zeitpunkt eine selbstbewusste, toughe Frau, Anfang 20, und Gewalt in einer Paarbeziehung kannte ich bis dahin nur aus Filmen und Erzählungen. Wie die meisten Menschen, die mit dieser Thematik noch nie in Berührung gekommen waren, war auch ich fest davon überzeugt, dass, wenn es jemals dazu kommen sollte, dass mein Freund die Hand gegen mich erheben würde, dies das sofortige Aus für die Beziehung bedeuten würde.

Nun war dieser – für mich bis dahin undenkbare – Fall also eingetroffen, und mein Handeln war gefragt. Natürlich habe ich mich sofort von ihm getrennt, aber da ich auf die Schnelle keine neue Wohnung gefunden habe und auch meinen Freunden und meiner Familie nicht zur Last fallen wollte, einigte ich mich mit meinem Partner darauf, dass wir zunächst gemeinsam in der Wohnung bleiben würden und er zum Schlafen in unser Wohnzimmer umziehen würde.

Natürlich ließ mein Freund keine Gelegenheit aus, um mir gegenüber immer wieder zu beteuern, dass es sich bei der Gewaltattacke nur um einen einzigen bedauerlichen Ausrutscher gehandelt habe. Fast täglich brachte er mir Blumen oder andere kleine Aufmerksamkeiten mit und wurde nicht müde, mich mit seiner Aufmerksamkeit zu überschütten. Und sein zuvorkommendes Verhalten zeitigte seine Wirkung: Je länger dieser Zustand andauerte, umso unwirklicher erschien mir der Tag, an dem er mich geschlagen hatte, und irgendwann begann ich tatsächlich über eine Weiterführung der Beziehung nachzudenken. Nie werde ich das freudige Funkeln in seinen Augen vergessen, als ich ihm mitteilte, dass ich mir überlegt hätte, einen neuen Versuch mit ihm zu starten.

Eine ganze Weile ging es auch gut, aber wie Sie sich vielleicht denken können, kam der Zeitpunkt, an dem er erneut auf mich einprügelte. Diesmal noch viel heftiger als beim ersten Mal. Anschließend machte er mir unmissverständlich klar, dass es sich nicht um einen Ausrutscher gehandelt habe, und meine Ankündigung, mich diesmal definitiv von ihm zu trennen, quittierte er mit dem Satz: »Solltest du mich verlassen, werde ich dich finden, und ich werde dich töten.«

Ich habe nicht eine Sekunde daran gezweifelt, dass er seine Ankündigung auch in die Tat umsetzen würde, und so habe ich vier lange Jahre in dieser von Gewalt geprägten Beziehung ausgeharrt, bevor ich meine Ängste schließlich überwinden konnte und mir die Flucht gelang. Wenn ich die eingangs britische Studie noch einmal als Maßstab nehme, dann sind mir die Flucht und Trennung immerhin drei Jahre unter dem errechneten Durchschnitt gelungen.

Seit ich mit meiner Gewalterfahrung in Form des Buches Gefangen in Deutschland in die Öffentlichkeit gegangen bin, weiß ich, wie notwendig ein Anti-Gewalt-Ratgeber ist. Ich bekomme täglich sehr viele Zuschriften von Frauen, die selbst von Gewalt in der Partnerschaft betroffen sind und sich Hilfe suchend an mich wenden. Wann immer ich im Fernsehen zu sehen bin oder eine Zeitschrift über mich berichtet, weiß ich, dass ich innerhalb weniger Stunden wieder eine ganze Flut von Anfragen und Hilferufen in meinem E-Mail-Posteingang vorfinde.

