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Butler Parker ist ein Detektiv mit Witz, Charme und Stil. Er wird von Verbrechern gerne unterschätzt und das hat meist unangenehme Folgen. Der Regenschirm ist sein Markenzeichen, mit dem auch seine Gegner öfters mal Bekanntschaft machen. Diese Krimis haben eine besondere Art ihre Leser zu unterhalten. Butler Parker ist seinen Gegnern, den übelsten Ganoven, auch geistig meilenweit überlegen. In seiner auffallend unscheinbaren Tarnung löst er jeden Fall. Bravourös, brillant, effektiv – spannendere und zugleich humorvollere Krimis gibt es nicht! E-Book 1: Herrscher der Welt E-Book 2: Die unheimlkiche Yacht E-Book 3: Der Skorpion E-Book 4: Mörderische Verschwörung E-Book 5: Ein Flirt mit Schneewittchen
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Seitenzahl: 672
Veröffentlichungsjahr: 2019
Herrscher der Welt
Die unheimlkiche Yacht
Der Skorpion
Mörderische Verschwörung
Ein Flirt mit Schneewittchen
Parker stoppt
den »Herrn der Welt«
Roman von Günter Dönges
Einladend, blitzblank und aufgetankt wartete der Buick in der Tiefgarage des Hotels auf seine beiden Fahrer. Er wartete darauf, in die Luft zu fliegen, denn unter der Motorhaube befand sich eine ausreichend starke Sprengladung, um den Wagen in seine Einzelbestandteile zu zerlegen. Diese Ladung, die mit der Zündung gekoppelt war, sorgte auch mit Sicherheit dafür, daß die Wagenbenutzer im günstigsten Falle für einige Monate in einem Krankenhaus zubrachten.
»Sieht gut aus, der Schlitten«, meinte Anwalt Rander, der zusammen mit seinem Butler auf diesen Wagen zuschritt. »Ich bin verdammt froh, wenn wir Palm Beach endlich hinter uns lassen können.
Diese blutrünstigen Amazonen gehen mir allmählich auf die Nerven.«
Mike Rander und Josuah Parker hatten den Lift in der Tiefgarage verlassen und trugen ihr weniges Gepäck zu dem Leihwagen hinüber. Nachdem sie dem »Herrn der Welt« zum zweiten Mal empfindlich auf die Zehen getreten hatten, hielten sie eine schnelle Luftveränderung für äußerst angebracht und gesundheitsfördernd. Der Supergangster Herbert Hallow hatte ihnen vor knapp einer halben Stunde blutige Rache und Vernichtung geschworen. Mochte der größte Teil seiner Amazonen bereits verhaftet worden sein, dieser Gangster verfügte nach wie vor über eine trainierte Privatarmee, die er nun konzentriert auf Mike Rander und Butler Parker ansetzen wollte.
Während Josuah Parker die wenigen Gepäckstücke im Kofferraum des Buick verstaute, öffnete Mike Rander bereits die Wagentür und wollte sich ans Steuer setzen. Weder er noch Josuah Parker ahnten zu diesem Zeitpunkt etwas von der eingebauten Sprengladung. Mike Rander hatte bereits den Zündschlüssel in der Hand und wollte ihn ins Zündschloß schieben.
Die Zündung der Bombe stand damit unmittelbar bevor. Es war nur noch eine Frage von Sekundenbruchteilen, bis der Wagen auseinanderplatzte.
Doch Mike Rander ließ sich ablenken.
Durch die Windschutzscheibe beobachtete er einen Stapel ausgedienter übereinandergeschichteter Autoreifen, der plötzlich ins Rutschen kam.
Mike Rander dachte sofort an einen Überfall. Er dachte an gewisse Amazonen des Supergangsters Herbert Hallow und an die seltsamen, mörderischen Methoden dieser reizenden, attraktiven Damen.
Da die Wagentür noch geöffnet war, ließ er sich prompt vom Sitz fallen und rollte hinunter auf den Zementboden. Gleichzeitig stieß er einen lauten Warnruf für seinen Butler aus.
Doch auch Josuah Parker hatte das Zusammenrutschen des Reifenstapels bereits mitbekommen. Hinter dem Kofferraum des Buick ging er sofort in Deckung und zog sicherheitshalber seinen alten, vorsintflutlichen Colt, der wie ein Stück verrostetes Eisen aussah.
Während Anwalt Mike Rander hastig hinüber zu seinem Butler robbte, beobachtete Josuah Parker den Reifenstapel. Nachdem er umgestürzt war, tat sich dort nichts mehr. Die erwarteten Schüsse blieben aus. Der Überfall fand einfach nicht statt.
»Komische Geschichte!« flüsterte Mike Rander seinem Butler zu, »daraus soll einer schlau werden!«
»Wenn Sie erlauben, Sir, möchte ich mir die Reste des Reifenstapels einmal aus der Nähe ansehen.
»In Ordnung, ich gebe Ihnen Feuerschutz, aber passen Sie auf! Ich rechne mit einem faulen Trick!«
Josuah Parker tat das auch. Dementsprechend war auch seine Vorsicht, als er sich dem Reifenstapel näherte. Er nutzte jede noch so geringe Deckung geschickt aus. Es dauerte daher fast eine Minute, bis er die Reifen erreicht hatte.
Den Colt schußbereit in der Hand haltend, benutzte er den linken Arm als Greifer. Damit schaufelte und zerrte er einige Reifen zur Seite, bis er plötzlich einhielt und sich dann auf die Zehenspitzen stellte.
Er erkannte die Umrisse einer Gestalt. Und diese Gestalt produzierte jetzt ein unterdrücktes, schnaufendes Stöhnen. Josuah Parker griff nach den Füßen dieser Gestalt. Dabei registrierte er, daß sie gefesselt waren. Er zog die Füße zu sich heran und mußte sich anstrengen, bis er die gesamte Gestalt in das schwache Licht der Deckenbeleuchtung gezerrt hatte.
»Meiner bescheidenen Ansicht nach muß es sich hier um den Garagenwärter handeln, Sir«, rief er seinem bereits näherkommenden, jungen Herrn zu, »aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen ist der Mann gefesselt worden.«
»Und noch geknebelt dazu«, stellte Mike Rander fest und nahm den gefesselten und geknebelten Mann näher in Augenschein, während sein Butler bereits damit beschäftigt war, den Garagenwärter loszubinden. Als auch der Knebel entfernt worden war, holte der etwa 55jährige, schmächtige Mann tief Luft und schüttelte sich.
»Beinah’, beinah’ wär’ ich erstickt«, keuchte er dann und lehnte sich erschöpft gegen die Wand, »dieser verdammte Gauner!«
»Von welchem Gauner belieben Sie zu sprechen?« erkundigte sich der Butler in seiner höflichen, oft umständlichen Art.
»Beinah’ wär’ ich erstickt!« wiederholte der Mann noch einmal keuchend.
»Das sagten Sie bereits, wenn ich Sie höflichst daran erinnern darf«, gab der Butler zurück. »Sie sprachen von einem Gauner. Können Sie diesen Mann möglicherweise näher beschreiben?«
»Das war’n Monteur«, kam die Antwort. »Der Bursche kam einfach so ’runter in die Garage und fragte nach dem Leihwagen. Ja, der, der da hinten steht. Und als ich ihm Bescheid gesagt hatte, hat er mir ein Ding mit dem Schraubenschlüssel verpaßt!«
»Eine wenig vornehme Art, eine Unterhaltung zu beenden«, stellte der Butler mißbilligend fest. »Können Sie sich erinnern, wie dieser Monteur aussah?«
»Wie’n Playboy«, erwiderte der Garagenwärter und fühlte vorsichtig nach seinem Hinterkopf, auf dem, deutlich sichtbar, eine Beule zusehends anschwoll. »Der Kerl war vielleicht dreißig Jahre alt, schlank, groß und sah verdammt gut aus. Gar nicht wie’n Monteur, obwohl er ’nen Overall trug. Ja, und dann seine Zähne. Wie ’ne Reklame für ’ne Zahnpasta. Und so ein Gauner schlägt mich einfach nieder. Können Sie das verstehen?«
»Vielleicht«, antwortete der Butler und sah seinen jungen Herrn warnend an.
»Das muß Joe Claron gewesen sein«, stellte Mike Rander fest, »aus Langeweile ist er bestimmt nicht hier unten in der Tiefgarage gewesen, Parker.«
»Ich erlaube mir, Ihnen beizupflichten, Sir! Und aus Langeweile, um bei Ihrer Formulierung zu bleiben, Sir, hat er sich auch nicht nach dem Leihwagen erkundigt!«
»Eben!« Mike Rander zündete sich eine Zigarette an. »Ich wette, Hallow hat sich wieder eine Überraschung einfallen lassen. Gut, daß wir den Mann noch entdeckt haben!«
»Wenn Sie erlauben, Sir, würde ich mich zu gern einmal mit dem Buick beschäftigen.«
»Aber passen Sie höllisch auf, Parker. Sie wissen doch, daß Hallow und seine Leute sehr erfinderisch sind!«
Parker nickte, lüftete zusätzlich seine schwarze Melone und legte sich den Bambusgriff seines Universal-Regenschirms über den linken Unterarm. Steif und gemessen schritt er dann zurück zum Buick, um ihn eingehend zu inspizieren. Er glaubte schon zu wissen, wo er nach Überraschungen zu suchen hatte …
*
Die wirklich sehr nette, ältere Dame wirkte auf den ersten und zweiten Blick hin ausgesprochen hilflos.
Sie stand neben ihrem schon etwas angejahrten Wagen und sah resigniert unter die geöffnete Motorhaube. Doch sie interessierte sich keineswegs für die Panne, sondern ausschließlich für das kleine Funksprechgerät, das neben dem Motorblock stand. Dieses Funksprechgerät hatte ihr gerade mit quäkender Stimme verkündet, daß die beiden Herren Rander und Parker unterwegs waren.
