Der Weg in die Schatten - Brent Weeks - E-Book

Der Weg in die Schatten E-Book

Brent Weeks

4,6
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Beschreibung

In den Schatten wirst du deine Seele verlieren!
Der atemberaubende Auftakt zur spannenden Dark Fantasy Trilogie von Erfolgsautor Brent Weeks.


Durzo Blint ist ein gefährlicher Mann, ein unübertroffener Meister in der Kunst des Tötens. Doch für den Gassenjungen Azoth ist der gefürchtete Meuchelmörder die einzige Chance, am Leben zu bleiben – denn der allgegenwärtige Hunger und die Schrecken der Straße würden für Azoth über kurz oder lang den sicheren Tod bedeuten. Doch Durzo Blint ist in der Auswahl seiner Lehrlinge äußerst wählerisch – und es ist gut möglich, dass Der Weg in die Schatten einen weit höheren Preis fordert, als Azoth es sich je vorstellen konnte …

Alle Bände der Schatten-Trilogie

Band 1 - Der Weg in die Schatten

Band 2 - Am Rande der Schatten

Band 3 - Jenseits der Schatten

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 923




Inhaltsverzeichnis
 
Widmung
 
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
 
Copyright
Für KristiVertraute, Gefährtin, beste Freundin, Braut.Sie sind alle für dich.
1
Azoth hockte in der Gasse, kalten Schlamm zwischen den nackten Zehen. Er starrte auf den schmalen Spalt unter der Wand einer Schenke und versuchte, all seinen Mut zusammenzuraffen. Die Sonne würde erst in einigen Stunden aufgehen, und die Taverne war verlassen. Die meisten Tavernen in der Stadt hatten Böden aus festgestampftem Lehm, aber dieser Teil der Vorstadt war über Sumpfland erbaut worden, und nicht einmal Betrunkene standen gern knöcheltief im Schlamm. Daher stand die Taverne auf Stelzen einige Zoll über der Erde und hatte einen Boden aus kräftigem Bambusrohr.
Manchmal fielen Münzen durch die Ritzen zwischen den Bambusstämmen. Die meisten Menschen waren zu groß, um unter die Stelzenbauten zu kriechen und dort das Verlorene zu suchen. Das traf sogar für die Größeren in der Gilde zu, und die Kleineren hatten zu viel Angst, um sich in die erstickende Dunkelheit zu quetschen, die sie mit Spinnen, Küchenschaben, Ratten und dem boshaften, halbwilden Kater des Besitzers teilen mussten. Am schlimmsten war der Druck der Bambusstäbe im Rücken, wann immer ein Gast darüber hinwegging. Ein Jahr lang war es Azoths Lieblingsstelle gewesen, aber er war nicht mehr so klein wie früher. Beim letzten Mal hatte er festgeklemmt und Stunden der Panik durchlebt, bis es regnete und der Boden unter ihm weich genug wurde, um sich auszugraben.
Jetzt war der Boden schlammig, und es würden keine Gäste da sein; außerdem hatte Azoth den Kater weggehen sehen. Es sollte eigentlich gelingen. Überdies sammelte Ratte morgen den Gildepfennig ein, und Azoth hatte keine vier Kupfermünzen. Er besaß nicht einmal eine, daher hatte er keine große Wahl. Ratte war keineswegs verständnisvoll, und er kannte seine eigene Kraft nicht. Kleine waren schon unter seinen Schlägen gestorben.
Azoth schob Berge von Schlamm beiseite und legte sich auf den Bauch. Die feuchte Erde durchnässte sofort sein dünnes, schmutziges Hemd. Er würde schnell arbeiten müssen. Er war mager, und wenn er sich eine Erkältung holte, standen die Chancen auf Genesung nicht gut.
Während er in die Dunkelheit eintauchte, suchte er nach dem verräterischen, metallischen Glänzen. In der Taverne brannten noch immer zwei Lampen, daher fiel Licht durch die Ritzen und beleuchtete den Schlamm und das stehende Wasser in seltsamen Rechtecken. Schwerer Sumpfnebel kroch an den Lichtstrahlen hinauf, nur um immer wieder herabzufallen. Spinnweben zogen sich über Azoths Gesicht und zerrissen, und er spürte ein Kribbeln im Nacken.
Abrupt erstarrte er. Nein, es war nur Einbildung. Langsam atmete er aus. Etwas glitzerte, und er eroberte seine erste Kupfermünze. Dann rutschte er zu dem rauen, unbearbeiteten Kiefernbalken hinüber, unter dem er beim letzten Mal festgesessen hatte, und schaufelte Schlamm beiseite, bis Wasser die Vertiefung füllte. Die Lücke war so schmal, dass er den Kopf zur Seite drehen musste, um sich darunter hindurchzuzwängen. Mit angehaltenem Atem drückte er das Gesicht in das schleimige Wasser und kroch langsam weiter.
Sein Kopf und seine Schultern schafften es hindurch, aber dann verfing sich ein Aststummel der Kiefer in seinem Hemd, riss den Stoff auf und stach ihn in den Rücken. Er hätte beinahe aufgeschrien und war sofort froh, dass er es nicht getan hatte. Durch eine breite Lücke zwischen zwei Bambusrohren sah Azoth einen Mann an der Theke sitzen, der noch immer trank. In den Tavernen musste man Menschen schnell beurteilen können. Selbst wenn man flinke Hände hatte wie Azoth - wer tagtäglich stahl, würde unweigerlich irgendwann geschnappt werden. Alle Kaufleute schlugen die Gilderatten, die sie bestahlen. Wenn sie wollten, dass ihnen überhaupt Waren zum Verkaufen übrig blieben, mussten sie es tun. Der Trick bestand darin, diejenigen auszuwählen, die einen schlugen, damit man es beim nächsten Mal nicht an ihrem Stand versuchte; es gab andere, die einen so übel verprügelten, dass es kein nächstes Mal gab. Azoth glaubte, bei dieser schlaksigen Gestalt so etwas wie Freundlichkeit, Traurigkeit und Einsamkeit zu erkennen. Der Mann war vielleicht dreißig, mit einem zotteligen, blonden Bart und einem riesigen Schwert an der Hüfte.
»Wie konntest du mich im Stich lassen?«, flüsterte der Mann so leise, dass Azoth die Worte kaum ausmachen konnte. Er hielt eine bauchige Weinflasche in der linken Hand und drückte mit der rechten etwas an sich, das Azoth nicht sehen konnte. »Nach all den Jahren, die ich dir gedient habe, wie konntest du mich da jetzt im Stich lassen? Ist es wegen Vonda?«
Azoths Wade juckte, doch er ignorierte es. Es war abermals nur Einbildung. Er griff hinter sich, um sein Gewand zu befreien. Er musste seine Münzen finden und von hier verschwinden.
Etwas Schweres fiel über Azoth auf den Boden und schlug ihm das Gesicht ins Wasser, so dass ihm alle Luft aus der Lunge wich. Er keuchte und hätte um ein Haar Wasser eingeatmet.
»Wahrhaftig, Durzo Blint, du schaffst es doch immer wieder, mich zu überraschen«, sagte die schwere Last über Azoth. Durch die Ritzen war von dem Mann nichts zu sehen außer einem gezückten Dolch. Er musste aus den Dachsparren gesprungen sein. »He, ich bin immer dafür, jemanden zu zwingen, Farbe zu bekennen, aber du hättest Vonda sehen sollen, als sie dahinterkam, dass du sie nicht retten würdest. Ich war verdammt nah dran, mir die Augen auszuheulen.«
Der schlaksige Mann drehte sich um. Er sprach sehr langsam und mit gebrochener Stimme. »Ich habe heute Nacht sechs Männer getötet. Willst du wirklich, dass ich sieben daraus mache?«
Azoth begriff langsam, wovon sie sprachen. Der schlaksige Mann war der Blutjunge Durzo Blint. Man konnte einen Blutjungen als gedungenen Mörder bezeichnen - wie man einen Tiger auch ein Kätzchen nennen konnte. Unter den Blutjungen war Durzo Blint unstreitig der Beste. Oder zumindest, wie das Oberhaupt von Azoths Gilde sagte, dauerten die Streitigkeiten darüber nie lange. Und ich dachte, Durzo Blint sehe freundlich aus?
Azoths Wade begann von neuem zu jucken. Es war keine Einbildung. Etwas kroch in seinen Hosen hinauf. Es fühlte sich groß an, aber nicht so groß wie eine Küchenschabe. Azoths Furcht identifizierte das Etwas als weiße Wolfsspinne. Ihr Gift verflüssigte Fleisch in einem sich langsam ausdehnenden Kreis. Wenn sie zubiss, konnte ein Erwachsener, selbst wenn ein Heiler in der Nähe war, bestenfalls darauf hoffen, nur eine Gliedmaße zu verlieren. Solches Glück würde eine Gilderatte nicht haben.
