Beschreibung

In ihrem Buch Gefangen in Deutschland schilderte Katja Schneidt, wie sie sich von ihrem gewalttätigen türkischen Freund trennte und den Sprung in ein neues Leben wagte. Aber wie fängt man bei null an? Katja Schneidt erzählt, wie sie es geschafft hat, trotz massiver Drohungen und Angst vor der Rache ihres Exfreundes, ihren eigenen Weg zu gehen. Sie dokumentiert, wie sie sich nach Jahren der Unterdrückung und Freiheitsberaubung eine neue Zukunft schafft, alte Freunde zurückgewinnt und neue findet und wie sie juristisch gegen ihren Exfreund vorgeht. Belohnt wird ihr Kampf damit, dass sie wieder Vertrauen in sich und andere Menschen gewinnt und zudem den Partner fürs Leben findet.

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Seitenzahl: 225

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Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://d-nb.de abrufbar.

Für Fragen und Anregungen:[email protected]

1. Auflage 2013

© 2013 by mvg Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH,

Nymphenburger Straße 86

D-80636 München

Tel.: 089 651285-0

Fax: 089 652096

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Redaktion: Palma Müller-Scherf, Berlin

Umschlaggestaltung: Maria Wittek, München

Umschlagabbildung: Katrin Knaf, Fotowerk Büdingen

Satz und E-Book: Grafikstudio Foerster, Belgern

ISBN Print 978-3-86882-262-5

ISBN E-Book (PDF) 978-3-86415-460-7

ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-86415-461-4

Weitere Informationen zum Verlag finden Sie unter

www.mvg-verlag.de

Inhaltsverzeichnis

Titel

Impressum

Inhaltsverzeichnis

Widmung

Vorwort

1. Kapitel Die lang ersehnte Freiheit

2. Kapitel Unerwartete Begegnungen

3. Kapitel Verraten und verkauft

4. Kapitel Nachricht von Petra

5. Kapitel Petras Flucht

6. Kapitel Gesucht und gefunden

7. Kapitel Entführungen und andere Katastrophen

8. Kapitel Alles auf Anfang

9. Kapitel In den Mühlen der Justiz

10. Kapitel Freude, Tränen und ganz viel Angst

11. Kapitel Fluchthelferin

12. Kapitel Der Kampf geht weiter

13. Kapitel Eine Wiederbegegnung

14. Kapitel Das Hilfenetzwerk

15. Kapitel Veronikas Flucht oder: nie wieder Fernsehen?

16. Kapitel Persönliche Katastrophen

17. Kapitel Gute oder schlechte Nachricht

18. Kapitel Der Kreis schließt sich

Nachwort

Danksagung

Für meinen geliebten Bruder. In meinem Herzen lebst du weiter!

Für Ellen und ihre Kinder. Ihr habt meine Seele berührt!

Für Liane, Josie, Iris und Gisela. Ihr seid Kämpferinnen und ihr werdet es schaffen!

Für Jasemin, Alex, Robin, Olivia, Rüdiger und meine geliebte Mama. Ich bin stolz auf euch!

Für alle misshandelten Frauen auf dieser Welt. Befreit euch und lebt ein Leben ohne Angst und Gewalt. Es gibt ein Leben »danach« und dafür lohnt es sich zu kämpfen!

Vorwort

Vor zwei Jahren ist mein Buch Gefangen in Deutschland erschienen, darin habe ich meine Erfahrungen in einer bikulturellen Partnerschaft und die während dieser Beziehung erlebte Gewalt beschrieben.

Bereits wenige Tage nach der Veröffentlichung erreichten mich erste E-Mails von Leserinnen und Lesern, die vor allem eines interessierte: wie es mir nach der Trennung von Mahmud ergangen ist und wie ich es geschafft habe, mir ein neues Leben aufzubauen, nachdem ich vor meinem gewalttätigen Partner nur mit der Kleidung, die ich am Leib trug, geflüchtet war.

Einige hundert E-Mails später war mir klar, dass es eine Fortsetzung meiner Geschichte geben muss. Die Leser hatten bei der Lektüre des ersten Buches mit mir gelitten, geweint und gehofft, und nun wollten sie wissen, ob das Ganze für mich wirklich gut ausgegangen ist.

