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Es freut mich sehr, verehrter Leser, dass Sie im Wirrwarr einer Flut von Berichten über die Kämpfe an der Invasionsfront den Weg zu diesem Buch gefunden haben. Wer von mir eine Ansammlung von Grausamkeiten erwartet, etwa nach dem Muster einer Kriegsliteratur aus den Vierziger- und Fünfzigerjahren, der sollte dieses Buch gar nicht erst zur Hand nehmen, denn er wird enttäuscht sein. Es ist nicht Sinn meiner Aufzeichnungen, den Verlauf der alliierten Landung an der französischen Küste der Normandie im Jahr 1944 in der chronologisch und sachlich richtigen Reihenfolge darzustellen; das haben Historiker bereits ausführlich getan und mit hoher Kompetenz in ihren Büchern veröffentlicht. Vielmehr habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, den Leser mitzunehmen in die innere Konfliktwelt des zum Töten „verurteilten“ Soldaten an der Front. Die Ereignisse, die dieser Bericht zusammenfasst, sind Zeugnisse menschlichen Wahnsinns, Zeugnisse aus dem Endstadium der Großmacht des Diktators Adolf Hitler und Monumente einer von Zweifeln und Konflikten getragenen Gefolgschaftstreue seiner Soldaten.
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Seitenzahl: 453
Veröffentlichungsjahr: 2014
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gewidmet
meinen Kameraden
Peter Kemper und
Georg Krüger,
Fallschirmjäger Regiment 6
Meinen Freunden
Janicke und Pascal Sourdin,
Christian Duhr
Sean Claxton
Meiner einfühlsamen Übersetzerin
des von Emotionen geprägten Textes
in die Feinheiten der französischen Sprache.
Hélène Ecolivet-Conrath
Auf ein Wort
Was Sie noch wissen sollten
Teil I
Inflation und ein Waschkorb voller Geld
Gold für Deutschland
Niccoline
Gestapo im Strandbad Wannsee
Delphi-Palast – Symbol der Freiheit
So langsam wird es ernst
Reichsarbeitsdienst und das verbotene Klavier
Rekrut sein heißt nichts sein
Zur Strafe ein Filetsteak
Der Fluch der »Nürnberger Gesetze«
Sprungschule – endlich am Ziel
Der erste Sprung
Peter Kemper
Teil 2
Ein Zug rollt nach Frankreich
»Das ist die Invasion.«
Erste Feindberührung
Das Ding, das du hörst, trifft dich nicht. Das Ding, das du nicht hörst, das könnte es sein!
Deutsche Kriegsgefangene sind an Ort und Stelle zu erschießen
Teil 3
Ein Tag auf dem Bauernhof in Angoville
Ein Fallschirmjägerregiment verblutet in der Normandie
Runter mit den Unterhosen – rein damit in die Granatwerfer
Anstatt Hilfe kam die Waffen-SS
Wir verloren Blut, viel Blut sogar, aber nie die Moral
Wer nicht springt, der wird erschossen
Du oder ich
Häuserkampf hat etwas mit Mord zu tun
Ein Käfer, die Kanonen und ich
Carentan im Brennpunkt der Entscheidung
11. Kompanie: 112 Tote in 24 Stunden
Er gab mir einen Kuss – dann starb er
Essenkübel sind nicht schussfest
»Ich bin deine Mutter.«
Der alte Haufen ruft
Die zweite Verwundung holt mich von den Beinen
Teil 4
Wo sind sie geblieben?
von Jo Dahms
Es freut mich sehr, verehrter Leser, dass Sie im Wirrwarr einer Flut von Berichten über die Kämpfe an der Invasionsfront den Weg zu diesem Buch gefunden haben.
Wer von mir eine Ansammlung von Grausamkeiten erwartet, etwa nach dem Muster einer Kriegsliteratur aus den Vierziger- und Fünfzigerjahren, der sollte dieses Buch gar nicht erst zur Hand nehmen, denn er wird enttäuscht sein. Es ist nicht Sinn meiner Aufzeichnungen, den Verlauf der alliierten Landung an der französischen Küste der Normandie im Jahr 1944 in der chronologisch und sachlich richtigen Reihenfolge darzustellen. Das kann ich gar nicht, und das liegt auch nicht in meiner Absicht; das haben Historiker bereits ausführlich getan und mit hoher Kompetenz in ihren Büchern veröffentlicht. Vielmehr habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, den Leser mitzunehmen in die innere Konfliktwelt des zum Töten »verurteilten« Soldaten an der Front. Nur so lässt sich deutlich machen, wie es ist, wenn sich vor meinen Augen die Leiber von Menschen häufen, die im gnadenlosen Geschosshagel meines Maschinengewehrs ihr Leben verloren, wie es ist, wenn der Kamerad, mit dem man spricht, im Handumdrehen ein Stummer ist.
Ich habe meine Erinnerungen an die schweren Kämpfe der Invasionstruppen gegen das deutsche Fallschirmjägerregiment 6 niedergeschrieben, noch bevor der Einsatz dieses Kampfverbandes im Sumpf der Geschichtsfälschung zu versickern droht. Geschichtsfälschung, ein hartes Wort, das mir einfiel, um die Verirrungen bestimmter Autoren in die Welt der Spekulation und Fantasie beim richtigen Namen zu nennen. Da muss ich mir dann auch die Frage gefallen lassen, was mich denn veranlasst, ihre Aussagen als Verirrung zu bezeichnen und mit ihnen so hart ins Gericht zu gehen. Dazu hier ein paar Worte zu Ihrer Information. Ich steckte noch mittendrin in den Vorbereitungen zu diesem Buch, da flatterten mir Nachrichten meiner Freunde aus Frankreich auf den Tisch, die ich wegen ihrer Ungeheuerlichkeit anfangs nicht recht glauben mochte. Man informierte mich über Neuerscheinungen auf dem Gebiet der Kriegsliteratur, die sich in Frankreich wie in Deutschland gleichermaßen mit frei erfundenen und unwahren Berichten über die Kämpfe in der Normandie auf den Büchermarkt wagten. Dazu sollen auch die Produkte einer Handvoll gewissenloser Autoren gehören, die den »Opfergang« des Fallschirmjägerregimentes 6 auf unterstem Niveau eines Groschenromans beschreiben, was bereits zu erheblicher Verwirrung unter der Leserschaft geführt haben soll. Abwarten und Tee trinken, dachte ich, das ist zwar starker Tobak, was da geschieht, aber ich verordnete mir Gelassenheit, mein bewährtes Hausmittel gegen Überreaktion und unbesonnenes Handeln. So leicht bin ich nicht aus der Fassung zu bringen, denn letztlich bleibt immer noch die Hoffnung auf das gute Funktionieren eines Auswahlprinzips der »freien Marktwirtschaft«, wonach die Verbreitung einer blutrünstigen Schundliteratur eigentlich keine Chance haben dürfte. Aber dennoch, Gelassenheit und guter Glaube beiseite – ich wollte es dann doch genau wissen und forschte nach. Tatsächlich, schon der erste Anruf beim Buchhandel bestätigte meinen Verdacht, wonach kein besonderes Interesse besteht an den Exemplaren mit dem Geruch nach Hakenkreuz und brauner Farbe. Letzte Sicherheit gab mir endlich eine persönliche Beobachtung, wonach sie von der Leserschaft völlig ignoriert und mit Verachtung gestraft als unverkäufliche Ladenhüter auf den Verkaufstischen der Händler herumlagen. Ich bin sehr froh über diese Entwicklung und ausnahmsweise muss Schadenfreude auch einmal erlaubt sein.