»Blint, du wirst von Glück sagen können, wenn du dir nach all dem, was du getrunken hast, nicht selbst den Kopf abschneidest. Allein in der Zeit, die ich zugesehen habe, hast du wie viele Flaschen getrunken?«
»Acht. Und davor hatte ich schon vier.«
Azoth rührte sich nicht. Wenn er die Beine zusammenpresste, um die Spinne zu töten, würde das Wasser umherschwappen, und die Männer würden wissen, dass er dort war. Selbst wenn Durzo Blint freundlich ausgesehen hatte, hatte er ein schrecklich großes Schwert, und Azoth war nicht dumm genug, um Erwachsenen zu trauen.
»Du bluffst«, sagte der Mann, aber in seiner Stimme lag Furcht.
»Ich bluffe nicht«, entgegnete Durzo Blint. »Warum lädst du deine Freunde nicht ein, hereinzukommen?«
Die Spinne kroch an der Innenseite von Azoths Schenkel hinauf. Zitternd zog er sein Hemd hinten hoch und dehnte den Bund seiner Hose, um eine Öffnung freizugeben; er betete, dass die Spinne darauf zukriechen würde.
Über ihm hob der gedungene Mörder zwei Finger an die Lippen und pfiff. Azoth sah nicht, dass Durzo sich bewegte, aber der Pfiff endete in einem Röcheln, und einen Moment später fiel der Mann zu Boden. Schreie wurden laut, als die Türen vorn und hinten aufgerissen wurden. Die Bretter bogen sich durch und sprangen wieder zurück. Azoth, vollauf darauf konzentriert, die Spinne nicht zu stören, bewegte sich nicht, nicht einmal als ein weiterer herabstürzender Körper sein Gesicht für einen Moment unter Wasser drückte.
Die Spinne kroch über Azoths Hintern und dann hinaus auf seinen Daumen. Langsam zog Azoth die Hand an sich, um sich die Spinne anzusehen. Seine Befürchtungen bestätigten sich. Es war eine weiße Wolfsspinne, und ihre Beine waren so lang wie Azoths Daumen. Er schleuderte sie krampf haft von sich und rieb sich die Finger, um sich davon zu überzeugen, dass er nicht gebissen worden war.
Dann griff er nach dem Aststumpf, der sein Hemd festhielt, und brach ihn ab. Das Geräusch vervielfachte sich in der plötzlichen Stille über ihm. Azoth konnte niemanden durch die Ritzen sehen. Einige Schritte entfernt tropfte etwas von den Brettern und sammelte sich in einer Pfütze. Es war zu dunkel, um zu sehen, was es war, aber man brauchte nicht viel Fantasie, um es zu erraten.
Die Stille war unheimlich. Wäre einer der Männer über den Boden gegangen, hätten ächzende Bretter und sich biegende Bambusstäbe es verraten. Der ganze Kampf hatte vielleicht zwanzig Sekunden gedauert, und Azoth war sich sicher, dass niemand die Taverne verlassen hatte. Hatten sie alle einander getötet?
Er fror, und nicht nur wegen des Wassers. Der Tod war kein Fremder im Labyrinth der Vorstadt, aber Azoth hatte noch niemals Menschen so schnell und so mühelos sterben sehen.
Obwohl er doppelt vorsichtig war, um der Spinne nicht wieder zu begegnen, hatte Azoth binnen weniger Minuten sechs Kupfermünzen gefunden. Wenn er mutiger gewesen wäre, hätte er die Leichen in der Taverne geplündert, aber Azoth konnte nicht glauben, dass Durzo Blint tot war. Vielleicht war er ein Dämon, wie die anderen Gilderatten sagten. Vielleicht stand er draußen und wartete darauf, Azoth zu töten, weil er ihn ausspioniert hatte.
Mit von Furcht enger Brust drehte Azoth sich um und schob sich auf sein Loch zu. Sechs Kupfermünzen waren gut. Ratte verlangte nur vier, daher konnte er morgen Brot kaufen und es sich mit Jarl und Puppenmädchen teilen.
Er war einen Schritt von der Öffnung entfernt, als etwas Helles direkt vor seiner Nase aufblitzte. Es war so nah, dass er einen Moment brauchte, um es deutlich zu erkennen. Es war Durzo Blints riesiges Schwert, und der Blutjunge hatte es bis in den Schlamm hinein durch den Boden gerammt und damit Azoths Fluchtweg versperrt.
Direkt über Azoth auf der anderen Seite des Bodens flüsterte Durzo Blint: »Du wirst niemals darüber sprechen. Verstanden? Ich habe schon Schlimmeres getan, als Kinder zu töten.«
Das Schwert verschwand, und Azoth krabbelte in die Nacht hinaus. Er rannte meilenweit, ohne stehen zu bleiben.
2
»Vier Kupfermünzen! Vier! Das sind keine vier.« Rattes Gesicht war so zornesrot, dass seine Pickel nur noch als bleiche Punkte erschienen. Er packte Jarls fadenscheiniges Gewand und hob ihn vom Boden hoch. Azoth zog den Kopf ein. Er konnte nicht hinsehen.
»Das sind vier!«, schrie Ratte, und Speicheltröpfchen flogen durch die Luft. Als er Jarl ins Gesicht schlug, wurde Azoth klar, dass er eine Vorführung gab. Ratte schlug zwar definitiv zu, aber mit flacher Hand. So klang es lauter. Ratte beachtete Jarl nicht einmal. Er beobachtete den Rest der Gilde und genoss ihre Angst.
»Wer ist der Nächste?«, fragte Ratte und ließ Jarl fallen. Azoth trat schnell vor, damit Ratte seinen Freund nicht trat. Mit seinen sechzehn Jahren war Ratte bereits so groß wie ein Mann, und er hatte Fett angesetzt, was ihn einzigartig unter den Sklavengeborenen machte.
Azoth hielt ihm seine vier Kupfermünzen hin.
»Acht, Kotzbrocken«, sagte Ratte und nahm die vier Münzen aus Azoths Hand.
»Acht?«
»Du musst auch für Puppenmädchen bezahlen.«
Azoth sah sich hilfesuchend um. Einige der Großen traten von einem Fuß auf den anderen und sahen einander an, aber keiner sagte ein Wort. »Sie ist zu jung«, erwiderte Azoth. »Kleine bezahlen Abgaben erst, wenn sie acht sind.«
Die Aufmerksamkeit verlagerte sich auf Puppenmädchen, die im Schmutz der ungepflasterten Gasse saß. Sie bemerkte die Blicke und schrumpfte in sich zusammen. Puppenmädchen war winzig, mit riesigen Augen, aber unter dem Schmutz waren ihre Züge so fein und perfekt wie die ihrer Namensschwester.
»Ich sage, sie ist acht, es sei denn, sie sagt etwas anderes.« Ratte grinste boshaft. »Sag es, Puppenmädchen, sag es, oder ich verprügle deinen Freund.« Puppenmädchens große Augen wurden noch größer, und Ratte lachte. Azoth protestierte nicht; er wies nicht darauf hin, dass Puppenmädchen stumm war. Ratte wusste es. Alle wussten es. Aber Ratte war die Faust. Er war nur Ja’laliel Rechenschaft schuldig, und Ja’laliel war nicht hier.
Ratte zog Azoth zu sich heran und senkte die Stimme. »Warum gesellst du dich nicht zu meinen hübschen Jungs, Azo? Dann wirst du nie wieder Abgaben zahlen müssen.«
Azoth versuchte zu sprechen, aber seine Kehle war so zugeschnürt, dass er nur quiekte. Ratte lachte abermals, und alle stimmten in sein Gelächter ein; einige genossen Azoths Demütigung, andere hofften nur, sich Ratte gewogen zu machen, bevor sie an die Reihe kamen. Schwarzer Hass durchzuckte ihn. Er hasste Ratte, hasste die Gilde, hasste sich selbst.
Er räusperte sich, um es noch einmal zu versuchen. Ratte fing seinen Blick auf und feixte. Ratte war groß, aber er war nicht dumm. Er wusste, wie weit er Azoth trieb. Er wusste, dass Azoth angstvoll klein beigeben würde, genau wie alle anderen auch.
Azoth spuckte Ratte mitten ins Gesicht. »Du kannst mich mal, Ratty Fatty.«
Eine halbe Ewigkeit herrschte benommenes Schweigen. Ein goldener Augenblick des Sieges. Azoth glaubte, Unterkiefer herunterklappen hören zu können. Sein gesunder Menschenverstand kam gerade langsam wieder an die Oberfläche, als Rattes Faust ihn am Ohr traf. Schwarze Flecken blendeten die Welt aus, als er auf dem Boden aufschlug. Blinzelnd schaute er zu Ratte empor, dessen schwarzes Haar um seinen Kopf herum schimmerte, während es die Nachmittagssonne aussperrte, und er wusste, dass er sterben würde.
»Ratte! Ratte, ich brauche dich.«
Azoth rollte sich zur Seite und sah Ja’laliel aus dem Haus der Gilde treten. Schweißperlen bedeckten seine blasse Haut, obwohl der Tag nicht heiß war. Er hustete kränklich. »Ratte! Ich habe gesagt, sofort.«
Ratte wischte sich das Gesicht ab, und zu sehen, wie sein Zorn sich so rasch abkühlte, war beinahe noch beängstigender, als seine plötzliche Hitze mit anzusehen. Seine Miene hellte sich auf, und er lächelte Azoth an. Lächelte nur.
 
