Die blendende Klinge - Brent Weeks - E-Book

Die blendende Klinge E-Book

Brent Weeks

4,8
12,99 €

Beschreibung

Sein Leben ist eine Lüge, seine Macht geraubt

Gavin Guile stirbt. Der hoch geehrte Lord Prisma glaubte, er hätte noch fünf Jahre zu leben – doch jetzt bleibt ihm nicht mal mehr eines. Viel zu wenig Zeit, um auch nur seine drängendsten Probleme zu lösen: Denn die alten Götter werden wiedergeboren und setzen sich an die Spitze einer unbesiegbaren Armee, die Tausende von verängstigten Flüchtlingen vor sich hertreibt. Gavins einzige Chance, dem tödlichen Chaos Einhalt zu gebieten, könnte ausgerechnet sein Bruder sein – dessen Leben er vor sechzehn Jahren raubte …

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 1350




Brent Weeks

Die blendende Klinge

Roman

Deutsch von Hans Link und Clemens Brumm

Die Originalausgabe erschien 2012 unter dem Titel »The Lightbringer Trilogy II. The Blinding Knife« bei Orbit, Hachette Book Group USA, Inc., New York.

Deutsche Erstveröffentlichung Februar 2013

bei Blanvalet, einem Unternehmen der Verlagsgruppe Random House GmbH, München

Copyright © der Originalausgabe 2012 by Brent Weeks

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen.

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2013

by Verlagsgruppe Random House GmbH, München

Kartenillustration: Chad Roberts Design

Redaktion: Alexander Groß

Lektorat: Urban Hofstetter

Herstellung: Sabine Müller

Satz: Vornehm Mediengestaltung GmbH, München

ISBN 978-3-641-08512-4www.blanvalet.de

Für Kristi, meine FrauUnd für all die anderen, die mir ihr Vertrauen bewahren, selbst wenn es zum Aufgeben schon zu spät scheint

1

Gavin Guile lag in einem schmalen Gleiter, der mitten im Meer trieb, auf dem Rücken. Es war ein winziges, flaches Boot. Früher einmal hätte er so auf dem Rücken liegend nahezu geglaubt, eins mit dem Meer zu sein. Jetzt war die Himmelskuppel über ihm wie ein Deckel und er ein Krebs im Kochkessel, in dem es immer heißer wurde.

Zwei Stunden vor Mittag sollte das Wasser hier, vor der Südküste der Azurblauen See, von einem überwältigend intensiven Blaugrün sein. Und der wolkenlose Himmel über ihm, jetzt, da sich der Morgennebel in der Sonne aufgelöst hatte, von einem friedvollen, leuchtenden Saphirblau.

Aber er konnte diese Farben nicht sehen. Seit er vor vier Tagen die Schlacht von Garriston verloren hatte, sah er, wo Blau war, immer nur Grau. Und wenn er sich nicht konzentrierte, sah er nicht einmal das. Jetzt, da ihm sein Blau genommen war, wirkte das Meer wie eine dünne graugrüne Brühe.

Seine Flotte wartete. Schwer, sich zu entspannen, wenn Tausende von Menschen auf dich, und nur auf dich, warten – aber er brauchte jetzt einfach ein gewisses Maß an Ruhe.

Er blickte zum Himmel empor, breitete die Arme aus und berührte mit den Fingerspitzen die Wellen.

Lucidonius, warst du auch einmal hier? Hat es dich überhaupt wirklich gegeben? Ist dir das Gleiche widerfahren?

Etwas zischte durchs Wasser, ein Geräusch wie von einem Boot, das die Wellen durchschnitt.

Gavin richtete sich halb auf und erhob sich dann ganz.

Fünfzig Schritt hinter ihm verschwand etwas unter den Wellen. Etwas, das groß genug war, Wellen aufzuwerfen. Es könnte ein Wal gewesen sein.

Nur dass Wale im Allgemeinen zum Atmen an die Oberfläche kamen. Und es hing keine Gischtfontäne in der Luft, kein dampfender Strahl ausgestoßener Atemluft. Außerdem musste eine solche Meereskreatur wahrhaft gewaltig sein, wenn Gavin sie aus einer Entfernung von fünfzig Schritt durch das Wasser zischen hören konnte. Das Herz schlug ihm bis zum Hals.

Er begann Licht einzusaugen, um sich einen Antrieb für sein Boot zu wandeln – und erstarrte. Direkt unter seinem winzigen Gleiter bewegte sich etwas durchs Wasser. Es war, als sehe man von einer Kutsche aus die Landschaft vorbeifliegen, aber Gavin bewegte sich nicht. Der heranbrausende Körper war riesig, um ein Vielfaches breiter als sein Boot, und er wellte und wogte immer näher an die Oberfläche, immer näher an sein eigenes kleines Boot. Ein Meeresdämon.

Und er glühte. Ein friedliches, warmes Leuchten, ganz wie das der Sonne an diesem kühlen Morgen.

Gavin hatte noch nie von etwas Derartigem gehört. Meeresdämonen waren Ungeheuer, die reinste, wahnsinnigste Form von wilder Raserei, die der Menschheit bekannt war. Sie brannten in leuchtendem Rot, kochten die Meere und hinterließen Feuer in ihrem Kielwasser. Keine Fleischfresser, so vermuteten es zumindest die alten Bücher, aber von einem verbissenen Revierbewusstsein – jeder Eindringling in ihre Gewässer musste zermalmt werden. Eindringlinge wie Schiffe zum Beispiel.

Dieses Licht war nicht das Licht eines solchen Zorns. In seinem friedlichen Leuchten war der Meeresdämon kein bösartiger Zerstörer, sondern ein Leviathan, der das Meer durchquerte und dabei kaum ein von ihm kündendes Kräuseln hinterließ. Seine Farben schimmerten durch die Wellen und wurden immer strahlender, je näher er heranwogte.

Ohne nachzudenken, kniete Gavin sich hin, als der Rücken des gewaltigen Wesens direkt unter seinem Boot durch die Wasseroberfläche brach. Bevor das Boot von dem Wasser mitgezogen wurde, das den gewaltigen Rücken zu beiden Seiten herabströmte, streckte Gavin die Hand aus und berührte die Haut des Meeresdämons. Er hatte eigentlich erwartet, dass eine die Wellen durchgleitende Kreatur schleimig sein würde, aber die Haut war überraschend rau, muskulös und warm.

Einen kostbaren Augenblick lang hörte Gavin auf zu existieren. Es gab keinen Gavin Guile, keinen Dazen Guile, keinen Hohen Luxlord Prisma, keine katzbuckelnden, wehleidigen Würdenträger ohne Würde, keine Lügen, keine Satrapen, die es einzuschüchtern galt, keine Ratsmitglieder des Spektrums, die manipuliert werden mussten, keine Geliebten, keine Bastarde, keine Macht außer dieser Macht vor seinen Augen. Er fühlte sich klein, als er auf diese unfassbar riesigen Ausmaße starrte.

Gekühlt von der sanften Morgenbrise und gewärmt von den beiden Sonnen, eine im Himmel, eine unter den Wellen, erfasste Gavin eine fast heitere Ruhe. Nie war er einem Moment der Heiligkeit näher gewesen.

Und dann begriff er, dass der Meeresdämon auf seine Flotte zuschwamm.

2

Die grüne Hölle versuchte ihn in den Wahnsinn zu treiben. Der tote Mann war zurück in der spiegelnden Wand, leuchtend grinste er den Gefangenen an, die Züge skelettdünn verzogen von den gewölbten Mauern der runden grünen Zelle.

Der Schlüssel bestand darin, nicht zu wandeln. Nach sechzehn Jahren, in denen er nur Blau gewandelt hatte, in denen jener verhasste azurne Gleichmut sein Bewusstsein verändert und seinen Körper beschädigt hatte, wollte er jetzt, da er der blauen Zelle entflohen war, nichts mehr, als sich an irgendeiner anderen Farbe zu laben. Es war, als habe er sechstausend Tage lang morgens, mittags und abends Haferschleim gegessen und jetzt biete ihm jemand eine Scheibe Schinken an.

Nicht dass er Schinken überhaupt besonders gemocht hätte, damals, als er frei gewesen war. Jetzt klang allein das Wort schon wunderbar. Er fragte sich, ob es das Fieber war, was von seinen Gedanken nichts übrig ließ als Brei und Gemütsregungen.

Komisch, welche Gestalt seine Gedanken annahmen: damals, als er frei gewesen war. Nicht: damals, als er das Prisma gewesen war.

Er war sich nicht sicher, ob es daran lag, dass er sich immer noch einredete, dass er das Prisma sei, ob er nun königliche Gewänder trug oder stinkende Lumpen – oder ob es eben einfach keine Rolle mehr spielte.

Der Gefangene versuchte, den Blick abzuwenden, aber alles war grün. Die Augen offen zu haben bedeutete, die Füße in Grün zu tauchen. Nein, mehr noch, er stand förmlich bis zum Hals im Wasser und versuchte, trocken zu werden. Da gab es keine Hoffnung auf Trockenheit. Er musste das wissen und es akzeptieren. Die einzige Frage, die zählte, war nicht, ob er sich die Haare nass machen würde, sondern, ob er ertrinken würde.

Grün war ganz und gar Wildheit, Freiheit. Seine Logik, die in der Ordnungsliebe von Blau geschwelgt hatte, wusste, dass – in diesem Luxin-Käfig gefangen – das Einsaugen purer Wildheit zu Wahnsinn führen würde. Binnen Tagen würde er sich die eigene Kehle aufreißen. Pure Wildheit hier drinnen würde den Tod bedeuten. Er würde endlich selbst in die Tat umsetzen, was sein Bruder für ihn vorgesehen hatte.

