Düsterer Ruhm - Brent Weeks - E-Book

Düsterer Ruhm E-Book

Brent Weeks

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Beschreibung

Wahnsinnige Magier, grausame Mörder, machtgierige Adelige – und niemand kann sie aufhalten

Gavin Guile, der ehemalige Lord Prisma, sitzt in einem Kerker, in dem Albträume wahr werden – und den er selbst geschaffen hat. Sein Sohn Kip, der alles tun würde, um seinen Vater zu befreien, weiß nicht einmal, dass Gavin noch lebt. Stattdessen bricht Kip mit seinen Gefährten auf, um dem schrecklichen Farbprinzen gegenüberzutreten. In diesem Kampf wird sich herausstellen, ob Kip wirklich der prophezeite Lichtbringer ist. Doch ist der Farbprinz der wahre Feind? Denn der Orden des gebrochenen Auges bringt sich bereits in Stellung, um die Macht im Reich an sich zu reißen.

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Buch

Gavin Guile, der ehemalige Lord Prisma, sitzt in einem Kerker, in dem Albträume wahr werden – und den er selbst geschaffen hat. Sein Sohn Kip, der alles tun würde, um seinen Vater zu befreien, weiß nicht einmal, dass Gavin noch lebt. Stattdessen bricht Kip mit seinen Gefährten auf, um dem schreck­lichen Farbprinzen gegenüberzutreten. In diesem Kampf wird sich herausstellen, ob Kip wirklich der prophezeite Lichtbringer ist. Doch ist der Farbprinz der wahre Feind? Denn der Orden des Gebrochenen Auges bringt sich bereits in Stellung, um die Macht im Reich an sich zu reißen.

Autor

Brent Weeks betrachtete das Schreiben fantastischer Geschichten schon immer als seine Berufung, inzwischen ist es auch sein Beruf geworden. Brent Weeks lebt mit seiner Frau in Oregon.

Brent Weeks

Düsterer Ruhm

Roman

Deutsch von Michaela Link

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.
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Die Originalausgabe erschien 2016 unter dem Titel»The Blood Mirror (04 The Lightbringer)«bei Orbit, Hachette Book Group USA, Inc., New York.
bei Blanvalet, einem Unternehmen der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, München. Copyright © der Originalausgabe 2016 by Brent Weeks Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen. Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2017 by Blanvalet/Limes/Penhaligon in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München Umschlaggestaltung: Isabelle Hirtz, Inkcraft unter Verwendung einer Illustration von Larry Rostant Kartenillustration: Chad Roberts Design Redaktion: Alexander Groß HK · Herstellung: sam Satz: Vornehm Mediengestaltung GmbH, München ISBN 978-3-641-18947-1V005
www.blanvalet.de

Für Kristi, deren »Nein.« – »Nicht … nein.« – »Ja!«mich alles gelehrt hat, was ich über die Liebe und das Veröffent­lichen von Büchern habe wissen müssen.

Und für meine Schwestern Christa und Elisa, das erste (und überaus dankbare) Publikum meiner Geschichten.

Karte: Sieben Satrapien

Kurze Zusammenfassung der bisherigen »Licht-Saga«-Reihe

Im Reich der Sieben Satrapien wird eine kleine Anzahl von Menschen mit der Fähigkeit geboren zu lernen, Licht in ein stofflich-materielles Erzeugnis namens Luxin zu verwandeln. Das Luxin jeder Farbe hat jeweils spezielle physische und metaphysische Eigenschaften und dient ungezählten Verwendungszwecken, vom Gebäudebau bis zur Kriegskunst. Ausgebildet werden diese sogenannten Wandler in der Chromeria, der Hauptstadt des Reiches, wo sie ein privilegiertes Leben führen, während sowohl die Satrapien als auch die mächtigen Familien um ihre Dienste rivalisieren. Als Gegenleistung für ihre Privilegien gehen sie eine Verpflichtung ein: Sobald sich ihre Fähigkeit, gefahrlos von Magie Gebrauch machen zu können, erschöpft hat – erkennbar daran, dass die Halos ihrer Iris durch die Farben, die sie wandeln, durchbrochen werden –, lassen sie sich im Zuge einer am heiligsten Tag des Jahres, dem Sonnentag, vollzogenen Zeremonie vom Prisma, dem Herrscher des Landes, rituell töten. Die Wandler, die den Halo durchbrochen haben, sogenannte Wichte, verfallen dem Wahnsinn – schuld daran ist das durch ihren Körper zirkulierende Luxin. Ergreifen sie die Flucht, statt sich in ihr Schicksal zu ergeben, müssen sie gejagt und getötet werden. Nur das Prisma verfügt über eine unbegrenzte Fähigkeit zu wandeln, und nur er oder sie allein kann all die Farben in den Satrapien in ein ausbalanciertes Gleichgewicht bringen, um zu verhindern, dass das chaotisch gewordene Luxin die Länder überflutet und verwüstet. Alle sieben Jahre – es kann sich auch um ein Mehrfaches von sieben Jahren handeln – gibt das Prisma ebenfalls sein oder ihr Leben hin, und der regierende Rat ernennt ein neues Prisma. Weigert sich das Prisma zu sterben, wird er oder sie ebenfalls zur Strecke gebracht.

Das gegenwärtige Prisma ist Gavin Guile.

Buch 1: Schwarzes Prisma

Prisma Gavin Guile erfährt, dass er einen unehe­lichen Sohn hat, der in einer Satrapie lebt, der zum zweiten Mal innerhalb von fünfzehn Jahren ein Bürgerkrieg droht. Aber Gavin ist in Wirklichkeit Dazen Guile, der sich nur als Gavin ausgibt; nach der Schlacht, die den letzten Krieg beendet und seinen Bruder das Leben gekostet hat, hat er Gavins Identität geraubt. Jetzt muss er die Verantwortung für den Bastard seines Bruders übernehmen. Zusammen mit Karris, seiner ehemaligen Verlobten und jetzt ein Mitglied seiner Elitetruppe, der Schwarzen Garde, reist Gavin nach Tyrea. Sie finden seinen Sohn Kip gerade rechtzeitig, um ihn vor einem rebellischen Satrapen zu retten, der sich selbst König Garadul nennt. Der König lässt sie ziehen, nimmt Kip aber sein Messer ab – das Einzige, was ihm seine verstorbene Mutter hinterlassen hat. Während Gavin mit Kip in die Chromeria zurückkehrt, damit dieser seine magische Ausbildung beginnen kann, bleibt Karris in Tyrea, um sich heimlich mit einem Spion in der Armee des Königs zu treffen.

Karris wird von den Soldaten des Königs gefangen genommen, und sie findet heraus, dass König Garaduls rechte Hand, ein Wicht, der sich selbst der Farbprinz nennt, die eigent­liche treibende Kraft hinter der Rebellion ist. Und er ist ihr seit langem totgeglaubter Bruder.

Kip besteht den Aufnahmetest für die Wandlerschule in der Chromeria und trifft eine Freundin aus seiner Heimatstadt, Liv Danavis, die Tochter eines von Dazens bedeutendsten Generälen. Derweil ist Gavin damit beschäftigt, Wichte zu töten und eine politische Lösung für den Krieg zu finden. Aber darüber hinaus muss er sich auch um den Mann kümmern, den er im Geheimen tief unter der Chromeria eingekerkert hat: seinen Bruder. Andross, Gavins Vater, beauftragt ihn, nach Tyrea zurückzukehren, um zu verhindern, dass aus der Rebellion ein Krieg wird, der das ganze Reich erschüttert. Außerdem soll er ebenjenes Messer zurückholen, das Gavin bei der Rettung Kips dem König überlassen hat.

Als Gavin, Kip und Liv in Garriston ankommen, Tyreas Hauptstadt, begegnen sie Livs Vater, dem ehemaligen General Corvan Danavis. Sie erkennen, dass die Stadt so nicht zu verteidigen ist, daher beginnt Gavin eine Mauer um die Stadt zu wandeln. Gavin hat sein Werk fast vollendet, als eine Kanonenkugel das Tor zerstört, das er gerade gewandelt hat. Gavins Streitkräfte schützen den Rückzug von Garristons Bürgern, die versuchen, mithilfe von Barkassen zu entkommen. Kip erfährt, wo sich Karris befindet, und beschließt, sie zu retten. Liv folgt ihm, aber sie werden getrennt, als die Truppen des Farbprinzen Kip gefangen nehmen.

Kip wird zusammen mit Karris eingekerkert, aber im Durcheinander der Schlacht gelingt es ihnen, sich der Armee anzuschließen, die auf die Stadt zumarschiert. Kip tötet König Garadul, und Liv rettet sowohl Kip als auch Karris, indem sie sich bereiterklärt, sich dem Farbprinzen anzuschließen, wenn er im Gegenzug seine besondere Begabung als Scharfschütze dazu einsetzt, den Tod der beiden in der Schlacht zu verhindern.

Kip eilt einer weiteren Bedrohung entgegen: Er weiß, dass Zymun, ein junger Polychromat, den Auftrag bekommen hat, Gavin zu ermorden. Das Attentat selbst kann er nicht verhindern, aber dank Kips Eingreifen überlebt Gavin. Kip nimmt den Dolch an sich, mit dem Zymun den Mordversuch begangen hat, und stellt fest, dass es sich um ebenjene Klinge handelt, die seine Mutter ihm zuvor gegeben hat. Gavin, Kip und Karris entkommen zusammen mit einem großen Teil der Zivilbevölkerung auf Barkassen aus der Stadt. In diesem Moment ahnt Gavin nicht, dass sein Bruder daheim in der Chromeria aus der ersten seiner vielen Gefängniskammern entkommen ist.