Dann aber packte mich doch blankes Entsetzen, als ich von politischen Gruppierungen erfuhr, die mit nazistischen Parolen versuchten, die kämpferische Leistung und die Moral des deutschen Fallschirmjägerregiments 6 im Jahr 1944 als beispielgebend für »völkisches Bewusstsein« hochzustilisieren. Dabei scheuten sie sich nicht, Leiden und Sterben deutscher Soldaten zu glorifizieren, für ihre propagandistischen Zwecke zu missbrauchen und in ein kitschiges Ethos nationalsozialistischer Heldenverehrung umzudeuten. Dazu sollte man wissen: Mit dem Begriff »völkisches Bewusstsein« wird einer Phrase zur Auferstehung verholfen, die in der Terminologie der Nationalsozialisten eine herausragende Bedeutung hatte, in Wahrheit aber das Synonym war für Hochmut und Verachtung gegenüber den Menschen anderer Nationalität und Rasse. Doch es kam noch schlimmer. Mit einer beispiellosen Skrupellosigkeit spielten sich braune Fanatiker in der französischen Öffentlichkeit zu Sympathisanten deutscher Fallschirmjäger auf, obwohl sie wissen, dass für ihre Ideologie in der Nähe des Fallschirmjägerregiments 6 kein Platz ist und ihnen von dort schon einmal eine kräftige Abfuhr erteilt worden ist. Ich wusste dem Rufmord und der Geschichtsfälschung, begangen an den Lebenden und Toten des Fallschirmjägerregiments 6 und seinem Kommandeur, Oberstleutnant F. A. von der Heydte, nichts anderes entgegenzusetzen als Abscheu und Verachtung. Moralisch abgestützt durch das hohe Ansehen, das sich dieses Regiment bei Freund und Feind und weiten Teilen der französischen Bevölkerung erworben hat, gewann ich erheblich an Kraft und Selbstbewusstsein, um die falschen Einschätzungen bestimmter Schreiberlinge zu widerlegen – und sie der bewussten Fälschung historischer Tatsachen zu überführen. Der Tag ist abzusehen, da es den Lesern an dem nötigen Hintergrundwissen fehlen wird, um Inhalt und Aussage der Druck-Erzeugnisse auf ihren qualitativen Wert hin einschätzen zu können; das macht sie zu Opfern einer von Gewinnsucht und Fantasie gesteuerten Geschichtsfälschung gewissenloser Autoren. Ich bin sicher, unter ihnen verbirgt sich ein hohes Potenzial an Urhebern dieser aufkommenden Nazi-Literatur, daran werden auch die Kassandrarufe der noch lebenden Veteranen des II. Weltkrieges nichts ändern.
Anders, als man es von den meisten Erinnerungsberichten aus dem II. Weltkrieg gewohnt ist, habe ich der Biografie meiner Jugendzeit ungewöhnlich viel Raum eingeräumt, denn ich habe auch viel Ungewöhnliches darüber zu sagen. Ich kam einfach nicht vorbei an meinen Konflikten mit der nationalsozialistischen Jugenderziehung oder an der frühzeitigen Verstrickung in das Netz der Geheimen Staatspolizei, wo ich wegen meiner Sympathie zur sogenannten Swing-Jugend auf der »Schwarzen Liste« stand und nur haarscharf an einer Strafe vorbeischlitterte. Unter anderem beschreibe ich in aller Deutlichkeit und ohne Umschweife, wie mir die langjährige Freundschaft mit Niccoline beinahe zum Verhängnis wurde, als ich mich wegen Verstoßes gegen die sogenannten Rassengesetze dann später vor einem Kriegsgericht der Wehrmacht zu verantworten hatte – darüber später mehr.
Zunächst aber möchte ich Ihnen sagen, was Sie dann im »Hauptteil«, meiner Erinnerungen erwartet. Wenn Sie mir folgen in das größte Luftlandeunternehmen der Geschichte, dann sind Sie dabei, wie das deutsche Fallschirmjägerregiment 6 eine der heftigsten Materialschlachten dieses Krieges überlebte – eine unglaubliche Geschichte! Bei allem, was Sie von mir hören, können Sie sich darauf verlassen, mit einer von mir selbst erlebten und von Tatsachen und Wahrheiten getragenen Dokumentation auf der »sicheren Seite« zu sein. Dabei ist es nicht immer gelungen, so glaube ich, dem Leser eine wirklichkeitsnahe Darstellung kämpferischer Handlungen gänzlich zu ersparen.
Mit dem vorliegenden Erlebnisbericht lege ich auf vielfachen Wunsch eine Dokumentation vor, die den hohen Ansprüchen an Wahrheit und Zuverlässigkeit voll gerecht wird; für beides verbürge ich mich mit meiner Person und trage die volle Verantwortung. Die Ereignisse, die dieser Bericht zusammenfasst, sind Zeugnisse menschlichen Wahnsinns, Zeugnisse aus dem Endstadium der Großmacht des Diktators Adolf Hitler und Monumente einer von Zweifeln und Konflikten getragenen Gefolgschaftstreue seiner Soldaten.
Es war zum ersten Mal in der Geschichte der Kriege, dass sich bestausgebildete und hoch motivierte Verbände der Fallschirmtruppen im Infanterie-Einsatz gegenüberstanden und um jeden Meter Boden kämpften. Hier im Kampfraum UTAH herrschte ein unerbittlicher und verbissener Kampf zweier Elitetruppen, ein Kampf, der keinen Platz bot für Mitleid und Erbarmen. Im Landschaftsdreieck zwischen Come du Monte, St. Marie du Mont und der Küste entschieden die Amerikaner über Erfolg oder Misserfolg ihrer Landung, hier stand das Ende des II. Weltkrieges zur Entscheidung. In dem hügeligen, unübersichtlichen Sumpf- und Heckengelände der Normandie, abseits der spektakulären Schauplätze der Invasion, kämpfte das Fallschirmjägerregiment 6, Tag und Nacht ganz auf sich selbst gestellt und von jeglichem Nachschub abgeschnitten, den verlustreichsten Kampf seiner Geschichte. Auf »Gedeih und Verderb« mit seinem Kommandeur Oberstleutnant F. A. von der Heydte verschworen, war das FjR 6 der einzige Truppenverband der Wehrmacht, der im Landeabschnitt Utah durchgehend im Einsatz war. Trotz der zahlen- und materialmäßigen Überlegenheit des Gegners gelang es, den Vormarsch der alliierten Verbände zu stoppen. Die Kampfkraft und die Energie, mit der sich das FjR 6 der feindlichen Übermacht entgegenstellte, konnte die Vereinigung der beiden Landeköpfe UTAH und OMAHA in Carentan um fast zehn Tage aufhalten. Dabei handelte es sich um die zahlenmäßige Überlegenheit unserer Gegner um das Vier- bis Fünffache. Ein großer Tag in der Erfolgsgeschichte des Fallschirmjägerregiments 6 und beinahe ein Desaster für die Landung der alliierten Truppenverbände an der Küste Frankreichs im Jahr 1944. Eine authentische Berichterstattung von den Kämpfen des FjR 6 findet sich leider nur spärlich in den Kriegstagebüchern des II. Weltkrieges, denn die Undurchdringlichkeit des Hecken- und Sumpfgeländes war wenig einladend für Kriegsberichterstatter und deren Gerätschaften. Das Einsatzgebiet, über das ich hier schreibe, ist nur der Teilbereich der gesamten Invasionsfront und markiert den Abschnitt meines Einsatzes an der französischen Ärmelkanalküste in der Provinz Manche. Erst nach Jahrzehnten des Schweigens löste sich meine Zunge und ich gab dem Drängen einer breiten Öffentlichkeit und überlebender Veteranen auf Veröffentlichung meiner Erinnerungen nach. Die Anzeichen einer drohenden Geschichtsverfälschung waren dringend »vom Tisch zu räumen«, und dies war der eigentliche Anlass, mich schließlich doch noch zur Dokumentation der Ereignisse vom Juni 1944 in der Normandie umstimmen zu lassen.
Wie war das damals?
Die Welt vergaß das Atmen, als in der Nacht vom 5. zum 6. Juni 1944 eine gigantische Militärmacht der Alliierten zu Land und aus der Luft an Frankreichs Küste landete, um dann weiter ins Land vorzudringen und den späteren Sieg über Deutschland herbeizuführen. In der größten Militäraktion der Geschichte waren sie mit 5.000 Schiffen, 12.000 Flugzeugen und 150.000 Soldaten zum kriegsentscheidenden Sturm auf Europa angetreten. Dabei hatten sie nicht mit dem heftigen Widerstand deutscher Fallschirmjäger gerechnet, die hier im Hinterland des Landeabschnitts UTAH bereitlagen, um ein Gebiet von 20km Länge und 15km Tiefe zu verteidigen. Ich war Soldat in diesem Fallschirmjägerregiment 6 »von der Heydte« (in der weiteren Folge FjR 6 genannt) und habe die Kämpfe im Alter von 21 Jahren miterlebt, in einem Alter, da man heute seine Berufspläne festigt und unbeschwert die Errungenschaften einer modernen Gesellschaftsordnung genießen kann. Ich weiß, wovon ich rede, wenn »alliierte Landung in der Normandie« mein Thema ist, und ich weiß, wie es ist, wenn im stundenlangen Feuer der Schiffsartillerie alle Regungen von Geist und Körper zum Erliegen kommen. Das Gebiet, das die Alliierten für die Landeoperation vorgesehen hatten, erstreckte sich an der Küste auf etwa 80km und war auf die fünf Landeabschnitte »UTAH«, »OMAHA«, »GOLD«, »JUNO« und »SWORD« aufgeteilt. Der Kampfraum UTAH erwies sich später als das am heftigsten umkämpfte Gebiet aller Landezonen überhaupt und wird zum zentralen Thema meiner Erinnerungen.