Er musste Geduld haben. Er musste nachdenken, und das Nachdenken fiel ihm im Augenblick schwer. Er untersuchte langsam und sorgfältig seinen Körper. Seine Hände und Knie waren aufgeschürft, weil er durch den Höllensteintunnel gekrochen war. Die Beulen und Prellungen, die von seinem Sturz durch die Falltür und in diese Zelle hinein herrührten, brauchte er nicht weiter zu beachten. Sie waren schmerzhaft, würden aber ohne Folgen bleiben. Am beunruhigendsten war die entzündete Schnittwunde quer über seiner Brust. Allein schon ihr Anblick verursachte ihm Übelkeit. Sickernder Eiter und das Versprechen baldigen Todes.

Das Schlimmste war das Fieber, das seine zerstörerische Wirkung entfaltete, indem es ihn bis aufs Blut verdarb, ihn dumm und unvernünftig machte, seinen Willen untergrub.

Aber er war dem blauen Gefängnis entflohen, und jenes Gefängnis hatte ihn verändert. Sein Bruder hatte diese Gefängnisse schnell gewandelt und wahrscheinlich seine meiste Energie in jenes erste, blaue gesteckt. Jedes Gefängnis hatte einen Fehler.

Und das blaue Gefängnis hatte aus ihm den idealen Mann gemacht, diesen Fehler auch zu finden. Tod oder Freiheit.

In seiner spiegelnden grünen Mauer sagte der tote Mann: »Willst du wetten?«

3

Gavin zog Licht in sich hinein, um mit dem Bau seiner Ruderapparatur zu beginnen. Ohne nachzudenken, versuchte er Blau zu wandeln. Obwohl es zerbrechlich war, machte seine feste, glatte, kaum Haftung bietende Beschaffenheit Blau für solche Bauteile ideal, die keinen seitlich wirkenden Kräften ausgesetzt waren. Einen vergeudeten Augenblick lang versuchte Gavin erneut, es zu erzwingen. Er war ein fleischgewordenes Prisma; als einziger von allen Wandlern konnte er Licht in seine Bestandteile aufspalten. Das Blau war darin vorhanden – er wusste, dass es da war, und vielleicht würde das Wissen, dass es da war, obwohl er es nicht sehen konnte, ja ausreichen.

Bei Orholam, man fand ja auch mitten in der Nacht seinen Nachttopf – obwohl man ihn nicht sieht, ist er gleichwohl da. Warum konnte das in diesem Fall nicht ganz genauso sein?

Nichts. Keine überwältigend harmonische Logik, keine kühle Rationalität, keine blau verfärbte Haut, überhaupt kein Wandeln. Zum ersten Mal, seit er ein Junge gewesen war, fühlte er sich hilflos. Wie ein ganz normaler Mensch. Wie ein Bauer.

Gavin brüllte seine Hilflosigkeit heraus. Es war ohnehin zu spät für die Ruder. Dieses Ungeheuer schwamm zu schnell.

Er wandelte die Schaufeln und die Röhren. Blau eignete sich besser für die Düsen eines Gleiters, aber auch das von Natur aus biegsamere Grün konnte den geforderten Zweck erfüllen, solange er es nur dick genug machte. Das raue grüne Luxin war schwerer und hatte einen größeren Wasserwiderstand, daher würde er auch langsamer sein, aber er hatte weder die Zeit noch die Konzentration, um Gelb zu verwenden. Kostbare Sekunden verstrichen, während er seinen Gleiter entsprechend vorbereitete.

Dann hielt er die Schaufelröhren in der Hand, und er begann Luxin in die Düsen zu schleudern, nach hinten Luft und Wasser aus seinem kleinen Boot zu blasen und es dadurch anzutreiben. Er beugte sich weit nach vorn, seine Schultern verkrampften sich, aber als er einmal in Gleitfahrt war, ließ die Anstrengung nach. Schon bald zischte sein Boot über die Wellen.

In der Ferne tauchte die Flotte vor ihm auf, die höchsten Segel der Schiffe zuerst. Doch angesichts von Gavins Geschwindigkeit dauerte es nicht lange, bis er sie alle sehen konnte. Es waren jetzt Hunderte von Schiffen: angefangen von kleinen Segeljollen über Galeassen bis hin zu dem dreimastigen Rahsegler, einem Kriegsschiff mit achtundvierzig Kanonen, das Gavin dem Gouverneur von Ruthgar abgenommen und zu seinem Flaggschiff gemacht hatte. Sie hatten Garriston mit über hundert Schiffen verlassen, aber Hunderte waren schon zuvor in See gestochen, und binnen Tagen hatten sie sich ihnen angeschlossen – um vor den Piraten Schutz zu suchen, von denen es in diesen Gewässern nur so wimmelte. Zuletzt tauchten die großen Barkassen aus Luxin vor ihm auf. Er hatte diese vier großen, offenen und nur mit Mühe seetüchtigen Schiffe selbst erbaut, um so vielen Flüchtlingen wie möglich Platz bieten zu können. Hätte er es nicht getan, wären Tausende von Menschen gestorben.

Und jetzt würden sie trotzdem sterben, wenn Gavin den Meeresdämon nicht von ihnen fernhalten konnte.

Als Gavin näher heranschoss, erblickte er den Meeresdämon erneut, ein Buckel, der sich gischtsprühend zwei Meter aus dem Meer erhob. Seine Haut leuchtete immer noch friedfertig, und durch irgendeinen Glücksfall nahm er nicht direkt Kurs auf die Flotte. Er hatte eine Bahn eingeschlagen, die die Route der Flotte etwa tausend Schritt vor dem voranfahrenden Schiff kreuzen würde.

Natürlich arbeiteten sich auch die Schiffe langsam vor, zogen ihre schäumenden Bahnen durchs Meer und ließen diesen Abstand schrumpfen, doch bewegte sich der Meeresdämon so rasch, dass Gavin zu hoffen wagte, dass das nicht ins Gewicht fallen würde. Er wusste nicht, wie scharf die Sinne des Meeresdämons waren, aber wenn er weiterhin unverändert seine Richtung beibehielt, könnte die Sache durchaus gut ausgehen.

Gavin konnte die Hände nicht von den Düsen des Gleiters nehmen, ohne wertvolle Geschwindigkeit zu verlieren, und selbst wenn er es hätte tun können, so wusste er doch nicht, wie er dann der ganzen Flotte gleichzeitig ein Signal hätte geben sollen, das allen unmissverständlich bedeutete: »Macht jetzt keinen Quatsch!« Er bewegte sich nun direkt hinter dem Meeresdämon her, kam immer näher.

Aber er hatte sich geirrt: Der Meeresdämon würde die Bahn der Schiffe nur etwa fünfhundert Schritt vor dem ersten Schiff kreuzen. Hatte er schlecht geschätzt, oder hatte sich das Ungeheuer der Flotte zugewandt?

Gavin konnte sehen, wie die Späher in den Mastkörben den Matrosen auf Deck heftig zuwinkten. Zweifellos schrien sie auch, allerdings war Gavin zu weit entfernt, um sie zu hören. Er raste näher heran und sah Männer auf den Decks hin und her laufen.

Die Bedrohung für die Flotte war viel plötzlicher aufgetaucht, als jemand es hätte erwarten können. Feinde erschienen gewöhnlich fern am Horizont und mussten sie dann erst einmal einholen. Stürme konnten zwar auch binnen einer halben Stunde wie aus dem Nichts aufziehen, aber was jetzt drohte, war höchstens Minuten vorher absehbar gewesen, und einige Schiffe bemerkten das doppelte Mirakel erst jetzt – ein Boot, das schneller über die Wellen dahinglitt, als es je ein Mensch gesehen hatte, und der riesige dunkle Schatten davor, bei dem es sich nur um einen Meeresdämon handeln konnte.

Seid jetzt vernünftig, bei Orholam, seid vernünftig oder zu eingeschüchtert, um überhaupt irgendetwas zu tun. Bitte!

Es brauchte seine Zeit, um Kanonen zu laden, und man konnte sie auch nicht geladen lassen, weil dann die Gefahr bestand, dass das Pulver verdarb. Irgendein Idiot mochte vielleicht eine Muskete auf den vorbeiziehenden Schatten abfeuern, aber von einer so kleinen Störung würde das Ungeheuer wohl kaum Notiz nehmen.

Der Meeresdämon pflügte vierhundert Schritt vor der Flotte durchs Wasser und verfolgte unbeirrt und gradlinig seinen Kurs.

Gavin konnte jetzt die Rufe von den Schiffen hören. Der Mann im Mastkorb von Gavins Flaggschiff hielt sich ungläubig den Kopf, aber niemand tat etwas Dummes.

Orholam, nur noch eine Minute. Nur …

Das Krachen einer Signalgranate zerriss den Vormittag, und Gavins Hoffnungen zerstäubten im Meer. Gavin hätte schwören mögen, dass alle Rufe auf den Schiffen der Flotte gleichzeitig abbrachen – und dann einen Moment später wieder einsetzten, als die erfahreneren Seeleute ungläubig aufschrien und den verängstigten Idioten von einem Kapitän verfluchten, der sie wahrscheinlich gerade alle umgebracht hatte.

Gavin hatte nur Augen für den Meeresdämon. Die Spur seines Kielwassers, aus dem Blasen aufstiegen und von dem zwei große Wellen ausgingen, wurde noch hundert Schritt länger. Noch einmal hundert. Vielleicht hatte er es nicht gehört.

Dann machte der Meeresdämon schneller kehrt, als Gavin es für möglich gehalten hätte, und sein Gleiter schoss direkt an dem Ungetüm vorbei.