Die Dame, die auf den ersten und zweiten Blick hin ausgesprochen hilflos wirkte, sah auf den dritten Blick hin erstaunlich faltenlos und jung aus. Aus nächster Nähe war deutlich zu erkennen, daß sie sich ihr Alter im wahrsten Sinne des Wortes nur aufgeschminkt hatte. Diese Tarnung paßte zudem ausgezeichnet zu dem Schrotgewehr, dessen Lauf abgesägt war. Was hätte eine wirklich alte Dame auch schon mit solch einem Schießeisen anfangen sollen.
Die nur scheinbar ältere Dame hatte ihren Wagen an einem taktisch sehr günstigen Punkt abgestellt. Die Straße machte hier einen leichten Bogen, dessen Innenseite mit dichten Sträuchern und Büschen bestanden war. Im Anschluß daran stand der angejahrte Wagen und forderte förmlich zur Hilfsbereitschaft auf.
Einige Autofahrer hatten bereits angehalten und ihre Hilfe anbieten wollen. Die nette, ältere Dame hatte sich in allen Fällen auf einen bereits angeforderten Abschleppwagen herausgeredet. Sie wartete auf einen ganz bestimmten Wagen. Und sie wartete darauf, die Schrotladung auf zwei ganz bestimmte Männer abfeuern zu können.
Sie wunderte sich eigentlich kaum darüber, daß der Buick in der Tiefgarage nicht in die Luft geflogen war. Sie kannte schließlich Mike Rander und Josuah Parker. Sie hatte sich mit diesen beiden Männern schon oft genug auseinandergesetzt und bisher immer Niederlagen einstecken müssen. Sie wußte um die Gefährlichkeit und Cleverness dieser beiden Gegner. Doch diesmal wollte sie triumphieren! Diesmal wollte sie sich für gewisse Dinge rächen!
Durch ein starkes Glas suchte sie den Highway ab. Es konnte nicht mehr lange dauern, bis der Buick auftauchte. Aus dem Funksprechgerät kamen laufend Standortpositionen des Wagens, der von einem Mitarbeiter der netten älteren Dame beschattet wurde.
Dann war es soweit!
Weit hinten auf dem Highway kam der Buick heran. Er fuhr nicht besonders schnell. Der Fahrer schien sehr viel Zeit zu haben. Der Buick minderte sofort die Fahrt, als die nette, ältere Dame neben ihren Wagen trat und hilfesuchend winkte. Wenig später war der Buick heran und rollte langsam auf den angejahrten Wagen der eigenartigen Dame zu.
Ein junger, sportlich aussehender Mann von etwa achtundzwanzig Jahren stieg aus dem Wagen. Er war mittelgroß, schlank und wirkte ungemein sympathisch. Er erinnerte etwas an den amerikanischen Filmschauspieler Alan Ladd. Oder auch an Richard Widmark. Das kam ganz auf den Betrachter an. Er warf seine angerauchte Zigarette weg, zog den Hut und rief mit freundlicher Stimme, ob er helfen könnte.
»Der Motor!« rief die ältere Dame hilflos zurück, »ich fürchte, er streikt!«
»Das werden wir gleich haben«, meinte der nette, junge Mann, und ging langsam auf den Wagen zu. »Überschätzen Sie aber nur ja nicht meine technischen Kenntnisse, Madam!«
»Wenn Sie erlauben, Sir, werde ich mich einschalten«, schlug ein zweiter Mann vor, der allerdings recht eigenartig wirkte. Er stieg ebenfalls aus dem Wagen und wirkte wie der Empfangschef einer seriösen Begräbnisanstalt. Er war etwas übermittelgroß, schlank und trug einen pechschwarzen Anzug. Auf seinem markanten Kopf saß eine Melone, die er jetzt höflich lüftete. Über seinem linken Unterarm hing ein altväterlich aussehender Regenschirm, dessen dunkelbrauner Bambusgriff fast kokett wirkte. Dieser Mann, dessen ausdrucksloses Gesicht an das eines raffinierten Pokerspielers erinnerte, schritt würdevoll wie ein Diplomat auf den angejahrten Wagen zu.
»Der Motor!« sagte die nette, ältere Dame noch einmal und deutete zusätzlich auf die geöffnete Haube. Dann trat sie etwas zur Seite und blieb neben der geöffneten Wagentür stehen. Während die beiden Männer sich bereits über den angeblich streikenden Motor beugten, fingerte die so nett aussehende Dame nach dem Schrotgewehr.
Sie benahm sich dabei äußerst geschickt und fachmännisch. Sie schien solch ein Schießinstrument nicht zum erstenmal in ihrem Leben in der Hand zu haben. Vorsichtig beugte sie sich zurück und richtete die abgesägten Läufe auf die beiden Männer, die sich noch immer intensiv um den angeblich streikenden Motor kümmerten.
Sie quiekte allerdings überrascht und spitz auf, als plötzlich vor ihrem Gesicht eine schwarze Melone auftauchte. Diese schwarze Melone zischte an ihrer Nase vorbei und traf mit ihrer Kante den Oberarm der schießlüsternen, älteren Dame.
Daraufhin quiekte die Dame erneut, riß die beiden Hähne durch und wurde durch den Rückstoß aus dem Gleichgewicht gebracht. Während die Schrotladungen hinauf zum Himmel stiegen, landete die ältere Dame auf ihrer Kehrseite und vollführte so etwas wie eine Rolle rückwärts.
»Falls ich Sie unnötig erschreckt haben sollte, bitte ich mein Mißgeschick entschuldigen zu wollen«, sagte der Butler und deutete eine leichte, knappe Verbeugung an.
Die ältere Dame wollte antworten, doch eine Möwe hinderte sie daran. Diese Möwe war von einigen Schrotkörnern erwischt worden und für einen kurzen Moment aus der Fluglage gekommen. Sie schoß wie ein Sturzbomber hinunter auf die Schützin, klatschte ihr ins Gesicht, rappelte sich hoch und stob dann mit einer Art Kavalierstart wieder hinauf in die Lüfte.
»Ihre Schießkünste sind erstaunlich, wenn ich mir diese Bemerkung erlauben darf«, redete Butler Parker weiter, »dennoch sollten Sie vielleicht zukünftig einen regulären Schießstand frequentieren, die Gefahr einer Verletzung dürfte dadurch wesentlich geringer sein.«
Die angeblich ältere Dame stand ächzend auf und rieb sich die Kehrseite. Was nicht weiter verwunderlich war, denn sie hatte sich auf einen spitzen, zackigen Stein gesetzt.
»Der Motor ist vollkommen in Ordnung«, meldete Mike Rander von der Wagenhaube her, »aber wir nehmen Sie selbstverständlich gern mit, Madam. Sie brauchen nur in unseren Wagen einzusteigen.«
»Ich … ich … eh …!« Mehr vermochte die angeblich ältere Dame nicht zu sagen. Wütend und traurig zugleich starrte sie auf das Schrotgewehr mit den abgesägten Läufen.
»Wenn ich Ihnen vielleicht in den Buick hineinhelfen darf, Madam?« sagte Parker, seine Hilfe anbietend. Dann faßte er nach dem Oberarm der Dame und führte sie auf den Buick zu, obwohl die ältere Dame damit nicht sonderlich einverstanden zu sein schien. Gegen Parkers Höflichkeit kam sie selbstverständlich nicht an. Bevor sie lautstark protestieren konnte, saß sie bereits im Fond des Buick, während Mike Rander neben ihr Platz nahm.
Parker übernahm das Steuer, ließ den Wagen anrollen und steuerte hinüber auf den Highway. Weder ihn noch Anwalt Mike Rander schien das Schrotgewehr und der damit verursachte Zwischenfall berührt zu haben. Beide Männer taten so, als sei überhaupt nichts passiert.
»Ich schlage vor, wir unterhalten uns mal in aller Ruhe«, sagte Mike Rander und bot der älteren Dame eine Zigarette an. »Die Hartnäckigkeit und Rachesucht Ihres Chefes, Miss Holcomb, ist schon bewundernswert. Ich bin direkt gespannt, was er sich noch einfallen lassen wird. Na ja, was es auch sei, auch Sie werden das dann richtig genießen können. Zusammen mit uns! Freuen wir uns also auf die nächste Überraschung!«
Judy Holcomb, fünfundzwanzig Jahre alt, normalerweise rothaarig, etwas füllig, aber durchaus attraktiv aussehend, wußte, daß man ihre Maske längst durchschaut hatte.
Sie schluckte nur.
Und sie dachte an die nächste Überraschung, die Herbert Hallow, der Supergangster, der sich »Herr der Welt« nannte, bereits eingefädelt hatte. Sie fand, daß ihre Überlebenschancen von Minute zu Minute rapide sanken …
*
Der schnelle Hubschrauber stand über einem kleinen Wäldchen fast auf der Stelle. Der Pilot und sein Fluggast konnten den Highway erstaunlich gut einsehen. Wie auf einer Breitleinwand rollten die Wagen heran und verschwanden dann hinter der sanften Biegung des kleinen Wäldchens.
Die beiden Männern an Bord gehörten nicht zur Verkehrsüberwachung der Staatspolizei. Flugstreifen dieser Art führten nämlich grundsätzlich keine Napalmbomben mit sich. Und zwei dieser bösartigen Sprengstoffkanister standen zwischen den Füßen des Fluggastes. Sie warteten nur darauf, auf einen ganz bestimmten Wagen abgeworfen zu werden.
Joe Claron, einer der engsten Mitarbeiter des Supergangsters Herbert Hallow, war dieser interessierte Fluggast. Er rechnete im Grunde nicht damit, noch eingreifen zu müssen. Er kannte die Qualitäten seiner Kollegin Judy Holcomb und konnte sich kaum vorstellen, daß sie als alte Dame keinen Erfolg gehabt hatte.
