Dünenwut - Sven Koch - E-Book

Dünenwut E-Book

Sven Koch

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Beschreibung

Blackout an der Nordseeküste und eine Bedrohung von innen! Im 9. Nordsee-Krimi von Sven Koch bekommen es Tjark Wolf und Femke Folkmer mit Öko-Terroristen zu tun. Und mit einer neuen Bundesbehörde. Deutschland steht unter Schock: Eine Gruppe von Öko-Terroristen hat in der Nordsee ein Strom- und Daten-Kabel gekappt und damit in ganz Norddeutschland einen Blackout verursacht. Nach einer chaotischen Nacht ist zwar das Stromnetz stabilisiert. Doch die Gruppe droht mit weiteren Anschlägen, sollte das heftig umstrittene, milliardenschwere Projekt »Green Islands« nicht gestoppt werden. Denn die künstlich angelegten Inseln, auf denen grüner Strom erzeugt werden soll, gelten vielen Experten als ernste Bedrohung für das ohnehin bereits gefährdete Ökosystem der Nordsee. Für die SOK um Tjark Wolf und Femke Folkmer beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit. Und gegen eine neue Bundesbehörde, die ganz eigene Ziele verfolgt. Filmreife, actionreiche Spannung in Ostfriesland – perfekte Urlaubslektüre auch für Thriller-Fans Die Dünen-Reihe wird von RTL mit Hendrik Duryn und Pia-Micaela Barucki verfilmt. Wer sich für etwas düsterere Krimis mit harten Kerlen und taffen Frauen begeistert, wird hier bestens unterhalten. Die Küsten-Krimis von Sven Koch erscheinen in folgender Reihenfolge: - Dünengrab (Grab am Strand) - Dünentod (Tödliche Falle) - Dünenkiller (Tod auf dem Meer) - Dünenfeuer (Falsches Spiel) - Dünenfluch (Die Frau am Strand) - Dünenblut (Schatten der Vergangenheit) - Dünensturm (Tödliche Geheimnisse) - Dünenwahn - Dünenwut

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Seitenzahl: 277

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Sven Koch

Dünenwut

Ein Nordsee-Krimi

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Deutschland steht unter Schock: Eine Gruppe von Öko-Terroristen hat in der Nordsee ein Strom- und Datenkabel gekappt und damit in ganz Norddeutschland einen Blackout verursacht. Nach einer chaotischen Nacht ist zwar das Stromnetz stabilisiert. Doch die Gruppe droht mit weiteren Anschlägen, sollte das heftig umstrittene, milliardenschwere Projekt »Green Islands« nicht gestoppt werden. Denn die künstlich angelegten Inseln, auf denen grüner Strom erzeugt werden soll, gelten vielen Experten als ernste Bedrohung für das ohnehin bereits gefährdete Ökosystem der Nordsee. Für die SOKO um Tjark Wolf und Femke Folkmer beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit. Und gegen eine neue Bundesbehörde, die ganz eigene Ziele verfolgt.

 

 

Weitere Informationen finden Sie unter: www.droemer-knaur.de

Inhaltsübersicht

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

38. Kapitel

39. Kapitel

40. Kapitel

41. Kapitel

42. Kapitel

43. Kapitel

44. Kapitel

45. Kapitel

46. Kapitel

47. Kapitel

48. Kapitel

49. Kapitel

50. Kapitel

51. Kapitel

52. Kapitel

53. Kapitel

54. Kapitel

55. Kapitel

56. Kapitel

57. Kapitel

58. Kapitel

1

Das weiße Segel der Rainbow blähte sich weit draußen auf der Nordsee im Abendwind. Die Sonne stand bereits tief und sah aus wie eine auf den Himmel geklebte Orange. Dort oben war schon der erste Stern zu sehen. Das Wasser war ruhig und tiefblau. Der Rumpf des Bootes schnitt wie durch Butter hindurch und richtete den Kurs nun etwas in Richtung Norden aus. Wenn man sich umdrehte, konnte man noch gerade das rhythmische Blitzen der Leuchtturmfeuer von der Küste und den Inseln sehen. An Bord war nichts anderes zu hören als Rauschen, Plätschern, das Klickern der Takelage.

Rieke liebte es und sog die frische Luft ein. Was gab es Schöneres als das Meer, die Nordsee?

Elias stand am Steuer und blickte stur nach vorn. Wie die anderen drei trug er eine leuchtend rote Schwimmweste. Dazu hatte er Shorts an und ein T-Shirt, das als Logo eine Seekuh zeigte, eine Manatee, das Wappentier Floridas. Er hatte es von einem USA-Aufenthalt mitgebracht, wo er als Student der Meeresbiologie an einem Forschungsprojekt teilgenommen hatte, das sich mit Strömungen und den Auswirkungen des Klimas auf das außergewöhnliche Ökosystem der Everglades befasste. Die Kanäle im Marschland im Nationalpark bestanden einerseits aus Süßwasser aus dem Landesinneren, zum anderen aus Salzwasser aus dem Golf von Mexiko, und in der Zone dazwischen wechselten sich mit Ebbe und Flut Süßwasser und Salzwasser ab und vermengten sich. Inzwischen hatte er das Studium in Rekordzeit abgeschlossen und befasste sich intensiv mit dem Wattenmeer.

Schon als sie die Rainbow gechartert hatten, war klar gewesen, dass er das Steuer übernehmen würde, obwohl auch Hanno dazu in der Lage gewesen wäre. Aber Elias war ein Typ Mann, der natürliche Dominanz nicht nur ausstrahlte, sondern sie lebte.