Als der Meeresdämon sich komplett gedreht hatte, durchbrach sein Schwanz die Wasseroberfläche. Er bewegte sich zu schnell, als dass Gavin Einzelheiten hätte erkennen können. Er sah nur, dass dieser Schwanz die glühend rote Farbe von Eisen hatte, das wütend zischend aus der Esse kam. Und als seine volle Spanne – die gewiss dreißig Schritt maß – auf das Wasser schlug, gab es eine so gewaltige Erschütterung, dass ihr gegenüber selbst der Knall der Signalgranate blechern und leise erschien.

Riesige Wellen breiteten sich von der Stelle aus, die der Schwanz getroffen hatte. Gavin hatte so abrupt angehalten, dass es ihm jetzt nur mit Mühe gelang, seinen Gleiter zu wenden, bevor die Wellen ihn erreichten. Er tauchte tief in die erste Welle ein und schleuderte hastig grünes Luxin nach vorn, um die Vorderseite seines Bootes breiter und länger zu machen. Die nächste Welle katapultierte ihn empor und warf ihn in die Luft.

Der Bug des Gleiters traf die nächste Riesenwelle in einem zu stumpfen Winkel und fuhr mitten hinein. Gavin wurde von seinem Gleiter gerissen und stürzte in die Wellen.

Die Azurblaue See war wie ein warmes, nasses Maul. Sie verschlang Gavin in einem Stück, quetschte ihm den Atem aus der Lunge, ließ ihn über ihre Zunge rollen, raubte ihm die Orientierung, verschluckte ihn spielerisch und ließ ihn, als er sich wehrte, schließlich wieder los.

Gavin kam an die Oberfläche und hatte die Flotte schnell wiedergefunden. Er hatte keine Zeit, einen ganzen neuen Gleiter zu wandeln, daher wandelte er kleinere Schaufeln an seine Arme, sog so viel Licht ein, wie sein Körper halten konnte, legte die Arme seitlich an und blickte mit dem Kopf Richtung Meeresdämon. Er schleuderte Luxin nach hinten, und es trieb ihn vorwärts, wie es einen Gleiter angetrieben hätte.

Der Druck der Wellen war unglaublich. Er versperrte ihm die Sicht und löschte alle Geräusche aus, aber Gavin wurde nicht langsamer. Mit einem Körper, den das jahrelange Steuern eines Gleiters so sehr gestählt hatte, dass er das ganze Meer an einem Tag überqueren konnte, und einem Willen, den die jahrelange Notwendigkeit, als Prisma die Welt seinen Wünschen zu unterwerfen, unerbittlich gemacht hatte, stieß er sich vorwärts.

Er spürte, wie er in den Sog des Meeresdämons glitt: Der Druck ließ plötzlich nach, und seine Geschwindigkeit verdoppelte sich. Mit seinen Beinen zielend, bohrte sich Gavin tiefer ins Wasser und schoss dann an die Oberfläche.

Er flog in die Luft. Keinen Augenblick zu früh.

Während er so Luft und Licht in sich einsaugte und das Wasser von seinem ganzen Körper strömte, hätte er eigentlich gar nicht in der Lage sein sollen, viel zu sehen. Aber das Bild, das sich ihm bot, schien förmlich zu erstarren, und er sah alles. Das kreuzförmige Maul geschlossen, ragte der an einen Hammerhaikopf erinnernde Schädel des Meeresdämons halb aus dem Wasser, so dass sein knotiger, stachliger Kopf das Flaggschiff zerschmettern konnte. Das Ungeheuer war mindestens zwanzig Schritt breit, und es war jetzt nur noch fünfzig Schritt von dem Schiff entfernt.

An der Backbordreling standen Männer mit Luntenschlossmusketen, von denen teils dichter schwarzer Rauch emporstieg. Andere loderten auf, als unmittelbar vor dem Schuss die Lunten das Pulver in den Pfannen entzündeten. In Hauptmann Eisenfausts und Karris’ Händen formte sich bereits leuchtendes Luxin zu Wurfgeschossen. Auf den Kanonendecks sah Gavin Männer die Kanonen mit Pulver für Schüsse befüllen, die sie niemals würden rechtzeitig abfeuern können.

Die anderen Schiffe der Flotte wirkten wie Zuschauer bei einem Faustkampf. Männer hockten mit offenen Mündern auf der Reling, und viel zu wenige luden zumindest ihre Musketen.

Dutzende von Seeleuten, die das nahende Ungeheuer angestarrt hatten, wandten nun ihren Blick ab, um zu sehen, welches neue Unheil da wohl gerade in die Luft geschossen kam. Ein Mann im Mastkorb deutete brüllend auf Gavin.

Und Gavin hing mitten in der Luft, während Verhängnis und Zerstörung nur Sekunden von seinen Leuten entfernt waren – und warf alles, was er hatte, dem Meeresdämon entgegen.

Eine funkelnde, sich drehende Wand aus vielfarbigem Licht schoss von Gavin aus auf den Meeresdämon zu.

Gavin konnte nicht sehen, was passierte, als sie den Meeresdämon traf, ja nicht einmal, ob sie ihn überhaupt getroffen hatte.

Es gab ein altes parianisches Sprichwort, das Gavin gehört, dem er aber nie Beachtung geschenkt hatte. »Wenn du einen Berg wirfst, wirft der Berg dich zurück.«

Die Zeit setzte wieder ein, unangenehm schnell. Gavin hatte das Gefühl, als sei er mit einem übermannsgroßen Knüppel geschlagen worden. Er wurde zurückgerissen, Sterne explodierten vor seinen Augen, er streckte wie eine Katze die Krallen aus, krümmte sich, versuchte sich zu drehen – und tauchte zwanzig Schritt weiter hinten mit einem neuen markerschütternden Schlag ins Wasser.

Licht ist Leben. Jahre des Krieges hatten Gavin gelehrt, nie unbewaffnet zu bleiben; Ungeschütztsein ist schon eine Vorstufe zum Tod. Gavin fand den Weg zur Wasseroberfläche und begann sofort zu wandeln. In all den Jahren, die er damit verbracht hatte, tausende Male an der Vervollkommnung seines Gleiters zu scheitern, hatte er außerdem seine Methode perfektioniert, sich aus dem Wasser zu befreien und ein Boot zu wandeln – keine leichte Aufgabe. Wandler hatten ständig Angst davor, ins Wasser zu fallen und dann nicht wieder herauszukönnen.

Und so stand Gavin schon nach wenigen Sekunden auf dem Deck eines neuen Gleiters und wandelte bereits die Schaufelröhren, während er zugleich versuchte, sich ein Bild von der Lage zu verschaffen.

Das Flaggschiff schwamm noch immer; eine Reling war abgerissen, und die Planken der Backbordseite hatten riesige Kratzer davongetragen. Also musste sich der Meeresdämon abgewandt haben und hatte das Schiff kaum gestreift. Im Drehen hatte er jedoch anscheinend erneut mit dem Schwanz geschlagen, denn einige der kleinen Segeljollen in der Nähe waren vollgelaufen, und Männer sprangen ins Wasser, während andere Schiffe bereits Kurs auf sie genommen hatten, um sie dem Maul des Meeres wieder zu entreißen.

Und wo zum Teufel war der Meeresdämon?

Auf den Decks schrien Menschen – keine Rufe des Jubels, sondern des Schreckens. Sie zeigten auf …

Oh, Scheiße.

Gavin begann, so schnell wie möglich Licht die Röhren hinabzuschleudern. Aber der Gleiter sprang immer erst verzögert an.

Der riesige, dampfende, rotglühende Hammerkopf tauchte keine zwanzig Schritt entfernt aus dem Wasser und kam schnell näher. Gavin beschleunigte und erreichte die gewaltige Stoßwelle, die eine so große, das Meer durchpflügende plumpe Masse verursachte. Die vordere Seite des Hammerkopfes war eine einzige knotige und stachelige Wand.

Aber die sich aufbäumende Stoßwelle half Gavin, sich vom Meeresdämon wegzubewegen. Er glitt sie hinab ins Wellental.

Und dann öffnete sich das kreuzförmige Maul und zerteilte den gesamten Hammerkopf in vier Richtungen. Als sich der Meeresdämon nun darauf verlegte, das Wasser einzusaugen, statt es vor sich herzuschieben, verschwand die Stoßwelle abrupt. Und Gavins Gleiter wurde wieder in Richtung Maul zurückgeschwemmt.

Mitten ins Maul hinein. Das offene Maul war mindestens zwei- oder dreimal so breit, wie Gavin groß war. Meeresdämonen konnten ganze Meere verschlucken. Der Körper zuckte rhythmisch; ein Kreis, der sich erst enger zusammenzog und dann weiter öffnete, während er das Wasser durch die Kiemen pumpte und fast so wie bei Gavins Gleiter hinten wieder ausstieß.

Gavins Arme zitterten, und seine Schultern brannten von der Muskelanstrengung, mit der er seinen ganzen Körper und sein Boot durch die Wogen vorwärtsstemmte. Fester. Verdammt noch mal, fester!

Der Meeresdämon wölbte sich gerade in dem Moment in die Höhe, als Gavins Gleiter aus seinem Maul hervorschoss. Seine vierfachen Kiefer schlossen sich schnappend, und er stieß sich in die Lüfte. Gavin schloss die Augen, schrie auf und schleuderte Luxin, so heftig er konnte.

Er warf einen kurzen Blick über die Schulter und sah das Unmögliche: Der Meeresdämon hatte tatsächlich einen Satz durch die Luft gemacht. Sich in ganzer Länge aus dem Wasser erhoben. Sein gewaltiger Körper krachte zurück in die See. Es war, als wären alle sieben Türme der Chromeria gleichzeitig ins Meer gestürzt.