Ich kann offen zugeben, dass mir das Schreiben von »Befreiung vom Schleier« um einiges leichter gefallen ist. Dies lag zum größten Teil daran, dass es einfach sehr viel Positives zu berichten gab, im Gegensatz zu meinem ersten Buch. Auch die Tatsache, dass Gefangen in Deutschland fast ausschließlich positive Reaktionen ausgelöst hat, machte es mir um einiges leichter, mein Leben einer breiten Öffentlichkeit mitzuteilen.

Der Erfolg von Gefangen in Deutschland war damals nicht vorherzusehen. Zwölf Wochen lang stand das Buch auf der Spiegel-Bestsellerliste. Ich war die erste Frau, die ein Buch über ihre bikulturelle Partnerschaft geschrieben hatte, das ausschließlich in Deutschland spielte. Anders als viele ähnlich betroffene Frauen war ich meinem Partner nicht ins Ausland gefolgt. Ich erlebte meinen Albtraum mitten in Deutschland, in der so oft zitierten Parallelgesellschaft.

Viele meinten damals, mich vor einer Veröffentlichung warnen zu müssen, sie vermuteten, dass ich den Zorn einiger in Deutschland lebender Ausländer auf mich ziehen würde. Auch die meisten Muslime würden von meinem Buch kaum begeistert sein, und ich sollte mit dem Schlimmsten, wenn nicht gar mit Morddrohungen rechnen.

Eine Zeit lang habe ich mir darüber wirklich viele Gedanken gemacht. Was wäre, wenn die Menschen mein Buch nicht als das verstehen würden, was es für mich war: das Erzählen meiner persönlichen Geschichte! Was wäre, wenn die Leser und – viel schlimmer – all die, die das Buch vielleicht gar nicht lesen, sondern nur auf Stimmungsmache aus sind, mich in einen Topf werfen mit jenen, die gegen hier lebende Ausländer und Muslime hetzen.

Heute kann ich sagen, dass diese Warnungen und Befürchtungen nicht eingetreten sind, was mich definitiv stolz macht. Es kam sogar anders: Zahlreiche ausländische Mitbürger und Muslime haben mir geschrieben und sich bei mir bedankt, dass ich trotz meiner schlimmen Erlebnisse so differenziert mit meiner Geschichte an die Öffentlichkeit gegangen bin.

Wer Gefangen in Deutschland gelesen hat, wusste, worum es mir ging und was mein Ziel ist: die Bekämpfung von häuslicher Gewalt und die Toleranz zwischen den Kulturen und Religionen.

Dennoch ist es so, dass es bei Paaren mit unterschiedlicher kultureller Herkunft häufiger zu Problemen kommt. Dies belegen zahlreiche Statistiken. Der Alltag eines solches Paares erfordert viele Kompromisse, und beide müssen diese zu schließen bereit sein. Das ist nicht immer einfach und darin liegt das Konfliktpotenzial.

Die Anzahl bikultureller Partnerschaften hat sich seit den Achtzigerjahren mehr als verdoppelt, entsprechend mehr Partnerschaften gibt es, die nicht funktionieren und nicht selten ein von Gewalt geprägtes Ende finden, worüber wiederum die Medien berichten. Dies lässt dann den Eindruck entstehen, dass ausländische Männer besonders gewalttätig sind. Und wenn sie auch noch dem Islam angehören, ist das Bild vom gewalttätigen Moslem perfekt.

Ich will nichts verharmlosen, auch nicht die Probleme, die ganz offensichtlich vorhanden sind, aber mein Bestreben ist es nicht, einzelne Bevölkerungsgruppen mit einem Etikett zu versehen und in eine Schublade zu stecken. Ich habe meine eigenen Erfahrungen gemacht. Ich durfte ebenso erleben, dass Muslime friedfertige Menschen sind, die weder mit Zwangshochzeiten noch mit Ehrenmorden zu tun haben. Diese Rituale schreibe ich den Menschen zu, die den Wandel der Zeit verpasst haben, die aus Rückständigkeit unsere Gesellschaft ablehnen, die an total veralteten Traditionen festhalten und die Religion als eine Art Deckmantel benutzen, um sich und ihr Tun zu rechtfertigen.