Inga stand drauf, wie Rieke wusste, wenngleich Inga ihn für einen Narziss hielt. Weil Elias einer war. Einmal hatte Inga es ihm ins Gesicht gesagt, woraufhin er ihr eine geknallt hatte und sie ihn deswegen beinahe verlassen hätte. Rieke hatte zwei-, dreimal versucht, mit Inga über ihre Beziehung zu Elias zu sprechen, weil sie sie für toxisch hielt. Aber Inga war dafür nicht empfänglich gewesen und hatte irgendwann gemeint, dass Rieke ihr mit dem pseudoempathischen »MeToo«-Gerede nicht weiter auf die Nerven gehen solle, sie wisse schon, was sie tue. Inga war eben Inga.

Ehrlich gesagt: Man konnte froh sein, dass sie Elias nicht ihr Messer in die Rippen gerammt hatte, das sie ständig mit sich herumtrug. Ein französisches Klappmesser mit Horngriff von ihrem Opa. Sie fand das Ding praktisch und nutzte es dauernd oder spielte damit herum. Und für den Fall der Fälle, sagte sie manchmal … Also echt, fand Rieke. Eine Dose Pfefferspray in der Handtasche war ja okay – aber ein Klappmesser?

Jetzt saß Inga neben Rieke auf der Bank am Heck, in Shorts und einem aufgeknöpften Henley-Shirt unter der Schwimmweste. Inga war einige Jahre jünger als Elias, eine zarte und introvertierte Person, weswegen sie häufig unterschätzt wurde. Tatsächlich konnten sie beide kalt wie ein Eisblock sein und hart wie ein Diamant.

Heute wirkte Inga noch schweigsamer und angespannter als sonst, fand Rieke. Das hing wahrscheinlich mit dem Grund zusammen, aus dem sie alle zu dem Segeltörn aufgebrochen waren. Aber Inga war sowieso ein Buch mit sieben Siegeln.

Inga redete selten über sich. Rieke wusste, dass ihr Vater ein riesiges Textilunternehmen leitete und sie ein Einzelkind war. Den größten Teil ihrer Jugend hatte sie entweder in einem Internat oder bei ihren Großeltern verbracht. Gelegentlich erzählte Inga von ihrem Opa – es musste eine innige Verbindung gewesen sein. Er hatte zwar die Firma gegründet, aber irgendwann die Nase voll davon gehabt, nachdem der Aufsichtsrat ihm die Zügel aus der Hand nahm und große Teile der Produktion nach Asien verlegt wurden. Ihr Großvater hatte dort eine Fabrik angeschaut und die Umstände der Herstellung inspiziert – und beschlossen, da nicht mitzuspielen. Er hatte seine Anteile seinem Sohn überschrieben, war ausgestiegen und lebte mit seiner Frau die Hälfte des Jahres über in der Bretagne, weswegen Inga fast perfekt Französisch sprach und das Meer liebte, an dem sie mit ihrem Opa Stunde um Stunde verbracht hatte. Er hatte ihr viel über die Natur erzählt, über die Gezeiten und das Leben und später für die Grünen kandidiert, was zum endgültigen Bruch mit seinem Sohn geführt hatte, der mit großer Leidenschaft rationalisierte, Kosten minimierte und Gewinne maximierte. »Mein Vater«, hatte Inga einmal gesagt, »ist ein Kapitalistenschwein, wie es im Buche steht. Er hockt in seiner Scheißvilla, versaut die Umwelt, beutet die Menschen aus, und es ist ihm völlig egal, solange seine Porsches vollgetankt sind.« In gewisser Weise wollte Inga vielleicht die Schäden reparieren, die ihre Familie dem Klima antat.

Gerade flocht Rieke die von der Sonne und der vielen Zeit auf dem Meer gebleichten Haare zu einem Zopf. Die meisten Wochen im Jahr surfte sie. Wenn das in Deutschland nicht mehr möglich war, nahm sie das in der Zwischenzeit angesparte Geld zusammen und fuhr mit ein paar Leuten nach Südspanien, um dort am Strand am Lagerfeuer zu campen oder im Wohnmobil zu schlafen und tagsüber auf den Wellen zu reiten. Zwei europäische Winter hatte sie mit Hanno in Kalifornien verbracht und war von Strand zu Strand gezogen. Big Sur, La Jolla, Half Moon Beach, Huntington – wow.

Und das Geld dafür – na ja. Von zu Hause bekam sie schon seit Jahren nur noch den Pflichtunterhalt. Rieke stammte wie Inga aus einem wohlhabenden Elternhaus und wusste, wie sich das anfühlen konnte: Man machte entweder mit, oder man scherte aus. Rieke war wie Inga ausgeschert und hatte sich in Hamburg schon früh lieber in der alternativen Szene herumgetrieben. Ihr Vater war Bankvorstand und ihre Mutter – nun: seine Frau. Sie und ihre Freundinnen warfen mit Geld für Botox-to-go und anderen Shit regelrecht um sich, und Rieke wusste, dass sie sich von ihrem Personal Trainer vögeln ließ, weil sie es einmal gesehen hatte. Ihre Mutter war schockiert gewesen, als Rieke ihren ersten Freund mit Dreadlocks mit nach Hause brachte, der fast zehn Jahre älter als sie gewesen und bei Greenpeace war. Er hatte sogar Walfangboote gekapert, was Rieke extrem beeindruckt hatte. Schließlich war sie mit ihm zum Surfen abgehauen, hatte mit ihm an einer Greenpeace-Aktion teilgenommen und war verhaftet worden, weil sie einer Hamburgerin einen Farbbeutel auf den Pelz geworfen hatte. Das hatte Papa zum Anlass genommen, ihr den Geldhahn zuzudrehen, aber: Was war wichtiger – Geld oder die eigene Seele, die Überzeugung? Denn was passierte, wenn man sich verkaufte, kannte sie von zu Hause: Man wurde zu einer seelenlosen Hülle mit Louis-Vuitton-Aufdruck, die sich einen Scheiß um diese Welt kümmerte und sich nur fürs Meer interessierte, wenn man an der Strandbar in Fünf-Sterne-Ressorts saß und sich darum sorgte, dass das Salzwasser den Bikini verkrusten könnte.