Gewalt hat viele Gesichter, und die Leidensgeschichten, die an mich herangetragen werden, sprengen oftmals selbst mein Vorstellungsvermögen. Da ich natürlich nicht alle betroffenen Frauen, die sich vertrauensvoll an mich wenden, beraten kann, habe ich mich auf die Suche nach einem kompetenten Ratgeber gemacht, den ich diesen Frauen als Buchempfehlung an die Hand geben könnte. Meine Ausbeute war erschreckend! Die meisten Ratgeber zum Thema Gewalt sind voller Zahlen, Daten und Fakten, aber praktische Ratschläge sucht man dort meist vergebens. Ich fand wirklich nichts, was ich von Gewalt betroffenen Frauen ruhigen Gewissens hätte empfehlen können. Dieser Umstand war ausschlaggebend, dass ich schließlich selbst einen Anti-Gewalt-Ratgeber geschrieben habe, und das Ergebnis halten Sie nun in Händen.

Betrachten Sie mein Buch als eine Art »gute Freundin«, die Sie nun an die Hand nimmt und Ihnen fortan zur Seite steht. Falls Sie selbst unter Gewalt in Ihrer Partnerschaft zu leiden haben, wünsche ich Ihnen viel Kraft, den Weg aus der von Gewalt geprägten Partnerschaft zu finden, und dass Sie in ein neues und angstfreies Leben starten.

Falls Sie das Buch gekauft haben, weil jemand aus Ihrem Freundes- oder Verwandtenkreis von Gewalt betroffen ist und Sie vielleicht nicht wissen, wie Sie helfen können, sage ich einfach Danke! Danke dafür, dass Sie nicht wegschauen, sondern selbst aktiv werden.

Vergessen wir nie:

Es gibt ein Leben nach einer Gewaltbeziehung, und dafür lohnt es sich zu kämpfen!

In diesem Sinne …

Ihre Katja Schneidt

Mein Neuer ist mein absoluter Traummann …

Wie entsteht Gewalt in der Partnerschaft, und was sind die ersten Anzeichen?

Leider sieht man keinem Menschen auf den ersten Blick an, ob er gewalttätig ist oder nicht. Bestenfalls fällt Ihnen vielleicht auf, dass der neue Partner ein bisschen dominanter ist, als Sie das aus vorherigen Beziehungen kannten. Menschen, die zur Gewalt neigen, haben aber fast immer ein großes Problem mit ihrem Selbstwertgefühl. Oft ist es so, dass sie in ihrer Kindheit selbst mehr oder weniger regelmäßig das Opfer von schlagenden Eltern waren. Diese Demütigung hat sich dann meist so nachhaltig in ihre Seele und ihr Gedächtnis eingebrannt, dass sie kein gesundes Selbstbewusstsein entwickeln konnten. Kommen diese Menschen dann im Laufe ihres Lebens in Situationen, die sie verunsichern, oder ärgern oder fühlen sie sich gar provoziert, so kennen sie nur eine Antwort darauf: die schlagende Hand!

Eine Besonderheit gibt es noch bei Männern aus dem orientalischen Kulturkreis zu beachten: Ohne dass ich hier verallgemeinernd werden möchte, ist es doch unbestritten, dass es Kulturen gibt, in denen die körperliche Züchtigung einer Frau nichts Besonderes ist und damit also gesellschaftlich akzeptiert. Es spielt dabei auch keine Rolle, ob der Partner mit Migrationshintergrund schon viele Jahre hier in Deutschland lebt oder nicht. Diese Verhaltensweisen wurden und werden von den Eltern und der Familie vorgelebt und in der Regel auch so übernommen. Der Mann hat das Sagen, und wenn die Frau sich dem Willen des Mannes nicht bedingungslos unterordnet, wird der Gehorsam eben mit körperlicher Gewalt erzwungen.

Laut einer Studie des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend sind Frauen mit beispielsweise türkischem Migrationshintergrund fast doppelt so oft von gewaltbedingten Verletzungen betroffen wie deutsche Frauen. Diese Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache.

