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Butler Parker ist ein Detektiv mit Witz, Charme und Stil. Er wird von Verbrechern gerne unterschätzt und das hat meist unangenehme Folgen. Der Regenschirm ist sein Markenzeichen, mit dem auch seine Gegner öfters mal Bekanntschaft machen. Diese Krimis haben eine besondere Art ihre Leser zu unterhalten. Butler Parker ist seinen Gegnern, den übelsten Ganoven, auch geistig meilenweit überlegen. In seiner auffallend unscheinbaren Tarnung löst er jeden Fall. Bravourös, brillant, effektiv – spannendere und zugleich humorvollere Krimis gibt es nicht! E-Book 1: Schöne Nymphen E-Book 2: Die Seejungfrauen E-Book 3: Parker in der Klemme E-Book 4: Vollgas E-Book 5: Am Rande zum Jenseits E-Book 1: Jagd auf Salamander E-Book 2: Die großen Drei E-Book 3: Die schöne Helena E-Book 4: Das Spiel mit dem kleinen Hasen E-Book 5: Blonde Puppen
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Seitenzahl: 649
Veröffentlichungsjahr: 2019
Jagd auf Salamander
Die großen Drei
Die schöne Helena
Das Spiel mit dem kleinen Hasen
Blonde Puppen
Die Cessna kam aus nördlicher Richtung und sah vollkommen harmlos aus.
Im Licht der untergehenden Sonne flammte der rotgestrichene Rumpf auf. Das sonore Brummen des Motors erinnerte an einen zufriedenen Käfer. Die Cessna kurvte langsam ein und hielt dann genau auf die riesigen Tanks zu, die zum Schutz gegen Sonnenbestrahlung silbern gestrichen waren.
Diese Tankbatterien gehörten zu einem Hydrierwerk und wurden von dicken Pipelines gespeist, die irgendwo aus dem Land kamen und hier endeten.
Joe Dickens, ein Vormann der Raffinerie, schob sich den Plastik-Schutzhelm ins Genick und beobachtete die Maschine. Nur noch wenige Minuten bis Schichtende. Er freute sich auf die erste Zigarette seit Stunden und wischte sich die Hände an einem dicken Putzlappen ab.
Dickens beobachtete die Maschine, die nun zur Seite schwenkte und sich entfernte. Das Geräusch des Motors wurde noch dunkler und satter. Dickens wandte sich ab und stiefelte hinüber zur breiten, betonierten Verbindungsstraße, die sich an den Tankbatterien vorbeischlängelte.
Dann blieb er plötzlich stehen.
Er hatte die Maschine zwar aus den Augen verloren, doch er hörte dafür um so lauter das Geräusch des Motors. Er blickte suchend um sich, konnte die Maschine nicht ausmachen und wollte schon weitergehen. Doch in diesem Augenblick tauchte sie auf.
Sie war bereits sehr tief. Sie wurde aber noch weiter angedrückt und stieß auf einen der großen Tanks herunter.
Joe Dickens hielt unwillkürlich den Atem an.
Ist der Kerl verrückt geworden, fragte er sich. Er hielt die flache Hand vor die Augen, um besser sehen zu können.
Die Maschine befand sich bereits über dem Tank.
Genau in diesem Moment löste sich vom Rumpf der Cessna ein zylinderähnlicher Gegenstand von der Größe eines Wassereimers. Dieser Zylinder stabilisierte sich während seines Alleinfluges und fiel genau auf die Mitte des gewölbten Tankkessels.
Dickens hörte ein blechernes Dröhnen, dann ein reißendes Knirschen. Er wußte sofort, daß dieser eigenartig geformte Zylinder den Tank durchschlagen hatte. Unwillkürlich zog er den Kopf ein und wartete auf eine Explosion. Hatte der Pilot eine Bombe abgeworfen?
Der Motor der Cessna heulte auf.
Dickens sah hoch.
Am Rumpf der Maschine war groß und deutlich der Umriß eines Salamanders zu erkennen. Ein Irrtum war ausgeschlossen. Es handelte sich um einen riesigen, schwarzen Salamander, der gelbgesprenkelt war.
Dann strich die Maschine im Tiefflug zwischen zwei anderen Tanks vorbei und verschwand aus seinem Blickfeld. Dickens erhob sich zögernd. Die erwartete Explosion blieb aus. Dennoch fühlte er sich unsicher, hatte das Gefühl, gleich eine Katastrophe miterleben zu müssen. Er nahm die Beine in die Hand und rannte hinüber zum Verbindungsweg. Er wollte die Werksfeuerwehr so schnell wie möglich alarmieren.
Dickens hatte die Straße noch nicht ganz erreicht, als hinter ihm eine wüste Detonation zu hören war. Bevor er überhaupt reagieren konnte, erfaßte ihn eine Luftdruckwelle und schleuderte ihn gegen einen Schutzwall. Er bäumte sich noch einmal auf, wollte wegkriechen, doch Dickens verlor das Bewußtsein und sah nicht mehr, daß der getroffene Tank sich in einen feuerspeienden Vulkan verwandelt hatte …
*
„In der Tat, äußerst beeindruckend“, stellte Butler Parker fest und warf einen etwas gelangweilten Blick auf die ausgebrannten Öltanks der Raffinerie, „Mir scheint, das Feuer dürfte hier einige Tage lang gewütet haben!“
„Drei Tage hatten die Wehren zu tun“, antwortete Cliff Draken, der General-Manager der Raffinerie, „und wir können von Glück sagen, daß wenigstens kein Todesopfer zu beklagen war.“
„Sie sind sicher, daß hier ganz bewußt Feuer gelegt wurde?“ erkundigte sich Mike Rander.
„Vollkommen sicher“, bestätigte Draken von der All-Texas-Oil, „ich habe Ihnen ja schon erzählt, was unser Vormann Joe Dickens beobachtet hat. Es gibt keine Zweifel an seiner Aussage. Dickens ist ein nüchterner, guter Mann, der keine Hirngespinste kennt.“
„Fassen wir also noch einmal zusammen“, sagte Anwalt Rander, „gegen Spätnachmittag vor fünf Tagen erschien eine einmotorige Sportmaschine, kurvte ein wenig herum und warf dann anschließend im Tiefflug so etwas wie eine Bombe oder einen Sprengsatz ab! Kurz danach platzte der erste Öltank auseinander … weitere folgten!“
„Genauso und nicht anders hat es sich verhalten“, erwiderte der General-Manager, „das Flugzeug ist übrigens auch von anderen Angestellten unserer Raffinerie beobachtet und gehört worden. Ich wiederhole noch einmal, ein Irrtum oder eine Täuschung sind ausgeschlossen. Hier ist ganz zielbewußt Sabotage verübt worden.“
„Mittels eines Flugapparates, auf dessen Rumpf ein Salamander aufgemalt war“, schloß Butler Parker.
„Diesen Salamander hat Dickens genau gesehen“, sagte Cliff Draken schnell.
„Und es gab weder eine Vorwarnung, einen Hinweis noch nachträgliche Erklärungen?“ vergewisserte Mike Rander sich.
„Nichts, rein gar nichts“, gab der General-Manager zurück und blieb neben dem Jeep stehen, der sie durch das Gelände getragen hatte. „Wir alle stehen vor einem Rätsel. Die Polizei eingeschlossen. Aus diesem Grund hat die Geschäftsleitung ja beschlossen, Sie und Ihren Butler hinzuzuziehen. Glauben Sie, daß Sie etwas erreichen werden?“
„Darauf kann ich Ihnen jetzt noch nicht antworten“, erklärte Mike Rander, „im übrigen hätten Sie diese Frage an meinen Butler richten müssen. Er ist der Spezialist.“
Cliff Draken wandte sich etwas irritiert dem Butler zu. Während der ganzen Besichtigungsfahrt hatte er immer wieder verstohlen den Butler beobachtet. Er wurde nicht klug aus diesem Mann mit dem glatten, undurchdringlichen Pokergesicht, aus diesem Mann, dessen wahres Alter kaum zu erraten war.
„Ich erlaube mir, mich den Worten meines Herrn anzuschließen“, erklärte Josuah Parker würdevoll, „rein privat bin ich allerdings der bescheidenen Meinung, daß man es entweder mit einem Täter zu tun hat, dessen Geist sich verwirrt hat, oder aber mit einem Täter, der seine wahren. Absichten in aller Kürze kundtun wird.“
„Wie bitte?“ fragte Draken und hüstelte angegriffen. Die barocke Ausdrucksweise des Butlers verwirrte ihn.
„Parker meint, daß der Täter sich früher oder später melden wird“, erläuterte der junge Anwalt und verbiß sich ein leichtes Schmunzeln. „Grundlos wird man die Raffinerie ja nicht angegriffen haben.“
„Darf ich mich in aller gebotenen Bescheidenheit danach erkundigen, Sir, ob Sie vielleicht einen mehr oder weniger bestimmten Verdacht hegen, wer dieser Täter sein könnte?“
Parker hatte sich an den General-Manager gewendet und sah ihn kühl und forschend an.
„Keine Ahnung, wer uns diesen bösen Streich gespielt haben könnte“, antwortete Draken, der diesmal besser verstanden hatte, „glauben Sie, daß die Konkurrenz dahinterstecken könnte?“
„Ausgeschlossen.“ Mike Rander schüttelte den Kopf. „Ich denke, diese Möglichkeit brauchen wir nicht näher zu beleuchten. Der Konkurrenzkampf mag noch so hart sein, Draken, zu solchen Mitteln würde man aber niemals greifen.“
„Hier in Texas herrschen rauhe Methoden“, gab Draken zu überlegen. Er wollte noch weiterreden, doch in diesem Moment erschien ein zweiter Jeep, der heftig und hart bremste.
Ein drahtiger, junger Mann von etwa dreißig Jahren stieg aus. Er schien zu den leitenden Angestellten zu gehören. Er trug den in diesen Kreisen obligaten, dunklen Anzug. Der Schutzhelm aus Plastik, den auch er hier draußen im Gelände trug, verlieh diesem Mann einen fast verwegenen Ausdruck.