Natürlich waren nicht alle so. Elias’ Vater zum Beispiel war der Leiter einer Waldorfschule und seine Mutter in Niedersachsen im Bundesvorstand der Linken. Sie hatten Elias von klein auf klargemacht, wie bedeutend das Klima und Umweltschutz für die Welt sind, waren mit ihm jedes Jahr zum Backpacken auf La Gomera und hatten ihn so »frei wie den Wind« aufwachsen lassen. Das zitierte Elias gerne – allerdings meist mit einem spöttischen Grinsen. Faktisch hatten sie ihn zu einem egozentrischen, überheblichen Ekel geformt und mit ihm gebrochen, als er mit seinem Geld an der Börse zu spekulieren begann und sie eines Tages von einem Klosteraufenthalt früher zurückkamen und die Wohnung von einer Party verwüstet vorfanden – mitsamt ihrem Sohn und einer Tüte Koks. Sie hatten ihn rausgeworfen, woraufhin er zwischen diversen WGs tingelte, seine Eltern hassen lernte und beschloss, gegen das Establishment zu kämpfen, das er als Gucci-Ökos bezeichnete: Leute wie seine Eltern, die er für Fake hielt und die sich seiner Meinung nach nur für Nachhaltigkeit und derlei Dinge einsetzten, weil sie die Taschen voller Geld hatten und es sich leisten konnten. So wie sein Vater, der Hobbysegler war und Elias als Jungen mit zu Törns genommen und währenddessen darüber räsoniert hatte, wie wichtig die Weltmeere und ihr Schutz seien. Und deswegen charterst du dir ein Boot, das von oben bis unten aus umweltschädlichstem Plastik hergestellt ist, hatte Elias irgendwann gedacht – und war nicht mehr mit zum Segeln gegangen. Aber immerhin hatte er gelernt, wie man ein Boot wie die Rainbow steuerte, und längst Frieden mit seinen Eltern geschlossen – weil er sie nicht ändern konnte und sie vor Stolz geplatzt waren, als er sagte, dass er Meeresbiologie studieren wolle.

Und das einte sie alle: die Liebe zum Meer.

Rieke liebte es ebenso wie alle anderen und wie Hanno, denn ihn hatte sie auch einmal geliebt. Also: Eigentlich mehr als ein Mal, wobei Liebe ein großes Wort dafür war, dass sie gelegentlich vögelten. Rieke würde es nicht Beziehung nennen wollen, sondern Freundschaft plus. Situationship. Whatever. Und zum Glück sah Hanno das auch so. In Sachen Frauen war er offen wie das Meer, und das fand Rieke ziemlich gut. Zudem konnte man mit ihm die ganze Nacht durch über Gott und die Welt quatschen – vor allem, wenn man betrunken oder bekifft war, und Hanno wusste stets ziemlich genau, wovon er sprach.

Vielleicht lag das daran, dass er mit Mitte dreißig der Älteste war und die meiste Erfahrung mitbrachte. Er war Kampfschwimmer bei der Bundeswehr gewesen und hatte Spezialeinsätze mitgemacht, über die er ungern redete. Nicht, weil er traumatisiert wäre. Es lag eher daran, dass er meinte, geheim sei nun einmal geheim – scheißegal, ob er damals für ein faschistoides Regime wie Deutschland gearbeitet hatte.

Aus politischen Gründen war er schließlich aus der Bundeswehr ausgeschieden und hatte begonnen, als Surf- und Tauchlehrer zu arbeiten.

Auf diese Weise hatten er und Rieke sich kennengelernt. Rieke wiederum kannte Inga aus der politisch aktiven Klimaaktivisten-Szene, und Inga hatte dauernd Elias im Schlepptau. Ja, und weil eines zum anderen gekommen war, saßen sie nun zusammen hier auf dem Boot und segelten in die Nacht mit einem klaren Ziel, das Hanno auf einem seiner Laptops fixiert hatte. Er kannte sich mit diesem ganzen Nerdkram hervorragend aus – kein Wunder angesichts seines militärischen Backgrounds. Die Displays der Laptops vor ihm strahlten sein Gesicht an und ließen es gespenstisch wirken.

Rieke war mit dem Zopf fertig, streckte die Nase in den Wind, sog die frische Luft ein weiteres Mal ein.

»Ist das nicht herrlich?«, fragte sie. »Und ich finde es immer noch verrückt, dass unser Boot ausgerechnet den Namen Rainbow trägt. Das ist – bezeichnend. Wie eine Nachricht vom Universum, oder? Rainbow. Rainbow Warrior.«

Hanno nickte und lächelte, ohne von den Computern aufzublicken. »Schon korrekt«, murmelte er.