Aber Gavin war schneller, hatte seine volle Geschwindigkeit nun erreicht. Von der verrückten Freiheit des Fliegens und der leuchtenden Leichtigkeit des Lebens erfüllt, lachte er auf. Lachte und lachte.

Der Meeresdämon folgte ihm wütend, er brannte immer noch rot und bewegte sich noch schneller als zuvor. Aber solange der Gleiter mit Maximalgeschwindigkeit dahinsauste, war Gavin außer Gefahr. Er fuhr in einer Kreislinie hinaus aufs Meer, während die fernen Gestalten von Menschen auf den Decks aller Schiffe der Flotte jubelten und das Ungetüm ihm nachsetzte.

Gavin lockte es stundenlang immer weiter aufs Meer hinaus. Für den Fall, dass das Untier einfach blind in die Richtung weiterschwamm, in die es ihn zuletzt hatte verschwinden sehen, zog er einen großen Kreis und ließ den Meeresdämon weit hinter sich.

Bei Sonnenuntergang kehrte Gavin erschöpft und ausgelaugt zu seiner Flotte zurück. Sie hatten zwei Segeljollen verloren, aber kein einziges Menschenleben. Sein Volk – denn mehr noch als zuvor hingen sie ihm nun mit Leib und Seele an – begrüßte ihn wie einen Gott.

Gavin nahm ihre Verehrung mit einem matten Lächeln entgegen, aber das Gefühl der unbändigen Freiheit war verschwunden. Er hätte gern ebenfalls frohlockt. Er wünschte, sich betrinken und tanzen zu können und dann das bestaussehende Mädchen mit ins Bett zu nehmen, das er finden konnte. Er wünschte, irgendwo in der Flotte Karris aufzuspüren und dann mit ihr zu kämpfen oder mit ihr zu schlafen oder erst das eine und dann das andere. Er wünschte, die Geschichte des gerade Erlebten erzählen zu können und sie aus hunderten Mündern nacherzählt zu bekommen und dem Tod ins Gesicht zu lachen, dem sie alle so nahe gewesen waren. Stattdessen ging er, während seine Leute feierten, unter Deck. Allein. Wies Corvan ab. Hatte für seinen Sohn, der ihn mit großen Augen ansah, nur ein Kopfschütteln übrig.

Und als er dann in seiner verdunkelten Kabine alleine war, weinte er. Nicht um das, was gewesen war, sondern um das, zu dem er werden musste.

4

Karris hatte sich nicht denen angeschlossen, die die Rettung der Flotte vor dem Meeresdämon feierten. Sie erwachte bei Tagesanbruch, nahm ihre Waschungen vor und bürstete ihr schwarzes Haar, um sich etwas Zeit zum Nachdenken zu verschaffen. Es half nicht.

Das Geheimnis hing an ihr wie eine lästige Klette. Sie band sich das Haar, das so schwarz war wie ihre Stimmung, zu einem Pferdeschwanz zurück. Sie hatte die letzten fünf Tage damit verbracht, die Einzelteile zusammenzusetzen: Gavin, der nach der letzten Schlacht im Krieg gegen seinen Bruder Dazen »krank« geworden war; Gavin, der ihr Verlöbnis löste; Gavin, der erstaunt war, als er von seinem Bastard Kip erfuhr; Gavin, der anders war.

Dann hatte sie Zeit damit verschwendet, sich zu fragen, wie sie nur so dämlich hatte sein können. Sie hatte – wie alle anderen – die Veränderungen dem Trauma des Krieges zugeschrieben, dem Schock, seinen eigenen Bruder getötet zu haben. Seine prismatischen Augen waren der Beweis dafür gewesen, dass Gavin Gavin war. Ein Beweis. Gavin war hochintelligent und ein geschickter Lügner, aber es hätte ihm eigentlich nicht gelingen sollen, Karris zu täuschen. Sie kannte ihn zu gut. Genauer gesagt, sie kannte Dazen zu gut.

Als sie mit alledem fertig war, begab sie sich wie jeden Morgen aufs Vorderdeck und begann mit ihren Dehnübungen. Sie musste jeden Tag ihre Übungen machen, sonst drehte sie durch. Ihr Vorgesetzter, Hauptmann Eisenfaust, war so aufmerksam gewesen, ihr dafür zwei entsprechende schwarze Gewänder mitzubringen. Sowohl Jacke als auch Hose dieser Kluft bestanden aus mit Luxin getränkter Baumwolle. An manchen Stellen eng, aber überall geschmeidig, waren diese Kleidungsstücke in erster Linie geschaffen, um Bewegungsfreiheit zu verleihen, daneben dienten sie jedoch auch dazu, die gestählten Körper der Schwarzgardisten zur Schau zu stellen. Aber auch wenn das Ächzen und Schwitzen ein fester Bestandteil von Karris’ Leben war, bedeutete das nicht, dass sie jeden dahergelaufenen Schnösel auf Deck daran teilhaben lassen wollte.

»Darf ich?«, fragte Eisenfaust, der gerade auf Deck kam. Der Hauptmann der Schwarzgardisten war ein riesiger Mann. Und ein guter Anführer. Klug, zäh und verdammt einschüchternd. Als Karris nickte, nahm er sein Kopftuch ab und legte es säuberlich zusammen. Es war eine fromme parianische Sitte, dass die Männer aus Respekt vor Orholam ihren Kopf bedeckten. Aber es gab Ausnahmen, und wie viele Parianer glaubte auch Eisenfaust, dass das Gebot erst dann galt, wenn sich die Sonne voll und ganz über den Horizont erhoben hatte.

Eisenfaust hatte sein borstiges schwarzes Haar früher geflochten getragen, aber nach der Schlacht von Garriston und dem Tod so vieler seiner Schwarzgardisten hatte er sich den Kopf als Zeichen der Trauer völlig kahl rasiert – auch das eine parianische Sitte. Das Kopftuch, das einst seine Glorie bedeckt hatte, bedeckte jetzt seinen Gram.

Gütiger Orholam. All die toten Schwarzgardisten, viele von ihnen gleichzeitig durch eine einzige explodierende Granate getötet, einen Zufallstreffer, der sich nicht um ihre herausragenden Fähigkeiten im Kämpfen und Wandeln geschert hatte. Karris’ Mitstreiter. Ihre Freunde. Ein gähnender Abgrund hatte sich aufgetan, der alles verschlang außer ihren Tränen.

Eisenfaust trat neben Karris, führte seine Hände zusammen und trennte sie dann, so dass sie ihm nach oben und nach unten zugleich Deckung boten. Es war der Beginn des Marsh Ka. Ein gut geeigneter Anfang, wenn die Muskeln nicht warm waren. Außerdem benötigte das Ka nicht viel Platz, so dass ihre Bewegungen von der Enge des Vorderdecks nicht behindert wurden. Hinabgleiten, umdrehen, Tritt nach hinten, dann ein Rundumtritt, auf dem anderen Fuß landen, das Gleichgewicht wiederfinden – das war auf dem schaukelnden Deck nicht ganz so einfach wie sonst.

Eisenfaust übernahm die Führung, und Karris überließ sie ihm gern. Die Matrosen der dritten Wache warfen verstohlene Blicke auf sie, aber Karris und Eisenfaust waren im Grau der frühen Morgendämmerung kaum sichtbar, und die Blicke der Wachen blieben unaufdringlich. Diese Bewegungen waren Karris und Eisenfaust zur zweiten Natur geworden. Karris konzentrierte sich ganz auf ihren Körper; die Verspannungen, die das Schlafen auf dem Holzboden hinterlassen hatte, waren schnell wegtrainiert, die älteren Schmerzen jedoch ließen sich nicht so rasch vertreiben – ihre Trainingsverletzung, die ihr immer Hüftbeschwerden bereitete, die Schmerzen in ihrem linken Knöchel, den sie sich im gemeinsamen Kampf mit Gavin gegen einen Grünwicht verstaucht hatte.

Nicht mit Gavin. Mit Dazen. Orholams Fluch komme über ihn.

Eisenfaust ging zu Koricks Ka über und steigerte schnell die Geschwindigkeit – erneut eine gute Entscheidung für einen so engen Raum. Rasch konzentrierte sich Karris darauf, ihre wirbelnden Rundumtritte noch ein klein wenig zu verlängern und den Tritt nach hinten noch etwas weiter und höher ausschlagen zu lassen. Sie war nicht annähernd so groß wie Eisenfaust, aber er konnte seine langen Glieder mit unglaublicher Geschwindigkeit zu Tritten und zu Schlägen mit der Speerhand herausschnellen lassen. Sie musste sich schwer ins Zeug legen, um bei dem von ihm vorgegebenen Tempo mitzuhalten.

Die Sonne schickte ihre ersten Strahlen über den Horizont, und sie setzten ihre Übungen noch fort, bis sich beinahe der ganze Sonnenball über den Horizont geschoben hatte. Anscheinend hatte sich Eisenfaust ebenfalls schwer ins Zeug legen wollen. Während sie keuchend durchatmete und sich mit auf die Oberschenkel gestützten Händen nach vorn lehnte, wischte er sich mit einem Tuch die Stirn ab, machte vor der aufgegangenen Sonne das Zeichen der Sieben, hauchte ein kurzes Gebet und band sich die Ghotra um den rasierten Kopf.

»Ihr wünscht etwas«, sagte er.

Er griff nach einem zweiten Tuch und warf es ihr zu. Natürlich hatte er zwei mitgebracht. Er war immer so gewissenhaft. Es verriet ihr außerdem, dass er sich nicht rein zufällig bei ihren morgendlichen Übungen zu ihr gesellt hatte. Er war gekommen, um mit ihr zu reden.