»Hey-ho, Jay-Oh«, sagte Azoth.
»Hey-ho, Azo«, erwiderte Jarl und gesellte sich zu Azoth und Puppenmädchen. »Weißt du, du bist ungefähr so klug wie eine Schachtel Haare. Sie werden ihn noch jahrelang hinter seinem Rücken Ratty Fatty nennen.«
»Er wollte, dass ich eins von seinen Mädchen werde«, sagte Azoth.
Sie lehnten sich mehrere Häuserblocks entfernt an eine Mauer und teilten den altbackenen Brotlaib, den Azoth gekauft hatte. Die Gerüche von Backwaren, wenn auch weniger intensiv zu dieser späten Tagesstunde, überlagerten zumindest einige der Gerüche von Abwässern, verfaulendem Kohl, der sich an den Ufern des Flusses türmte, und den ranzigen Gestank von Urin und Hirn aus Gerbereien.
Während die ceuranische Architektur ganz auf Bambus, Reisfaserwänden und Wandschirmen beruhte, war die cenarische Architektur gröber, schwerer und ohne die wohl abgewogene Schlichtheit der ceuranischen. Gegenüber der alitaerischen Bauweise aus Granit und Kiefer wirkte die cenarische weniger beeindruckend, und es fehlte ihr an Dauerhaftigkeit. Wo die osseinische Baukunst luftige Türmchen und hohe Bögen vorsah, blieb die der Cenarier erdverbunden und erhob sich nur bei den wenigen Villen von Adligen im Osten der Stadt ein armseliges Stockwerk über die Erde. Cenarische Häuser waren massig, feucht, billig und flach, vor allem im Labyrinth der Vorstadt. Es wurden nur billigste Materialien benutzt, selbst wenn schon geringer Mehraufwand zu viel längerer Haltbarkeit geführt hätte. Cenarier dachten nicht langfristig, weil sie nicht langfristig lebten. Ihre Häuser bestanden häufig aus Bambus und Reisfaser, leicht erhältlich, überall nachwachsende Baustoffe, und aus Kiefernholz und Granit, die ebenfalls von nicht allzu weit her herangeschafft wurden, aber es gab keinen cenarischen Stil. Das Land war im Laufe der Jahrhunderte zu viele Male erobert worden, um auf etwas anderes stolz sein zu können, als auf die Fähigkeit zu überleben. Im Labyrinth gab es nicht einmal Stolz.
Azoth riss den Brotlaib geistesabwesend in drei Teile, dann runzelte er finster die Stirn. Er hatte zwei etwa gleich groß gemacht und einen dritten kleiner. Eins der größeren Stücke legte er auf sein Bein und reichte das andere große Stück Puppenmädchen, die ihm folgte wie ein Schatten. Das kleinste Stück wollte er gerade Jarl geben, als er sah, wie Puppenmädchen missbilligend das Gesicht verzog.
Azoth seufzte und nahm das kleine Stück für sich selbst. Jarl bemerkte es nicht einmal. »Besser eins seiner Mädchen als tot«, sagte Jarl.
»Ich werde nicht so enden wie Bim.«
»Azo, sobald Ja’laliel die Musterung besteht, wird Ratte unser Gildehaupt sein. Du bist elf. Noch fünf Jahre, bis du gemustert wirst. Du wirst es niemals schaffen. Ratte wird dafür sorgen, dass Bim neben dir wie ein Glückspilz erscheint.«
»Was soll ich also tun, Jarl?« Im Allgemeinen war dies Azoths Lieblingszeit. Er war mit den beiden Menschen zusammen, vor denen er keine Angst zu haben brauchte, und er brachte die beharrliche Stimme des Hungers zum Schweigen. Jetzt schmeckte das Brot wie Staub. Er starrte auf den Markt und sah nicht einmal, wie die Fischverkäuferin ihren Ehemann schlug.
Jarl lächelte, und seine Zähne nahmen sich leuchtend weiß aus vor dem Hintergrund seiner schwarzen Ladeshi-Haut. »Wenn ich dir ein Geheimnis verrate, kannst du darüber Stillschweigen bewahren?«
Azoth blickte sich um und beugte sich dann vor. Das laute Knirschen von Brot und das Schmatzen neben ihm ließen ihn innehalten. »Nun, ich kann es. Was Puppenmädchen betrifft, bin ich mir nicht so sicher.«
Sie drehten sich beide zu ihr um. Puppenmädchen knabberte noch immer am Kanten ihres Brotes. Die Kombination aus Krümeln, die in ihrem Gesicht klebten, und ihrer entrüsteten Miene ließ die beiden Jungen in heulendes Gelächter ausbrechen.
Azoth strich ihr über den blonden Kopf, und als sie weiter finster dreinblickte, zog er sie an sich. Sie wehrte sich gegen ihn, aber als er den Arm sinken ließ, rutschte sie nicht weg. Stattdessen sah sie Jarl erwartungsvoll an.
Jarl hob sein Gewand und zog einen Lumpen hervor, den er sich wie eine Schärpe um den Leib gebunden hatte. »Ich will nicht so sein wie die anderen, Azo. Ich werde nicht einfach hinnehmen, wie das Leben mit mir umspringt. Ich werde hier herauskommen.« Er öffnete die Schärpe. In ihren Falten steckten ein Dutzend Kupfermünzen, vier Silberstücke und, unglaublicherweise, zwei Gold-Gunder.
»Vier Jahre. Vier Jahre habe ich gespart.« Er ließ zwei weitere Kupfermünzen in die Schärpe fallen.
»Du meinst, all die Male, da Ratte dich geschlagen hat, weil du die Abgaben nicht leisten konntest, hattest du das da?«
Jarl lächelte, und langsam verstand Azoth. Die Prügel waren nur ein kleiner Preis für Hoffnung. Nach einiger Zeit verwelkten die meisten Gilderatten und ließen sich vom Leben besiegen. Sie wurden zu Tieren. Oder sie verloren den Verstand, wie Azoth es heute getan hatte, und wurden getötet.
Als er Jarls Schatz betrachtete, schoss ihm kurz der Gedanke in den Sinn, seinen Freund zu schlagen, sich die Schärpe zu nehmen und wegzurennen. Mit diesem Geld käme er hier raus, er könnte seine Lumpen durch richtige Kleider ersetzen und irgendwo, irgendwo, Lehrlingsgebühren bezahlen. Vielleicht sogar bei Durzo Blint, wie er es Jarl und Puppenmädchen so oft erzählt hatte.
Dann sah er Puppenmädchen an. Er wusste, wie sie ihn anschauen würde, wenn er diese Schärpe voller Leben stahl. »Wenn einer von uns es schafft, den Kavernen zu entkommen, wirst du es sein, Jarl. Du verdienst es. Hast du einen Plan?«
»Immer«, antwortete Jarl. Er blickte auf, und seine braunen Augen leuchteten. »Ich will, dass du es nimmst, Azo. Sobald wir herausfinden, wo Durzo Blint lebt, werden wir dich nach draußen schaffen. In Ordnung?«
Azoth betrachtete das Häufchen Münzen. Vier Jahre. Dutzende von Malen, da er verprügelt worden war. Er hatte nicht nur keine Ahnung, ob er so viel für Jarl opfern würde, er hatte sogar daran gedacht, ihm das Geld zu stehlen. Heiße Tränen stiegen in ihm auf, die er nicht zurückhalten konnte. Er schämte sich so sehr. Er hatte solche Angst. Angst vor Ratte. Angst vor Durzo Blint. Immer Angst. Aber wenn er herauskam, konnte er Jarl helfen. Und Blint würde ihn lehren zu töten.
Azoth blickte zu Jarl auf und wagte es nicht, Puppenmädchen anzusehen, aus Angst, was er in ihren großen, braunen Augen vielleicht finden würde. »Ich nehme es.«
Er wusste, wen er zuerst töten würde.
3
Durzo Blint zog sich auf die Mauer des kleinen Anwesens und beobachtete, wie die Wache vorbeiging. Die perfekte Wache, dachte Durzo: ein wenig begriffsstutzig, ohne Fantasie und pflichtbewusst. Sie machte ihre neununddreißig Schritte, blieb an der Ecke stehen, pflanzte ihre Hellebarde auf, kratzte sich unter dem gefütterten Wams am Bauch, blickte prüfend in alle Richtungen und ging dann weiter.
Fünfunddreißig. Sechsunddreißig. Der Schatten des Mannes hatte Durzo passiert, und der Blutjunge ließ sich langsam an der Mauer herab, bis er nur noch an den Fingerspitzen hing.
Jetzt. Er ließ sich fallen und schlug im Gras auf, gerade als der Wachposten das stumpfe Ende seiner Hellebarde auf den hölzernen Gehweg krachen ließ. Er glaubte zwar, dass der Wachposten ihn auch ohne diese genaue zeitliche Abstimmung nicht gehört haben würde, aber im Gewerbe der Blutjungen erzeugte Paranoia Perfektion. Der Innenhof war klein und das Haus nicht viel größer. Es war nach ceuranischer Manier erbaut, mit Wänden aus durchscheinendem Reispapier, Türen aus Sumpfeibe und Flusszeder sowie einer Rahmenstruktur und Böden aus billigerer heimischer Kiefer. Es war kärglich eingerichtet wie alle ceuranischen Häuser, und das passte zu General Agons militärischem Hintergrund und seiner asketischen Persönlichkeit. Wichtiger noch war, dass es zu seinem Budget passte. Trotz der zahlreichen Erfolge des Generals hatte König Darvin ihn nicht besonders gut belohnt - was mit ein Grund für den Besuch des Blutjungen war.
