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Butler Parker ist ein Detektiv mit Witz, Charme und Stil. Er wird von Verbrechern gerne unterschätzt und das hat meist unangenehme Folgen. Der Regenschirm ist sein Markenzeichen, mit dem auch seine Gegner öfters mal Bekanntschaft machen. Diese Krimis haben eine besondere Art ihre Leser zu unterhalten. Butler Parker ist seinen Gegnern, den übelsten Ganoven, auch geistig meilenweit überlegen. In seiner auffallend unscheinbaren Tarnung löst er jeden Fall. Bravourös, brillant, effektiv – spannendere und zugleich humorvollere Krimis gibt es nicht! E-Book 1: Shark, Sharp Girls E-Book 2: Hexenwochenende E-Book 3: Lady in Red E-Book 4: Ausgetrickst E-Book 5: No Deal
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Seitenzahl: 575
Veröffentlichungsjahr: 2022
Shark, Sharp Girls
Hexenwochenende
Lady in Red
Ausgetrickst
No Deal
Josuah Parker, der sich schon seit knapp zwei Stunden sichtlich und mit Erfolg gelangweilt hatte, richtete sich erfreut auf, als er die weiße Motorjacht entdeckte.
Doch es war das Schiff nicht allein, das seine Sehnerven reizte. Genauer gesagt, es handelte sich um die modern anmutende Sirene, die vorn im Bugkorb der Jacht stand und leicht verzweifelt winkte.
Diese Sirene mochte knapp fünfundzwanzig Jahre alt sein. Sie war groß, schlank und langbeinig. Sie trug sehr knappe Shorts, die schon als verwegen geschnittene Hot pants anzusprechen waren.
Sonst übrigens nichts!
Sie winkte mit einer improvisierten Fahne verzweifelt, nachdrücklich und hastig. Dabei übersah sie wohl bewußt, daß sie ziemlich nackt war was ihren Oberkörper anbetraf.
»Was ist denn los, Parker?« rief Rander, der im Heck der Jacht saß und sich mit einem kleineren Schwertfisch abmühte, der ihm an die Angel gegangen war. Rander wunderte sich, daß Parker, der am Ruder des Schiffes saß, einige verwegene Schlangenlinien fuhr.
Parker verließ den offenen Ruderstand und begab sich etwas schneller als sonst hinunter zu seinem jungen Herrn, der die Angel gerade aufdrillte. »Darf ich mir erlauben, Sir, Ihre Aufmerksamkeit auf jene Jacht dort zu lenken, die sich offensichtlich in Seenot befindet!«
»Jacht! Weiche Jacht?«
Rander stand vorsichtig von seinem Heckstuhl auf, an den er sich aus Gründen der Sicherheit angeschnallt hatte. Schwertfische, einmal am Haken, entwickeln bekanntlich Riesenkräfte und haben keine Schwierigkeit, einen Angler kopfüber ins Wasser zu ziehen.
»Ich war so frei, Ihnen gleich das Fernglas mitzubringen, Sir.«
Parker durfte die kurze Angel übernehmen, während Rander durch das Fernglas das weiße Schiff beobachtete, das etwa fünfhundert Meter seitlich vor ihnen trieb.
»Da muß es an Bord gebrannt haben, Parker«, stieß Rander nach kurzer Prüfung hervor, »überall Rauch- und Feuerspuren an Bord. Worauf warten wir noch?«
»Darf ich mir die Freiheit nehmen, Ihnen das Angelgerät zurückzugeben?« sagte Parker, um wieder an den Ruderstand zu treten.
Er gab etwas zu unvermittelt Gas, worauf die beiden Dieselmotoren spontan reagierten. Rander verlor seine Angel und damit seinen Schwertfisch. Der Anwalt konnte sich gerade noch an der niedrigen Reling festhalten. Dann schoß das Boot, von Parker gesteuert, auf die weiße Motorjacht zu, die immer erbärmlicher aussah, je mehr sie sich ihr näherten.
Rander hatte inzwischen einen festen Stand unter den Beinen und beobachtete die Nixe, die jetzt ihr heftiges und verzweifeltes Winken eingestellt hatte. Sie hielt sich die zerrissene Stoffahne vor die Brust und rutschte etwas in sich zusammen. Sie schien sehr erschöpft zu sein.
»Vermutlich ist sie allein an Bord«, meinte Rander, der herauf in den Ruderstand gekommen war. Er setzte das Glas ab, durch das er gerade wieder geschaut hatte. »Was halten Sie von der Geschichte, Parker?«
»Die junge und zweifellos attraktive Dame wird in wenigen Minuten in Sicherheit sein«, antwortete Parker, der das Ruder der Sportjacht souverän betätigte, »abgesehen von dieser Tatsache scheint die Jacht dort drüben ziemlich weit von der normalen Route abgetrieben zu sein.«
Rander zündete sich eine Zigarette an und sah wieder durch das Fernglas.
Die junge, halbnackte Dame war inzwischen völlig in sich zusammengerutscht. Sie lag auf den Mahagoniplanken des Bugdecks und rührte sich nicht.
»Suzy«, buchstabierte Rander den Namen der Motorjacht. Jetzt war deutlich zu sehen, daß es an Bord gebrannt hatte. Flammenspuren waren seitlich und über den geborstenen Bullaugen zu erkennen. Der obere und untere Ruderstand der Jacht war vom Feuer verwüstet worden.
Weitere Menschen waren an Bord nicht zu erkennen.
Parker hatte die Sportjacht inzwischen so nahe an die weiße Motorjacht herangebracht, daß er bereits das Längsgehen einleiten konnte. Jetzt war die junge Dame auf den Mahagoniplanken auch ohne Glas deutlich zu erkennen.
Sie hatte sich wieder etwas aufgerichtet und winkte mit dem linken Arm, erschöpft, mechanisch und apathisch. Dann zog sie sich mühsam am Rahmen der zersplitterten Frontscheibe hoch und hielt sich daran fest. Selbst jetzt sah sie noch ungemein reizvoll aus.
Was Mike Rander veranlaßte, etwas vorzeitig auf die weiße, angebrannte Jacht überzuspringen. Dabei wäre er beinahe in der leicht rauhen See gelandet. Er fing sich gerade noch und hastete dann auf die junge Dame zu, die ihm praktisch um den Hals fiel, wahrscheinlich aus Erschöpfung und Dankbarkeit.
Parker erledigte die seemännischen Dinge, die zu tun waren, um beide Motorjachten fest miteinander zu verbinden. Dann rüstete er sich mit dem an Bord vorhandenen Verbandkasten aus und stieg ebenfalls über.
Er folgte seinem jungen Herrn, zusammen mit der leicht entblößten Dame, hinüber zum Kabinen-Niedergang. Parker sah sich die Brandspuren dabei genau an. Er fand heraus, daß es an Bord eine Art Explosion gegeben hatte.
»Darf ich meine bescheidene Hilfe anbieten?« rief er dann hinunter in die Kabine, in der Rander und die Seenixe verschwunden waren. Er wartete die Antwort erst gar nicht ab, sondern folgte den beiden und hatte anschließend den Vorzug, in die Mündung einer großkalibrigen Handfeuerwaffe zu sehen.
Was ihn verständlicherweise stutzen ließ!
*
»Ich fürchte, Sir, daß ich mich bei Ihnen entschuldigen muß«, sagte Josuah Parker eine knappe Viertelstunde später und griff nach seiner schwarzen Melone, die von einer überschwappenden Welle fortgetrieben wurde.
»Ihre Sorgen möchte ich haben.« Rander sprach mit kleinen Unterbrechungen, um das Seewasser aus seinem Mund zu husten und zu spucken. Er trat Wasser und fühlte sich nicht sonderlich wohl.
Was wohl damit zusammenhing, daß er und Parker sich im Wasser befanden. Ohne Rettungsring oder Schwimmflossen. Weit und breit war nichts mehr von einer Jacht zu sehen. Von zwei Jachten ganz zu schweigen.
Das angebrannte Schiff war inzwischen hinunter zu den Fischen gesunken, während sich das zweite entfernt hatte.
Die allgemeine Situation war nicht erfreulich, wie Parker feststellte. Sein junger Herr und er trieben in der See. Die Chance, entdeckt und gerettet zu werden, war mehr als gering. Es war ferner abzusehen, wann sie vor Erschöpfung nicht mehr in der Lage waren, sich über Wasser zu halten.
Erstaunlich deshalb, wie korrekt Parker sich gab. Er hatte seine schwarze Melone geborgen und sie sich auf den Kopf gesetzt. In seiner linken Hand befand sich sein Universal-Regenschirm, den er selbst in dieser Situation auf keinen Fall aufgeben wollte. Zudem hoffte er, gerade diesen Regenschirm noch verwenden zu können. Ihm war ein vager Verdacht gekommen, den er einfach nicht aus seinen Gedanken vertreiben konnte.
Er dachte, um es kurz zu sagen, an Haie!
Parker und sein junger Herr befanden sich immerhin im Seegebiet östlich von Key West. Und hier war mit tödlicher Sicherheit mit gierigen und ausgehungerten Haien zu rechnen. Falls sie ausblieben, grenzte das an ein echtes Wunder.
Rander hatte sich auf den Rücken gelegt und entledigte sich gerade seines Jacketts und seiner Hose, um besser schwimmen zu können. Parker zögerte diese Prozedur noch etwas hinaus. Es widersprach seinen Anschauungen, unkorrekt gekleidet in der Nähe seines jungen Herrn zu sein. In dieser Hinsicht war er stets sehr konservativ.
»Verdammt!« stieß Rander plötzlich aus und ging in die Bauchlage über.
»Wie meinen, Sir?«
»Haie!«
Rander deutete mit dem rechten Arm auf die sonnenüberschienene Wasserwüste.
Er hatte richtig gesehen.