Der folgende Bericht kommentiert nicht, er erzählt und gibt mit einfachen Worten wieder, was sich damals abspielte im Abschnitt UTAH, als sich dort junge Deutsche und junge Amerikaner gegenseitig umbrachten. Ich erinnere mich und schrieb es auf, ohne dabei dem Pathos einer falschen Heldenverehrung zu verfallen, und im Bewusstsein, nur den nüchternen Tatsachen des eigenen Fronterlebnisses verpflichtet zu sein. Die Niederschrift meiner Normandie-Erlebnisse steht unter dem strengen Gebot, das Vermächtnis und die Würde meiner gefallenen Kameraden zu bewahren, die Schrecken des Krieges nicht zu verschweigen, aber auch bei der Wiedergabe von Details die Gebote von Anstand und Moral nicht aus den Augen zu verlieren. Darüber hinaus glaube ich, eine Form gefunden zu haben, die es mir erlaubt, auch ohne die Mittel einer spektakulären Kriegsberichterstattung wahrheitsgemäß und tatsachengerecht meine Gedanken vermitteln zu können. Mein erstes Feuergefecht mit amerikanischen Fallschirmjägern fand im Morgengrauen des 6. Juni 1944 statt, als ich zum ersten Mal in meinem Leben tote und verstümmelte Menschen zu Gesicht bekam. Dabei ahnte ich nicht, auf einen Gegner zu schießen, dem ich Jahrzehnte später als hochgeschätztem Freund in einer neuen Gemeinschaft der Völker wiederbegegnen würde. Jedes Jahr im Sommer, »am Tag der alliierten Landung in der Normandie«, treffen sich die Gegner von damals, um gemeinsam ihrer gefallenen Kameraden zu gedenken. Von den über 4.000 Soldaten des Fallschirmjägerregiments 6 fanden nur ca. 40 Mann den Weg in die Gefangenschaft und etwa ebenso viel erreichten den Ort der Wiederaufstellung des Regimentes in Güstrow in Mecklenburg. Noch bevor es dazu kam, gab es schon den einen oder anderen in unseren Reihen, der sich anstecken ließ von einer falschen Opferbereitschaft für »Führer, Volk und Vaterland«, gerade und erst recht vor dem Hintergrund der beginnenden Niederlage. Ich war auch nicht frei von dieser Verirrung in das Netz einer falsch verstandenen vaterländischen Gesinnung, wie sie uns Deutschen im Rausch nationaler Überheblichkeit über Generationen hinweg eingebläut worden ist. Vielleicht aber tragen meine Aufzeichnungen auch dazu bei, diesen Ungeist nationaler Denkkultur zu entzaubern und auf den festen Boden der Tatsachen zurückzuführen. Mit der Kapitulation Deutschlands am 7. und 8. Mai 1945 war der II. Weltkrieg zu Ende und das deutsche Heer befand sich in der Auflösung. Für seinen kämpferischen Einsatz in der Schlacht von Carentan in der Normandie im Juni 1944 hatte das deutsche FjR 6 einen ungleich hohen Preis zu zahlen – es verblutete an der Unfähigkeit einer deutschen Generalität und an der Materialüberlegenheit seiner Gegner.
Jo Dahms – Mai 2013
Der Fernschreiber im Büro meines Vaters tickerte munter vor sich hin, da stand es auch schon schwarz auf weiß: »Es ist ein Junge« – gemeint war ich, der im Morgengrauen des 2. Januar 1923 in Berlin-Zehlendorf das Licht der Welt erblickt hatte. Wie meine Mutter mir später erzählte, soll es ein recht milder Wintertag gewesen sein, an dem aber noch in der Nacht ein schwerer Sturm über die Stadt hinwegzog, der Bäume knickte und die Ziegel von den Dächern fegte. Meine Eltern waren der Regierungsrat Willy Dahms und seine Ehefrau Katharina Dahms geb. Zapke. Mein Vater hatte seine Wurzeln im ländlichen Pommern, meine Mutter folgte ihm aus Schlesien nach; und so wurde aus mir das klassische Gemisch eines waschechten Berliners.
Es waren nicht gerade Deutschlands beste Zeiten, als eine Welle der Inflation über das Land hinwegrollte und es in eine tiefe Krise stürzte. Während die deutsche Währung in einem atemberaubenden Tempo von Stunde zu Stunde verfiel, kletterten die Preise für Waren und Dienstleistungen steil nach oben. Das passte nicht zusammen und konnte auf die Dauer nicht gut gehen. Die Staatsfinanzen kollabierten und Fachleute sehen auch heute noch in der hohen Verschuldung und den immensen Kriegslasten aus dem I. Weltkrieg (1914 bis 1918) die Ursache für den unaufhaltsamen Geldwertschwund jener Tage. Wie immer war es der Volksmund, der schnell für das Dilemma die richtigen Worte bereithatte, und man sprach nur noch von der »Schwindsucht des Geldes«. Die Deutschen steckten tief in den Wirrnissen der Weimarer Republik und »Heilsprediger« wie Adolf Hitler hatten Hochkonjunktur. Noch waren die »Wunden« des Krieges nicht ganz verheilt, da mussten sie tatenlos mit ansehen, wie ihr Land auf eine neue Katastrophe zusteuerte und der Ruin der Wirtschaft nicht mehr aufzuhalten war. Es war die Zeit, da Hasardeure und Spekulanten den Grundstock für ihr Millionenvermögen bildeten, während andere ihre sauer verdienten Spargroschen dahinschmelzen sahen und vor dem »Nichts« standen.
Der Absturz der deutschen Währung nahm aber erst einen geradezu grotesken Verlauf, als man glaubte, den riesigen Schuldenberg durch sinnloses Drucken von Papiergeld vor sich herschieben zu können. Ein verhängnisvoller Irrtum nahm seinen Lauf, als im ganzen Land bei Tag und bei Nacht die Druckmaschinen ratterten, um dem unersättlichen Bedarf an Geldscheinen nachkommen zu können. So erzählte mein Onkel Franz aus Berlin-Britz, indem er wild mit den Armen in der Luft herumruderte, wie bei dem großen Glühlampen-Hersteller Osram die Löhne waschkorbweise nach Hause getragen wurden, um die ansteigende Flut von Papiergeld überhaupt bewältigen zu können. Inzwischen hatten sich die Menschen an Zahlen zu gewöhnen, die sie bisher noch nie gehört hatten und astronomische Höhen erreichten. Man ging dann endlich dazu über, die ungültigen Scheine täglich einzuziehen und mit den aktuellen Werten einfach zu überdrucken. So kam es dazu, dass die Reichsbank gegen Ende der Inflation einen auf 100 Billionen Mark lautenden Geldschein ausgab, der aber nicht mehr wert war als das Papier, auf dem er gedruckt war. Eine Zahl mit 15 Nullen machte Geschichte, was dann gedruckt wie folgt aussah:
100.000.000.000.000
Schon lange waren die Preise für Waren und Dienstleistungen aus der Kontrolle geraten und trieben sich im Milliarden- und Billionenbereich herum, als die Post eine zwölfstellige Summe für eine Briefmarke verlangte. Für das Brot, für das die Hausfrau von 1918 noch zwanzig Pfennig bezahlte, hatte sie zur Zeit meiner Geburt bereits acht Millionen Mark zu berappen, und das war noch nicht das Ende der Fahnenstange. Im Dezember 1923 mussten für dasselbe Brot bereits 240 Milliarden Mark hingeblättert werden und war auch nur aus Wasser, Mehl und Hefe gebacken. Das Dilemma erreichte seinen Höhepunkt, als Löhne und Gehälter schon lange nicht mehr der natürlichen Entwicklung folgten und die Billionengrenze überschritten. Der Monatslohn eines Baufacharbeiters näherte sich ebenfalls der Billionengrenze und schlug für seinen Chef mit zweiundzwanzig Milliarden Mark zu Buche. Kein Wunder, dass die Kuriositäten der Inflation noch Jahre danach bei uns beliebtestes Thema im Schulunterricht war. Deutschland versank tief im Chaos der Zwanzigerjahre, und von meinen Eltern erfuhr ich, dass die Gaststätte, in der meine Taufe gefeiert wurde, den Verzehrpreis noch während des Essens mehrmals ändern und dem gestiegenen Inflationskurs anpassen musste. Man kann sich vorstellen, welche Möglichkeiten der Manipulation in einer solchen Maßnahme steckten und dass dies nicht ohne Meinungsverschiedenheiten zwischen Gastgeber und Gästen ausgehen konnte. Hinzu kam die allgemeine Nervosität, die sich in der Bevölkerung breitmachte, denn die meisten standen immer hilfloser ihrem persönlichen Schicksal gegenüber, und der Verfall der Währung beschleunigte sich vor dem Hintergrund der politischen Auseinandersetzungen in Berlin rasant. So wurden wertvolle Vermögenswerte vernichtet oder schmolzen dahin, wer aber Schulden hatte, konnte sie über Nacht zurückzahlen und war »gut raus«. Eine radikale Geldentwertung aber kannte auch keinen Respekt vor mühsam verdientem Geld und entwertete Ersparnisse und Rücklagen bis auf den letzten Pfennig.