Im ersten Stock fand Durzo ein unverschlossenes Fenster. Die Ehefrau des Generals lag schlafend im Bett: Sie waren nicht so ceuranisch, dass sie auf gewebten Matten schliefen, jedoch so arm, dass es nur für Matratzen aus Stroh gereicht hatte und nicht für solche mit Federn. Die Gattin des Generals war eine reizlose Frau, die leise schnarchte und mehr in der Mitte als am Rand des Bettes lag. Die Decken auf der Seite, der sie zugewandt war, waren zerwühlt worden.
Der Blutjunge schlüpfte in den Raum und benutzte seine magische Gabe, um seinen Schritt auf dem Hartholzboden unhörbar zu machen.
Eigenartig. Ein schneller Blick bestätigte, dass der General nicht nur auf einen nächtlichen ehelichen Besuch zu ihr gekommen war. Tatsächlich teilten sie sich das Zimmer. Vielleicht war er noch ärmer, als die Leute dachten.
Durzos Brauen zogen sich unter seiner Maske zusammen. Es war eine Einzelheit, von der er nichts gewusst hatte. Er zückte das kurze, vergiftete Messer und trat vor das Bett. Sie würde absolut nichts spüren.
Er hielt inne. Die Frau war den zerwühlten Decken zugewandt. Sie hatte dicht neben ihrem Mann geschlafen, bevor er aufgestanden war. Nicht auf der entgegengesetzten Seite des Bettes, wie eine Frau es lediglich bei der Erfüllung ihrer ehelichen Pflichten tun würde.
Es war eine Liebesheirat gewesen. Nach ihrer Ermordung hatte Aleine Gunder vorgehabt, dem General eine schnelle Wiederverheiratung mit einer reichen Adligen anzubieten. Aber dieser General, der eine niedrig geborene Frau aus Liebe geheiratet hatte, würde auf die Ermordung seiner Gattin ganz anders reagieren als ein Mann, der aus Ehrgeiz geheiratet hatte.
Der Narr. Der Prinz wurde von solchem Ehrgeiz verzehrt, dass er dachte, alle anderen seien genau wie er. Der Blutjunge steckte das Messer zurück in die Scheide und trat in den Flur hinaus. Er musste noch immer wissen, wo der General stand. Sofort.
»Verdammt, Mann! König Darvin liegt im Sterben. Es würde mich überraschen, wenn er noch eine Woche hätte.«
Wer immer gesprochen hatte, hatte im Wesentlichen recht. Der Blutjunge hatte dem König heute Abend seine letzte Dosis Gift verabreicht. Bis zum Morgengrauen würde er tot sein und einen Thron hinterlassen, um den zwei Männer streiten würden, davon der eine stark und gerecht, der andere schwach und korrupt. Die Sa’kagé der Unterwelt waren nicht uninteressiert, was den Ausgang betraf.
Die Stimme war aus dem Empfangsraum im unteren Stockwerk gekommen. Der Blutjunge eilte zum Ende des Flurs. Das Haus war so klein, dass der Empfangsraum gleichzeitig als Arbeitszimmer fungierte. Er hatte einen perfekten Blick auf die beiden Männer.
General Brant Agon trug den ergrauenden Bart und das ungekämmte Haar kurz geschnitten; seine Bewegungen waren etwas ruckartig, und er versuchte stets, alles im Blick zu behalten. Das Leben im Sattel hatte ihn dünn, sehnig und leicht o-beinig werden lassen.
Sein Gegenüber war Herzog Regnus Gyre, dessen Ohrensessel jetzt knarrte, weil er sein Gewicht verlagerte. Er war ein gewaltiger Mann, sowohl in der Größe wie in der Breite, und nur wenig von seiner Leibesfülle war Fett. Jetzt faltete er die beringten Finger auf dem Bauch.
Bei den Nachtengeln. Ich könnte sie beide töten und den Sorgen der Neun hier und jetzt ein Ende machen.
»Streuen wir uns Sand in die Augen, Brant?«, fragte Herzog Gyre.
Der General antwortete nicht sofort. »Mylord...«
»Nein, Brant. Ich brauche Eure Meinung als Freund, nicht als Vasall.« Durzo schlich näher heran. Langsam zog er die Wurfmesser, wobei er sehr vorsichtig mit den vergifteten Klingen umging.
»Wenn wir nichts tun«, sagte der General, »wird Aleine Gunder König werden. Er ist ein schwacher, abscheulicher und ungläubiger Mann. Den Sa’kagé gehört bereits das Labyrinth; die Patrouillen des Königs wagen sich nur noch über die Hauptstraßen, und Ihr kennt die Gründe, warum das nur noch schlimmer werden wird. Die Todesspiele haben die Sa’kagé in eine sichere Position gebracht. Aleine hat weder den Willen noch die Neigung, sich den Sa’kagé jetzt entgegenzustellen, während wir sie noch immer vernichten können. Also, machen wir uns etwas vor, wenn wir denken, dass Ihr ein besserer König sein würdet? Keineswegs. Und von Rechts wegen ist der Thron Euer.«
Blint lächelte beinahe. Die Unterweltfürsten, die neun Sa’kagé, hätten jedem dieser Worte zugestimmt - und gerade deshalb würde Blint dafür sorgen, dass Regnus Gyre nicht König wurde.
»Und taktisch gesehen? Könnten wir es schaffen?«
»Mit einem Minimum an Blutvergießen. Herzog Wesseros ist außer Landes. Mein eigenes Regiment steht in der Stadt. Die Männer glauben an Euch, Mylord. Wir brauchen einen starken König. Einen guten König. Wir brauchen Euch, Regnus.«
Herzog Gyre blickte auf seine Hände hinab. »Und Aleines Familie? Würden sie ein Teil des ›Minimums an Blutvergießen‹ sein?«
Die Stimme des Generals war leise. »Ihr wollt die Wahrheit hören? Ja. Selbst wenn wir es nicht befehlen, wird einer unserer Männer sie töten, um Euch zu schützen, auch wenn man ihn dafür hängen würde. So sehr glauben sie an Euch.«
Herzog Gyre atmete tief durch. »Die Frage ist also: Wiegt das Wohl vieler in der Zukunft schwerer als die Ermordung einiger weniger jetzt?«
Wie lange ist es her, seit ich solche Skrupel hatte? Durzo unterdrückte nur mit knapper Not den überwältigenden Drang, die Dolche zu werfen.
Die Plötzlichkeit seines Zorns erschütterte ihn. Was machte ihm so zu schaffen?
Es war Regnus. Der Mann erinnerte ihn an einen anderen König, dem er einst gedient hatte. Einen König, der seines Amtes würdig gewesen war.
»Diese Frage müsst Ihr Euch selbst beantworten, Mylord«, erwiderte General Agon. »Aber wenn ich das bemerken darf, ist die Frage wirklich so philosophisch?«
»Wie meint Ihr das?«
»Ihr liebt Nalia noch immer, nicht wahr?« Nalia war Aleine Gunders Gemahlin.
Regnus wirkte erschüttert. »Ich war zehn Jahre mit ihr verlobt, Brant. Wir waren jeder für den anderen die erste Liebe.«
»Es tut mir leid, Mylord«, sagte der General. »Es ist nicht meine -«
»Nein, Brant. Ich spreche niemals darüber. Aber jetzt, da ich entscheide, ob ich ein Mann sein will oder ein König, lasst es mich einmal tun.« Er sog tief die Luft ein. »Es sind fünfzehn Jahre vergangen, seit Nalias Vater unser Verlöbnis brach und sie mit Aleine, diesem Hund, verheiratete. Ich sollte inzwischen darüber hinweg sein. Das bin ich auch, außer wenn ich sie mit ihren Kindern sehen und mir vorstellen muss, wie sie das Bett mit Aleine Gunder teilt. Das einzige Glück, das meine Ehe mir beschert hat, ist mein Sohn Logan, und ich kann kaum glauben, dass ihre Ehe besser gewesen ist.«
»Mylord, angesichts der unfreiwilligen Natur Eurer beider Vermählungen - könntet Ihr Euch da nicht von Catrinna scheiden lassen und Nalia heiraten...«
»Nein.« Regnus schüttelte den Kopf. »Wenn die Kinder der Königin überleben, werden sie immer eine Bedrohung für meinen Sohn darstellen, ganz gleich, ob ich sie in die Verbannung schicke oder adoptiere. Nalias Ältester ist vierzehn - zu alt, um zu vergessen, dass er für einen Thron bestimmt war.«
»Das Recht ist auf Eurer Seite, Mylord, und wer weiß, ob sich, sobald Ihr auf dem Thron sitzt, nicht unvorhergesehene Lösungen für diese Probleme ergeben werden?«
Regnus nickte unglücklich; ihm war offensichtlich klar, dass er Hunderte oder Tausende von Menschenleben in Händen hielt, ohne allerdings zu wissen, dass darunter auch das seine war. Wenn er Ränke für eine Rebellion schmiedet, werde ich ihn sofort töten. Ich schwöre es bei den Nachtengeln. Ich diene jetzt nur noch den Sa’kagé. Und mir selbst. Immer mir selbst.
»Mögen ungeborene Generationen mir vergeben«, sagte Regnus Gyre, in dessen Augen Tränen glänzten. »Aber ich werde nicht morden um einer ungewissen Zukunft willen, Brant. Ich kann nicht. Ich werde den Treueeid leisten.«
Der Blutjunge schob die Dolche zurück in ihre Scheiden, ohne auf die Mischung aus Erleichterung und Verzweiflung, die er empfand, zu achten.
Es ist diese verdammte Frau. Sie hat mich ruiniert. Sie hat alles ruiniert.
 