Typisch Eisenfaust. Kommt, um zu reden, und sagt dann im Laufe einer Stunde ganze fünf Wörter.

Trotzdem, er hatte recht. Also antwortete Karris: »Das Prisma plant, die Flotte zu verlassen. Er wird entweder versuchen, es ohne Euer Wissen zu tun, oder er wird Euch zumindest dazu bringen wollen, dass Ihr ihm keine Schwarzgardisten mitschickt. Ich möchte jedoch, dass Ihr mich mitschickt.«

»Hat er Euch das gesagt?«

»Er brauchte es mir nicht zu sagen. Er ist ein Feigling, er läuft immer weg.« Karris hatte eigentlich gedacht, sich ihre Wut beim Morgentraining abreagiert zu haben, aber da war sie schon wieder, heiß und frisch, bereit, sie binnen eines Augenblicks in hohem Bogen explodieren zu lassen.

»Feigling?« Eisenfaust lehnte sich an die Reling und musterte deren Holz. »Hmm.« Keinen Schritt entfernt von der Stelle, wo sie standen, war die Reling zerbrochen worden. Von einem tobenden Meeresdämon.

Von einem tobenden Meeresdämon, dem sich Gavin entgegengestellt hatte.

Sie knurrte. »Da ist mir wohl ein Satz zu viel herausgerutscht.«

Eisenfaust fand das nicht komisch. »Kommt einmal her. Die Augen bitte.«

Er nahm ihr Gesicht in seine großen Hände und starrte ihr im Licht der aufsteigenden Sonne eindringlich prüfend in die Augen. Dann sagte er: »Karris, Ihr seid meine schnellste Wandlerin, aber Ihr seid auch mit dem Wandeln am schnellsten bei der Hand. Unkontrollierte Wut? Das laute Aussprechen von Dingen, die Ihr nicht auszusprechen beabsichtigt habt? Das sind Kennzeichen eines Roten oder Grünen, der stirbt. Die Hälfte meiner Schwarzgardisten ist tot, und wenn Ihr weiter so viel wandelt, wie Ihr es bisher getan habt, werdet Ihr schneller Euren Halo zerbrechen, als …«

»Ich hoffe, ich störe nicht«, unterbrach ihn eine Stimme. Gavin.

Eisenfaust hielt immer noch Karris’ Gesicht mit beiden Händen umfasst und starrte ihr in die Augen. Wie sie da im zarten, warmen Licht der Morgensonne auf dem Deck standen, begriffen sie beide gleichzeitig, welchen Eindruck die Sache vermutlich erweckte.

Hauptmann Eisenfaust ließ die Hände sinken und räusperte sich. Karris fiel auf, dass sie ihn zum ersten Mal überhaupt verlegen erlebte. »Lord Prisma«, grüßte Eisenfaust. »Orholams Auge möge Euch segnen.«

»Ich wünsche Euch auch einen guten Morgen, Hauptmann. Und Karris. Hauptmann, ich würde mich gern in einer Stunde mit Euch treffen. Ruft bitte auch Kip hinzu; ich brauche ihn nach unserem Gespräch.« Gavins goldbestickter weißer Waffenrock war doch tatsächlich pieksauber – auf der Flucht nach einer Schlacht, auf einem Schiff, hatte sich jemand gefunden, um seine Kleider zu reinigen. So viel bedeutete er den Leuten. Alles ergab sich für Gavin einfach wie von Zauberhand, ohne dass er überhaupt einen Finger zu rühren brauchte. Es war zum Aus-der-Haut-Fahren. Zumindest wirkte sein Gesicht abgespannt. Gavin schlief nie gut.

Eisenfaust schien noch mehr sagen zu wollen, aber dann nickte er nur und ging.

Also war Karris mit Gavin allein – zum ersten Mal seit ihrem Wutanfall, nachdem sie erfahren hatte, dass er während ihres Verlöbnisses einen Bastard gezeugt hatte. Damals war sie aus ihrem Boot gesprungen. Es war auch das erste Mal, dass sie einander gegenüberstanden, seit sie ihm in sein lächelndes Gesicht geschlagen hatte – mitten in der Schlacht von Garriston, vor den Augen seiner ganzen Armee.

Vielleicht hatte sie wirklich zu viel Rot und Grün gewandelt. Wut und Impulsivität sollten nicht gerade die herausragenden Eigenschaften einer Schwarzgardistin sein. Oder einer Frau, die auf sich hielt. »Lord Prisma«, erwiderte sie, entschlossen, höflich zu sein.

Er musterte sie stumm, mit dieser abschätzenden rastlosen Intelligenz in seinen Augen; immerzu musste er abwägen. Dabei sah er sie geradezu trauernd an. Sein Blick berührte ihr Haar, ihre Augen, verweilte auf ihren Lippen, wanderte schnell ihre Kurven hinab und dann wieder hinauf zu ihren Augen, vielleicht mit einem kurzen Schwenker zu den Augenwinkeln, wo ihre Haut schon begann, runzlig zu werden.

Dann sagte er leise: »Karris, selbst wenn du verschwitzt und völlig fertig bist, siehst du immer noch besser aus als die meisten Frauen in ihrem besten Sonnentagsstaat.« Gavin war attraktiv, charmant und eigenwillig in jedem Sinn des Wortes, aber was die Leute oft vergaßen, war, dass er auch sehr schlau war.

Er wollte nicht reden. Erst einmal Zeit schinden. Verwirrte sie mit etwas, was mit allem Übrigen überhaupt nichts zu tun hatte, und brachte sie in Rechtfertigungsnot. So ein Bastard! Sie war verschwitzt, klebte und stank, wie konnte er ihr da bloß Komplimente machen?

Wie konnte er es wagen, nett zu sein, nachdem sie ihm ins Gesicht geschlagen hatte?

Wie konnte sein dummer kleiner Schachzug Erfolg haben, obwohl sie doch genau durchschaute, was er beabsichtigte?

»Scher dich zur Hölle«, sagte sie und ging davon.

Toll gemacht, Karris. Echt professionell, echt damenhaft, echt höflich. Dieser Bastard!

5

Wie kann eine Frau einen dazu bringen, dass man sie zugleich ins Meer werfen und küssen will, bis ihr der Atem wegbleibt? Karris ging, und Gavin konnte nicht umhin, ihre Figur zu bewundern.

Verfluchtes Weibsbild.

Gavin bemerkte, dass einige der Seeleute auf Deck ihre Figur ebenfalls zu schätzen wussten. Er räusperte sich lautstark, um ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, und legte seine Stirn in Falten; sie fanden schnell wieder eine Beschäftigung.

»Ist das denn absolut notwendig, Lord Prisma?«, erklang eine Stimme hinter Gavin. Es war Gavins neuer General, der Mann, der vor sechzehn Jahren mit ihm zusammengearbeitet hatte und damals Dazens tüchtigster General gewesen war: Corvan Danavis. Es hatte etliche kluge Schachzüge gebraucht, um alle glauben zu machen, dass Gavins »Feind« jetzt Befehle von ihm entgegennahm.

»Ist mit ›das‹ etwa das gemeint?« Gavin zeigte auf eine vom Mastkorb herabhängende Strickleiter.

»Ja.« General Danavis war der Typ Mann, der vor einer Schlacht betete, nur für den Fall des Falles, und dann seinen Aufgaben nachging, als hätte er absolut keine Angst vor dem Tod. Gavin glaubte nicht, dass er Angst auf die gleiche Weise empfand, wie das andere Menschen taten – doch Höhen konnte er auf den Tod nicht ausstehen.

»Ja«, sagte Gavin. Er kletterte als Erster die Strickleiter empor. Als er sich in den Ausguck hinaufschwang, befiel ihn abermals ein Gedanke, der ihm regelmäßig kam: Sein ganzes Leben gründete auf Magie. Er kletterte ohne jede Furcht so hoch hinauf, weil er wusste, dass er, falls er fiel, schnell genug wandeln konnte, um sich aufzufangen. Doch obwohl er absolut furchtlos erscheinen mochte, war er es nicht. Es bestand einfach bloß kaum je eine Gefahr für ihn – ganz anders als für die meisten übrigen Menschen. Die Leute sahen ihn unglaubliche Dinge tun und hielten ihn für unglaublich. Und doch beruhte das Ganze auf einem Missverständnis.

Die plötzliche Angst durchfuhr ihn so stechend, dass Gavin für einen Moment dachte, ihn habe tatsächlich ein Messer in den Bauch getroffen. Er holte tief Luft.

Corvan kam herauf, den Blick starr auf den Mastkorb gerichtet, die Hände an jede Sprosse geklammert, als stehe sein Leben auf dem Spiel. Gavin mutete seinem Freund diese Tortur nur äußerst ungern zu, aber es gab Gespräche, bei denen man auf keinen Fall das Risiko eingehen durfte, belauscht zu werden.

Gavin half dem General in den Korb und gab ihm Zeit, wieder zu Atem zu kommen. Zumindest waren die Schutzgeländer hier oben schön hoch und stabil. Unten versahen die Matrosen ihre Arbeit. Der Morgenwind frischte auf. Die erste Wache überprüfte Taue und Knoten, und der Kapitän war mit einem Sextanten auf dem Achterdeck und versicherte sich ihrer Position.

»Ich habe Blau verloren«, sagte Gavin. Kotz es raus. Saubermachen kannst du später.

