Schattenblender - Brent Weeks - E-Book

Schattenblender E-Book

Brent Weeks

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Beschreibung

Sein Leben war eine Lüge, jetzt zahlt er den Preis

Gavin Guile, der Schwarze Prisma, hat seine Macht verloren, und die Sieben Satrapien zerfallen im blutigen Bürgerkrieg. Während die Fürsten um die Vorherrschaft streiten und die Rebellen immer mehr Macht an sich reißen, versucht der junge Kip, Gavins Sohn, das Chaos, das um ihn herum tobt, zu überwinden. Doch sein intriganter Großvater entlässt ihn nicht aus seinen Krallen. Der einzige, der den Frieden wiederherstellen könnte, ist sein Vater Gavin. Doch der ist nach dem Verlust seiner Magie spurlos verschwunden …

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Seitenzahl: 844

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Brent Weeks

Schattenblender

Roman

Deutsch von Michaela Link

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Die Originalausgabe erschien unter dem Titel»The Broken Eye (03 The Lightbringer) Part Two«bei Orbit, Hachette Book Group USA, Inc., New York.

1. Auflage

Deutsche Erstveröffentlichung Dezember 2015

bei Blanvalet, einem Unternehmen der Verlagsgruppe Random House GmbH, München

Copyright © der Originalausgabe 2014 by Brent Weeks

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen.

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2015

by Verlagsgruppe Random House GmbH, München

Umschlaggestaltung: Isabelle Hirtz, Inkcraft, unter Verwendung

einer Illustration von Larry Rostant

Kartenillustration: Chad Roberts Design

Redaktion: Alexander Groß

HK – Herstellung: sam

Satz: Vornehm Mediengestaltung GmbH, München

ISBN 978-3-641-16141-5www.blanvalet.de

 

1

»Ihr wart nicht ganz ehrlich zu mir«, sagte Karris, sobald die Sekretäre und Sklaven die Gemächer der Weißen geräumt hatten, um die beiden allein zu lassen.

»Ich fürchte, ganz ehrlich bin ich nur gegenüber Orholam allein, und auch das nur, wenn er mich dazu zwingt«, erwiderte die Weiße.

»Schluss damit!« Karris’ Stimme klang gereizt. »Versucht nicht, die Sache ins Religiöse zu drehen. Ich übernehme Euer Netzwerk von Spionen nicht deshalb, weil Ihr an Eure Gemächer gefesselt seid und Ihr sie nicht alle selbst aufsuchen könnt.«

»Ach ja?«

»Zumindest ist das nicht der einzige Grund«, fügte Karris hinzu.

Die Falten der Weißen vertieften sich durch ihr Lächeln. Sie hatte natürlich jede Menge Runzeln im Gesicht, und die Lachfalten waren nicht so tief wie die Sorgenfalten. »Rollt mich ans Fenster, meine Liebe.«

Mit missmutigem Gesicht tat Karris wie geheißen. Man konnte den Stuhl der Frau nicht durch ihre Gemächer schieben, ohne sich schmerzlich dessen bewusst zu werden, wie dünn und schlaff ihre Haut war, wie zerbrechlich die Knochen. Es war, als kündige der Tod durch diese Hinweise darauf, wie wenig diese Frau noch von einem Skelett trennte, schon einmal dezent an, wie nahe das Ende ihrer Dienstzeit auf Erden bevorstand.

»Moment. Wollt Ihr mir absichtlich ins Gedächtnis rufen, wie gebrechlich Ihr seid, nur damit ich Euch nicht anschreie?«

Die Weiße lachte. »Nicht alles ist ein Trick, Mädchen.«

Die Falte zwischen Karris’ Brauen wurde tiefer. »Oh. Nun gut, dann tut es mir leid.«

»Das aber war einer.«

Das Grinsen der Weißen war ansteckend, und Karris konnte nicht umhin, mit ihr zu grinsen. Sie nahm all ihre Gedanken über das Nahen des Todes zurück. Diese Frau würde ewig leben. Irgendwie glich Orea Pullawr einem kleinen Mädchen, das beim Mopsen von Süßigkeiten erwischt worden war und dann lächelte, als wollte es sagen: »Mammi, du kannst gar nicht wütend auf mich sein, ich bin doch so niedlich!« Und im gleichen Moment war sie die weiseste alte Schachtel auf der ganzen Welt.

Karris konnte es nicht ertragen, sie zu verlieren. Sie setzte sich mit dem Rücken zu der blauen Luxin-Wand auf den Boden und blickte zu der Frau auf, die ihr Heldin und Mutter geworden war. »Bitte, verlasst mich nicht«, sagte sie. Sie konnte nicht anders.

»Nicht, ehe meine Zeit gekommen ist, Mädchen«, erwiderte die Weiße.

Karris’ Gesicht wurde erneut missmutig. »Nun ja, das hat nichts zu sagen.«

Die Weiße machte eine wegwerfende Handbewegung. »Pah. Sterbende Menschen sagen ständig Sachen, die nichts zu sagen haben. Wie wäre es damit: ›Solange ich in Eurem Herzen bin, werde ich niemals wirklich sterben.‹ Ha! Sperrt mich nach meinem Tod bitte nicht in Eurem Herzen ein, Mädchen. Da bekomme ich Platzangst.«

»Wie wäre es mit: ›Ich werde über Euch wachen‹?«, fragte Karris nur halb im Scherz.

»Ganz bestimmt – verbringt also nicht mehr so viel Zeit in Latrinen, denn das möchte ich nicht sehen!«

Karris lachte. Und dann schaffte sie es nicht, zur Sprache zu bringen, weshalb sie hergekommen war. Mit ihrem Mut war es heute nicht weit her.

»Ihr habt ein kleines Gespräch mit Marissia geführt«, half ihr die Weiße.

»Ich komme gerade von ihr, aber woher wisst Ihr das? Ich habe gedacht, wir beide würden jetzt all Eure Spione kennen!«

»Was brauche ich Spione, wenn ich Augen habe?«

»Wieso …?«

»Oder eine Nase. Ihr stinkt nach diesem Whisky, den sie trinkt, Zackenfels – was bedeutet, dass sie versucht hat, Frieden zu schließen. Andernfalls hätte sie Euch dieses Gesöff zu trinken gegeben, Kargmoor.«

Oh. Richtig. Nicht alles drehte sich um Spione und Verrat. Man musste immer noch Verstand und Sinne einschalten. Karris holte tief Luft. »Ihr habt mich ins Boot geholt, um mich zur Kontaktfrau Eurer Spione zu machen. Das habt Ihr jedenfalls so gesagt. Aber Ihr habt bereits Marissia. Sie betreut Eure Spione schon seit Jahren, nicht wahr?«

»Ja«, bestätigte die Weiße.

»Also, warum habt Ihr mich gebeten zu tun, was sie bereits tut, wahrscheinlich besser, als ich es je hinkriegen werde? Habt Ihr einfach nur versucht, mir eine Aufgabe zu geben? Habt Ihr geglaubt, ich würde mich sonst umbringen – ohne Gavin, ohne die Schwarze Garde?«

»Für mich seht Ihr nicht wie eine Selbstmordkandidatin aus.«

Karris erklärte: »Das bringt mich alles nicht weiter. Bitte, sagt mir die Wahrheit.«

Die Weiße lächelte traurig. »Seit vielen Jahren ist Marissia jetzt schon für meine Spione innerhalb der Chromeria zuständig. Und die Spione von außerhalb habe ich persönlich betreut. Sie ist sehr, sehr gut. Sie wäre bei dieser Arbeit noch besser als ich, wäre da nicht die Tatsache, dass ich die Weiße bin und es einen besonderen Eindruck macht, mich persönlich zu treffen. Bei dem Spion, mit dem wir es nun in dieser speziellen Angelegenheit zu tun haben, ist jedoch nicht ganz klar, ob besagte Person als eine interne Angelegenheit der Chromeria zu betrachten ist oder als eine Bedrohung von außen.«

Also übertrug die Weiße lediglich einen Spion von der einen Betreuerin auf die andere. »Das ist alles?«, fragte Karris.

»Ist das nicht zur Sprache gekommen, als Ihr Eure Auseinandersetzung mit ihr gehabt habt?«, wollte die Weiße wissen.

»Es wurden zwischen uns nicht allzu viele Worte gewechselt.«

»Oje. Ihr habt ihr doch nicht die Knochen gebrochen, oder, Liebes?«

Karris zuckte mit keiner Wimper. »Ihr wärt überrascht darüber zu erfahren, wie viel Schmerz ich jemandem zufügen kann, ohne dass dauerhafte Schäden zurückbleiben.«

Die Weiße zuckte zusammen.