Obwohl auch in Mahmuds Familie alle dem muslimischen Glauben angehörten, bestand ihre einzige religiöse Handlung darin, kein Schweinefleisch zu essen. Alkohol, Ehebruch und Glücksspiel waren bei den Männern der Familie an der Tagesordnung. Alles Dinge, die im Islam verboten sind. Trotzdem mussten die Frauen der Familie Kopftuch tragen und sich komplett verhüllen. Auf die Frage, warum, erhielt man die Antwort: weil es im Koran so verlangt wird und es sich für eine anständige Muslima so gehört. Ich musste mich zwar auch diesen Geboten unterwerfen, aber ich war zu keinem Zeitpunkt eine Muslima!

Das Einzige, was mir wirklich Sorge bereitet, ist, dass mittlerweile so viele deutsche Frauen unter ein Kopftuch gezwungen werden. Ich spreche nicht von den vielen Frauen, die inzwischen reihenweise freiwillig zum Islam konvertieren. Nein, ich meine die Frauen, die genauso gewaltsam dazu gezwungen werden wie ich einst.

Fast kommt es mir so vor, als ob dies zu einer Art Modeerscheinung geworden ist. Als ob diese Männer ihrem Umfeld beweisen wollen, wie gut sie ihre deutsche Freundin oder Frau im Griff haben. Das besorgt mich und ich werde dies weiterhin beobachten!

Ich möchte die Veröffentlichung meiner Erfahrungen mit einem türkischen Partner nicht als Warnung vor bikulturellen Partnerschaften verstanden wissen, aber ich möchte Menschen für dieses Thema sensibilisieren.

Wer eine bikulturelle Partnerschaft eingeht, sollte gleich zu Anfang seine persönliche Schmerzgrenze definieren und offen darüber reden, wie weit er bereit ist, sich den Traditionen und der Kultur seines Partners anzupassen. Dies ist in jedem Fall hilfreich und erspart eventuell unangenehme Überraschungen in der Partnerschaft. Dass ich diese Grenzen in meiner Beziehung zu Mahmud nicht gleich gesetzt habe, ist das Einzige, was ich mir auch heute noch vor­werfe.

Vielleicht können meine eigene Erfahrung und der offene Umgang damit ja dazu beitragen, dass anderen ähnlich bittere Erlebnisse erspart bleiben.

Eines sollten wir aber nie vergessen: Gewalt und Konflikte gibt es in jeder Nationalität, jeder Kultur und in jeder Religion.

1. KapitelDie lang ersehnte Freiheit

Immer noch völlig übermüdet und wie gerädert, erwachte ich am Morgen in meinem ehemaligen Kinderzimmer bei meiner Mutter.

Während ich mich langsam streckte, um die bleierne Müdigkeit aus meinem Körper zu bekommen, ließ ich noch einmal die Ereignisse der letzten 24 Stunden Revue passieren.

Schlagartig war ich wach!

Ich hatte es geschafft. Ich hatte es wirklich geschafft!

Nach fast vier Jahren Gewalt, Schlägen und Unterdrückung, die mir durch meinen türkischen Exfreund Mahmud zuteilwurden, war mir am Vortag endlich die Flucht aus dieser Hölle geglückt.

Meine Gedanken wanderten zurück zu dem Tag vor fast vier Jahren, als ich Mahmud in der kleinen Gaststätte, in der ich damals gelegentlich jobbte, um mein Ausbildungsgehalt aufzubessern, kennenlernte. Von Anfang an hatten es mir seine großen dunklen Augen und sein verantwortungsbewusstes Wesen angetan. Beziehungsweise dachte ich am Anfang, es wäre sein Verantwortungsbewusstsein, wenn er sich offensichtlich ständig Sorgen um mich machte und genau wissen wollte, wohin ich ging und mit wem ich mich traf.

Zunächst fühlte ich mich geschmeichelt und dachte, dass Mahmud mich sehr lieben müsse.

Hals über Kopf verliebte ich mich in den gut aussehenden jungen Türken.

Bald wurde mir aber klar, dass ich Fürsorge mit Kontrolle verwechselt hatte. Mahmud verbot mir fast alles, was mich mit anderen Menschen in Kontakt bringen konnte.

Nach einiger Zeit bestand mein komplettes soziales Umfeld nur noch aus Mitgliedern von Mahmuds türkischer Großfamilie und Verbote bestimmten meinen Tagesablauf. Bald durfte ich die Wohnung nur noch mit Mahmuds Erlaubnis verlassen, musste ein Kopftuch tragen und die türkische Sprache erlernen. Den Kontakt zu meinen deutschen Freunden bekam ich verboten. Selbst so harmlose Dinge wie der Besuch eines Schwimmbads oder Cafés waren mir plötzlich unmöglich geworden.