Doch dann sah er den Buick unten auf dem Highway. Er war nicht zu verwechseln, dafür hatte er in seiner Rolle als Monteur in der Tiefgarage des Hotels gründlich gesorgt. Auf dem Dach des Buick war ein deutlich sichtbares Kreuz angepinselt worden, dessen Farbe im Licht der Sonne fluoreszierte. In diesem Wagen befanden sich die beiden verhaßten Gegner, die dem »Herrn der Welt« bisher solche Schwierigkeiten bereitet hatten.
»Wir sind dran«, sagte Joe Claron über die Bordsprechanlage zu seinem Piloten, »warten wir, bis der Wagen im Wäldchen verschwindet. Dann tief ’runter! Alles weitere übernehme ich!«
Der Pilot nickte. Er hatte gut verstanden. Er gab den beiden Männern unten im Buick nicht die geringste Chance. Er wußte einmal um seine Erfahrungen als Hubschrauberpilot, zum anderen kannte er die Wirkung einer Napalmbombe.
Der Buick näherte sich dem kleinen Wäldchen. Der Hubschrauber ging etwas höher und beschrieb einen Bogen, um den schnell näherkommenden Buick mit tödlicher Sicherheit angreifen zu können. Um diesen kleinen Bogen zu beschreiben, mußte er sich etwas abfallen lassen. Für wenige Minuten verlor Joe Claron dadurch die Sicht auf den Wagen, in dem seine beiden Opfer saßen.
Claron dachte in diesen Minuten keineswegs an seine Kollegin Judy Holcomb. Er hatte jetzt andere Sorgen. Er wollte alle bisherigen Pannen gründlich ausbügeln. Er wollte seinem Chef Hallow zeigen, wie gut er war, wie sehr man sich auf ihn verlassen konnte. Gelang es ihm, Mike Rander und diesen verdammten Butler Parker umzubringen, dann war seine Stellung restlos gesichert.
»Achtung!« rief der Pilot, der sich schon wieder dem Highway näherte, »gleich packen wir’s!«
Joe Claron hatte bereits die Tür des Hubschraubers geöffnet. Er entsicherte die erste Bombe und schob sie hart an den unteren Rand der Tür. Durch einen schnellen und kräftigen Fußtritt konnte er den Kanister dann später präzise nach unten auf die Straße befördern und sie in eine tödliche Flammenhölle verwandeln. Es interessierte Claron überhaupt nicht, daß dabei möglicherweise völlig unschuldige Touristen gefährdet wurden. Hauptsache, Rander und Parker wurden endgültig ausgeschaltet …
Der Buick fuhr nicht mehr. Das sah Claron auf den ersten Blick. Der Wagen stand hart am Rand der Straße und schien eine Panne zu haben. Die Motorhaube war geöffnet. Über den freigelegten Motor beugten sich zwei Gestalten. Claron konnte sie zwar nicht mit letzter Sicherheit erkennen, doch für ihn war es klar, daß es sich nur um Mike Rander und Josuah Parker handelte.
»Tiefer! Noch tiefer!« stieß Joe Claron hervor, »der erste Anflug muß bereits klappen!«
Der Pilot verstand sein Handwerk.
Er brachte den Hubschrauber genau über die Waldschneise, durch die der breite Highway führte. Dann nickte er Joe Claron kurz und energisch zu.
Claron verabreichte dem Kanister einen kräftigen Fußtritt.
Die Höllenbombe torkelte wie betrunken durch die Luft nach unten, beschrieb einen leichten Bogen und landete präzis im Ziel. Sie platzte dicht neben dem Buick wie eine überreife Frucht auseinander. Bruchteile von Sekunden später detonierte sie.
Der Luftdruck griff nach dem leichten Hubschrauber und schüttelte ihn gründlich durch. Gleichzeitig zündete das Napalm und verspritzte über die Straße. Der Buick wurde in eine dichte, schwarze, fettige Rauchwolke eingehüllt. Flammenblitze schossen durch diesen Qualm, und zeigten deutlich an, wie tödlich dieses Vernichtungswerk war.
Der Hubschrauber beschrieb erneut einen leichten Bogen, brummte über das kleine Waldstück und näherte sich der Flammenhölle, die jedes Leben vernichtet haben mußte. Der Rauchpilz stieg bereits hoch zum Himmel empor. Das gezündete Flammöl griff nach den nahen Bäumen und nach dem dürren Strauchwerk und setzte es in Brand. Es war ausgeschlossen, daß Mike Rander und Josuah Parker noch lebten!
»Bleib’ ’nen Moment stehen«, sagte Claron zu seinem Piloten. Dann nahm er die Kamera hoch und schoß einige Bilder. Diese Beweisstücke müßten den Chef überzeugen.
»Achtung!« brüllte der Pilot plötzlich entsetzt und deutete ziemlich fassungslos auf einige kleine Löcher, die in die Plexiglaskuppel des Hubschraubers eingestanzt wurden.
Claron begriff nicht sofort. Als ihm dann aber ein Licht aufging, war es bereits zu spät. Der Pilot brüllte und faßte nach seiner linken Schulter. Er ließ dabei den Steuerknüppel los. Als er die rechte Hand wieder vornahm, war sie voll Blut.
»Die schießen!« schrie der Pilot, der ungewöhnlich schnell verstanden hatte, was wohl in erster Linie damit zusammenhing, daß seine linke Schulter bereits getroffen worden war.
Auch Claron begriff außerordentlich schnell.
Neben seinen Füßen erschienen in den Bodenbrettern ebenfalls kleine Einschußöffnungen. Sie lagen in gefährlicher Nähe des zweiten Napalmkanisters. Ein Treffer mußte diese höllische Bombe sofort hochgehen lassen.
»’runter! ’runter!« schrie Claron, der begreiflicherweise nervös geworden war.
Doch dazu kam es noch viel schneller, als Claron es sich hätte wünschen können.
Die beiden Rotorenblätter waren nicht mehr in Ordnung.
Der kleine Hubschrauber begann daraufhin wie ein lahmes Insekt zu torkeln. Er näherte sich überraschend schnei! den Baumwipfeln. Der Pilot sah die unvermeidliche Katastrophe auf sich zukommen und schwenkte den Hubschrauber in einem Akt der Verzweiflung zur Seite, worauf sie den Bäumen zwar entgingen, dafür aber auch ungewöhnlich hart landeten. So hart, daß der leichte Hubschrauber auseinanderbarst.
Der Pilot und Joe Claron hatten Riesenglück. Sie wurden hoch durch die Luft geschleudert, kamen von dem Hubschrauber weg und landeten in einer sumpfigen Wiese.
Joe Claron versank bis zu den Hüften in dem zähen Morast. Der Pilot tauchte kopfüber in einem Tümpel und mußte sich gehörig anstrengen, vor dem Verbrauch seiner Atemluft wieder an die Oberfläche zu kommen. Als Claron und sein Pilot es einigermaßen geschafft hatten, detonierte die zweite Napalmbombe.
Der Hubschrauber verschwand in einer fettigen, pechschwarzen Rauchwolke. Entzündetes Flammöl spritzte tückisch durch die Luft. Der Luftdruck legte einige kleinere Bäume um.
Claron und sein Pilot rappelten sich hoch und ergriffen die Flucht. Sie rannten wie Präriehasen, die von Wölfen gehetzt werden. Sie rannten, bis sie, völlig erschöpft, auf einer Lichtung zusammenbrachen. Dann weinten sie still in den weichen Rasen und haderten mit ihrem Schicksal. Sie vergaßen darüber zwei Männer, die Mike Rander und Josuah Parker hießen …
*
»Bedanken Sie sich bei meinem Butler, Miss Holcomb«, sagte Mike Rander zu der sehr netten, älteren Dame, die sich inzwischen teilweise abgeschminkt hatte und schon wieder an eine junge Frau erinnerte, »ohne seine gute Nase hätte uns die Bombe mit Sicherheit erwischt.«
Judy Holcomb konnte nicht antworten. Noch nicht. Sie wurde gerade von einem Weinkrampf geschüttelt. Aus schreckgeweiteten Augen hatte sie eben noch auf die Hölle drüben auf dem Highway gestarrt, dann aber hatte sie begriffen.
Parker verpackte inzwischen sein Gewehr. Er schraubte es auseinander und ließ die beiden Einzelteile in seinem Spezialkoffer verschwinden. Dann deutete er in Richtung Mike Rander eine leichte Verbeugung an und erkundigte sich mit wohlgesetzten Worten, ob sein junger Herr mit seinen Schießkünsten auch zufrieden gewesen sei.
»Sagenhaft!« meinte Anwalt Rander und wischte sich einige Schweißtropfen von der Stirn, »den Hubschrauber haben Sie abgeschossen wie eine lahme Ente, Parker!«
»Ich mußte leider einige Patronen vergeuden, bis ich den Blattschuß anbringen konnte, Sir«, meinte der Butler. »Aber der erzielte Effekt dürfte diese Verschwendung rechtfertigen.«
»Ihre Sorgen möchte ich auch mal haben, Parker«, sagte Mike Rander und quälte sich nach diesem Schock das erste Lächeln ab, »ich frage mich, welche Überraschungen jetzt noch auf uns warten. Hallow will uns um keinen Preis nach Norden lassen!«
»Ich rechne im Moment nicht mit weiteren Zwischenfällen«, sagte Parker, »aber man könnte ja Miss Holcomb fragen, falls sie inzwischen vernehmungsfähig ist.«
Judy Holcomb hatte sich inzwischen gefaßt.
Sie richtete sich auf und preßte die Lippen zu einem schmalen Strich zusammen. Ihr Gesicht, in dem die Altersschminke nun restlos durcheinandergelaufen war, erinnerte an eine Trauermaske.
»Dieses Schwein«, sagte sie wenig damenhaft.
»Darf man höflichst fragen, Madam, wen Sie gerade gemeint haben?« erkundigte sich der Butler.
»Hallow!« gab sie knapp zurück, »von dem Napalm hab’ ich nichts gewußt. Es sollte nur eine Bombe sein!«
»Wie tröstlich«, stellte der Butler fest, »gegen eine normale Sprengbombe hätten Sie also nichts einzuwenden gehabt, wenn ich Sie richtiger verstanden habe?«
»Mußten Ihre Partner denn nicht damit rechnen, daß sie sich im Buick befanden?« fragte der Anwalt.