Blint sah den Hinterhalt aus einer Entfernung von fünfzig Schritten und lief mitten hinein. Es war noch eine Stunde bis Sonnenaufgang, und die einzigen Menschen auf den gewundenen Straßen der Kavernen waren Kaufleute, die am falschen Ort eingeschlafen waren und zu ihren Ehefrauen nach Hause eilten.
Die Gilde - Schwarzer Drache, nach den Gildezeichen, an denen er vorbeigekommen war - verbarg sich hinter einem schmalen Engpass in der Gasse, wo die Gilderatten herausspringen konnten, um beide Enden der Straße zu blockieren, und zusätzlich von den niedrigen Dächern aus Angriffsmöglichkeiten hatten.
Er täuschte Probleme mit dem rechten Knie vor und zog sich seinen Umhang fest um die Schultern, die Kapuze tief im Gesicht. Während er in die Falle humpelte, sprang eins der älteren Kinder, ein Großer, wie sie sich nannten, vor ihm in die Gasse, stieß einen Pfiff aus und schwang einen rostigen Säbel. Gilderatten umringten den Blutjungen.
»Klug gemacht«, bemerkte Durzo. »Ihr stellt kurz vor Sonnenaufgang einen Späher auf, wenn die meisten anderen Gilden noch schlafen, und Ihr könnt einige Pfeffersäcke anspringen, die sich die ganze Nacht mit Weibern herumgetrieben haben. Sie werden ihren Ehefrauen nicht erklären wollen, wie sie an blaue Flecken gekommen sind, daher händigen sie Euch ihre Münzen aus. Nicht schlecht. Wessen Idee war das?«
»Azoths«, sagte ein Großer und deutete hinter den Blutjungen.
»Halt den Mund, Roth!«, sagte das Gildenhaupt.
Der Blutjunge betrachtete den kleinen Jungen auf dem Dach. Er hielt einen Stein in der Hand, und der Ausdruck seiner hellblauen Augen war konzentriert, bereit. Er kam ihm bekannt vor. »Oh, jetzt hast du ihn verraten«, bemerkte Durzo.
»Halt du auch den Mund!«, rief das Gildenhaupt und drohte ihm mit dem Säbel. »Gib deine Börse heraus, oder wir werden dich töten.«
»Ja’laliel«, sagte eine schwarze Gilderatte, »er hat sie ›Pfeffersäcke‹ genannt. Ein Kaufmann hätte nicht gewusst, dass wir sie so nennen. Er ist Sa’kagé.«
»Still, Jarl! Wir brauchen es.« Ja’laliel hustete und spuckte Blut. »Gib uns einfach deine -«
»Ich habe keine Zeit für so etwas. Aus dem Weg«, befahl Durzo.
»Gib uns -«
Der Blutjunge machte einen Satz nach vorn, verdrehte mit der Linken Ja’laliels Schwerthand und entriss ihm den Säbel, vollführte eine schnelle Drehung, ließ dem Gildenhaupt den rechten Ellbogen gegen die Schläfe krachen, aber nicht mit voller Wucht, um den Jungen nicht zu töten.
Bevor die Gilderatten mehr tun konnten, als zusammenzuzucken, war der Kampf auch schon vorüber.
»Ich sagte, ich habe keine Zeit für so etwas«, erklärte Durzo und warf seine Kapuze zurück.
Er wusste, dass er dem Aussehen nach nichts Besonderes war. Er war schlaksig und hatte scharfe Gesichtszüge, dunkelblondes Haar und einen strähnigen blonden Bart über leicht pockennarbigen Wangen. Aber danach zu schließen, wie die Kinder zurückwichen, hätte er geradeso gut drei Köpfe haben können.
»Durzo Blint«, murmelte Roth.
Steine prasselten zu Boden.
»Durzo Blint.« Der Name ging wie eine Welle durch die Gilderatten. Er sah Furcht und Respekt in ihren Augen. Sie hatten gerade versucht, eine Legende zu überfallen.
Er grinste. »Schärf den Säbel. Nur ein Stümper lässt seine Klinge verrosten.« Er warf die Waffe in die von Müll verstopfte Gosse, dann schritt er durch den Mob hindurch. Sie sprangen auseinander, als könnte er sie alle töten.
Azoth beobachtete, wie er in den frühen Morgennebel hinausging, wie er gleich so vielen anderen Hoffnungen im Ausguss des Labyrinths verschwand. Durzo Blint war alles, war Azoth nicht war. Er war mächtig, gefährlich, selbstbewusst, furchtlos. Er war wie ein Gott. Er hatte die ganze Gilde in Angriffsposition gegen sich gehabt - selbst die Großen wie Roth und Ja’laliel und Ratte -, und er war erheitert gewesen. Erheitert! Eines Tages, schwor Azoth sich. Er wagte es nicht einmal, den Gedanken bis zu Ende zu denken, aus Furcht, Blint könnte seine Anmaßung spüren, doch sein ganzer Körper verzehrte sich danach. Eines Tages.
Als Blint sich weit genug entfernt hatte, um es nicht zu bemerken, folgte ihm Azoth.
4
Die Schläger, die den unterirdischen Saal der Neun bewachten, musterten Durzo mit säuerlicher Miene. Sie waren Zwillinge und zwei der größten Männer in den Reihen der Sa’kagé. Jeder trug einen tätowierten Blitz auf der Stirn.
»Waffen?«, fragte einer.
»Lefty«, sagte Durzo zum Gruß und nahm sein Schwert ab, drei Dolche, die Pfeile, die er ans Handgelenk gebunden trug, und eine Anzahl kleiner Glaskugeln von seinem anderen Arm.
»Ich bin Lefty«, erklärte der andere Zwilling und klopfte Blint heftig ab.
»Muss das sein?«, fragte Durzo. »Wir wissen beide, wie es ist. Wenn ich irgendjemanden dort drin töten wollte, könnte ich es tun, mit oder ohne Waffen.«
Lefty errötete. »Warum ramme ich dieses hübsche Schwert nicht einfach -«
»Was Lefty meint, ist: Warum tut Ihr nicht so, als wärt Ihr keine Bedrohung, und wir werden so tun, als wären wir der Grund dafür«, sagte Bernerd. »Es ist bloß eine Formalität, Blint. Als frage man jemanden, wie es ihm geht, obwohl es einen nicht interessiert.«
»Ich frage nicht.«
»Es hat mir leidgetan, das von Vonda zu hören«, sagte Bernerd. Durzo erstarrte, und eine Lanze bohrte sich durch seine Eingeweide. »Wirklich«, fügte der große Mann hinzu. Dann hielt er ihm die Tür auf und sah seinen Bruder an.
Ein Teil von Durzo wusste, dass er etwas Schneidendes, etwas Bedrohliches oder etwas Witziges sagen sollte, aber seine Zunge war bleiern.
»Ähm, Master Blint?«, fragte Bernerd. Durzo riss sich zusammen und trat in den Versammlungsraum der Neun, ohne den Blick zu heben.
Es war ein Ort, der Furcht erregte. Eine Plattform aus schwarzem Feuerglas beherrschte den Raum. Auf der Plattform standen neun Stühle. Ein zehnter befand sich wie ein Thron über ihnen. Sonst gab es nichts. Wer vor den Neun erschien, um befragt zu werden, stand.
Der Raum war vom Grundriss her knapp bemessen, aber die Decke war so hoch, dass sie in der Dunkelheit verschwand. Das vermittelte jenen, die befragt wurden, das Gefühl, in der Hölle Rede und Antwort stehen zu müssen. Dass in die Stühle, die Wände und selbst in den Boden kleine Dämonen, Drachen und schreiende Menschen eingraviert waren, trug nicht dazu bei, die Wirkung zu mäßigen.
Aber Durzo trat mit unbekümmerter Vertrautheit ein. Die Nacht barg keine Schrecken für ihn. Die Schatten hießen seine Augen willkommen, und sie verbargen nichts vor ihm. So viel ist zumindest noch übrig von mir.
Die Neun hatten ihre Kapuzen aufgesetzt, bis auf Momma K, obwohl die meisten von ihnen wussten, dass sie ihre Identität vor Durzo nicht geheim halten konnten. Über ihnen saß auf seinem Thron der Shinga, Pon Dradin. Er war reglos und still wie gewöhnlich.
»Issst die Ehefrau tot?«, fragte Corbin Fishill. Er war ein modischer, gutaussehender Mann, dessen Grausamkeit sprichwörtlich war, vor allem gegenüber jenen Kindern in den Gilden, die er verwaltete. Unter der allgegenwärtigen Bosheit in seinen Zügen erstarb schon der Ansatz des Gelächters, das sein Lispeln hätte herauf beschwören können.
»Die Dinge sind nicht so, wie du es erwartet hast«, erwiderte Durzo und erstattete kurz Bericht. Der König würde bald sterben, und die Männer, von denen die Sa’kagé befürchtet hatten, sie würden versuchen, die Nachfolge anzutreten, würden nicht auf ihren Anspruch pochen. Damit fiel der Thron an Aleine Gunder, der zu schwach war, um es zu wagen, sich mit den Sa’kagé anzulegen.
»Ich würde vorschlagen«, fuhr Durzo fort, »dass wir den Prinzen dazu bringen, General Agon zum Lordgeneral zu befördern. Agon würde den Prinzen daran hindern, seine Macht zu festigen, und wenn Khalidor irgendetwas unternimmt -«
Der winzige ehemalige Sklavenaufseher unterbrach ihn. »Während wir Eure... Beschwerde gegen Khalidor zur Kenntnis nehmen, Master Blint, werden wir doch unser politisches Kapital nicht für irgendeinen General vergeuden.«
»Das brauchen wir auch nicht«, meldete sich Momma K zu Wort. Die Herrin der Wonnen war noch immer schön, obwohl Jahre vergangen waren, seit sie die gefeiertste Kurtisane der Stadt gewesen war. »Wir können bekommen, was wir wollen, indem wir so tun, als hätte jemand anderer darum gebeten.« Alle hielten inne und hörten zu. »Der Prinz war bereit, den General mit einer politischen Heirat zu kaufen. Also sagen wir ihm, Agons Preis sei stattdessen eine politische Beförderung. Der General wird es niemals erfahren, und der Prinz wird wohl kaum danach fragen.«
»Und das gibt uns einen Hebel, um die Sklavenfrage erneut aufzuwerfen«, stellte der Sklavenmeister fest.
»Ich will verdammt sein, wenn wir uns wieder in Sklavenhändler verwandeln«, sagte ein anderer. Es war ein großer, mit den Jahren fett gewordener Mann mit einem mächtigen Doppelkinn, kleinen Augen und narbenübersäten Fäusten, wie sie dem Meister der Schläger der Sa’kagé zukamen.
»Diesssesss Gessspräch kann warten. Blint braucht dazzzu nicht hier zzzu sssein«, sagte Corbin Fishill. Er richtete den Blick seiner von schweren Lidern überschatteten Augen auf Blint. »Ihr habt heute Nacht nicht getötet.« Er ließ die Bemerkung in der Luft hängen, ohne sie auszuschmücken.
Durzo sah ihn an; er weigerte sich, sich provozieren zu lassen.
»Ssseid Ihr dazzzu noch in der Lage?«
Worte waren sinnlos bei einem Mann wie Corbin Fishill. Er sprach die Sprache des Fleisches. Durzo ging auf ihn zu. Corbin zuckte nicht mit der Wimper und wandte sich auch nicht ab, als Durzo auf die Plattform stieg, obwohl mehrere der Neun offensichtlich nervös wurden. Blint sah, wie die Muskeln unter Fishills Samthose sich anspannten.
Corbin trat nach Durzos Gesicht, aber Durzo hatte sich bereits bewegt. Er stach eine Nadel tief in Corbins Wade und trat zurück.
Eine Glocke erklang, und einen Moment später kamen Bernerd und Lefty in den Raum gestürzt. Blint verschränkte die Arme vor der Brust und machte keine Anstalten, sich zu verteidigen.
Blint war ein hochgewachsener Mann, aber sein Körper bestand nur aus hageren Muskeln und Sehnen. Lefty stürmte auf ihn zu wie ein Stier. Durzo streckte ihm lediglich die Hände entgegen, die nicht einmal zu Fäusten geballt waren. Aber als Lefty in ihn hineinkrachte, geschah das Unmögliche. Statt den kleineren Mann zu zerdrücken, fand Leftys Ansturm ein jähes Ende.
Sein Gesicht wurde als Erstes aufgehalten, denn seine Nase prallte gegen Durzos offene Hand. Der Rest von ihm war noch in Bewegung. Sein Körper erhob sich parallel zum Boden und krachte dann der Länge nach auf die glatte Fläche.
»Ssstopp!«, rief Corbin Fishill.
Bernerd kam schlitternd vor Durzo zum Stehen und kniete dann neben seinem Bruder nieder. Lefty stöhnte, und das Blut seiner Nase füllte das Maul einer in den Steinboden eingravierten Ratte.
Corbin zog mit einer Grimasse die Nadel aus seiner Wade. »Wasss issst dasss, Blint?«
»Ihr wolltet wissen, ob ich noch töten kann?« Durzo hielt dem Sklavenmeister eine kleine Phiole hin. »Wenn diese Nadel vergiftet war, ist dies das Gegenmittel. Aber wenn die Nadel nicht vergiftet war, wird das Gegenmittel Euch töten. Trinkt es oder lasst es.«
»Trinkt es, Corbin«, sagte Pon Dradin. Es war das erste Mal seit Blints Eintritt, dass der Shinga gesprochen hatte. »Wisst Ihr, Blint, Ihr wärt ein besserer Blutjunge, wenn Ihr nicht wüsstet, dass Ihr der Beste seid. Das seid Ihr in der Tat - aber Ihr empfangt Eure Befehle noch immer von mir. Wenn Ihr das nächste Mal einen meiner Neun anrührt, wird das Konsequenzen haben. Jetzt macht, dass Ihr rauskommt.«
 