„Ein Eilbrief für Sie, Sir“, rief er Draken zu, „wurde eben beim Pförtner in der Hauptverwaltung abgegeben!“
„Hat das nicht Zeit, Elsner?“ fragte Draken unwirsch. Dann stellte er vor: „Das ist Walt Elsner, mein Assistent … Mister Rander … Butler Parker!“
Die Männer nickten sich zu, während Draken den Brief förmlich auffetzte.
Er überlas die wenigen Zeilen und reichte das Schreiben dann kommentarlos an Mike Rander weiter. Der Anwalt las ebenfalls und ließ es in Parkers Hände weitergehen.
„Als der Eilbrief abgegeben wurde, wurde ich angerufen“, erläuterte Walt Elsner, der Assistent von Draken. „Eine sehr undeutliche Stimme forderte mich auf, diesen Brief sofort an Sie weiterzuleiten … Ich wollte eigentlich schon auflegen … Da sprach diese Stimme aber von den ausgebrannten Öltanks.“
„Und übertrieb gewiß nicht“, schaltete Parker sich ein und reichte den Brief an Draken zurück. „Sie haben ja gelesen, was der Verfasser dieses Schreibens mitteilt. Er verlangt nicht weniger als eine Million Dollar und erklärt sich bereit, nach Zahlung an ihn auf weitere Tiefflugangriffe auf die Raffinerie zu verzichten.“
„Dieser Bursche muß wahnsinnig sein“, stöhnte Draken, der sich inzwischen von seiner Überraschung erholt hatte. „Eine Million Dollar! Wie stellt er sich das vor?“
„Nähere Einzelheiten werden Ihnen laut Schreiben noch zugehen“, redete der Butler gemessen und würdevoll weiter. „Die Frage ist nun, ob Sie sich an die Polizei wenden wollen. Für diesen Fall nämlich droht der Attentäter mit weiteren Luftangriffen.“
„Dieser Kerl muß wahnsinnig sein“, wiederholte sich Draken.
„Möglich, daß ein gewisser Wahnsinn im Spiel ist“, schloß der Butler, „aber dann ist zu bemerken, daß dieser Wahnsinnige ein zielstrebiger Geschäftsmann sein muß, der genau weiß, was er will.“
*
„Glauben Sie an einen geistesgestörten Täter?“ erkundigte sich Mike Rander, als er zusammen mit seinem Butler zurück nach Midland fuhr. Sie hatten sich in dieser Stadt von rund sechzigtausend Einwohnern, die fast ausschließlich in der Ölindustrie arbeiteten, in einem kleinen Motel eingemietet.
„Mitnichten, Sir“, gab Parker zurück, der am Steuer seines hochbeinigen Monstrums saß, „der Täter, falls er sich nur um eine Einzelperson handelt, weiß sehr genau, was er will.“
„Eine Million Dollar!“ Rander schüttelte den Kopf. „Der Mann ist nicht gerade bescheiden. Ob er wohl weiß, wie schwer es ist, soviel Geld zu übernehmen, ohne dabei erwischt zu werden?“
„Mit Sicherheit, Sir, hier dürfte es sich meiner bescheidenen Ansicht nach um einen genau durchdachten Plan handeln, in den jede Eventualität einkalkuliert ist.“
„Wo setzen wir den Hebel an?!“
„Ich muß zu meinem unendlichen Bedauern gestehen, daß ich in der Luft hänge, wie der Volksmund es so treffend ausdrücken würde. Man muß wohl vorerst auf weitere Äußerungen oder Handlungen des Täters warten, Sir!“
Während der Butler noch sprach, richtete er sich noch steiler auf, als es ohnehin der Fall war.
„Was ist los?“ Rander wurde unruhig.
„Darf ich mir erlauben, Sir, Sie auf das Geräusch eines Flugzeugmotors aufmerksam zu machen?“
„Stimmt … Eine Maschine. Scheint eine kleine Kiste zu sein!“
„In der Tat, Sir!“
„Na, und?“
„Auch die Raffinerie wurde von einem kleinen Sportflugzeug angegriffen. Darf ich den Vorschlag machen, die Fahrt für wenige Augenblicke zu unterbrechen?“
„Rechnen Sie etwa mit einem Angriff?“
Mike Rander hatte den Satz noch nicht ganz beendet, als das Geräusch des Flugzeugmotors erschreckend laut wurde. Ein schrilles Pfeifen, das auf einen Sturzflug hindeutete, kam hinzu.
Parker reagierte augenblicklich. Er ließ sich nicht das Gesetz des Handelns nehmen. Er steuerte sein hochbeiniges Monstrum, wie sein Privatwagen genannt wurde, geschickt und schnell von der Straße herunter und brachte es unter dem Blätterdach einer riesigen Akazie erst einmal in Deckung.
Nun war das Sportflugzeug zu sehen.
Der Pilot schien durch Parkers Manöver etwas aus der Fassung geraten zu sein. Er riß die wendige, schnelle Maschine hoch und kurvte nach links weg. Das Flugzeug verschwand hinter den Hügeln, die die Straße säumten.
„Das galt uns“, sagte Rander, der den Wagen verließ.
„Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, Sir!“
„Rechnen Sie mit kleinen Überraschungen?“
„In der Tat, Sir. Durch Umstände, die Ihnen und meiner Wenigkeit im Moment noch unbekannt sein dürften, hat sich das Interesse des Attentäters auf uns konzentriert. Er fürchtet wahrscheinlich um seine ungestörte, zukünftige Arbeit!“
„Können wir diesem komischen Piloten keinen Denkzettel verpassen?“
„Ich habe mir erlaubt, Sir, bereits einige Vorbereitungen zu treffen“, antwortete Parker, der den Kofferraum seines Monstrums geöffnet hatte und darin herumkramte. Das heißt, der Ausdruck ,kramen‘ paßte keineswegs. Im hinteren Teil des Kofferraums befanden sich fest eingebaute Schubladen, die Überraschungen aller Art enthielten, über die Parker stets souverän verfügte.
So auch in diesem Fall.
„Die Maschine!“ rief Mike Rander, der sich auf reine Luftbeobachtung konzentriert hatte. Er deutete hinüber zur nahen Hügelkette und kennzeichnete damit das einmotorige Flugzeug, das einen zweiten Anflug unternahm.
„Worauf warten Sie noch?“ rief Mike Rander nervös und sah verwundert zu seinem Butler hinüber, der tatenlos neben dem Kofferraum stand.
„Ich möchte vorschlagen, Sir, die Regeln des Fair play einzuhalten“, erwiderte Parker gemessen, „noch hat der Pilot die Feindseligkeiten nicht eingeleitet.“
„Aber jetzt!“ erwiderte Rander trocken und deutete hinauf zur Maschine, von deren Rumpf sich eine Art Wassereimer löste, der durch die Luft segelte und dann mit einem dumpfen Aufschlag auf dem Boden landete.
Rander und Parker nahmen volle Deckung.
Bruchteile von Sekunden später platzte dieser wassereimerähnliche Gegenstand mit einer harten Detonation auseinander und schleuderte etwa einen halben Kubikmeter Erdboden und Steinbrocken durch die Luft.
Rander, Parker und das hochbeinige Monstrum konnten von Glück sagen, daß dieser Gegenstand so schlecht und wahrscheinlich überhastet plaziert worden war. Er hatte sein Ziel gründlich verfehlt, was aber nicht besagte, daß der Pilot nun aufgab. Er verschwand in einer steilen Kurve jenseits der Hügel.
„Hoffentlich war das in Ihren Augen die erwartete Feindseligkeit“, meinte Rander spöttelnd, als er sich erhob.
„Ich würde dies als eine solche betrachten, Sir!“ Parker fand noch ausreichend Zeit, eine kleine Bürste aus einer Tasche hervorzuzaubern. Damit pflegte er das Jackett seines jungen Herrn, der erst mit einer Spätzündung von einigen Sekunden begriff, was sein Butler da tat.
„An Ihrer Stelle hätte ich jetzt andere Sorgen“, meinte er etwas unwillig und schüttelte seinen Butler ab, „rechnen Sie damit, daß auch die nächste Bombe ihr Ziel verfehlen wird?“
„Mit Sicherheit, Sir!“
„Seit wann betätigen Sie sich als Prophet?“
„Ich werde mir die Freiheit nehmen, mich als Scharfschütze zu betätigen, Sir.“ Parker hob das sehr kurzläufige Gewehr hoch, das er gegen den Kofferraum gelehnt hatte.
„Noch nie gesehen“, stellte Rander erstaunt fest, „seit wann befindet es sich in Ihrem Besitz?“
„Eine Spezialkonstruktion, Sir, die ich mir zugelegt habe“, erläuterte der Butler, „ich hoffe, der Pilot wird meine Bemühungen anerkennen!“
*
Der Pilot ahnte noch nichts von seinem Glück.
Er befand sich im Anflug und visierte die Hügelkette an. Diesmal wollte er es schaffen. Es war seine Absicht, über die Miniberge zu springen, die Maschine scharf anzudrücken und dann die nächste Splitterbombe zu werfen.
Aus Gründen der Tarnung und Sicherheit trug er einen Jet-Helm, wie er von Piloten für Düsenmaschinen benutzt wird. Eine getönte Pilotenbrille vervollständigte die Maskerade. Der Pilot wollte auf keinen Fall selbst durch einen blinden Zufall erkannt werden.
Er war übrigens sehr ärgerlich auf sich.
Er wußte genau, mit wem er es zu tun hatte. Die beiden Männer da unten neben dem hochbeinigen Wagen unterschätzte er auf keinen Fall. Gewisse Dinge über sie hatten sich in einschlägigen Fachkreisen längst herumgesprochen. Es war dem Piloten eine Freude, diese beiden Männer nun ins Jenseits zu schicken. Schaffte er es, konnte er sich persönlich etwas darauf einbilden. Darüber hinaus aber konnte er mit dem Beifall vieler Freunde rechnen.
Er hatte die Hügelkette passiert und orientierte sich blitzschnell.
Da war noch dieses hochbeinige Monstrum! Es stand nach wie vor unter dem breiten Baum. Und da waren auch die beiden Schnüffler wie er sie nannte.
Sie hatten die Deckung des Baumes verlassen und sich neben einigen Felsklötzen auf gebaut. Wahrscheinlich wollten sie dort Schutz suchen, sobald der eigentliche Angriff begann.