Natürlich gibt es auch völlig gewaltfreie orientalische Männer und sehr gut funktionierende binationale Partnerschaften, aber diese sind nicht Thema dieses Anti-Gewalt-Ratgebers und finden hier deswegen keinen weiteren Raum.

Nun werden Sie sich wahrscheinlich fragen, wie Sie denn schon am Anfang einer neuen Beziehung erkennen können, ob Sie es eventuell mit einem gewalttätigen Partner zu tun haben. Das ist eine Frage, die schwierig zu beantworten ist. Niemand wird eine neue Partnerschaft gleich mit negativen Kindheitserlebnissen oder der Offenbarung, dass man sich nicht immer im Griff hat, beginnen. Darüber hinaus kann Gewalt auch viele Gesichter haben. Es ist nicht immer unbedingt der körperliche Angriff, auch die Seele kann Opfer von Gewaltattacken werden. Fortwährende verbale Demütigungen haben ebenfalls eine zerstörerische Wirkung und können körperliche Schmerzen verursachen. Hier meine ich nicht Situationen, in denen sich zwei ansonsten gleichberechtigte Partner im Streit mal ein paar Schimpfworte »um die Ohren hauen«, sondern ganz gezielt eingesetzte demütigende Äußerungen, die wohldosiert immer wiederholt werden, um einen Menschen psychisch zu schaden, ihn einzuschüchtern und unter Kontrolle zu halten. Diese Form von Gewalt kann nachgewiesenermaßen auf die Dauer körperliche Erkrankungen wie beispielsweise Migräne, nervöse Herzbeschwerden, Magenbeschwerden, Depressionen und Angstzustände hervorrufen.

Nachfolgend nun einige Warnzeichen, die bei Ihnen eine gewisse Vorsicht wecken sollten:

Möchte er schon zu Anfang der Beziehung immer genau wissen, wo Sie sich gerade aufhalten oder mit wem Sie unterwegs sind, dann werden Sie das noch unter dem Interesse an Ihrer Person und dem Zustand der Verliebtheit verbuchen.Wahrscheinlich lächeln Sie noch darüber, wenn er Ihnen im Minutentakt Kurznachrichten auf Ihr Handy sendet, obwohl er genau weiß, dass Sie sich gerade mit Ihrer besten Freundin zum Kaffeetrinken treffen, und auch den vorsichtigen Hinweis ebendieser besten Freundin, dass so ein Verhalten ja schon ein wenig rücksichtslos sei, werden Sie zu diesem Zeitpunkt noch mit einem sorglosen Schulterzucken quittieren.Auch seine Bitte, vielleicht doch etwas weniger Make-up aufzulegen und nicht allzu tief ausgeschnittene Oberteile zu tragen, wird Ihnen eher schmeicheln, als dass Sie das als Einschränkung empfinden werden.

Obwohl all diese Merkmale ernst zu nehmende Anzeichen sind, dass Sie sich mit einem gewaltbereiten Menschen zusammengetan haben, werden Sie sich zu diesem Zeitpunkt einfach begehrt und geliebt fühlen. Aus diesem Grund werden Sie auch viele Zugeständnisse machen und gar nicht registrieren, dass Sie damit den Grundstein für ein Ungleichgewicht in Ihrer Beziehung legen.

Gewalt in einer Partnerschaft beginnt schon viel früher, lange bevor es zum ersten Schlag kommt. Nur in den seltensten Fällen ist es so, dass dies völlig ohne Voranzeichen geschieht. Der gewalttätige Partner hat Ihnen gegenüber aber einen entscheidenden Vorteil: Er weiß im Gegensatz zu Ihnen, dass er dazu neigt, dass ihm gelegentlich die Hand ausrutscht oder auch Schlimmeres … Deshalb wird er in der ersten Zeit Ihres Zusammenseins auch alles daransetzen, Sie voll und ganz für sich zu gewinnen, und Sie auf einer Woge der Geborgenheit dahingleiten lassen.