»Natürlich«, erwiderte die Frau langsam und nachdenklich, »aber sie hatten immer nur von einer Sprengbombe gesprochen.«
»Das Flammöl hätte Sie scheußlich zurichten können«, stellte der Butler noch einmal fest. »Man warf es ohne Rücksicht auf Sie ab, Miss Holcomb. Kein ausgesprochen feiner Zug, wenn ich mir diese beiläufige Bemerkung erlauben darf.«
»Ihr Chef, Mister Herbert Hallow, scheint sehr wenig Bedenken zu haben«, bohrte Mike Rander nach. »Hauptsache, er selbst bringt sich in Sicherheit!«
»Nicht mehr lange«, prophezeite Judy Holcomb, »das werde ich Hallow heimzahlen.«
»Dazu dürfen Sie aber kaum Gelegenheit haben«, orakelte der Butler vorsichtig, »ein Mann wie Mister Hallow sucht sich ein Versteck aus, in dem er unauffindbar ist und bleibt. Und dieses Versteck, so könnte ich mir vorstellen, ist außer ihm keinem seiner Mitarbeiter bekannt.«
Judy Holcomb konnte sich von dem Wrack des Buick nicht losreißen. Sie starrte auf das Öl, das den Wagen bereits ausgeglüht hatte, das aber nach wie vor waberte und brannte. Die Hitze drang bis zu ihnen herüber. Es roch nach verbranntem Öl, nach Stoff und nach Benzin.
»Wenn ich mir einen Rat erlauben darf, Sir, so sollte man diesen Ort nun meiden, mit anderen Worten, man sollte vielleicht andere Gefilde aufsuchen, bevor die Polizei erscheint, die diese Explosion mit Sicherheit bereits ausgemacht hat.«
»In Ordnung«, pflichtete der Anwalt seinem Butler bei, »setzen wir uns also ab. Wenn Sie Lust haben, Miss Holcomb, können Sie mitkommen. Falls Sie natürlich nicht scharf darauf sind, von Hallow bei passender Gelegenheit umgebracht zu werden. Er dürfte auf Sie nicht besonders gut zu sprechen sein, schließlich haben Sie ja auf der ganzen Linie versagt. Wir leben noch immer!«
»Er wird sich wundern«, erwiderte sie leise und fast grimmig. »Er wird sich wundern. Ich weiß mehr über ihn, als er glaubt!«
»Darüber sollten wir uns später unterhalten«, sagte Mike Rander mit einem Blick zur Straße hinüber, »verschwinden wir. An Polizeiverhören bin ich nicht interessiert.«
Mike Rander, sein Butler und Judy Holcomb verließen das Versteck im kleinen Wäldchen und beeilten sich, neutralere Gegenden aufzusuchen. Sie kamen schnell voran, denn bis auf Parkers Spezialkoffer war alles Gepäck ein Raub der Flammen. In Flammen aufgegangen waren auch die beiden Attrappen, die Josuah Parker in aller Eile noch vor dem Angriff des Hubschraubers zurechtgebastelt hatte. Diese beiden Attrappen hatten den Piloten des Hubschraubers und Joe Claron gründlich getäuscht. Sie waren bis zum Abschuß des Hubschraubers der festen Ansicht gewesen, die beiden verhaßten Männer endlich erwischt zu haben.
»Was mag aus Ihrem Mitarbeiter Claron geworden sein?« fragte Mike Rander, als sie eine kleine Nebenstraße erreicht hatten, an der eine Tankstelle lag.
»Hoffentlich hat er sich das Genick gebrochen«, sagte Judy haßerfüllt. »Er wußte doch die ganze Zeit über von der Napalmbombe, aber er hat mir nichts gesagt.«
»Wollten Sie sich nach den Aktionen möglicherweise irgendwo mit ihm treffen?« schaltete der Butler sich ein.
»In St. Augustine«, gab sie sofort zurück, ohne auch den geringsten Versuch zu machen, sie zu belügen. »Er sollte dort in Marineland auch mich warten.«
»Und von dort aus sollte es wohin weitergehen?« erkundigte sich Parker in seiner umständlichen Art und Weise.
»Dort will uns dann der Chef abholen«, redete Judy weiter. »Wohin weiß ich nicht. Wir sollten uns bei den See-Aquarien treffen!«
*
Die lange Sitzreihen, die wie in einem Amphitheater anstiegen, waren bis auf den letzten Platz besetzt. Die Zuschauer sahen hinunter in das riesige Bassin, in dem sich die Delphine tummelten. Auf knappe Kommandos ihres Wärters hin vollführten sie die unmöglichsten Kunststücke. Sie sprangen durch Reifen, zogen an Glockenseilen, ritten auf ihrer Schwanzflosse über das Wasser und tanzten eine Art Ballett. Jeder dieser Vorführungen wurde mit begeistertem Applaus belohnt.
Mike Rander und Josuah Parker kümmerten sich herzlich wenig um diese Vorführung. Zusammen mit Judy Holcomb waren sie zu den Marine-Studios hinausgefahren, um Herbert Hallow überraschend zu überrumpeln.
»Wir wollten uns an den Hai-Aquarien treffen«, sagte Judy Holcomb, die von Minute zu Minute immer nervöser wurde. Sie schien Angst zu haben. In immer kürzer werdenden Abständen sah sie sich immer wieder nach allen Seiten um.
»Wie sieht Hallow denn aus?« fragte Mike Rander. Er, sein Butler und Judy Holcomb standen neben einer dicken Scheibe aus Panzerglas, durch die man in eines der riesigen Aquarien hineinsehen konnte.
»Hallow will als Tourist kommen«, erwiderte Judy leise und sah sich wieder verstohlen um, »er wechselt seine Maske von Tag zu Tag, Mister Rander. Darin ist er ein Meister!«
»Beschreiben Sie ihn!«
»Er ist mittelgroß, schlank, hat ein ovales, schmales Gesicht«, zählte die rothaarige Frau auf, die sich während der Fahrt zurück in eine junge, wenn auch etwas füllige Evastochter verwandelt hatte. »Er hat ein vollständiges Gebiß und eine kleine Narbe am linken Nasenflügel!«
»Das ist nicht besonders viel«, gab Mike Rander enttäuscht zurück, »als Tourist will er also erscheinen. Keine schlechte Tarnung, zumindest nicht hier, wo die Touristen in Regimentsstärke auftreten.«
»Mehr weiß ich wirklich nicht«, sagte Judy Holcomb, »ob er uns schon entdeckt hat?«
»Möglich, aber nicht sicher«, beruhigte Rander seine Begleiterin, »drehen Sie bloß nicht durch. Wir passen schon auf Sie auf!«
»Ich schlage vor, wir schicken Miss Holcomb hinauf zum Bassin«, ließ der Butler sich vernehmen. »Es fehlen nur noch knapp fünf Minuten bis zum vereinbarten Termin.«
»Wir wollten uns genau um 16 Uhr treffen«, erklärte die junge Frau, »Sie kommen doch nach, ja?«
»Sie können sich fest darauf verlassen«, antwortete Anwalt Rander, »gehen Sie kein Risiko ein. Sobald Hallow sich sehen läßt, fahren sie sich ein paar Mal über ihr Haar. Dann wissen wir Bescheid, klar?«
»Ich … ich habe Angst«, sagte Judy Holcomb leise. »Sie wissen ja nicht, wie grausam Hallow sein kann.«
»Und ob wir das wissen!« Mike Rander verzog sein Gesicht und dachte an die Abenteuer auf der Bahama-Insel. »Sie sollten jetzt ’raufgehen, Judy …!«
Sie schluckte, sah für einen kurzen Moment zu Boden und schien sich zu sammeln. Dann warf sie ruckartig den Kopf in den Nacken und verließ die Glasscheibe. Nach wenigen Sekunden war sie auf der breiten Betontreppe verschwunden, die hinauf zum Bassin führte.
»Was glauben Sie, Parker, führt sie uns an der Nase herum?« fragte Mike Rander seinen Butler.
»Ich glaube nicht, Sir«, entgegnete der Butler, »sie war zu erbost, als man die Napalmbomben abwarf! Sie kann jetzt nicht mehr zurück!«
»Beziehen wir unsere Position«, meinte Anwalt Rander, »ich nehme hier die Treppe, gehen Sie von der anderen Seite zum Bassin ’rauf, Parker, beeilen Sie sich!«
Josuah Parker nickte, prüfte den korrekten Sitz der schwarzen Melone und legte sich den Bambusgriff seines Universal-Regenschirms über den linken Unterarm. Denn schritt er würdevoll und gemessen zu der nächsten Treppe, die hinauf zum Bassin führte.
Als er das Freie erreicht hatte, sah er sich nach Judy Holcomb um. Sie stand bereits am Bassin und wartete auf Herbert Hallow, aber auch auf ihren Partner Joe Claron. Sie schritt unruhig auf und ab. Wahrscheinlich vibrierten ihre Nerven vor Angst, was kein Wunder war, denn der Supergangster Hallow war schon ein Gegner, den man wie die Pest fürchten mußte.
Parker sah interessiert in das riesige Bassin, dessen Wände aus starkem Beton bestanden. Es war angefüllt mit Meerwasser. Und in diesen reichlich bemessenen Fluten tummelten sich Riesenexemplare von Menschenhaien, Rochen und Barracudas. Die Zuschauer hatten die Möglichkeit, diese verrufenen Fische aus nächster Nähe zu beobachten.
Ein gefleckter Menschenhai schien sich für den Butler zu interessieren.
Der Riesenraubfisch tauchte knapp vor dem Bassinrand auf. Seine viel zu kleinen, bösartig wirkenden Augen musterten den Butler kalt und abschätzend. Dann riß der Hai sein Maul auf und zeigte eine Reihe Zähne, die an Rasiermesser erinnerten. Sekunden später tauchte der Hai wieder weg und verschwand in der Mitte des großen Bassins.