»Aber das ist nun also wirklich alles?«, hakte Karris nach. So viel Spaß es ihr machte, die Weiße in einer so harmlosen Angelegenheit in die Irre zu führen – Karris hatte sich offenbar fürchterlich von etwas auf die Palme bringen lassen, was sich nun als etwas absolut Triviales entpuppte.

Die Weiße hob die Hände. »Es steckt nicht immer ein großer Plan dahinter.«

Bei Euch schon, hätte Karris beinahe gesagt. Stattdessen sagte sie: »Ich hätte einen entsprechenden Hinweis gebrauchen können.« In Bezug auf Marissia, meinte sie.

»Es war notwendig, dass Ihr mit ihr reinen Tisch macht. Ich hatte eigentlich erwartet und erhofft, dass Ihr es schon vor längerer Zeit von Euch aus erledigt hättet. Vielleicht tut Euch Eure Enthaltsamkeit von Rot und Grün ein wenig zu gut.«

»Was das betrifft«, sagte Karris. »Wie lange muss ich noch …«

»Nichts da.«

»Aber …«

»Nein.«

»Ich habe …«

»Auf keinen Fall.«

»Also schön«, gab Karris nach. »Wenn Ihr mich nun bitte entschuldigen wollt, ich verspüre den Wunsch, in den Trainingsraum zu gehen und irgendetwas kurz und klein zu schlagen.«

»Ihr seid entlassen. Ich bin mir sicher, Marissia ist schon ganz gespannt darauf, herzukommen und mir ihre Version der Ereignisse zu liefern.«

2

Kip erwachte aus einem neuen Alptraum, in Schweiß gebadet, die Fäuste so fest geballt, dass er die Hände massieren musste, damit sie nicht verkrampften. Er versuchte, sich an die Einzelheiten des Traumes zu erinnern, doch das war, als würde er versuchen, nach Rauch zu greifen. Er richtete sich auf.

Ein explodierender Kopf, die ihre Segnungen spendende Musketenkugel, ja, das war es gewesen. Schon wieder.

Draußen grollte Donner. Sicher hatte der Sturm, der die Jasperinseln umtoste, die Alpträume ausgelöst. Es hatte nichts zu bedeuten.

Moment, das war aber erst der zweite Traum gewesen. Im ersten Traum war er wieder an Deck des Wanderers gewesen, hatte den Dolch in seinem Vater versenkt und all die Wut des verlassenen Jungen herausgelassen, während die Augen seines Vaters sich weiteten …

Gavin hatte Kip angesehen. In diesem Blick hatte Kip ein Akzeptieren des Geschehens gesehen, die Selbstaufopferung für seinen Sohn. Kip hatte in diesem Blick die Entscheidung für die Liebe gesehen und das Wissen um die Kosten, ohne sich davon abschrecken zu lassen.

Was Kip damals nicht gesehen hatte, waren prismatische Augen. Das Licht war schlecht gewesen – schließlich war es Nacht –, aber Kips Augen hatten sich ganz an die Dunkelheit angepasst gehabt, und er erinnerte sich richtig. Er war sich sicher.

Kip stand auf, schüttelte die Alpträume ab, die noch an ihm klebten wie verhasste Spinnweben, und ging hinaus. Er war noch nie in den Räumlichkeiten der Luxiaten gewesen, aber er erinnerte sich daran, dass Quentin gesagt hatte, sein Zimmer befinde sich im blauen Turm, auf dem Stockwerk, das »Gerechtigkeit« genannt wurde, dem sechsten. Die Luxiaten gaben den Stockwerken bisweilen die Namen von Sünden (für die lichtabgewandten Seiten der Türme) oder Tugenden (für die hellen Seiten). Eine einst von den Altardienern geprägte Gedächtnisstütze, die schon so alt war, dass sie unter den Luxiaten allgemein üblich geworden war.

Er fand das Stockwerk und betrat dreist das Quartier der Luxiaten. Es war eine kasernenähnliche Unterkunft, wie auch diejenigen der Schwarzgardisten oder der Scholaren, daher war es kein Problem, die richtige Abteilung und in den Reihen Quentins Bett zu finden. Er stupste den schlafenden Luxiaten an.

»Oh, es kann doch nicht schon Zeit für die Morgengebete sein …« Beim Anblick der über ihm aufragenden Gestalt brach Quentin ab, und um seine Iris trat das Weiß seiner Augen voll hervor.

Manche Menschen schlagen um sich, wenn sie Angst haben. Quentin gehörte zu der Sorte, die einfach erstarrte.

Eine Weile blinzelte er nicht, atmete nicht. Es dauerte länger, als Kip erwartet hätte. Bestimmt erkannte ihn Quentin doch?

»Ich habe eine Frage an dich«, sagte Kip leise, um die anderen Schläfer nicht zu stören.

Das schien den Luxiaten irgendwie aus seiner Erstarrung zu reißen, und er holte tief Luft und stieg aus dem Bett. Sein Körper war dürr und hager, überhaupt keine Muskeln. Kip war so sehr daran gewöhnt, die vom Training gestählten Körper der Schwarzgardisten um sich zu haben, dass ihn der Anblick irgendwie schockierte – obwohl Quentins Körper mit Sicherheit eher ein normaler Körper war als diejenigen der Schwarzgardisten.

Und wieder einmal musste er unwillkürlich denken: Mein Vater hat das mit Absicht so eingerichtet. Er hat mich mit den Besten umgeben, damit ich mich stets mit ihnen würde vergleichen müssen, damit ich mich immer anstrenge, es ihnen gleichzutun. Es war ein wenig zynisch und sehr klug; kurzfristig etwas gemein und langfristig wahrscheinlich das Beste. Verdammt. Gavin Guile war zu Recht eine Legende.

Quentin folgte ihm auf den Flur hinaus. »Das, ähm, trifft sich gut«, sagte er. »Ich habe gerade das Regalsystem begriffen.«

»Was hast du?«

»Für die Bibliothek. Wie die Bücher eingeordnet werden.«

»Ach so, das. Wunderbar. Hör mal, du musst mir erklären, wie ein Prisma gewählt wird. Komm, wir gehen ein Stück zusammen.«

Quentin trottete neben ihm her, und sie unterhielten sich mit gesenkten Stimmen. »Gewählt? Die Prismen werden nicht gewählt. Sie werden entdeckt. Ich meine, sie werden natürlich schon gewählt – von Orholam.«

»Schon klar«, sagte Kip. »Natürlich. Also, wie werden sie ›entdeckt‹?«

»Alle Luxiaten erstatten ihren Vorgesetzten Bericht, geben die Namen in Frage kommender Anwärter aus ihren jeweiligen Zuständigkeitsbereichen weiter, diese Vorgesetzten leiten ihre Informationen die nächsten Stufen in der Hierarchie des Magisteriums hinauf, und schließlich treffen sich die Hohen Luxiaten mit dem Spektrum, um über die Sache zu beraten und die zu ihnen geschickten Kandidaten unter die Lupe zu nehmen.«

»Lass mich raten: Wer immer geschickt wird, stammt stets aus einer der führenden Familien.«

Quentin blinzelte, dann verdrehte er die Augen, als er sich zu erinnern versuchte. »Mit einer möglichen und einer definitiven Ausnahme – ja, zumindest während der vergangenen zweihundertzweiundzwanzig oder -dreiundzwanzig Jahre.«

»Und das kommt dir nicht merkwürdig vor?«

»Es ist ganz und gar nicht merkwürdig. Es ist ja nicht so, als wärst du der Erste, dem das auffällt, Kip. Brecher? Warum nennen dich deine Freunde eigentlich … Vergiss es. Es ist ein Beweis mehr, dass Orholam die politische Ordnung der Sieben Satrapien gesegnet hat. Und die Ausnahmen beweisen, dass Orholam alle Menschen sieht; und wenn jene Edelleute Orholams Missfallen erregen, ist er stets mehr denn willens, sich über die Niederungen unserer menschlichen Politik zu erheben.«

»Praktisch, dass die Rechnung für euch in jedem Fall aufgeht, so oder so.«

Quentin schwieg ihn vorwurfsvoll an. Schließlich sagte er: »Hast du mich nur geweckt, um mich zu verspotten?«

Kip war nicht wütend auf Quentin, der ohnehin seine Naivität allmählich abzulegen schien, wenn es ihm auch in nicht unerheblichem Maße Kummer und Schmerzen bereitete. Es war sein Großvater, auf den Kip sauer war. Wenn es irgendeinen Ort gab, der frei von Politik sein sollte, so fand Kip, sollte es das Haus Orholams sein. Aber das war nicht Quentin vorzuwerfen.