Mein Rat an Sie an dieser Stelle: Setzen Sie gleich zu Beginn einer neuen Beziehung Ihre Grenzen, und weichen Sie davon trotz aller Verliebtheit nicht ab, denn alles, was Sie am Anfang an Zugeständnissen machen, wird sehr schnell zur Selbstverständlichkeit werden und mit großer Wahrscheinlichkeit nach einer Weile Probleme mit sich bringen. Auf einen Partner, der nicht von Anfang an Ihre Eigenständigkeit akzeptiert, können Sie auch gut und gerne verzichten, und Sie werden sich garantiert sehr viel Ärger und Leid ersparen.

Kerstin und Ralf – eine deutsch-deutsche Beziehung: Teil 1

Kerstin und Ralf lernen sich über eine Kontaktbörse im Internet kennen. Nach unzähligen E-Mails, die sie hin- und herschicken, beginnen sie nach einer Weile miteinander zu telefonieren. Es folgen stundenlange Gespräche, die die beiden miteinander führen, und nach zwei Wochen kommt es ihnen so vor, als ob sie sich schon ewig kennen würden.

Ralf gibt sich sehr verständnisvoll, und obwohl sich die beiden noch nie real gegenübergestanden haben, zeigt er großes Interesse an Kerstins Leben. Wenn er sie gegen Abend zu Hause nicht telefonisch erreichen kann, versucht er es sofort auf ihrem Handy. Am Anfang lacht Kerstin noch über diese übertriebene Fürsorge, denn Ralf rechtfertigt seine Vorgehensweise natürlich damit, dass er sich Sorgen um sie mache. Nach zwei weiteren Wochen intensiven Telefonkontakts beschließen die beiden, dass Kerstin Ralf besuchen wird.

Sie wohnen etwas über 200 Kilometer auseinander, und Kerstin möchte mit dem Zug zu ihm fahren. Sie verabreden, dass Ralf sie am Bahnhof abholen wird. Es ist zwar geplant, dass sie bei ihm übernachtet, aber vorsorglich hat sich Kerstin auch noch ein Hotelzimmer reserviert. Die beiden fühlen sich zwar schon sehr vertraut, aber ob dies auch noch so sein wird, wenn sie sich leibhaftig gegenüberstehen, wird sich erst zeigen.

Kerstins latent vorhandene Bedenken sind wie weggewischt, als Ralf sie zur Begrüßung in den Arm nimmt und lange und innig küsst. Auch über den üppigen Rosenstrauß, den Ralf ihr noch am Bahnsteig überreicht, freut sich Kerstin sehr. Sofort nimmt er ihr auch die Reisetasche aus der Hand, und als sie Hand in Hand in Richtung Ausgang schlendern, sind Kerstins Zweifel und Ängste gänzlich verflogen.

Das ganze Wochenende wird sie von Ralf zärtlich umsorgt. Fast jeden Wunsch liest er ihr von den Augen ab. Als Kerstin am Sonntagnachmittag wieder die Heimreise antritt, sind sie und Ralf ein Paar.

Fast ein halbes Jahr lang pendeln die beiden an den Wochenenden zwischen ihren Wohnorten hin und her. Unter der Woche telefonieren sie täglich. Das Einzige, was Kerstin wirklich stört, ist die Tatsache, dass Ralf immer ganz genau wissen möchte, was sie den ganzen Tag über gemacht hat, mit welchen Freunden sie unterwegs ist, und dass er, wenn er sie mal nicht gleich erreicht, sehr schnell ungehalten wird und dann tagelang beleidigt ist.

Als sie ihn darauf anspricht, erzählt ihr Ralf fast schon unter Tränen, dass ihn seine Exfrau betrogen und er wahnsinnige Angst habe, dass ihm das noch mal passieren könnte. Kerstin hat daraufhin ein unglaublich schlechtes Gewissen und beschließt, ihm nun wirklich immer genau zu sagen, mit wem sie unterwegs ist. Sie glaubt, dass Ralf mit der Zeit sehen wird, dass er ihr vertrauen kann, und seine Ängste verlieren wird.