Die Inflation forderte bald ihre ersten Todesopfer, und die Zahl der Suizide, vor allem unter der älteren Bevölkerung, stieg rapide an. Von diesem brutalen Schicksalsschlag erholten sich die Deutschen nur schwer. Ich erinnere mich gut, dass ich in meiner Kindheit immer sehr wissbegierig und voller Neugierde den Gesprächen der Erwachsenen lauschte, die noch lange den I. Weltkrieg nicht aus den Köpfen bekamen und immer spannende Geschichten aus der Zeit der Geldentwertung zu berichten wussten.
Der rasante Verfall der Mark zwang die Menschen dazu, den soeben erhaltenen Lohn unverzüglich in Konsum umzusetzen, noch ehe das Geld ein Opfer der galoppierend fortschreitenden Inflation geworden war. Eine wahre Episode jener Zeit, die heute unglaublich erscheint, aber als Kuriosität der Inflation ihren hohen Unterhaltungswert in »fröhlicher Runde« behalten hat. Eine ganze Nation war Opfer einer Geldentwertung geworden, von der sich viele Menschen zeit ihres Lebens nicht mehr erholen konnten. Das Jahr 1923 war auch das Jahr, da der »Spuk« ein Ende fand, und mit der Einführung einer neuen Währung veränderten sich die Verhältnisse in Deutschland ziemlich schnell zum Guten. Aber schwere Narben blieben zurück und es herrschten Not und Arbeitslosigkeit im Land. Es kam so weit, dass Anwälte und Ärzte keine Einnahmen mehr hatten und von Haus zu Haus liefen, um ihre Dienste als Teppichklopfer anzubieten. Die sogenannte Wohlfahrtsunterstützung des Staates reichte nicht aus, um annähernd den Lebensunterhalt bestreiten zu können, und die Betroffenen rechneten mit dem Pfennig. Oft hatten sie Hunger und baten meine Mutter um etwas zum Essen. Ostern 1928 schulte man mich in der örtlichen Grundschule ein und vier Jahre später wechselte ich als Sextaner auf die Schadow-Oberschule im heimatlichen Bezirk Zehlendorf. Die Armut ging um in Deutschland und schwappte hinein bis in die Klassenzimmer, wo der Lehrer jedes Mal vor der großen Pause daran erinnerte, dem unbemittelten Nachbarn auf der Schulbank eine »Stulle« abzutreten. Ich war alt genug, um zu begreifen, dass mein Heimatland durch politische und wirtschaftliche Krisen schwer erschüttert war und dass die Erwachsenen alle großen Sorgen hatten. Man schrieb das Jahr 1932, das Jahr vor der Machtübernahme Adolf Hitlers. Wir alle, Kinder, Eltern und Großeltern, standen ein Jahr später am 30. Januar 1933 im Bann eines unvorstellbaren Siegesrausches, mit dem die Nation die Ernennung Hitlers zum Kanzler des Deutschen Reiches feierte. Es war der Beginn einer Epoche, in der Hitler die Staatsjugendorganisationen Hitlerjugend (HJ) und Jungvolk gründete, deren Beitritt er zur Pflicht für jeden Jugendlichen machte, ob Junge oder Mädchen.
Wir wohnten hier in den besten klimatischen Verhältnissen der Stadt und atmeten die gute Luft aus der »grünen Lunge« des Grunewaldes. Unweit von hier lagen die herrlichen Gewässer, mit denen Berlin wie keine andere Millionenstadt reichlich gesegnet ist, und hier tobten wir uns aus mit Freunden und Geschwistern in kindlicher Unbefangenheit und Lebensfreude, solange der Tag hell war. Mein ein Jahr jüngerer Bruder und ich, wir hatten es gut, und es gab selten Streit zwischen uns. Wir trieben uns am liebsten mit Freunden in den Niederungen der heimischen Teiche und Tümpel herum, wo wir Frösche und Maikäfer fingen und wo niemand – außer uns – etwas zu suchen und zu sagen hatte, wo uns niemand störte und ermahnte, wenn es beim Indianerspiel in den Höhlen am Schlachtensee einmal zu laut wurde.
Meine Eltern führten ein sehr familiäres Leben in einem großen Kreis von Freunden und Bekannten und zu Hause war immer etwas los. Wir Kinder hatten das Glück, in der Geborgenheit eines gut situierten Beamtenhaushaltes aufwachsen zu dürfen, ohne den Blick zu verlieren für die Sorgen und Nöte der anderen. So wurde es uns anerzogen, und so war ich frühzeitig an eine Werteordnung gewöhnt, die Verpflichtungen kennt, mit der wir Jugendlichen von damals ebenso schwer umzugehen wussten wie die Nachgeborenen von heute. Aber ich bin sicher, auch sie werden eines Tages dahinterkommen, dass nicht Spaß und Freude die Maxime des Daseins sind, sondern auch aus der Summe von Qualen und Nöten, wenn sie erst einmal überwunden sind, ein hoher Gewinn für das Leben »eingefahren« werden kann – man muss nur richtig hinhören und richtig hinsehen können.
Die Chronik meiner Kindheit hätte einen Knick, würde ich nicht auch ein paar wehmütige Gedanken an den alten Kutscher vom Bolle-Wagen übrig haben. Bolle war ein »Synonym« für frische Milch in Berlin und lieferte die Produkte seiner frei laufenden Kühe bis in den letzten Winkel der Stadt direkt ins Haus. Ja, »das waren noch Zeiten«! Wer kannte sie nicht, die weißen Wagen mit der großen Schrift und den kleinen »Notsitzen« am Heck… Unvergesslich, wenn der Milchmann am Morgen seine Glocke schwang und »Hans«, das Pferd, mit einer Pünktlichkeit, dass man die Uhr danach stellen konnte, den Wagen von einem Haus zum anderen zog. Ich erinnere mich auch allzu gut an das Geklapper der Milchflaschen, wenn der alte Kutscher, klein von Wuchs und von schwerer Arbeit gekrümmt, zu seiner Kundschaft schlurfte und wir ihm eifrig beim Tragen helfen durften. Allerdings nicht ganz uneigennützig, denn als Belohnung ließ er uns auf dem Helfersitz im hinteren Teil des Wagens ein Stück mitfahren, was uns nicht nur Freude bereitete, sondern womit er auch den bescheidenen Ansprüchen auf Spaß und Vergnügen der Kinder von damals voll entgegenkam. Was müsste ich wohl aufwenden, um einen Schulanfänger von heute aus dem Spielprogramm seines Computers auf den rückwärtigen Sitz eines Bolle-Wagens zu locken? Ich werde das Gefühl nicht vergessen, das immer dann zur Stelle war, wenn im Herbst die Winde wehten und mein Drache zu schwindelnder Höhe in den Himmel stieg und er dann immer kleiner und kleiner wurde, bis er bald nicht mehr zu sehen war. Damals bastelte man seinen Drachen noch mit einfachen Mitteln aus dem Schreibwarenladen selber, und ich platzte vor Stolz, wenn »meiner« am höchsten aufgestiegen war und er mir dann über die bis zum Zerrreißen gespannte Drachenschnur sagte, wie schön es da oben ist.
Unsere »Seifenkistenrennen« organisierten wir selber und machten daraus kleine Volksfeste mit »Sackhüpfen« und Kaspertheater zur Gaudi der Nachbarschaft. Die Fahrzeuge entstanden aus Sperrholzresten und alten Kinderwagen vom Schrottplatz. Es waren schon merkwürdige Vehikel, die da mit Schiebeantrieb auf die Piste gingen und verbissen um den Großen Preis von Zehlendorf kämpften. Anders als unsere großen »Vorbilder«, die mehrmals im Jahr beim internationalen Automobilrennen der A-Klasse, heute unter dem Begriff Formel 1 zusammengefasst, auf der Berliner Avus zu sehen waren. Eine etwa zwölf Kilometer lange Rennstrecke mit einer Steilkurve, die man ungebremst durchfahren konnte. Ich wuchs auf in einer Zeit, da ein solches Rennen mit zu den Höhepunkten im Leben eines Jungen gehörte. Mit der Begeisterung eines Fußballpublikums von heute, so saßen wir damals in atemloser Spannung vor dem Radio und lauschten den sonntäglichen Reportagen über den Verlauf des Rennens. Die Spitzenposition teilten die Auto-Union (Prof. Ferdinand Porsche) und Mercedes-Benz unter sich auf und für mich spielte Bernd Rosemeyer – Auto-Union – damals die große Rolle eines Kindheitsidols. Als er 1938 bei einem Geschwindigkeitsrekord auf der Autobahn Frankfurt–Darmstadt tödlich verunglückte, trauerte die ganze Nation um einen ihrer Besten.