Der Pilot, der sein Gesicht sorgfältig getarnt hatte, korrigierte ein wenig die Richtung und drückte noch schärfer an. Er brauchte sich nun nicht mehr um den hinderlichen Baum zu kümmern. Das Gelände war jetzt frei und zugänglich.
Er sah deutlich, daß dieser schwarzgekleidete Parker plötzlich so etwas wie ein Gewehr anhob.
Der Pilot fletschte lächelnd seine Zähne. Ein Gewehr! Lächerlich! Damit war nichts auszurichten. Er visierte jetzt gerade den Butler an und wartete darauf, die Splitterbombe lösen zu können.
Er mußte damit länger warten, als er gedacht hatte!
Plötzlich sah er nämlich nichts mehr.
Seine Maschine befand sich in einem gelb-weißen Nebel, der ihm jede Sicht nahm. Die Frontscheibe der Maschine war wie mit einem dünnen, aber undurchdringlichen Film bedeckt.
In panischer Angst, völlig überrascht und in Sorge, in Bodenberührung zu kommen, riß der Pilot die Maschine hoch und vergaß darüber, die Splitterbombe zu lösen.
Er legte die Maschine in eine enge Kurve und hoffte, dem weißgelben Nebel entkommen zu können.
Der Nebel blieb! Der Nebel war identisch mit dem hauchdünnen Film auf der Frontscheibe des Cockpits.
Dem Attentäter in der Maschine brach kalter Schweiß aus. Er dachte verständlicherweise an die Landung, die ja irgendwann einmal stattfinden mußte. Und er sah keine Möglichkeit, diesen undurchsichtigen Film vorn auf der Scheibe zu beseitigen.
Er sah verzweifelt seitlich zum Cockpit hinaus. Aber auch dort haftete bereits ein Film, der zwar noch vage Umrisse erkennen ließ, dann aber von Sekunde zu Sekunde immer dichter und undurchsichtiger wurde.
Der kalte Schweiß, den der Pilot verspürte, hitzte sich nun auf. Die ersten Schweißperlen der Angst tropften von der Stirn, rannen über seine Nasenspitze und verloren sich im hochgezogenen Schal, der die Mundpartie unkenntlich machte!
*
„Was war denn das?“ fragte Rander verblüfft, als die Maschine sich in steiler Kurve entfernte.
„Das Gegenmittel, wenn ich mich so ausdrücken darf, von dem zu sprechen ich mir vor wenigen Minuten erlaubte.“
„Einfach sagenhaft, was Sie da wieder ausgeheckt haben, Parker. Und wie wirkt das Zeug?“
„Auf Säurebasis, Sir! Die Ladung besteht aus Säureschrot, der Plexiglas aggressiv angreift und blind werden läßt! Da die Cockpits kleiner und größerer Sportmaschinen mit Plexiglas versehen sind, durfte ich der Wirkung gewiß sein!“
„Sollten Sie zum Patent anmelden“, erwiderte Rander lächelnd, aber immer noch beeindruckt, „und was geschieht jetzt mit dem Mann in der Flugzeugkanzel?“
„Er wird in einige Schwierigkeiten geraten, falls ihm nichts einfällt, Sir. In diesem Zusammenhang darf ich vielleicht den Vorschlag machen, sich umgehend mit der Luftüberwachung in Verbindung zu setzen.“
„Und warum?“
„Weil dort in der Regel zentral gemeldet wird, wenn ein Flugzeug irregulär landet oder zu Boden kommt!“
„Rechnen Sie mit einem Absturz?“
„Keineswegs, Sir, das hieße, den Piloten der Sportmaschine erheblich unterschätzen.“
*
Mike Rander wollte zurück in den Wagen steigen. Für ihn war der Zwischenfall bereits vergessen. Seitdem er einen gewissen Josuah Parker in seine Dienste genommen hatte, war sein Leben grundlegend verändert worden. Seit dieser Zeit schlitterte er im wahrsten Sinne des Wortes von einem Abenteuer ins andere. Seit dieser Zeit lebte er kein ruhiges Leben mehr. Seit dieser Zeit hatte er es sich abgewöhnt, sich über aufregende Zwischenfälle Gedanken zu machen.
Parker hatte zwar keineswegs etwas dagegen, daß sein junger Herr in den Wagen stieg und sich bereits sicherheitshalber anschnallte, da er die Fahrkünste seines Butlers nur zu gut kannte, aber Josuah Parker setzte sich nicht ans Steuer.
Er warf einige Papphülsen rechts und links vom Wagen auf den steinigen Boden, um erst dann am Steuer Platz zu nehmen.
„Was war denn das?“ fragte Mike Rander mißtrauisch und zuckte unwillkürlich zusammen, als die Papphülsen mit dumpfem Knall auseinanderbarsten und dunkle Rauchwolken freigaben.
„Ich hoffe die Illusion eines Wagenbrandes erwecken zu können“, erläuterte der Butler ungerührt, „um es mit anderen Worten auszudrücken, ich hoffe sehr, daß der Pilot mit Komplicen zusammenarbeitet, die auf diesen Brand warten.“
„Von einer Verständigung über Funk haben Sie wohl noch nie etwas gehört, wie?“ Randers Stimme klang ironisch.
„Selbst dann, Sir, wenn der Pilot per Funk seinen Mißerfolg durchgegeben hat, werden die Rauchwolken eine gewisse Neugier hervorrufen. Ich baue und vertraue darauf!“
„Hoffentlich haben Sie nicht auf Sand gebaut! Ich muß allerdings zugeben, daß die Rauchwolken verdammt echt wirken! Kaum noch was zu sehen!“
Mike Rander sah durch die Seitenscheiben hinaus auf die wallenden Rauchwolken, die jetzt vom leichten Wind erfaßt wurden und hinüber zur nahen Straße wehten.
Es dauerte nur wenige Minuten, bis ein kleiner Lastwagen mit Kastenaufbau auf der nahen Straße erschien. Er hielt an. Der Fahrer stieg aus, ließ die Wagentür offen und rannte dann auf den scheinbar brennenden und qualmenden Wagen zu.
„Wie wirkt er auf Sie?“ fragte Rander, der jetzt besser sehen konnte, „scheint ein normaler Lastwagenfahrer zu sein!“
„Ich werde, falls Sie einverstanden sind, das Gesicht dieses Fahrers festhalten!“
Parker hob seine kleine Spezialkamera und wartete, bis der Fahrer nahe genug war. Dann schoß er eine Reihe von Fotos.
„Der zweite Fahrer!“ rief Mike Rander und beugte sich interessiert vor.
Josuah Parker hatte auch dieses Fahrzeug samt aussteigendem Fahrer bereits entdeckt. Der große, teure Wagen sah vertrauenerweckend aus. Wie sein Fahrer übrigens, der einen grauen Einreiher trug und wie ein seriöser Kaufmann aussah.
Auch dieser Fahrer rannte auf den qualmenden Wagen des Butlers zu und wurde gleichfalls fotografiert.
„Was ist denn hier los?“ rief der Fahrer des kleinen Lastwagens, der sich durch den Qualm bis an den Wagenschlag herangekämpft hatte. Er sah dabei den heftig atmenden, seriös aussehenden Fahrer der Limousine fragend an. „Es brennt nicht, aber es qualmt!“
„Ein bedauerliches Versehen, das ich zu entschuldigen bitte“, antwortete der Butler höflich und zog seine schwarze Melone, „eine kleine Sportmaschine, die Sie sicherlich bemerkt oder gehört haben, verlor diese rätselhaften Gegenstände!“
„Aber bestimmt nicht nur die!“ Der Fahrer des Kleinlasters hatte inzwischen bemerkt, daß auch eine Splitterbombe explodiert war. Die Anzeichen dafür waren deutlich genug.
„Ich verständige sofort die Polizei“, sagte der seriös aussehende Fahrer, „da scheint einer von der Air Force sein Zielgebiet verpaßt zu haben, Schweinerei, daß so etwas überhaupt passieren kann. Man ist ja seines Lebens nicht mehr sicher!“
„Ich pflichte Ihnen vollkommen bei“, erwiderte Parker, „ein Glück, daß dem Wagen nichts passiert ist!“
„Um den wäre es kaum schade gewesen, der ist sowieso reif für den nächsten Schrottplatz.“ Der Fahrer des Kleinlasters grinste abfällig, „Sie hätten sich ’ne Menge Arbeit erspart!“
Rander sah zur Straße hinüber, auf der ein dritter Wagen auf getaucht war. Der Ford hielt jedoch nur kurz an, um dann mit Vollgas sofort wieder weiterzufahren. Weder Rander noch Parker hatten Sicht und Zeit gehabt, sich das Kennzeichen zu merken.
„Dann werde ich mich mal um die Polizei kümmern“, sagte der Fahrer des teuren Wagens, „haben Sie gesehen, welche Maschine Sie bombardiert hat?“
„Dies war in der Kürze der Zeit leider nicht auszumachen“, gab der Butler zurück, „oder sollten Sie vielleicht etwas gesehen haben, Sir?“
„Nichts … es ging alles furchtbar schnell!“ Rander hütete sich ebenfalls, von der bewußten Sportmaschine zu reden, „ich weiß nur, daß es kein Düsenjäger war!“
Er sah dem Mann im Einreiher nach, der es eilig hatte, zurück zu seinem Wagen zu kommen. Der Fahrer des Kleinlasters zündete sich eine Zigarette an und schien Zeit zu haben.
„Ich weiß nicht, ich weiß nicht, nach einem Zufall sieht das aber nicht aus“, meinte er.
„Haben Sie nähere Einzelheiten mitbekommen?“ erkundigte sich Mike Rander sofort.
„Ich habe die Maschine gesehen, als sie wegkurvte!“
„Vielleicht auch die Registriernummer?“
„Natürlich! Die stammt hier vom Midland-Sportflugplatz. Ich bin von dort. Ich gehöre nämlich zum Modellclub. Wissen Sie, ich kann mach ja täuschen, aber ich bin fast sicher, daß das die Cessna von Gus Rittman gewesen ist.“
„Wer ist Gus Rittman?“ fragte Mike Rander prompt und sah den Fahrer des Kleinlasters interessiert an.