Es war nur eine Frage der Zeit und er wurde mir gegenüber auch gewalttätig. In Mahmuds Familie war es normal, dass die Frauen schon für kleinste Verstöße gegen die für sie geltenden Regeln misshandelt und geschlagen wurden. Da bildete ich dann keine Ausnahme.

Für mich war das ganz klar das Ende der Beziehung. Trotzdem sollte es noch mehr als drei lange und sehr qualvolle Jahre dauern, bis ich es schaffen würde, meinem Peiniger zu entkommen.

Bei einem früheren Fluchtversuch hatte es keinen Tag gedauert, bis er mich gefunden und zurück nach Hause gebracht hatte.

Seine Warnung damals lautete: »Solltest du noch einmal flüchten, werde ich dich wieder finden und dann werde ich dich töten«, sie klang mir noch lange in den Ohren.

Keine Sekunde zweifelte ich daran, dass er seine Androhung auch in die Tat umsetzen würde. Gestern endlich war mir der Zufall zu Hilfe gekommen und ich hatte all meinen Mut zusammengenommen und war zu meiner Mutter geflüchtet.

Dem vorausgegangen war ein furchtbarer Streit mit Mahmuds Schwägerin, der in einer körperlichen Auseinandersetzung zwischen uns beiden endete. Anschließend war das Familiengericht zusammengekommen, vor dem ich mich zu rechtfertigen hatte. Das erste Mal in all den Jahren hatte ich die Kraft, gegen Mahmud aufzubegehren. Damit er sein Gesicht vor der Familie nicht verlor, hatte er mich kurzerhand aus der Wohnung geworfen. Ich ergriff meine Chance, setzte mich in mein Auto und schaffte es trotz meines völlig aufgelösten Zustands, zu meiner Mutter zu fahren.

Ein paar Stunden später rief er mich dort an und forderte mich auf, umgehend wieder nach Hause zu kommen. Für den Fall, dass ich seinen Anordnungen nicht Folge leisten würde, drohte er mir furchtbare Konsequenzen an. Ich hatte zwar keine Ahnung, wie diese Konsequenzen letztlich für mich aussehen würden, aber eines war klar: Leere Drohungen sprach Mahmud nicht aus!

Als mir meine Situation wieder bewusst wurde, räkelte ich mich ein letztes Mal, bevor ich entschlossen die Bettdecke zurückschlug und mit einem Satz aus dem Bett sprang.

Ich wusste, es würde nicht lange dauern und Mahmud würde bei meiner Mutter vor der Tür stehen. Ich hatte keine Zeit zu verlieren und musste nun unbedingt gemeinsam mit meiner Mutter einen Fluchtplan entwerfen.

Hastig schlüpfte ich in meine Kleidung und eilte die Treppe hinunter.

Kaffee stand schon in der Küche bereit, und nachdem ich mir eine Tasse genommen hatte, suchte ich nach meiner Mutter. Ich entdeckte sie schließlich im Garten, wo sie gerade dabei war, ihre geliebten Blumen zu gießen.

Wir setzten uns auf die Terrasse. An den Schatten um ihre Augen herum konnte ich unschwer erkennen, dass sie eine schlaflose Nacht gehabt haben musste. Darüber hinaus zierte eine tiefe Sorgenfalte ihre Stirn.

»Du wirst hier erst einmal nicht bleiben können«, eröffnete sie den unangenehmen Teil unseres Gesprächs, nachdem sie mich gefragt hatte, ob ich mich ein wenig ausgeruht hätte.

»Ich weiß, Mama. Spätestens heute Nachmittag wird Mahmud hier vor der Tür stehen und nach mir suchen.«

Alleine vor dieser Vorstellung graute es mir so sehr, dass meine Hand gewaltig zu zittern begann, als ich gerade meine Kaffeetasse zum Mund führen wollte. Auch meiner Mutter blieb das nicht verborgen.

Liebevoll strich sie mir durchs Haar. »Wir werden eine Lösung finden«, versprach sie mir mit fester Stimme.