»Ja. Total super«, erwiderte Inga beiläufig und zupfte an den Klettverschlüssen der Schwimmweste. Sie wirkte, als sei sie ihr zwei Nummern zu groß.

Rieke kümmerte sich nicht um den zickigen Tonfall. Den kannte jeder von Inga. So war sie eben: klar wie ein Bergkristall in all ihren Ansichten. Heute schien sie noch etwas härter zu sein als ein solcher Kristall. Aber es war kein Wunder. Menschen gingen unterschiedlich mit aufregenden Situationen um – und wenn das hier keine solche war, dann wusste Rieke es auch nicht.

Rieke blickte in den Himmel. Sie deutete nach oben. »Ist das eigentlich der Sirius? Ist er, oder? Der Abendstern? Voll schön. Überlegt mal, danach haben schon die Phönizier navigiert – und alle anderen.«

Sie spürte Ingas Blick. »Sag mal: Hast du gerade einen Meerkoller? Komm mal wieder runter.«

»Nein, ich finde es einfach nur wunderschön. Wir reiten auf dem Regenbogen unter dem Abendstern durch die Wellen und werden die Welt verändern.«

»Ja, aber nur mit klarem Kopf.«

»Das ist nicht der Sirius«, sagte Elias und klang wie immer etwas gelangweilt und selbst in so wenigen Worten leicht überheblich, was seinen Gesprächspartnern automatisch das Gefühl gab, unterlegen zu sein. »Das ist die Venus. Die Venus ist das hellste Objekt am Nachthimmel. Sie wechselt ihre Rolle als Morgen- und Abendstern in einem regelmäßigen Zyklus ab.«

»Krass«, erwiderte Rieke und sah wieder nach oben. »Das ist wie Yin und Yang, oder? Die Venus steht für Weiblichkeit – und dann noch diese Zyklussache. Und wir segeln unter der Venus auf dem Regenbogen. Bessere Vorzeichen können wir doch gar nicht haben, oder?«

Inga gab ein genervtes Geräusch von sich. Dann sah Rieke wieder nach unten, blickte auf die Monitore vor Hanno, die einerseits wirre Muster aus Linien und Grafiken zeigten, andererseits Bilder von dem Sonargerät, das er am Rumpf der Rainbow befestigt hatte.

»Ist nicht mehr weit«, sagte er.

»Perfekt«, erwiderte Inga.

Ja, perfekt, dachte Rieke. Ihr Herz klopfte heftiger. Sie war aufgeregt und wusste, dass es keinen Weg zurück gab. Und das brauchte es auch nicht. Sie mussten tun, was sie tun würden. Die Welt verändern – wie sagte man?

Leave it, love it or change it.

Na ja, und verlassen wollte sie diese Welt noch lange nicht. Lieben konnte sie die Welt nicht – zumindest nicht, wie sie war, und Rieke wusste sehr genau, wie die Welt sein könnte: ein besserer Ort für jeden Menschen, jedes Tier und für die Natur ganz allgemein. Wenn nur endlich einmal jemand etwas tun würde. Aber das geschah nicht. Damit kam man zum »change it«.

Es war die einzige Option.

Jemand.

Musste.

Etwas.

Tun.

»Die Venus weist uns den Weg«, murmelte Rieke versonnen und lächelte. Sie dachte an die hundert Kilo Semtex-Sprengstoff im Rumpf der Rainbow.

Und daran, dass morgen ein anderes Deutschland erwachen würde.

2

Es war längst dunkel, und die Lichter von Oldenburg funkelten auf der nassen Straße. Eben hatte es geregnet. Kein ernst zu nehmender Schauer, aber ausreichend, um für einige Pfützen zu sorgen. Tjark hörte das Wasser gegen den Boden des BMW spritzen, als er durch eine fuhr. Sein Z4 war so schwarz wie diese Nacht. Sein »Batmobil«, wie er den Roadster manchmal nannte. Tjark hatte ein Faible für alte Comics. Außerdem war er ein »Detective« wie Batman in seinen Anfängen Ende der Vierziger und jagte die bösen Burschen.

Das Handy mit dem leuchtenden Display lag auf dem Beifahrersitz. In den Lautsprechern hörte er nicht länger Joey Ramone singen, dass er auf keinen Fall auf einem Tierfriedhof beerdigt werden wolle. Stattdessen sprach die Stimme von Anne Madsen. Sie war ebenfalls Polizistin, lebte in Århus in Dänemark, was die Beziehung mit ihr nicht gerade vereinfachte, denn Dänemark lag nicht um die Ecke. Außerdem würde weder Tjark noch Anne den Job aufgeben, um ihre beiden Leben zusammenzuwerfen. Meine Güte, sie redeten ja noch nicht einmal in der Sprache des jeweils anderen miteinander: Tjark konnte nur ein paar Happen Dänisch, Anne sprach lediglich sporadisch Deutsch, weswegen sie nach wie vor bei Englisch blieben.

»Wohin fährst du?«, fragte Anne.

Tjark setzte den Blinker und wechselte die Straße, stieg wieder aufs Gaspedal und hoffte, dass er die nächste Ampel noch schaffen würde, bevor sie auf Rot sprang.