Der Tunnel fühlte sich verkehrt an. Azoth war schon früher in anderen Tunnel gewesen, und auch wenn er sich nicht direkt wohl dabei fühlte, sich allein mithilfe seines Tastsinns durch die Dunkelheit zu bewegen, war er doch durchaus in der Lage dazu. Dieser Tunnel hatte begonnen wie jeder andere: grob gehauen, gewunden und natürlich dunkel. Aber während er tiefer in die Erde hinabführte, wurden die Wände gerader, der Boden glatter. Dieser Tunnel war wichtig.
Aber das war anders, nicht verkehrt. Was verkehrt war, lag einen Schritt vor Azoth. Er ging in die Hocke, ruhte sich aus und dachte nach. Er setzte sich nicht. Man setzte sich nur, wenn man wusste, dass es nichts gab, wovor man weglaufen musste.
Er konnte nichts Andersartiges riechen, obwohl die Luft hier unten so schwer und dick war wie Grützbrei. Wenn er blinzelte, glaubte er, etwas sehen zu können, aber er war sich ziemlich sicher, dass das nur vom Blinzeln kam. Wieder streckte er die Hand aus. War die Luft an dieser Stelle kühler?
Dann war er sich sicher, dass er fühlte, wie die Luft sich bewegte. Plötzliche Furcht durchzuckte Azoth. Blint war vor zwanzig Minuten hier durchgegangen. Er hatte keine Fackel getragen. In dem Moment hatte Azoth nicht darüber nachgedacht. Jetzt fielen ihm die Geschichten wieder ein.
Ein kleiner Schwall saurer Luft schlug gegen seine Wange. Azoth wäre beinahe losgerannt, aber er wusste nicht, in welcher Richtung ihn Sicherheit erwartete und in welcher Tod. Er hatte keine Möglichkeit, sich zu verteidigen. Die Faust war im Besitz sämtlicher Waffen. Ein weiterer Schwall berührte seine andere Wange. Es stinkt. Nach Knoblauch?
»Es gibt Geheimnisse in dieser Welt, Kind«, erklang eine Stimme. »Geheimnisse wie magische Alarmvorrichtungen und die Identität der Neun. Wenn du noch einen Schritt weitergehst, wirst du auf eins dieser Geheimnisse stoßen. Dann werden dich zwei nette Schläger finden, die Anweisung haben, Eindringlinge zu töten.«
»Master Blint?« Azoth schaute suchend in die Dunkelheit.
»Wenn du das nächste Mal einem Mann folgst, tu es nicht so verstohlen. Es macht dich verdächtig.«
Was immer das bedeutete, es klang nicht gut. »Master Blint?«
Weiter oben im Tunnel hörte er Gelächter, und das Gelächter entfernte sich.
Azoth sprang auf die Füße und spürte, wie seine Hoffnung mit dem leiser werdenden Gelächter davonschlüpfte. Er rannte in der Dunkelheit den Tunnel hinauf. »Wartet!«
Keine Antwort. Azoth rannte schneller. Er stolperte über einen Stein, fiel der Länge nach hin und schürfte sich Knie und Hände auf. »Master Blint, wartet! Ich muss bei Euch in die Lehre gehen. Master Blint, bitte!«
Die Stimme erklang direkt über ihm, doch als er hinschaute, konnte Azoth nichts sehen. »Ich nehme keine Lehrlinge. Geh nach Hause, Kind.«
»Aber ich bin anders! Ich werde alles tun. Ich habe Geld!«
Aber er bekam keine Antwort. Blint war fort.
Die Stille schmerzte, pulsierte im Rhythmus mit den Schnitten an Azoths Knien und Händen. Aber das ließ sich nicht ändern. Er wollte weinen, doch weinen war etwas für Babys.
Azoth kehrte in das Territorium des Schwarzen Drachen zurück, als der Himmel langsam heller wurde. Teile des Labyrinths schüttelten ihren trunkenen Schlummer ab. Bäcker waren bereits auf den Beinen, und Schmiedelehrlinge schürten Schmiedefeuer, aber die Gilderatten, die Huren, die Schläger und die Einbrecher waren schlafen gegangen, und die Taschendiebe, die Betrüger, die Falschspieler und der Rest all jener, die bei Tageslicht arbeiteten, lagen noch in ihren Betten.
Im Allgemeinen waren die Gerüche des Labyrinths angenehm. Da war der alles durchdringende Geruch von Viehhöfen, der die unmittelbareren Gerüche von menschlichen Exkrementen überdeckte, die in jeder Straße durch breite Gossen schwammen, um den Fluss, den Plith, noch weiter zu verunreinigen. Dann war da der Gestank der verfaulenden Vegetation in den Untiefen und toten Armen des träge fließenden Flusses, der weniger saure Geruch des Ozeans, wenn eine glückliche Brise wehte, der Gestank der schlafenden, immer ungewaschenen Bettler, die eine Gilderatte ohne einen anderen Grund als ihren Zorn auf die Welt angreifen konnten. Zum ersten Mal brachte Azoth die Gerüche nicht mit Heimat, sondern mit Schmutz in Verbindung. Wie Schwaden stiegen von jeder verrottenden Ruine im Labyrinth die Giftdünste von Zurückweisung, Ekel und Verzweiflung auf.
Die verlassene Mühle hier, die einst zum Enthülsen von Reis benutzt worden war, war nicht nur ein leeres Gebäude, in dem die Gilde schlafen konnte. Sie war ein Zeichen. Am Westufer würde jede Mühle von jenen geplündert werden, die so verzweifelt waren, dass sie sich an den Schlägern der Mühlenbesitzer vorbeiwagten. Es war alles Müll und Zurückweisung, und Azoth war ein Teil davon.
Als er in das Haus der Gilde zurückkehrte, nickte Azoth dem Späher zu und schlüpfte hinein, ohne sich auch nur um Heimlichkeit zu bemühen. Die Gilde war an Kinder gewöhnt, die des Nachts zum Pissen aufstanden, daher würde niemand auf den Gedanken kommen, dass er fort gewesen war. Wenn er versuchte, sich hineinzuschleichen, würde er lediglich Aufmerksamkeit erregen.
Vielleicht hatte Blint das mit dem »verstohlen« gemeint.
Er schlüpfte zwischen Puppenmädchen und Jarl und legte sich an seiner gewohnten Stelle neben dem Fenster nieder. Es wurde kalt hier, aber der Boden war flach, und es gab nicht viele Splitter. Er stieß seinen Freund an. »Jay-Oh, weißt du, was verstohlen bedeutet?«
Aber Jarl rollte sich nur grunzend auf die andere Seite. Azoth stieß ihm abermals den Ellbogen in die Rippen, doch Jarl bewegte sich nicht. Eine lange Nacht, schätze ich.
Wie alle Gilderatten schliefen Azoth, Jarl und Puppenmädchen dicht nebeneinander, um sich warm zu halten. Puppenmädchen bekam im Allgemeinen die Mitte, weil sie klein war und so leicht auskühlte, aber heute Nacht lagen Jarl und Puppenmädchen nicht nah beieinander.
Puppenmädchen rutschte heran, schlang die Arme um ihn und drückte ihn fest an sich, und Azoth war dankbar für ihre Wärme. Eine Sorge nagte in seinem Hinterkopf wie eine Ratte, aber er war zu müde. Er schlief ein.
5
Der Albtraum begann, als Azoth erwachte.
»Guten Morgen«, sagte Ratte. »Wie geht es meinem Lieblingsgossenscheißer?« Die Häme auf Rattes Gesicht sagte Azoth, dass irgendetwas ganz und gar nicht stimmte. Roth und Hasenscharte standen links und rechts von Ratte und platzten schier vor Aufregung.