Einige Stunden später befand ich mich mit meinem Auto bereits auf der Autobahn in Richtung Süden. Nach ein paar Telefonaten stand fest, dass ich zunächst für ein paar Tage bei einer Bekannten meiner Eltern unterkommen konnte.

Mir war das zwar sehr unangenehm, weil ich diese Frau kaum kannte, aber letztlich war mir alles lieber, als von Mahmud gefunden zu werden und zurück in diesen Albtraum zu müssen.

Sigrid, so hieß die Bekannte, hatte ich bislang nur wenige Male bei meinen Eltern gesehen. Ihr Empfang war jedoch äußerst herzlich und ich fühlte mich gar nicht als Fremde, sondern auf Anhieb wohl bei ihr.

Fast vier Wochen verbrachte ich dort. In dieser Zeit telefonierte ich täglich mit meiner Mutter und ab und zu auch mit meinem Bruder Ralf. Ihm war es in der Zwischenzeit sogar gelungen, mit ein paar Freunden zu Mahmud zu fahren und einige meiner Kleidungsstücke aus der Wohnung zu holen. Er wollte mir damit eine Freude machen und war sich offensichtlich gar nicht der Gefahr bewusst, in die er sich und seine Freunde gebracht hatte.

Dass ich mich kein bisschen über die zurückeroberten Klamotten freute, behielt ich jedoch für mich. Ich wollte meinen Bruder nicht enttäuschen, er konnte ja nicht wissen, welcher Zwang für mich damit verbunden war.

In den letzten Jahren hatte ich nur lange Röcke und langärmelige Blusen tragen dürfen, deshalb legte ich auf diese Kleidungsstücke nun absolut keinen Wert mehr.

Meine Mutter hatte mir etwas Bargeld mitgegeben und so war ich längst mit Sigrid zusammen auf Shoppingtour gewesen und hatte mich komplett neu eingekleidet. Es machte mir einen höllischen Spaß, Miniröcke, Tops und Shirts anzuprobieren.

Am Anfang war es mehr als ungewohnt für mich und ich hatte das Gefühl, eine Fremde im Spiegel anzuschauen, aber diese Empfindung wich schnell einer unbändigen Freude darüber, dass ich nun wieder selbst bestimmen konnte, wie ich mich kleidete.

Meine neue Lebensfreude wurde nur durch die Erzählungen meiner Mutter getrübt. Mahmud veranstaltete den reinsten Telefonterror und mindestens dreimal die Woche stand er bei meiner Mutter vor der Tür. Da sie kein Aufsehen bei den Nachbarn erregen wollte, ließ sie ihn immer herein. Er jammerte ihr dann stundenlang vor, wie sehr er mich doch lieben würde und dass er sich ein Leben ohne mich nicht vorstellen könne. Wenn ich bloß zurückkommen würde, dann könne ich sehen, wie sehr er sich verändert habe. Nie mehr würde er mir auch nur ein Haar krümmen. Das schwöre er beim Leben seiner Mutter.

Wenn mir meine Mutter bei unseren abendlichen Telefonaten von diesen Schwüren erzählte, musste ich fast schmunzeln, auch wenn es eher ein bitteres Lachen war. Mahmuds arme Mama müsste längst mausetot sein, so oft hatte er während unserer Beziehung schon auf sie geschworen.

Ehrlicherweise muss ich aber auch zugeben, dass ich trotz meiner ganzen Ängste und der Freude darüber, dass mir die Flucht aus dieser Beziehung geglückt war, öfter an Mahmuds Familie denken musste, als mir lieb war. Aber ich hatte mit diesen Menschen vier Jahre meines Lebens geteilt und so waren sie eben auch ein Teil von mir geworden.

Es bereitete mir sogar gewisse Probleme, dass ich plötzlich wieder selbst über mein Leben bestimmen konnte. Denn jahrelang war mir gesagt worden, wie ich mich zu kleiden hatte, was ich essen und wann ich die Wohnung verlassen und zu welchen Menschen ich Kontakt haben durfte. Keine Entscheidung, die mein Leben betraf, hatte ich in dieser Zeit allein treffen dürfen.

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. In diesem scheinbar so platten Ausspruch liegt sehr viel Wahrheit. Das sollte ich nun am eigenen Leib spüren.