„Na, ja … eben Rittman … Hören Sie, ich glaube, ich habe schon zuviel gesagt. Finden Sie selbst ’raus, wer Rittman ist! Ich habe keine Lust, mir meinen Mund zu verbrennen.“
Der Fahrer des Kleinlasters hatte es plötzlich sehr eilig, nickte Parker und Rander zu und ging dann schnell zurück zu seinem Wagen. Wenig später fuhr er los, als säße ihm der Teufel im Nacken.
„Rittman muß ja eine besondere Type sein“, stellte Mike Rander fest, „ich schätze, Parker, wir werden uns mal informieren. Könnte ja sein, daß wir auf eine brandheiße Spur gestoßen sind.“
*
Josuah Parker hielt vor dem um diese Zeit noch geschlossenen Nachtclub und verließ würdevoll sein hochbeiniges Monstrum. Er legte den bleigefütterten Bambusgriff seines Universal-Regenschirms über den linken Unterarm, straffte sich und hielt auf den Nebeneingang zu, hinter dem die Wohnung eines gewissen Gus Rittman liegen sollte, wie man ihm mitgeteilt hatte.
Parker legte seinen behandschuhten Zeigefinger auf die Klingel und drückte den Knopf kräftig und langanhaltend ein. Es dauerte nur wenige Sekunden, bis die Tür fast wütend aufgerissen wurde. Ein vierschrötig aussehender Mann, der in jungen Jahren in einem Boxring gestanden und verloren haben mußte, stand vor ihm. Er besaß eine, gelinde gesagt, verbogene Nase, die kaum noch markante Konturen aufwies.
„Parker, Josuah Parker“, stellte der Butler sich vor und lüftete höflich seine Melone, „ich hege das dringende Bedürfnis, mit Mister Rittman zu sprechen, der Sie ja wohl keineswegs sein können.“
„Sie wollen den Chef sprechen? Der Vierschrötige holte tief Luft und sah den Butler irritiert an. Dann schien ihm so etwas wie ein Licht aufzugehen. Er grinste. „Sind Sie der neue Mixer, den der Chef anstellen will?“
„In etwa“, antwortete Parker, der sich auf diese Frage sofort einstellte.
„Sie sind ein bißchen früh dran“, der Vierschrötige warf einen Blick auf seine Armbanduhr, „aber kommen Sie schon, Parker. Der Chef wird nicht gerade toben.“
Parker lüftete erneut seine schwarze Melone und schloß sich dem Vierschrötigen an. Die Tür wurde geschlossen. Zwei starke Rundeisen wurden zusätzlich vorgelegt. Mister Rittman schien von Sicherheit sehr viel zu halten.
Es ging über eine steile Treppe hinauf ins Obergeschoß, dann durch einen kleinen, fast quadratischen Korridor und schließlich hinein in eine Art Vorzimmer, in dem eine Sesselgruppe stand.
„Warten Sie einen Moment“, sagte der Vierschrötige und verschwand hinter einer Tür, die dick wattiert war. Parker nutzte die Zeit und zeigte dabei wenig Hemmungen. Er holte aus einer seiner vielen Taschen eine runde Kapsel hervor, die nicht größer war als ein normaler Coke-Verschluß. Diese Kapsel drückte er schnell und routiniert gegen das Unterteil eines Sessels.
Die Tür öffnete sich, der Vierschrötige kehrte zurück.
„Kommen Sie schon“, sagte er, „der Chef hat nur wenig Zeit! Scheint übrigens schlechte Laune zu haben, seien Sie vorsichtig!“
Parker durchschritt die Tür und sah sich dann Gus Rittman gegenüber.
Rittman war etwa fünfzig Jahre alt, klein, untersetzt und sehr korpulent. Er hatte eine sehr ausgeprägte Stirnglatze und einen dicken Specknacken. Er trug einen Morgenmantel mit einem grellbunten Muster und rauchte eine Zigarre.
„Sie sind also der neue Mixer?“ fragte er knapp, „wo haben Sie bisher gearbeitet? Haben Sie Zeugnisse?“
„Ich hatte bisher die Ehre, für den Duke of Douglester, den Earl of Manswood, die Herzogin von …“
„Wollen Sie mich auf den Arm nehmen“, fragte Rittman ungnädig.
„Keineswegs, Sir, ich antworte wahrheitsgemäß! Zur Zeit stehe ich in Diensten von Mister Rander, seines Zeichens Strafverteidiger in Chikago!“
„Wie bitte?“
„Als Butler, wie ich hinzufügen möchte! Meine Kenntnisse im Mixen von Getränken aller Art dürften über dem Durchschnitt liegen, wie ich in aller gebotenen Bescheidenheit hinzufügen möchte.“
„Moment mal … wer hat Sie geschickt?“ Rittman kniff die Augen zusammen und sah den Butler lauernd an.
„Ich kam aus eigenem Antrieb, Sir, um mich mit Ihnen über Ihre Cessna zu unterhalten!“
„Sind Sie verrückt?“ Rittman schob den Kopf vor und verwandelte sich dabei fast in einen angriffslustigen Stier, „Charly … Charly!“
Charly, der Vierschrötige, erschien auf der Bildfläche.
„Wen hast du Trottel da ’reingelassen?“ fauchte Rittman und deutete auf Parker, „’raus mit ihm, und wir sprechen uns später! Na, los, worauf wartest du noch?“
Charly, auf seine Kraft vertrauend, griff nach Parkers Oberarm. Das heißt, er wollte dies tun, doch Parker hatte etwas dagegen. Er schlug nur ganz leicht und andeutungsweise mit dem Bambusgriff seines Universal-Regenschirms auf Charlys Handrücken.
Charly stöhnte betroffen auf und schaute verdutzt auf seine schmerzende Hand.
„Der gute Ton und die herrschende Konvention verlangen selbst in solchen Situationen die unbedingte Einhaltung der Formen“, erläuterte der Butler dazu, um sich dann wieder Rittman zuzuwenden, der ihn wie eine Erscheinung anstarrte.
„Wollen … wollen Sie Ärger machen?“ fragte Rittman nun und sah den Butler wütend an, „Sie scheinen nicht zu wissen, wo Sie sind, mein Junge. Wollen Sie, daß man Sie auseinandernimmt?“
„Wir wollen doch nicht unnötig dramatisieren“, entgegnet der Butler höflich und lächelte andeutungsweise dazu, „darf ich noch einmal präzisieren? Mich interessiert Ihre Cessna.“
„Wer, zum Henker, sind Sie?“ Rittman wollte ablenken, um seinem Gorilla die Chance zu geben, erneut anzugreifen. Charly hatte sich nämlich gefaßt und startete seinen zweiten Angriff.
Er holte zu einem gewaltigen Schlag aus, der einen Ochsen mit Sicherheit in die Knie gezwungen hätte. Doch Charly entwickelte sehr viel Pech an diesem frühen Nachmittag. Er verfehlte sein Ziel und wurde vom Schwung fast ganz um seine Längsachse gerissen. Er verlor das Gleichgewicht und fiel anschließend kraftlos in einen Sessel. Er hatte überhaupt nicht mitbekommen, daß sich der verflixte Bambusgriff des Regenschirms fast liebevoll auf sein schütteres Haar gesenkt hatte.
„Ich beschwöre Sie, es nicht zu tun“, sagte Parker dann zu Gus Rittman, der eine Schublade seines Schreibtisches auf reißen wollte. „Warum wollen Sie Ihre Gesundheit unnötig gefährden!“ Rittman begriff. Er sah ein, daß er es nicht mit einem üblichen Besucher zu tun hatte, der vor ihm kuschte. Instinktiv spürte er die geistige und körperliche Überlegenheit des Butlers.
„Was … was wollen Sie denn nun wirklich?“ wiederholte er seine Grundfrage.
„Ich bedaure unendlich, mich wiederholen zu müssen. Es handelt sich um Ihre Cessna. Sind Sie in der Lage festzustellen, ob diese Maschine sich ordnungsgemäß im Hangar befindet?“
„Na, schön!“ Rittman griff nach dem Telefon und wählte eine Nummer. Nach wenigen Sekunden hatte er seine Verbindung. Er fragte nach seiner Cessna, erhielt die Antwort und sah dann den Butler völlig verblüfft an.
„Sie ist weg“, sagte er, während er auflegte, „sie ist gestohlen worden! Eben haben sie’s draußen auf dem Platz gemerkt!“
„War das alles?“ fragte Parker weiter.
„Sie ist eben zu Bruch gegangen, als sie landete. Dadurch haben sie’s überhaupt gemerkt. Der Pilot ist getürmt. Verstehen Sie das?“
„Sie überschätzen meine Wenigkeit“, antwortete Parker, „eine Frage am Rande, haben Sie einen Privatpiloten?“
„No, die Maschine steuere ich allein! Aber nun sagen Sie endlich, was überhaupt anliegt! Haben Sie eine Ahnung, wer sich die Maschine unter den Nagel gerissen haben könnte?“
„Der Feuersalamander“, sagte Parker knapp, lüftete seine Melone und verließ ohne weiteren Kommentar das Zimmer. Gus Rittman starrte ihm nach. Dann fluchte er, und es klang wie das Zischen einer Giftschlange. Er drückte auf einen Klingelknopf, der auf seinem Arbeitstisch angebracht war und war endlich in der Lage, so etwas wie ein Lächeln zu produzieren. Doch dieses Lächeln war nichts anderes als eine Grimasse der nackten Bosheit!
*
„Keine Ahnung, warum wir angegriffen wurden“, sagte Mike Rander etwa um diese Zeit zu Lieutenant Mallick von der Mordkommission. Mallick war ein großer, schlanker Mann mit eisgrauen Augen. Er grinste skeptisch, als Rander geendet hatte.