Buch 2: Die blendende Klinge

Gavin verhandelt mit dem Dritten Auge, einer mächtigen Seherin, um den Flüchtlingen aus Garriston auf der Insel der Seherin ein neues Zuhause zu beschaffen. Karris und Gavin legen einen Hafen für die Flüchtlingsflotte an, und Gavin jagt den blauen Gottesbann, ein Gräuel, das sich in der Azurblauen See bildet. Wenn es ihm nicht gelingt, den Gottesbann zu zerstören, wird ein vorzeit­licher Gott wiedergeboren.

Kip kehrt in die Chromeria zurück, um die Aufnahmeprüfung in die Schwarze Garde abzulegen. Er freundet sich mit einigen seiner Mitkandidaten für die Schwarze Garde an, darunter Teia, eine farbenblinde Paryl-Wandlerin. Sie ist eine Sklavin, und ihre Besitzerin zwingt sie, wertvolle Gegenstände zu stehlen und Kip auszuspionieren. So hart die Schwarzgardistenausbildung auch ist – das neue Interesse, das sein Großvater inzwischen an Kip entwickelt hat, ist schlimmer. Andross verlangt von Kip, mit ihm ein Kartenspiel um hohe Einsätze zu spielen: Neun Könige.

Rea Siluz, eine Bibliothekarin, macht Kip mit Janus Borig bekannt, einer Künstlerin, die »echte« Neun-Könige-Karten erschafft; Karten, die es Wandlern erlauben, die Geschichte so, wie sie wirklich geschehen ist, hautnah zu erleben. Aber es dauert nicht lange, bis Kip Janus sterbend vorfindet, tödlich verletzt von zwei Meuchelmördern. Es gelingt Kip, beide umzubringen, ihre magischen Schimmermäntel an sich zu nehmen und Janus’ Deck von echten Neun-Könige-Karten zu retten. Kip bedient sich eines weiteren neuen Decks, das Janus angefertigt hat, um Andross beim Spiel zu besiegen und dadurch Teias Besitzvertrag zu gewinnen. Kip händigt das Messer seiner Mutter, die Schimmermäntel und die Karten seinem Vater aus, der soeben mit Karris zurückgekehrt ist. Gavin hat den blauen Gottesbann zerstört und die Flüchtlinge umgesiedelt, und so ist er jetzt bereit, das Spektrum (den regierenden Rat der Chromeria) durch geschickte Manipulation dazu zu bringen, die Seherinsel zu einer neuen Satrapie zu erklären und Corvan Danavis zu ihrem neuen Satrapen zu ernennen.

Karris bekommt einen Brief überreicht, der von Gavins verstorbener Mutter stammt, und erfährt, dass Gavin sie die ganze Zeit über geliebt hat. Er hat einst ihr Verlöbnis gelöst, damit Karris keinen Mann zu heiraten brauchte, den sie womöglich nicht liebte. Noch am gleichen Abend begibt sich Karris zu Gavin, aber er liegt bereits mit einer anderen Frau im Bett – einem Mädchen, das er gar nicht zu sich eingeladen hat. Erzürnt darüber, Karris abermals zu verlieren, wirft Gavin die Frau auf seinen Balkon hinaus. Sie fällt über das Geländer und stürzt in den Tod.

Davon überzeugt, dass man ihn wegen Mordes verhaften wird, beschließt Gavin, dass er seinen Bruder befreien muss, damit der seinen Platz als Prisma einnehmen kann. Aber Gavin begreift, dass sein so lange eingekerkerter Bruder wahnsinnig geworden ist, daher tötet er ihn. Gavin kehrt aus dem Gefängnis zurück, um festzustellen, dass das Spektrum den Krieg erklärt hat und dass seine beiden Schwarzgardisten, die einzigen Zeugen des töd­lichen Sturzes, geschworen haben, Gavin habe in Notwehr gehandelt, sodass er weiterhin in Freiheit das Prisma bleiben kann.

Während die auszubildenden zukünftigen Schwarzgardisten ihre Ausscheidungskämpfe fortsetzen, gelingt es Kip beinahe, in die Reihen der Schwarzen Garde aufzurücken – er fällt jedoch im letzten Augenblick durch, weil einige seiner Mitstreiter schummeln. Aber sein Freund Kruxer nutzt ein Schlupfloch, um Kip dennoch ein Bestehen der Prüfung zu ermög­lichen.

Gavin und Karris versöhnen sich und heiraten, um direkt danach in den Krieg gegen den Farbprinzen zu ziehen. Zusammen mit den neuen Rekruten der Schwarzen Garde und den Truppen der Chromeria müssen sie einen grünen Gottesbann zerstören, der eine neue Gottheit gebiert, Atirat. Liv befindet sich noch immer bei der Armee des Farbprinzen und benutzt ihre Ultraviolett­fähigkeiten, um bei der Erschaffung Atirats zu helfen.

Kip, Gavin und Karris töten die Göttin, verlieren jedoch die Stadt Ru und die dazugehörige Satrapie an die Armee des Farbprinzen.

Nach der Schlacht wird Kip bewusst, dass Andross in Wirklichkeit ein Rotwicht ist. Während er Andross zur Rede stellt, zieht Kip das Messer, das er von seiner Mutter erhalten hat, und rammt es Andross in die Schulter. Gavin versucht, die beiden aufzuhalten, kann Kips Messer aber nur in seinen eigenen Körper umleiten. Er geht über Bord, und Kip springt ihm nach. Das Schiff segelt weiter, und nur Andross weiß, was wirklich passiert ist. Gavin wird von einem Mann namens Kanonier aufgelesen, der auf einem Schiff, das Gavin und seine Kämpfer einige Zeit zuvor zerstört haben, als Kanonier wahre Meisterleistungen vollbracht hat. Kip wird von Zymun gerettet, der ihm mitteilt, dass er, Zymun, in Wirklichkeit Gavins und Karris’ lange verschollener unehe­licher Sohn ist. Als Gavin erwacht, stellt er fest, dass er vollkommen farbenblind ist … und Rudersklave auf einem Schiff.

Bücher 3 und 4: Sphären der Macht/Schattenblender

Kip gelingt es, aus Zymuns Gefangenschaft zu fliehen. Wochen später erreicht er die Chromeria, nachdem er den Dschungel, nagenden Hunger und Schlimmeres überlebt hat.

Weil sie das Prisma geheiratet hat, wird Karris gleich nach ihrer Rückkehr in die Chromeria ihr Rang in der Schwarzen Garde entzogen; stattdessen erhält sie den Auftrag, das Spionagenetzwerk der Weißen (des Oberhaupts der Chromeria) zu übernehmen. In der Zwischenzeit wird offenbar, dass Andross Guile auf wundersame Weise geheilt wurde und kein Rotwicht mehr ist. Da Gavin Guile nicht wieder zurückgekehrt und der Krieg mitten im Gange ist, wählt das Spektrum ihn eilig zum Promachos – dem obersten Kriegsherrn der Chromeria.

Teia wird von Mörder Spitz angeworben, einem geschickten Paryl-Meuchelmörder vom Orden des Gebrochenen Auges. Als der Orden ihr zuerst ihre Sklavenpapiere stiehlt und ihr dann noch einen Mord in die Schuhe schiebt, sieht sich Teia außerstande, sich Spitz’ Komplott zu erwehren, und ergibt sich in ihre Situation. Sie bemüht sich, ihre Ausbildung als Rekrutin der Schwarzen Garde mit den Aufträgen des Ordens zu vereinbaren, aber irgendwann beichtet sie alles Eisenfaust, dem Hauptmann der Schwarzen Garde, und der Weißen. Die beiden beauftragen sie, den Orden im Auftrag der Chromeria auszuspionieren, und Karris wird zu ihrer Kontaktfrau bestimmt. Während Teia den Prozess ihrer Aufnahme in den Orden fortsetzt, entdeckt sie, dass sie eine Lichtspalterin ist, ein seltener Wandlertypus, der Schimmermäntel (wie jene, die Kip sichergestellt hat) dazu verwenden kann, sich selbst weitestgehend unsichtbar zu machen.

Bei seiner Heimkehr informiert Kip das Spektrum und Karris darüber, dass Gavin noch lebt, aber er vermeidet es, Andross mit Gavins Unfall in Verbindung zu bringen, was Kip nun einen mächtigen, aber keineswegs vertrauenswürdigen Verbündeten beschert. Karris erteilt ihm Unterricht im Wandeln, und er wird wieder mit seiner alten Schwarzgardistengruppe vereint, den sogenannten Mächtigen: Kruxer, Ben-hadad, dem großen Leo, Teia, Ferkudi, Winsen, Goss und Daelos. Andross gewährt der Gruppe Zugang zu den nicht öffent­lichen Bibliotheken, damit sie Nachforschungen zu den ketzerischen Neun-Könige-Karten und zur Gestalt des Lichtbringers anstellen können, jenes in den alten Prophezeiungen angekündigten Retters der Satrapien. Dabei hoffen sie auch, Informationen zu finden, mit deren Hilfe sich der Krieg gewinnen ließe. Im Zuge seiner Bibliotheksbesuche freundet sich Kip mit dem schüchternen Quentin Naheed an, einem Luxiaten mit einer außerordent­lichen Begabung als Gelehrter.