Judy Holcomb lehnte mit dem Rücken gegen den Rand des Bassins und sah einem der Wärter entgegen, der mit schnellen Schritten auf sie zukam und mit einem Stück Papier winkte, das wie ein schnell niedergeschriebenes Handschreiben wirkte.
Er erreichte Judy und sprach sie an. Dieser Wärter war mittelgroß, schlank und trug einen Overall, der mit Wasser bespritzt war. Er sah ungemein echt und überzeugend aus.
Der Wärter tippte auf das Schreiben, das Judy inzwischen in der Hand hielt. Dann sagte er wieder etwas zu der üppigen, rothaarigen Frau, doch Parker konnte wegen der Entfernung leider nichts verstehen. Hinzu kamen die Applaussalven der Zuschauer, die weitere Kunststücke der Delphine belohnten.
Parker, der sich durch den Beifall einen kurzen Moment hatte ablenken lassen, hörte plötzlich einen schrillen Schrei.
Er nahm schnell den Kopf herum und sah Judy, die gerade rücklings ins Wasser fiel. Sie warf die Arme hilfesuchend hoch, doch der Wärter dachte nicht im Traum daran, ihr zu helfen. Er drehte sich auf dem Absatz um und lief zu Mike Rander hinüber, der ihm bereits entgegenkam. Der Wärter blieb kurz stehen, deutete zurück auf den Rand des Bassins und … versetzte Rander plötzlich einen derben Stoß.
Der junge Anwalt wurde dermaßen überrascht, daß er nicht parieren konnte. Er stolperte über eine Sitzbank, verlor das Gleichgewicht und schlug zu Boden. Der Wärter kümmerte sich nicht weiter um ihn, sondern verschwand über eine der Betontreppen hinunter zu den Glasfenstern des Bassins.
Parker hatte das alles in Sekundenbruchteilen mitbekommen. Er sah wieder hinüber zu Judy Holcomb, die gerade zum ersten Mal aus dem Seewasser des Bassins auftauchte.
Und er sah auch die dreieckige Rückenflosse eines der Haie. Diese Rückenflosse hielt genau auf die rothaarige Frau zu, die verzweifelt im Wasser um sich schlug!
*
Josuah Parker mußte sich blitzschnell etwas einfallen lassen, wenn er die Frau retten wollte.
Viel Zeit blieb ihm nicht mehr.
Doch Parker wußte sich selbstverständlich wieder einmal zu helfen. Er hatte in der Vergangenheit schon ganz andere Situationen gemeistert und dabei aus dem Handgelenk heraus improvisiert.
So auch jetzt.
Es galt, den angreifenden Hai ein wenig abzulenken.
Was der Butler mittels seiner stahlblechgefütterten Melone umgehend besorgte. Er entledigte sich seiner Kopfbedeckung und schickte die Melone auf die Reise.
Sie segelte sirrend durch die Luft und landete mit dem scharfen Rand genau auf der Nasenspitze des Hais, der ziemlich dicht unter der Wasseroberfläche war.
Der getroffene Hai wurde nachhaltig irritiert.
Mit diesem Zwischenfall hatte er nämlich keineswegs gerechnet. Der Schmerz der getroffenen Nase trieb ihm einige Tränen in die kleinen, bösartigen Augen. Dadurch trübte sich für einen Moment sein Sehvermögen. Er konnte sein Opfer, das immer noch im Wasser herumstrampelte, nicht mehr genau ausmachen.
Um sich einen allgemeinen Überblick zu verschaffen, schob der Hai seinen Kopf etwas aus dem Wasser, was er jedoch besser nicht getan hätte.
Parker hatte nämlich inzwischen den Stockdegen aus dem Regenschirm hervorgezogen und benutzte ihn als Harpune. Kraftvoll geschleudert, landete die Degenspitze im Genick des Hais, der sich überrascht auf den Rücken warf und versuchte, diese Harpune loszuwerden. Da seine an sich unbedeutende Wunde blutete, erregte er die Aufmerksamkeit seiner Artgenossen, die sich vom ausströmenden Blut ungemein angeregt fühlten. Sie waren durch die Strampelbewegungen der Frau bereits hellhörig geworden, nun aber glaubten sie, das Opfer ausgemacht zu haben. Von allen Seiten schossen sie wie Torpedos auf den leicht blutenden Hai zu, der die Gefahr ahnte und zum Gegenangriff überging.
»Wenn Sie erlauben, Madam, reiche ich Ihnen gern die Hand«, sagte der Butler zu Judy, die sich inzwischen an den Rand des Bassins herangestrampelt hatte.
Parker ergriff ihre Hand und zog sie in dem Moment aus dem Wasser, als ein äußerst cleverer Barracuda nach ihrer linken Wade schnappen wollte. Josuah hatte kaum festen Boden unter den beiden unversehrten Füßen, als sie einen leichten Seufzer ausstieß, um dann ohnmächtig in sich zusammenzurutschen. Parker sah sich veranlaßt, die Frau mit seinen Armen aufzufangen.
Stocksteif, als habe er einen Ladestock verschluckt, hielt er die Frau, vergaß aber nicht, die Szenerie im Bassin zu beobachten. Das Wasser schien zu kochen. Die Haie griffen sich gegenseitig an und benahmen sich äußerst unzivilisiert. Sie fügten sich unangenehme Bißwunden zu und steigerten damit ungewollt die allgemeine Mordlust.
Parker war froh, daß er den inzwischen abgeschüttelte Stockdegen im letzten Moment noch bergen konnte. Er begutachtete ihn auf seine Unversehrtheit hin, um ihn dann zurück in seinen Universal-Regenschirm zu schieben.
»Sie benehmen sich nicht gerade wie ein Draufgänger«, hörte er dann Mike Randers Stimme hinter sich.
»Sir, ich würde mir niemals gestatten, gewisse Schranken zu übertreten«, erwiderte der Butler förmlich und drückte die wieder zu sich kommende Judy Holcomb noch weiter von sich, »ich fürchte, daß der Wärter der gesuchte ›Herr der Welt‹ war.«
»Ich auch«, gab Mike Rander lakonisch zurück. »Der hat sich längst abgesetzt, Parker!«
»Ob er sich in Begleitung seines Mitarbeiters Joe Claron befand, Sir?«
»Keine Ahnung, Parker, wir wissen ja noch nicht einmal, ob dieser Claron den Absturz des Hubschraubers heil überstanden hat. Bringen wir Miss Holcomb erst mal in Sicherheit!«
Die beiden Männer bemühten sich um die rothaarige, leicht üppige Frau, die inzwischen wieder zu sich gekommen war. Sie zitterte vor Angst und hatte nichts dagegen, vom Gelände der Marine-Studios gebracht zu werden.
»Er wird mich umbringen«, sagte sie mit heiserer, leiser Stimme, »er wird mich umbringen …!«
»Er wird jetzt andere Sorgen haben, falls Sie nicht noch etwas Zusätzliches über ihn zu erzählen haben«, meinte Anwalt Rander, »kommen Sie, Parker!«
»Ich bitte mich für einen kleinen Moment entschuldigen zu wollen«, bat der Butler, um dann nach seiner Melone zu fischen, die durch das scheinbar kochende Wasser an den Rand des Bassins gespült wurde. Er zog seine Kopfbedeckung aus dem Wasser und registrierte voll Freude, daß die Melone unbeschädigt war. Nach dem Trocknen war sie wieder zu verwenden, eine Tatsache, die den Butler ungemein befriedigte!
*
»Trauen Sie dieser Frau auf keinen Fall«, sagte Mister Brown, der Chef jener geheimnisvollen, staatlichen Dienststellen, deren Sitz Washington war. Mister Brown, ein drahtiger, etwas über mittelgroßer Mann drückte seine Zigarette aus und sah Mike Rander und Josuah Parker warnend an, »ich würde sie am liebsten nach Washington schaffen lassen.«
»Was wäre damit gewonnen?« fragte Mike Rander zurück, »wenn sie nach wie vor für Hallow arbeitet, wird sie auch weiterhin schwindeln, hat sie sich aber innerlich von ihm losgesagt, ist sie in unserer Nähe wichtiger.«
»Was halten Sie von dieser Dame?« wollte Mister Brown von Josuah Parker wissen. Während er redete, deutete er auf die Tür hinüber, die in ein benachbartes Hotelzimmer führte. Dort war Judy Holcomb untergebracht worden. Nach dem Zwischenfall in den Marine-Studios hatte Mike Rander sich sofort mit Brown in Verbindung gesetzt und ihn nach St. Augustine gebeten, wo sie vorerst Quartier genommen hatten.
»Ich erinnere in aller Bescheidenheit an den Mordanschlag«, antwortete Josuah Parker, »ohne fremde Hilfe wäre Miss Holcomb mit größter Wahrscheinlichkeit eine Beute der Haie geworden. Dieser Mordanschlag ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht gestellt worden. Mit anderen Worten, ich glaube, daß Miss Holcomb sich von Mister Hallow losgesagt hat.«
»Schön, unterstellen wir das mal«, entgegnete der Chef der geheimnisvollen, staatlichen Dienststelle, »was hat sie denn an Informationen geliefert?«
»Wenden Sie sich an Parker«, sagte Mike Rander, »er hat sich mit Miss Holcomb ausgiebig unterhalten. Sie scheint ihn zu mögen!«
»Sie beschämen mich, Sir«, meinte Parker und errötete leicht, »um aber zur Sache zu kommen, Sir, Miss Holcomb weiß leider nur sehr wenig. Das dürfte mit der Vorsicht des Mister Hallow Zusammenhängen. Er weihte seine engsten Mitarbeiter niemals in seine Pläne ein!«
»Kann sie denn nicht wenigstens einen Tip liefern, wo man diesen verdammten Gangster finden könnte?«
»Ihr Verdacht konzentriert sich auf Orange-City, Sir«, berichtete der Butler, »es handelt sich um eine kleine Stadt inmitten riesiger Orangenplantagen. Dieses Gebiet erstreckt sich über viele Hunderte von Meilen und befindet sich etwa fünfunddreißig bis vierzig Meilen südlich von Daytona Beach.«
»Wie kommt die Holcomb zu dieser Vermutung?« wollte Brown wissen.