Der Gesichtsausdruck seines Gegenübers verriet ihm, dass Corvan Danavis keine Ahnung hatte, wovon er sprach. Sein Freund strich sich über den roten Schnurrbart, den er sich nun nachwachsen ließ. Damals im Krieg war er für die Perlen bekannt gewesen, die ihm von diesem Schnurrbart baumelten. »Welches Blau?«

»Ich kann kein Blau mehr sehen, Corvan. Es ist ein sonniger Morgen, ich starre in den Himmel und auf die Azurblaue See – und ich kann kein Blau sehen. Ich sterbe, und du musst mir helfen zu entscheiden, was ich tun soll.«

Corvan war einer der klügsten Männer, die Gavin kannte, aber jetzt wirkte er ratlos. »Lord Prisma, etwas Derartiges ist noch nicht … Moment mal, bitte eins nach dem anderen. Ist das während deines Kampfes mit dem Meeresdämon passiert?«

»Nein.« Gavin blickte auf die Wellen hinaus. Das Schaukeln des Schiffes hatte etwas Beruhigendes, und das harmonische Blau von Himmel und Meer bot dazu die perfekte Ergänzung. Er konnte sich so deutlich an die Farbe erinnern, dass er hätte schwören können, sie beinahe zu sehen. Er war ein Superchromat – jemand, der Farbabstufungen feiner zu differenzieren vermochte als andere Menschen. Er kannte Blau von seinen hellsten bis zu seinen dunkelsten Tönen, von seinen Violettschattierungen bis hin zu seinen grünsten Übergangsstufen, Blau in jeder Sättigung, Blau in jeder Mischung.

»Es war nach der Schlacht«, fuhr Gavin fort. »Als wir mit all den Flüchtlingen davongesegelt sind. Ich bin am nächsten Morgen aufgewacht, und für eine Weile habe ich es nicht einmal bemerkt. Es ist, wie seiner Freundin ins Gesicht zu schauen und sich plötzlich bewusst zu werden, dass man ihren Namen nicht mehr weiß, Corvan. Das Blau ist da; es ist nah. Es ist so, als läge mir die Farbe förmlich auf der Zunge – oder neben den Augenwinkeln. Wenn ich mich nicht darauf konzentriere, merke ich es nicht einmal, nur dass die Welt stumpf und ausgebleicht wirkt. Aber selbst wenn ich mich mit aller Macht konzentriere, kann ich nur Grau sehen, wo das Blau sein sollte. Es ist genau die richtige Tönung, Sättigung und Helligkeit, aber eben … Grau.«

Corvan schwieg für einen langen Moment und kniff seine mit roten Halos versehenen Augen zusammen. »Der Zeitpunkt stimmt nicht«, sagte er dann. »Prismen sollten stets ein Vielfaches von sieben Jahren leben. Dir sollten noch fünf Jahre bleiben.«

»Ich glaube nicht, dass es normal ist, was mit mir passiert. Ich wurde nie zum Prisma geweiht. Vielleicht ist es das, was geschieht, wenn ein natürlicher Polychromat nicht die vom Spektrum vorgesehenen Zeremonien durchläuft.«

»Ich weiß nicht, ob man das wirklich so …«

»Hast du je von einem Prisma gehört, das blind geworden ist, Corvan? Jemals?« Das letzte Prisma vor Gavin – dem echten Gavin – war Alexander Eichenkron gewesen. Ein schwaches Prisma. Eichenkron hatte sich die meiste Zeit in seinen Gemächern verborgen und war wahrscheinlich mohnsüchtig gewesen. Vor ihm war die Matriarchin Eirene Malargos Prisma gewesen. Sie hatte vierzehn Jahre lang überlebt. Gavin hatte nur ganz vage Erinnerungen an sie, hatte sie als kleiner Junge bei den Sonnentagsriten gesehen.

»Gavin, die allermeisten Prismen überleben keine sechzehn Jahre. Vielleicht hätten die vom Spektrum vorgesehenen Zeremonien dazu geführt, dass du früher gestorben wärst. Wenn du nach sieben oder vierzehn Jahren gestorben wärst, hättest du die Erfahrung, die du gerade machst, nie erlebt. Wir wissen einfach nichts darüber.«

Das war eines der Probleme, die das Leben als Betrüger mit sich brachte. Man kann sich keine Informationen über etwas schrecklich Geheimes verschaffen, das man als Prisma doch eigentlich längst wissen sollte. Der echte Gavin war zum Prisma bestimmt worden, als er dreizehn Jahre alt war. Er hatte schwören müssen, mit niemandem je über das ihm Anvertraute zu sprechen, nicht einmal mit seinem einst besten Freund, seinem Bruder Dazen.

Es war ein Schwur, den, soweit Gavin das beurteilen konnte, jedes Mitglied des Spektrums eingehalten hatte. Denn in den sechzehn Jahren, in denen er sich für seinen Bruder ausgegeben hatte, hatte niemand je ein Wort darüber verloren. Es konnte natürlich sein, dass sie beiläufig darauf angespielt hatten – mit Bemerkungen, die er dann nie verstanden und auf die er daher auch nicht geantwortet hatte, womit er sie in ihren Augen wiederum wissen ließ, wie hoch er die Heimlichkeit der Zeremonie schätzte und dass sie das ebenfalls tun sollten.

Mit anderen Worten, er hatte sich in der eigenen Schlinge verfangen. Wieder einmal.

»Corvan, ich weiß nicht, was passiert. Ich könnte morgen früh aufwachen und nicht mehr in der Lage sein, Grün zu wandeln, und am nächsten Tag vielleicht kein Gelb mehr. Oder ich habe einfach nur Blau verloren und sonst nichts, aber ich habe Blau eben verloren. Im besten Fall bleibt mir noch ein Jahr, wenn ich es schaffe, mich von der Chromeria fernzuhalten und bei jedem Blauritus abwesend zu sein – bis zum nächsten Sonnentag. Da könnte ich mich auf keinen Fall als Betrüger durch die Zeremonien schmuggeln oder einfach nicht an ihnen teilnehmen. Wenn ich bis dahin kein Blau wandeln kann, bin ich tot.«

Gavin konnte erkennen, wie Corvan all die Konsequenzen begriff. Sein Freund stieß hörbar den Atem aus. »Ach je. Dabei lief doch alles gerade so prächtig.« Er kicherte. »Wir haben fünfzigtausend Flüchtlinge, die sicher niemand will; unser Proviant geht zur Neige; der Farbprinz hat gerade einen bedeutenden Sieg errungen und wird nun zweifellos Tausende weitere Ketzer unter seinen Fahnen versammeln, und jetzt verlieren wir auch noch unseren größten Aktivposten.«

»Noch bin ich nicht tot«, erwiderte Gavin und grinste.

Corvan grinste kläglich zurück, aber er sah aus, als wäre ihm unwohl. »Keine Sorge, Lord Prisma, ich bin der Letzte, der dich abschreiben würde.« Und Gavin wusste, dass es die Wahrheit war. Corvan hatte Schande und Exil hingenommen, um Dazens Niederlage glaubwürdig erscheinen zu lassen. Er hatte die letzten sechzehn Jahre arm und unbekannt in einem Nest in der tiefsten Provinz verbracht und zugleich heimlich, still und leise ein Auge auf den Bastard des echten Gavin gehabt – Kip.

Noch so ein Problem.

Corvan senkte den Blick, erbleichte, als er sah, wie tief es hinunterging, und umklammerte das Geländer mit festem Griff. »Was wirst du tun?«

»Je mehr Zeit ich mit Wandlern verbringe, umso wahrscheinlicher ist es, dass jemand bemerkt, dass etwas nicht stimmt. Und wenn ich zu lange in der Chromeria bin, wird die Weiße mich bitten, die Farben ins Gleichgewicht zu bringen. Wenn Rot gegenüber Blau überwiegt, werde ich es vielleicht nicht erkennen, geschweige denn es ausbalancieren können. Sie werden mich meines Amtes entheben.«

»Also …«

»Also werde ich nach Azûlay gehen, um der Nuqaba einen Besuch abzustatten«, erklärte Gavin.

»Nun, das ist eine Möglichkeit, Eisenfaust davon abzuhalten, dich zu begleiten. Aber warum willst du sie denn sprechen?«

»Weil die Hauptstadt von Paria nicht nur über die größte Bibliothek der Welt verfügt – wo ich Nachforschungen anstellen kann, ohne dass das ganze Spektrum binnen einer Stunde weiß, was ich mir angesehen habe –, sondern die Parianer außerdem eine reiche mündliche Überlieferung am Leben erhalten, darunter auch vieles, was geheim ist, und einiges zweifellos Ketzerische.«

»Wonach suchst du?«

»Wenn ich die Kontrolle über Blau verloren habe, Corvan, bedeutet das, dass Blau außer Kontrolle ist.«

Corvan wirkte für einen Moment verwirrt, dann entsetzt. »Das kann nicht dein Ernst sein. Ich habe nie einen ernst zu nehmenden Gelehrten gelesen, der den Gottesbann für etwas anderes hielt als ein Schreckgespenst, das die Chromeria erfunden hat, um die Taten einiger der frühen Eiferer und der Luxoren zu rechtfertigen.«

Der Gottesbann. Corvan benutzte den alten Ptarsu-Ausdruck Bann ganz richtig. Das Wort hatte ursprünglich wahrscheinlich eingehegter oder heiliger Bezirk bedeutet, später auch Aufgebot oder etwas, das in einen solchen Bezirk »verbannt« wurde. Aber Lucidonius’ Parianer hatten dergleichen für Frevel gehalten. Sie hatten das Wort übernommen, als sie förmlich die ganze Welt übernommen hatten, so dass es jetzt auch in der Bedeutung »Fluch« gebraucht wurde.