Die einfachsten Dinge machten mir zu schaffen und lösten eine große Unsicherheit in mir aus. Von der toughen und lebenslustigen Frau, die ich einst gewesen war, war dank Mahmud nicht viel übrig geblieben. Aber ich würde mir meine Unabhängigkeit zurückerobern. So viel war klar!

2. KapitelUnerwartete Begegnungen

Obwohl Sigrid wirklich bezaubernd war und alles tat, damit ich mich bei ihr wohlfühlte, erfasste mich nach knapp vier Wochen großes Heimweh nach meiner Familie. Ich war mir zwar der Gefahr bewusst, die nach wie vor für mich durch Mahmud bestand, aber ich hielt es nicht länger aus und packte meine schicken neuen Sachen in meine Reisetasche, um mich schnurstracks auf den Heimweg zu machen.

Da ich Angst hatte, dass meine Mutter mich überreden würde, noch bei Sigrid zu bleiben, erzählte ich ihr nichts von meinem Plan. Was ein Fehler war, wie sich schnell herausstellte … Natürlich überzeugte ich mich davon, dass Mahmuds Auto nicht in der Nähe des Hauses meiner Mutter stand, bevor ich in unserer Hofeinfahrt parkte.

Ich besaß zwar keinen eigenen Haustürschlüssel mehr, aber für Notfälle hatte meine Mutter immer einen Schlüssel unter dem Blumenkasten deponiert, der auf unserer Küchenfensterbank stand. So unauffällig wie möglich nahm ich den Schlüssel an mich und öffnete leise die Haustür.

Von dort führte ein kleiner Flur direkt ins Wohnzimmer. Auf Zehenspitzen ging ich zum Wohnzimmer, aus dem ich Stimmengemurmel vernahm. Schlagartig packte mich gute Laune. Ich freute mich so sehr, meine Familie wiederzu­sehen.

Mit einem breiten Lächeln im Gesicht riss ich die Wohnzimmertür auf und wollte eben ein fröhliches »Überraschung« in den Raum schmettern, als mir die Worte im Hals stecken blieben.

Ich blickte geradewegs in die tiefschwarzen Augen von Mahmud.

Er hatte es sich auf dem Sofa meiner Mutter gemütlich gemacht und führte gerade die Kaffeetasse zum Mund. Als er mich sah, musste er sich mindestens genauso erschrocken haben wie ich mich bei seinem Anblick. Denn er ließ die Tasse zu Boden fallen und sprang hektisch von seinem Platz auf.

Ich erwartete, dass er auf mich zustürzen und mir eine Ohrfeige verpassen würde und hob instinktiv schützend die Arme vors Gesicht. Auch meine Mutter war erschrocken aufgesprungen. Die Panik in ihrem Gesicht ließ erkennen, dass sie mit der Situation völlig überfordert war.

Meine Befürchtung erwies sich aber zunächst als unbegründet. Mahmud war so erleichtert, mich nach fast einem Monat endlich wiederzusehen, dass er mich fest in seine Arme schloss und mein Gesicht mit Küssen bedeckte. In mir sträubte sich jedoch alles dagegen. Ich erstarrte zu einer Salzsäule und zugleich wurde ich von einem inneren Beben erfasst, dessen Stärke mich selbst überraschte.

Natürlich blieb meine Reaktion Mahmud nicht verborgen und abrupt ließ er von mir ab. Sofort verdunkelte sich sein Blick und sein Gesicht bekam diesen bedrohlichen Ausdruck, wie ich ihn nur allzu gut kannte. Zu oft hatte ich ihn so schon gesehen.

Bevor die Angst in mir die Oberhand gewinnen konnte, besann ich mich auf meine neu gewonnene Stärke und straffte meine Schultern.

»Mahmud, bitte lass das«, presste ich zwischen meinen zusammengekniffenen Lippen hervor. »Wir sind kein Paar mehr und ich möchte nicht mehr, dass du mich anfasst«, wagte ich noch zu sagen. In der Luft lag eine Spannung, die man knistern hören konnte. Für einen Moment sah es so aus, als ob es Mahmud machen würde wie immer: sich mit Gewalt nehmen, was man ihm freiwillig nicht geben wollte. Dann besann er sich aber wohl eines Besseren und setzte ein gequältes Grinsen auf.