»Supermarkt. Dienst hat heute etwas länger gedauert. Zäh. Viel Papierkram.« Tjark blickte kurz zur Seite, um nach dem Handy zu greifen. Durch die Fliehkraft in der Kurve war es verrutscht und drohte vom Sitz zu fallen.

»Bei mir ebenfalls«, erwiderte Madsen. »Kommst du am Wochenende hoch an den Fjord?«

»Das ist der Plan.« Tjark hatte bei Hvide Sande am Ringkøbing-Fjord auf unbegrenzte Dauer ein Ferienhaus gemietet. »Vielleicht könnte ich auch zu dir kommen, und …« Tjark hatte das Handy gerade wieder sicher platziert und blickte auf. Er sah nichts als Dunkelheit. Und die glühenden Bremsleuchten eines Lkw, die geradezu mit Lichtgeschwindigkeit näher kamen.

Er trat auf die Bremse, riss das Steuer herum, raste links an dem plötzlich stoppenden Lkw vorbei auf die Gegenfahrbahn. Die Lichter eines anderen Wagens blendeten ihn. Erneut riss er das Steuer herum, wich auch diesem Wagen aus – und kam schließlich mitten auf einer Kreuzung zum Stehen, allerdings quer – hörte es laut krachen. Es klang, als zerträte man eine Plastikschale.

Durch die Seitenscheibe sah er einen weiteren Wagen auf sich zukommen. Jemand musste hinten auf ihn aufgefahren sein. Nur eine Handbreit vor Tjarks Fahrertür kam er zum Stehen. Er hörte Reifen quietschen. Dann vernahm er ein weiteres hohles Krachen und das Splittern von Glas.

Er keuchte und spürte, dass er das Lenkrad so fest umklammerte, dass ihm die Hände bereits wehtaten. Einige Sekunden später, die sich wie Minuten oder Stunden anfühlten, lösten sich die Hände zitternd vom Lenkrad. Zum Glück hatte es seinen Wagen nicht erwischt.

»Anne?«

Er blickte zum Handy. Es war tot. Er tippte auf das Display, das noch hell war, aber: nichts. Kein Empfang. Er sah durch die Scheiben nach draußen, Menschen stiegen wie in Trance aus den Autos, die sich mitten auf der Kreuzung in einer Massenkarambolage ineinander verkeilt hatten. Die Ampel war dunkel. Alles andere ebenfalls. Kein Licht. Nirgends.

3

Ceylan drehte das Glas Wein nach links, dann wieder nach rechts und blickte aus dem großen Fenster der Pizzeria in den Himmel über Wilhelmshaven. Die Lichter der Stadt brachen sich in den Wassertropfen, die am Glas herabperlten.

Sie warf einen Blick aufs Handy, um zu sehen, ob ihr Date eine Nachricht geschickt hatte, aber das war nicht der Fall. Also öffnete sie Instagram und scrollte ein wenig herum und sagte sich, dass es keinen Grund gab, sich Gedanken zu machen, weil sie sowieso eine Viertelstunde vor der Zeit hier gewesen war.

Es war nach ziemlich langer Zeit die erste Verabredung. Gelegentlich hatte sie On-off-Beziehungen gehabt und kurze, aber heftige Treffen mit einigen Männern. Für eine Beziehung war keiner infrage gekommen. Einige hatten direkt zurückgezuckt, nachdem Ceylan erklärte, dass sie Polizistin sei und außerdem die Abteilung für Schwerkriminalität am LKA des Landes Niedersachsen leite, das in Wilhelmshaven verortet war.

Mit solchen Typen konnte sie nichts anfangen. Abgesehen davon, war sie »beziehungsgeschädigt« – zumindest sagte sie das über sich selbst. Sie schob es auf ihren familiären Hintergrund. Ceylan hatte zwei Staatsbürgerschaften und war in einer weltoffenen Familie in Deutschland aufgewachsen, bevor ihre Eltern dann zurück nach Istanbul gingen, während sie in Deutschland blieb, wo sie nach der Ausbildung in der Polizeihochschule in den Job ging und dort auch Tjark kennenlernte. Und eines Tages hatte sich die Familie als überhaupt nicht mehr weltoffen erwiesen, sondern als äußerst traditionell und konservativ, was Ceylans Leben auf den Kopf gestellt hatte. Es hatte geheißen, dass mit dem ganzen Unsinn in Deutschland jetzt Schluss sei und Ceylan nach Istanbul zu kommen habe, um dort jemanden zu heiraten, den die Eltern für sie ausgesucht hatten.

Für sie war eine Welt zusammengebrochen. Niemals im Leben hatte sie Derartiges von ihren Eltern erwartet. Es stand im krassen Widerspruch dazu, wie sie in Deutschland aufgewachsen war, im Widerspruch zu all ihren Werten.

Nachdem sich Ceylan mit Händen und Füßen dagegengestemmt hatte, waren ihre Brüder aufgekreuzt – um sie zunächst mit Worten zu überzeugen, dann mit Drohungen. Ceylans Welt war ein zweites Mal wie ein Kartenhaus in sich zusammengestürzt. Schließlich hatte sie sich Tjark offenbart, der sich vor sie gestellt und ihren Brüdern sehr klargemacht hatte, dass sie sich besser verziehen sollten.

Das alles hatte Ceylans Urvertrauen in andere Menschen nachhaltig getrübt. Sie hatte mit Kampfsport begonnen, damit niemand ihr jemals wieder zu nahekommen konnte. Geradezu manisch hatte sie trainiert und sogar einen Titel gewonnen. Und sie hatte nur einem Menschen vertraut: Tjark Wolf. Der konnte zwar nicht einmal sich selbst über den Weg trauen. Aber auf ihn war Verlass, wenn es darauf ankam.