»Sie wurde vor einigen Monaten einmal Ohrenzeuge einer telefonischen Unterhaltung«, redete der Butler würdevoll und gemessen weiter, »Herbert Hallow, der sich ja gern als der ›Herr der Welt‹ bezeichnet, wartete ungeduldig auf eine Verbindung mit Orange-City. Später redete er dann fast zwanzig Minuten mit einem Teilnehmer dort.«
»Das ist bereits alles?« fragte Mister Brown enttäuscht.
»Eine vage Spur, gewiß«, gab der Butler zu bedenken, »aber besser als gar nichts, wenn ich mir diesen bescheidenen Hinweis erlauben darf. Gravierend kommt hinzu, daß Mister Hallow ansonsten niemals solche oder ähnliche Privatgespräche führte.«
»Na schön, meine Agenten sollen dann mal dieses Gebiet durchkämmen«, sagte Mister Brown nachdenklich, »wir dürfen Hallow einfach nicht zur Ruhe kommen lassen, sonst baut er sich eine neue Organisation auf. Und was dann gefällig ist, wissen wir ja! Viel Hoffnung, ihn dort irgendwo zu finden, habe ich allerdings nicht.«
»Sir, ich würde mir niemals erlauben, Einwände gegen Ihre Pläne und Ansichten zu erheben«, schickte der Butler voraus, »aber intensive Nachforschungen könnten den Gangsterchef unnötig beunruhigen.«
»Sie haben andere Vorschläge zu machen?« wollte Mister Brown wissen.
»In der Tat, Sir«, meinte der Butler und warf seinem jungen Herrn einen schnellen Blick zu, »falls Sie einverstanden sind, würden Mister Rander und meine bescheidene Wenigkeit wieder allein arbeiten.«
»Wie denken Sie darüber, Rander?« erkundigte sich Mister Brown bei dem Anwalt.
»Parker hat recht«, erwiderte Mike Rander sofort, »wenn Parker und ich allein dort in den Plantagen auftauchen, wird Hallow annehmen, daß wir auf eigene Faust gekommen sind. Er weiß ja, daß wir Einzelgänger sind. Falls er tatsächlich dort in der Gegend ist, wird er sich aus seinem Fuchsloch hervorwagen und uns angreifen. Wittert er aber eine Großfahndung, dann setzt er sich mit Sicherheit ab.«
»Sie wissen, welches Risiko Sie damit eingehen?«
»Natürlich, Sir«, sagte der Anwalt, »aber ich will endlich meine Ruhe haben. Und die bekomme ich nur, wenn wir Hallow endgültig ausschalten. Es liegt also in meinem Interesse, wenn ich dieses Risiko bewußt eingehe.«
»Meinen Segen haben Sie«, erklärte Mister Brown und erhob sich aus seinem Sessel, »versuchen Sie also Ihr Glück! Aber halten Sie Kontakt mit meiner Dienststelle! Ich werde Ihnen einen Verbindungsmann schicken. Lassen Sie sich auf keine gewagten Unternehmungen ein! Sie brauchen nur zu pfeifen, und schon sind meine Leute da!«
»Ausgezeichnet, Sir! Parker und ich werden noch in dieser Nacht losfahren.«
»Und was geschieht mit der Holcomb?«
»Sie soll selbst entscheiden, Sir! Ich glaube, das ist fair! Parker, bitten Sie sie zu uns. Wir wollen sie gleich mal fragen!«
Parker erhob sich und ging zur Verbindungstür. Höflich und diskret klopfte er an. Als keine Antwort kam, wiederholte er das Anklopfen noch einmal. Als aber auch dann noch nichts zu hören war, drückte er die Tür auf.
Wenig später wußte er, warum Judy Holcomb nicht geantwortet hatte. Sie befand sich nämlich nicht mehr in ihrem Zimmer!
*
»Sie hat dieses Schreiben hier zurückgelassen«, sagte Parker wenige Minuten später und reichte Mister Brown einen Zettel, auf dem nur wenige Zeilen standen. Judy Holcomb teilte Rander und Parker mit, sie habe zuviel Angst vor ihrem ehemaligen Chef und ziehe es vor, gesündere Landstriche aufzusuchen. Sie bat, man möge nicht nach ihr suchen und sie in Ruhe lassen.
»Was halten Sie von dem Wisch?« fragte Brown, nachdem auch Mike Rander diese wenigen Zeilen überflogen hatte.
»Klingt überzeugend«, erwiderte der Anwalt, »was aber nichts zu besagen hat!«
»Sie könnte natürlich entführt worden sein«, überlegte Mister Brown laut.
»Durchaus, Sir! Und zwar unter den Augen Ihrer Agenten, die das Hotel hier absichern«, mischte Josuah Parker sich in die Unterhaltung ein. Er sprach ohne jede Ironie.
»Hallow traue ich alles zu«, meinte Brown und nickte, »sollte sie aber entführt worden sein, dann dürfte die Gegenseite wissen, was Sie planen, Rander!«
»Wenn schon!« entgegnete der Anwalt gereizt, »jetzt will ich es wissen. Parker und ich werden nichts von unseren Plänen ändern. Wir fahren nach Orange-City! Immer noch besser, als hier hemmsitzen und Daumen zu drehen. Was meinen Sie, Parker?«
»Ich werde sofort alle erforderlichen Vorbereitungen für eine schnelle Abreise treffen«, sagte der Butler und verließ gemessen das Hotelzimmer. Er konnte es kaum erwarten, bis sie sich wieder auf dem Kriegspfad befanden. Sein Gefühl sagte ihm, daß Judy Holcomb ihnen einen durchaus brauchbaren wichtigen Tip geliefert hatte.
Parker inspizierte den Wagen, den Mister Brown ihnen besorgt hatte, stellte ein Art Notgepäck zusammen und meldete sich nach knapp zwanzig Minuten bei seinem jungen Herrn zurück, der inzwischen allein im Zimmer war.
»Brown ist losgefahren«, sagte der Anwalt, »ich soll Sie von ihm grüßen, Parker. Er hat uns diesen kleinen Koffer zurückgelassen. Er enthält einige Ausrüstungsgegenstände, die wir vielleicht mal brauchen können.«
»Der Wagen wartet, Sir. Der Fahrt nach Orange-City steht nichts mehr im Wege!«
»Moment noch«, stoppte Mike Rander den Eifer seines Butlers,« haben Sie Brown auch wirklich alles erzählt, was Sie von der Holcomb erfahren haben?«
»Gewiß, Sir!« Parker sah wieder einmal harmlos und unschuldig aus.
»Sind Sie sicher?« bohrte Mike Rander nach, denn schließlich kannte er ja seinen Butler.
»Nun, vielleicht nicht ganz, Sir«, räumte Parker ein, »es könnte durchaus sein, daß mir gewisse Details entgangen sind.«
»Rücken Sie schon mit der Sprache heraus, Parker! Welches Detail haben Sie verschwiegen?«
»Nun denn, Sir, Miss Holcomb nannte einen Namen, der Witness lautet.«
»In welchem Zusammenhang?«
»Mister Witness war der Mann, den Mister Hallow in Orange-City anrief.«
»Schön, und wer ist dieser Witness? Ich bin sicher, daß Sie sich bereits unter der Hand informiert haben.«
»Ich war so frei, Sir«, entgegnete der Butler, »Mister Witness wohnt in Orange-City und geht dem Beruf eines Malers nach. Er beschäftigt sich mit dem Großverkauf von Orangensaft.«
»Hört sich verdammt harmlos an, Parker, oder?«
»Gewiß, Sir, ob Mister Witness allerdings wirklich harmlos ist, wird sich wohl erst später genau feststellen lassen. Es ist allerdings zu empfehlen, sich einmal vorsichtig mit ihm zu unterhalten.«
»Gut, wir fahren los«, entschied der Anwalt, »lassen wir uns von Orange-City überraschen!«
*
Sie waren schon seit Stunden im Wagen unterwegs, doch die Orangenplantagen zu beiden Seiten der Straße begleiteten sie. So weit das Auge reichte, dehnten sich diese Zitrusplantagen aus. Ein zuerst zauberhafter Anblick, der aber schon nach gut einer Stunde die Augen ermüdete. Zuviel Schönheit und Gleichmaß wurden auf die Dauer langweilig.
Die Straße führte durch diesen riesigen Obstgarten, in dem selbst noch in den Abendstunden gearbeitet wurde. Hochbeladene Lastwagen mit Obstkisten rollten nach Orange-City. In den Plantagen tuckerten die Trecker, pflückten die Akkordarbeiter die begehrten Früchte. Die Welt schien nur noch aus Orangen zu bestehen.
Mike Rander hatte es sich auf dem Beifahrersitz bequem gemacht und sinnierte vor sich hin. Er war schläfrig und sehnte sich nach einem bequemen Bett. Josuah Parker, der selbstverständlich das Steuer übernommen hatte, schien von Müdigkeit nichts zu spüren. Stocksteif und korrekt war seine Haltung. Er lenkte den schnellen Ford mit selbstverständlicher Sicherheit durch den immer stärker werdenden Verkehr. Aus den Plantagen rollten die Lastwagen heraus und strebten Orange-City zu.