Es handelte sich um zwei Haie, die die beiden Personen im Wasser langsam und mißtrauisch umschwammen. Zwei sicher in Ehren ergraute Tiere, die ihre Jahre auf den Flossen hatten. Es waren Raubfische, die man in der Vergangenheit schon mehrfach gejagt hatte. Sie nahmen sich daher Zeit, die beiden leckeren Bissen genau zu studieren.
»Schade, daß es aus ist«, sagte Rander mit gepreßter Stimme zu seinem Butler.
»In der Tat, Sir«, erwiderte Parker und ließ die beiden Haie nicht aus den Augen. Er war nicht gewillt, freiwillig als Appetithappen zu dienen.
»Hauptsache, es geht schnell vorüber«, sagte Rander wasserspuckend.
»Mit größter Wahrscheinlichkeit, Sir«, antwortete der Butler so gemessen, wie es die Lage gerade zuließ, »aber vielleicht sollte man versuchen, die Raubfische ein wenig zu schockieren.«
»Sie kommen!«
Mike Rander hatte richtig beobachtet. Die beiden Dreiecksflossen formierten sich. Die Haie schossen auf ihre Opfer zu. Sie waren nur noch geballte Kraft, Gier und Wildheit.
*
Der ältere der beiden Raubfische war sich inzwischen seiner Sache vollkommen sicher. Er hatte sich davon überzeugt, daß er es mit wehrlosen Opfern zu tun hatte. Er leckte sich im übertragenen Sinne bereits die Lippen und freute sich auf die Schonkost, die sich seinen Zähnen bot.
Knapp neben ihm schwamm der zweite Hai, wesentlich jünger und unerfahrener. Dieser Junghai, durchaus schon ausgewachsen, konnte vor Gier schon fast nichts mehr sehen. Er hatte seit dem frühen Morgen nur ein paar Makrelen zu sich genommen und brauchte etwas Handfesteres.
Um ein Haar hätte dieser Junghai nicht mehr bremsen können.
Sein Vorbild verminderte nämlich jäh den Angriffsschwung und schien unschlüssig geworden zu sein. Der Junghai riß die Augen auf und entdeckte knapp vor sich einen schwarzen Gegenstand, den er noch nie auf See gesehen hatte.
Was nicht weiter verwunderlich war, denn welcher Hai hat schon die Gelegenheit, einen altväterlichen Regenschirm aus nächster Nähe zu sehen?
Der Althai drehte ab und überlegte sichtlich.
Mit diesem kreisrunden, dennoch leicht gezackten Gegenstand hatte er nicht gerechnet. So etwas war ihm fremd. Das schien eine neue Masche der ihm zu verhaßten Menschen zu sein. Vielleicht eine neuartige Falle?
Der Junghai pfiff nach kurzer Überlegung auf alle Vorsicht. Er ignorierte die scheinbare Feigheit seines älteren Begleiters und riskierte einen zweiten Angriff.
Der Junghai beschrieb einen leichten Halbkreis, um dann wie ein Schnelltorpedo loszurasen. Er wollte den schwarzen Gegenstand zerfetzen und zerreißen und damit dem Althai mal so richtig zeigen, wie man fix auf der Höhe ist.
Knapp vor dem schwarzen Gegenstand, sprich Regenschirm, legte er sich bißbereit auf den Rücken und riß das Maul mit den Zahnreihen weit auf.
Dabei entging ihm, daß der schwarze Gegenstand sich plötzlich ungemein verkleinerte und die Dimensionen einer Melone annahm.
Sekunden später biß der Junghai bereits zu, energisch, gierig und entschlossen.
Der Althai, der nach wie vor in respektvoller Entfernung herumschwamm, zuckte zusammen, als er das Krachen und Brechen einiger Zähne hörte. Er schüttelte sich förmlich vor Pein und Mitgefühl.
Der Junghai, der im menschlichen Sinne nicht schreien konnte, stieg etwa anderthalb Meter steil aus dem Wasser hoch und vollführte einen Salto, der in einem Bauchplatscher endete. Dabei wurde er von höllischen Qualen durchgeschüttelt.
Was ursächlich mit seinem Gebiß zusammenhing.
Er hatte sich nämlich an Parkers Melone einige seiner besten Zähne ausgebissen. Leichtsinnigerweise hatte er sie in die Melone geschlagen, die Parker ihm entschlossen ins Maul geschoben hatte. Und da diese Parker-Melone mit solidem Stahlblech gefüttert war, kam es zu dem Gebißschaden.
Der Hai verlor jedes Interesse an seinem Appetithappen.
Er sprang noch einige Male aus dem Wasser und ließ hilflos und wie im Krampf seine Kiefer schnappen. Doch er bekam die schwarze Parker-Melone einfach nicht aus den nach hinten gekrümmten Zähnen heraus. Anschließend, von Schmerzen geschüttelt, schaltete der Junghai den Rückwärtsgang ein und fegte davon.
*
Rander schnappte nach Luft.
Nicht etwa, weil er Wasser geschluckt hatte. Nein, er hatte deutlich und aus nächster Nähe gesehen, wie Parker den Hai behandelte. Soviel Kaltblütigkeit hatte Rander noch nie gesehen. Parker hatte Vabanque gespielt und vorerst mal auf der ganzen Linie gewonnen.
»Sagenhaft!« rief Rander seinem Butler zu.
»Es war mir ein ehrliches Bedürfnis«, erwiderte Parker, »ich darf hoffen, in Ihrem Sinn gehandelt zu haben.«
»Das glaubt Ihnen kein Mensch, was Sie da gerade abgezogen haben«, rief Rander. »Achtung, Parker, der zweite Hai!«
Parker hatte den Althai längst unter Kontrolle und wartete auf den nächsten Angriff, der ungleich gefährlicher ausfallen mußte. Der Althai ging in Position, während Parker seinen Universal-Regenschirm programmierte.
Dieser so altväterlich aussehende Regenschirm hatte es bekanntlich in sich. Der Schirmstock war im Grunde nichts anderes als ein Präzisions-Blasrohr, durch das er mittels Preßluft Geschosse verschiedener Art verfeuern konnte.
Der Schirmstock besaß zudem eine Stahlzwinge, deren stumpfes Ende abgeklappt werden konnte, um die Mündung des Blasrohrs freizugeben. War die Schutzkappe aber umgelegt, so wurde auch ein ungemein spitzer Stahldorn seitlich an der Mündung freigelegt. Und mit diesem Dorn wollte Parker den angreifenden Althai ein wenig an den Flossen oder Kiemen kitzeln. Parker dachte nicht im Traum daran, sich kampflos anknabbern zu lassen.
Doch davon wußte der Althai nichts.
Er schwamm an und fuhr seinen gierigen Angriff. Und zuckte zurück, als er zuschnappen wollte. Sein linkes Nasenloch war sehr empfindlich gepiekt worden.
Der Althai nieste hemmungslos und schüttelte sich. Entstehende Tränen wurden vom Wasser ohnehin prompt weggewischt.
Verblüfft drehte der Raubfisch ab und schrak zusammen. Seine Augen traten förmlich aus den Höhlen. Ein eisiger Schreck erfaßte ihn. Bruchteile von Sekunden später war er wie gelähmt.
*
Rander steckte innerlich auf.
Es war doch eigentlich völlig sinnlos, sich noch weiter zu wehren. Zu der Dreiecksflosse kamen plötzlich weitere Flossen hinzu. Ein ganzes Rudel von Haien schwamm heran, schnell und kompromißlos. Damit endeten alle Chancen. Aus und vorbei! Selbst ein Butler Parker hatte keine Chancen mehr, sich dagegen zu wehren.
»Sehen Sie doch, Parker!« schrie er seinem Butler zu. »Haie! Nichts wie Haie! Verdammt, warum haben uns diese Gangster nicht gleich umgebracht.«
»Wenn Sie erlauben, Sir, möchte ich widersprechen«, sagte Parker, der die weiteren Flossen fast freundlich begutachtete, »es handelt sich, falls meine Wenigkeit sich nicht täuscht, um eine Schule von Delphinen.«
Er hatte sich nicht getäuscht!
Es handelte sich tatsächlich um Delphine, die eine Art Schul- oder Betriebsausflug machten. Und da sie die geschworenen Feinde der Haie waren und sind, stürzten sie sich mit Feuereifer auf den Althai, dessen Lähmung sich gerade gelegt hatte. Der Althai, der seine Gegner ausgemacht hatte, entwickelte und aktivierte seine letzten Energien, um das zu suchen, was Parker das Weite genannt hätte.
Die Delphine, in übermütiger Laune, nahmen von einer weiteren Verfolgung Abstand und interessierten sich zusehends für die beiden komischen Figuren im Wasser. Sie unterhielten sich quietschend miteinander, belachten das Zappeln der Beine und rückten näher an Rander und Parker heran. Sie fanden sehr schnell heraus, daß die beiden Menschen dort im Wasser sich in einer Art Notstand befanden und beschlossen, wie die Pfadfinder eine gute Tat zu tun.
Parker und Rander merkten schnell, daß man es gut mit ihnen meinte. Sie ließen sich ein wenig herumschubsen und dann in eine ganz bestimmte Richtung treiben. Sie mußten sich hin und wieder einige fast liebevolle Puffe gefallen lassen. Doch sie lohnten sich, wie sie schnell herausfanden, denn sie hatten plötzlich Boden unter den Füßen. Sie standen auf einer nur wenig vom Wasser überspülten Sandbank und konnten sich bis zu den Hüften von der Sonne trocknen lassen. Der Rest blieb leider in der salzigen Feuchtigkeit.
Die Delphine hatten inzwischen die Lust an weiteren Aktionen verloren und verschwanden so schnell, wie sie gekommen waren. Währenddessen erholten sich Rander und Parker von ihrer Verblüffung und beruhigten ihre Nerven.
»Das glaubt uns kein Mensch«, sagte Rander und holte tief Luft.