Gavin, der nun außerstande ist, überhaupt irgendeine Farbe zu wandeln, verbringt Monate als Galeerensklave auf dem Piratenschiff von Kanonier, wo er neben einem wahnsinnigen Propheten rudert, der den respektlosen Spitznamen Orholam trägt – den Namen der Gottheit, der Gavin dient. Im Tumult einer Seeschlacht mit einem Schiff, das sie zu entern versuchen, springt Antonius Malargos, ein junger ruthgarischer Edelmann, an Bord ihres Schiffes und erbietet sich, die versklavten Ruderer zu befreien, wenn sie ihm ihrerseits helfen, sein Schiff zu befreien. Sie haben Erfolg, nehmen Kanonier gefangen und gelangen in den Besitz der Blendenden Klinge. Aber Antonius bringt Gavin nach Ruthgar, wo Antonius’ Cousine Eirene Malargos ihn einkerkert. Dort trifft ihre Verbündete, die Nuqaba von Paria, die nötigen Vorkehrungen, um Gavin öffentlich blenden zu lassen.

Die Mächtigen entdecken, dass alles über die ketzerischen Karten und vieles über den Lichtbringer aus den Aufzeichnungen der Chromeria getilgt worden ist. Kip begreift außerdem, dass die Waffe, mit der jemand zum Prisma gemacht wird – oder durch die man dieses Amt verliert –, genau jenes Messer ist, mit dem Gavin verletzt wurde. Als Kip Karris aufsucht, zerstreiten sie sich wegen eines zur Unzeit gemachten Scherzes. Kurz darauf tritt Tisis Malargos an Kip heran, Eirenes Schwester, die ihm eine Heirat mit ihr vorschlägt, um ihre Familien fest aneinanderzubinden. Später findet Kip die echten Neun-Könige-Karten wieder, die sein Vater versteckt hat. Als er versehentlich in ihrer Nähe wandelt, verliert er das Bewusstsein und betritt die Große Bibliothek, wo er dem Unsterb­lichen Abaddon begegnet. Kip nimmt jede einzelne der Karten in sich auf – mit Ausnahme der Karte des Lichtbringers. Es gelingt ihm, Abaddons Schimmermantel an sich zu bringen; nachdem er so viele Karten gewandelt hat, stirbt er jedoch. Teia allerdings gelingt es, ihn wiederzubeleben. Dann gibt Kip Teia den Mantel, den er Abaddon gestohlen hat. Sie begreift später, dass es sich dabei um den Mustermantel der anderen Mäntel handelt und dass er mächtiger ist als alle anderen Schimmermäntel.

Andross bringt Kip dazu zuzugeben, sowohl Andross’ verlorenes Deck als auch Janus Borigs echte Karten gefunden zu haben, aber Kip lügt und behauptet, diese Karten seien alle leer gewesen. Andross trägt ihm auf, Tisis zu heiraten und als sein Spion nach Ruthgar zu gehen, während Zymun (der gerade in die Chromeria gekommen ist und bekannt gegeben hat, dass er Karris’ und Gavins lange verschollener Sohn ist) sieben Jahre lang als Prisma dienen soll.

Karris erfährt gerade rechtzeitig, wo sich Gavin befindet, um eine kleine Truppe um sich zu versammeln und ihn zu retten – wenn auch nicht rechtzeitig genug, um ihn davor bewahren zu können, auf einem Auge geblendet zu werden. Nach ihrer gemeinsamen Rückkehr auf die Jasperinseln, wo sich die Chromeria befindet, übergibt Karris Gavin zur Genesung in ärzt­liche Behandlung und findet sich selbst plötzlich bei der Zeremonie zur Wahl der oder des neuen Weißen wieder – da die bisherige Weiße soeben gestorben ist. Überraschenderweise ist sie selbst eine der Kandidaten.

Kip und Tisis kommen überein, zu heiraten und aus der Chromeria zu fliehen, und die Mächtigen bestehen darauf, sie zu begleiten. Als Zymun der neu ins Leben gerufenen Lichtgarde befiehlt, sie zu töten, kämpfen sie sich den Weg frei. Auch wenn Goss umgebracht und Daelos verwundet wird, gelingt es den übrigen Mächtigen zu entkommen, und sie treffen sich mit Tisis am Hafen. Zitterfaust, Eisenfausts Bruder, sichert ihre Flucht, er wird aber bei der Explosion getötet, die er auslöst, um zu verhindern, dass die Lichtgardisten Kip und seine Gruppe verfolgen. Kip und Tisis heiraten, bevor sie an Bord des Schiffes gehen, und Teia beschließt, in der Chromeria zu bleiben. Sie glaubt, den Kriegsanstrengungen besser dienen zu können, indem sie gegen den Orden kämpft, als wenn sie an Kips Seite ist.

Obwohl bei der Wahl der Weißen der Zufall regieren soll, merkt Karris, dass der Prozess manipuliert werden soll, und es gelingt ihr, den Schwindel zu verhindern. Sie tötet zwei der anderen Kandidaten, die ihrerseits sie ermorden wollten, und wird zur neuen Weißen erklärt.

Bevor Eisenfaust seinen sterbenden Bruder findet, trifft er sich heimlich mit seinem Onkel: dem hinterhältigen Grinwoody, der, sozusagen vor aller Augen versteckt, als der Sklave von Andross Guile außerdem der Alte Mann aus der Wüste ist, das Oberhaupt des Gebrochenen Auges. Auch Eisenfaust ist seit Jahren Mitglied des Ordens. Er übergibt Grinwoody den schwarzen Saatkristall, zu dem nur die Weiße und der Hauptmann der Schwarzen Garde Zugang haben.

Unterdessen hat Liv Danavis auf Befehl des Farbprinzen Jagd auf den ultravioletten Saatkristall gemacht. Aber obwohl der Farbprinz sie dazu zu zwingen versucht, ein Halsband aus schwarzem Luxin zu tragen, um sie auf diese Weise unter seiner Kontrolle zu halten, durchkreuzt sie sein Vorhaben und bemächtigt sich des Saatkristalls, um ihn für sich allein zu nutzen.

Gavin wird aus der Fürsorge seiner Ärzte auf Großjasper entführt und erwacht in einer Gefängniszelle.

In regione caecorum rex est luscus.

Im Land der Blinden ist der Einäugige König.

Erasmus von Rotterdam

1

Wie ein Haussklave, der Dreck zu einem Haufen zusammenkehrt, hatte Orholam all die Gräuel und Sünden der Erde aufgetürmt. Ein Kinderlied vor sich hin pfeifend, trug er barbarische Schandtaten, Grausamkeiten und Frevel zusammen, während Gavin in der Mitte all dessen auf dem Rücken lag. Er hatte die Arme ausgebreitet, warf sich hin und her und stemmte sich gegen seine Fesseln. Seine Kehrschaufel bis zum Überquellen mit giftigen Sünden gefüllt, zäh wie Pech, drehte sich Orholam zum ersten Mal zu Gavin um.

Als er sich umwandte, war sein Gesicht blendend hell und un­­kenntlich, ein Höllenabgrund aus rasiermesserscharfem Licht, aber der Bart um seine Mundwinkel zuckte mit der Häme eines Folterknechts.

»Servient omnes«, sagte Orholam. Alle sollen dienen.

Er stellte seine Kehrschaufel über Gavins Gesicht senkrecht. Gavin schrie, aber seine Worte wurden von ihm weggerissen wie Seide von der unsichtbaren Spule irgendwo in den Eingeweiden einer Spinne, wickelten sich ab, bis irgendetwas in ihm zerriss, ihn leer und im Inneren zerstört zurückließ. Er versuchte, sich umzudrehen, sich zu winden, wegzuschauen, aber seine Augen wurden von irgendetwas mit Gewalt offen gehalten. Es gab kein Entrinnen vor dem sich herabwölbenden geronnenen Dreck, der nun zäh seinem Auge entgegenquoll.

Die gesamte Masse troff nach unten. Und während sie fiel, fing sie Feuer und brannte in der Luft, zischte, spritzte, fauchte wütend.

Und brennend fielen die Sünden der ganzen Welt in Gavins Auge und setzten seinen Augapfel in Flammen. Das Feuer sank brutzelnd in seine Augenhöhle, ließ Gase entweichen, tssst, wie der Seufzer eines enttäuschten Vaters über seinen Versager von Sohn.

Und das Feuer machte es sich in seinem Auge wohnlich und brannte, und Gavin schrie ganze Ewigkeiten lang, länger als zählbar, bis seine Kehle wund und die Zunge trocken war, bis Wüsten ihren öden Sand in den Schnee wehten und seine schrillen Schreie nur noch immer schwächer werdende Versuche waren. Bis seine Haut hart wurde und aufriss und der brennende Splitter in seinem Auge ihn aufspießte, ihn an die Welt nagelte, nun abgekühlt – eine Linderung, die aber nur die geringere Temperatur betraf, nicht jedoch eine etwaige Verringerung des Schmerzes. Und der Splitter wurde zu festem Kristall, und der Rauch verzog sich, und der Pfahl, der sich in Gavins blindes Auge gebohrt hatte, war ein schwarzes Prisma.

Keuchend erwachte Gavin aus seinem Traum und fand sich in völliger Dunkelheit wieder. Aber seine Arme rissen mit aller Gewalt an eisernen Ketten.

Er war an einen Tisch gefesselt, die Arme ausgestreckt. Der Albtraum war nicht vorüber.

Der Albtraum hatte gerade erst begonnen.

2

Teia ließ die seidene Schlinge hinunter – ihrem eigenen Verdammungsurteil entgegen. Seil fädelte sich von vorsichtigen Fingern und glitt hinab zu der beklommen wirkenden Frau, die geräuschlos an dem Schreibtisch unten arbeitete. Teias Zielperson war vielleicht dreißig und trug ein Sklavinnenkleid. Ihr kupferfarbenes Haar war zu einem schlichten Pferdeschwanz gebunden. Teia beobachtete, wie die Frau einen Bogen jenes luxingetränkten Blitzpapiers faltete, das all ihre Spione benutzten. Sie hielt kurz in ihrem Tun inne und nahm einen Schluck teuren Whiskys.