Fast lässig hob er beide Hände. »Okay, okay. Ich sehe schon, du brauchst anscheinend noch etwas Zeit«, versuchte er den Verständnisvollen zu spielen.

»Nein! Zeit ist es nicht, was ich brauche«, erstickte ich seine Hoffnung sofort. »Ich will nie wieder mit einem Mann zusammen sein, der meine Persönlichkeit nicht respektiert, mich schlägt und misshandelt und mich behandelt, als ob ich sein Eigentum wäre«, machte ich ihm unmissverständlich klar.

Mahmuds Augen begannen gefährlich zu flackern, doch plötzlich drehte er sich um und stürmte mit großen Schritten aus dem Haus. Die Haustür flog mit einem lauten Knall hinter ihm ins Schloss. Meine Mutter und ich zuckten beide zusammen, bevor wir uns in die Arme fielen. Ich spürte, dass sie ebenfalls am ganzen Körper zitterte.

Nachdem wir uns beide etwas beruhigt hatten, war uns sofort klar, dass ich unter keinen Umständen hierbleiben konnte. Ich telefonierte mit einem Onkel, der etwa 100 Kilometer von meinem Elternhaus entfernt wohnte.

Er hatte erst vor Kurzem zum zweiten Mal geheiratet und war mit seiner Frau und seiner kleinen Tochter in eine neue Wohnung gezogen. Mahmud und er hatten sich nie kennengelernt. Ich schilderte ihm kurz die Situation und nach wenigen Sätzen war er einverstanden und ich konnte zu ihm kommen.

Allerdings wollte ich erst am nächsten Tag zu ihm fahren. Zum einen war ich froh, wieder bei meiner Familie zu sein, und zum anderen hatte ich für den Abend geplant, noch einen Freund aus meiner Schulzeit zu besuchen.

Dass dies ebenfalls keine gute Idee war, würde ich später am Abend noch erfahren müssen. Zunächst aber schien alles in bester Ordnung.

Meine Mutter kochte spontan mein Leibgericht, gefüllten Weißkrautkopf mit Kartoffelpüree, und auch mein Bruder Ralf gesellte sich später zu uns. Natürlich sparte er nicht mit Vorwürfen, als wir ihm erzählten, was am Nachmittag vorgefallen war, aber das konnte nicht darüber hinwegtäuschen, wie sehr auch er sich freute, mich zu sehen.

Die Idee, dass ich erst einmal bei unserem Onkel unterkommen würde, gefiel ihm. Nachdem wir gegessen hatten, saßen wir noch eine Weile beisammen, bevor ich mich auf den Weg zu meinem ehemaligen Schulfreund machte.

Zur Sicherheit begleitete mich mein Bruder noch zu meinem Auto und versprach mir, so lange wach zu bleiben, bis ich wieder zu Hause sein würde. Gut gelaunt fuhr ich los. Mein Freund wohnte etwas abseits in einem kleinen Dorf. Der Weg dorthin führte überwiegend durch dichtes Waldgebiet.

Längst hatte die Dämmerung eingesetzt, und als ich den Wald erreichte, wurde es dort mit einem Mal noch um einiges dunkler. Ich schaltete die Scheinwerfer ein und konzentrierte mich auf die Straße, die in ständig wechselnden Kurven verlief. Mir schoss gerade durch den Kopf, dass ich hier im Winter ungern langfahren wollte, als mir im Rückspiegel ein Auto auffiel, das mich offensichtlich verfolgte.

Erst beim zweiten Hinsehen erkannte ich, dass es sich bei meinem Verfolger um Mahmud handelte. Dies war unschwer an dem ortsfremden Autokennzeichen zu erkennen.

Schlagartig brach mir der kalte Schweiß aus allen Poren und ich hatte Mühe, mein Auto weiterhin sicher auf der Straße zu halten. Die Landstraße verschwamm vor meinen Augen, und erst als ich mir mit der Hand fahrig durchs Gesicht wischte, spürte ich die Tränen, die mir herunterliefen und meine Sicht behinderten.

Es waren jedoch Tränen des Zorns! Ich empfand eine unbändige Wut auf Mahmud, dass er die Frechheit besaß, mir hinterherzuspionieren, dass er mich einfach nicht freiließ. Er wusste doch genau, dass ich geradezu panische Angst vor ihm hatte. Wahrscheinlich wollte er diese Macht über mich keinesfalls verlieren, sondern auskosten.