„Sie kamen also vom Gelände der All Texas Oil“, faßte er dann zusammen, „und unterwegs erfolgten dann die beiden Tiefangriffe durch die Cessna, oder?“
„Genauso ist es gewesen“, antwortete Rander, „Sie können sich ja draußen am Ort und Stelle davon überzeugen, daß ich nicht gelogen habe. Die Splitterbombe hat schließlich deutliche Spuren hinterlassen.“
„Was hatten Sie bei der All Texas zu tun? Kamen Sie im Zusammenhang mit dem Brand der Tankkessel?“
„Genau … Ich vertrete eine Versicherungsgesellschaft … Die Unterlagen stelle ich Ihnen gern zur Verfügung.“
„Na, so eilig ist das nicht.“ Lieutenant Mallick sah nachdenklich zum Fenster hinaus, „Sie bleiben ja vorerst in Midland, oder?“
„Selbstverständlich.“
„Und bevor Sie losfahren, sollten Sie uns verständigen“, redete Mallick weiter, „wäre ja nicht schön, wenn ich nach Ihnen fahnden lassen müßte.“
„Ich habe verstanden“, Rander grinste. „Sie wollen sich an meinen Butler und an mich halten, wie?“
„Verwundert Sie das? Dieser Luftangriff ist eine erste Spur im Zusammenhang mit der Bombardierung der Tankkessel.“
„Wer ist der Mann, der die Polizei informierte?“
„Meinen Sie den, der die Streife anrief, nachdem Sie angegriffen wurden?“
„Richtig.“
„Glenn Hastert … ein ehemaliger Angestellter der All Texas.“
„Ein wahrscheinlich leitender Angestellter, wie?“
„Kann man wohl sagen. Er war Chef der Werbeabteilung.“
„Schied er auf eigenen Wunsch aus?“
„Bestimmt nicht. Hastert wurde gefeuert. Er war wohl nicht so gut, wie man es sich vorgestellt hatte. Warum fragen Sie nach ihm?“
„Nun, ich möchte mich wegen der Hilfeleistung bei ihm bedanken, sehr einfach!“
„Hören Sie, Rander, Sie verschweigen mir doch nichts?“
„Kaum, Mallick“, Rander lächelte neutral, „und wer ist der Fahrer des Kleinlasters?“
„Ein gewisser Norman Halligon. Wollen Sie sich auch bei ihm bedanken?“
„Erraten, Lieutenant. Man ist ja schließlich ein höflicher Mensch. Wo und für wen arbeitet dieser Halligon?“
„Für eine Getränkefirma. Sie gehört einem gewissen Gus Rittman. Das nur für den Fall, daß Sie weitere Fragen stellen!“ Lieutenant Mallick lächelte ironisch. „Mir scheint, daß Sie mehr als nur eine Versicherung vertreten.“
„Sie sind fast ein Hellseher, Lieutenant.“
„Wenn Sie etwas verschweigen, was die Untersuchung angeht, können Sie verdammt schnell in des Teufels Küche kommen. Ich möchte Sie nur warnen.“
„Akzeptiert. Ich werde mich mit Sicherheit wieder bei Ihnen melden, Lieutenant.“
Rander nickte dem Lieutenant zu und ging hinüber zur Bürotür, um das Gebäude der Polizei zu verlassen.
„Noch etwas … noch eine Warnung“, sagte Lieutenant Mallick fast beiläufig, „Gus Rittman ist gefährlicher als eine schwarze Mamba … Kommen Sie ihm nicht in die Quere! Es könnte dann sein, daß ich nichts mehr für Sie tun kann.“
„Ich werde es meinem Butler ausrichten“, entgegnete der junge Anwalt, „ich hoffe, er zeigt sich wenigstens ein bißchen beeindruckt.“
*
Parker hatte die Tür noch nicht ganz hinter sich geschlossen, als er bereits überrascht wurde.
Zwei Männer, ebenfalls stämmig und bullig aussehend, verlegten ihm den Weg. Sie begingen den Fehler, nicht sofort ihre Waffen zu ziehen. Es hatte sich bis hierher noch nicht herumgesprochen, wer Parker eigentlich war.
„Wir gehen dort ’rüber“, sagte einer der beiden Gorillas und deutete auf einen Lift auf der gegenüberliegenden Seite des quadratischen Korridors.
„Lassen Sie sich bitte nicht aufhalten“, antwortete Parker in seiner unnachahmlichen Art.
„Sie gehen mit, Alterchen“, redete der Gorilla weiter, „oder wollen Sie Schwierigkeiten machen?“
„Sie überschätzen meine bescheidene Person“, replizierte der Butler, „mir scheint, Sie bestehen auf mein Mitkommen!“
„Sie sind ein kluges Kind“, war die ironische Antwort, „nun machen Sie schon!“
Parker verzichtete darauf, irgendwelche Schwierigkeiten heraufzubeschwören. Seine Neugier war geweckt worden. Er wollte herausfinden, was man mit ihm vorhatte, was man von ihm zu erfahren hoffte.
Bewacht von den beiden Gorillas, ging er also hinüber zum Lift, öffnete die Tür und stieg ein. Die beiden Gorillas, nach wie vor mehr als sorglos, zwängten sich in die enge Kabine und fuhren mit dem Butler hinunter.
„Darf man erfahren, was man von meiner Wenigkeit wünscht?“ erkundigte er sich dann.
„Das wird Ihnen der Chef schon rechtzeitig sagen.“
„Mister Rittman, wenn ich nicht irre?“
„Sie werden immer gerissener“, kam die ironische und lakonische Antwort.
Der Lift hielt, Parker mußte aussteigen. Die beiden Gorillas wiesen in einen Kellergang hinein, der nur sehr spärlich erleuchtet war.
„Nur keine Angst, wir beißen nicht“, sagte der Gorilla, der nach wie vor das Wort führte.
„Ich denke, es hat wohl keinen Sinn, mich Ihren Anordnungen widersetzen zu wollen“, entgegnete der Butler.
„Wie schnell Sie alles merken“, gab der Gorilla zurück, „so, wir sind da! Ziehen Sie die Tür auf!“
Parker tat, wie ihm geheißen.
Er sah in einen kleinen, niedrigen Kellerraum hinein, der seinen Vorstellungen von einer bequemen Unterkunft keineswegs entsprach.
„Gehen Sie schon ’rein, auf was warten Sie noch?“
„Sie haben eine wichtige Tatsache übersehen“, schickte der Butler gemessen voraus.
„Und die wäre?“
„Ich habe das untrügliche Gefühl, daß dieser Kellerraum keineswegs geeignet ist, Gäste des Hauses zu beherbergen. Zudem haben Sie noch eine zweite Tatsache übersehen.“
„Sie machen mir langsam Spaß.“ Der wortführende Gorilla grinste amüsiert.
„Sie sollten sich einmal intensiv um das kümmern, was sich über Ihren Köpfen zusammenbraut.“
Parkers behandschuhter Zeigefinger wies hinauf zur Kellerdecke. Und zwar derart zwingend, daß die beiden Gorillas fast automatisch ihre Köpfe anhoben.
Was sie besser nicht getan hätten, wie sich sehr bald herausstellen sollte.
Parker hatte durch einen leichten Knopfdruck den Stockdegen seines Regenschirmes freigelegt. Dies ging so schnell und geräuschlos vor sich, daß die beiden Gangster überhaupt nichts merkten.
Anschließend ging der Butler in die Auslage.
Der sich bisher schweigsam verhaltende Gorilla zuckte zusammen, als die nadelspitze Degenklinge seine Wade traf. Er wandte sich blitzschnell um und starrte leicht fassungslos auf den wippenden Degen.
Der Wortführer hatte mittlerweile herausgefunden, daß etwas nicht stimmte.
Er handelte wie ein Automat und griff blitzschnell nach seiner Schulterhalfter.
Doch die Automatik blieb darin stecken. Die wippende Degenspitze ritzte den Oberarm des Mannes. Und auch dieser Gangster, sonst nur erfahren im Umgang mit Handfeuerwaffen aller Art, starrte angewidert auf diese altmodische Waffe, die er nur aus historischen Filmen kannte.
„Was … was soll das?“ fragte er dann mit heiserer Stimme, „tun Sie das verdammte Ding weg!“
„Das hieße leichtsinnig sein“, gab der Butler zurück, „darf ich Sie höflichst bitten, statt meiner in den Kellerraum hineinzugehen? Sie kennen sich in ihm wahrscheinlich besser aus als ich.“
Die beiden Gangster hätten sich nur zu gern auf den Butler geworfen und ihn zusammengeschlagen. Doch sie trauten sich nicht. Sie wußten mit dieser wippenden und herumirrenden Degenspitze nichts anzufangen. Sie hatten Angst, getroffen zu werden.
„Ich denke, Sie sollten jetzt wirklich gehen. Vorher könnten Sie mir aber noch einen Dienst erweisen. Ich bin Sammler, was Handfeuerwaffen angeht. Darf ich also einen schnellen Blick auf Ihre Ausrüstung werfen?“
Er durfte.
Die beiden Gorillas holten mit sehr vorsichtigen und spitzen Fingern ihre Waffen aus den Halftern und ließen sie zu Boden poltern. Anschließend marschierten sie in den Kellerraum. Dabei war direkt auffällig, wie müde und schwer sie ihre Beine benutzten. Sie schienen innerhalb weniger Minuten von einer bleiernen Müdigkeit erfaßt worden zu sein.
Parker machte sich erst gar nicht mehr die Mühe, die Kellertür hinter den beiden Gangstern zu schließen. Sie taumelten schon und hielten mit letzter Kraft auf ein paar Strohsäcke zu, die auf dem Betonboden lagen.
Nach korkenzieherähnlichen Bewegungen gingen sie in die Knie und legten sich zu einem kleinen Schläfchen nieder. Sekunden später war bereits ihr Schnarchen zu hören.
Parker nickte zufrieden. Es war ihm wieder einmal gelungen, auf unblutige Art Gegner auszuschalten. Er schloß die Tür und begab sich zurück zum Lift. Er hatte die feste Absicht, sich noch einmal mit Gus Rittman zu unterhalten.
*
Mike Rander stieg aus dem Mietwagen und ging den Rest zu Fuß. Er hatte vorn an der Haustür bereits vergeblich geläutet und wollte sich nun auf der Rückseite des Hauses näher umsehen. Es ging ihm darum, Kontakt mit Glenn Hastert aufzunehmen, jenem Mann also, der einstmals der Chef der Werbung für die All Texas Oil gewesen war.
Rander blieb unwillkürlich stehen, als er Stimmen hörte.