Mit den Jahren hatte sie auch Femke und Fred Zugang zu ihrem inneren Kreis erlaubt. Die beiden gehörten wie Tjark zu der kleinen Abteilung mit der Abkürzung SOK, kurz: Sonderkommission für Organisierte und Schwerkriminalität des Landes Niedersachsen. Sie waren ihre Familie oder, wie Tjark es manchmal nannte, die »Fantastic Four«. Typisch für Tjark. Er hatte diesen Comic-Tick und sammelte alte Marvels, die sündhaft teuer waren und nach seinen Worten eine gute Geldanlage.

Jedenfalls hatte Ceylan diesen attraktiven, gut gebauten Polizeihauptmeister, auf den sie hier wartete, einige Male in der Kantine getroffen. Sie hatten ein wenig geflirtet, sich dann und wann mal nett unterhalten. Ceylan gefiel außerdem, dass es ihm gleichgültig zu sein schien, dass Ceylan Boss einer ganzen Abteilung war und einen weitaus höheren Dienstgrad hatte. Und jetzt hatte er sie endlich gefragt, ob sie nicht mal eine Pizza essen gehen wollten.

Tja, und nun saß sie hier, war sogar zu früh gekommen, und …

… im nächsten Moment blockierte ihr Instagram-Feed, weil sie keine Verbindung mehr zum Internet hatte. Einen Augenblick später fiel der Strom im Restaurant aus, was für ein kollektives Aufstöhnen unter den Gästen und Angestellten sorgte.

Ceylan blickte nach draußen, wo ebenfalls alles dunkel war: die Straßenlaternen, die Ampel, sämtliche Beleuchtung – alles tot. Sie testete noch einmal ihren Instafeed und ihr WhatsApp: nichts. Keine Dienste verfügbar.

Sie wunderte sich für einen Moment, dass es offenbar nicht nur den Strom erwischt hatte, sondern auch das Mobilnetz. Andererseits hingen sämtliche WLAN-Router am Strom – und auch Funkmasten. Sicherlich würde sich das bald wieder fangen, und als die Bedienungen damit begannen, Kerzen aufzustellen, musste sie sogar lächeln: ein Candlelightdinner – wer hätte damit gerechnet?

4

Volker entzündete eine Kerze und zuckte mit den Achseln. »Dann eben wie im Mittelalter«, sagte er. »Aber musste es unbedingt an der spannendsten Stelle passieren?«

Femke lachte. Nach dem Essen hatten sie sich aufs Sofa gepflanzt und auf Netflix mit einer neuen Krimiserie begonnen. Femke hatte einen freien Tag gehabt und getan, was viel zu kurz kam: etwas Schönes gekocht. Nicht, dass sie eine ausgemachte Hobbyköchin wäre, ganz und gar nicht. Aber es machte ihr Spaß, und man kam dabei auf andere Gedanken. Wie bei einer Meditation klärte Gemüseschnippeln den Kopf, sie hatte die Minestrone nach einem neuen italienischen Rezept gekocht. Den Eintopf musste sie stundenlang auf kleiner Flamme ziehen lassen, und währenddessen hatte sie in dem Kochbuch herumgeblättert und sich Notizen gemacht, welche Gerichte sie sich als Nächstes vorknöpfen wollte, weil einfach alles dermaßen lecker klang. Am Ende stellte sie fest, dass sie viel zu viel Minestrone gekocht hatte, aber egal: Die Reste würde sie einfrieren beziehungsweise morgen etwas mit in die Polizeibehörde für Ceylan, Fred und Tjark mitnehmen. Das könnten sie sich mittags in der Mikrowelle aufwärmen.

Volker war jedenfalls begeistert von der Suppe gewesen und hatte zwei Portionen verspeist. Kein Wunder. Er hatte den ganzen Tag über schwer geschuftet und mit einigen Kühen zu tun gehabt sowie mit zwei Pferden. Volker war Tierarzt, und daher kannten sie sich: Er hatte früher Femkes Justin verarztet, ihr altes Pferd, das inzwischen nicht mehr lebte.

Jedenfalls hatten sie sich nach dem Essen einen gemütlichen Abend machen wollen und die Serie ansehen, von der Femke schon einiges gehört hatte. Sie sah gerne Krimis, wenngleich sie selbst Polizistin war und die Fälle und die Ermittlungsarbeit im TV oder in Romanen natürlich nicht der Wirklichkeit entsprach. Aber das konnte sie gut voneinander trennen. Das eine war die Arbeit, das andere fiktive Unterhaltung, und beides hatte nichts miteinander zu tun.

Dann war der Strom ausgefallen.

Femke hatte sich das Handy geschnappt, um nachzusehen, ob es darüber eine Meldung in den Medien gab. Dabei hatte sie festgestellt, dass es offenbar nicht nur das Strom-, sondern auch das Mobilnetz erwischt haben musste. Merkwürdig.

Sie versuchte, ihre Eltern anzurufen, um sich zu versichern, dass bei ihnen alles in Ordnung war. Sie lebten bei Werlesiel, wo ihre Mutter in der Hafenbäckerei arbeitete und sich ihr Vater um die Vermietung und Instandhaltung von Ferienwohnungen kümmerte.