»Ich muß gestehen, Sir, daß mir die Tatsache allein genügt. Darf ich in diesem Zusammenhang auf Berichte verweisen, die ernst zu nehmen sind. In diesen Berichten wird wiederholt von Delphinen gesprochen, die Menschen in Seenot vor dem Ertrinken und vor Haien gerettet haben. Erst kürzlich wurde von solch einem Fall berichtet, der sich an der Küste Australiens abgespielt hat.«
»Schade, daß die Delphine keine Rettung holen können«, meinte Rander, »was wir jetzt brauchen, wäre ein Boot. Es muß noch nicht mal groß sein.«
»Darauf wird man unter Umständen länger warten müssen«, gab Parker gemessen zurück, »bis Miß Weston bemerkt hat, daß sich gewisse irreguläre Dinge abgespielt haben müssen, wird noch einige Zeit vergehen.«
»Ich bin ja nicht undankbar«, sagte Rander, »hier auf der Sandbank halte ich es erst mal aus. Falls nicht weitere Haie auftauchen.«
Sie dürften sich vorerst nicht sehen lassen, Sir. Die Anwesenheit der Delphine müßte sich in Hai-Kreisen inzwischen herumgesprochen haben.«
*
Sue Weston gab sich erst gar nicht Mühe, ihre Tränen zu unterdrücken. Sie lief hastig über den Bootssteg auf Rander zu und schlang ihre Arme um seinen Hals.
Rander zuckte zusammen und löste sie vorsichtig.
»Achtung, Sonnenbrand!« sagte er, »nur die Lippen sind noch einigermaßen in Ordnung.«
Worauf Sue Randers Lippen mit den ihren schloß.
Parker stand derweil höflich-distanziert hinter seinem jungen Herrn und sah angelegentlich zur Seite. Als er dann überraschend ebenfalls einen Kuß auf die Wange erhielt, räusperte er sich leicht.
»Ich möchte nicht versäumen, Miß Weston«, sagte er dann etwas hastig, »Ihnen für Ihre Umsicht zu danken.«
Sue Weston, Randers Sekretärin, hatte doch schneller reagiert, als der Anwalt und sein Butler hatten annehmen können. Nachdem ihr Chef nicht pünktlich zurückgekommen war, hatte sie sicherheitshalber die Küstenwache alarmiert, die ein Suchflugzeug eingesetzt hatte. Alles Weitere hatte sich fast automatisch abgespielt. Ein Schnellboot der Küstenwache hatte Rander und Parker übernommen und sie zurück an Land gebracht.
»Wieso gleich die Küstenwache?« fragte Rander, als er zusammen mit Sue Weston hinüber zum wartenden Wagen am Kai ging.
»Ich kann es wirklich nicht sagen«, meinte sie achselzuckend, »irgendwie aus einem Gefühl heraus. Ich spürte, daß Sie sich in Gefahr befanden. Genau kann ich das nicht erklären.«
»Ein Hoch auf Ihr Gefühl!« Rander legte vorsichtig seinen Arm um ihre Schulter, »lange hätten wir es auf der Sandbank bestimmt nicht mehr ausgehalten.«
»Was ist denn eigentlich passiert? Wieso ist die Jacht untergegangen?«
»Unsere Jacht ist vollkommen in Ordnung«, sagte Rander, »sie hat inzwischen nur die Besatzung gewechselt. Auf ihr befinden sich jetzt drei miese Gangster.«
»Gangster?«
»Sie lockten uns an ihre Motorjacht heran, die nicht mehr seetüchtig war. Auf eine sehr raffinierte Art und Weise übrigens. Als Parker und ich helfen wollten, nahmen sie uns hoch und ließen uns aussteigen.«
»Das war ja Mord!«
»Mordversuch«, korrigierte Rander lächelnd, »dank Parker und einigen Delphinen überlebten wir. Aber die Einzelheiten erzähle ich Ihnen später. Sobald wir die Polizei hinter uns haben. Die wird uns bestimmt noch mit Fragen durchlöchern. Noch etwas, Sue, kein Wort von dem an die Polizei.«
»Sie wollen diesen Mordversuch verschweigen?« Sie sah ihn entrüstet an.
»Diesmal ja!« gab Rander zurück, »die fällige Retourkutsche wird von Parker und mir allein gefahren. Und zwar nach allen Regeln der Kunst, Sue. Wir haben noch eine Rechnung zu begleichen!«
*
»Ich glaube Ihnen kein Wort«, sagte Captain Hodgers vom Kriminal-Dezernat.
Hodgers war ein massiger Mann von knapp fünfzig Jahren, besaß aber die Geschmeidigkeit eines nur kaum dressierten Panthers. In seinem gebräunten Gesicht waren zwei eisgraue Augen, die wachsam und mißtrauisch die Umgebung musterten.
»Was haben Sie gegen unseren Bericht?« erkundigte sich Mike Rander unschuldig, »warum können zwei Männer nicht über Bord gegangen sein?«
»Nacheinander, Sir«, schaltete Josuah Parker sich ein, »nachdem mein junger Herr ins Wasser fiel, fühlte ich mich veranlaßt, es ihm nachzutun, und zwar in der ehrlichen Absicht, ein Rettungsmanöver einzuleiten.«
»Warum verschweigen Sie mir die Wahrheit?« wollte Hodgers wissen. Er war von der Küstenwache informiert worden, die Randers Geschichte ebenfalls nicht so recht geglaubt hatte. Man vermutete, und das war deutlich herauszuhören, irgendeinen Kriminalfall.
Aber vielleicht wußte man auch mehr. Vielleicht gingen die Behörden und die Küstenwache von Tatsachen aus, die Rander und Parker unbekannt waren?
»Hören Sie genau zu«, meinte Hodgers kühl, »wenn Sie irgendwelche Dinge verschweigen, die zur Aufklärung eines Verbrechens dienen können, sind Sie reif! Sie als Jurist, Mister Rander, müßten das doch wissen.«
»Wir landeten nacheinander in der See«, wiederholte Rander noch mal.
»Oder fühlen Sie sich etwa unter Druck gesetzt?« fragte Hodgers, plötzlich das Thema wechselnd.
»Von wem?« wollte der Anwalt wissen.
»Von irgendwelchen Leuten«, sagte Hodgers vage, »denken Sie mal genau nach!«
»Gibt es auf Key West Leute, die harmlose Touristen unter Druck setzen könnten?« erkundigte sich Rander naiv.
»Dann nicht, lieber Leser«, meinte Hodgers böse, »ich habe das Gefühl, daß Sie mir die Würmer aus der Nase ziehen wollen. Wie lange werden Sie in Key West bleiben?«
»Mein Urlaub endet erst in zehn Tagen«, erwiderte Rander, »und diese Zeit werde ich nutzen. Lassen Sie mich wissen, wenn die Küstenwache das Boot gefunden hat! Dann reden wir weiter, und Sie werden sehen, daß sich an Bord unserer Jacht nichts, aber auch gar nichts abgespielt hat.«
Womit er tatsächlich die Wahrheit sagte. Denn an Bord der Jacht, die Parker für seinen Herrn gemietet hatte, war nichts passiert. Den Ärger hatte es ja erst auf der seeuntüchtigen Jacht mit der Seenixe gegeben.
Rander und Parker durften die Polizeistation verlassen, wobei Rander selbstverständlich ein schlechtes Gewissen hatte. Eben, weil er Jurist war. Natürlich hatte er Hodgers wichtige Dinge verschwiegen. Aber das nur, um schneller an jene Leute heranzukommen, denen er seine Rechnung unter die Nase halten wollte.
Vor der Polizeistation wartete Sue Weston im gemieteten Wagen. Parker hatte sein hochbeiniges Monstrum in Chikago zurückgelassen, da sein junger Herr nur einen ausgesprochenen Angelurlaub machen wollte. Für die kleineren Fahrten an Land war ein Kombi-Chrysler gemietet worden.
»Ging alles gut?« fragte Sue, als Rander und Parker einstiegen.
»Sehr gut«, erwiderte Rander trocken, »Hodgers hatte natürlich Lunte gerochen, was nicht sonderlich schwer war. Er wird uns mit Sicherheit auf den Fersen bleiben.«
»Ob er weiß, daß sich hier an der Küste Rauschgiftschmuggler betätigen?«
»Sehr wahrscheinlich.« Rander zündete sich eine Zigarette an, »daher wohl auch sein Auftauchen hier. Er hatte wohl Sorge, daß wir seine Kreise stören.«
»Oder dürfte vermuten, Sir, daß Sie und meine bescheidene Wenigkeit in diesem häßlichen Geschäft tätig sind!«
»Das kann natürlich auch sein«, meinte Rander lächelnd, »ich denke, ein Mann wie Hodgers traut noch nicht mal sich selbst. Aber das soll nicht unser Bier sein, Parker. Stellen wir erst mal fest, wem die ›Suzy‹ gehörte, Daraus lassen sich ja wohl Schlüsse ziehen.«
Während sie sich unterhielten, steuerte Sue Weston das kleine Hotel an, in dem sie abgestiegen waren. Es befand sich in der Nähe des Jachthafens und bot jenen Komfort, den man gewohnt war. Rander, Parker und Sue wohnten in einem einstöckigen Nebengebäude dieses Hotels, zum großen Garten hinaus.
Auf dieses Nebengebäude gingen sie nach der Autofahrt zu, ahnungslos und sich keineswegs bewußt, daß sie bereits auf der Abschußliste gewisser Leute standen, von denen Captain Hodgers gesprochen hatte.
*
»Natürlich werden, sie gequasselt haben«, sagte etwa zu dieser Zeit ein gewisser Ben Madson, »und dazu wär’s erst gar nicht gekommen, wenn ihr sofort reinen Tisch gemacht hättet.«
Madson, etwa vierzig Jahre alt, groß, sportlich und austrainiert wirkend, mit glattem Gesicht und einem flotten Bärtchen, das ihm das Aussehen eines kultivierten Piraten verlieh, sah die beiden Männer gereizt an.