Schau nicht herauf! Bitte, schau nicht herauf.

Die Frau war die Kammersklavin von Prisma Gavin Guile. Sie war die geheime Oberspionin der Weißen. Sie war Teias ehemalige Vorgesetzte und ihre Mentorin. Marissia stellte ihren Whisky beiseite, und während sie das Blatt versiegelte, sagte sie: »Orholam, vergib mir.«

Teia trug den Schimmermantel, den Mörder Spitz ihr gegeben hatte, aber weil sie sich an die Eisenkonstruktion an der Decke klammerte, hing er von ihrem Körper weg und verbarg die baumelnde Schlinge nicht im Mindesten.

Aber Marissia schaute nicht auf. Sie legte das Papier weg und zog einen weiteren dünnen Bogen hervor.

Als ihre Mentorin sich wieder nach vorn beugte, legte Teia die Schlinge geschickt über Marissias Kopf, dann ließ sie sich mit dem Seil in der Hand von der Decke fallen. Das über einen Balken an der Decke gelegte Seil spannte sich, sodass sich die Schlinge fest um Marissias Kehle zuzog und sie auf die Beine hochgezerrt wurde. Die ruckartige Bewegung schleuderte ihren Stuhl gerade in dem Moment nach hinten, als Teia, das andere Seilende in der Hand, baumelnd von oben auf Marissia zuschwang. Der fallende Stuhl knallte gegen Teias Schienbeine, dann krachte sie selbst gegen Marissia.

Irgendwie gelang es Teia, das Seil fest in der Hand zu behalten, und sie schrie auch nicht auf. Marissia keuchte erstickt, griff sich an den Hals und versuchte, sich hochzurappeln.

Erstaunlich, wie Schmerz das eigene Denken lähmen kann. Hätte sich Teia nicht gerade die Schienbeine ruiniert, hätte es ein Dutzend Dinge gegeben, die sie jetzt zu tun wüsste. Stattdessen klammerte sie sich dummerweise nur an das Seil und keuchte auf. Während ihr Tränen aus den Augen schossen, stand sie Auge in Auge mit ihrer alten Vorgesetzten.

Als Marissia wieder festen Stand gefunden hatte, erkannte Teia das Problem: Sie war nicht so schwer wie Marissia. Marissia bemerkte es ebenfalls. Sosehr sie auch würgte, sie packte das Seil über ihrem Kopf und zog es mit aller Kraft herunter.

In Teias Augenwinkel schimmerte etwas auf, und Mörder Spitz wurde sichtbar, als er mit schnellen Schritten über den Teppich ging. Er grub eine Faust in Marissias Magen.

Marissias ersticktes Husten blies Spucke über Teias Gesicht. Die Sklavin erschlaffte. Mit schnellen Bewegungen nahm Spitz Teia die Schlinge ab, warf Marissia einen Sack über den Kopf und fesselte ihre Hände so hinter ihrem Rücken, dass jede Bewegung, die sie machte, um sich zu befreien, die Schlinge um ihren Hals nur noch straffer zuziehen würde.

Meister Spitz war ein echtes Talent im Umgang mit Knoten.

Er zwang Marissia auf die Knie und überprüfte noch einmal, ob sie auch atmen konnte – Marissia hatte jeden Kampfgeist verloren.

»Nicht gut«, sagte Meister Spitz und drehte sich wieder zu Teia um.

Er war ein hagerer Mann mit markanten Zügen, orangerotem Haar und einem kurzen Bart in einem tiefen Feuerrot. Doch das Bemerkenswerteste an seinem Äußeren waren seine Zähne und sein allzu breites und allzu häufiges Lächeln, das er jetzt freudlos und aus reiner Gewohnheit präsentierte. Für gewöhnlich waren die Zähne, die er bei diesem Lächeln enthüllte, viel zu weiß und zu perfekt. Bei den meisten seiner Mordzüge trug er ein künst­liches Gebiss aus Raubtierzähnen. Heute jedoch hatte er – vielleicht weil sein Auftrag nicht darin bestand, jemanden zu töten – ein Gebiss aus Biberzähnen gewählt: ein ganzer verstörender Mund, gefüllt mit großen, breiten, dicken Schneidezähnen. Sie passten kaum zwischen seine Lippen.

»Nein, gar nicht gut. Aber du hast sie immerhin daran hindern können, irgendwelche der Papiere zu vernichten«, fuhr er fort, »also lasse ich es dir durchgehen.«

»Ihr seid die ganze Zeit über hier gewesen?«, fragte Teia. Sie hob den Stuhl auf und stellte ihn wieder hin, um sich einen Moment Zeit zu verschaffen, in dem sie das Monstrum, das jetzt ihr Herr und Meister war, nicht anzusehen brauchte. Sie massierte sich die schmerzenden Schienbeine. Gütiger Orholam, beim Anblick dieser Biberzähne bekam sie eine Gänsehaut.

»Die Sache hier ist für mich zu wichtig, um sie mir vermasseln zu lassen. Sie war eine Art Sekretärin des Prismas. Wer weiß, wozu sie überall Zugang hat?«

Sekretärin? Also wusste der Orden nicht, was Marissia wirklich war. Aber warum entführte er sie dann?

Und warum überhaupt eine Entführung? Teia hatte geglaubt, dass der Orden nur tötete.

Nicht dass er Marissia nicht später wohl ebenfalls ermorden würde.

Mörder Spitz reichte Teia die Schlinge und trat ans Fenster, um über die Inseln hinauszuschauen. Selbst von ihrem Platz aus konnte Teia eine dicke Wolke aus schwarzem Rauch sehen, der sich grüßend zur Morgensonne erhob.

Einige Stunden zuvor am gleichen Morgen hatte ihr Ausbilder Zitterfaust das unter dem Kanonenturm gelagerte Schwarzpulver in die Luft gesprengt, damit Kip und die übrigen Mächtigen übers Meer entkommen konnten. Er hatte dafür wahrscheinlich sein Leben geopfert. Der Gruppe war die Flucht gelungen, während Teia sich dafür entschieden hatte hierzubleiben. Und jetzt machte sie das hier.

Sie war eine Närrin.

»Wir haben Glück«, bemerkte Spitz. »Die wenigen Schwarzgardisten, die sich nicht bereits auf der Parade befanden, haben ihre Posten verlassen, um zu diesem Turm hinunterzugehen. Trotzdem haben wir keine Zeit zu verlieren. Behalte sie im Auge. Brich ihr das Genick, falls sie schreit.«

Beim letzten Satz schüttelte er den Kopf. Das hatte er nur für Marissia gesagt. Er ballte eine Faust und machte eine Bewegung, als schlüge er ihr in den Magen. Wenn sie schreit, versetze ihr einen solchen Hieb, dass ihr die Luft wegbleibt, wollte er damit sagen.

Warum er sie nicht einfach geknebelt hatte, wusste Teia nicht, aber sie fragte auch nicht. Sie hatte gelernt, den launischen Meuchelmörder nicht zu bedrängen. Manchmal verfolgte er verborgene, tiefere Pläne. Manchmal vergaß er auch, an das Offensicht­liche zu denken. Aber er mochte es nicht, wenn man ihm Fragen stellte, und es hatte keinerlei Vorteile für Teia, allzu schlau zu erscheinen.

Spitz raffte alle Papiere auf dem Tisch zusammen und stopfte sie in einen Sack. Er öffnete Schubladen und schnappte sich jedes beschriebene Papier, blätterte mit dem Daumen alle leeren Bogen durch, um sich davon zu überzeugen, dass dort nichts vor ihm versteckt blieb.

Dann verschwand er, um den übrigen Raum zu durchsuchen.

Ruckartig und leise zog Marissia zweimal an dem Seil in Teias Hand.

»Scht«, machte Teia.

Marissia wartete einige Sekunden und zog wieder am Seil. Sie wollte etwas sagen.

Was sollte Teia ihr antworten? Sie hatte Marissia nur über ihre Arbeit gekannt, aber sie hatte sich der Frau verbunden gefühlt und einen tiefen Respekt vor ihr empfunden. Sie waren beide Sklavinnen gewesen. Beide waren sie Spioninnen, und Marissia war so hoch aufgestiegen, wie das eine Sklavin oder Spionin nur vermochte.

Marissia hatte Teia gegenüber einmal bemerkt, dass der Orden Teia irgendwann dazu zwingen werde, etwas Schreck­liches zu tun. »Lass das dann auf meine Kappe gehen«, hatte sie gesagt.

Aber sie hätte unmöglich vermuten können, dass dieses Schreck­liche ihre eigene Entführung und wahrschein­liche Ermordung sein würde.

Ein weiteres Ziehen. Meister Spitz hatte sich in das Sklavenkämmerchen neben dem Hauptraum geduckt, war außer Hörweite und außer Sicht. »Er ist weg. Nur für einen Moment«, flüsterte Teia.

»Dritte Schublade links«, wisperte Marissia. »Ungefähr in der Mitte. Du musst fest nach oben drücken. Schnell!«

Meister Spitz hatte die Schublade offen gelassen, und so brauchte Teia nur einen Schritt zu machen und sich dann zu bücken. Die Oberfläche über der Schublade fühlte sich flach an, aber als Teia fest darauf drückte, spürte sie, wie etwas zurückschnappte. Der leicht kreidige Duft von zerbrochenem blauem Luxin stieg auf, und ein winziger Teil des Holzes klappte weg. Ein gefaltetes Stück Pergament fiel in Teias Hand.

Teia kehrte an ihren Platz zurück und verstaute das Pergament in einer Tasche. »Ich habe es«, flüsterte sie.