Doch die Verbindung schlug fehl. Also waren offensichtlich auch Funkmasten von dem Stromausfall betroffen – wobei sich Femke in dem Augenblick fragte, wie das Mobilnetz überhaupt funktionierte und ob es nicht über Satelliten gesteuert wurde. Man benutzte heute so viel Technik, von deren Funktionsweise man keinen Schimmer hatte.

Wie auch immer. Selbst wenn das orbital gesteuert wurde, musste es ja auf der Erde feste Stationen geben, die Gespräche weiterleiteten, und die hingen am Stromnetz. Dennoch sprach vieles dafür, dass es ein ziemlich umfassender Stromausfall war, zumal noch keine Notversorgung angesprungen war, denn zumindest ein Handynetz würde doch ein Back-up-System haben. So konnte man weder telefonieren noch ins Internet gelangen. Andererseits: Warum nicht mal einen Moment lang ein komplettes digitales Detox machen? Genau wie Volker gesagt hatte: »Wie im Mittelalter.« Das hatte doch Charme – und in ein paar Minuten wäre der Spuk sowieso wieder vorbei.

5

Fred stand im Arbeitszimmer vor seinem neuen Mac Studio, der wie eine silberne Butterbrotdose aussah, und dem neuen Studio Display. Sündhaft teuer und weitaus mehr, als er jemals benötigen würde. Aber hey: Wofür buckelte er sich den Rücken wund und schlug sich jeden Tag mit Kriminellen und anderem Abschaum herum? Wofür stand sich seine Frau Greta in ihrer Parfümerie die Füße platt, von deren Erlösen sie den wesentlichen Teil ihres deutlich zu großen Einfamilienhauses finanziert hatten?

Dafür waren Kompensationen nötig, und eine davon stand hier nun vor ihm in Form der neuesten Digitaltechnologie aus Cupertino sowie im Keller in Form einer ungefähr gleichpreisigen Sonnenbank, die Greta während der sonnenarmen Tage des Jahres nutzen wollte, um im Geschäft stets mit einem leichten Teint aufzulaufen. Die Sonnenbank hatte ihren Test bereits vor zwei Tagen hinter sich gebracht, und Greta war gerade im Begriff, eine weitere Runde auf dem Bräter zu drehen, was Fred ausreichend Spielraum verschaffte, um den Mac zu installieren, der heute mit der Post gekommen war und den er eben entpackt, verkabelt und auf dem Schreibtisch drapiert hatte.

Er leckte sich über die Lippen und war etwas nervös vor dem ersten Einschalten, wenn sich das System erstmals konfigurierte. Ein sensibler Prozess, wobei das längst weitaus komfortabler war als noch vor zehn und erst recht zwanzig Jahren, als ein solcher Systemwechsel weitaus filigraner gewesen war und dazu führen konnte, dass man büschelweise Haare verlor oder sie sich vor Verzweiflung ausriss. Seither hatte sich in der Nutzerfreundlichkeit viel getan, in der Rechenleistung sowieso. Alleine mit seinem iPhone hätte Fred im Vergleich zu den Kapazitäten von 1969 mehr als hundertzwanzig Millionen Apollo-11-Missionen regeln können. In jeder Mikrowelle steckte heute mehr Rechenpower, als damals der NASA zur Verfügung gestanden hatte.

Aber wie gesagt: Fred kannte noch andere Zeiten, weswegen seine Hände etwas feucht waren und sein Herz ein wenig schneller schlug, als er den Mac schließlich einschaltete. Das System fuhr hoch. Der Bildschirm zeigte den Ladebalken an. Fred griff nach der Mappe, in der er alle wichtigen Passwörter aufbewahrte, und hatte außerdem das alte MacBook neben sich, um eine Datenmigration vorzunehmen.

Im nächsten Moment wurde es stockdunkel um ihn herum. Auch der Monitor wurde schwarz. Der Ladebalken war weg. Der Strom war ausgefallen. Freds Herz blieb beinahe stehen.

Im ersten Augenblick konnte er nicht glauben, dass das gerade geschehen war – mitten im Installations- und Konfigurationsprozess. Kaum auszumalen, was das angerichtet haben mochte. Zum Glück hatte er eine Back-up-Festplatte, aber … Wer weiß.

Und warum war der verdammte Strom überhaupt ausgefallen? Wo lebten sie denn: in einem Dorf in Tibet, wo die Dorfjüngsten sich jeden Tag auf einem aufgebockten Fahrrad abwechseln mussten, um den Dynamo anzutreiben, und so dem Dorf wenigstens zeitweise Elektrizität bescherten? Oder lag das an den verfluchten amerikanischen Computern, die auf einmal so viel Strom zogen, dass in Deutschland die Sicherungen durchknallten?

Viel schlimmer war dennoch die Vorstellung, dass all seine Daten verloren sein könnten und sich das Betriebssystem an beiden Geräten zerschossen hatte. Das wäre eine Katastrophe biblischen Ausmaßes.

Er zischte und fluchte, schnappte sich das Handy und schaltete die Taschenlampenfunktion ein, lief dann in den Flur, probierte auf dem Weg einige Lichtschalter aus, aber nichts geschah. Aus dem Keller hörte er Greta rufen, was denn da los sei. Ja, das wüsste er selbst gerne, dachte er und riss die Klappe des Sicherungskastens auf. Alle Sicherungen vollkommen in Ordnung.