»Nein. Ich wollte dich fragen, wie ein Prisma … ähm, eingesetzt wird? Heißt es so? Oder wird man zum Prisma erhoben? Was auch immer. Gibt es da eine Zeremonie?«

»Tatsächlich heißt es ›geweiht‹.«

»Und wie geschieht das?«

Quentin wirkte ein wenig verärgert darüber, dass ihn Kip extra wegen dieser Frage geweckt hatte. »Es ist alles sehr geheim. Es wird ein Fest veranstaltet. Zuerst gibt es eine Trauerfeier für das verstorbene Prisma, und jedes Licht in der Stadt und der Chromeria wird über Nacht gelöscht, bis auf die großen Kohlenfeuer, die sie in den Türmen für die Tausend Sterne entzünden. Die Menschen treffen sich auf den Straßen und trinken, sie betrauern ihre eigenen Toten und singen Lieder, und nur diese kleinen Lichtfeuer bleiben übrig.«

»Wie läuft dann die eigentliche Zeremonie ab?«

»Darüber wissen nur das Spektrum und die Hohen Luxiaten Bescheid. Und selbst dem Spektrum wird vermutlich nur gesagt, was es in jener Nacht zu tun hat. Ich meine, was Dinge betrifft, die sie für wichtig halten, können die Hohen Luxiaten sehr verschwiegen sein, und es gibt wohl kaum etwas noch Wichtigeres.«

»Wer ist gegenwärtig im Spektrum, der auch schon vor siebzehn Jahren dabei war?«

»Du meinst, als Gavin zum Prisma gemacht wurde?«

»Richtig.«

»Dein Großvater natürlich. Die Weiße … und ich glaube, das war es auch schon. Es sind schwere siebzehn Jahre gewesen.«

»Ließe sich in der zugangsbeschränkten Bibliothek etwas darüber finden?«, fragte Kip.

»Worum geht es, Kip?«

»Es geht um ein Messer.«

»Ein was?«

»Ein Messer. Vielleicht ein heiliges Messer.« Kip hielt inne. »Was ist da gerade mit deinem Gesicht passiert?«

»Passiert? Wieso?«

Plötzlich war Kip misstrauisch geworden. »Weißt du etwas darüber, Quentin?«

Sie hatten die zugangsbeschränkte Bibliothek erreicht. »Warten wir besser, bis wir drinnen sind«, wich Quentin aus.

Kip verstellte die Bedienfelder, um den diffusen gelben Schein des Luxin-Lichts in den verdunkelten Raum zu lenken. Voll beleuchtet sah Quentin auch nicht besser aus.

»Kip, ich … ich habe gelobt, dir alles zu erzählen, wonach du fragst.«

»Aha, gut.«

»Und es ist mir … nicht direkt verboten worden, diese Sache an andere weiterzugeben, aber ich weiß, dass sie eigentlich nicht dazu bestimmt ist, erzählt zu werden. Wenn du das nun von mir verlangst, dann geht so ein Gelöbnis gegenüber der losen Übereinkunft zu schweigen wohl vor, dennoch fühle ich mich dabei sehr unbehaglich.«

»Heraus damit«, forderte Kip.

»Also zwingst du mich dazu?«

»Ganz genau.«

»Einer der Hohen Luxiaten hat mir verraten, dass sie vor etwa sechzehn oder siebzehn Jahren etwas sehr Wichtiges verloren hätten. Er sagte, Andross Guile habe es genommen und dann behauptet, es sei verloren gegangen.«

Kip warf sich in seinem Stuhl zurück, sodass er auf die Hinterbeine kippte, und schnaubte heftig. »Ich hatte recht«, sagte er. »Ich bin einfach aufgewacht und hab Bescheid gewusst. O Mann.«

Es war die Blendende Klinge – oder, wie Andross sie genannt hatte, das Messer des Blenders. Hätte Kip nicht den ganzen Tag von früh bis spät arbeiten, lernen und kämpfen müssen, bis er ins Bett fiel und dann die meiste Zeit der Nacht Alpträume hatte, bevor die ganze Prozedur, nur noch härter, am nächsten Tag weiterging, wäre er schon viel früher darauf gekommen.

Kip hatte auf Janus Borigs Mörder Vox mit dieser Klinge eingestochen, und der Mann hatte plötzlich kein Grün mehr wandeln können, als er und Kip sich im gleichen Moment Auge in Auge gegenüberstanden. Es hatte Kip das Leben gerettet. Vox hatte noch geschrien: »Atirat! Atirat, komm zurück!« Atirat, die grüne Göttin.

Kip hatte einen der grünen Halbgötter oben auf dem Gottesbann erstochen, und das Messer hatte der Frau ihre Farbe geraubt.

Kip hatte geglaubt, Zymun habe Gavin mit dem Messer getroffen, damals auf ihrer Flucht am Ende der Schlacht um Garriston. Und das hatte er auch getan.

Kip dachte erneut an den Kampf auf dem Schiff, an Grinwoodys wütend verzerrtes Gesicht und die wilden Schläge, an Andross Guiles intensive Konzentration und an Gavins Selbstaufopferung und an seine eigenen Schuldgefühle wegen seiner Unfähigkeit und daran, dass er seinem Vater um ein Haar den Tod gebracht hätte – und wenn er die richtigen Dinge aussiebte und alles andere beiseiteließ, dann war plötzlich alles klar. Und die richtigen Dinge waren Gavins Augen und das Messer. Gavin hatte Kip angesehen, und seine Augen hatten nicht mehr mit der lichtbrechenden Eleganz der Augen eines Prismas gefunkelt, und dann hatte Kip den Dolch wachsen sehen.

Auf dem Deck von Kanoniers Schiff hatte Kip miterlebt, wie dieser Dolch aus Gavins Brust gezogen wurde. Es war nun kein Dolch mit einem einzelnen, blau glänzenden Juwel mehr gewesen, sondern ein funkelndes, schwarz-weißes Schwert mit sieben strahlenden Edelsteinen in der Klinge.

Angestrengt versuchte Kip, sich daran zu erinnern, wie die Augen seines Vaters in diesem Moment ausgesehen hatten, aber Gavin war in der Dunkelheit fünf Schritt von ihm entfernt gewesen, hatte vor Schmerz geschrien und die Augen entweder zusammengekniffen oder den Blick abgewandt.

Dann eben nicht die Augen von Gavin, sondern die von Andross Guile. Kip hatte ihm direkt gegenübergestanden, und er hatte die zerbrochenen Halos in seinen Augen gesehen. Und seither hatte er seine Augen wiedergesehen. Kip hatte den Dolch in jener Nacht in Andross’ Schulter gerammt, wenn auch nur für einen kurzen Moment.

Die Blendende Klinge war es, die Menschen zu Prismen machte. Und ebendas hatte sie Gavin auch wieder genommen.

»Was ist los? Was hat das alles zu bedeuten?«, fragte Quentin.

»Nun, dir werde ich es jedenfalls nicht sagen. Ich weiß, dass du kein Geheimnis für dich behalten kannst.«

Quentin sah aus, als wäre ihm übel.

»Quent. Ich mache doch nur Spaß.«

»Also dann sag mir, was ist los!«

Kip schüttelte den Kopf. »Dass ich es dir nicht sagen will, war kein Spaß – und ich werde es dir auch nicht sagen. Ich mag dich, Quentin, aber ich kenne dich kaum, und ich weiß nicht, wie viel von dem, worüber wir sprechen, du den Luxiaten weitererzählen wirst, wenn sie dich dazu zwingen. Ich würde es dir nicht einmal zum Vorwurf machen. Einigen dieser Leute gegenüber ist es sehr schwer, Nein zu sagen. Es war nur Spaß, dass du kein Geheimnis für dich behalten kannst.«

»Aber das war nicht wirklich Spaß«, beharrte Quentin.

»Ich habe deine Charakterfestigkeit nicht in Frage gestellt.«

»Doch, hast du wohl.«

»Ja, gut, habe ich.« Kip zuckte die Achseln. »Dann sag mir, dass das unvernünftig von mir ist.«

Quentin öffnete den Mund, dann schloss er ihn wieder. »Es mag vernünftig sein, aber für mich ist es nicht schön.«

Deshalb war Andross Guile so sehr auf das Messer konzentriert gewesen. Kip hatte ihn für ein Ungeheuer gehalten, weil ihm das Messer wichtiger war als sein eigener Sohn. Aber für Andross war es nicht einfach nur ein Messer, es war die Zukunft aller Satrapien. Die Blendende Klinge war der Schlüssel zur Schaffung eines neuen Prismas.