»Zieh, wenn du willst, dass ich …«

Meister Spitz kehrte zurück. »Was sagt sie?«

»Ähm? Was?« Einen schreck­lichen Moment lang setzte Teias Bewusstsein aus. »Ach, sie hat versucht, mich zu bestechen.« Teia sagte es in gelangweiltem Tonfall.

Meister Spitz starrte sie durchdringend an und fuhr mit seiner monströs langen rosigen Zunge über diese gräss­lichen breiten Zähne. »Ich habe mich auch bestechen lassen …« Er schmatzte mit den Lippen. »Einmal. Ich hatte natürlich nicht vor, den Mann gehen zu lassen, und so habe ich ihn getötet, sobald ich das Geld von ihm hatte.« Spitz stopfte ein Bündel Dokumente, die von roten oder auch grünen Bändern zusammengehalten wurden, in seinen Sack. Teia war farbenblind, daher konnte sie nur erkennen, dass es entweder die eine oder die andere Farbe war. »Gar nichts passiert, klar? Der Alte Mann … war da anderer Meinung. Entschieden anderer Meinung.«

Er lächelte viel zu breit. Da war etwas an diesen Zähnen, was bei Teia ein noch flaueres Gefühl in der Magengrube hervorrief, als es bei einem Gebiss aus lauter Wolfszähnen der Fall gewesen wäre.

»Wie viel hat sie dir angeboten?«, hakte er nach.

Teia erstarrte. Das sah ganz nach einer Fangfrage aus. Marissia, die Kammersklavin des Prismas, könnte vielleicht ein kleines Vermögen gehortet haben. Marissia, die Spionin, hätte sehr viel mehr angespart; würde sie jetzt, wo ihr Leben auf dem Spiel stand, nicht eine große Bestechungssumme bieten? Aber vielleicht auch nicht zu groß, eine Oberspionin wäre klug genug, um erst einmal klein anzufangen, um dann …

Zu lange, T., du darfst nicht zu lange brauchen!

Teia sagte: »Sie hat keine Zahlen genannt. Und ich habe ohnehin nicht richtig zugehört. Mir geht es hier nicht um Geld.« Wechsle das Thema, wechsle das Thema.

»Worum geht es dir denn dann?«, wollte Meister Spitz wissen.

»Müssen wir dieses Gespräch wirklich vor ihr führen?«, erwiderte Teia. »Gerade jetzt? Ihr habt doch gemeint, wir müssten …«

»Wir brauchen uns um sie keine Sorgen zu machen.« Seine Stimme wurde gefährlich leise. »Und stell nicht in Frage, was ich sage.«

Gütiger Orholam erbarme dich. Das machte alles klar: Wenn man im Orden des Gebrochenen Auges war, gab es nur einen einzigen Grund, sich keine Sorgen machen zu müssen, wenn jemand Ordensgeheimnisse erfuhr: Marissia würde sterben. Teia antwortete: »Ich bin hier, um Rache zu nehmen.«

»Rache? An wem?«

Teia neigte den Kopf zur Seite, als sei das eine seltsame Frage. »An ihnen allen.«

Er grinste, und diesmal war es echt. »Du wirst jede Menge Rache nehmen können. Und irgendwann wirst du den Purpurnen Pfad beschreiten.« Die aufrichtige Freundlichkeit seiner Worte hätte ihn eigentlich weniger beängstigend machen sollen, aber jedes Gefühl der Beruhigung, das sie vielleicht verspürt hätte, wurde zwischen diesen unmenschlich breiten Zähnen zu Brei zermalmt.

Er ging zu Marissia hinüber, die immer noch auf dem Boden kniete. »Wie viel würdest du uns geben?«

Zitternd erwiderte sie: »So viel Ihr wollt, ich schwöre es. Ich kann mir Zugang zum Konto des Prismas verschaffen, wenn wir uns beeilen. Bitte, Herr, bitte.« Sie verstummte, als hätte sie schreck­liche Angst. Teia krampfte sich der Magen zusammen, weil sie nicht erkennen konnte, was nun wirklich war: Marissias Tapferkeit von vorhin oder ihr jetziges Entsetzen. Vielleicht beides.

»Ich habe meine Meinung geändert«, erklärte Meister Spitz. »Wenn sie schreit, töte sie.« Hatte er vergessen, dass er damit bereits gedroht hatte?

Oder meinte er es diesmal wirklich so?

Marissia brach in sich zusammen und schluchzte leise.

»Hm«, murmelte Spitz. Er stand Teia so nah, dass sein süßer Atem über ihr Gesicht strich. »Wie kommt es, dass mir das nie aufgefallen ist …« Als sei es das Natürlichste auf der Welt, zog er ihre Unterlippe mit dem Finger herunter. »Du hast links unten einen wunderschönen Eckzahn.« Er schob ihre Lippe nach rechts und links und untersuchte ihr Gebiss, als wäre sie eine Stute. »Nein, da ist nur der eine. Die übrigen haben eine schöne Farbe, sind aber langweilig.« Er zuckte die Achseln, roch an seinem Finger und leckte ihren Speichel ab wie ein Koch, der die Suppe kostet. »Schon besser. Du hast dir zu Herzen genommen, was ich dir über Petersilie gesagt habe, nicht wahr? Nimm dazu noch Minze, wenn möglich frische Blätter. Schieb sie dir unter das Zahnfleisch. Nicht kauen, sonst bleiben dir Stückchen zwischen den Zähnen hängen. Kein schöner Anblick.«

Er wandte sich ab, und sie hoffte, dass er ihr Zittern nicht bemerkte.

Dann sagte er: »Ich muss im Zimmer der Weißen etwas überprüfen und für eine Ablenkung sorgen. Halte dich für einen schnellen Aufbruch bereit. Wenn ich nicht in fünf Minuten zurück bin, binde sie los, stürz sie über den Balkon, als hätte sie Selbstmord begangen, und geh auf demselben Weg hinaus, über den wir hereingekommen sind.«

Er warf sich seine Kapuze über den Kopf, fädelte die Schnürbänder rasch durch die Ösen, zog die Maske über Nase und Mund fest und ließ nur die Augen frei, die allerdings tief unter der Kapuze im Schatten lagen. Er drehte sich um und begann zu schimmern.

Auf der Rückseite seines grauen Umhangs erschien das Bild einer Eule mit Federbusch. Sie hatte die Flügel ausgebreitet und die Krallen zum Angriff ausgefahren. Das Bild begann später als der übrige Mantel zu schimmern und verschwand als Letztes.

Die Tür öffnete sich zu einem Flur voller Rauch und Blutlachen, dessen Steinwände von Kratzern und Löchern verunstaltet waren: Spuren von Pfeilen und Kugeln, die der vorausgegangene Kampf der Mächtigen mit den Lichtgardisten hinterlassen hatte. Teia kam es so vor, als sei das inzwischen ein ganzes Leben her. Dann schloss sich die Tür leise wieder.

In einem hohen Bogen ließ Teia sofort eine Welle Paryl-Gas über die Stelle schießen, wo Mörder Spitz gestanden hatte, um sicherzustellen, dass er auch wirklich fort war. Er war es.

»Schnell«, sagte Teia, »was soll ich tun?«

Marissia rappelte sich auf die Knie hoch. »Hat er die Papiere von meinem Schreibtisch genommen?« Aus ihrer belegten Stimme sprach mühsam kontrollierte Angst. »Das Bündel. Alles mit einem roten Band zusammengebunden.«

»Ja.«

Teia hörte den tiefen Seufzer der Verzweiflung, den Marissia in die Kapuze über ihrem Kopf ausstieß. Die Oberspionin fuhr fort: »Teia, du musst an diese Papiere herankommen. Ich sollte sie sicher für Karris aufbewahren.«

»Worum handelt es sich dabei?«

»Es sind die Anweisungen der Weißen für ihre Nachfolgerin. Sie enthalten alles, was Karris zum Herrschen wissen muss. Geheimnisse. Pläne. Namen. In den Papieren befinden sich Dinge, die Karris auf keine andere Weise erfahren kann.«

Teufel, nein. Wie sollte Teia Mörder Spitz Papiere stehlen? »Wir sind nicht wegen der Papiere hierhergeschickt worden, Marissia. Wir sind deinetwegen gekommen. Ich glaube, Spitz hat nur zusammengerafft, was hier herumgelegen hat.«

Marissia sackte in sich zusammen. »An jedem anderen Tag. Zu jeder anderen Stunde – und all diese Papiere wären sicher weggeschlossen gewesen … egal. Keine Zeit.« Sie krümmte sich für einen Moment zusammen. »Er wird ohnehin alles in das Büro des Alten Mannes bringen. Dieses Stück Pergament, das du aus meinem Schreibtisch genommen hast: Es ist ein Code. Knacke ihn. Es ist die Kombination oder das Schlüsselwort für das Büro des Alten Mannes aus der Wüste. Teia, dieses Büro befindet sich hier, in der Chromeria. Vielleicht in ebendiesem Turm. Das bedeutet, dass er – oder sie, wir wissen nicht einmal mit Bestimmtheit, ob der Alte Mann aus der Wüste tatsächlich ein Mann ist – hier ist. Aber wenn man das Büro ohne den Code öffnet, geht der ganze Raum in Flammen auf, und alles darin wird zerstört. Das darfst du nicht zulassen. Nicht zuletzt weil dann die Papiere der Weißen ebenfalls zerstört werden.«

»Ich werde es finden, das schwöre ich. Aber was …« Teia brach ab, da draußen vor dem Zimmer Schritte zu hören waren. Sie tippte Marissia auf die Schulter, um ihr zu bedeuten, still zu sein, und begann zu wandeln, verschwand mit ihrem eigenen geborgten Schimmermantel.