Das Training der »Königsklasse A« auf der Avus sah uns als Zaungäste im wahren Sinne des Wortes auf dem oberen Rand des hohen Holzzaunes der Südkurve. Ein kurzer Einblick in das, was am kommenden Sonntag Tausende von Zuschauern begeistern würde, genügte uns, um glücklich zu sein. Damals war es noch nicht üblich, ein Taschengeld zu beziehen, und Trainingszeiten waren »heilige Zeiten«, in denen man mal ohne Eintrittsgeld »über den Zaun« gucken konnte. Die Bretterwand der Südkurve befand sich ganz in der Nähe unserer Wohnung. Sie war abstoßend schwarz gestrichen, fast drei Meter hoch und stank bestialisch nach Teer, aber wir kamen hoch – wenn dann der Tag des »Großen Preises von Deutschland« gekommen war, dann saßen wir da oben mit einem dicken Kissen unter dem Hintern auf den besten Plätzen – »und mein Vater hat keinen Pfennig dazu bezahlt«.
Mein Vater, der in seiner Grundauffassung stark von preußischen Wertvorstellungen beeinflusst und geprägt war, überließ unsere Erziehung überwiegend meiner Mutter – wobei beide Elternteile sich darin einig waren, die freie Willensentscheidung von uns Kindern nicht ganz außer Acht zu lassen. Ein, wie ich finde, sehr fortschrittlicher Weg bei der Erziehung von Kindern jener Zeit, aber nicht ganz frei von Widersprüchen zu den Prinzipien der neuen nationalsozialistischen Weltanschauung. Da war nicht der Gedanke von persönlicher Freiheit erwünscht, da bestimmte staatliche Macht schon im frühen Kindesalter über den weiteren Verlauf der Lebensgestaltung eines jeden Bürgers. Im weiteren Verlauf der »politischen Erziehung« hätte es der HJ-Führungsriege so passen können, wenn sie auch die Verfügungsgewalt über die uns noch verbleibende freie Zeit »in die Hände« bekommen hätte.
Inzwischen war ich älter geworden und entwickelte allmählich eigene Interessen und folgte meinen Neigungen, indem ich mich bei der Flieger-Hitlerjugend (FHJ) anmeldete und in Trebbin bei Berlin die Segelflugscheine A und B erwarb. Es war im Allgemeinen die Stunde der Ruhe, wenn am Sonntagvormittag die Glocken der Kirchen zum Gottesdienst riefen. Da erschien eines Sonntags eine dreiköpfige Abordnung der örtlichen HJ-Führung bei uns zu Hause, die auch eingelassen wurde. Sie erklärten meinen Eltern, dass es ein grobes Versäumnis sei, ihre Söhne nicht zu der auf zehn Uhr anberaumten Veranstaltung geschickt zu haben, und fragten, warum das so sei. Ich sah, wie mein Vater mit den Kinnmuskeln arbeitete, um zunächst seinen Ärger zu beherrschen.
Dann aber wuchs er über sich selbst heraus und trat den drei recht kess auftretenden etwa Siebzehnjährigen entgegen mit den Worten: »Merken Sie sich bitte, dass sonntäglicher Friede ein in unserer Familie hochgeschätztes Gut ist – und ich verbitte mir von ihnen in Zukunft jegliche Störung und Belästigung in dieser Form. Die Einflussnahme auf die Gestaltung der freien Zeit unserer Söhne bleibt allein eine Sache von uns Eltern, und wenn die Jungs Lust haben, in die Kirche zu gehen, dann gehen sie eben in die Kirche. Sagen Sie das jedem, der es zu hören wünscht.« Mit einem Seitenblick auf den einen von ihnen sagte er dann noch: »Ich weiß, wer Sie sind, ich kenne Ihren Vater. Der Respekt vor seinen Verdiensten um die Volksgesundheit verbietet mir, Sie vor die Tür zu setzen.«
Er war nämlich Arzt und sozialpolitisch tätig. Dann machte er eine höfliche, aber unmissverständliche Handbewegung und die »Helden« zogen ziemlich bedeppert ab. Ich wusste schon jetzt, dass Vaters beherztes Verhalten nicht ohne Folgen für uns Söhne bleiben würde und unsere Ummeldung in eine benachbarte andere HJ-Gruppe schon so gut wie sicher war. Mein Vater hatte sich da auch ziemlich »weit aus dem Fenster gelehnt«, und man wusste noch nicht, inwieweit die Geheime Staatspolizei (Gestapo) hierin schon einen Verstoß gegen nationalsozialistisches Gedankengut erkennen vermochte. Es dauerte gar nicht lange und es schellte an der Haustür. Da hörte ich eine vertraute Stimme, die mich daran erinnerte, dass mal wieder heute ein Eintopf-Sonntag auf dem Kalender stand, und der sogenannte Blockwart machte jetzt seine Schnüffelrunde, um festzustellen, wer denn wohl gegen den Solidaritätsgedanken einer schlichten Mittagsmahlzeit verstoßen würde. Wo war das wohl, wo es immer dann nach gebratenem Fleisch roch, wenn die Nation schlicht und einfach nur einen Topf auf dem Tisch zu haben hatte? In dieser Zeit gab es die meisten Verwirrungen in meinem Kopf im Sinne eines »hin und her« gerissenen Gefühls zwischen »Gut und Böse«, denn was sollte ich davon halten, wenn die Schule uns sagt: »Seid euch bewusst, ihr lebt in einer großen Zeit!«, wenn aber andererseits jede freie Meinungsäußerung, die nicht den Richtlinien des neuen Staates entsprach, von der Lehrerschaft als aufmüpfiges Verhalten zum Nachteil gegen den betreffenden Schüler ausgelegt wurde und schlimmstenfalls zu seiner Ächtung führen konnte. Ich zog mich dann lieber auf mich selbst zurück und schwieg. Die Überführung aller Jahrgänge deutscher Jungen und Mädchen in die Staatsorganisation der HJ war durch Gesetz zur Pflicht erhoben worden.
Ich gehörte dem »Deutschen Jungvolk« an und traf mich während der Sommerferien zum ersten Mal mit meinen Freunden bei frischer Brise auf dem Segelflugplatz an der Ostsee. Das Faszinierende daran war, uns wurde zum ersten Mal die Funktion eines Steuerknüppels erklärt, und wir machten die ersten Flugversuche auf dem offenen Sitz eines Hanggleiters. Andere sahen ihre Neigungen im Motorsport, so wie mein Bruder, oder ließen sich beim Segelunterricht der Marine an der Ostsee den Wind um die Nase wehen. Wer sich berufen fühlte, trabte in der Reiter-HJ »hoch zu Ross« durch die Lüneburger Heide.
Am 30. Januar 1933 fing alles an, was zwölf Jahre später in einer Katastrophe der Weltgeschichte sein schreckliches Ende fand. Es kam aber zunächst eine Phase allgemeiner wirtschaftlicher Erholung über unser durch den I. Weltkrieg schwer gebeuteltes Land, das die Last der Reparationsleistungen an die Siegermächte nun nicht mehr erbringen konnte und sich aus der Klammer der Versailler Verträge zu befreien versuchte. Es ging eigentlich in einem atemberaubenden Tempo überall voran, und ich erinnere mich gut, wie auf der Straße, an den Zeitungskiosken, in der U-Bahn und überall, wo Menschen zusammenstanden, heiß diskutiert wurde, und spürte zum ersten Mal in meinem Leben etwas von der Kraft der Leidenschaft, mit der Menschen fähig sind, ihre Meinung anderen gegenüber zum Ausdruck zu bringen. Ich war dreizehn Jahre alt und nenne dies heute nicht ohne Ironie »die Goldenen Dreißiger der Nationalsozialisten«, da bereitete Hitler, den nicht nur wir Jugendlichen, sondern jeder deutsche »Volksgenosse« inzwischen als Führer anzuerkennen hatte, den Besuch der Völker der Welt zu den Olympischen Sommerspielen im Olympiastadion zu Berlin vor. Es waren »Prestigespiele« eines neuen Staates, der sich »Drittes Reich« nannte und der bemüht war, mit der Darstellung von Wirtschaftskraft und Aufbauleistung in einer Zeit internationaler Turbulenzen der Idee des Nationalsozialismus Respekt und Anerkennung zu verschaffen und seine Ideologie zu stärken.