Diese beiden Männer waren mit denen identisch, die Rander und Parker in den Golf von Mexiko geschickt hatten. Sie hießen Joe Crowl und Hale Nostway. Sie waren beide etwa dreißig Jahre alt, mittelgroß und schlank. Sie sahen durchschnittlich aus und wirkten keineswegs wie ausgekochte Gangster. Man hätte sie für untere Angestellte halten können.
Was sie in Wirklichkeit ja auch waren. Sie waren Festangestellte eines Unternehmens, das sich auf den Import von Rauschgiften aller Art spezialisiert hatte.
Madson war so etwas wie ein Abteilungsleiter des Unternehmens, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Er leitete die Schmuggel-Unternehmungen hier am Küstenabschnitt und war seinem Chef verantwortlich, den er noch nicht mal kannte. Er verkehrte mit ihm nur per Telefon und war sich sicher, daß dieser Chef irgendein hohes oder bekanntes Tier in der Gesellschaft sein mußte.
Madson war gewiß neugierig zu erfahren oder herauszubekommen, wer dieser Chef war. Aber es blieb bei diesem Wunsch. Madsons Vorgänger hatte ähnliche Neigungen entwickelt und war neugierig geworden.
Inzwischen war er mit größter Wahrscheinlichkeit von einigen Haien zerfetzt worden. Seit etwa drei Monaten war er spurlos verschwunden, nachdem er einen Bootsausflug auf See unternommen hatte, zu dem der Chef ihn befohlen hatte.
Die Küstenwache hatte später das Boot, oder besser gesagt, die Reste dieses Bootes gefunden. Ohne Insassen. Der Unglücksfall, wie man ihn genannt hatte, war zu den Akten genommen worden.
Madson hatte die Scheinfirma übernommen, die sein Vorgänger geleitet hatte. Es handelte sich um einen Laden, in dem man alles zur Ausrüstung für ein Boot bekam. Von der tropenfesten Konserve über Messingschrauben bis hin zu reinen Bootsausrüstungen. Dieses Geschäft gehörte einem Mister Walt Peters, einem alten Mann, der sich mit der Zucht von Rosen und Orchideen befaßte. Ob er davon wußte, was in seiner Firma tatsächlich gespielt wurde, war zweifelhaft. Er ließ sich im Geschäft jedenfalls nie sehen, begnügte sich mit den monatlichen Abrechnungen.
»Ich habe schon mit dem Chef gesprochen«, redete Madson weiter, »er weiß bereits, daß die beiden Figuren wieder an Land sind. Ich kann nicht verstehen, wie sie das geschafft haben. Die Haie müssen Mittagspause gemacht haben.«
»Wir haben massenweise die Biester gesehen, als wir abhauten«, versicherte Crowl, »war’s nicht so, Hale?«
»Haie noch und noch«, sagte Hale Nostway, »aber was sagt der Chef, Madson? Sollen wir den Versuch wiederholen?«
»Selbstverständlich.« Madson nickte. »Diese beiden komischen Typen können euch ja sonst identifizieren. Und auch Jill! Macht so schnell wie möglich reinen Tisch! Aber so, daß die Polizei nicht unbedingt Verdacht schöpft.«
»Ein paar gezielte Schüsse sind immer richtig«, schlug Joe Crowl vor.
»Du Rindvieh«, schimpfte Madson, »dann stoßen wir die Bullen doch mit der Nase drauf! Nee, der Chef ist der Ansicht, daß ein Autounfall sich immer gut macht. Laßt euch was einfallen! Du, Hale, übernimmst die Verantwortung, damit wir uns richtig verstehen.«
*
Es war dunkel geworden.
Mike Rander, Josuah Parker und Sue Weston hatten den Anbau des Hotels verlassen, gingen durch den blühenden Garten, in dem es fast zu üppig nach Blumen roch, und steuerten das Haupthaus an, um zu Abend zu essen.
Sie hatten ihre Lage ausgiebig diskutiert und waren zu dem Schluß gekommen, daß sie seit ihrer Rettung zusätzlich gefährlich lebten. Parker hatte entwickelt, daß man Mike Rander und seine bescheidene Person so schnell wie möglich umbringen müsse, um Gegenüberstellungen oder Entdeckungen zu vermeiden. Parker war nicht der Ansicht, daß die Gangster dieses Problem auf normale Art und Weise erledigten. Sie würden seiner Ansicht nach auf laute oder gedämpfte Schüsse verzichten. Seiner Rechnung nach würden die Gangster etwas differenzierter Vorgehen.
Worin er sich nicht täuschen sollte!
Parker, Rander und Sue waren noch nicht ganz im Hauptgebäude des Hotels verschwunden, als die beiden Gangster Joe Crowl und Hale Nostway vor dem Anbau erschienen. Sie konnten sich ungeniert bewegen und kümmerten sich um den Miet-Crysler.
Sie erwiesen sich als geschickte Handwerker und Bastler. Sie entwickelten sogar Phantasie, wie sich später heraussteilen sollte. Nach etwa zehn Minuten hatten sie den Chrysler nach ihren Wünschen und Vorstellungen präpariert. Als sie gingen, durften sie mit ihrer Arbeit zufrieden sein.
Joe Crowl und Hale Nostway marschierten durch den Garten, überstiegen die niedrige Umfassungsmauer und stiefelten anschließend durch die malerische Altstadt in Richtung Schiffsausrüstungsladen, in dem sie dann verschwanden. Sie waren überzeugt, erstklassige Arbeit geleistet zu haben.
*
»Unserer Schätzung nach hatten die Gangster wenigstens drei bis vier Tonnen Rauschgift an Bord«, berichtete Mike Rander um diese Zeit seiner Sekretärin, »alles in Plastiksäcken verpackt. Sie arbeiteten wie die Akkordsklaven, um die Ware auf unser Boot umzuladen.«
»Während Mister Parker und Sie bereits im Wasser trieben?«
»Haargenau«, sagte Rander, »sie ließen uns sofort über Bord gehen. Bald darauf sackte dann die ›Suzy‹ ab. Die Explosion an Bord hatte ein böses Loch in die Bordwand der Jacht gerissen. Sie hatten schon Glück, diese Rauschgiftschmuggler. Ohne unser Aufkreuzen hätten sie ihre ganze Ware verloren.«
»Haben Sie herausbekommen, Mister Rander, wieso es zu dieser Explosion an Bord der ›Suzy‹ gekommen ist?«
»Ihnen muß die Methangasflasche für die Kombüse detoniert sein. Wir hörten es wenigstens so heraus.«
»Die Gangster werden inzwischen längst wissen, daß Sie und Mister Parker noch leben, nicht wahr?«
»Mit Sicherheit, Miß Weston.«
»Dann sollten Sie wirklich mit dem nächsten Mordanschlag rechnen.«
»Natürlich. Die Rauschgifthändler werden nicht lange fackeln. Hoffentlich behält Parker mit seiner Prognose recht. Gegen Schüsse aus dem Hinterhalt ist kaum ein Kraut gewachsen.«
»Mister Parker meint, daß man mit raffinierteren Methoden arbeiten wird.«
»Bestimmt. Schüsse würden hier an der Küste unnötig Staub aufwirbeln. Parker und ich rechnen mehr mit einem geschickt inszenierten Unfall. In dem Zusammenhang, Sue, sollten Sie Key West für ein paar Tage verlassen. Hier ist es für Sie zu gefährlich.«
»Hier bin ich sicherer«, widersprach Sue prompt, »die Schmugler müssen doch damit rechnen, daß ich inzwischen eingeweiht worden bin. Also werden sie auch mich überwachen. Würden sie mir auch folgen, wenn ich Key West verlasse? Was haben Sie, Mister Rander?«
Mike Rander, der anfangs zustimmend genickt und zugehört hatte, nahm ruckartig den Kopf herum und sah hinüber in die Hotelhalle. Er schien dort ein bekanntes Gesicht entdeckt zu haben.
»Da ist das Mädchen«, sagte Rander, ohne die Seenixe aus den Augen zu lassen. Die junge Dame mit den langen, schlanken Beinen wurde gerade von einem älteren Herrn begrüßt und schickte sich an, zusammen mit ihm die Hotelhalle zu verlassen.
»Die Seenixe?« fragte Sue und wandte sich vorsichtig zur Hotelhalle um.
»Eindeutig!« erwiderte Rander, »sie wurde von den beiden Gangstern Jill genannt. Ein Irrtum ist ausgeschlossen. Warten Sie hier, Sue! Ich muß wissen, wohin sie geht. Das ist eine brandheiße Spur.«
Bevor Sue protestieren konnte, war Rander schon aufgestanden und ging schnell hinüber in die Hotelhalle.
Vielleicht etwas voreilig, wie sich später heraussteilen sollte.
*
Parker stand abwartend vor dem Schiffsausrüstungsladen und beobachtete die beiden Wohnfenster über dem Ladenlokal, hinter denen gerade Licht aufgeflammt war.
Die Bastler, die sich am Chrysler zu schaffen gemacht hatten, mußten demnach direkt hinaufgegangen sein. So etwa dachte Josuah Parker, der den beiden Handwerkern einen Besuch abstatten wollte.
Er hatte ihnen natürlich einige harte Fragen zu stellen und wollte zum Beispiel herausfinden, für wen sie das Marihuana transportierten.
Parker hatte keine Schwierigkeiten, die Tür zum Laden zu öffnen. Das ging bei ihm wie geschmiert. Er besaß nämlich ein Spezialbesteck, das im Grunde an den Set eines Pfeifenrauchers erinnerte. Mit diesen Kleinstgeräten aber war er in der Lage, selbst komplizierte Yale-Schlösser aufzusperren.
Wie sich gerade wieder mal gezeigt hatte.
Parker betrat leise den großen Raum, der bis zur Decke mit Waren aller Art vollgestopft war. Schon nach den ersten Schritten hatte er das Gefühl, daß irgend etwas nicht stimmte. Seine innere Alarmanlage sprach bereits leise an.