»Und wenn sich die Gelehrten irren?«

Corvan schwieg lange Zeit. Dann erklärte er: »Du willst also an der Türschwelle der Nuqaba aufkreuzen und sagen: ›Als das Oberhaupt Eures Glaubens zeigt mir bitte Eure ketzerischen Texte und erzählt mir genau die Geschichten, die als todeswürdig zu verdammen gerade ich kraft meines Amtes der wahrscheinlichste Kandidat bin‹ – und dann erwarten, dass sie dir auch noch Folge leistet? Ja, ich schätze schon, das kann man durchaus einen Plan nennen. Aber keinen guten, wohlgemerkt.«

»Ich kann unglaublich charmant sein«, erwiderte Gavin.

Corvan lächelte, wandte sich jedoch ab. »Weißt du«, begann er, »was du gestern mit dem Meeresdämon gemacht hast, war … wirklich erstaunlich. Und was du in Garriston getan hast, war auch erstaunlich, nicht nur die Errichtung der Leuchtwassermauer. Gavin, diese Menschen werden dir bis ans Ende der Welt folgen. Sie werden jedem, dem sie begegnen, erzählen, was du getan hast. Wenn es irgendwann zu einem Kampf zwischen dir und dem Spektrum käme …«

»Das Spektrum hat bereits fügsamere Kandidaten in den Startlöchern, die das nächste Prisma werden könnten, Corvan. Wenn ich dem Spektrum jetzt trotze, werde ich genauso übel in der Klemme stecken wie Dazen vor siebzehn Jahren. Ich will nicht, dass die Welt das alles noch einmal durchmachen muss. Die Menschen mögen mich lieben, aber wenn sich all ihre Anführer gegen mich vereinen, werde ich nichts davon haben als den Tod meiner Freunde und Verbündeten. Das habe ich alles schon einmal hinter mich gebracht.«

»Was dann? Willst du uns einfach verlassen? Was wirst du wegen Kip unternehmen? Er ist ein zäher Bursche, aber er ist verletzt, und ich glaube, du bist das Einzige, woran er sich klammert. Wenn er herausfindet, dass du nicht derjenige bist, für den du dich ausgibst, könnte ihn das zerbrechen lassen. Es lässt sich unmöglich sagen, wie er sich entwickeln wird. Tu das deiner Seele nicht an, Gavin. Tu das der Welt nicht an. Das Letzte, was die Sieben Satrapien brauchen, ist ein weiterer junger Polychromat aus der Familie Guile, der vor Wut und Trauer wahnsinnig wird. Und was sollen wir tun? Wo sollen wir mit all diesen Menschen hin?«

»Corvan, Corvan, Corvan. Ich hab da einen Plan.« Jedenfalls etwas in der Richtung.

»Irgendwie, mein Freund, hatte ich so etwas schon befürchtet.« Der Mastkorb schwankte heftig, als eine Riesenwelle das Schiff traf, und Corvan blickte auf das tief unter ihnen schäumende Wasser und schluckte. »Gehört zu diesem Plan auch ein einfacher Weg, wie ich hier herunterkomme? Wohl nicht, fürchte ich.«

6

Eisenfaust verzog sein Gesicht, als er das Schreiben in seiner Hand überflog. Für gewöhnlich blieb es, wenn er diesen Gesichtsausdruck gegenüber Gavin aufsetzte, bei einem raschen Zucken, das sich genauso schnell wieder in Wohlgefallen auflöste. Diesmal verzerrte sich sein Gesicht, als esse er ein über dem Holz der Gifteiche geräuchertes Steak. »Ihr wollt also von mir, dass ich Befehle weitergebe. An die Weiße«, sagte Eisenfaust.

Gavin hatte den riesigen Leibwächter in seine Kajüte gerufen, nachdem er mehrere Räumlichkeiten ausprobiert hatte, um festzustellen, welche seinen Zwecken am besten dienten. »Bezüglich meines Sohnes, ja.« Als Prisma hatte Gavin keinerlei Befehlsgewalt über die Weiße, doch musste sie vorsichtig sein, ihn nicht gegen sich aufzubringen. Sie beide mussten sorgfältig wählen, welche Schlachten sie miteinander ausfochten. Er ging davon aus, dass sie sich dafür entscheiden würde, diese Schlacht nicht anzunehmen.

»Ihr wollt also Kip zu einem Schwarzgardisten machen.« Eisenfaust verlieh seiner Stimme keinerlei Ausdruck. Er war der Hauptmann der Schwarzen Garde. Genau genommen sollte er auch allein entscheiden, wer versuchen durfte, sich für den Beitritt zu qualifizieren. »Lord Prisma, ich weiß gar nicht, wo ich damit anfangen soll, Euch zu erklären, wie falsch und verderblich das wäre.«

Es war ein sonniger Tag, aber das glänzende dunkle Holz der Kapitänskajüte verschluckte das Licht, so dass Gavin sich konzentrieren musste, um den Gesichtsausdruck des Hauptmanns zu erkennen. »Hauptmann, ich hoffe, Ihr wisst, dass ich Euch gegenüber die größte Hochachtung hege.«

Ein leichtes Zucken der Augenbrauen. Ungläubigkeit. Gavin sagte tatsächlich die Wahrheit, doch musste er annehmen, Eisenfaust nicht gerade viele Gründe geliefert zu haben, das zu glauben.

Gavin fuhr fort. »Aber wir befinden uns in einer Situation, die schnelles Handeln erfordert. Flüchtlinge. Verärgerte Satrapen. Wir haben eine Stadt verloren. Rebellion. Schon mal davon gehört?«

Eisenfausts Gesicht wurde zu Stein.

Gavin musste geschickter vorgehen. Dem Mann erst erzählen, dass du ihn respektierst, und ihn dann wie einen Idioten behandeln? »Hauptmann«, begann Gavin von neuem, »wie viele Schwarzgardisten habt Ihr in Garriston verloren?«

»Zweiundfünfzig tot. Zwölf verwundet. Vierzehn so nahe daran, den Halo zu durchbrechen, dass sie ersetzt werden müssen.«

Gavin hielt lange genug inne, um die Verlorenen zu würdigen. Er hatte die Zahlen natürlich bereits gekannt. Kannte Gesichter und Namen der Toten. Die Schwarze Garde war die Leibgarde des Prismas und unterstand doch nicht seiner alleinigen Kontrolle. Für ihn bedeutete das immer wieder eine Gratwanderung. So auch jetzt. »Vergebt mir, wenn ich so offen spreche, aber all die Löcher in den Reihen müssen wieder aufgefüllt werden.«

»Das dauert mindestens drei Jahre, und die Qualität der Schwarzen Garde als Ganzes wird für zehn Jahre oder länger nicht auf dem alten Stand sein. Ich werde Leute befördern müssen, die nicht hinreichend ausgebildet sind und die folglich jene, die unter ihnen stehen, auch nicht gut genug ausbilden können. Versteht Ihr, was Eure Taten uns angetan haben? Sie haben eine Generation ausgelöscht und zwei weit zurückgeworfen. Ich werde die Schwarze Garde als einen Schatten dessen hinterlassen, was sie war, als ich sie übernommen habe.« Eisenfaust hielt seine Stimme ruhig, aber der Zorn darunter war unverkennbar. Untypisch für ihn.

Gavin schwieg, die Zähne zusammengebissen, die Augen tot. Das war das Schreckliche, die Hölle des Führerdaseins: einen Mann als Individuum mit Hoffnungen, Familie, geliebten Menschen, Lieblingsspeisen vor sich zu sehen; ein Individuum, das zum Beispiel ein Morgen- oder ein Nachtmensch war, gerne sang, aber den Ton nicht traf, und eine Vorliebe für scharfe Peperoni und Tänzerinnen hatte. Ihn dann eine Stunde später als eine bloße Ziffer zu betrachten und bereit zu sein, ihn zu opfern. Diese achtunddreißig toten Männer und vierzehn Frauen hatten Zehntausende von Menschen gerettet, hätten es beinahe geschafft, die Stadt zu retten. Gavin hatte sie an einen Ort gebracht, wo sie, wie er gewusst hatte, vielleicht sterben würden, und sie waren gestorben. Er würde es wieder tun.

Eisenfaust wandte den Blick ab. »Lord Prisma«, fügte er hinzu. Es war keine Reue in Eisenfausts Stimme, aber Gavin brauchte keinen blinden Gehorsam. Gehorsam reichte.

Gavin schaute zu dem unter den Deckbalken offenen Raum zwischen seiner Kajüte und der nächsten hinauf. »Die Schwarze Garde braucht Rekruten. Der Herbstkurs dürfte wohl noch nicht einmal begonnen haben, und Kip wäre ideal geeignet. Ihr habt ihn wandeln sehen.«

»Es ist körperlich zu anstrengend für ihn. Sieben Wochen höllisches Training und jedes Wochenende Kämpfe, die herausfegen, was nichts taugt – bis von neunundvierzig nur die sieben Besten bleiben. Er würde es niemals schaffen, selbst wenn er sich nicht die Hand verbrannt hätte. Wenn er abnimmt, könnte er vielleicht in einem Jahr oder …«

»Er wird es schaffen«, unterbrach ihn Gavin. Doch drückte er damit nicht sein Vertrauen in Kips Fähigkeiten aus.

Schweigen, während Eisenfaust mit dem versteckten Hintersinn dieser Aussage rang. Dann Ungläubigkeit. »Ihr wollt von mir, dass ich ihn unverdientermaßen aufnehme?«

»Muss ich darauf antworten?«

»Ihr wollt ihn in aller Öffentlichkeit zu Eurem Günstling machen? Damit werdet Ihr diesen Jungen zerstören.«

»Es werden ohnehin alle denken, dass er begünstigt wird.« Gavin zuckte die Achseln und gab seinen Worten mehr Nachdruck. »Er wird seinem vorgesehenen Zweck dienen oder beim Versuch, ihm gerecht zu werden, zerbrechen, genau wie wir anderen auch.«

Hauptmann Eisenfaust antwortete nicht. Er verstand sich auf die Macht des Schweigens.