»Hoffentlich ziehen wir keine Niete«, meinte Anwalt Rander und richtete sich etwas auf, um sich eine Zigarette anzuzünden. »Ich muß immer wieder an diese Holcomb denken. Hoffentlich hat sie uns nichts vorgemacht. Sagen Sie, Parker, könnte die Szene am Bassin nicht raffiniert gestellt worden sein?«
»Diese Möglichkeit, Sir, besteht selbstverständlich«, antwortete der Butler zurückhaltend, »dann müßte man aber unterstellen, daß Miss Holcomb über äußerst solide Nerven verfügt. Denken Sie an den blutgierigen Menschenhai, wenn ich mir diese Bemerkungen erlauben darf. Dieser Raubfisch war mit Sicherheit nicht abgerichtet.«
»Ich werde das Gefühl nicht los, daß wir schnurstracks in eine Todesfälle hineinfahren«, erwiderte Mike Rander. »Der Hinweis der Holcomb kam zu glatt, finden Sie nicht?«
»Ich habe mich selbstverständlich auf unangenehme Überraschungen eingestellt«, entgegnete der Butler. »Sollte es dazu kommen, Sir, dürfte man mit einiger Sicherheit wissen, daß der Hinweis auf Orange-City so oder so nicht schlecht gewesen ist.«
Während Parker noch die letzten Worte seines Satzes sprach, mußte er plötzlich scharf auf die Bremse treten. Aus einem Seitenweg kam ein schwerer Lastwagen, dessen Fahrer geschlafen zu haben schien. Er rollte bis weit über die Mitte der Fahrbahn, um erst dann in die Hauptstraße einzubiegen.
Der schwere und schnelle Ford schlingerte und schleuderte. Josuah Parker mußte seine ganze Fahrkunst aufbieten, damit der Wagen nicht im Graben landete. Da er jedoch ein Meister in der Kunst des Fahrens war, brachte er den Ford schnell wieder unter Kontrolle und fuhr weiter, als sei überhaupt nichts passiert.
»Komische Geschichte«, sagte Rander und sah durch das Rückfenster auf den Lastwagen, der nun endlich richtig auf der Straße stand und in Richtung Orange-City fuhr, »das sah fast nach einem Rammversuch aus, Parker.«
»Er dürfte in jedem Fall nur schwer zu beweisen sein, Sir. Ich habe mir allerdings erlaubt, mir das Kennzeichen dieses Lastwagens zu merken. Über die Wagennummer könnte man vielleicht einige Hinweise auf den Fahrer erlangen.«
»Falls wir überhaupt bis nach Orange-City kommen«, orakelte der junge Anwalt. »Wenn Hallow weiß, daß wir ihm auf der Spur sind, wird er alle Minen hochgehen lassen, die er hat.«
»Hoffentlich gehört die Panne nicht dazu, Sir, die ich Ihnen leider melden muß«, antwortete der Butler, »ich erlaube mir mitzuteilen, daß die beiden hinteren Reifen im Augenblick ohne Luft sind. Der Volksmund würde ›Panne‹ dazu sagen, wenn ich richtig orientiert bin!«
*
»Pappnägel!« stellte Mike Rander knapp eine Minute später fest. »Die sind hier sehr ausgiebig verstreut worden!«
Parker, der am Steuer sitzen geblieben war, sah sich verstohlen in der Runde um. Natürlich gab es auch hier zu beiden Seiten der Straße Orangenplantagen, doch ausgerechnet an dieser Stelle erhob sich dichtes Unterholz auf der linken Straßenseite. Dieses Unterholz gehörte zu einem Bachlauf, der die Straße unterquerte.
»Sir, es ist vielleicht angeraten, wieder in den Wagen zu steigen«, schlug der Butler vor.
»Und die Reifen?«
»Die könnte man zu einem späteren Zeitpunkt wechseln, Sir …!«
Zögernd stieg Mike Rander wieder in den Ford. Und er saß kaum, als Josuah Parker trotz der beiden luftleeren Hinterreifen Vollgas gab und rasant anfuhr. Er tat das derart ruckartig, daß Mike Rander tief und fest gegen den Sitz gepreßt wurde.
»Was ist denn los?« fragte Rander und schüttelte den Kopf. »Sie ruinieren ja die beiden Reifen.«
»Mit größter Sicherheit, Sir«, pflichtete der Butler seinem jungen Herrn bei, »aber dafür tauschen Sie und meine bescheidene Wenigkeit ein verlängertes Leben ein!«
»Denken Sie an einen Überfall?«
»Gewiß, Sir! Mister Hallow dürfte mit den Pappnägeln sein erstes Hindernis vorgestellt haben.«
Ohne jede Vorwarnung riß der Butler dann den Ford von der Straße herunter und ließ ihn über einen schmalen Feldweg in die nahe Plantage hineinrumpeln. Dann nickte er seinem jungen Herrn würdevoll zu.
»Wenn ich mir einen Rat erlauben darf, Sir, sollte man jetzt zu Fuß und im Schutz der Dunkelheit weitergehen. Die Hauptstraße dürfte restlos blockiert sein!«
Josuah Parker hatte nicht übertrieben, wie sich schnell herausteilte. Auf der Straße, die noch einzusehen war, hielten nacheinander zwei Limousinen, die insgesamt sechs handfest aussehende Männer ausspuckten …
Die sechs Männer untersuchten den Unfallort, beseitigten die Pappnägel und suchten nach Spuren, die sie natürlich schnell fanden. Sie beratschlagten kurz miteinander. Während die beiden Limousinen wieder davonfuhren, schwärmten die sechs Männer aus und machten sich an die Verfolgung.
»Die Kerle haben Gewehre bei sich!« sagte Mike Rander bestürzt, »sieht nach einer Treibjagd aus!«
»Ich fürchte, Sir, der Vorsprung ist nicht besonders groß. Man sollte die Jäger ein wenig verwirren.«
»In Ordnung, lassen Sie sich was einfallen! Aber sind Sie auch sicher, daß man uns meint?«
Mike Rander wollte es einfach nicht glauben, daß man sie hetzte. Als Anwalt hatte er nun einmal besonders fest umrissene Vorstellungen vom Gesetz.
Parker teilte diese Auffassung zwar auch, doch die Erfahrung hatte ihn gelehrt, daß es Männer gab, die sich ein Vergnügen daraus machten, diese Gesetze zu brechen. Entsprechend waren daher auch seine Maßnahmen, die er umgehend ergriff.
Er ließ sich erstaunlich viel Zeit.
Er stellte seinen Universalkoffer auf dem Boden ab und öffnete ihn. Dann wählte er mit Bedacht einige handliche Gegenstände aus, schloß den Koffer und nickte seinem jungen Herrn zu.
»Vielleicht gehen Sie schon ein wenig voraus, Sir«, bat er dann. »Es dürfte angebracht sein, den Fluchtweg zu sondieren.«
Mike Rander kannte seinen Butler. Er wußte aus Erfahrung, daß es in diesen Situationen einfach sinnlos war, mit dem Butler zu diskutieren. Rander nahm seinen eigenen, kleinen Koffer hoch, der ihm von Mister Brown überreicht worden war, und verschwand in der Dunkelheit.
Parker war derweil bei der Arbeit.
Er befestigte die kleinen faustgroßen Metallkapseln an diversen Orangenbäumchen, spannte schwarze Nylonschnur scheinbar sinnlos von Baum zu Baum, um dann wie ein Schemen ebenfalls in der Dunkelheit zu verschwinden.
Er mußte sich beeilen, wenn er nicht entdeckt werden wollte, denn die Verfolger waren bereits dicht aufgerückt. Sie bildeten eine Treiberkette. Der Abstand zwischen den sechs Männern betrug jeweils vier Meter. Sie. hielten Sicht- und Rufkontakt zueinander.
Als Parker seinen wartenden, jungen Herrn erreicht hatte, ging die erste Sprengladung hoch. Sie war durch das Berühren und Zerreißen eines schwarzen Nylonfadens ausgelöst worden.
»Ein erfreulicher Anblick«, stellte der Butler zufrieden fest, »auch rein akustisch gesehen, muß ich meiner Zufriedenheit Ausdruck verleihen!«
Nun, so unrecht hatte er nicht.
Die erste Explosion ging in eine Reihe von kleinen Detonationen über, die die Trommelfelle fast beleidigten. Die Selbstschüsse, die der Butler montiert hatte, verursachten einen Höllenlärm, schmeichelte aber gleichzeitig den Augen.
Was nicht weiter erstaunlich war, denn die Selbstschüsse waren im Grunde Feuerwerkskörper, die in allen Farben des Regenbogens abbrannten. Unkontrolliert hüpften, sprangen und tanzten die Feuerwerkskörper wie wild durcheinander. Sie legten damit eine Art Sperrfeuer vor die Verfolger, die sich völlig verwirrt zurückgezogen und zum größten Teil in den weichen Boden warfen.
Nervös und aufgeregt, feuerten die in Deckung gegangenen Verfolger aus allen Rohren zurück, damit den Höllenlärm nur noch verstärkend. Sie trauten sich nicht mehr aus ihren Deckungen heraus und mußten den Eindruck haben, auf eine starke Streitmacht gestoßen zu sein.
Parker war natürlich noch nicht restlos zufrieden. Zur abschließenden Krönung dieses Feuerzaubers entsicherte er eine Art Handgranate, zählte korrekt drei Sekunden ab und beförderte dieses Wurfgeschoß mit viel Schwung hinüber zu den Verfolgern.
Die Eierhandgranate platzte mit dumpfem Knall auseinander. Sie enthielt keinen Sprengstoff, dafür aber ein stark und schnell wirkendes Riechsalz, das die Schleimhäute ungemein reizte.
Das Riechgas kroch in die Nasen und Augen der Verfolger, die daraufhin unisono in Tränen ausbrachen und von Nieskrämpfen durchgeschüttelt wurden. Keiner der sechs Männer dachte daraufhin noch an eine Verfolgung. Sie hatten im wahrsten Sinne des Wortes die Nasen voll.
»Wenn ich vorschlagen darf, sollten Sie und meine bescheidene Wenigkeit nun Orange-City aufsuchen«, meinte der Butler nach diesem kleinen Intermezzo. »Ich bin mir schon jetzt vollkommen sicher, daß es sich um eine muntere und erregende Stadt handeln muß. Mit anderen Worten, Sir, man dürfte dort voll auf seine Kosten kommen.«
*
Höflich, wie es seiner Art entsprach, klopfte der Butler an der Außentür zum Farmhaus an, um Sekunden später erstaunt und mißbilligend die linke Augenbraue hochzuziehen.