Puppenmädchen war verschwunden. Jarl war verschwunden. Ja’laliel war nirgends zu sehen. Azoth blinzelte gegen das Sonnenlicht an, das durch das löchrige Dach des Hauses fiel, stand auf und versuchte, sich zu orientieren. Der Rest der Gilde war verschwunden; sie waren entweder bei der Arbeit - dem Stehlen -, oder sie hatten einfach beschlossen, dass dies ein guter Zeitpunkt war, um draußen zu sein. Also hatten sie Ratte hereinkommen sehen.
Roth stand an der Hintertür und Hasenscharte knapp hinter Ratte, für den Fall, dass Azoth auf die Vordertür oder ein Fenster zulief.
»Wo bist du letzte Nacht gewesen?«, fragte Ratte.
»Ich musste pissen.«
»Dann hast du aber lange gepisst. Du hast den ganzen Spaß verpasst.« Als Ratte so sprach, mit dieser absolut tonlosen Stimme, die bar jeden Gefühls war, verspürte Azoth eine Angst, die zu groß war, um sie herauszittern zu können. Azoth kannte Gewalt. Er hatte die Ermordung von Seeleuten mit angesehen, hatte Prostituierte mit frischen Narben gesehen, hatte miterlebt, wie ein Händler einen Freund zu Tode geprügelt hatte. Grausamkeit ging im Labyrinth Hand in Hand mit Armut und Zorn. Aber der tote Blick in Rattes Augen ließ ihn noch mehr wie ein Ungeheuer erscheinen als Hasenscharte. Hasenscharte fehlte von Geburt an ein Teil der Lippen. Ratte fehlte von Geburt an ein Gewissen.
»Was hast du getan?«, fragte Azoth.
»Roth?« Ratte deutete mit dem Kinn auf den Großen.
Roth öffnete die Tür und sagte: »Braver Junge«, als spreche er mit einem Hund, und packte etwas. Er zerrte es herein, und Azoth sah, dass es Jarl war. Jarls Lippen waren blutig und beide Augen blau verfärbt und so geschwollen, dass er durch die Schlitze kaum sehen konnte. Ihm fehlten Zähne, und an seinem Gesicht klebte Blut, wo man ihn so heftig an den Haaren gezogen hatte, dass seine Kopfhaut blutete.
Er trug ein Kleid.
Azoth überlief es heiß und kalt, und Blut schoss ihm ins Gesicht. Er durfte Ratte keine Schwäche zeigen. Er durfte sich nicht bewegen. Er drehte sich um, um sich nicht zu übergeben.
Hinter ihm stieß Jarl ein leises Wimmern aus. »Azo, bitte. Azo, wende dich nicht von mir ab. Ich wollte nicht -«
Ratte schlug ihm ins Gesicht. Jarl fiel zu Boden und rührte sich nicht mehr.
»Jarl gehört jetzt mir«, verkündete Ratte. »Er denkt, er wird jede Nacht gegen mich kämpfen, und das wird er tun. Für eine Weile.« Ratte lächelte. »Aber ich werde ihn brechen. Die Zeit arbeitet für mich.«
»Ich werde dich töten. Ich schwöre es«, sagte Azoth.
»Oh, bist du jetzt Master Blints Lehrling?« Ratte lächelte, als Azoth Jarl einen Blick zuwarf; er fühlte sich verraten. Jarl wandte das Gesicht dem Boden zu, und seine Schultern zitterten, während er leise weinte. »Jarl hat uns alles darüber erzählt, irgendwann zwischen Roth und Dawi, denke ich. Aber ich bin verwirrt. Wenn Master Blint dich als Lehrling angenommen hat, warum bist du dann hier, Azo? Bist du zurückgekommen, um mich zu töten?«
Jarls Tränen versiegten, und er drehte sich um und griff nach Strohhalmen.
Es gab nichts zu sagen. »Er wollte mich nicht nehmen«, gestand Azoth. Jarl sackte in sich zusammen.
»Alle wissen, dass er keine Lehrlinge nimmt, Dummkopf«, erwiderte Ratte. »Also, es sieht folgendermaßen aus, Azo. Ich weiß nicht, was du für ihn getan hast, aber Ja’laliel hat mir befohlen, dich nicht anzurühren, und ich werde es auch nicht tun. Aber früher oder später wird dies meine Gilde sein.«
»Früher, denke ich«, warf Roth ein. Er wackelte vielsagend mit den Augenbrauen und sah Azoth dabei an.
»Ich habe große Pläne für den Schwarzen Drachen, Azo, und ich werde nicht zulassen, dass du mir in die Quere kommst«, fuhr Ratte fort.
»Was willst du von mir?« Azoths Stimme klang dünn und heiser.
»Ich will, dass du ein Held bist. Ich will, dass alle, die es selbst nicht wagen, mir zu trotzen, dich ansehen und zu hoffen beginnen. Und dann werde ich alles zerstören, was du getan hast. Ich werde alles zerstören, was du liebst. Ich werde dich so vollkommen zerstören, dass mir danach niemand jemals wieder die Stirn bieten wird. Also, tu dein Bestes, tu dein Schlimmstes, tu gar nichts. So oder so, ich gewinne. Das tue ich immer.«
Am nächsten Tag weigerte sich Azoth, die Abgaben zu zahlen. Er hoffte, dass Ratte ihn schlagen würde. Nur ein einziges Mal, und er würde vom Podest fallen, er würde lediglich eine x-beliebige Gilderatte sein. Aber Ratte schlug ihn nicht. Er hatte gezürnt und geflucht, während seine Augen lächelten, und er hatte Azoth befohlen, beim nächsten Mal das Doppelte zu bringen.
Natürlich hatte er wieder nichts gebracht. Er hatte lediglich eine leere Hand ausgestreckt, als sei er bereits geschlagen. Es spielte keine Rolle. Ratte wütete, beschuldigte ihn, ihm zu trotzen, und krümmte ihm kein Haar. Und so ging es an jedem Abgabentag. Allmählich fing Azoth wieder an zu arbeiten und begann, Kupfermünzen zu sammeln, um sie in Jarls Bündel zu stecken. Die Tage waren schrecklich: Ratte ließ Jarl nicht mit Azoth sprechen, und nach einer Weile glaubte Azoth, dass Jarl nicht einmal mehr mit ihm sprechen wollte. Der Jarl, den er kannte, verschwand nach und nach. Es wurde auch nicht besser, als sie auf hörten, ihn zu zwingen, das Kleid zu tragen.
Die Nächte waren noch schlimmer. Ratte holte Jarl jede Nacht zu sich, während der Rest der Gilde so tat, als bekäme er nichts mit. Azoth und Puppenmädchen kauerten sich in der von leisem Weinen durchbrochenen Stille zusammen, die später kam, und Azoth lag lange Stunden auf dem Rücken und plante kunstvolle Rache, von der er wusste, dass er sie niemals ausführen würde.
Er wurde verwegen, beschimpfte Ratte, hinterfragte jeden Befehl, den der Junge gab, und wurde zum Fürsprecher für jeden, den Ratte schlug. Ratte schimpfte zurück, aber immer mit diesem schwachen Lächeln in den Augen. Die Kleinen und die Verlierer der Gilde fingen an, Azoth zu verehren und ihn mit anbetenden Blicken zu betrachten.
An dem Tag, an dem zwei Große ihm ein Mittagessen brachten und mit ihm auf der Veranda saßen, konnte Azoth spüren, dass die Gilde einen kritischen Punkt erreicht hatte. Es war eine Offenbarung. Er hätte es nie für möglich gehalten, dass Große ihm folgen würden. Warum sollten sie auch? Er war nichts. Und dann erkannte er seinen Irrtum. Er hatte niemals Pläne für den Fall geschmiedet, dass Große sich ihm anschlossen. Auf der anderen Seite des Innenhofs saß Ja’laliel, in jämmerlichem Zustand, Blut hustend und mit hoffnungsloser Miene.
Ich bin so dumm. Ratte hatte genau darauf gewartet. Er hatte es so arrangiert, dass Azoth als Held dastand. Er hatte es ihm sogar vorausgesagt. Dies würde kein gewöhnlicher Schlag werden. Es würde eine Säuberung werden.
 