Ohne zu überlegen, trat ich das Gaspedal durch. Ich wusste, dass dies auf der kurvenreichen Strecke riskant war, aber mir blieb keine andere Wahl. Die Angst, dass er mich jeden Moment überholen und auf der schmalen Straße zum Anhalten nötigen könnte, um mich dann zu zwingen, zu ihm ins Auto zu steigen, war zu mächtig. Lieber würde ich mich totfahren. Dass ich mit meinem Verhalten auch andere Verkehrsteilnehmer in Gefahr brachte, daran dachte ich in dieser Situation gar nicht.

Die Bäume schienen nur so an mir vorbeizufliegen. Ich betete zu Gott, dass nicht plötzlich ein Reh oder ein Wildschwein vor mein Auto laufen würde. In dieser Gegend war das nach Anbruch der Dämmerung gar nicht so selten.

Ich hatte nur eine einzige Chance: Mahmud kannte sich hier absolut nicht aus. Wenn es mir gelingen würde, einen ordentlichen Vorsprung herauszufahren, um dann von ihm unbemerkt in einer Abzweigung zu verschwinden, könnte das meine Rettung sein. Sollte es ihm gelingen, mich zu stoppen, würde er mich auf jeden Fall in seine Gewalt bringen. So viel war sicher!

Ein erneuter Blick in den Rückspiegel verriet mir, dass meine Taktik aufgehen könnte. Der Abstand zwischen uns hatte sich auf ungefähr 200 Meter vergrößert.

Ich wusste, dass nach circa zwei Kilometern eine Anhöhe kommen würde, auf die dann kurz darauf eine Abzweigung folgte. Es musste mir gelingen, diese Anhöhe ein gutes Stück vor Mahmud zu passieren, da ihm dann der Blick auf mein Auto für einen Moment verwehrt sein würde. Beflügelt von dieser Vorstellung, beschleunigte ich nochmals um 20 km/h.

Kurze Zeit später konnte ich befreit aufatmen. So wie es aussah, hatte ich es tatsächlich geschafft, Mahmud abzuhängen.

Ich war gleich nach der Abzweigung in einen Waldweg hineingefahren, obwohl dies natürlich auch nicht ohne Risiko war, da ich für den Fall, dass Mahmud mich doch gesehen hätte und mir hinterhergefahren wäre, dort mit dem Auto nicht mehr hinausgekommen wäre, ich hätte dann zu Fuß fliehen müssen. Allein bei dieser Vorstellung lief mir eine Gänsehaut den Rücken hinunter. Eine Flucht durch ein mir unbekanntes Waldgebiet in mittlerweile fast vollständiger Dunkelheit schien mir absolut nicht erstrebenswert.

Ich blieb noch eine gute Viertelstunde in meinem Versteck, bevor ich mein Auto vorsichtig rückwärts aus dem Waldstück herausmanövrierte. Ich wollte ganz sicher sein, dass Mahmud auch wirklich fort war. Ich atmete dabei so hektisch und stoßweise, dass sämtliche Autofenster in Windeseile beschlagen waren.

Als ich nach einer weiteren Viertelstunde bei meinem ehemaligen Schulfreund Thorsten eintraf, war ich kurz vor einem Nervenzusammenbruch. Die ganze Anspannung fiel auf einmal von mir ab und Thorsten hatte alle Hände voll zu tun, mich wieder zu beruhigen. Nachdem mir seine Mutter eine Tasse Kaffee gebracht hatte und wir uns im Esszimmer niedergelassen hatten, erzählte ich ihnen den Grund für meinen aufgelösten Zustand. Natürlich machten sich beide große Sorgen und Thorstens Mutter bot mir an, mich später nach Hause zu bringen. Dies wollte ich ihr aber auf keinen Fall zumuten und lehnte dankend ab. Thorsten konnte mich leider nicht nach Hause begleiten, da er in der Nacht noch zu einer weit entfernten Baustelle aufbrechen musste. Seine Eltern besaßen eine Baufirma mit guter Auftragslage und waren deutschlandweit tätig. Von ihm hätte ich mich gerne nach Hause bringen lassen. Thorsten war sportlich durchtrainiert. Er hätte Mahmud im Gegensatz zu seiner Mutter in jedem Fall Paroli bieten können, wäre dies notwendig geworden.