Obwohl sie sich schon etwas eingeengt fühlt, informiert sie Ralf fortan über jeden ihrer Schritte, und alles scheint in Ordnung. Nachdem die beiden aber schließlich zusammengezogen sind, erstreckt sich Ralfs Kontrollzwang plötzlich auch auf viele andere Situationen des täglichen Lebens. Kerstin erwischt ihn beispielsweise immer wieder dabei, wie er ihr Handy auf eingegangene Kurznachrichten kontrolliert und die Anruflisten durchforstet. Als sie daraufhin ihr Handy immer bei sich trägt, wirft Ralf ihr vor, dass sie Geheimnisse vor ihm hätte. Kerstin versucht ihm in ruhigem Ton begreiflich zu machen, dass sie sich in ihrer Privatsphäre gestört fühle, aber das bringt Ralf nur noch mehr in Rage.

Auch an ihren Freundinnen hat er plötzlich etwas auszusetzen. Seiner Meinung nach nutzen sie Kerstin nur aus, und ihre beste Freundin hätte ihn sogar angeflirtet, als sie Kerstin zu einem Stadtbummel abholen wollte und diese sich noch im Badezimmer geschminkt hatte. Kerstin traut ihren Ohren nicht und spricht ihre Freundin natürlich sofort darauf an. Diese ist mehr als überrascht und streitet dies natürlich ab. Und obwohl Kerstin es selbst nicht glauben kann, bleibt doch ein letzter Rest an Misstrauen zurück.

Natürlich sprechen sich Ralfs Beschuldigungen in Kerstins Freundeskreis herum, und plötzlich beginnen sich die ersten Freunde zurückzuziehen. Obwohl Kerstin sich in ihrer Beziehung zu Ralf immer unwohler fühlt, verschließt sie nach wie vor die Augen vor all den unangenehmen Dingen, die diese Partnerschaft mit sich bringt. Zu groß sind noch die Gefühle, die sie für diesen Mann empfindet.

Sobald Ralf spürt, dass Kerstin sich zurückzieht oder sie ihn offen auf die Dinge anspricht, die sie stören, verspricht er, sich zu bessern, und verwöhnt sie danach nach Strich und Faden. Er hilft im Haushalt, bringt Kerstin Blumen oder Geschenke mit und lädt sie feudal zum Essen ein. Meist braucht es nicht mehr als zwei bis drei solcher Tage, und Kerstin wirft alle Bedenken wieder über Bord.

Dieses Hin und Her zieht sich über fast ein Jahr hin, bis Kerstin plötzlich merkt, dass sie schwanger ist. Obwohl diese Schwangerschaft nicht geplant ist, freuen sich beide riesig auf das Baby. Gemeinsam kaufen sie die Baby-Erstausstattung, richten liebevoll ein Kinderzimmer ein und besuchen einen Geburtsvorbereitungskurs. Kerstin spürt, dass Ralf wie ausgewechselt ist, und genießt ihre Schwangerschaft in vollen Zügen.

Nachdem ihr Sohn geboren wurde, verschlechtert sich Ralfs Verhalten jedoch wieder drastisch. Kerstin kann ihm nichts mehr recht machen, und schon bei dem geringsten Anlass wird er jähzornig. Sie fühlt sich mit der Situation völlig überfordert und versucht jedem Konflikt aus dem Weg zu gehen. Die ihr noch verbliebenen Freundinnen spüren natürlich, dass mit Kerstin etwas nicht stimmt, und sprechen sie darauf an. Da sie sich zu diesem Zeitpunkt aber selbst noch nicht eingestehen kann, dass es in ihrer Partnerschaft große Diskrepanzen gibt, schweigt sie und schiebt ihr schlechtes Aussehen auf den Stress, den sie mit dem Baby hat.