Aber wer immer es war, ging vorbei, und Teia hörte das Zuschlagen der Tür zum Dach. Sie und die Gruppe der jungen Schwarzgardisten hatten dort oben erst vor wenigen Stunden einen beacht­lichen Kampf ausgefochten, aber nun stand bloß ein einziger Schwarzgardist Wache. Meister Spitz hatte gemeint, dass die Befehlshaber der Schwarzen Garde den Bereich abschotten würden, bis sie ihn untersuchen konnten, um herauszufinden, was geschehen war.

»Und was ist mit dir?«, fragte Teia. »Wie können wir dich retten?«

Schweigen. Teia hätte jetzt gern Marissias Gesicht gesehen, aber der Sack blieb vollkommen reglos, und nicht das geringste Anzeichen gab ihre Furcht oder ihre Tapferkeit, ihren Hass oder ihre Verzweiflung zu erkennen.

»Überhaupt nicht«, antwortete Marissia leise.

»Du hast das Gesicht von Spitz gesehen. Sie werden dich töten.«

Marissia senkte den Kopf. »Bitte … bete für mich«, sagte sie, und da war wieder die Angst in ihrer Stimme.

»Lass mich dir wenigstens ein Messer geben.«

»Und was passiert mit dir, wenn dieser Meuchelmörder dein Messer bei mir findet?«, fragte Marissia.

Bevor Teia Einwände erheben konnte, öffnete sich die Tür und schloss sich dann wieder. Meister Spitz erhob die Stimme, noch bevor er vollständig zu sehen war. »Gib mir den Mantel.«

»Meinen Schimmermantel?«, wunderte sich Teia.

»Er gehört dir nicht. Er gehört dem Orden, vergiss das nicht.«

»Aber ich habe ihn gestohlen! Ich habe alles riskiert, um …«

»Sofort.«

Teia öffnete das Halsband und reichte Meister Spitz den Schimmermantel mit dem verbrannten Saum. Er zog seine Kapuze herunter, warf sich Teias Mantel über den eigenen und befestigte unbeholfen das Halsband. Dann setzte er die Kapuze wieder auf, konnte sie aber nicht richtig schnüren. Er fluchte.

»Was macht Ihr da?«, fragte Teia.

Er fluchte abermals und sagte zu Marissia: »Wenn du nicht genau das tust, was ich dir sage, stirbst du auf der Stelle, und es wird kein leichter Tod sein. Verstanden?«

Ihr Kopf wippte auf und ab, und ihr Weinen ließ den Sack erzittern. Er durchschnitt das Seil zwischen ihrem Hals und ihren Handgelenken und warf sie sich über die Schulter. »Teia, hilf mir mit dem Mantel.«

Teia breitete den sich bauschenden zweiten Mantel über Marissia aus. Da Spitz sich Marissia über die Schulter geworfen hatte, bedeckte der Mantel sie zur Gänze, auch wenn es etwas plump wirkte.

»Ich muss mich ohne einen Mantel hinausschleichen?«, fragte Teia.

»Du gehst auf dem gleichen Weg hinaus, wie wir hereingekommen sind. Draußen an der Wand. Sammle die Kletterscheiben ein, während du hinuntersteigst. Beeil dich. Du hast nicht viel Zeit, bis irgendwer anfangen wird, hier oben nachzusehen.« Er bohrte Marissia einen Finger in den Leib. »Du, auf mein Kommando schreist du los, dass es in den Gemächern der Weißen brennt. Denn es wird dort brennen.«

Aha, das war also der Grund, warum er Marissia nicht geknebelt hatte. Die Schwarzgardisten würden ihre Stimme erkennen, wenn sie schrie.

Mit Marissia immer noch über der Schulter bückte sich Meister Spitz, um die Tasche mit den Papieren aufzuheben, die er gestohlen hatte.

»Soll ich die Tasche nehmen?«, erbot sich Teia.

Er hätte sie ihr beinahe gegeben, dann stutzte er. Die Angst hämmerte mit wuchtigen Schlägen von innen gegen ihre aufgesetzte Maske der Gleichgültigkeit. Er sagte: »Besser nicht. Mach dich ans Klettern.«

»Ich könnte damit zu …«

»Sofort«, schnitt er ihr das Wort ab, und in seiner Stimme lag eine leise Drohung. Ohne abzuwarten, drehte er ihr den Rücken zu, und viel langsamer als gewöhnlich begannen die Mäntel zu schimmern. Das Bild des Fuchses auf Teias verbranntem Mantel leuchtete dunkelgrau vor dem grauen Hintergrund auf und verschwand.

Die Tür wurde geöffnet, und Teia roch Rauch.

»Feuer! Feuer in den Gemächern der Weißen!«, rief Marissia. »Feuer!«

Und dann schloss sich die Tür hinter ihnen.

Das Naheliegende wäre gewesen, eilends die Mauer hinunterzuklettern. Sobald der Rauch anfing, aus den Fenstern der Weißen zu quellen, würden sich die Blicke der Menschen zum Turm des Prismas richten. Wenn das geschah, durfte Teia nicht vor aller Augen an der Turmwand hängen.

Aber Teia hatte eine Karte auszuspielen, von der Meister Spitz nichts wusste.

Sie hatte ihren eigenen Mantel, den Mustermantel, den Kip ihr gegeben hatte. Sie zog ihn aus ihrer Tasche, sein Stoff dünn und schwerelos wie flüssiges Licht. Sie schlüpfte hinein und schloss das Halsband um ihren Hals. Zog die Kapuze hoch und hakte sie über ihrem Gesicht zu. Sie könnte Spitz ungesehen folgen.

Aber sobald die Schwarzgardisten das Feuer gelöscht hatten, würden sie den Turm gründlich durchsuchen. Wenn Teia Spitz folgte, würden die Schwarzgardisten die halbkreisförmigen Kletterscheiben finden, die an der Außenseite des Turms angebracht waren. Der Orden hatte Spione in der Schwarzen Garde, daher würde man dort davon erfahren, und der Orden würde wissen, dass Teia ungehorsam gewesen war.

Es wäre kein Beweis dafür, dass Teia eine Spionin war, aber der Orden brauchte keine Beweise. Man würde sie töten.

Doch wenn sie Spitz nicht folgte, würde man Marissia töten.

Marissia hatte Teia angewiesen, sie sterben zu lassen. Die alte Teia, die Sklavin Teia, hätte das als Befehl akzeptiert und die Verantwortung für das Kommende abgeschüttelt. Aber diese Teia war sie nun nicht mehr.

Um sie wütete ein Krieg, und Teia war allein hinter feind­lichen Linien. Sie musste ihre eigenen Entscheidungen treffen und mit den Konsequenzen leben. Wie eine Kriegerin. Wie eine Erwachsene. Wie eine freie Frau.

Gemäß dem unseligen Kalkül des Krieges war Teia plötzlich mehr wert als eine Frau, die älter, weiser und klüger war als sie selbst und die die besseren Verbindungen hatte. In Teia reifte der Verdacht, dass der Orden eine größere Bedrohung für die Chromeria darstellte als selbst der Farbprinz. Marissia zu retten – selbst wenn Teia eine Möglichkeit dazu zu entdecken vermochte – würde die beste Gelegenheit zur Vernichtung des Ordens gefährden, die die Chromeria je gehabt hatte. Und nur Teia wusste vom Büro des Alten Mannes. Nur sie hatte den Code.

Es ist Krieg, T. Freunde sterben.

Mit zusammengebissenen Zähnen und bleiernem Herzen ging Teia auf den Balkon hinaus, schloss die Tür hinter sich und trat auf die Kletterscheiben. Sie stieg hinab und nahm mit jedem Schritt die Beweismittel für Marissias Ermordung mit sich.

Es ist Krieg, T. Unschuldige sterben. Und das Beste, was ihre Freunde tun können, ist, Rache zu nehmen.

Später.

3

»Oh, mein Herr, was haben sie Euch angetan?«

Gavin kannte diese Stimme. Er öffnete sein Auge und versuchte, sich umzudrehen, aber er war an einen Tisch gefesselt, die Arme ausgestreckt und nichts unter ihnen, als befände er sich auf einem Floß über einem Ozean, nur dass der Ozean nicht mehr da war. Seine Zunge war dick und ausgedörrt, und ein Verband bedeckte sein linkes Auge.

Marissia kam über ihm in Sicht, und das Mitleid in ihren Zügen verriet ihm, wie schrecklich er aussehen musste.

»Wa…Wasser«, krächzte Gavin.

Aber als Erstes löste sie die Fesseln an seinen Armen und Beinen. Marissia war seit mehr als einem Jahrzehnt seine Kammersklavin. Sie wusste, wie sehr er es hasste, gefesselt zu sein, und dass schon um seine Schenkel verhedderte Decken im Bett ihn panisch machten und wild mit den Beinen schlagen ließen. Marissia, hier? Aber wo war hier?

Jetzt erinnerte er sich. Er musste bei Amalu und Adini sein, den Wundärzten auf Großjasper. Er musste im Delirium gewesen sein und eine Panikattacke gehabt haben. Es waren alles Albträume gewesen. Marissia war hier. Es gab kein Gefängnis. Alles würde gut werden.

Karris hatte ihn aus dem Hippodrom herausgeholt, wo sie ihm das Auge ausgestochen hatten, und er musste sich eine Fiebererkrankung zugezogen haben. Er hatte nur geträumt, dass er in jener blauen Hölle war, die er für seinen Bruder geschaffen hatte. Er hatte nur geträumt, dass sein Vater alles wusste. Fieberträume. Unmög­liche Träume.

Oh, Orholam sei Dank.