»Kommt mit mir, Hauptmann.« Sie gingen zusammen aufs Deck hinaus. Die Tür zwischen den Kabinen war dünn, und es klafften offene Löcher zwischen den Deckbalken, vielleicht damit der Kapitän seinen Sekretären, die in normalen Zeiten ihr Büro in der Achterdeckkabine hatten, Befehle zubrüllen konnte. Das Gespräch war nicht unbedingt so verlaufen, wie Gavin es gewollt hatte, aber es würde seinen Zweck erfüllen. Kip sollte alles mit angehört haben.

Jetzt wollte Gavin noch einige Worte mit Eisenfaust wechseln, die nicht für Kips Ohren bestimmt waren. »Kip ist mein Sohn, Hauptmann. Ich habe ihn als solchen anerkannt, obwohl ich ihn stattdessen hätte sterben lassen können, ohne dass irgendjemand etwas von ihm erfahren hätte. Ich habe nicht vor, Kip zu zerstören. Er ist dick und unbeholfen, und er ist ein mächtiger Polychromat. Wenn er zur Chromeria kommt, wird er schnell erwachsen werden. Er kann sich zum Gespött machen, oder er kann ein großer Mann werden. Er fängt recht spät an. Die Söhne und Töchter der Satrapen werden sich auf ihn stürzen. Ich will, dass Ihr jede Stunde seiner Zeit für ihn füllt; ich will, dass Ihr ihn körperlich neu erschafft und ihn geistig stählt, dass Ihr ihn lehrt, sich selbst richtig einzuschätzen. Wenn er sich den Respekt der Schwarzgardisten verdient hat, wenn es ihn nicht mehr schert, was all die Schlangen von ihm denken, werde ich ihn auffordern, die Schwarze Garde zu verlassen und in die Schlangengrube zu springen.«

»Ihr wollt ihn zum nächsten Prisma ausbilden«, sagte Eisenfaust.

»Nun, Hauptmann, Orholam allein wählt seine Prismen«, erwiderte Gavin.

Es war ein Scherz, aber Eisenfaust lachte nicht. »In der Tat, Lord Prisma.«

Gavin vergaß immer wieder, dass Eisenfaust ein frommer Mann war.

»Ich werde es ihm nicht leicht machen«, erklärte Eisenfaust. »Wenn er sich meiner Schwarzen Garde anschließen soll, muss er es sich erst verdienen.«

»Klingt gut«, sagte Gavin.

»Er ist ein Polychromat.« Normalerweise tat man alles, um Polychromaten vom gefährlichen Dienst in der Schwarzen Garde abzubringen.

»Er wäre nicht die erste Ausnahme«, entgegnete Gavin. Allerdings die erste Ausnahme seit sehr, sehr langer Zeit.

Freudloses Schweigen. »Und ausgerechnet ich muss die Weiße irgendwie dazu bringen, es zu erlauben.«

»Ich vertraue Euch.« Gavin grinste.

Eisenfausts zorniger Blick hätte selbst Honig sauer werden lassen. Gavin lachte, aber er merkte erneut, dass Eisenfaust ihn zwar respektierte, sein Charme jedoch keine Wirkung auf ihn hatte.

»Ihr werdet uns verlassen«, sagte Eisenfaust langsam. »Nachdem Ihr die Hälfte meiner Leute in den Tod getrieben habt, habt Ihr nun vor, fortzugehen und uns alleinzulassen, nicht wahr?«

Verdammt.

Eisenfaust nahm sein Schweigen als Eingeständnis. »Eins sollt Ihr wissen, Prisma: Ich werde es nicht zulassen. Ich werde nicht das Geringste für Euch tun, wenn Ihr mich nicht meine Arbeit machen lasst. Wenn Ihr meinen Aufgaben ihre Bedeutung nehmt, warum sollte ich Euch dann bei Euren Aufgaben helfen? Und das nennt Ihr Hochachtung?«

Aha. Schreib’s dir hinter die Ohren: Die Wirkung von Charme ist bei jenen Menschen geringer, die guten Grund haben, dir eine Abreibung zu verpassen. Gavin hob die Hände. »Was wollt Ihr tun?«

»Es geht nicht darum, was ich will. Es geht darum, was ich verlange. Ihr nehmt einen Schwarzgardisten mit Euch. Einen Schwarzgardisten meiner Wahl. Ich weiß nicht, was Ihr vorhabt, aber dort, wo einer hingehen kann, können auch zwei hingehen. Nehmt bitte zur Kenntnis, dass ich Euch viel lieber gleich einen ganzen Trupp mitschicken würde, aber ich bin ein vernünftiger Mensch.«

Es war tatsächlich viel vernünftiger, als Gavin erwartet hätte. Vielleicht war Eisenfaust in Politik nicht so gut, wie Gavin gedacht hatte. Natürlich, wahrscheinlich hatte er einfach viel zu viel damit zu tun herauszufinden, wie man wirkungsvoll alles Mögliche tötet, um in politischen Angelegenheiten so viel Praxis zu gewinnen, wie Gavin sie hatte. Eisenfaust hatte wahrscheinlich vor, Gavin selbst zu begleiten – was definitiv nicht funktionieren würde. Aber sobald Eisenfaust einmal darüber nachgedacht hatte, was da alles an Arbeit auf ihn zukam, um die Schwarze Garde wieder aufzubauen und zu trainieren, würde er das schon einsehen. Wenn auch zu spät.

»Gut«, sagte Gavin schnell, bevor sein Gegenüber sich anders besinnen konnte.

»Also abgemacht«, erwiderte Eisenfaust. Er streckte eine Hand aus, und Gavin ergriff sie. Es war eine alte parianische Weise, ein Abkommen zu besiegeln, die inzwischen kaum mehr gebräuchlich war. Aber Eisenfaust sah Gavin in die Augen, während er seine Hand drückte. »Ich habe bereits einen Bewerber für den Posten«, erklärte er.

Unmöglich. Ich habe ihm doch eben erst gesagt, dass ich fortgehe, und …

»Karris«, sagte Eisenfaust. Und lächelte breit.

Saukerl.

7

Kip saß im Büro des Sekretärs und fummelte nervös am Verband an seiner linken Hand herum, während Eisenfaust und Gavin sich draußen auf dem erhöhten Deck am Heck des Schiffes unterhielten. Er hatte mit dem Rücken zur Wand zwischen dem Büro und der Kapitänskajüte des Prismas gesessen, aber nachdem sich ihm das Gefühl aufgedrängt hatte, zu viel mit angehört zu haben, war er leise zu einem der Stühle der Sekretäre hinübergegangen, weiter von der Wand entfernt, so dass es nicht so aussehen würde, als habe er gelauscht.

Ein Schwarzgardist. Er. Es war wie ein Sieg in einem Wettbewerb, von dem er nicht einmal gewusst hatte, dass er daran teilnahm. Er hatte bisher wirklich nicht viel über seine Zukunft nachgedacht; er hatte vermutet, dass die Chromeria die nächsten Jahre seines Lebens beanspruchen und es dann von dort aus irgendwie weitergehen würde. Aber die Härtesten, die er auf der ganzen Welt kannte, waren Schwarzgardisten: Karris und Eisenfaust.

Die Tür der Kapitänskajüte wurde geöffnet, und Eisenfaust trat in den Raum. Er warf Kip einen prüfenden Blick zu. Einen missbilligenden Blick. Und plötzlich begriff Kip, dass er Eisenfaust aufgedrängt wurde – dieser Mann wollte nicht, dass Kip, der Fettwanst, die Würde seiner Schwarzgardisten besudelte. Sein Herz rutschte ihm so schnell in die Hose, dass es förmlich durchs Deck schoss und einen rauchenden Krater hinterließ.

»Das Prisma wird dich jetzt empfangen«, sagte Eisenfaust. Und ging.

Kip erhob sich mit wackeligen Knien. Er betrat die Kapitänskajüte.

Das Prisma, Gavin Guile, der Mann, der die Leuchtwassermauer erbaut, sich einem Meeresdämon entgegengestellt, Piraten versenkt, Armeen zermalmt und Satrapen eingeschüchtert hatte – sein Vater –, lächelte ihn an. »Kip, wie fühlst du dich? Du hast neulich ein paar recht erstaunliche Dinge vollbracht. Komm. Ich muss deine Augen sehen.«

Plötzlich verlegen geworden folgte Kip Gavin aufs Deck hinaus. Im hellen Morgenlicht untersuchte Gavin Kips Iris.

»Definitiv ein grüner Ring. Herzlichen Glückwunsch. Niemand wird dich jemals mehr mit einem Nichtwandler verwechseln.«

»Das ist … großartig.«

Gavin lächelte gutmütig. »Ich weiß, du musst dich an eine Menge gewöhnen, und ich nehme an, dass es dir irgendwer bereits erzählt hat, aber du hast in der Schlacht eine Menge Magie eingesetzt, Kip. Eine beachtliche Menge. Zum grünen Golem zu werden ist etwas, was wir nicht mehr unterrichten, weil man es im Allgemeinen nur zwei- oder dreimal im Leben tun kann. Es verbrennt und verbraucht deine Macht – und dein Leben – in unglaublichem Tempo. Diese Macht ist berauschend, aber sei auf der Hut. Du hast einige der größten Wandler der Welt bei der Arbeit gesehen, und du kannst nicht davon ausgehen, dass auch du alles tun kannst, was sie tun können. Aber jetzt stehe ich hier und halte dir einen Vortrag. Entschuldige.«

»Nein, nein, es ist schon in Ordnung. Es ist …« Es ist eben das, was ein Vater tut. Kip sprach es nicht laut aus. Er hatte plötzlich einen Kloß im Hals.