Als sie vier Monate nach der Geburt ihres gemeinsamen Sohnes mal wieder mit ein paar Freundinnen weggehen möchte, eskaliert die Situation schließlich. Ralf verbietet ihr, die Wohnung zu verlassen, aber Kerstin setzt sich durch und geht trotzdem. Als sie gegen 23 Uhr nach Hause kommt, erwartet Ralf sie bereits im Wohnzimmer. Ohne Rücksicht darauf, dass das Baby schläft, brüllt er Kerstin an, wo sie gewesen sei und warum sie erst jetzt nach Hause komme. Kerstin möchte sich auf keine Diskussion einlassen und versucht an ihm vorbei in das Schlafzimmer zu gehen. Plötzlich spürt sie, wie Ralf sie am Arm festhält, und versucht, sich dem zu entziehen. Sie kann sich zwar befreien, aber dies scheint Ralfs Zorn nur noch mehr anzustacheln, und plötzlich spürt Kerstin einen Schlag in ihr Gesicht. Voller Wut stößt sie Ralf von sich, was ihr aber nur noch mehr Ohrfeigen einbringt.

Irgendwann gelingt es ihr, sich in das Badezimmer zu retten und die Tür hinter sich abzuschließen. Bei einem Blick in den Spiegel erschrickt sie furchtbar. Ihre Wange glüht feuerrot, und aus ihrer Nase rinnt ein feiner Blutstreifen. Kerstin wäscht sich ihr Gesicht mit kaltem Wasser und sinkt erschöpft auf den Rand der Badewanne, wo sie etwas Ordnung in ihre wirren Gedanken bringen will.

Sie soll aber kaum zum Nachdenken kommen, da Ralf von außen immer wieder versucht, die Badezimmertür zu öffnen, nachdem sie auf sein Rufen nicht reagiert. Kerstin hält sich die Ohren zu und beginnt bitterlich zu weinen, als plötzlich das Schreien ihres Sohnes zu ihr durchdringt. Um Kerstin aus dem Badezimmer zu locken, hat Ralf noch nicht einmal davor zurückgeschreckt, seinen eigenen Sohn aus dem Schlaf zu reißen. Er weiß ganz genau, dass Kerstin niemals ihr Kind im Stich lassen würde. Ohne zu zögern, schließt sie die Tür auf und nimmt Ralf behutsam den Säugling aus den Armen.

Ralf sinkt theatralisch auf die Knie. »Es tut mir so leid. Ich weiß auch nicht, wie das passieren konnte. Noch niemals in meinem Leben bin ich einer Frau gegenüber gewalttätig geworden«, schluchzt er.

Kerstin würdigt ihn keines Blickes und geht auf direktem Weg in das Kinderzimmer. Dort legt sie ihren Sohn behutsam in sein Bettchen und bereitet sich dann selbst mit ein paar Babybadehandtüchern aus der Wickelkommode ein Nachtlager auf dem Fußboden. Vorsichtshalber verschließt sie die Zimmertür von innen mit dem Schlüssel. Es scheint eine Ewigkeit zu dauern, bis sie in einen unruhigen Schlaf fällt.

Am frühen Morgen weckt sie das fröhliche Gebrabbel ihres Babys. Kerstin hat wahnsinnige Rückenschmerzen von dem harten Fußboden. Was aber noch viel schlimmer ist, ist der Schmerz in ihrer Seele. Sofort nach dem Aufwachen fallen ihr die schrecklichen Ereignisse des vorangegangenen Abends wieder ein.

Obwohl sich Ralf ja schon nach relativ kurzer Zeit nicht mehr die Mühe gemacht hat, seine bestimmende und jähzornige Art zu verbergen, hat Kerstin bis gestern Abend niemals gedacht, dass er ihr gegenüber jemals handgreiflich werden würde!