Die Welt war fasziniert von der Leistungskraft Deutschlands und seinem überragenden sportlichen Erfolg, der die Deutschen mit 33 Gold-, 26 Silber- und 30 Bronzemedaillen zum Sieger der Olympischen Spiele 1936 in Berlin machte. Fast jeder Bürger Berlins folgte damals dem Aufruf des Oberbürgermeisters und stellte ein Logis für einen ausländischen Gast der Spiele zur Verfügung. Es kam vor, dass Menschen für die Dauer von zwei Wochen in die Kellerräume umsiedelten, um in der Wohnung Olympiagäste beherbergen zu können, und diese Welle von Gemeinschaftssinn hat mir als Kind ungemein imponiert. Das Verhalten der Erwachsenenwelt wurde beispielgebend für uns Jugendliche und passte ja auch bestens in das Bild vom »nationalen Sozialismus«, so wie er uns in der Schule und bei den wöchentlichen Zusammenkünften der Staatsjugendorganisation Jungvolk als Teil der HJ vor Augen geführt wurde. Da mitten hinein, in diese Einförmigkeit der Gedankenwelt, stellte mir der Vater eines Klassenkameraden die nicht genutzte Eintrittskarte seines erkrankten Sohnes fürs Olympiastadion zur Verfügung. Ich war überglücklich, denn die Eintrittskarten waren seit Monaten schon ausverkauft, und ich glaubte tatsächlich an ein Geschenk des Himmels. Dazu erwischte ich auch noch rein zufällig den Tag, da der US-Amerikaner Jesse Owens die Welt und die Berliner mit seinem 100-m-Wunderlauf in Begeisterung versetzte…
Der Lauf wurde zum prägenden Ereignis dieser Olympischen Spiele und von so viel Zuschauerbegeisterung getragen, dass alle Menschen im Stadion dem Läufer stehend applaudierten. Für Knirpse wie mich war da, über die Menschen hinweg, kaum noch etwas von dem Geschehen auf der Aschenbahn zu sehen. Aber es gab auch damals schon Menschen mit »einem Herz für Kinder« und ein paar starke Männerarme hoben mich für einen Augenblick weit über die Köpfe der anderen empor. Was ich da sah, versetzte mich in eine so euphorische Begeisterung, dass selbst ein »dringendes Bedürfnis« in Vergessenheit geriet, das sich erst zum Schluss der Veranstaltung mit aller Macht wieder in Erinnerung brachte. Ich spürte, dass ein Verhängnis nicht mehr länger aufzuhalten war, als ein dichter Block von Menschen mir dann auch noch den Weg zu den Toiletten versperrte. Das Unaufhaltsame nahm »seinen Lauf« und überkam mich in dem Augenblick, da ich in einem der sardinenmäßig vollgepfropften Züge der Berliner S-Bahn stand, um nach Hause zu fahren.
Dort empfing mich meine Mutter mit den Worten: »Was ist los, du hast so einen komischen Gang?« Noch während ich erzählte, was mir da passiert war und was ich alles gesehen und erlebt hatte, wurde schon das Badewasser angeheizt, denn es war Sonnabend – den Samstagabend hatte ich in diesem Alter besonders gerne wegen der Vorfreude auf den nachfolgenden Sonntag.
Ich bewundere heute noch meine Mutter über ihren Einfallsreichtum, mit dem sie versuchte, ihre Söhne von den Querelen des Schulalltages abzulenken, und nie vergaß, darauf hinzuweisen, dass jedem verpfuschten Tag auch gute Seiten abzugewinnen sind; wenn diese auch manchmal tiefer liegen und nicht sogleich zu erkennen sind.
Es war mal wieder der Tag der Gemütlichkeit. Da durfte ich im Schlafanzug am Tisch sitzen, der kam frisch gewaschen und gebügelt aus dem Schrank und verbreitete auch ohne »Weichspüler« seinen überaus angenehmen Geruch…, dazu gab es knackige Wiener mit Senf und Kartoffelsalat und heiße Schokolade, sogar Schlürfen war erlaubt. Auf den Sonntag konnte man sich sowieso schon freuen, denn nachdem die Fingernägel für sauber befunden waren – mein Vater sagte immer: »Die Fingernägel sind die Visitenkarten jedes Menschen« –, stieg er mit uns in die S-Bahn, und wir fuhren zum Tempelhofer Feld, so hieß der spätere Zentralflughafen von Berlin, wo es immer etwas Hochinteressantes zu sehen und zu erleben gab. Hier lag Spannung in der Luft – hier fanden erste Flugveranstaltungen statt, landeten und starteten Riesenluftschiffe oder weltbekannte Kunstflugpiloten im offenen Doppeldecker erhitzten die damals schon recht sensationslüsternen Gemüter der Berliner. Schon damals, vor über achtzig Jahren, interessierten mich am meisten die schwebenden Pilze am Himmel, und ich wollte wissen, wie es ist, da oben rauszuspringen und am Fallschirm zur Erde niederzuschweben und daran Spaß zu haben. Bis mir eines Tages klar wurde, dass der Fallschirm ja eigentlich ein Luftrettungsgerät ist und man damit nicht spaßen sollte. Seit damals gibt es daher immer noch keine schlüssige Antwort auf die Frage des Flugkapitäns, der meine Kameraden und mich als Fallschirmjäger mit einer JU 52 zur Absprungstelle flog und, noch bevor er im Cockpit das Signal zum Sprung erteilte, fragte: »Was treibt euch eigentlich dazu, ohne Not aus Flugzeugen zu springen, die weder einen Schaden haben noch irgendeine Gefahr bedeuten und vollkommen in Ordnung sind?!«… Die Antwort muss ich bis heute schuldig bleiben, denn es gibt sie nicht.
War das Wetter aber nicht für Freiluftveranstaltungen geeignet und es regnete womöglich, dann konnten wir uns auf eines der unzähligen Museen der »Museumsstadt Berlin« freuen. Der Stadt, die auch früher nie langweilig war, wo sich Besucher und Einwohner gleichermaßen im Spannungsfeld täglich wechselnder Ereignisse und Überraschungen begegneten. Seit dem 1. Dezember 1936 waren wir laut Gesetz über die »Hitlerjugend« mit dem Staat nicht nur beiläufig verbandelt, sondern laut Reichsgesetz zu treuer Gefolgschaft verpflichtet.
In dem Gesetz hieß es unter anderem: »Die gesamte deutsche Jugend ist in der Hitlerjugend, in Elternhaus und Schule körperlich, geistig und sittlich im Geiste des Nationalsozialismus zum Dienste am Volk und zur Volksgemeinschaft zu erziehen.«
Für Mädchen galt die Gemeinschaft im Jungmädelbund für Zehn-bis Vierzehnjährige, im Bund Deutscher Mädchen (BDM) für Vierzehn- bis Achtzehnjährige – für die Verpflichtung in der männlichen Hitlerjugend galten die gleichen Altersstufen mit der Bezeichnung Jungvolk und HJ. Jedes Mädel und jeder Junge hatte sich mit der vorgeschriebenen Uniformierung zu versehen. Und daher konnte man bei Großkundgebungen des Staates der Öffentlichkeit immer monumentalere Bilder einer auch äußerlich geschlossenen deutschen Jugend vor Augen führen. Das tat man allzu gerne, und wir hatten das Gefühl, in einer »heilen Welt« zu leben. Der Führer gewann an Ansehen und Macht in Deutschland, und während wir unsere Körper auf Sportstätten und Kampfbahnen zu Höchstleistungen trieben, durchschaute die Jugend dieser Zeit nicht die Strategie, mit der Hitler seine Rassentheorie und seine Pläne für eine deutsche Vormachtstellung in der Welt zu verwirklichen begann. Ich ließ mich wie alle anderen auch blenden von dem »Phänomen« des Führers und kam erst später zur Vernunft und Einsicht. Es entging mir nicht, dass der Bücher- und Zeitschriftenmarkt stark ausgedünnt war und auch so manche lieb gewonnene Jugendzeitschrift nicht mehr erschien. Da war also einer, der machte, was er will, und er allein bestimmte, was in Deutschland gelesen werden darf und was nicht.
Der nationalsozialistische Staat verstand es, Deutschland als ein von anderen Völkern bedrohtes Land darzustellen und aus dieser Lüge eine deutsche Schicksalsfrage zu machen. Wenn Hitler in seinen Rundfunkreden über Frieden und Völkergemeinschaft sprach, dann tobte er mehr, als er redete, und sein Rassenwahn und blindwütiger Judenhass waren immer wieder das herausragende Thema. Von Hitler gewann ich das Bild eines Störenfrieds unter den Ländern Europas, dem es gelungen war, die Deutschen herauszulösen aus der Gemeinschaft mit anderen Ländern, um über die wahren Ziele seiner Politik hinwegzutäuschen. Die weitere Entwicklung gab mir recht, als Hitler im September des Jahres 1939 glaubte, das erste Ziel auf dem Wege zur Großmacht erreicht zu haben, und er den II. Weltkrieg begann.