Marissia legte ihm ein feuchtes Tuch in den Mund, und er saugte kraftlos daran. Sie befeuchtete es abermals und wiederholte die Prozedur, bis er ihr bedeutete, dass er genug hatte. Sie wischte ihm den eingetrockneten Speichel aus den Mundwinkeln.

Erst jetzt versuchte er zu sprechen. »Marissia, wo ist Karris?«

»Eure Gemahlin ist in Sicherheit, Herr. Sie ist zur Weißen gewählt worden.« Marissia wirkte seltsam förmlich, aber Gavin hatte die verschwommenen Grenzen zwischen seiner Zimmersklavin und seiner frischgebackenen Ehefrau noch nicht abgesteckt. Zweifellos machte es Marissia zu schaffen, dass er geheiratet hatte, und er hatte keine Ahnung, wie Karris sie behandelte. Angesichts von Gavins langer Abwesenheit konnte er sich glücklich schätzen, dass Marissia überhaupt noch in seinem Haushalt angestellt war. Eine eifersüchtigere Ehefrau hätte die Kammersklavin, die ihrem Mann so nahegestanden hatte, inzwischen verkauft.

Aber bei all den Problemen, um die er sich kümmern musste, hatte Gavin keine Zeit, sich um die Gefühle einer Sklavin zu ­sorgen.

»Zur Weißen?«, fragte er. »Du hast doch eben nicht etwa gesagt, dass …«

»Orea Pullawr ist ins Licht hinübergegangen, Herr. Meine gnädige Herrin Karris Guile ist aufgestiegen, um als die neue Weiße zu dienen.«

»Ich habe geglaubt, diese alte Schachtel würde ewig leben«, sagte Gavin. Aber die Leistung seiner Ehefrau erfüllte ihn mit einer heftigen Anwandlung von Stolz. Die Weiße!

Im Rückblick allerdings hatte Orea Karris vielleicht schon die ganze Zeit auf dieses Amt vorbereitet.

Bei Orholams Eiern, die anderen Familien würden völlig durchdrehen. Andross Guile als Promachos, Karris Guile als die Weiße und Gavin Guile als das Prisma?

Nun, das brachte wieder einen Haufen anderer Probleme mit sich. Aber Gavin war zurück, und mit Karris an seiner Seite gab es nur wenige Dinge, die er … »Marissia, ist an den Geräuschen hier drinnen nicht irgendetwas seltsam?«

»Mein Herr.« Ihre Stimme hatte etwas beängstigend Mono­tones.

Mit Mühe setzte sich Gavin auf. Sein Bett war eine Sänfte von der Art, auf der Adlige umhergetragen wurden, wenn sie verletzt waren: mit Vorhängen an allen Seiten zum Schutz der Privatsphäre, aber so klein und leicht, dass die Sklaven sie um Ecken und durch schmale Straßen tragen konnten.

Nicht weit hinter Marissia befand sich eine Wand. Sie war gewölbt.

»Oh, Marissia, nein.«

Die graue Wand wölbte sich wie eine Träne oder ein gequetschter Ball. Gavin riss die anderen Vorhänge der Sänfte zurück. Überall die eine gewölbte Wand, die, von einem inneren Licht erfüllt, friedlich funkelte. Gavin konnte ihr Blau nicht sehen, dennoch sah er genug von diesem blinkenden, kristallinen Luxin. Er war in der blauen Hölle. Sein Gefängniswärter hatte Marissia irgendwie hierhergebracht, damit sie Gavins Wunden versorgte. Um ihn am Leben zu erhalten. Zur Bestrafung.

»Wie kommt es, dass du hier bist?«, fragte er.

»Ich wurde entführt. Von den gedungenen Attentätern des ­Or­­dens, die Euer Vater angeheuert hat.«

»Was?!«

»Herr, ich habe Geheimnisse, die ich Euch gerne erzählen möchte. Ich weiß nicht, wie viel Zeit mir noch bleibt.«

»Du gehst davon aus, dass sie dich töten werden.« Er konnte es an der angespannten Ruhe ihres Gesichts ablesen – als habe man eine unsachgemäß gegerbte Haut zu fest über eine Trommel ge­­zogen.

»Ich durfte die Gesichter meiner Entführer sehen. Und das Gesicht des Hohen Herrn Guile. Euer Vater hat mich persönlich hierhergebracht. Allein.«

Gavins Arm zitterte von der Anstrengung, sich in einer sitzenden Position zu halten. Er fiel auf die Sänfte zurück. »Natürlich hat er das«, erwiderte er. »Er konnte nicht zulassen, dass jemand von diesem Ort erfährt. Aber irgendjemand musste für mich sorgen, und er hat vermutet, dass du nach so vielen Jahren in meinem Dienst von diesen Zellen weißt, daher hat er mehrere Aufgaben auf einen Schlag erledigt. So ist mein Vater. Möge Orholam ihn verfluchen.«

Es sah Andross Guile außerdem sehr ähnlich, sich der Sklavin zu entledigen, sobald sie ihren Zweck erfüllt hatte.

Er würde nicht einmal auf den Gedanken kommen, dass Gavin darüber womöglich verstimmt sein könnte. Andross würde es nicht als einen Mord an Gavins Geliebter betrachten; er würde vielmehr annehmen, dass er etwas aus Gavins Besitz zerstörte. Gavin könnte sich ja jederzeit eine neue Kammersklavin kaufen, sogar eine, die hübscher und jünger war. Diese hier musste schließlich schon über dreißig Jahre alt sein.

»Marissia, ich bin …«

Er sah in ihren Zügen, dass auch sie es bereits wusste. »Ich weiß nicht, wie viel Zeit wir haben, Herr. Bitte lasst das jetzt. Mein Mut schwindet immer schneller dahin. Behandelt mich wie einen Späher oder einen Hauptmann Eurer Armeen, damit ich mich selbst als Kriegerin betrachten kann, denn ich kann es nicht ertragen, Euch …« Ihr stockte der Atem, und die Angst, dieser Dieb, raubte ihr die Worte.

Gavin zögerte einen Moment und riss sich dann zusammen. »Wasser. Diesmal den Becher.« Er versuchte nicht, sich aufzurichten. Mit zitternder Hand gab sie ihm Wasser. Er nahm es unbeholfen; an seiner linken Hand fehlten der Mittel- und der Ringfinger.

»Berichte«, verlangte er, als er fertig war, und obwohl er auf dem Rücken lag, war seine Stimme ein unmissverständ­licher Befehl.

»Was ich zu sagen habe, ist sehr vertraulich, Herr. Was tun wir, damit wir nicht belauscht werden können?«

Er dachte darüber nach. »Wenn mein Vater dich persönlich hierhergebracht hat, bedeutet das, dass er nicht einmal seinen engsten Spionen genug vertraut, um sie von diesem Ort wissen zu lassen. Also müsste er selbst uns belauschen. Er weiß, dass ich womöglich noch einige Tage lang schlafen könnte, daher bezweifle ich, dass er seine Zeit auf diese Weise vergeuden würde. Soll er einfach hier irgendwo herumsitzen und darauf warten, dass ich aufwache, und weiter nichts tun, während für ihn zweifellos sehr viel zu tun anliegt? Nein. Natürlich ist es ein Risiko, hier offen zu sprechen, aber es ist ein Risiko, das ich eingehen werde.«

Sie holte tief Luft und nahm allen Mut zusammen. Sie wandte den Blick von seinem Auge ab. »Ich bin – das heißt, ich war – Orea Pullawrs Oberspionin.«

Gavin fühlte sich, als hätte ihm jemand einen Faustschlag in den Magen versetzt.

Marissia sprach hastig weiter: »Zuerst habe ich mich nur mit einigen ihrer Verbindungsleute getroffen, aber ich habe meine Sache gut gemacht. Sie hat meine Position immer weiter ausgebaut, bis ich in den letzten Jahren, als sie zunehmend ihre Beweglichkeit verloren hat, alles übernommen habe.«

Gavin konnte sie nicht ansehen. Er starrte senkrecht nach oben. Ergrimmt riss er das Dach der Sänfte ab.

Marissia verstummte.

Die Bewegung hatte ihn erschöpft und ihm erneut bewusst gemacht, wie krank er gewesen war. Er konnte nur nach oben starren – zum Hintern der blauen Hölle empor, der auf die armen Seelen im Inneren Brot herabschiss. Er würde Andross Guiles Gnadenscheiße essen, solange es ihm beliebte, ihn leben zu lassen. »Und wie hat das jetzt im Einzelnen zu unserer Übereinkunft gepasst, Marissia?«

»Ich habe mein Bestes getan, es passen zu lassen, Herr.«

Er stieß ein halbherziges Lachen aus. »Du hast dein Bestes getan?«

»Ich habe Euch nie verraten.«

»Welches Druckmittel hatte die Weiße gegen dich? Ich war doch da! Du hast mir gehört!«, zischte er. »Womit konnte sie dich bedrohen, wovor ich dich nicht hätte beschützen können? Ich bin jetzt nichts mehr, aber ich war … ich war unbezwingbar. Erinnerst du dich nicht daran, was ich alles für dich getan habe? Erinnerst du dich nicht an die Sache mit der Familie Seegeboren?«

»Ich erinnere mich, mein He…«

»Die Leute glauben, ich hätte dieses junge Arschloch in einem Wutanfall getötet, weil es meinen Besitz beschädigt hatte. Doch ich habe es getan, damit dich niemals wieder jemand schikaniert. Ich habe einen Mann getötet und musste am Ende seine ganze Familie auslöschen – für dich. Für eine Sklavin. Und dafür – dafür! – erhalte ich keine Treue? Von dir, die du mit mir meine Gemächer und mein Bett geteilt hast. Von dir, der ich mehr vertraut habe als selbst meiner eigenen Mutter.«

»Herr …« Sie verlor den Mut, den sie zusammengenommen hatte, um ihm all das zu erzählen.