Sie würde sich von Ralf trennen. Das steht für Kerstin nun außer Frage. Sie kann und will auf keinen Fall mit einem Mann unter einem Dach leben, der ihr keinen Respekt entgegenbringt und vor dem sie Angst haben muss. Mit diesem festen Vorsatz verlässt sie, mit dem Kleinen auf dem Arm, das Kinderzimmer.

Durch die Küche zieht der Duft von frisch gebrühtem Kaffee, und der Frühstückstisch ist bereits sorgfältig gedeckt. Das Geräusch der Dusche verrät Kerstin, dass Ralf gerade im Badezimmer ist. Ohne das bereitstehende Frühstück noch eines Blickes zu würdigen, macht sich Kerstin daran, ihrem Sohn die Flasche mit seiner morgendlichen Milchmahlzeit zuzubereiten. Sie hat es sich mit dem Kleinen gerade auf dem Sofa gemütlich gemacht, als Ralf kleinlaut das Wohnzimmer betritt.

Zerknirscht wünscht er ihr einen guten Morgen und streicht dem Kleinen liebevoll über den Kopf. Nichts erinnert mehr an den Mann, der gestern Abend so ausfällig geworden ist und schließlich sogar die Hand gegen die Frau erhoben hat, die er doch vorgibt zu lieben.

Kerstin spürt, wie sie bei Ralfs Anblick innerlich zu zittern beginnt. Ralf hat sich mittlerweile auf den freien Sessel gesetzt und beginnt leise, aber eindringlich auf Kerstin einzureden. Wie leid ihm alles tue, dass so etwas nie mehr vorkommen werde, dass er sich selbst nicht erklären könne, wie es so weit hatte kommen können, und dass er alles dafür tun werde, um es wiedergutzumachen. Seine Worte dringen wie durch Watte in Kerstins Ohren. Am liebsten würde sie laut herausschreien, dass er einfach aus ihrem Leben verschwinden soll, aber sie hält sich zurück und schweigt stattdessen.

Als Ralf sieht, dass Kerstin sich auf kein Gespräch einlässt, steht er schließlich auf und verlässt die Wohnung. Einer ersten Eingebung folgend, greift Kerstin zum Telefonhörer, um ihre beste Freundin anzurufen und ihr von den jüngsten Ereignissen zu berichten. Bevor sie aber die Nummer wählt, hält sie kurz inne und lässt den Hörer wieder sinken. Nein, diese Blöße würde sie sich nicht geben. Alle ihre Freundinnen hatten sie vor Ralf gewarnt, und sie hatte diese Warnungen in den Wind geschlagen. Nun konnte sie doch nicht einfach so anrufen und zugeben, dass sie recht gehabt hatten.

In Kerstins Kopf beginnt sich alles zu drehen. Sie hat keine Ahnung, wie es jetzt weitergehen soll. Sie ist ja in jeder Hinsicht von Ralf abhängig. Seit der Geburt des Kleinen ist sie in Erziehungsurlaub und somit fast ohne Einkommen. Der Mietvertrag der Wohnung ist auf sie beide ausgestellt, und ein Großteil der Möbel, die sie sich neu angeschafft haben, hat Ralf bezahlt. Was ihr bleiben würde, wäre am Schluss der Gang auf das städtische Sozialamt …

Voller Verzweiflung lässt Kerstin ihren Kopf in ihre Hände sinken und beginnt bitterlich zu weinen. Als sie plötzlich einen Schlüssel in der Haustür hört, wischte sie sich schnell die Tränen aus dem Gesicht. Sie will unter keinen Umständen, dass Ralf sie so schwach und verzweifelt sieht. Sie hat ihre Tränen gerade getrocknet, als Ralf mit einem riesigen Strauß roter Rosen das Wohnzimmer betritt. Er legt ihr die Blumen auf den Schoß und kniet vor ihr nieder. Behutsam nimmt er ihre Hand und bittet sie um Verzeihung – eins ums andere Mal.