In der Schule begann sich inzwischen eine Entwicklung abzuzeichnen, die demjenigen die Versetzung versprach, der sich durch Höchstleistungen im Sport auszeichnete oder der es verstand, im politischen Unterricht durch besonders rege Beteiligung aufzufallen. Ich fand mich eher bei denen wieder, die auf dem Sportplatz ihre normale Körperertüchtigung suchten und dabei ihre Vorliebe für Wettkampf und Spiel trotzdem angemessen abreagieren konnten, wenn sie es denn wollten.
Nicht jeder der vielen Stadtbezirke der Reichshauptstadt hatte eine bezirkseigene Oberschule und ich fuhr täglich zum Schulbesuch mit der S-Bahn eine Station weiter in den Nachbarbezirk. Die Züge fuhren im Fünfminutentakt, und ehe sich so eine Dampflok wieder in Bewegung gesetzt hatte, brauchte sie dazu einige Kolbenumdrehungen, und man hatte genug Zeit, um auf den fahrenden Zug aufzuspringen. Unter den Jugendlichen gab es wie heute ein gewisses »Trendbewusstsein« und man zeigte die angestrebte Lebensform gerne durch die Signale von Kleidung und Frisur! Kenner der Szene zogen daraus ihre Rückschlüsse auf die Zugehörigkeit zu einer Personengruppe mit bestimmten Idealen und weltanschaulichen Zielvorstellungen. Und wer Lust dazu hatte, konnte sich ihnen zuordnen. Das war der Weg, über den ich mir einen verhältnismäßig großen Kreis von Gleichgesinnten erschließen wollte, und ich fand ihn auch. Mein Leben nahm eine entscheidende Wende hin zu mehr Zufriedenheit und Lebensfreude, ich nehme an, dass dies auch in meinem Verhalten zu meiner unmittelbaren Umgebung zum Ausdruck gekommen sein muss. Allmählich setzte sich bei mir die Einsicht durch, meine Bedürfnisse und Neigungen als Jugendlicher zu lange unterdrückt zu haben, und heute weiß ich, dass mein Interesse am Geschehen der Politik zugleich eine Überforderung für mich gewesen war.
Wie sich denken lässt, war es mir fast unmöglich, meine Begeisterung für den amerikanischen Swing-Jazz der Dreißigerjahre ausleben zu können, ohne ständig der Gefahr einer Inhaftierung in einem der berüchtigten Jugendstraflager ausgesetzt zu sein. Jazz als Musikform fiel unter das Verbot der dekadenten und artfremden Musik der »Neger« und Juden und die Verbreitung und der Konsum dieser Musik waren verboten und unter Strafe gestellt. Wir schlossen uns unter dem heute bekannten Begriff »Swing-Jugend« zu einer Gemeinschaft des »passiven Widerstandes« zusammen und bildeten innerhalb der HJ einen Gegenpol, der sehr schnell Zuspruch erhielt und in Hamburg und Berlin die am stärksten in Deutschland vertretene Kraft bildete. Wir sparten das Geld für eine Schellackplatte pfennigweise zusammen und kauften die Platten, wenn sie denn zu haben waren, im speziellen Electrola-Laden in Berlin am Kurfürstendamm in einem unbeobachteten Augenblick »unter dem Ladentisch«. Der Kurfürstendamm war in Berlin damals ein Synonym für verbliebene Freiheit, internationales Flair und kulturelle Unabhängigkeit. Ich war sehr glücklich darüber, zu meinem Freundeskreis einen verlässlichen Stamm derer zählen zu können, die ich mir selbst als Freunde auswählen konnte, und nicht diejenigen, die seit der Machtergreifung Hitlers den Begriff einer Freundschaft nach ihren eigenen Vorstellungen zu definieren versuchten. Nun war ich ja noch minderjährig und ging noch zur Schule. Die Befürchtung hinsichtlich des denunziatorischen Verhaltens anderer Mitschüler erfüllte sich nicht so bald, dieses nahm dann aber bei zunehmendem Leistungsdruck und den gestiegenen Anforderungen vor der Reifeprüfung deutlich zu. Als Belohnung für entgangenes Freizeitvergnügen winkte ja die Verkürzung der Schulzeit um ein ganzes Jahr. Die Tage gingen dahin…
Die Jahre flogen an mir vorbei, der Stimmbruch brachte etwas mehr Anerkennung in der Schule, und ich hatte mich schon lange daran gewöhnt, dass alle »Sie« zu mir sagten.
An einem unvergesslich schönen Tag im Hochsommer 1940 betrat ich gut gelaunt und vor mich hin pfeifend die Dienststelle der HJ am Bahnhof »Zoologischer Garten«, um dort ein paar Formalitäten zu erledigen. Aber der wahre Grund für meine Fröhlichkeit war ein anderer und lag nicht weit weg von hier. Meine gute Stimmung war immer dann wieder zur Stelle, wenn die Arbeiten zu Hause gemacht waren und ich nach Berin-Charlottenburg zu meiner Freundin fahren konnte, die dort mit ihrer Mutter in einer der noblen Nebenstraßen des Kurfürstendamms wohnte. Meine Eltern waren von der Verbindung sehr angetan und förderten sie, wo sie konnten. Niccoline war schon etwas älter als ich, und damals ahnte ich nicht, dass die Verbindung zu einer schicksalhaften Begegnung werden sollte. Niccoline war eine attraktive Frau, damals etwas über zwanzig Jahre alt. Sie hatte ihren eigenen, großzügigen Bereich in der Wohnung ihrer Mutter, die damals im Berliner Nobelkaufhaus KaDeWe die Position einer Werbeleiterin innehatte. Ich hatte sie sehr verehrt als Leistungsträgerin in einer Welt der Männer, zumal es damals noch absolut unüblich war, die Qualifikation der Frauen mit dem Chefsessel zu honorieren. Ich war öfter dort und fand eine Atmosphäre vor, in der ich mich wohlfühlte. Niccolines Mutter imponierte mir ebenfalls mit ihrem guten Geschmack für Kunst und schönes Wohnen im privaten Bereich, und sie hatte einen ausgesuchten Kreis von Freunden und Bekannten, unter denen sich viele jüdische Mitbürger bei ihr ein »Stelldichein« gaben; einigen von ihnen war bereits seit 1936 als Folge der »Nürnberger Rassengesetze« die Gemeinschaft mit Deutschen untersagt. Als ich Niccoline kennenlernte, wusste ich nicht, dass sie durch die geschiedene Ehe ihrer Mutter mit ihrem halbjüdischen Vater von diesem Gesetz betroffen war. Selbst wenn ich davon gewusst hätte, wäre unserer Beziehung in keiner Weise von einem Abbruch meinerseits auch nur im Geringsten bedroht gewesen. Eines Abends nahm mich Niccolines Mama, ich nenne sie im Folgenden Frau H., beiseite und fragte mich, ob ich mich trauen würde, eine Telefon-Anschluss-Anlage zu öffnen und wieder zusammenzubauen.
Frau H. erklärte mir dann, dass sie Informationen darüber hätte, dass ihr privates Telefon eine Einrichtung der Gestapo enthielt, die alle Gespräche, auch diejenigen zwischen Niccoline und mir, mit aufzeichnen würden. Mein erster Gedanke war ein Dank zum Himmel, dass wir nämlich dies bereits vorsorglich in den Gesprächen berücksichtigt hatten und insofern die Anlage kein belastendes Material gegen uns enthalten konnte. Ich öffnete das Ding also vorsichtig mithilfe einer eleganten Nagelfeile, etwas anderes stand nicht zur Verfügung, und da war es, das Corpus Delicti. Der Verdacht hatte sich tatsächlich bestätigt. Ganz schnell und ohne zu zögern, schloss ich das unheilvolle Kästchen an der Wand wieder und steckte mir erst einmal eine Zigarette an – wer weiß, woran du da vorbeigeschliddert bist, dachte ich so bei mir. Wer weiß, was da noch alles auf uns zukommt, war mein nächster Gedanke.
Am Tag darauf begegnete ich am Portal meiner Schule Reinhards Mutter. Reinhard war ein Mitschüler in der Oberstufe und wohnte in meiner unmittelbaren Nachbarschaft, ein paar Meter weiter.
Sie fragte mich »Na, Joachim, was sagt denn Ihr Vater zu diesem Krieg?«. Sie wusste anscheinend, dass bei uns zu Hause politisch debattiert wurde. Ich spürte sofort den Ernst in ihrer Frage und überhörte auch nicht das leise Beben in ihrer Stimme, als sie begann, von »ihren Männern« zu sprechen. Es war die Angst, zwei Söhne zu verlieren, denn nach Berichten von Presse und Rundfunkt war dieser Krieg noch lange nicht zu Ende.