Entsprechende Vorsicht ließ Parker walten.
Er ging an der langen Verkaufstheke entlang, warf einen Blick in das kleine Büro, das hinter einem Perlschnurvorhang zu sehen war, und interessierte sich anschließend für eine Treppe, die hinunter in die Kellerräume führte.
Er fragte sich, wie er die Prioritäten setzen sollte. Zuerst die beiden Bastler, oder aber eine Inspektion der Kellerräume?
Er entschied sich für die Gangster. Hatte er sie erst mal außer Gefecht gesetzt, dann konnte er sich im Haus in aller Ruhe umsehen.
Inzwischen kam seine innere Alarmanlage immer mehr auf Touren.
Parker blieb an der Treppe, die hinauf ins Obergeschoß führte, stehen und sog die Atmosphäre förmlich in sich hinein. Er nahm Witterung wie ein Jagdhund. Er hatte plötzlich das deutliche Gefühl, sehnsüchtig erwartet zu werden.
*
Der ältere Herr und die Seenixe namens Jill lustwandelten hinunter zur Strandpromenade.
Mike Rander blieb ihnen diskret auf den Fersen und studierte vor allen Dingen den älteren Herrn, den er inzwischen auf etwa sechzig Jahre geschätzt hatte.
Er sah noch gut aus, war schlank und hielt sich gerade. Er hatte schlohweißes Haar, was ihm erstaunlich gut stand. Auch der Schnauzbart auf der Oberlippe war von dieser Farbe. Der ältere Herr erinnerte Rander an einen pensionierten englischen Überseemajor, wie er in Boulevardkomödien so gern gezeigt wird.
Jill, die mörderische Seenixe, schien sich mit ihrem Begleiter gut zu verstehen. Rander hörte sie mehrfach auflachen. Und sie hatte auch nichts dagegen, daß der ältere Herr häufig seinen Arm um ihre Schultern legte.
Auf einem Parkplatz trennten sie sich.
Jill hauchte dem älteren Herrn einen leichten Kuß auf die Wange und wartete, bis er am Steuer eines Mercedes Platz genommen hatte.
Rander prägte sich das Kennzeichen ein. Er war sicher, diesen Mercedes leicht wiederzuerkennen. Wagen dieses Typs wurden in dieser Gegend nicht gerade häufig gefahren.
Jill winkte dem davonfahrenden Wagen nach und schlenderte dann langsam und offensichtlich versonnen hinüber in die Altstadt, die um diese Zeit ziemlich belebt war. Das obligate warme Nachtwetter hatte die Touristen aus ihren Quartieren gelockt.
Jill schien inzwischen die Lust am weiteren Herumspazieren verloren zu haben. Sie steuerte auf eine weißgekalkte, mannshohe Ziegelmauer zu, in die eine kleine Pforte eingelassen war.
Sie öffnete diese Pforte und verschwand in einem üppig wuchernden Garten, der hinter der geöffneten Tür kurz zu sehen war.
Rander blieb stehen und orientierte sich. Die Mauer schloß sich an ein zweistöckiges Haus an, das im spanischen Kolonialstil erbaut war. Dieses Haus machte einen gepflegten, aber gleichzeitig auch abweisenden Eindruck.
Rander schlenderte an die Mauerpforte heran, die zu seiner Überraschung nur angelehnt war.
Jetzt hätte er eigentlich stutzig werden müssen. Die Pforte wirkte zu einladend, sie bot sich ihm förmlich und aufdringlich an.
Im Gegensatz zu seinem Butler schrillten in ihm keine Alarmsirenen.
Rander drückte die Pforte so weit auf, daß er in den Garten schlüpfen konnte. Und blieb stehen, als er Stimmen hörte, von denen eine mit Sicherheit Jill gehörte.
Auf Zehenspitzen pirschte Rander sich an die Stimmen heran. Wobei er dummerweise, einige Kleinigkeiten übersah.
*
Josuah Parker wurde von seinem Gefühl keineswegs getrogen.
Er wurde tatsächlich sehnsüchtig erwartet.
Und zwar von einem Axtstiel, der auf die Zweitausgabe seiner Melone hinunterdonnerte.
Was den Butler derart beeindruckte, daß er erst mal benommen in die Knie ging, um sich dann äußerst korrekt auf dem Boden auszustrecken. Er verlor wie zugegeben werden muß, die Besinnung.
Hinter ihm tauchte Joe Crowl auf und holte zu einem zweiten Schlag mit dem Axtstiel aus.
»Wahnsinnig, was?« Hale Nostway fiel ihm in den Arm, »das reicht doch vollkommen. Los, bring den Strick her!«
Joe Crowl und Hale Nostway, die sich hinter der Verkaufstheke verborgen hatten, entwickelten sehr viel Betriebsamkeit. Als Männer, die auf der See zu Hause waren, fielen ihnen die notwendigen Knoten nicht sonderlich schwer. Innerhalb weniger Minuten glich Josuah Parker einem gut verschnürten Rollschinken.
Er war inzwischen wieder zu sich gekommen, hütete sich aber, das zu zeigen. Viel hatte er im Grunde nicht abbekommen, denn die\stahlblechgefütterte Melone hatte die Wucht des Schlages gut pariert.
Parker besaß einige dieser Spezialanfertigungen, da sein Verbrauch an Melonen recht stark war. Er bekam sie, wenn man so will, im Dutzend billiger.
Crowl und Nostway schleppten den Butler aus dem Ladenlokal hinüber in das Lager der Schiffeausrüstungsfirma. Hier betteten sie ihn auf eine Kiste, um sich dann zufrieden eine Zigarette anzuzünden. Sie durften sicher sein, erstklassige Arbeit geleistet zu haben.
Parker war inzwischen ein Licht aufgegangen.
Er war einem raffiniert ausgedachten Bluff zum Opfer gefallen. Die beiden Gangster hatten wohl damit gerechnet, daß er auf ihren Besuch gewartet hatte. Diesen Umstand hatten sie sich zunutze gemacht und so getan, als würden sie den Wagen präparieren. Doch das alles war nichts als Show gewesen, um ihn in diese Falle zu locken.
Parker konnte den beiden Gangstern seine Achtung nicht versagen. Er mußte sich eingestehen, daß er etwas zu leichtsinnig und zu oberflächlich gehandelt hatte.
Während Crowl neben Parker stehenblieb, ging Nostway ans Telefon, wählte eine Nummer und nannte dann knapp seinen Namen.
»Alles gelaufen«, meldete er, »wie geplant. Der Trottel ist prompt aufgekreuzt. Wie? Okay, Chef, wird sofort erledigt. Wir schnappen uns jetzt noch die Puppe. Kann ja wohl nicht besonders schwer sein. Bis gleich!«
Mit Puppe konnte nur Miß Westen gemeint sein, sagte sich Parker, der aufmerksam zugehört hatte. Er wunderte sich aber darüber, daß von seinem jungen Herrn nicht gesprochen wurde.
Was ihm gar nicht sonderlich behagte.
*
Mike Rander war zu dieser Zeit bereits restlos ausgeschaltet worden.
Sein Kopf dröhnte wie eine stark mißhandelte Kesselpauke. Leider sah er sich außerstande, nach der sich am Hinterkopf ausbildenden Beule zu tasten. Das lag an den soliden Stricken, mit denen man ihm die Hände auf dem Rücken zusammengeschnürt hatte.
Der Anwalt befand sich in einem engen Keller, dessen Fenster von einer Blende fest verschlossen waren. Unter der Decke brannte eine trübe Glühbirne.
Rander wußte jetzt, welche Kleinigkeiten er übersehen hatte. So zum Beispiel die viel zu lauten Stimmen, die ihn gelockt hatten. Oder das Rascheln von blühenden Zweigen seitlich am Kiesweg. Oder das Stück Kabel, das seinen Kopf getroffen hatte.
Rander hob vorsichtig den Kopf, als vor der Kellertür Schritte zu hören waren. Wenig später wurde sie geöffnet. Ein Mann, der wie ein kultivierter Pirat aussah, baute sich vor dem auf dem Boden sitzenden Anwalt auf.
Es war Madson, der seine Beute in Augenschein nehmen wollte. Er lächelte mokant.
»Es gibt ’ne Überschläue, die wie ein Bumerang wirkt«, sagte er grinsend, »sind Sie gar nicht auf den Gedanken gekommen, daß die Frau nur als Lockvogel aufgekreuzt ist?«
»Jeder macht mal einen Fehler«, erwiderte der Anwalt achselzuckend.
»Fehler können tödlich sein.«
»Ich weiß.« Rander nickte. »Ich kann mich noch sehr gut an das Bad im Golf erinnern.«
»Wir werden einen zweiten Fehler vermeiden«, stellte Madson fest und ließ erneut seine schneeweißen Zähne im braunen Gesicht sehen.
»Sie wollen mich also umbringen?«
»Was dachten Sie denn, Rander? Mitwisser können wir in unserer Branche nicht brauchen!«
»Sind Sie der Chef der Rauschgiftschmuggler?«
»Ich habe nichts gegen diese Behauptung. Nennen Sie mich, wie Sie wollen! Ich möchte eigentlich nur wissen, wie Sie den Haien entwischt sind. Das interessiert mich ehrlich. Das grenzt eigentlich an ein Wunder.«
»Wenden Sie sich an meinen Butler«, gab Rander zurück, »der ist für diese Dinge zuständig.«
»Wird geschehen.«
»Sie … Sie haben ihn auch? Ich meine, Sie haben ihn ebenfalls erwischt?«
»Konzertierte Aktion, wenn Sie diesen Ausdruck kennen. Stammt aus Europa … Ich glaube aus Deutschland! Ihr Butler sitzt bereits eisern fest.«
»Das wundert mich«, murmelte Rander betroffen. Er glaubte sofort, was Madson sagte.
»Warum fragen Sie nicht nach Ihrer Freundin?« erkundigte sich Madson anzüglich.