»Was hast du der Weißen verraten?«, fragte er. Seine Stimme klang gefährlich.

»Ich habe ihr nichts verraten, worauf wir uns nicht verständigt hatten. Ich schwöre es. Ich schwöre es.«

Marissia war das Geschenk der Weißen an Gavin gewesen. Eine junge, hübsche, kluge Jungfrau, die seine Kammersklavin sein sollte; nicht von der Politik Großjaspers oder von irgendwelchen Loyalitäten gegenüber einer der anderen Familien verdorben. Sie war ein wahrhaft kostbares Geschenk gewesen und ein ungewöhn­liches noch dazu. Sie hatte eine flüchtige Ähnlichkeit – in jenen frühen Jahren deut­licher erkennbar als jetzt – mit Karris. Die Weiße war offensichtlich davon ausgegangen, dass Gavin diesen Frauentyp bevorzugte.

Als junges, lediges Prisma hätte er durchaus viele Kammersklavinnen haben können. Wohlhabende Untertanen machten ihm ständig Geschenke, um sich so Vergünstigungen zu verschaffen und um Spione in seiner Nähe in Stellung zu bringen.

Ein ganzes Heer von Kammersklavinnen zu haben wäre kein Problem gewesen – außer aus einem einzigen Grund: Die Essensrutsche, die in das Gefängnis seines Bruders hinabführte, war mit seinem eigenen Zimmer verbunden. Ganz gleich, ob die Pflichten einer Kammersklavin rein sexueller Natur waren oder ob sie mehr als eine Art Obersklavin fungierte, wie es bei Marissia der Fall gewesen war, eine Kammersklavin befand sich ständig im Raum. Statt darauf zu bauen, dass hundert suchende Augen alle ein einziges verstecktes Geheimnis übersehen würden, hatte Gavin also lieber beschlossen, eine Spionin auf seine Seite zu ziehen. Er war in der Tat davon ausgegangen, dass die junge Marissia von der Weißen den Auftrag erhalten hatte, ihn auszuspionieren.

Aber wer war die Weiße, dass sie größere Treue verdiente als Gavin in der stolzen Blüte seiner Jahre?

Die Weiße hatte ihn gebeten, so freundlich zu sein, dem Mädchen einige Wochen Zeit zu geben, um sich an das neue Leben zu gewöhnen. Es sei für eine junge Sklavin aus den Tiefen des Blutwaldes verwirrend, sich an das hiesige Leben anzupassen, hatte sie gesagt. Gebt ihr Zeit.

Gavin war noch weitergegangen. So wie ein General einen militärischen Feldzug planen würde, hatte er einen Plan geschmiedet, wie er seine jüngste Neuerwerbung voll und ganz in Besitz nehmen konnte. Er hatte sie verführt, als sei sie eine Prinzessin. Es war keine harte Arbeit gewesen und auch keine rundum betrügerische. Er hatte sich sofort zu Marissias offensicht­licher Intelligenz und Schönheit hingezogen gefühlt, sowie – für den jungen, arroganten Mann, der er gewesen war, kaum weniger wichtig – zu ihrem Verlangen, ihm zu gefallen.

In jenem ersten Jahr, als er so unglücklich gewesen war und geglaubt hatte, Karris nie wiederzusehen, hatte Gavin sogar ge­­dacht, er sei in Marissia verliebt.

Als könne man eine Sklavin so lieben, wie man eine Frau liebt.

Es war ein Stoff für Skandale und das Thema satirischer Geschichten und Lieder. Eine ganze Reihe von Komödien widmete sich dem einfältigen alten Giles, jenem unter dem Pantoffel stehenden Herrn, der seine Frau wegen seiner Sklavin verlassen und all seine Ländereien und Titel aufgegeben hatte, um die Sklavin zu heiraten, und der nun allerlei Abenteuer erlebte, während er sich völlig unbedarft dem niederen Tagewerk von Bauern zu widmen versuchte, von Müllern oder Salzharkern, von Ziegelmachern oder Bäckern, um stets aufs Neue zu scheitern und es dann in der nächsten Geschichte mit einem anderen Beruf zu versuchen. Für gewöhnlich in einer anderen Stadt. Und zumeist, weil seine vornehme alte Ehefrau an seinem Arbeitsplatz auftauchte.

Andere Geschichten von Herren und Sklavinnen, die einander liebten, waren düsterer und wurden nicht oft vor vornehmen Herrschaften besungen. Das waren Geschichten über die allzu hübsche Kammersklavin, deren eifersüchtige Herrin sie an die Silberminen oder die Bordelle verkaufte oder sie einfach gleich ermordete. Wie jeder andere Vorzug war Schönheit ein Segen für die Reichen, aber bisweilen ein Fluch für die Armen.

Der Kitzel der Gefahr für einen Herrn, den im Falle eines Falles vielleicht gerade mal seine Freunde damit aufziehen mochten, dass er ein alter Giles sei, war nichts im Vergleich zu dem, was eine Kammersklavin empfinden musste, die sich auf der einen Seite davor fürchten musste, ihrem Herrn zu wenig zu gefallen, und die auf der anderen Seite befürchten musste, dass man entdeckte, dass sie ihm allzu sehr gefiel.

Gavin hatte viele Male entschieden, dass er – statt eine richtige, gegenseitige Liebe für sie zu empfinden – Marissia so liebte, wie ein Herr seinen bevorzugten Jagdhund liebt. Man konnte einen Jagdhund lieben. Ein Jagdhund konnte diese Liebe erwidern. Aber einen Jagdhund so lieben, wie man eine Frau liebt? Unnatürlich. Gestört und ungehörig.

Ganz gleich, wie stark seine wenigen Skrupel auch ausgeprägt waren, er hatte Marissias Herz zusammen mit dem Besitz ihres Körpers gewonnen, und schließlich, als er sich sicher war, dass er ihr mehr bedeutete als alles andere auf der Welt, hatte er sie mit Beweisen dafür konfrontiert, dass sie für die Weiße spionierte, und dabei so getan, als fühlte er sich von dem verraten, was, wie er wusste, doch von Anfang an der eigent­liche Sinn und Zweck der Sache gewesen war.

Es war natürlich ungerecht gewesen. Wie hätte Marissia zu der Weißen höchstpersönlich – ihrer Besitzerin – Nein sagen können, wo sie Gavin doch noch nicht einmal kennengelernt hatte? Aber sein Plan war aufgegangen. Nachdem er sie beschämt und völlig eingeschüchtert hatte, hatte Gavin seine Übereinkunft mit ihr getroffen: Marissia würde weiter für die Weiße spionieren, aber sie würde Gavin zuerst fragen, was sie Orea Pullawr mitteilen durfte. Es würde gewisse Geheimnisse geben, von denen die Weiße niemals erfahren sollte.

Und dann hatte Gavin sie nach und nach in alle mög­lichen Geheimnisse und falschen Geheimnisse eingeweiht und dabei die Weiße immer im Auge behalten, um sich ein Bild davon zu verschaffen, was sie wusste, und so Marissias Treue und Ehrlichkeit ein ums andere Mal auf die Probe gestellt. Und sie war treu gewesen, sodass Gavin ihr schließlich sogar die Sache mit dem Brot anvertraut hatte. Er hatte ihr nicht gesagt, dass es für seinen Bruder unten im Gefängnis bestimmt war, aber sie hatte begriffen, dass es sich dabei um ein schreck­liches Geheimnis handelte, und Orea hatte nie davon erfahren.

Und jetzt war die Weiße, Orea Pullawr, tot, und sie hatte, was immer ihr Marissia an Geheimnissen anvertraut hatte, nicht dazu genutzt, um ihn zu vernichten. Um welche Art von teilweisem Verrat handelte es sich hier also?

»Marissia«, sagte Gavin. »Warum hast du das getan? Welchen Treueerweis hast du ihr geschuldet?«

Marissia drückte den Rücken durch und sah ihm direkt in sein Auge. »Ich heiße Marissia Pullawr. Die Weiße war meine Großmutter. Ihr wart mein Auftrag. Ich bin niemals eine Sklavin ge­­wesen.«

4

Karris Guile, die Weiße, die Auserwählte Orholams, die Frau der sieben Türme, die Herrin des brechenden Lichts und die linke Hand des Allgewaltigen, blickte von ihren Gemächern oben im Turm des Prismas über die Jasperinseln hinaus. Auf jedem Stückchen Land, so weit ihr Auge reichte, war ihr Wort Gesetz. Jeder Wandler in den Sieben Satrapien schuldete ihr Gehorsam. Für die meisten Menschen war sie eine Gestalt von nahezu mythischer Dimension.

Sie hatte sich nie machtloser gefühlt.

Sie hatte nicht die Absicht zuzulassen, dass das auch weiterhin so blieb.

Um sie herum erhoben sich die sechs anderen Türme der Chromeria, wie um sie zu umarmen, aber sie waren kleiner als der Turm des Prismas, wie Kinder, die sich um ihre Beine schmiegten und die sie eher behinderten, als ihr Geborgenheit zu bieten. Es galt, Verantwortung zu erfüllen und Pflichten zu erledigen, und es gab zu viel von beidem. Karris, die sich immer zu den blauen Tugenden von Ordnung und Hierarchie hingezogen gefühlt hatte – eine Neigung, die häufig in den Hintergrund trat, wenn sie allzu leichtfertig Grün und Rot wandelte –, erstellte eine Liste. Sie umfasste nicht nur die Sachverhalte, mit denen sie sich zu konfrontieren hatte, sondern auch die Handlungen, die sie in jedem Einzelfall unternehmen musste. Ihre Gefühle schob sie erst einmal beiseite.