Und Kips Mutter – seine von Drogen umnebelte, hasserfüllte, elende Keifzange von einer Mutter – hatte sie vor siebzehn Jahren gestohlen. Und war damit verschwunden.

Es hatte bedeutet, dass Gavin nicht ersetzt werden konnte. Die meisten Prismen hielten sich sieben Jahre oder vierzehn, aber trotz seiner Konflikte mit dem Spektrum und mit seinem Vater war Gavin nicht ersetzt worden. Weil sie ihn gar nicht ersetzen konnten. Sie hatten jenes eine Werkzeug verloren, mit dem die Gabe der Prismenschaft übertragen wurde – und mit dem sie wahrscheinlich auch genommen wurde. Sie töteten das alte Prisma mit der Klinge, diese nahm ihm oder ihr die Macht, und irgendwie übertrug sie diese auf das neue Prisma.

Es erklärte noch nicht alles: Wie hatte es während des Krieges zwei Prismen geben können? Oder wie hatte Dazen vortäuschen können, ein Prisma zu sein? Aber dass die Klinge ein Quell der Macht war – dessen war sich Kip sicher. Er hatte den Beweis dafür gesehen.

Gütiger Orholam, erbarme dich unser. Was geschah, wenn das vorherige Prisma seine Macht nicht aufgeben, nicht sterben wollte? Sie waren für gewöhnlich jung. Wer wollte schon sterben?

Dafür gab es die Schwarze Garde. Um das Prisma für die Satrapien zu schützen und, wenn nötig, zum Schutz der Satrapien vor dem Prisma.

Was das wohl für ein Schauspiel war, wenn ein Prisma das Spektrum so sehr verärgert hatte, dass es seines Amtes enthoben wurde und sie beschlossen, es zu töten? Mit Sicherheit war es dann Aufgabe des Hauptmanns, vielleicht mit dem einen oder anderen Schwarzgardisten als Hilfe an seiner Seite, das amtsenthobene Prisma zu töten und ihm seine Gabe zu nehmen. Zum Wohle der Satrapien.

Kein Wunder, dass sie das Ganze geheim hielten. Das Töten eines Prismas könnte sogar notwendig werden. Mit allen Wandlern ging es irgendwann zu Ende, und sie mussten getötet werden, also hatten sicherlich auch Prismen einen Preis für ihr unablässiges Wandeln zu zahlen. Vielleicht verloren sie den Verstand.

Aber Prismen waren dazu da, die anderen zu befreien. Wenn Schwarzgardisten ein voller Angst schreiendes Prisma überwältigten und töteten, war das gewiss kein guter Moment, um den Glauben der Gemeinde zu stärken.

Kein Wunder, dass es eine Nacht des Trauerns und der Dunkelheit war.

»Du siehst nicht besonders gut aus«, bemerkte Quentin.

»Ich fühle mich auch nicht besonders gut.« Es bedeutete außerdem, dass Gavin Guile nun kein Prisma mehr war. Selbst wenn die Schwarze Garde ihn jetzt fand, wäre er für sie nutzlos.

Es wäre also besser, das Messer zu finden, bevor der Farbprinz es fand.

Und all das hatte Andross Guile binnen einer Sekunde verstanden. Er hatte sofort gehandelt. Kip war sich nicht sicher, ob das ein Grund war, den Mann zu bewundern oder ihn zu hassen.

Aber Gavin war nicht tot. Im Gegensatz zu jedem Prisma vor ihm hatte er überlebt. Weil er einzigartig war. Vielleicht in der gesamten Geschichte.

»Quentin, hast du nicht gesagt, du hättest herausgefunden, nach welchem System die Bücher hier in die Regale eingeordnet sind?«

»Ja, erst gestern. Sollte jetzt kein Problem mehr sein herauszufinden, was immer du über irgendjemandes Familie wissen willst – oder selbst über die schwarzen Karten.«

»Ich werde dir vertrauen müssen, Quentin. Kann ich das?«

»Das ist eine unlogische Frage, oder? Gesetzt, ich wäre nicht vertrauenswürdig, würde ich dann nicht trotzdem sagen, dass ich es bin?«

»Während du, wenn du vertrauenswürdig wärst, auf die mangelnde Logik dieser Frage hinweisen würdest«, meinte Kip.

Quentin hob einen Finger, um zu protestieren, aber dann klappte er ihn wieder ein. Er wirkte zuerst verwirrt und dann irgendwie erfreut, als hätte Kip ihm einen besonders nützlichen Trick beigebracht. »Ach. Oh. Aha. Ich verstehe. Danke. Wie kann ich dir zu Diensten sein?«

»Vergiss die Ahnentafeln, vergiss die schwarzen Karten. Ich will alles wissen, was du über den Lichtbringer in Erfahrung bringen kannst.«

3

»Ich habe zu Eurer Mutter aufgeschaut«, sagte Eirene. »Sie hat mich unter ihre Fittiche genommen, als meine eigene Mutter gestorben war. Sie wusste, dass ich keine Frau hatte, zu der ich aufschauen konnte. Als Erwachsene kann ich natürlich verstehen, was der andere Grund dafür war. Wenn unsere Freundschaft nur stark genug war, dann bedurfte es keiner Heirat, um zwischen der Familie Malargos und den Guiles Frieden zu stiften. Aber dann ist irgendetwas passiert. Wisst Ihr, was?«

Gavin saß in seiner Zelle und sah seine Kerkermeisterin unter schweren Lidern an. Es war ihr dritter Besuch in den vergangenen Monaten. Die bisherigen Besuche hatten ihn zwei Finger gekostet. Einer mehr, und er würde mit seiner linken Hand kaum noch greifen können. »Bitte, verratet es mir«, sagte er. Seine Stimme war rau. War seit Wochen kaum mehr gebraucht worden. Sie ließ ihn hier unten verfaulen.

»Das war keine theoretische Frage. Wisst Ihr, was passiert ist? Den einen Tag kommt Felia Guile noch ständig zu Besuch und lädt mich ein, sie zu besuchen, und dann … nichts. Sie weigerte sich, jemals wieder mit mir zu sprechen. Was war da passiert?«

Diese seltsame Intensität war plötzlich wieder da. Das Schlimmste daran war, dass Gavin allmählich zu glauben begann, dass Eirene Malargos gar nicht wahnsinnig war. Sie war eine normale Frau, die von den Umständen zum Äußersten getrieben wurde. Umstände, mit denen die Guiles viel zu tun hatten.

»Ich weiß es nicht«, murmelte Gavin, rieb sich die Augen und hätte sich dabei beinahe mit seiner bandagierten Hand gekratzt. »Aber ich bin mir sicher, es war alles irgendwie meine Schuld. Wie läuft es mit Eurem Neffen? Schafft Ihr es, dass er die Klappe hält?«

»Das war vor fünfzehn Jahren. Denkt darüber nach. Warum sollte Felia Guile plötzlich jeden Kontakt mit mir verweigern?«

Gavin setzte ein einfältiges Gesicht auf und dachte darüber nach. Er brauchte nicht lange. Zuerst dachte er, der Krieg oder sein großer Schwindel sei der Grund, aber das war schon sechzehn Jahre her. Vor fünfzehn Jahren hatte Felia erfahren, dass Dervani Malargos den Krieg überlebt hatte, nachdem er jahrelang irgendwo in der Wildnis umhergeirrt war, und dass er jetzt auf dem Heimweg war – im Wissen um Gavins Geheimnis. Sie hatte bei ihrer Befreiung gestanden, zuerst versucht zu haben, sein Schweigen zu erkaufen, und dann Piraten auf sein Schiff gehetzt zu haben, die ihn ermordeten – jedenfalls hatte sie das geglaubt.

Felia Guile, bereit zu töten, um ihren letzten lebenden Sohn zu beschützen, aber nicht bereit, sich lächelnd der Tochter des Mannes zu stellen, den sie ermordet hatte. Das klang ganz nach Mutter. Hart, wenn sie es sein musste, aber darunter butterweich. Nicht wie Andross Guile, der gar nicht erst auf die Idee gekommen wäre, sich mit einem Malargos anzufreunden. Aber wenn er es doch getan hätte, hätte er die Sache auch gnadenlos durchgezogen.

Auf dieser Welt gibt es nur zwei Sorten von Menschen: Schurken und lächelnde Schurken.

Gavin sagte: »Natürlich kenne ich den Grund. Weil ich mein Schweigen darüber gewahrt habe, was bei den Getrennten Felsen geschehen ist, selbst ihr gegenüber. Zwei Jahre lang habe ich es niemandem erzählt, und dann hörte sie ein Gerücht, dass Euer Vater noch am Leben sei. Sie fragte mich danach, weil ich an irgendeinem Punkt flüchtig bemerkt hatte, dass er tot sei. Sie fragte mich, ob ich mich nicht irren könnte.« Er schloss die Augen und atmete Luft aus, als sei es eine schmerzliche Erinnerung.