»Vater, bitte, geh nicht.« Logan Gyre hielt das Streitross seines Vaters; er ignorierte die Kühle vor Sonnenaufgang und kämpfte gegen die Tränen an.
»Nein, lass das«, befahl Herzog Gyre Wendel North, seinem Haushofmeister, der den Dienstboten, die Truhen mit den Kleidern des Herzogs gebracht hatten, Anweisungen gab. »Aber ich will, dass mir binnen einer Woche tausend Wollumhänge nachgeschickt werden. Bezahle sie aus unserer Kasse und verlange von niemandem eine Erstattung, wenn du sie lieferst. Ich will dem König keinen Vorwand verschaffen, um Nein zu sagen.« Er verschränkte seine in Panzerhandschuhen steckenden Hände hinterm Rücken. »Ich weiß nicht, in welcher Verfassung die Garnisonsställe sind, aber ich hätte gern
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »The Night Angel Trilogy I. The Way of Shadows« bei Orbit, Hachette Book Group USA, Inc., New York.
 
 
1. Auflage Deutsche Erstveröffentlichung Januar 2010 bei Blanvalet, einem Unternehmen der Verlagsgruppe Random House GmbH, München.
Copyright © der Originalausgabe 2008 by Brent Weeks Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen. Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2010 by Verlagsgruppe Random House GmbH, München
Kartenillustration: Jürgen Speh Redaktion: Alexander Groß Lektorat: Urban Hofstetter Herstellung: René Fink Druck und Einband: GGP Media GmbH, Pößneck
eISBN : 978-3-641-03834-2
 
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