Ein deutscher Diplomat in Persien - Wilhelm Litten - E-Book

Ein deutscher Diplomat in Persien E-Book

Wilhelm Litten

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Beschreibung

Im Jahr 1925 veröffentlichte Wilhelm Litten unter dem Titel "Persische Flitterwochen" seine Erinnerungen an seine Zeit in Persien. Wilhelm Litten, Dragoman (Dolmetscher) an der kaiserlichen Gesandtschaft in Teheran und später Konsul in Täbris schilderte als Zeitzeuge die Kriegswirren des Ersten Weltkrieges auf die noch junge Konstitutionelle Monarchie in Persien. Litten hatte Zeit seines Lebens an die "erweiterten Ausgabe" gearbeitet, ist aber vor der Veröffentlichung am 28. Januar 1932 in Bagdad verstorben. Das aus seinem Nachlass stammende Manuskript wird heute im Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes verwahrt. Die Veröffentlichung dieser erweiterten Fassung unter dem von Litten selbst gewählten neuen Titel "Schicksalsfahrten" kommt zwar etwas später als Litten geplant hatte, kommt aber nicht zur Unzeit. In Europa herrscht wieder Krieg. Wir erleben eine Zeitenwende. Litten schildert die Auswirkungen dieses Krieges aus der Perspektive eines deutschen Diplomaten in Persien. Persien hatte bereits vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges im Jahre 1906 eine dramatische Umwälzung erlebt, die Konstitutionelle Revolution. Die Konstitutionelle Revolution, die den Übergang von der absoluten zur konstitutionellen Monarchie bedeutete, brachte Persien eine liberale Verfassung europäischen Stils, mit bürgerlichen Freiheitsrechten, Volkssouveränität, Gewaltenteilung, und Wahlen zu einem Parlament, das seine eigenen Gesetze verabschieden konnte. Die Einführung eines säkulares Bildungssystem und der damit verbundenen gesellschaftlichen Wandel bildeten die Grundlage für den späteren wirtschaftlichen Aufstieg des Landes.

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Seitenzahl: 370

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Wilhelm Litten

Ein deutscher Diplomat in Persien

Wilhelm Litten

Wilhelm Litten

Ein deutscher Diplomatin Persien

Herausgegeben und bearbeitet von

Wolfgang von Keitz

Berlin 2026

Das Buch „Wilhelm Litten – Ein deutscher Diplomat in Persien“ ist ein Auszug aus einem Manuskript aus dem Nachlass von Wilhelm Litten, der im Februar 1914 als erste deutscher Konsul das Konsulat in Täbris einrichtete, und es am 28. Januar 1915 aufgrund des Einmarsches russischer Truppen im Verlauf des Ersten Weltkrieges wieder verlassen musste. Litten sollte Täbris nie wieder sehen. Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges übernahm er das Konsulat in Libau und ging 1928 an die Botschaft nach Bagdad. Dort verstarb er am 28. Januar 1932. Litten hat das Manuskript vor seinem Tod dem Gesandten von Hentig übergeben, mit der Bitte, es aufzubewahren und womöglich von dem Quellenmaterial Gebrauch zu machen. Der Gesandte von Hentig hat es dem Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes zur Aufbewahrung übergeben. Das Manuskript ist eine von Litten überarbeitete und ergänzte Fassung seines 1925 im Georg Stilke Verlages erschienen Buches „Persische Flitterwochen“. Der Text wurde an die neue Rechtschreibung angepasst. Die Bilder entstammen, soweit nichts anderes angegeben aus den „Persischen Flitterwochen.“

Mein Dank gilt Herrn Dr. Kieper vom Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes, der mich bei meinen Recherchen tatkräftig unterstützt hat.