»Wie kann denn …«, fluchte er. »Wie kann denn … ausgerechnet in diesem Moment … Himmel!«

Er warf den Sicherungskasten wieder zu und wirbelte herum, als er aus dem Keller Rufen hörte. Greta. Sie war eben auf die Sonnenbank gegangen, was sie regelmäßig tat, seit sie das Gerät besaßen. Fred benutzte es nie. Einerseits fand er echte Sonne sinnvoller. Zweitens war er nicht der Schlankste und befürchtete permanent, dass er in dem Gerät eingeklemmt würde wie eine Wurst im Hotdog.

»Fred!«

Fred fluchte und ging die Treppe hinab zum Fitnessraum, leuchtete mit dem Handy und hörte dumpfe Schläge. Er sah das Solarium, das geschlossen war wie ein Schneewittchensarg.

»Fred!«, rief Greta. »Was ist los? Ich komme nicht raus! Und warum, zum Teufel, ist es stockdunkel? Was hast du gemacht?«

Auch das noch, dachte Fred. Denn natürlich verschloss sich das Drecksding zwar automatisch, was sehr bequem war. Doch ohne Strom ging es nicht wieder auf. Klasse. Zum Glück hatte er die Bedienungsanleitung gelesen, was Greta stets vermied.

»Der Strom ist ausgefallen«, erklärte Fred das Offensichtliche.

»Der Deckel geht nicht auf!«

»Da ist ein Notöffner an der Klapptür.«

»Wo?!«

»Links. Warte.«

Fred hockte sich hin, leuchtete mit dem Handy ins Innere, tastete mit der Hand in dem Spalt zwischen der Ober- und Unterseite herum und fand schließlich den Griff – wie bei der Motorhaube im Auto. Er betätigte ihn – und der Deckel sprang auf.

Seine Frau ebenfalls. Greta fuhr vom Solarium hoch wie von der Tarantel gestochen, schnappte sich den Bademantel und das Handy.

»So ein Mist! Mist! Mist!«, rief sie. »Was hast du gemacht?«

»Gar nichts, ich …«

Sie schubste Fred in Richtung Treppe. »Geh. Geh hoch! Raus hier aus dieser Gruft!«

Worauf er die Treppe wieder hinaufging und im Flur ankam, wo es immer noch so dunkel war wie in einer Kohlenmine. Er vernahm hinter sich Geräusche und sah den Lichtstrahl von Gretas Handy. Sie tapste barfuß und im Bademantel die Treppe hinauf.

»Da entspanne ich mich ausnahmsweise einmal«, sagte sie in einem Tonfall, der Ozeane gefrieren lassen konnte, »und dann ist der Strom weg! Ich war gefangen! Noch mal: Was hast du gemacht?«

»Ich habe gerade den neuen Mac hochgefahren und …«

»Na toll.«

»Das eine hat nichts mit dem anderen zu tun, das kann gar nicht sein.«

»Natüüüürlich nicht«, erwiderte Greta und strahlte ihn mit dem Handy direkt an, sodass er blinzeln musste. »Herr Fred Berger schaltet den neuen Computer ein, und der Strom fällt im selben Moment aus. Wie sollte es da einen Zusammenhang geben?«

»Es war einen verfluchten Moment danach und mitten im Installationsprozess, das wird die gesamte Konfiguration zerstört haben!« Jetzt, wo er es laut aussprach, spürte Fred, dass er kurz vor dem Durchdrehen war. Sollte sich der Mac wirklich zerschossen haben, dann gute Nacht.

Greta seufzte schwer und ging in Richtung Küche. »Mach einfach, dass mein Solarium wieder geht.«

»Pff.« Fred hatte andere Probleme. Auf dem Handy wollte er Google aufrufen, um nachzusehen, welche Schäden es verursachen konnte, wenn das Installieren eines neuen Systems mittendrin abgebrochen wurde. Aber Google ließ sich nicht öffnen. Auch keine der anderen Apps funktionierte. Er ging zur Haustür und öffnete sie, sah nach draußen, wo alles dunkel war. Die Fenster der Häuser in der Nachbarschaft. Die Straßenlaternen. Alles aus. Und alles still.

Na, Prost Mahlzeit, dachte Fred.

6

In den Krankenhäusern des Nordens brach in dieser Nacht das Chaos aus. Der Strom fiel während Notoperationen aus, und Notstromaggregate sprangen an. Manche digitalen Geräte gaben den Geist auf, weil sie keine Verbindungen mehr zum Internet hatten. Auf Flugplätzen kam es zu chaotischen Verhältnissen, weil das Radarsystem und andere Systeme nicht mehr funktionierten und die Beleuchtung notdürftig über Notstromaggregate lief. Der Bahnverkehr brach in Abschnitten zusammen, der Schiffsverkehr ebenfalls. Überall geschahen Unfälle, weil die Ampeln nicht mehr funktionierten. In Unternehmen kamen die Nachtschichten zum Erliegen. Und niemand konnte telefonieren, zumindest für eine gewisse Zeit nicht. Das änderte sich erst ungefähr eine Viertelstunde später, als allerorten Notfallsysteme griffen und hochgefahren waren.

Tjark verstand das, als sein Telefon mit einem Mal klingelte. Er hatte den BMW an den Straßenrand gefahren und Verletzten geholfen, zwei Personen notdürftig mit der Hilfe eines Erste-Hilfe-Koffers verbunden und stand jetzt auf dem Bürgersteig vor einem Nagelstudio und rauchte eine Zigarette.