»Und was habt Ihr ihr erzählt?«, hakte Eirene nach.

Du blöde Fotze, ich werde es genießen, dich zu töten. Du hast keine Ahnung von mir, oder? Ich werde dir deine Finger mit Ketten abreißen und sie dich fressen lassen. »Ich habe ihr gesagt, dieser Mann sei ein Schwindler. Er war weder der Erste noch der Letzte, der mit einer Menge Narben und haarsträubenden Geschichten zu einem wohlhabenden Haus zurückgekehrt ist und Anspruch auf den leeren Platz bei Tisch erhoben hat.«

»Er war kein Schwindler«, protestierte Eirene.

»Doch. War er.«

»Nein.«

»Und woher wollt Ihr das wissen?«, fragte Gavin. Er wusste jetzt, wie er die Sache aufziehen würde. Der Kerl hatte Eirene Nachrichten geschickt. Die Wahrscheinlichkeit war jedoch groß, dass sie einander nie begegnet waren. Vermutlich hatte er ihr irgendetwas zukommen lassen, um zu beweisen, dass er wirklich derjenige war, der er zu sein vorgab, aber vielleicht war es etwas, was eine Fälschung hätte sein können, oder irgendeine Information, über die nur ein enger Vertrauter hätte Bescheid wissen können.

»Ich stelle hier die Fragen.«

Also nicht nötig, allzu zurückhaltend zu sein. Seine Geschichte brauchte nicht hundertprozentig wasserdicht und stimmig zu sein, sie musste lediglich Zweifel säen.

Ich bin der Vater der Lügen. Seht mich in all meiner Herrlichkeit. »Ich weiß es, weil ich dabei war, Lady Eirene. Am Ende. Dervani stand Dazen sehr nahe.« Wohl wahr. »Er war ein guter Krieger.« Auch wahr. »Nicht der begabteste Wandler, doch war er überaus geschickt im Umgang mit grünem Luxin.« Wahr, wenn auch ein wenig geschönt. Schmiere dem Zuhörer ein wenig Honig um den Mund, indem du erzählst, was er hören will, das hilft beim Schlucken der bitteren Lügenpille. »Er war standhaft, als viele gefallen sind – in jenem letzten Kampf zwischen meinem Bruder und mir.« Der erste Teil entsprach der Wahrheit. Der zweite Teil nicht. »Er war dort, bei den Getrennten Felsen. Ganz am Ende. Er hat den Brand überlebt.« Wahr war, er hatte überlebt, und er war bei der Schlacht dabei gewesen. Aber er hatte nur überlebt, weil er am Ende nicht in der Nähe des Zentrums gewesen war. Niemand außer Dazen und Gavin hatte diesen magischen Gifthauch lebend überstanden. »Dervani hat mich am Ende angegriffen und versucht, Dazen zu retten. Er … ist den Heldentod gestorben.« Reine Erfindung.

»Ihr lügt!«, herrschte sie ihn an.

Gavin sah weg. Sah sie wieder an. Verzog die Lippen zu einem Schmollmund. »Er hat es versucht. Er … hat sich auf mich gestürzt, mich umgeworfen. Er hat eine Pistole auf mein Gesicht gerichtet, doch die hat versagt. Ich bin aufgestanden, hab ihm die Pistole aus der Hand gerissen, und da ist er … geflohen. Ich habe mir einen Speer geschnappt und seinen Rücken durchbohrt, als er davongelaufen ist. Ich habe hinterher seine Leiche nicht gesehen, aber ich habe eine Menge Kämpfe erlebt. Er hat das nicht überlebt. Dafür kann ich garantieren. Dann habe ich seine Pistole aufgehoben. Kleines Ding. Mit silbernen Spatzen verziert, wenn ich mich recht erinnere. Muss eine Reservepistole gewesen sein. Sonst kann ich mir keinen Grund dafür denken, warum sie so spät in der Schlacht noch geladen war. Seltsames Ding mitten auf einem Schlachtfeld. Es waren keine anderen beschissenen Waffen zur Hand, bis auf den Speer und diese Pistole. Ich brachte es in diesem Moment nicht fertig, auch nur das geringste bisschen Luxin zu wandeln, und mein Bruder war höchstens halb bei Bewusstsein. Also hab ich diese kleine Pistole genommen und sie zwischen die Augen meines Bruders gesetzt. Bei mir hat sie nicht versagt.«

Den toten Gesichtsausdruck muss ich gar nicht extra aufsetzen. Die Geschichte kommt der Wahrheit nah genug, um all die Erinnerungen wieder dicht an die Oberfläche zu bringen. Das kleine Detail mit Dervanis Pistole ist mir besonders gelungen. Wie sollte Gavin sonst von einer kleinen Zweitpistole wissen, die irgendeiner von Dazens Gefolgsleuten bei sich trug?

»Nein«, flüsterte Eirene. »Nein.«

»Meine Mutter hat das Ganze nicht verstanden. Sie hat nie eine Schlacht erlebt. In ihren Augen hat sein Wegrennen Euren Vater zu einem Feigling gemacht. Die Wahrheit aber ist, dass jeder Mann jeden Tag nur über eine begrenzte Menge an Heldenmut verfügt, und Euer Vater hatte mehr als die meisten. Er hat es mit zwei kämpfenden Göttern aufgenommen, und er hätte wohl den Ausschlag gegeben, wenn er nicht von einem schadhaften Zündstein betrogen worden wäre. Als er mich angegriffen hat, wusste er nicht, dass ich nicht mehr wandeln konnte, und nach dem, was er mich hatte vollbringen sehen, war es in der Tat mutig … Dazu kommt, dass meine Mutter es nicht hätte ertragen können, mich dafür zu hassen, dass ich meinen Bruder getötet hatte. Ich war alles, was sie noch hatte. Also gab sie Eurem Vater die Schuld. Hätte er mir nicht sozusagen diese Pistole in die Hand gelegt, so ihr Gedanke, würde ihr anderer Sohn noch leben … Ich glaube, vom Kopf her wusste sie, dass es ungerecht war, ihm – und im weiteren Sinn dann auch Eurer Familie – Vorwürfe zu machen. Aber das hat sie getan. Sie wusste, dass sie sich so weit zügeln konnte, ihrem Hass auf Euch – in Wirklichkeit eigentlich auf mich – keine Taten folgen zu lassen, aber sie hätte das nicht auch noch mit einer dafür aufgesetzten freundlichen Maske fertigbringen können. Vielleicht hatte sie sogar recht. Ich frage mich manchmal, ob ich meinen Bruder wohl gefangen genommen hätte, wenn ich nur diesen Speer zur Verfügung gehabt hätte. Oder hätte ich ihm das Ding dann durch die Kehle gerammt? Die Pistole hat die Sache leichter gemacht, aber … es ist eine müßige Spekulation. Ich war in einer Art Mordrausch. Meine Mutter hat Eurem Vater die Schuld gegeben und dabei wahrscheinlich geglaubt, dass Ihr Eurerseits ihr die Schuld geben würdet, wenn Ihr die Wahrheit über meine Untaten gewusst hättet.«

»Ihr … Ihr Dämon«, stammelte Eirene.

»Wenn es Euch dann besser geht: Es tut mir leid, dass der Krieg meines Bruders Euch Euren Mentor gekostet hat – zusätzlich zu allem anderen. Beim Barte Orholams, ich würde zwei Finger geben, um Euren Vater zurückzubekommen.« Er wedelte mit seiner halben Hand in ihre Richtung.

Karris, du hast mir einmal gesagt, es gebe etwas in mir, das meine eigene Zerstörung wolle. Ich habe es abgestritten. Das war ziemlich idiotisch von mir.

»Bastard! Verbrennt in der Hölle!«

»Eines habe ich über Dervani gewusst: Er war niemand, der einen Hilflosen gefoltert hätte. Er galt als dickköpfig, aber ehrenhaft. Das hat er Euch voraus.«

Es schien dumm von ihm: eine Frau gegen sich aufzubringen, der er gerade solche Lügen aufgetischt hatte. Aber der Fisch musste den Haken schlucken, um an der Leine zu hängen. Wenn er derart wütend war, ihr etwas so offensichtlich Dummes ins Gesicht zu sagen, konnte er ja wohl sicher im gleichen Moment nicht so kaltblütig und gerissen sein, ein makelloses Gewebe aus Lügen zu spinnen, oder?