»Meine Sekretärin«, korrigierte Rander sofort.
»Das vielleicht auch«, sagte Madson lächelnd.
»Nun gut, ich frage nach Miß Weston. Jetzt zufrieden?«
»Sie wird gerade eingefangen«, erklärte Madson, »und Sie dürfen sicher sein, daß wir sie in spätestens dreißig Minuten an der Leine haben werden!«
*
Sue Weston war unruhig geworden.
Sie stand auf und wollte hinüber in die Hotelhalle gehen, als ein Page mit einem Schild durch die Bar ging, auf der ihr Name stand. Sie wurde laut Aufschrift am Telefon verlangt.
Sue dachte sofort an ihren Chef und folgte dem Pagen in die Halle. Der Mann hinter der Rezeption wies ihr die Telefonzelle Nummer 3 an.
Im Gegensatz zu Rander und Butler Parker fiel Sue Weston eine bestimmte Kleinigkeit auf.
In Höhe der Sprechzellen, die sich in einem Nebengang der Halle befanden, stand ein junger Mann und blätterte ausgiebig und sehr betont in einer Zeitung. Er sah noch nicht mal für den Bruchteil einer Sekunde hoch oder nahm mit den Augen Maß.
Was Sue eigentlich gewohnt war.
Sie war sich ihrer Attraktivität durchaus bewußt. Sie wußte, daß Männer ihr liebend gern nachsahen, sie abschätzten, oft auch mit Blicken abtasteten.
Warum tat es dieser Mann nicht?
Ein zweiter Mann, dem ersten fast ähnlich, befand sich, in der Telefonzelle Nummer 2 und sprach angelegentlich. Er sah Sue zwar an, doch auch in seinen Augen war nichts zu lesen. Er schien wie der andere junge Mann an der Weiblichkeit völlig desinteressiert zu sein.
Jetzt wußte Sue Bescheid.
Von Parker und Rander hatte sie von der Existenz zweier Gangster gehört. Sie waren ihr auch beschrieben worden. Diese Beschreibung deckte sich in etwa mit dem Aussehen dieser beiden Männer.
Sue ging zwar ruhig weiter, als sei sie ahnungslos, doch sie überlegte blitzschnell, wie sie der geplanten Zangenbewegung entkommen konnte. Sie durfte davon ausgehen, daß die beiden Männer, falls sie Gangster waren, bestimmt nicht schießen würden.
Sie handelte, wie ein gewisser Butler es sie gelehrt hatte.
Sue öffnete ihre kleine Handtasche und nahm den Parfümzerstäuber hervor, der nicht größer war als ein Feuerzeug. Sie ließ ihn so in der Hand verschwinden, daß er nicht zu erkennen war. Dann spielte sie etwas Ärger und Verzweiflung, knipste immer wieder und schüttelte dann ärgerlich den Kopf, als würde das Feuerzeug nicht funktionieren.
»Können Sie mir helfen?« fragte sie den jungen Mann, der in der Zeitung blätterte, »mein Feuerzeug funktioniert nicht.«
Während sie sprach, präsentierte sie ihm das angebliche Feuerzeug und drückte auf den Kolben des Zerstäubers.
Worauf der junge Mann plötzlich nichts mehr sah. Chanel Nr. – liebkoste seine Augen und Tränendrüsen, die daraufhin derart gerührt waren, daß sie wahre Fluten von Tränen produzierten.
Sue trat zielsicher mit dem linken Schuh gegen das Schienbein des Mannes und widmete sich dem zweiten Mann aus Sprechzelle Nummer 2.
Dieser Typ hatte gerade erst erlebt, was seinem Partner passiert war. Er kam eilig, vielleicht etwas zu eilig, aus seiner Zelle, um eine Hilfsaktion zu starten.
Doch er hatte sicher nicht mit der Cleverness von Sue Weston gerechnet.
Sie warf dem verdutzen Mann die Handtasche ins Gesicht, worauf er die Übersicht verlor. Sue nutzte die Verwirrung des Mannes, um mit ihrem linken Fuß das rechte Bein des Mannes anzulüpfen.
Worauf verständlicherweise gewisse Gleichgewichtsstörungen zu verzeichnen waren. Der Mann ging aus der Senkrechten in eine angedeutete Waagerechte und landete dann verdutzt auf dem Boden.
Sue riß ihre Bluse am Hals auf, sorgte für ein verwegenes Dekolleté, verschob leicht ihren Rock und lief zurück in die Halle.
Wobei sie keuchend und gekonnt entsetzt um Hilfe rief.
*
Es war schon beachtlich, was sich daraufhin ereignete.
Sue, ein Bild der geschändeten Unschuld, aktivierte ein gutes Dutzend Männer, die darauf brannten, dieser reizenden Dame beizustehen.
Sie glichen in ihrer Kompaktheit einer Dampfwalze, die auf die beiden Männer zurollte, vernichtend, alles niederbügelnd.
Die beiden Gangster hatten sich von ihrer Überraschung noch nicht ganz erholt, als die Dampfwalze sie erreichte.
Sue, diskret die zerrissene Bluse ordnend, gekonnt schluchzend, vor Entrüstung bebend, sich imaginären Tränen abtrocknend, schaute zu, wie die Dampfwalze arbeitete.
Sie sah einen Wirbel von Fäusten und Armen. Sie hörte Schreie, Stöhnen und Ächzen. Und sie hoffte nur, daß ihr Instinkt richtig gewesen war. Hoffentlich wurden da nicht zwei völlig unschuldige Männer verprügelt!
Was erfreulicherweise dann doch nicht der Fall war.
Nach drei Minuten – in der Ferne war bereits das Sirenengeheul eines Polizeistreifenwagens zu hören – löste sich die Dampfwalze auf und gab ihre beiden Opfer frei.
Die beiden Männer saßen total benommen auf dem Boden und heulten still in sich hinein. Die Kleidung hing ihnen in Fetzen an den leicht mißhandelten Körpern herunter, während einige Mitglieder der Dampfwalze stolz zwei Schußwaffen zeigten, die sie den Angeschlagenen abgenommen hatten.
Nur das Erscheinen zweier Streifenbeamten verhinderte eine weitere Prügelei.
Handschellen klickten.
Sue schluchzte immer noch, als die beiden Kerle abgeführt wurden. Eine Schar stolzer Matadoren geleitete sie zum Lift, Männer, die stolz darauf waren, einer unschuldigen kleinen Frau geholfen zu haben.
*
Sue Weston stand vor der Polizeistation und wartete ungeduldig auf das Erscheinen eines ganz bestimmten Mannes, den sie allerdings nicht kannte, von dem sie noch nicht mal wußte, wie er aussah.
Sie hatte das Hotelzimmer verlassen und ganz bewußt darauf verzichtet, sich von der Polizei verhören zu lassen. Die Sekretärin hatte sich sehr schnell umgekleidet und sich weiterhin die Freiheit genommen, über die Personaltreppe aus dem Hotel zu verschwinden.
Sie ging von der Voraussetzung aus, daß die Hintermänner der beiden verprügelten Gangster etwas unternehmen würden. Vielleicht erschien ihr Chef, der bestimmt hier in Key West als angesehener Privatmann lebte. Vielleicht schickte dieser Mann aber auch einen Anwalt, um die beiden Männer gegen Kaution loszueisen. Nach etwa dreißig Minuten war es tatsächlich soweit.
Vor der Polizeistation erschien ein Mustang, dem ein untersetzter, korpulenter Mann entstieg, der eine Aktenmappe unterm Arm trug und halbamtlich wirkte.
Das mußte ein Anwalt sein, wie sie sich sagte.
Sie verließ die Sträucher gegenüber dem Gebäude, überquerte die Straße und warf einen schnellen, aber gekonnten Blick ins Innere des Wagens. An der Steuersäule befand sich die Zulassung. Demnach gehörte der Straßenkreuzer einem gewissen Herman Pentlick. Die genaue Adresse war ebenfalls vorhanden.
Sue Weston durfte es natürlich nicht riskieren, sich in der Polizeistation sehen zu lassen. Vorerst mußte sie anonym bleiben. Sie setzte auf ihre Herman-Pentlick-Karte und schaute sich nach einem Taxi um.
Sie hatte Glück und fand einen entsprechenden Wagen an der übernächsten Straßenecke.
»Kennen Sie zufällig einen Anwalt Pentlick?« erkundigte sie sich, während sie einstieg.
»Klar.« Der gemütliche Fahrer nickte.
»Dann zu ihm«, bat sie und schloß die Wagentür.
»Sie sind fremd hier in Key West?« fragte der Fahrer, als er losfuhr.
»Tourist«, erwiderte Sue. »Hätte ich sonst Mister Pentlick kennen müssen?«
»Nicht unbedingt«, erklärte der Fahrer, »ich will mir ja nicht gerade den Mund verbrennen, Miß, aber wir haben auch noch andere Anwälte in der Stadt.«
»Oh!« Sue tat beeindruckt, »ist Mister Pentlick nicht gut?«
»Erstklassig. Vielleicht zu gut! Passen Sie auf, was immer Sie auch mit ihm abwickeln müssen! Aber ich will nichts gesagt haben!«
Das Trinkgeld, das Sue dem Fahrer zusteckte, fiel sehr reichlich aus. Sie hatte halten lassen und erklärt, sie würde sich die Konsultation noch mal überlegen. Dann wartete sie, bis der Wagen verschwunden war.
Zu Fuß ging sie weiter und erreichte schließlich das Haus, in dem sich Wohnung und Kanzlei von Herman Pentlick befanden. Es handelte sich um ein stattliches, altes Gebäude, das Seriosität und Vertrauen ausströmte. Leider aber auch eine gewisse Verschlossenheit, womit Sue überhaupt nicht einverstanden war. Immerhin hatte sie die Absicht, noch vor Pentlicks Rückkehr im Haus zu sein.