Dann kam ganz etwas Neues auf uns zu als Schüler und wir freuten uns jedes Mal über die angenehme Unterbrechung des Unterrichtes. Immer öfter erhielten wir den Besuch schneidiger Wehrmachtoffiziere, die uns den Dienst bei der Truppe schmackhaft machten und bei der Entscheidung für die Wahl der Waffengattung mithelfen sollten. Ziel der Aktion war, durch Abgabe einer »Freiwilligenmeldung« den vorzeitigen Eintritt in den Wehrdienst für die Armee sicherzustellen und dafür als Gegenleistung die Wahl der Waffengattung, nach eigenem Ermessen, entscheiden zu können. Au ja, dachte ich, da machste mit, und nahm den Kontakt zu einem Vertreter der Luftwaffe auf. Der aber hatte nichts anderes im Sinn, als mir die Laufbahn eines Offizier-Bewerbers zu beschreiben, und das lag nicht in meiner Vorstellung. Viel eher lauschte ich dem Vortrag über die Ausbildung als Fallschirmjäger. Da ging es um Härte, Drill und Kameradschaft, viel Fallschirmspringen und Sport, bei wenig Politik und gutem Essen. Das war doch was! Das waren Argumente, die bei mir Eingang fanden. Als Zulage zum Wehrsold wurden dann noch einmal fünfundsiebzig Reichsmark im Monat als sogenannte Springer- und Gefahrenzulage draufgepackt. Das entsprach etwa dem halben Monatslohn eines Facharbeiters! Damit ließe sich schon etwas anfangen, und wenn es der Spartopf ist. Mein Entschluss stand fest und ich meldete mich freiwillig zum Dienst in der deutschen Fallschirmtruppe. Wenn mein Vaterland wirklich nur von Feinden umgeben war, und auch Menschen meiner nächsten Umgebung glaubten an die Bedrohung Deutschlands, sollte ich mich endlich zur Verteidigung meiner Heimat entschließen.
Von den meisten Menschen nicht unbemerkt, hatte ich mir eine etwas gelassenere Gangart zugelegt und konnte mit all meinen Problemen in Frieden leben. Man brauchte nicht besonders gut hinzuhören, um das ständige Grummeln am Horizont der Weltpolitik zu vernehmen, und selbst im Schulunterricht wurden kritische Bemerkungen über Hitlers Expansionspolitik laut. Lebensmittel wurden stärker rationiert und der Konsum von Gebrauchsgütern zugunsten der Waffenproduktion noch mehr eingeschränkt.
Unser Land befand sich nun schon seit einem Jahr im Kriegszustand mit Polen und Frankreich. Gleich zu Beginn des Krieges hatte man die Verdunklungspflicht in Berlin eingeführt, wonach jeder Haushalt mit Beginn der Dunkelheit seine Fenster gegen nach außen dringendes Licht abzuschirmen hatte. Mit der Maßnahme sollte feindlichen Flugzeugen die Orientierung über der Stadt erschwert werden. In unserer Schule traf man indessen sehr umfangreiche Vorbereitungen für die Verabschiedung des Abiturjahrganges 1923, dem auch ich zugehörte und der nun unter Beweis stellen sollte, was er gelernt hatte. Wir alle zwölf hatten »bestanden« und konnten uns stolz das »Reifezeugnis« mit der Berechtigung zum Hochschulstudium an die Brust heften. Da wir alle eine Freiwilligenmeldung zum Wehrdienst abgegeben hatten, wurden wir auch alle mit einer abgekürzten Schulzeit belohnt. Ich heftete mir damals einen Auszug des beim Abitur von mir verlangten Referats an die Wand meines Zimmers, worin ich mich ausführlich über das Thema »Warum ist die nordische Rasse der Kulturträger Europas?« zu äußern hatte.
Als ein Kuriosum jener Zeit betrachte ich auch heute noch die »Gesinnungsakrobatik«, mit deren Hilfe ich mir eine gute Benotung und noch dazu eine Sonderauszeichnung der Reichskulturkammer beschaffen konnte! Jetzt galt es, sich von Anfang an auf dem richtigen Weg zur Verwirklichung des Berufswunsches einzufädeln, denn der Krieg setzte Grenzen und hatte zu Einschränkungen bei der freien Wahl geführt. Ein Ende war nicht abzusehen. Mit meiner Vorliebe zur Kreativität habe ich mich recht früh schon für Architektur und bildnerische Gestaltung interessiert, und so hoffte ich, recht nahe an mein Berufsziel heranzukommen, was mir auch gelang.
Ich hatte mich nach Beratung mit meinen Eltern entschlossen, Kameramann für Spielfilm zu werden, und wollte einmal selbst Regie führen. Da ich noch nicht volljährig war, das erforderliche Alter erreichte man damals erst mit einundzwanzig Jahren, meldete ich mich in Begleitung meines Vaters zum Studium auf der Deutschen Film-Akademie in Berlin-Babelsberg an. Dort ging es Zug um Zug nahtlos weiter, und ich hoffte, die sechseinhalb Semester mit eventueller Freistellung vom Wehrdienst noch zum Abschluss bringen zu können. Jedes Mal, wenn ich morgens das Akademiegelände der Kulissenstadt betrat und der Pförtner mich hindurchwinkte, dachte ich an die vielen »Größen des deutschen Films«, die alle hier hindurchmussten, um zu den riesigen UFA-Ateliers, der größten deutschen Filmproduktion, zu gelangen. Wir Novizen des ersten Semesters nutzten öfter die Gelegenheit, während der Drehpausen oder in den Seminaren bei der Arbeit hinter der Kamera dabei zu sein und mit Stars von damals wie Heinrich George, Zarah Leander oder Johannes Heesters und anderen informative Gespräche zu führen. Die Zeit, die mir noch vor meinem Kriegsdienst zur Verfügung stand, war kurz, aber von intensivem Leben erfüllt. Damit meine ich nicht nur die unvergesslichen Abende mit den Großorchestern der Berliner Tanzpaläste oder die Nächte mit Niccoline in den schummrigen Bars des Kurfürstendamms. Meine Eltern erwiesen sich als äußerst großzügig in der Gewährung von Sonderwünschen – und wenn es nur die weiße Badehose mit dem tollen Gürtel von »Ku‘damm-Müller« war, die ja nicht jeder hatte. Sie ermöglichten mir einen Urlaub gemeinsam mit Niccoline und ihrer Mutter in Tirol. An schönen Sommertagen ergab sich auch mal die Gelegenheit, eine Vorlesung zu schwänzen, und wer uns suchte, der fand uns, Nivea-gebräunt, in munterer Runde in der »Strandbad-Clique« auf Sonnendeck C am Wannsee. Auch ein Geheimtipp für die »Schlapphut-Fritzen« der Geheimen Staatspolizei.
Es war bekannt, dass auf Deck C sogenannte verbotene Musik gespielt wurde, und das interessierte die Herren ganz besonders. Auf diese Weise hatten sie Gelegenheit, der »Negermusik«, die sie zu bekämpfen hatten, »dienstlich« zuhören zu können, denn sie taten dies im Geheimen sowieso und nicht ungern. Eines Tages waren sie wieder einmal im Anmarsch über die große Freitreppe des Strandbades in Richtung Deck C. So genannt wegen der vier mit großen Buchstaben (ABC) kenntlich gemachten Terrassenbauten, die neben der Vielfalt von Einkaufsmöglichkeiten auch heute noch den Berliner Sonnenanbetern mit komfortablen Dachterrassen zur Verfügung stehen. Wir bemerkten sie frühzeitig und hatten Gelegenheit, das Koffergrammofon an der Außenwand der Terrasse mithilfe von Bademantelgürteln abzuseilen und den Blicken der »Schlapphüte« zu entziehen. Wie Spatzen auf dem Dach saßen wir auf dem Rand des Sonnendecks und schauten zu, wie sie wühlten und suchten und uns dabei mit misstrauischen Blicken unablässig im Visier hatten. Nachdem sie damit fertig waren, grüßten sie kurz »Heil Hitler«. Wir grinsten und sie machten lange Gesichter und verschwanden mit Hut und Ledermantel in der Hitze des Nachmittags. Als die Luft wieder »rein« war, durfte Louis Armstrong wieder weitersingen! Es dauerte nicht lange, der Himmel verfinsterte sich und ein Gewitter zog auf. Die Besucher verließen fluchtartig den Strand und etwa 15.000 bis 20.000 Menschen suchten Schutz in den regensicheren Wandelgängen der Terrassenbauten. Dann ging es auch schon los, und es schüttete vom Himmel, dass der Wannsee drohte, über seine Ufer zu treten.