Sie starrte ihn an, stumm, die Arme eng verschränkt, das Gesicht undeutbar.

Aber Gavin musste ein größeres Spiel spielen. Die wahre Prüfung war, was hier unter der Oberfläche geschah. Eirene war es, die die eigentliche Macht in Ruthgar hatte. Die Satrapa, Euterpe Ptolos, stand unter ihrem Pantoffel. Eirenes Vater, Dervani, hatte sich dem Farbprinzen angeschlossen. Was immer er sonst sechzehn Jahre lang getan hatte – und es war Dervani gewesen, Gavin hatte ihn eindeutig erkannt, wenn auch nicht sofort –, er hatte sich am Ende den Heiden angeschlossen. Indem er einen Keil zwischen Eirene und ihren Vater trieb, erwies Gavin den Sieben Satrapien einen echten Dienst, denn wenn Eirenes Hass so groß war, dass er alles andere überstrahlte, konnte sie Ruthgar vielleicht zwingen, die Seiten zu wechseln und sich dem Farbprinzen anzuschließen.

Ein solcher Schritt wäre unglaublich dumm. Diejenigen, die ganz oben standen, hatten von einer Revolution, wie sie der Farbprinz beabsichtigte, nichts zu gewinnen. Eine wütende Armee in seine Stadt einladen? Man sollte nicht einmal die Armee eines Freundes in seine Städte einladen.

Aber Hass und Neid säen Selbstzerstörung in jedem Herzen, das ihnen Raum zum Gedeihen gibt. Um die Guiles von der Macht zu verdrängen, wäre diese kinderlose Frau vielleicht auch bereit, den Verlust von allem zu riskieren, was ihre Familie besaß.

Also lüge ich im Dienste des übergeordneten Gesamtwohls. Wie immer.

Nach wie vor starrte sie ihn an.

Im Moment gab es für ihn nichts zu gewinnen. Wenn sie sich zu einer Entscheidung gedrängt fühlte, würde sie in Zukunft bald wieder daran zu zweifeln beginnen. Was immer sie tat, sie musste das Gefühl haben, dass ihr Tun ihre eigene Entscheidung und nach ihrem Wissen alternativlos war, dann war es auch unumkehrbar und das dafür geschlossene Bündnis unlösbar.

Die Finger? Vielleicht würde sie niemals dafür zahlen müssen. Oder zumindest noch lange Zeit nicht. Gavin würde die Kohlen seines Zorns begraben und warm unter der Erde weiterglühen lassen müssen. Eines Tages vielleicht, würde der Tag der Abrechnung kommen. Aber nicht heute. Noch nicht bald.

Er konnte ihren Blick nicht dauerhaft ertragen. Er sah sie an, schaute weg, schaute wieder hin, ließ die Schultern herabsacken, als fühle er sich schutzlos ausgeliefert. Sie nicht herausfordern. Es war wichtig, dass sie die Sache in Ruhe durchdachte.

Schließlich sagte sie: »Nach den Kriegen hatte meine Familie überall Güter, aber viele von ihnen waren verwüstet worden. Ihre Wiederherstellung verlangte gewaltige Mengen an Gold. Zehntausende Danar, um Reben für die Weingärten zu importieren, um neue Sklaven für die Baumwollplantagen zu kaufen, um die Ausbildung von Wandlern zu bezahlen und sie hinterher einzustellen, um die für den Transport unserer Waren nötigen Flussbarkassen zu mieten und schließlich zu kaufen. Neue Äxte zum Holzfällen mussten gekauft werden, Eisen für die Halterungen neuer Wasserräder sowie Mühlsteine – die, aus dem hiesigen weicheren Stein gehauen, zwar nur halb so viel kosten würden, aber auch nur ein Drittel so lange halten würden wie die per Schiff eingeführten. Doch jedes Mal, wenn ich in den Geschäftsbüchern meines Vaters meine Berechnungen anstellte – genau genommen waren es die Rechnungsbücher des Haushofmeisters meines Vaters, Melanthes, aber er starb während des Blutkrieges –, jedes Mal fielen mir die Spalten für die folgenden Rechnungsposten ins Auge: ›Kosten für angeheuerte Wachen‹, manchmal auch ›Bestechungsgelder für die Schulten der Blutwaldgemeinden‹ und ›Verluste durch Piraten‹. Und am Ende des Jahres: ›Reparaturen für Schäden durch Überfälle‹ und ›Ersatz von durch Überfälle verlorenen Wandlern‹. Irgendwann waren diese Rechnungsbücher natürlich voll, und ich machte mit neuen weiter, aber diese Spalten habe ich übernommen. Und ich habe mir ein genaues Bild davon gemacht, wie hoch diese Kosten gewesen waren. Der alte Melanthes war fünfundvierzig Jahre lang unser Haushofmeister gewesen, und er konnte solche Kosten schließlich sehr genau voraussagen. Wenn man weiß, dass man beim Überschiffen von tyreanischen Apfelsinen ein Boot von zehn verliert, weiß man auch, welchen Profit man dabei machen muss, damit sich die Aktion im nächsten Jahr wieder lohnt. Im Laufe der Zeit spielt das eine große Rolle. Mein Vater hat nie begriffen, dass Melanthes der wahre Grund war, warum wir am Ende des Krieges des Falschen Prismas und der Blutkriege überhaupt noch Besitz hatten, auch wenn wir in den Kriegen allzu viele Söhne und Töchter verloren hatten.« Sie holte tief Luft. »Aber wann immer ich nach den Geschäftsbüchern griff, um eine Entscheidung über Kauf und Beförderung dieses oder jenes Gutes zu treffen, habe ich die Spalten für diese Kosten gesehen. Doch ich selbst habe sie nie bezahlen müssen. Ich bin sehr gut im Rechnen, und ich habe meine Zahlen mit denen von Melanthes verglichen. Und was ich herausgefunden habe und was ich, wenn ich diese Spalten vor mir sehe, auch niemals leugnen kann, ist, dass ich in Eurer Schuld stehe, Gavin Guile. In welchem Maße hängt davon ab, von welchen Annahmen ich dabei ausgehe. Dass ich einen gewissen Prozentsatz an Kosten gespart habe, ist völlig unstrittig – ich hätte in jedem Fall durch Überfälle, Mord und Piraterie Männer und Vermögen verloren –, doch die entscheidende Frage ist, wann ich sie wohl verloren hätte. Wenn man aus einer Herde von Hunderten Pferden einen preisgekrönten Hengst und eine Stute verliert, trifft einen dieser Verlust. Aber wenn man sie verliert, ehe man die Herde überhaupt gezüchtet hat, zerstört es einen. Also habe ich die Perlen an meinem Abakus hin- und hergeschoben und gerechnet. Ich habe mich entschieden, die emotionalen Kosten des Verlusts von Familienmitgliedern oder getreuen Dienern und Sklaven nicht in Zahlen zu bemessen. Es hat sich für mich außerdem als unmöglich herausgestellt, die nur hypothetischen, aber einschneidenden Kosten meiner womöglich durch Heirat und Kinderkriegen verlorenen Lebenszeit in Zahlen auszudrücken – wenn allzu viele Mitglieder meiner Familie getötet worden wären, hätte ich nämlich heiraten und Kinder in die Welt setzen müssen. Die Frauen in meiner Familie haben sich meist schnell wieder von ihren Geburten erholt, aber es ließ sich unmöglich ausrechnen, wie viele Schwangerschaften ich hätte erdulden müssen und wie viel Arbeit ich in der Zeit um die Geburt herum überhaupt noch hätte leisten können. Und natürlich habe ich die Tatsache, dass ich nun nicht habe heiraten und Kinder gebären müssen, nicht mit irgendeiner Summe beziffert. Angesichts meines gegenwärtigen Reichtums müsste ich für dieses Privileg eine wesentlich höhere Summe ansetzen, als wenn die Umstände andere gewesen wären. Ihr seht, Ihr stellt mich vor schwierige Fragen.«

»Ich glaube, irgendwo während Eurer Ausführungen habe ich den Faden verloren«, sagte Gavin. Tatsächlich hatte er durchaus folgen können, wie er glaubte, aber es war selten ein Fehler, einen Feind denken zu lassen, dass er klüger war als man selbst.