»Finden Sie es nachahmenswert, Madam, nächtliche Gäste mit dem Schrotgewehr in der Hand zu begrüßen?« erwiderte er sich.
»Kommt auf die Gäste an«, erwiderte die junge, aschblonde Frau mit dem aparten Gesicht. Sie mochte höchstens fünfundzwanzig Jahre alt sein, war mittelgroß und war gertenschlank. Sie trug Jeans, eine einfache, karierte Bluse, die am Hals weit geöffnet war, und Tennisschuhe.
»Mein Name ist Parker, Josuah Parker«, stellte der Butler sich vor und lüftete höflich seine Melone, ohne sich weiter um den Doppellauf der Schrotflinte zu kümmern, deren Mündungen drohend auf ihn gerichtet waren, »ich habe die Ehre und den Vorzug, der Butler Mister Randers zu sein, der Ihnen seine Aufwartung zu machen wünscht.«
Sie schluckte, schnappte nach Luft und sah den Butler noch mißtrauischer an. Solche Töne war sie verständlicherweise nicht gewohnt. Sie wußte nicht, was sie von diesem schwarzgekleideten Mann zu halten hatte.
»Keinen Schritt weiter«, sagte sie dann und kniff die Augen mißtrauisch zusammen, »mit faulen Tricks brauchen Sie mir erst gar nicht zu kommen.«
»Hört sich so an, als hätten Sie Angst«, schaltete Mike Rander sich ein. Er trat in den Lichtkreis der Tür und nickte der jungen Frau lächelnd zu, »sehen wir wie Strauchdiebe aus? Mein Name ist Mike Rander. Ich bin Anwalt in Chikago!«
»Dann weiß ich bereits alles!« fauchte die junge Frau wie eine gereizte Wildkatze zurück, »sagen Sie Witness, daß ich niemals verkaufen werde! Niemals! Und jetzt können Sie verschwinden!«
»Mister Witness?« fragte der Butler zurück. Er war hellhörig geworden. Der Name Witness sagte ihm einiges.
»Tun Sie doch nicht so, als wüßten Sie von nichts«, fauchte die junge Frau weiter.
»Mister Witness ist uns völlig unbekannt«, schaltete Mike Rander sich wieder ein, »wir sind weder von ihm geschickt noch beauftragt worden, irgend etwas aufzukaufen. Wir befinden uns eigentlich auf der Flucht vor einigen Rauhbeinen, die uns unbedingt erschießen wollten.«
»Was ist das?« Die junge Frau ließ die Flinte wenigstens um zweieinhalb Zentimeter sinken. »Hatten Sie mit der Schießerei zu tun? Ist das wirklich wahr?«
»Madam, Sie können uns selbstverständlich vertrauen«, meinte der Butler, »aber da Sie Angst zu haben scheinen, ziehen Mister Rander und meine bescheidene Wenigkeit es vor, dieses ungastliche Grundstück zu verlassen.«
Er lüftete wieder seine schwarze Melone, deutete eine höfliche, aber ungemein knappe Verbeugung an und wandte sich ab. Mike Rander nickte der jungen Frau ebenfalls zu, dann folgte er seinem Butler.
»Moment mal!« rief die junge Frau ihnen nach, »vielleicht liege ich wirklich falsch. Kommen … kommen Sie zurück! In dieser Gegend hier finden Sie als Fremde nicht durch.«
Wenige Minuten später befanden Mike Rander und Josuah Parker sich in einer altmodischen, aber ungemein gemütlichen Farmküche. Miss Linda Warren, wie die junge Frau hieß, schloß sorgfältig die Tür ab und stellte dann den schon etwas angejahrten Schießprügel in die Ecke.
»Entschuldigen Sie mein Mißtrauen«, meinte sie dann und strich sich eine Haarsträhne aus der Stirn, »aber dieser Witness ist wie eine Klapperschlange. Man kann nicht vorsichtig genug sein.«
»Er scheint Ihnen einigen Ärger bereitet zu haben«, tippte der Butler an.
»Ärger? Er hat meinen Vater umgebracht. Ich weiß es genau, aber ich kann es nicht beweisen. Er hat Daddy umgebracht, weil er auch unsere Plantage an sich reißen möchte. Er kennt keine Hemmungen. Ihm ist jedes Mittel recht. Und seine Mitarbeiter sind die übelsten Schläger, die ich je gesehen habe. Sie setzen den ganzen Landstrich unter Druck … Puh … jetzt ist mir wohler. Ich mußte das sagen, sonst wäre ich erstickt.«
»Vielleicht dürfen Mister Rander und meine bescheidene Wenigkeit Ihnen unsere Hilfe anbieten?« sagte Parker. Er stand stocksteif hinter dem Küchenstuhl, auf dem Mike Rander saß.
»Gegen Witness ist kein Kraut gewachsen«, war ihre knappe Antwort. Mike Rander ließ ihre erfreuliche Erscheinung nicht aus den Augen. Obwohl durchaus jungenhaft gekleidet, wirkte sie keineswegs wie ein großer Junge. Alles an ihr betonte ihre ursprüngliche Weiblichkeit.
»Und was ist mit den Gesetzesvertretern?« fragte Rander, sich von ihrem erfreulichen Anblick losreißend.
»Was sollen sie schon machen?« fragte Linda Warren irgendwie wütend zurück. »Wir haben es hier im County nur mit einem Sheriff zu tun. Die Stadtpolizei von De Land und den Küstenstädten kümmert sich nicht um uns, die haben ihre eigenen Bezirke.«
»Ist dieser Sheriff nicht besonders gut?«
»Ich will lieber nichts sagen«, gab Linda Warren zurück und bändigte eine weitere Haarsträhne, die ihr in die Stirn zu fallen drohte. »Sheriff Paulding geht jedem Ärger aus dem Weg. Er steht dicht vor seiner Abwahl. Er will sich kurz vor Toresschluß keine Feinde mehr machen.«
»Bleiben wir also bei diesem Mister Witness«, schlug Mike Rander vor. »Was ist das für ein Mann?«
Er bot ihr eine Zigarette an, doch sie schüttelte den Kopf.
»Witness …«, wiederholte sie den Namen, »er ist der größte Obstzüchter weit und breit. Er hat dazu noch ein Maklerbüro und kauft und verkauft die Ernten. Er hat so was wie ein Monopol, und das weiß er auch! Aber er bekommt den Hals nicht voll. Er will immer mehr!«
»Demnach setzt er die kleineren Obstzüchter also unter Druck?«
»Kleinigkeit für ihn«, erboste sich die reizende Linda Warren, »wer nicht pariert und nach seiner Pfeife tanzt, dem kommen seine Schläger auf den Hals. Dann passieren geheimnisvolle Unfälle. Dann brennen Lagerschuppen ab. Dann ertrinken erstklassige Schwimmer auf rätselhafte Art und Weise. Zu beweisen ist Witness aber nie etwas. Dazu ist er zu gerissen.«
»Darf ich fragen, Miss Warren, ob Ihnen der Name Herbert Hallow etwas sagt?«
»Noch nie gehört«, sagte sie sofort und schüttelte den Kopf, »soll der hier im County wohnen?«
»Es war nur eine Frage, sie ist nicht besonders wichtig«, erwiderte der Butler, »wo findet man Mister Witness’ Farm?«
»Gar nicht weit von hier, südlich von Orange-City. Können etwa zwölf Meilen sein.«
»Seine Farm zeichnet sich gewiß durch Größe und Modernität aus, nicht wahr?«
»Darauf können Sie sich verlassen«, gab sie zurück, »er hat ja auch Geld genug, um dauernd zu bauen und zu vergrößern.«
»Demnach führt er gewiß das, was man ein großes Haus nennt, nicht wahr?«
»Nee, eben nicht«, lautete ihre Antwort, »er spielt den Einsiedler. An seine Farm kommt man als Fremder überhaupt nicht ’ran! Aber es heißt, daß er oft Gäste haben soll. Was sich da wirklich abspielt, weiß kaum einer. Dazu läßt er die Farm zu sehr abschirmen.«
»Wie lange lebt Mister Witness schon hier in der Gegend?« schaltete sich Mike Rander ein.
»Schon seit fast zwanzig Jahren«, entgegnete sie, »er stammt aus Orange-City. Früher, ja, da war er ein kleiner Farmer, aber dann kam er zu Geld und trumpfte auf! Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin nicht neidisch, ich muß sogar zugeben, daß er ein erstklassiger Farmer ist, der sein Fach versteht. Aber seit rund sechs Jahren spielt er verrückt.«
Sie wollte noch mehr sagen, sie war direkt versessen darauf, endlich einmal auspacken zu können, doch das Motorengeräusch vor dem Farmhaus lenkte sie nicht nur ab, sondern erschreckte sie sogar.
»Erwarten Sie Besuch, Madam?« erkundigte sich Mike Rander, trat vorsichtig an ein Fenster und schaute nach draußen.
»Um diese Zeit? Ich erwarte keinen Menschen. Aber sagen Sie, könnten das nicht die Männer sein, die hinter Ihnen her sind …?«
»Es sind jene bewußten Männer«, stellte Parker vom Fenster her fest, »ihre Bewaffnung mit Schrotgewehren weist eindeutig darauf hin, würde ich sagen!«
*
»Was wollen Sie hier um diese Zeit?« fragte Miss Warren mit scharfer Stimme, nachdem sie die Tür geöffnet hatte. »Scheren Sie sich von meinem Grund und Boden, Witness!«
»Immer schön mit der Ruhe«, erwiderte eine noch nicht einmal unsympathisch klingende Baritonstimme. »Haben Sie zufällig zwei Männer gesehen?«
»Was soll mit diesen beiden Männern sein?« fragte Linda Warren von der Porch zurück. Sie hatte die geöffnete Küchentür hinter sich gelassen und stand an der Brüstung der breiten Veranda.