*
Josuah Parker war damit einverstanden, daß man eine große Segeltuchplane über ihn deckte.
Die Herren Crowl und Nostway hatten ihn ins Lager der Firma geschafft und sich dann verabschiedet. Parker war allein und hatte Zeit und Gelegenheit, etwas für seine Befreiung zu unternehmen. Er hatte nämlich keineswegs die Absicht, still und ruhig zu bleiben. Vielleicht, weil er sehr genau wußte, was ihn erwartete.
Parker, dessen Hände auf dem Rücken zusammengeschnürt waren, war es fast schon peinlich, wie schnell seine Hände wieder frei waren. Gewiß, er war kein Entfesselungskünstler in der Art des sagenumwobenen Houdini, aber er besaß dafür Spezialschuhe, deren Besonderheiten in den Absätzen lagen.
Diese Absätze enthielten in der ganzen Breite eine Art Einlage aus einem Spezialstahl. Diese Einlage ließ sich sehr leicht herausdrücken. Zu diesem Zweck brauchte Parker nur auf der Innenseite des Absatzes eine kleine Sperre zu lösen. Durch Federdruck sprang dann der Spezialstahl nach außen und bot irgendwelchen Hindernissen seine Sägezähne.
Wie gesagt, Parker war es schon fast peinlich, wie schnell seine Hände wieder frei waren. Es dauerte höchstens drei Minuten, bis er es geschafft hatte. Anschließend löste er gewissenhaft die Stricke, die seine Füße zusammenhielten und erhob sich.
Ob er tatsächlich allem im Haus war, wußte er nicht. Ihm war nur bekannt, daß die beiden Herren Joe und Hale weggegangen waren. Sie hatten sich ausgiebig bei ihren Vornamen genannt. Ebenfalls ein Zeichen dafür, daß sie eine Maßnahme mit ihrem Gefangenen anstrebten, die eine spätere Nennung der Namen unmöglich machte.
Parker lauschte hinauf ins Obergeschoß. Um aber völlig sicher zu sein, sah er sich anschließend in den oberen Räumen um, ohne Verdächtiges zu entdecken. Er fand zwei kleine Schlafräume, in denen offensichtlich die Herren Joe und Hale wohnten. Dann ein größeres Apartment, diverse Toiletten- und Baderäume und schließlich in einem Seitenraum eine Art Arbeitszimmer.
Die Post und Geschäftsbriefe auf dem Arbeitstisch verrieten ihm, daß der Geschäftsführer ein gewisser Ben Madson sein mußte, der den Schiffsausrüstungsladen leitete.
Parker stieg zurück in den Laden und untersuchte die Kellerräume, woran man ihn vor knapp einer Stunde gehindert hatte. Wie zu erwarten, fand er hier selbstverständlich nicht die Spur von Rauschgift. Die Gangster hatten ihre Schiffsladung an anderer Stelle untergebracht.
Parker überlegte, ob er auf die Rückkehr der beiden Gangster Joe und Hale warten sollte. Sie waren unterwegs, die Puppe abzuholen, im Klartext also wohl Sue Weston. Es war gewiß zu spät, Sue zu warnen. Entweder war sie den beiden Männern bereits ins Garn gegangen, oder sie hatte es geschafft, die Burschen nachdrücklich abzuschütteln. Wie die Dinge ausgegangen waren, erfuhr Parker am besten von den beiden Gangstern, die hierher zurückkehren würden. Also blieb Parker und machte es sich im Ladenlokal bequem, nachdem er einige Vorbereitungen zum Empfang der Gangster getroffen hatte.
*
Herman Pentlick war ahnungslos.
Er öffnete die Tür zu seinem Haus und schloß sehr sorgfältig wieder ab. Dann marschierte er durch den Korridor, vorbei an den Türen seiner Kanzlei und betrat seinen Wohnraum, dessen Terrassentür hinaus in einen Innenhof führten.
Pentlick warf seine Aktenmappe auf einen Sessel, mixte sich an der Hausbar einen Drink und wirkte dabei überraschend nervös. Er trank das Glas in einem Zug leer und bemühte sich dann um seinen Telefonapparat. Er wählte eine Nummer und zog förmlich den Kopf ein, als die Gegenseite sich meldete.
»Hören Sie«, sagte Pentlick schnell, wobei er atemlos wirkte, wie nach einer schweren Anstrengung. »Hören Sie, Fehlanzeige auf der ganzen Linie. Lassen Sie mich doch erst mal ausreden, Madson! Nein, nein, da war nichts zu machen. Dieses Mädchen war clever wie eine aus der Branche. Sie hat es geschafft, Joe und Hale wegen Belästigung in Tateinheit mit … Okay, dann eben Klartext, Sie hat Crowl und Nostway hereingelegt. Raffiniert, wie ich zugeben muß. Als ich von einer Kaution redete, warf die Polizei mich fast raus. Natürlich werde ich sofort Kontakt mit dem Staatsanwalt aufnehmen. Und mit dem Richter. Hören Sie, ich weiß verdammt genau, was ich tun muß. Dazu bin ich ja schließlich Anwalt, aber wenn Ihre Leute sich so dämlich benehmen und aufs Kreuz legen lassen, dann ist das schließlich nicht meine Schuld.«
Pentlick hörte jetzt einen Moment zu.
»Ich rufe Sie umgehend an, sobald ich mehr weiß«, schloß er dann, »aber geben Sie mir bloß nicht die Schuld! Okay, ich komme zu Ihnen und berichte von den Einzelheiten. Bis gleich!«
Pentlick mixte sich einen zweiten Drink und übersah erneut eine gewisse Sue Weston, die sich diskret zurückzog, als Pentlick den großen Wohnraum verließ.
Wenig später war das viel zu laute Aufrauschen eines Automotors zu hören. Pentlick schien unter starkem Druck zu stehen, sonst hätte er die Maschine wohl pfleglicher behandelt.
Sue hatte erst gar nicht den Versuch gemacht, Pentlick zu folgen. Sie war ohne Wagen und konnte hier draußen im Vorort Von Key West auch kein Taxi auftreiben.
Sie wußte sich dennoch zu helfen, benutzte Pentlicks Telefon und rief die Auskunft an.
*
»Irgendwie nicht schlecht«, sagte Madson eine halbe Stunde später und grinste anerkennend, »hätte ich diesem Mädchen nicht zugetraut.«
»Sie sollten sich mal Crowl und Nostway ansehen«, berichtete Pentlick, »blaue Veilchenaugen – eingedrückte Nasen – Schürf- und Platzwunden … Sie sehen aus, als hätte man sie durch den Wolf gedreht!«
»Wann werden Sie sie rausholen können?« Pentlick lächelte schon nicht mehr.
»Spätestens in zwei Tagen, Madson«, antwortete Pentlick, »vielleicht schon früher, wenn Sie irgendein Druckmittel in der Hand haben, um diese Weston davon abzuhalten, Strafantrag zu stellen.«
»Hat sie das noch nicht getan?«
»Wie ich in der Polizeistation erfahren habe, ist sie einfach nicht aufzutreiben. Sie war plötzlich verschwunden, auch in ihrem Hotelzimmer war nichts von ihr zu sehen.«
»Eigenartig«, wunderte sich Madson, »aus Angst scheint sie bestimmt nicht weggelaufen zu sein. Das würde nicht zu ihr passen.«
»Finde ich auch. Hören Sie, Madson, wer sind diese drei Leute eigentlich? Dieser Anwalt, sein Butler und dieses Mädchen?«
»Wenn wir das wüßten!« Madson hob bedauernd die Schultern.
»Könnten Sie vom FBI sein?«
»Ausgeschlossen! Aber in ein paar Stunden wissen wir mehr. Ich habe mich mit einigen Freunden in Verbindung gesetzt. In New York und Chikago. Dort sind sie vielleicht bekannt.«
»Auf jeden Fall sollten Sie sehr auf der Hut sein«, warnte Pentlick eindringlich, »so neugierig wie diese drei Typen sind keine normalen Touristen. Es könnten vielleicht doch … Was ist das?«
Er verzichtete darauf, seinen Satz zu beenden. Er richtete sich steif auf und drehte seine Augen und Ohren hinauf zur Zimmerdecke. Was durchaus zu verstehen war, denn aus einem der oberen Räume war ein meckerndes, schallendes Grunzen zu hören, als leide eine ausgewachsene Ziege an einem Lachanfall.
*
Die Tür zu Miß Jills Schlafzimmer war nur angelehnt.
Madson brauste wie ein wildes Nashorn auf diese Tür zu und drückte sie vehement auf. Er wollte schließlich so schnell wie möglich erfahren, woher dieses aufreizende Lachen stammte, das so gar nicht in das menschenleere Obergeschoß paßte.
Selbstverständlich hielt er eine schußbereite Pistole in der Hand, die ihm aber überhaupt nichts nützte, als der Blumenkübel auf seinem Kopf landete.
Dieser Blumenkübel hatte vor dem senkrechten Absturz oben auf der Kante der nur angelehnten Tür gestanden. Beim hastigen Aufdrücken besagter Tür war er aus dem Gleichgewicht geraten und suchte sich einen neuen Standort.
Dieser Standort war Madsons Kopf.
Der Mann verdrehte die Augen und ging in die Knie. Er bildete für den nachstürmenden Pentlick ein Hindernis, über das der Anwalt um ein Haar gestolpert wäre.
Pentlick war kein Held.
Er zuckte und sprang zurück, kümmerte sich nicht weiter um seinen sehr privaten Klienten und rannte wieder zur Treppe. Hier blieb er stehen und beobachtete Madson, der sich nicht rührte.
Über dieser Szene lag und erklang das schallende und meckernde Lachen, das jetzt offensichtlich nach Schadenfreude klang. Dieses Lachen erstarb plötzlich.
Diese unheimliche, lastende Stille trieb Pentlick in eine Art Panik.