»Weil Ihr den Krieg beendet habt, Gavin. Und dann habt Ihr den Piraten den Garaus gemacht. Mehrmals in Folge. Und dass die Steuern gesunken sind, weil kein Krieg mehr finanziert werden musste, habe ich Euch dabei noch nicht einmal gutgeschrieben. Auf die eine oder andere Weise, Gavin Guile, hat Eure Familie mich meinen Vater, meinen letzten Onkel und vier entfernte Cousins gekostet. Doch nach meinen Berechnungen schulde ich Euch irgendetwas zwischen vier Jahren und dreiundzwanzig Tagen und siebenundzwanzig Jahren und sechzehn Tagen. An Jahren meiner Arbeit. Jahren meines Lebens. Ihr habt mir womöglich Ausgaben in Höhe von tausend mal tausend Danar erspart; Ihr habt es mir möglich gemacht, meine Familie neu aufzubauen, und indem Ihr dem Blutkrieg ein Ende bereitet habt, habt Ihr mit Sicherheit verhindert, dass das Blut vieler Menschen, die ich liebe, vergossen wird. Mein Wunsch, Euch zu töten, ist so stark, dass mir davon der Magen wehtut, und der bloße Gedanke an Euch hat mir Kopfschmerzen bereitet, die so heftig waren, dass sie ein Weltreich in den Ruin treiben könnten. Ich bin bekannt, ja vielleicht berühmt dafür, in meinen Geschäften offen und ehrlich zu sein. Ich habe niemals jemanden betrogen, obwohl ich seit langer Zeit genug Macht dazu hätte. Aber womit wiegt man vergossenes Blut auf?«

»Ich hinterlasse ein schwieriges Erbe«, konstatierte Gavin trocken.

»Man wiegt Blut mit Blut auf«, antwortete sie.

»Ach so, das war eine rhetorische Frage«, sagte Gavin. »Aber Ihr scheint mir viel zu erbarmungslos und auch viel zu trunken vor Freude über mein Leiden, um als Nächstes zu sagen: ›Gavin, Ihr habt das Leben von Menschen gerettet, die ich liebe, also werde ich das Eure retten.‹«

»Was immer Ihr sonst noch sein mögt – und Ihr seid alles Mögliche, Gavin Guile –, dumm seid Ihr jedenfalls nicht. Habt Ihr von der Schlacht von Ochsfurt gehört?«

»Ich war so beschäftigt … Kam mir so vor, als würde ich einfach endlos im Kreis herumrudern. Ist wohl an mir vorübergegangen.«

»Die Chromeria hat an einem einzigen Tag fünfundfünfzigtausend Mann verloren. Fünfunddreißigtausend davon waren Ruthgari. Mein Volk.«

Gavin war zumute, als hätte er soeben einen Tritt in den Magen bekommen. »Was ist geschehen?«

»General Azmith hat die Idee gehabt, den Farbprinzen am Fluss Ao in die Enge zu treiben und aufzureiben.«

»Am Ao? Dieser Fluss ist doch gar nicht so tief, oder?«, fragte Gavin.

»Während der Regenzeit im Winter ist er tief genug.«

Gavin kannte den Fluss nur im Sommer.

»Der General hat versucht, die Blutröcke zu erwischen, als sie die Furt überquerten. Ihre Wichte hatten binnen einer halben Stunde fertige Brücken gewandelt, und dann haben sie unsere Armeen umzingelt und ihrerseits uns am Ufer in die Enge getrieben und förmlich zermalmt. Die Blutwäldler, die den Schlachtplan von vornherein absolut hirnrissig fanden, hatten sich entschlossen gezeigt, da nicht mitzumachen, aber General Azmith ließ sich nicht erweichen. Er zog ohne sie in die Schlacht. Also ist der Farbprinz in den Blutwald einmarschiert, und der Blutwald hat keine Menschenseele verloren, während mein Volk einen Schlag hinnehmen musste, von dem es sich vielleicht nicht wieder erholen wird.«

Mein Volk. Sie sagte das nicht wie eine Landestochter, sondern wie eine Anführerin. Sie musste Satrapa Ptolos völlig in der Hand haben. Aber das war noch nicht das Schlimmste. Mit den Schlachten von Ru und von Ochsfurt hatten die Sieben Satrapien zwei militärische Katastrophen in Folge erlitten. Selbst mit all den Reichtümern Ruthgars konnte eine Satrapie nur den Verlust einer begrenzten Zahl von Leben verkraften.

»Und die Lage ist nicht besser geworden. Nach Ochsfurt hat er seine Armee geteilt und die Hälfte ins Quellgebiet des Aos entsandt, um zu versuchen, ihre Nachschubwege abzuschneiden.«

Das war ein langer Weg und bedeutete einen langen Verzicht auf die Hälfte seiner Armee. Gavin hätte kleine Trupps zu Plünderzügen über den Fluss geschickt, nicht die Hälfte seiner Armee.

»General Azmith hat die Bewohner von Rabenfels angefleht, sich nicht zu ergeben, sondern auszuharren; hat ihnen versichert, dass er sie retten würde. Sie hielten die Stellung, aber er kam zu spät. Seine Truppen flohen in Unordnung und ließen Kanonen, Schießpulver und ganze Wagenladungen mit Proviant und Musketen zurück.«

»Offensichtlich gibt es nur eins, was Ihr tun könnt«, sagte Gavin.

»Und das wäre?«

»Mich freilassen.«

»Und warum sollte ich das tun?«

»Weil ich Schlachten gewinne. Weil Euch der Farbprinz in Sachen Blutzoll, den andere Euch noch zu entrichten haben, am meisten schuldet.«

»In dem Punkt bin ich mir nicht sicher. Ich glaube, diese Blutschuld habt vielmehr Ihr zu tragen.«

»Ich?«, fragte Gavin mit echter Verwunderung. »Wieso sollten all diese Leben denn auf mein Konto gehen?«

»Ihr habt diesen Krieg zugelassen. Ihr hättet ihn in Garriston beenden können oder schon sehr viel früher.«

»Was? Was?! Ich habe alles Erdenkliche getan, um diesen Krieg zu beenden! Wie schlecht sind Eure Spione eigentlich, wenn Ihr da irgendetwas anderes glauben könnt?«

»Ihr seid ein Lügner, Gavin Guile. Darin sind sich alle einig.«

Für seine Sünden getötet zu werden war das eine. Schließlich gab es da auch eine ganze Menge. Etwas anderes war es jedoch, für genau das getötet zu werden, was man zu beenden versucht hatte. Er wechselte die Taktik. »Erinnert Ihr Euch an Eure Nummer in der Auslosung?«

»Eins fünfzig sieben. Jeder erinnert sich an seine orholamverdammte Nummer. Zwei Tage mit diesem verfluchten gefalteten Ding in der Hand, ohne zu wissen, ob es nicht vielleicht meinen Tod bringen würde.«

Die Auslosung war die Methode gewesen, mit der ein zorniger junger Gavin die endlosen Blutkriege beendet hatte. Nur die führenden Familien beider Seiten hatten diese Nummern bekommen. Auf Gavins Befehl hin hatten sich zweitausend Menschen versammelt, die zu den reichsten Familien von Blutwald und Ruthgar mit den besten Beziehungen gehörten. Schon beim bloßen Gedanken waren viele seiner Schwarzgardisten einem Schlaganfall nahe gewesen. Nicht, dass ihn das aufgehalten hätte.

Gavin hatte sie alle ins Hippodrom geladen, um dort um Frieden zu beten. Die Teilnahme war nicht freiwillig. Keine Wandler wurden eingelassen, ausgenommen jene, die Mitglieder besagter Familien waren, und größere Waffen hatten Gavins Schwarzgardisten allen Anwesenden abgenommen, während sie ihnen Messer und Ähnliches zum persönlichen Schutz gelassen hatten, um jeden Verdacht zu zerstreuen. Die Oberhäupter aller Familien hatten verstanden, dass man lieber keine Schwerter, Ataghane und Speere um sich haben wollte, wenn man erbitterte Feinde an einem Ort versammelte.

Jede Familie hatte sich entsprechend ihrer Nummer in einer Reihe aufgestellt. Eine willkürlich gewählte Nummer – zumindest dachten sie das. Felia Guile hatte Gavin geholfen zu entscheiden, wer jeweils die vorderen Positionen einnehmen sollte. Sie hatte auch beim Täuschungsmanöver selbst geholfen: Gavin hatte alle gefalteten Zettel mit einer ultravioletten Zahl versehen, als sie von den betreffenden Personen in die dafür bestimmte Schale geworfen wurden. Felia hatte Lucidonius’ ultraviolette Brille um den Hals getragen, obwohl niemand wusste, dass es sich um diese Brille handelte, und selbst wenn, hätten die wenigsten gewusst, was es mit ihr auf sich hatte. Jedes Mal, wenn sie in die Schale griff, hielt sie den Kopf wie zum Gebet gesenkt, sah durch die Brille und griff nach dem passenden Zettel.