Er schob seinen Kopf vorsichtig um die Hausecke herum und sah vor sich einen Swimming-pool, an dessen Längsseite sich zwei Männer unterhielten.
Einer von ihnen war Glenn Hastert, der Fahrer des teuren Wagens, der die Polizei nach dem Tiefflug des Cessna alarmiert hatte. Er trug eine Leinenhose und ein ärmelloses Hemd.
Sein Gegenüber war ein massiver Mann von etwa fünf und vierzig Jahren, der irgendwie schmuddelig wirkte, obwohl er einen gutgeschnittenen Anzug trug. Dieser Mann führte das große Wort.
„… interessiert mich einen Dreck“, sagte er gerade zu Hastert, der einen ziemlich geknickten Eindruck machte, „ich will endlich mein Geld sehen, sonst lasse ich Sie auf fliegen, kapiert?“
„Sie bekommen doch Ihr Geld, Pollert“, antwortete Hastert nervös, „aber Sie müssen sich noch ein paar Tage gedulden.“
„Um mir dann wieder Ihre dummen Ausreden anzuhören? No, Hastert, nicht mit mir! Ich will endlich mein Geld sehen, sonst lasse ich Sie hochgehen. Hoffentlich haben Sie mich jetzt richtig verstanden. 45 000 Dollar, Von den Zinsen nicht zu reden. Ich möchte bloß wissen, wie Sie das schaffen wollen!“
„Ich bekomme in den nächsten Tagen Geld, Pollert“, beschwor Hastert seinen Besucher, „Ehrenwort! Warten Sie noch!“
„Na, gut.“ Pollert hob die Schultern, „auf die paar Tage soll’s mir nicht ankommen, Hastert. Aber dann bitte ich zur Kasse. Und wenn Sie mir dann wieder mit Ausreden kommen wollen, sind Sie reif. Dann lasse ich Sie pfänden! Bis auf den letzten Cent … und dann hänge ich Ihnen noch ganz andere Sachen an. Das ist mein letztes Wort!“
Er wandte sich abrupt um und verließ den Swimming-pool. Hastert schaute ihm nach. Seine Hände ballten sich zu Fäusten. Man sah es ihm deutlich an, daß er sich am liebsten auf Pollert gestürzt hätte.
Rander versteckte sich hinter einem Strauch, als Pollert in seiner Nähe erschien.
Der Mann, der offensichtlich Geldverleiher war, hatte sich eine Zigarre angeraucht und stürmte wütend an Rander vorbei. Er kümmerte sich überhaupt nicht um den Wagen, der jetzt vorn an der Straße vor dem Bungalow parkte.
Rander wartete, bis Mister Pollert, wie er von Hastert genannt worden war, in seinen Chevrolet, kletterte und losfuhr. Erst dann widmete er sich wieder dem ehemaligen Werbechef.
Hastert stand vor einem kleinen Tisch, auf dem sich Flaschen und Gläser befanden. Er füllte sich ein Glas und trank es gierig leer. Er zuckte wie ein ertappter Dieb zusammen, als er seinen Vornamen Glenn hörte.
Die Besitzerin dieser rauchigen, dunklen Stimme kam ins Bild. Sie entpuppte sich als eine langbeinige, schlanke Blondine mit ungemein schmaler Taille. Sie trug einen Frotteemantel, der gerade ihre Oberschenkel erreichte.
Mit schaukelnden Hüften hielt sie auf Hastert zu.
„Was war?“ fragte sie dann, „hast du was losgeeist, Glenn?“
„Von Pollert?“ Hastert lachte fast wütend auf, „im Gegenteil. Hazel, er will mir den Strom abdrehen!“
„Und das läßt du dir bieten?“ Sie sah ihn verächtlich an. „Jeder kann wohl mit dir Schlitten fahren, wie?“
„Unsinn … aber du weißt genau, daß ich noch warten muß!“
„Auf dein Vermögen?“ Sie lachte ironisch. „Hauptsache, du allein glaubst daran!“
„Du glaubst mir natürlich auch nicht. Aber ihr alle werdet euch bald wundern. Dann bin ich wieder oben, ganz oben!“
„Du hättest deine Phantasie in die Werbung stecken sollen, dann hätte man dich wenigstens nicht gefeuert“, sagte sie bitter, „wie soll’s denn nun weitergehen? Wir haben kaum noch einen Dollar im Haus. Soll ich etwa eine Stellung annehmen?“
„Du und eine Stellung!“ Hasterts Stimme klang verächtlich.
„Das traust du mir nicht zu? Ich könnte jeden Tag bei Rittman anfangen. Er hat es mir mehr als einmal angeboten.“
„Rittman? Das ist mir ja völlig neu.“
„Jetzt nicht mehr, oder?“
„Rittman? Wage es nicht, bei ihm um eine Stelle zu bitten, Hazel! Dann würdest du mich noch kennenlernen. Du weißt genau, daß ich diesen Gangster nicht ausstehen kann.“
„Sein Geld hast du aber nie verschmäht, oder?“
„Geld stinkt eben nicht! Aber was regen wir uns auf, Hazel-Darling. In ein paar Tagen bin ich aus der Klemme. Solange wirst du ja noch warten können.“
„Und wer wird dir aus der Klemme helfen? Der große Unbekannte? Mach’ dir doch nichts vor, Glenn! Du bist fertig! Du willst es nur nicht einsehen!“
„In ein paar Tagen schwimme ich wieder ganz oben“, blieb Hastert hartnäckig, „laß dich überraschen, Darling! Du wirst noch Augen machen.“
„Gott erhalte dir deinen Optimismus“, sagte sie ironisch, „aber glaub nur nicht, daß ich jetzt das Mauerblümchen spielen werde. So hatten wir damals nicht gewettet, mein Junge. Wenn du nicht in der Lage bist, Geld aufzutreiben, dann muß eben ich die Dinge in die Hand nehmen!“
„Wie meinst du das?“
„Rittman, damit du es ganz genau weißt!“
„Ausgeschlossen … niemals!“
„Das bestimmst doch nicht du!“
„Und ob ich das bestimmen werde! Weißt du denn nicht, was mit ihm los ist?“
„Was da in der Stadt getuschelt wird, interessiert mich nicht“, gab Hazel hart zurück, „Hauptsache, er hat Geld! Und das allein interessiert, oder?“
„Warte noch ein paar Tage, dann bin ich über dem Berg“, erwiderte Hastert in einer seltsamen Tonmischung aus Beschwörung, Drohung und Optimismus. „Glaub mir doch, Hazel, ich habe da eine Quelle angebohrt, die Geld bringt! Geld in jeder Menge!“
Hazel, die langbeinige Blondine, verzichtete auf eine Antwort. Sie hatte solche Prophezeiungen wohl schon zu oft gehört. Sie wandte ihm den Rücken zu und ging mit schaukelnden Hüften zurück zur Terrasse des Bungalows.
Hastert füllte sich sein Glas, schwenkte es einen Moment in der Hand und goß den Inhalt dann fast wütend in sich hinein.
Rander fragte sich unwillkürlich, ob Hastert der Mann war, eine Million zu erpressen.
*
Rittman hatte keine Ahnung, daß Josuah Parker sich im Vorraum aufhielt. Entsprechend sorglos telefonierte er auch. Da die wattierte Tür zu seinen Gemächern nicht geschlossen war, bekam der Butler ungewollt jedes Wort mit.
„Ja, er nennt sich Josuah Parker und will Butler sein“, sagte Rittman gerade und wirkte dabei ein wendig atemlos, „dürfte hier in der Stadt fremd sein. Könnt ihr feststellen, wer das … Wie, bitte? Das darf doch nicht wahr sein. Donnerwetter, das ändert die Situation. Er ist also gefährlich? Na, jetzt nicht mehr, ich habe ihn nämlich aus dem Verkehr gezogen … Ja, wirklich. Er sitzt in einem meiner Keller … Natürlich passen wir auf … Gut, ihr könnt ihn gern haben, aber es macht mir nichts aus, das für euch zu erledigen, ich habe schließlich auch gute Jungens.“
Die Gegenseite war an der Reihe.
Rittman schwieg für fast eine Minute. Dann meldete er sich erneut zu Wort. Parker genoß die Situation. Er hatte es sich bequem gemacht und verfolgte das Gespräch. Gewiß, es verstieß gegen die guten Manieren, ein Gespräch zu belauschen, aber er setzte sich in diesem speziellen Fall darüber hinweg. Jede Regel hatte ihre bestimmten Ausnahmen.
„Er hat sich nach meiner Maschine erkundigt … Warum? Weiß ich nicht, aber das bekomme ich heraus. Du meinst, er könnte was gemerkt haben? Ausgeschlossen! Aber ich werde ihm auf den Zahn fühlen. Gut, ich rufe dich gegen Abend wieder an. Keine Sorge, wir machen das schon!“
Rittman legte auf und summte eine Melodie. Übrigens entsetzlich falsch und mißtönend, wie Parker fand.
Dann näherten sich seine Schritte.
„Ich sehe mich gezwungen, mich für meine Unhöflichkeit zu entschuldigen“, sagte Parker, als Rittman das Vorzimmer betrat.
Der Gangsterboß erstarrte zur Salzsäule, wie es so treffend umschrieben wird.
„Es ließ sich leider nicht vermeiden, Ohrenzeuge Ihrer Unterhaltung zu werden“, fuhr der Butler weiter fort, „ihr Gesprächspartner scheint meine bescheidene Person nicht sonderlich zu schätzen.“
„Sie …!“ Rittman holte tief Luft und sah dabei ungemein verwirrt aus.
„Ich wollte Ihre vielleicht gutgemeinte Gastfreundschaft nicht unnötig in Anspruch nehmen“, entschuldigte sich Parker, „aber Sie brauchen sich keineswegs zu sorgen, Mister Rittman, Ihren Leuten geht es den Umständen entsprechend relativ gut.“
„Sie … Sie …
„Darf man möglicherweise erfahren, mit wem Sie eben sprachen?“
„Sie …“
„Ihr Wortschatz scheint ungemein eingefroren zu sein, Mister Rittman. Mit wem sprachen Sie? Bei welcher Stelle holten Sie Informationen über meine Wenigkeit ein? Sollten Sie sich an ein gewisses Syndikat gewandt haben?“
„Ich … ich …“ Rittman stotterte noch immer. Er konnte es nicht fassen, daß dieser Parker vor ihm saß, der so ungemein gefährlich sein sollte.