Mit einer Schnelligkeit, die man seiner Korpulenz auf keinen Fall zugetraut hätte, raste er wieder die Treppe hinunter, stolperte über einen Teppichläufer, raffte sich artistisch gekonnt auf und steuerte die Haustür an.
Als er sie erreicht hatte, kamen ihm doch Bedenken.
Was würde Madson sagen, wenn er später merkte, daß sein Begleiter sich so einfach abgesetzt hatte? Das konnte Ärger geben.
Pentlick blieb sichernd an der Tür stehen, kam aber zu keinem Entschluß. Angst kämpfte mit Zweckdenken. Er kannte Madson nur zu gut. Sich mit ihm querzulegen, bedeutete Gefahr auf der ganzen Linie.
Als er von oben her ein leises Stöhnen hörte, ermannte er sich und wieselte zurück zu Madson, der sich gerade mühsam aufrichtete und nach seinem Kopf griff.
»Warten Sie, ich hole Ihnen einen Drink«, sagte Pentlick hastig. Dabei sah er sich in Jills Zimmer um. Zu seiner Erleichterung war nichts zu entdecken, was ihn wieder in seine Angst hätte zurückjagen können.
»Lassen Sie!« Madson zog sich am Türrahmen hoch und faßte stöhnend nach seinem Kopf. Er war nur sehr schwach auf den Beinen. Der Blumenkübel mußte ihm hart zugesetzt haben.
»Ich habe schon das ganze Haus abgesucht«, behauptete Pentlick schnell, »nichts zu sehen. Ich kann mir nicht erklären, wer hier oben so gelacht hat!«
Madson griff nach der Schußwaffe und drückte sein Kreuz entschlossen durch. Dann machte er sich daran, Jills Zimmer zu durchsuchen. Er blieb plötzlich jäh stehen und bückte sich.
»Irgendwas gefunden?« Pentlick blieb in sicherer Entfernung hinter Madson stehen. Immerhin konnte Madson ja so etwas wie eine Zeitbombe gefunden haben.
Statt dessen hielt der Mann eine Art Ledersäckchen in der Hand, aus dem eine Kordel mit Griffring hervorragte.
»Vorsicht«, stieß Pentlick aus, als Madson nach diesem Griffring langte und ihn dann jäh aus dem Ledersäckchen zog.
Pentlick ging hinter einem Sessel in volle Deckung. Ihm war es gleichgültig, ob Madson das sah oder nicht. Splitterschutz war schließlich besser als unnötiger Mut.
Madson dachte übrigens nicht sehr viel anders.
Sein Mut hatte sich bereits dann erschöpft, daß er die Nylonschnur gezogen hatte. Zu weiteren Heldentaten wollte er sich auf keinen Fall aufraffen. Er warf jetzt das kleine Ledersäckchen weit von sich in den Raum hinein. Dann hechtete er hinter den nächstbesten Sessel und fiel dabei auf Pentlick, der entsetzt und überrascht aufquiekte.
Die beiden Helden drückten ihre Köpfe fest auf den Boden und schützten sie zusätzlich mit ihren hochgezogenen Oberarmen. Dann warteten sie auf die Detonation, mit der sie fest rechneten – die zu ihrer Überraschung allerdings ausblieb.
Drei, vier, fünf und schließlich zehn Sekunden verstrichen, ohne daß sich etwas tat.
Madson sah Pentlick bereits vorwurfsvoll an, und Pentlick schöpfte neue Hoffnung.
Bruchteile von Sekunden später aber zuckten Madson und Pentlick zusammen.
Statt der erwarteten Detonation brach plötzlich wieder das meckernde und unwiderstehliche Lachen los, laut, hemmungslos und zwerchfellmassierend.
Pentlick, im Grund ein durchaus ernster Mensch, wurde von diesem Gelächter sofort angesteckt. Er grinste und lachte lauthals mit.
Madson wollte zuerst nicht, doch dann stimmte er in die meckernde Atmosphäre ein. Er wälzte sich auf den Rücken, brüllte und prustete, massierte sich seine Magenpartie, strampelte mit den Beinen in der Luft herum und lachte.
*
Als Mike Rander vor der Tür seines kleinen Kellerbunkers Schritte hörte, richtete er sich auf.
Ihm wurde übel. Er dachte selbstverständlich sofort an seine Sekretärin Sue Weston. Nach Lage der Dinge war sie wohl inzwischen eingefangen worden. Damit waren sie dann komplett. Er, Parker und Sue befanden sich in der Hand der Rauschgiftschmuggler und durften sicher sein, so schnell wie möglich umgebracht zu werden.
Rander war verzweifelt, daß er von sich aus nichts dagegen unternehmen konnte. Ihm fehlten die Spezialabsätze seines Butlers.
Vorsichtig wurde die Tür geöffnet.
Zu Randers Überraschung erschien Jill in der Tür, ausgerechnet jene junge Frau, an deren Fersen er sich geheftet und die ihn in diese Falle gelockt hatte.
»Ich … Ich habe nicht viel Zeit«, sagte sie hastig. Dabei wandte sie sich halb zurück zur Tür, als befürchte sie, überrascht zu werden.
»Was kann ich für Sie tun?« erkundigte sich Rander höflich und verständlicherweise leicht zurückhaltend.
»Ich werde Ihnen helfen«, flüsterte sie ihm zu, »später … Wenn Madson gegangen ist.«
»Madson?«
»Der Mann, der sich mit Ihnen unterhalten hat.«
»Ist das der Chef der Giftschmuggler?« wollte Rander sofort wissen.
»Nur sein Stellvertreter«, erwiderte Jill, »aber das ist doch jetzt überhaupt nicht wichtig. Ich spiele nur zum Schein mit! Man hat mich in der Hand, verstehen Sie?«
»Kein Wort! Haben Sie wenigstens ein Messer mitgebracht?«
»Du lieber Himmel, das habe ich total vergessen. Warten Sie, ich bin gleich wieder zurück.«
Sie drehte sich um und eilte aus dem Kellerraum. Mike Rander sah ihr hoffnungsvoll, aber auch etwas mißtrauisch nach. Was bezweckte Jill mit diesem Besuch? Wieso hatte sie sich in den Keller gestohlen, um ihm eine im Grund banale Nachricht zu überbringen? Würde sie tatsächlich mit einem Messer zurückkommen?
Als Rander diesen Punkt erreicht hatte, hörte er von weit her einen schrillen Aufschrei, dann einen dumpfen Fall. Sekunden später ging dann auch noch das Licht aus. Die an sich schon trübe Glühbirne flackerte, erlosch, wurde wieder heller und erstarb schließlich.
Dann herrschte Stille. Eine Stille, die in seinen Ohren schon fast wieder unmenschlich laut war.
*
Parker vermißte die Rückkehr der beiden Herren Joe und Hale.
Seiner bescheidenen Ansicht nach mußten sie das Einfangen von Miß Weston längst geschafft haben, falls Sue Weston ihnen keinen Strich durch die Rechnung gemacht hatte. Was durchaus zu vermuten war, wie Parker sich hoffnungsfroh sagen durfte. Sue war eine gelehrige Schülerin, wie sich in der jüngsten Vergangenheit noch gezeigt hatte. Ihr Repertoire an Tricks und Einfällen konnte sich durchaus sehen lassen.
Parker spielte gerade mit dem Gedanken, sich zu entfernen, als er die Geräusche eines Autos hörte. Für einige Augenblicke leuchteten Scheinwerfer in das Ladenlokal hinein. Dann erfolgte das Zuschlägen von Wagentüren, dann hörte man Schritte. Wenig später wurde die Hoftür des Lagers geöffnet.
Wieder schnelle und energische Schritte.
Parker beobachtete bereits den Mann, der ihn an einen Seepiraten erinnerte. Er bewegte sich mit der Sicherheit eines Mannes, der in diesem Ladenlokal zu Hause war. Wahrscheinlich handelte es sich um Mister Madson, den Inhaber.
Dieser zwielichtige Typ steuerte die Segeltuchballen an, unter denen er verständlicherweise den Butler vermutete. Er schlug die Planen zur Seite und stutzte leicht, als er das nicht fand, was er erwartet hatte.
»Ich kann Ihre Enttäuschung durchaus verstehen«, ließ der Butler sich in diesem Moment vernehmen, »aber ich zog es vor, mich ohne fremde Hilfe zu befreien!«
Madson wirbelte herum und staunte Parker an.
Der Butler stand in der Tür, die das Ladenlokal mit dem Lager verband.
Er war waffenlos, wenn man von seinem Universal-Regenschirm einmal absah. Er schien mit einem Angriff überhaupt nicht zu rechnen. Er hielt nur ein Stück Schnur in der Hand, das sich nach oben zum Türrahmen hin verlief. Aber darauf achtete Madson nicht.
»Parker, nicht wahr?« fragte er überflüssigerweise, obwohl er sehr genau wußte, wen er da vor sich hatte.
»Mein Name ist in der Tat Parker … Josuah Parker«, erwiderte der Butler und lüftete höflich seine schwarze Melone.
Mit dieser Vorstellung gewann Madson seine Fassung zurück. Nach der Niederlage in seinem Haus brauchte er einen Ausgleich, ein Opfer, um sein erschüttertes Selbstvertrauen zurückzugewinnen.
Madson zerrte also seine Schußwaffe aus der Rocktasche und wollte schießen. Ohne jede Rücksicht auf etwaige Konsequenzen. Der Polizei gegenüber – dessen war er sicher – würde ihm schön eine passende Ausrede einfallen, was dann die im Ladenlokal liegende Leiche anbetraf.
Doch er kam zu keinem Schuß. Er kriegte seine Schußwaffe noch nicht mal aus der Tasche seines Jacketts heraus. Parker nämlich zog fast lässig an der Schnur, die sich nach oben zum Türrahmen hin verlor.
Worauf sich von der Decke des Lagers ein Fischernetz nach unten senkte. Schnell und zupackend, gnadenlos und vielmaschig.
Madson wurde völlig überrascht.