Es klappte bei allen Familien wie gewünscht, mit einer Ausnahme, wo zwei ihre gefalteten Papiere getauscht hatten. Gavin – damals jünger und zorniger – hatte lediglich die Achseln gezuckt und gesagt: »Sie wollen das Prisma belügen? Wer Wind sät.« Seine Mutter wusste, wie das Sprichwort weiterging. Sie hatte es stillschweigend hingenommen.

Als ihn die Reihen von Familien im Kreis umstanden – vorne immer derjenige jeder Familie, dem Gavin die niedrigste Zahl zugewiesen hatte –, hatte er auf einen großen, runden Holztisch gedeutet, den er neben sich auf die erhöhte spina hatte stellen lassen. Er hatte ein Gebet für den Frieden gesprochen, irgendein Gefasel, an das er sich jetzt nicht mehr erinnern konnte. Nachdem sie alle seine hinreichend allgemeinen und unverbindlichen Worte an Orholam abgenickt und das Zeichen der Sieben gemacht hatten, hatte er erneut auf den rohbehauenen runden Tisch neben sich gewiesen. »Meine Freunde«, hatte er gesagt. »Hier steht der Tisch des Friedens. Im gesegneten Licht Orholams, wer will sich zu mir an diesen Tisch gesellen?«

Eine einzige Familie, die Glockenblums, hatte ihre Mutter zu ihm nach vorne geschickt. Die Glockenblums waren einst eine große Familie gewesen, die gegenüber ihren Feinden keine Gnade kannte. Jetzt waren sie nur mehr ein Schatten ihrer selbst. Der Mutter waren noch zwei Töchter und zwei entfernte Cousins geblieben, ein kleines Stück Land, keinerlei Reichtümer. Die Familie stand kurz davor, ihren Adelstitel zu verlieren oder ganz auszusterben.

Alle anderen sahen ihren Herrn oder ihre Herrin an, ihren Schulten oder ihre Schultin.

Gavin fuhr fort: »Ich glaube, ihr versteht es alle nicht. Euer Krieg hat eure Länder geplündert und brachliegen lassen. Er hat all eure Felder mit unreinem Blut getränkt, während jede eurer Taten die vorausgegangene an Schändlichkeit und Unmenschlichkeit zu übertreffen suchte. Euer Krieg ist eine Beleidigung Orholams. All das wisst ihr, doch eure Blutgier ist größer als eure Scham. Ihr wagt es nicht, um Vergebung für eure Gräueltaten zu bitten, weil ihr dann vielleicht auch euren Feinden deren Gräueltaten vergeben müsstet. Eure Verbitterung ist ein Geschwür auf euren Gesichtern, das euch die Sicht verstellt. Also zahlt ihr jedes Jahr euren Blutzoll, indem ihr einen Teil eurer Söhne und Töchter in den Tod schickt, nur damit ihr in eurem Stolz und eurer Torheit fortfahren könnt. Und noch viel größer ist jedes Jahr der Blutzoll jener, die in den Sog eurer lästerlichen Gottlosigkeit und eurer Arroganz gezogen werden. Ihr habt nicht nur Orholam beleidigt; ihr habt mich beleidigt. Ihr habt nicht nur eure eigenen Familien sowie die Familien eurer Feinde und der Unschuldigen beraubt, ihr habt die Sieben Satrapien beraubt. Satrapen und, ja, selbst Prismen sind zu euch und zu euren Vätern gekommen, um diese Kriege zu beenden. Ihr habt mit vorübergehenden Waffenstillständen und Lügen reagiert. Ruhepausen, in denen ihr euch dann stets erneut bewaffnet und Nachwuchs zeugt, eure Söhne und Töchter danach auswählt, wer vielleicht der stärkste Wandler sein könnte, wer die meisten Farben haben würde … Ich weiß. Ja, ich bin selbst das Ergebnis einer solchen Zucht. Aber jetzt bin ich Prisma, und was ich heute tue, tue ich nicht für meine Familie, sondern für die Sieben Satrapien. Heute ist euer Krieg beendet. Und ich frage jetzt erneut: Will sich jemand von euch zu mir an den Tisch des Friedens setzen?« Er machte eine weit ausholende Handbewegung, als lade er sie ein.

Niemand reagierte. Gavin, der über den Dreh- und Angelpunkt seiner Wünsche die ganze Welt bewegte, Führer und Verlierer, Vertriebener und Henker, Gavin wurde einfach nicht beachtet.

Er starrte in die Sonne, als würde er beten. Es war einer jener glutheißen Tage, an denen die Luft des Deltas zum Schneiden dick war, und die Geräusche der Stadt drangen bis ins Zentrum des Hippodroms. Er hatte einen Stoßseufzer zum Himmel gesandt, aber jetzt betete er nicht mehr. Er füllte sich mit Macht.

»So sei es«, sagte er. Er machte eine erneute Handbewegung, und diesmal schossen entlang der ultravioletten Führungsdrähte, die er um die Kehle jedes Mannes und jeder Frau in der ersten Reihe des Kreises gelegt hatte, blaue Luxin-Nadeln hervor. Sie bohren sich durch jede Kehle und jedes Rückgrat.

Der oder die Vorderste in der Reihe jeder Familie fiel tot zu Boden.

Es geschah so plötzlich und brutal und dabei so leise und fast beiläufig, dass niemand ein Wort sagte. Viele wussten nicht einmal, warum die Menschen zusammengebrochen waren.

»Der Krieg scheint so willkürlich Ernte zu halten«, rief Gavin. »Nicht wahr? Wer lebt weiter, wer stirbt? Es ist wie ein Losverfahren. Aber bei meiner Auslosung werdet nur ihr, die ihr verantwortlich für diesen Krieg seid, sterben. Ich denke, das gemeine Volk wird diese Methode bei Weitem vorziehen. Also! Wer will sich zu mir an den Tisch des Friedens setzen?«

Für einen Moment herrschte der Schock, und jede Familie starrte ihren Toten an. In jedem Fall hatte »Orholam« denjenigen als Ersten in der Reihe auserwählt, der der streitsüchtigste und erbittertste Gegner, der hassenswerteste und schuldigste Mensch der ganzen Familie gewesen war. Einige Familien mussten sogar froh gewesen sein, ihr unangenehmstes Mitglied zu verlieren – und noch viel froher darüber, auch den schlimmsten Vertreter der anderen Familien sterben zu sehen.

Aber diese Familien waren dazu ausgebildet, ja vielfach wortwörtlich dazu gezüchtet worden, Krieg zu führen.

»Seid Ihr wahnsinnig?«, fragte eine Frau aus der Familie Weide.

»Ihr habt meinen Vater getötet!«, rief ein sechzehnjähriger Grünapfel mit feuerrotem Haar. Verdammte Blutwäldler mit ihrem ungestümen Temperament. Der junge Mann zog seinen Gürteldolch, einen wilden Ausdruck im Gesicht.

»Dein Vater war ein Dummkopf, und du wirst gleich ein toter Dummkopf sein, wenn du mich angreifst«, wandte sich Gavin an den jungen Mann.

»Ahhh!« Der junge Mann stürmte auf das Podest.

Einige Menschen können einfach nicht gut mit Überraschungen umgehen.

Gavin versetzte alle dadurch in Erstaunen, dass er ihm einfach den Rücken zuwandte. »Es ist nicht nötig, das noch jemand stirbt«, rief er. Hinter seinem Rücken erschien wie aus dem Nichts Eisenfaust, der aufstrebende junge Wachhauptmann der Schwarzen Garde, und mähte den jungen Mann nieder, bevor er Gavin erreichen konnte.

Es war ein so unsinniger Tod, dass Gavin plötzliche Wut überrollte. »Setzt euch an diesen verfluchten Tisch, und niemand sonst braucht mehr zu sterben!«, brüllte er.

Eine weitere kleine Handbewegung, und die zweite Runde von Männern und Frauen starb. Er hatte das Geräusch von Projektilen, die sich in menschliches Fleisch bohrten, schon beinahe vergessen.

Ihre Reihen lösten sich sämtlich auf, und sie rasten in wilder Flucht über den Sand. Er hatte gewusst, dass es so kommen würde. Die verdammten Feiglinge. Als hätte er im Laufe des Krieges der Prismen niemals einen Hinterhalt gelegt. In seinen Gedanken war dieser Krieg für ihn immer noch der Krieg der Prismen – die Bezeichnung, die auch die Verlierer benutzten –, obwohl er glaubte, sich im lauten Reden darüber kein einziges Mal versprochen und immer »Der Krieg des Falschen Prismas« gesagt zu haben.

ENDE DER LESEPROBE