„Ihr Wortschatz erweitert sich ja bereits“, stellte der Butler erfreut fest, „Sie sprachen also mit dem Syndikat?“
„Keine … keine Ahnung, was Sie meinen“, sagte Rittman, der langsam seine Fassung zurückgewann.
„Nun, ich bestehe nicht auf Antwort“, erwiderte Parker und erhob sich. „Ich muß mich nun leider verabschieden, Mister Rittman. Ich habe noch zu tun!“
„Moment, Parker“, rief Rittman und sog nervös an seiner Zigarre, „was wollen Sie eigentlich von mir? Sie sind doch nicht wegen der Cessna gekommen, oder?“
„Aber ganz gewiß, Mister Rittman.“
„Das verstehe ich nicht! Wußten Sie, daß die Maschine gestohlen worden war?“
„Ich ahnte es!“
„Von wem denn?“
„Diese Frage kann ich nur andeutungsweise beantworten“, antwortete Parker, „wahrscheinlich brauchte sie ein gewisser Feuersalamander für einen kurzen, mißglückten Ausflug!“
*
Es war dunkel geworden.
Mike Rander und sein Butler befanden sich im Bungalow des gutgeführten Motels und tauschten ihre Gedanken aus. Parker erwies sich als vollendeter Butler. Er hatte den Smoking seines jungen Herrn ausgebürstet und half Rander beim Ankleiden, was der junge Anwalt zwar überhaupt nicht schätzte, wogegen er aber nichts machen konnte. Parker konnte ungemein hartnäckig sein, wenn er als Butler agierte.
„Dieser Hastert braucht also Geld, faßte Rander zusammen, „bei einem gewissen Joe Pollert ist er mit 45 000 Dollar verschuldet. Scheint sich bei diesem Mann um einen Kreditgeber zu handeln, ziemlich miese Type … Hasterts Frau ist jung und sieht sehr teuer aus. Gut zudem auch noch … Sie scheint von ihrem Mann nicht viel zu halten. Im übrigen kennt sie Gus Rittman, der ihr eine Stelle in seinen Nachtbetrieben angeboten haben muß. Interessante Zusammenhänge, wie?“
„Trauen Sie Mister Hastert zu, Sir, als Feuersalamander auf zu treten?“
„Eigentlich nicht“, antwortete der junge Anwalt und ließ sich die Smokingschleife von Parker binden, „Hastert hat in meinen Augen kein Format, noch nicht einmal ein negatives. Aber seine Frau, diese Hazel, die scheint durchtrieben und eiskalt zu sein. Eine gefährliche Frau!“
„Die zudem noch Mister Rittman kennt, Sir. Rittman ist ein stadtbekannter Gangster, der sich auf legale Nachtclubs zurückgezogen hat, wie ich in Erfahrung bringen konnte. Zudem scheint er noch mit einem der Gangstersyndikate in Verbindung zu stehen.“
„Könnte er der Feuersalamander sein, Parker?“
„Ich bin mir nicht sicher, Sir! Seine Geschäfte scheinen gut zu gehen. Warum sollte sich solch ein Gangster in die Feuerlinie begeben, um es einmal volkstümlich auszudrücken? Dieses Risiko ist unter Umständen tödlich, und ein Mann wie Rittman müßte das sehr genau wissen.“
„Also war es ein Zufall, daß Hastert und Halligon draußen neben unserem Wagen auftauchten? Halligon ist immerhin Fahrer einer Getränkefirma, die Rittman gehört.“
„Diese Frage vermag ich mit letzter Sicherheit nicht zu beantworten, Sir.“
„Also heißt die Parole abwarten, oder?“
„Ich erlaube mir, mich Ihrer Parole anzuschließen, Sir. Darf ich jetzt den Wagen Vorfahren?“
„Sie dürfen!“ Rander lächelte unwillkürlich. Parker hielt in allen Lebenslagen auf Form. So auch an diesem Abend, als sie zusammen zum Abendessen ausfahren wollten.
Rander zündete sich eine Zigarette an und ging dann nach draußen, wo Josuah Parker bereits mit dem hochbeinigen Monstrum wartete. Als sie das Grundstück des Motels verließen, hängte sich prompt ein grauer Ford an sie.
„Verfolger?“ fragte Rander, der sich umdrehte und den Wagen beobachtete.
„Das ist sehr wahrscheinlich, Sir. Zwei Gruppen dürften sich für Sie und meine bescheidene Wenigkeit interessieren: Mister Rittman und der Feuersalamander, sofern diese beiden Gruppen nicht miteinander identisch sind.“
„Rittman wird sich wundern, wohin wir fahren werden!“
Es dauerte etwa dreißig Minuten, bis sie den Nachtclub erreicht hatten, den Parker ein paar Stunden vorher besucht hatte. Parker ließ seinen Spezialwagen auf dem großen Parkplatz auf der gegenüberliegenden Straßenseite stehen und begleitete seinen jungen Herrn dann hinüber zum Club.
Am Eingang stand ein alter Bekannter.
Es handelte sich um den vierschrötigen Boxer, der sich Charly nannte. Er trug einen uniformähnlichen Anzug und fiel aus allen Wolken, als Parker plötzlich vor ihm stand.
„Wollen Sie nicht die Tür öffnen, wie es sich für einen Portier geziemt?“ fragte Parker und schüttelte andeutungsweise vorwurfsvoll den Kopf, „ich muß auch hier einen Verfall der guten Sitten und Manieren konstatieren!“
Charly wußte nicht, was er tun sollte. Er schnaufte wie unter einer starken körperlichen Belastung.
Dann handelte er. Er verbeugte sich devot und beeilte sich, die Tür zum Nachtclub zu öffnen. Rander und Parker traten ein und ließen sich vom Oberkellner einen Tisch geben.
„Na, das wird ja ein gemütliches Abendessen werden“, sagte Rander skeptisch, „gewisse Leute werden doch bereits durchdrehen! Ich glaube, Parker, wir hätten uns ein anderes Lokal aussuchen sollen!“
*
Gus Rittman hielt Kriegsrat in seinem Büro.
Charly und die beiden anderen Gorillas sahen ihn hündisch ergeben an. Sie lauschten den Worten ihres Meisters.
„Wir machen das ganz unauffällig“, sagte Rittman, „Parker und dieser junge Laffe müssen ohne jede äußere Gewaltanwendung aus dem Verkehr gezogen werden.“
„Aber wie! Sie kennen Parker doch, Chef. Der wehrt sich.“
„Ohne jede Gewaltanwendung“, wiederholte Rittman noch einmal, „ich will nicht die Polizei auf dem Hals haben. Ich gehe gleich ’runter in die Küche. Sobald Parker und sein Chef Essen bestellt haben, geht das alles über die Bühne. Ich mixe dem Essen ein ganz bestimmtes Pulver bei. Und schon wird den beiden Schnüfflern so schlecht, daß sie nicht schnell genug in den Waschraum kommen können. Auf dem Weg dorthin schnappen wir sie uns dann, klar?“
„Okay, Chef, verdammt raffiniert“, lobte Charly anerkennend, „darauf wär’ ich niemals gekommen!“
„Man hat eben so seine Erfahrungen“, lobte sich Gus Rittman und dachte unwillkürlich an seine große Zeit. „So, ihr wißt jetzt Bescheid, geht auf eure Posten! Und daß mir keine Panne passiert, können wir uns nicht leisten!“
Charly und die beiden anderen Gorillas, die übrigens in Smokings staken, stoben aus dem Privatbüro, dessen Tür zum Vorzimmer weit geöffnet war.
Und in diesem Vorzimmer befand sich immerhin ein kleiner Mikrosender, den Parker dort plaziert hatte. Dieser Sender war mit einer Aufnahmeanlage gekoppelt und so in der Lage, Gespräche aller Art an den Empfänger zu transportieren, doch davon ahnte Mister Rittman nichts!
*
Parkers ausdrucksvolle Hände spielten mit einer der schwarzen Zigarren, die er dem schäbigen, abgewetzten Etui entnommen hatte. Selbst einem sehr aufmerksamen Beobachter wäre entgangen, daß Parker diese Zigarre nach einer leichten Drehung auseinanderzog. In der freigelegten Mitte wurde ein Miniaturlautsprecher frei, der die Unterhaltung Mister Rittmans mit seinen Mitarbeitern Wort für Wort übertrug.
„Warum ist Rittman hinter uns her?“ fragte Rander, als die Privatübertragung beendet war, „stören wir seine Kreise? Steckt er mit den Salamandern unter einer Decke?“
„Nach wie vor möchte ich mich auf keinen Fall festlegen, Sir. Kein gefühlsmäßig aber neige ich dazu, in Mister Rittman nicht den Feuersalamander zu sehen. Seine große Zeit dürfte lange vorüber sein. Er fürchtet vielleicht um seine kleinen und großen Gaunereien, die er sehr wahrscheinlich nach wie vor betreibt.“
„Der Oberkellner“, sagte Rander und unterdrückte ein Lächeln, „dann werde ich mal bestellen!“
Der Oberkellner, ob informiert oder nicht, nahm die lange Liste der Bestellung entgegen und entwich mit fliegenden Frackschößen.
„Mister Rittman, stellte Parker fest, als der Gangsterboß in der Nachtbar erschien.
Rittman strahlte wie ein Honigkuchenpferd, wie der Volksmund es mit Sicherheit ausgedrückt hätte. Er tat so, als freue er sich, Parker zu sehen und wieselte an den Tisch.
Parker stellte vor. Rittman zog ohne Umstände einen Stuhl hervor und setzte sich.
„Kommen wir sofort zur Sache“, sagte er, „was wollen Sie von mir, Mister Rander? Ich weiß inzwischen verdammt genau, wer Sie und Ihr Butler sind!“
„Lautete die Auskunft des Syndikats wenigstens günstig?“ frotzelte der Anwalt.