Doch dieses Mal ist Kerstin gewappnet und bittet ihn ruhig darum, sie jetzt erst einmal in Ruhe zu lassen. Sie gaukelt ihm vor, sich überlegen zu wollen, ob sie sich wirklich von ihm trennen will. Und Ralf schöpft neue Hoffnung und lässt tatsächlich von ihr ab. In Wirklichkeit will Kerstin nur Zeit gewinnen, um sich eine neue Lebensgrundlage zu schaffen.

Die nächsten Tage verbringt sie damit, sich durch das Internet und die aktuellen Tageszeitungen zu wühlen, um nach einer bezahlbaren Wohnung zu suchen. Die Ausbeute ist jedoch mehr als mager. Entweder liegen die Wohnungen in Wohngegenden, in der man nicht unbedingt seine Kinder aufwachsen sehen möchte, oder die Wohnungen sind schlichtweg nicht bezahlbar. Auch kann sie nicht rund um die Uhr suchen, denn um keine Diskussionen heraufzubeschwören, beschränkt Kerstin ihre Suche auf die Zeit, in der Ralf an seinem Arbeitsplatz ist.

Das Verhältnis zwischen den beiden ist zwar nach wie vor angespannt, aber doch schon spürbar ruhiger als am Tag nach der Prügelattacke. Ralf gibt sich wirklich die größte Mühe, seinen furchtbaren Fehler wiedergutzumachen, und trägt Kerstin buchstäblich auf Händen. Sobald er zu Hause ist und sich umgezogen hat, spielt er liebevoll mit seinem Sohn. Nach dem Abendessen räumt er den Tisch ab, und er lässt es sich auch nicht nehmen, den Kleinen selbst bettfertig zu machen. Zuvor macht er Kerstin noch ihren heiß geliebten Kaffee und bittet sie, es sich auf dem Sofa gemütlich zu machen.

So langsam fühlt sich Kerstin wieder sicher, und ihr wird bewusst, wie sie immer öfter an die erste Zeit ihres Zusammenseins zurückdenken muss, denn damals hatte sich Ralf ähnlich liebevoll verhalten. Sie ertappt sich sogar dabei, dass sie Ralf gedanklich in Schutz nimmt. Was wäre denn, wenn er sich wirklich nur deshalb so negativ verändert hätte, weil er Angst hat, sie zu verlieren? Dadurch, dass seine Exfreundin ihn ja betrogen hatte, wie Ralf ihr erzählt hat, hat er sicherlich einen großen psychischen Knacks abbekommen. Sie muss mit Ralf einfach noch einmal darüber reden. Wenn er ihr wirklich hoch und heilig verspricht, niemals mehr eine Hand gegen sie zu erheben, dann will sie ihm noch eine zweite Chance geben. Heißt es denn nicht, dass jeder eine zweite Chance verdient hat?

Ellen und Cemal – eine bikulturelle Beziehung: Teil 1

Das dritte Mal hintereinander hat Ellen ihrem türkischen Arbeitskollegen Cemal nun schon einen Korb gegeben, als er sie nach der Arbeit zum Eisessen einladen will. Sie findet ihn zwar attraktiv und sympathisch, aber ihre letzte Beziehung ist erst vor drei Monaten in die Brüche gegangen, und sie hat die Trennung immer noch nicht so ganz überwunden. Cemal nimmt ihre Absage jedes Mal mit einem traurigen Lächeln hin, scheint es ihr aber auch nicht wirklich übel zu nehmen. Trotzdem tut er Ellen fast schon ein bisschen leid, und sie nimmt sich vor, seine nächste Einladung nicht auszuschlagen. Was ist denn schon dabei, wenn sie mit ihm nach Feierabend ein Eis essen geht? Sie muss ihn ja nicht gleich heiraten, sagt sie sich, und ein bisschen Abwechslung wird ihr bestimmt auch guttun.