„Sie war eindeutig“, gab Rittman knurrig zurück, „Sie sind ausgekochte Schnüffler, die bestimmt nicht ohne Grund hier in meinem Nachtlokal sind. Legen Sie Ihre Karten auf den Tisch! Was wollen Sie?“
„Mister Rander sucht einen ganz bestimmten Feuersalamander“, antwortete Josuah Parker würdevoll, „sagt Ihnen dieser Name etwas?“
„Nie von gehört! Was wollen Sie eigentlich von diesem Biest? Lassen Sie doch endlich diese dummen Anspielungen.“
„Sie haben hier in Midland noch nichts vom Feuersalamander gehört?“ staunte Mike Rander gekonnt, „das wundert mich aber, Mister Rittman. Dieser Gangster hat doch Großformat!“
„Gangster? Feuersalamander? Seit wann ist er in der Stadt? Woher kommt er?“
„Mit einschlägigen Antworten kann Mister Rander leider nicht dienen“, antwortete Parker, „aber vielleicht helfen Sie ein wenig weiter. Sie besitzen eine Getränkefirma?“
„Na, und? Was dagegen?“
„Keineswegs, Mister Rittman. Die Öffentlichkeit schätzt es, wenn Gangster sich aus ihrem angestammten Geschäft zurückziehen und versuchen, bürgerlich zu werden.“
„Sie wollen mich wohl provozieren, wie? Aber das gelingt Ihnen nicht, Parker. Was ist mit meiner Getränkefirma?“
„Von wem wird sie geleitet, wenn ich fragen darf?“
„Von Mel Falving!“
„Ein guter Mann?“ wollte Rander wissen.
„Natürlich! Er arbeitet schon seit fast zwei Jahren für mich. Nun hören Sie endlich mit der verdammten Fragerei auf! Sagen Sie doch endlich, worauf Sie hinauswollen!“
„Eine Zusatzfrage, Mister Rittman?“ Parker war ganz Würde und Vornehmheit. Beeindruckt nickte Rittman. „Sagt Ihnen der Name Pollert etwas?“
Dieser Name schien Rittman sogar sehr viel zu sagen. Er riß ungewollt die Augen weit auf und starrte Rander und Parker dann abwechselnd an.
„Darauf läuft es also ’raus“, sagte er dann mit plötzlich heiserer Stimme, „Joe steckt dahinter. Hätte ich mir ja fast denken können.“
„Wer ist Joe Pollert?“ hakte Mike Rander nach. „Offensichtlich kein guter Bekannter von Ihnen, wie?“
„Mein … Konkurrent“, antwortete Rittman hastig, „hat er Sie etwa geschickt?“
„Mister Pollert ist meinem jungen Herrn und meiner Wenigkeit völlig unbekannt“, stellte Parker gelassen fest. „Zudem würde Mister Rander von solch einem Individuum niemals einen Auftrag übernehmen, wie ich in aller Entschiedenheit feststellen möchte!“
Rittmans Gedanken rasten. Der Name Pollert hatte ihn alarmiert. Pollert war schon immer sein gefährlichster Konkurrent gewesen. Und Pollert war beim Syndikat gut angeschrieben. Wollte er ihn aus dem Geschäft stoßen? Welche Tricks hatte er auf Lager? Rittman wußte nur, daß er Rander und Parker so schnell wie möglich die Daumenschrauben anlegen mußte, um mehr zu erfahren.
Erleichtert nahm er zur Kenntnis, daß das Essen gebracht wurde. Ein Kellner servierte die bestellte französische Zwiebelsuppe und nickte beim Servieren seinem Boß Rittman unmerklich zu. Das war für Rittman das Zeichen, daß die Suppe bereits versetzt worden war. Es konnte nur noch eine knappe Minute dauern, bis Rander und Parker fluchtartig den Tisch verließen. Und dann befanden sie sich in seiner Hand und mußten die Wahrheit sagen.
„Dann möchte ich Sie nicht länger stören“, sagte Rittman und stand abrupt auf, „ich wünsche guten Appetit!“
„Sie wollen Mister Rander bereits verlassen, Sir?“ Parker schien überrascht zu sein.
„Ich habe noch im Büro zu tun!“
„Mister Rander würde sich ungemein freuen, wenn Sie ihm die Ehre erwiesen, zusammen mit ihm zu speisen!“
„Ausgeschlossen!“ Rittman schauderte bei der Vorstellung, die versetzte Suppe löffeln zu müssen.
„Sind Sie sicher, Mister Rittman?“ schaltete Rander sich lächelnd ein, „setzen Sie sich, aber ein bißchen schnell, wenn ich bitten darf. Oder muß mein Butler Ihnen erst Manieren beibringen? Ich habe Sie schließlich eingeladen!“
Zur Unterstreichung der Worte seines jungen Herrn griff der Butler in die linke Außentasche seines schwarzen Zweireihers. Dabei beulte diese Tasche sich naturgemäß aus.
„Schon gut, schon gut!“ murmelte Rittman beeindruckt, „aber Zwiebelsuppe mag ich nicht. Ich esse dann gleich das Pfeffersteak!“
„Die Zwiebelsuppe!“ forderte Rander. Parker stand bereits seitlich neben Rittman und servierte ihm seine Suppe. Rittman starrte angewidert auf den duftenden Tasseninhalt.
„Ich kann Zwiebelsuppe nicht ausstehen“, protestierte er schwach.
„Man gewöhnt sich an alles“, tröstete Rander ihn, „langen Sie endlich zu, wenn Sie mich nicht böse machen wollen.“
Die Tasche des Zweireihers beulte sich noch weiter aus. Rittman hüstelte nervös. Da er ein Gewaltmensch war, rechnete er nicht mit einem Trick. Früher, in ähnlichen Situationen, hätte er bestimmt geschossen. Hastig griff er also nach dem Löffel und delektierte sich dann an der Zwiebelsuppe, die zu seiner Überraschung trotz der Beimischung erstaunlich gut schmeckte.
Nach knapp vierunddreißig Sekunden aber sprang er hoch, als sei er von einer Tarantel gestochen worden. Dann eilte er im strammen Schweinsgalopp hinüber zu den Waschräumen.
„Ich denke, wir gehen“, schlug Rander vor, „der Besuch hat sich gelohnt. Rittman ist keineswegs der Feuersalamander, Parker. Den können wir von unserer verdammt kurzen Liste streichen.“
„Ich schließe mich Ihren Worten voll und ganz an, Sir“, antwortete Parker, „es ist nur zu hoffen, daß dieser Feuersalamander sich früher oder später melden wird!“
*
Er meldete sich, und zwar sehr nachdrücklich!
Mike Rander und Josuah Parker hatten das Motel erreicht und stiegen aus dem hochbeinigen Monstrum. Die Fahrt war ohne jeden Zwischenfall verlaufen. Von Rittman drohte im Augenblick ja auch bestimmt keine Gefahr. Schließlich hatte er allein die versetzte Zwiebelsuppe gelöffelt.
„Moment mal, Parker. Was ist das?“ fragte Rander plötzlich und hob den Arm.
„Ein motorenähnliches Geräusch, antwortete Parker, der nun auch aufmerksam wurde, „ein ungemein giftiges Brummen, wenn ich mich so ausdrücken darf!“
„Und verflixt hochtourig. Das kann kein normaler Flugzeugmotor sein!“
„Dort, Sir, dort!“
Parker hatte das bisher unerkannte Flugobjekt entdeckt. Es war für wenige Sekunden gegen den Nachthimmel zu sehen und hob sich als Schattenriß dagegen ab. Vor dem Hintergrund der Stadtbeleuchtung war es deutlich zu erkennen.
„Ein Modellflugzeug“, stellte Rander sach- und fachkundig fest, „aber um diese Zeit? Mehr als ungewöhnlich!“
„Man sollte vielleicht gewisse Vorsichtsmaßnahmen ergreifen, Sir.“
„Rechnen Sie mit Überraschungen? Hören Sie doch, das Ding entfernt sich bereits wieder. Sicher irgendein dummer Junge, der sich einen Scherz leistet.“
„Darf ich Sie ebenso dringend wie nachdrücklich auf den Tiefangriff der Cessna hinweisen, Sir?“
„Sie dürfen.“ Rander lächelte, „aber der hat mit dem Modellflugzeug ja bestimmt nichts zu tun.“
„Hören Sie, Sir. Die kleine Maschine nähert sich wieder.“
Der hochtourige Kleinstmotor war nicht zu überhören. Das giftige Brummen wurde laut und lauter. Man hatte den Eindruck, eine riesige Hornisse befinde sich im Anflug.
„Die Maschine sucht offensichtlich ihr Ziel, Sir!“
„Unsinn, Parker!“
„Ich bedaure unendlich, Sir, vielleicht unhöflich zu erscheinen“, entschuldigte sich Parker, um seinen jungen Herrn dann schnell und gekonnt zu Boden zu werfen.
Keineswegs zu früh, wie sich herausstellte.
Die Maschine hatte ihr Ziel gefunden und stellte sich auf die Nase. Das giftige Brummen bekam schrille Obertöne. Im senkrechten Sturzflug bewegte sie sich auf das Dach des kleinen Bungalows zu.
Bruchteile von Sekunden später wurde die Nacht von einer heftigen Detonation erschüttert.
Glasfenster barsten klirrend auseinander. Das Dach des Motel-Bungalows wurde wie von einer unsichtbaren Riesenfaust angehoben und dann zertrümmert. Es zerlegte sich in seine Einzelteile, die als Bretterfetzen und Balkenstücke durch die Luft sirrten. Die leichten Wände des Bungalows klappten wie Kartenhäuser auseinander. Der Bungalow löste sich auf. Und die Reste fingen prompt Feuer. Es roch nach Sprengstoff, nach Brand und nach Tod.
Rander erhob sich langsam und schaute ungläubig auf die brennenden Reste des Bungalows.
Parker nickte fast beifällig.
Er konnte nicht umhin anzuerkennen, daß der Salamander sich etwas hatte einfallen lassen, was zumindest ungewöhnlich war. So etwas schätzte Parker, selbst dann, wenn es dabei um sein Leben ging.
„Sie haben sich hoffentlich nicht verletzt, Sir?“ wandte er sich an seinen jungen Herrn.