© Copyright by Wolfgang von Keitz

Das Bild auf dem Umschlag zeigt das deutsche Konsulat in Täbris

Druck: epubli ‒ ein Service der neopubli GmbH, Berlin

Printed in Germany – Lektorat: Bärbel Mäkeler

Inhaltsverzeichnis

Vorwort des Herausgebers 9

Jugendjahre 14

Studienjahre 19

Dragoman in der Kaiserlichen Gesandtschaft in Teheran 25

Die Konstitutionelle Revolution 40

Mohammed Ali Schah wird abgesetzt 46

Chronologie der persischen Verfassungsgeschichte 51

Konsul in Täbris 52

Mobilmachung 68

Die Nachrichtenstelle für den Orient 80

Der Vertrauensmann 86

Untertürkischem Schutz 90

Die Sammlung der Geister 93

Russland erklärt dem Osmanischen Reich den Krieg 97

Unter amerikanischem Schutz 101

Russische Truppen im deutschen Konsulat 107

Russische Versprechen 111

Fluchtversuch nach Teheran 115

Rückführung und Internierung in Täbris 124

Deportation nach Tiflis 131

Panik der Russen in Täbris 134

Orlow lügt 142

Die russisch-englische Verständigung 149

Die Lage der Deutschen in Aserbaidschan 156

Jahreswechsel im amerikanischen Konsulat 161

Die Türken und Kurden kommen 167

Die Perser sind ein uraltes Kulturvolk 174

Täbris ist frei 180

Der Thronfolger kommt nach Täbris 186

Der Heilige Krieg findet nicht statt 190

Aserbaidschan ist eine persische Provinz 196

Die türkische Militärverwaltung in Täbris 203

Die militärische Lage 210

Russische Truppen besetzen Täbris erneut 224

Von Täbris über St. Petersburg nach Berlin 232

Ins Feld an die Westfront 237

Die Wiedereröffnung des deutschen Konsulats in Täbris 239

Das Ende des Kaiserreiches 242

Das deutsche Konsulat in Täbris  unter Beschuss 255

Nachtrag zum Tod von Kurt Wustrow 258

Vorwort des Herausgebers

Im Jahr 1925 veröffentlichte Wilhelm Litten unter dem Titel „Persische Flitterwochen“ seine Erinnerungen an seine Zeit in Persien. Wilhelm Litten, Dragoman (Dolmetscher) an der kaiserlichen Gesandtschaft in Teheran und später Konsul in Täbris schilderte als Zeitzeuge die Kriegswirren des Ersten Weltkrieges auf die noch junge konstitutionelle Monarchie in Persien. In seinem Vorwort schrieb Litten: „Der Erzählung liegt ein genau geführtes Tagebuch zugrunde. Aus naheliegenden Gründen ist leider fast ebenso viel, wie hier im Druck erscheint, weggelassen worden. Vielleicht kann es in späteren Jahren einmal in einer erweiterten Ausgabe wieder eingefügt werden.

Litten hatte Zeit seines Lebens an die „erweiterten Ausgabe“ gearbeitet, ist aber vor der Veröffentlichung am 28. Januar 1932 in Bagdad verstorben.

Das aus seinem Nachlass stammende Manuskript wird heute im Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes verwahrt. Die Veröffentlichung dieser erweiterten Fassung unter dem von Litten selbst gewählten neuen Titel „Schicksalsfahrten“ kommt zwar etwas später als Litten geplant hatte, kommt aber nicht zur Unzeit. In Europa herrscht wieder Krieg. Wir erleben eine Zeitenwende.

Was eine Zeitenwende, ausgelöst von einem Krieg in Europa bedeutet, ist den meisten von uns nicht wirklich klar. Dies war vor mehr als 100 Jahren nicht anders, als der Erste Weltkrieges ausgebrochen war. Niemand konnte ahnen, dass am Ende dieses Krieges der vollständige Zusammenbruch der bisherigen gesellschaftlichen Ordnung stand. Niemand war klar, dass der Erste Weltkrieg in einen Zweiten Weltkrieg münden würde, der mit einer vollständige Zerstörung Deutschlands endete.

Litten schildert die Auswirkungen dieses Krieges aus der Perspektive eines deutschen Diplomaten in Persien. Persien hatte bereits vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges im Jahre 1906 eine dramatische Umwälzung erlebt, die Konstitutionelle Revolution. Die Konstitutionelle Revolution, die den Übergang von der absoluten zur konstitutionellen Monarchie bedeutete, brachte Persien eine liberale Verfassung europäischen Stils, mit bürgerlichen Freiheitsrechten, Volkssouveränität, Gewaltenteilung, und Wahlen zu einem Parlament, das seine eigenen Gesetze verabschieden konnte. Die Einführung eines säkulares Bildungssystem und der damit verbundenen gesellschaftlichen Wandel bildeten die Grundlage für den späteren wirtschaftlichen Aufstieg des Landes.

Vor dieser Revolution und auch noch einige Jahre danach war Persien ein Land, in dem der Konflikt zwischen russischen und britischen Weltmachtinteressen ausgetragen wurde. St. Petersburg und London waren die Hauptstädte der Länder, die mit Diplomatie und militärischem Druck ihre wirtschaftlichen und politischen Interessen durchzusetzen versuchten. Die Russen sahen den Norden Persiens als ihre Einflusszone und die Briten den Süden. 1907 regelten beide Länder diese Aufteilung Persien in Interessenzonen in einem eigenen Vertrag. Dem Vertrag von St. Petersburg. Die Perser selbst waren nicht Herr ihres Schicksals.

Die deutschen Diplomaten spielten in Persien eine eher untergeordnete Rolle. Das Auswärtige Amt war in Teheran zwar mit einer Gesandtschaft präsent, deutsche Unternehmen hatten in Persien Niederlassungen gegründet, im Vergleich mit den Briten und den Russen war der deutsche Einfluss auf die persische Politik aber eher gering. Die deutsche Orient-Politik konzentrierte sich auf die Zusammenarbeit mit dem Osmanischen Reich. Persien war eher etwas für Sprachwissenschaftler, Archäologen und Ethnologen.

Entsprechend beschaulich ging es in der deutschen Gesandtschaft zu. Litten lernt erst einmal reiten, um mobil zu sein. Mit der Konstitutionellen Revolution sollte sich das schlagartig ändern. Litten erlebt die Absetzung Mohammed Ali Schahs und die dann folgenden politischen Umwälzungen. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges führt dann aber zu einer Zeitenwende, die bis heute im Nahen Osten nachwirkt. Der Zusammenbruch des Zarenreiches und die Entstehung der Sowjetunion, der Zerfall des Osmanischen Reiches und die Aufteilung in die neu entstehenden Staaten Libanon, Syrien, Irak, Saudi-Arabien und die Emirate, das Ende der Katscharendynastie in Persien und der Aufstieg von Reza Schah Pahlavi hatte niemand vorausgesehen.

Persien, das nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges seine Neutralität erklärt hatte, wird unmittelbar zum Kriegsschauplatz, da auf seinem Staatsgebiet in der Provinz Aserbaidschan bereits seit 1907 russische Truppen stationiert sind. Litten, der das deutsche Konsulat in Täbris leitet, wird für die Russen nach Kriegsausbruch zum Vertreter eines Feindstaates, den sie gerne in Haft setzen würden. Doch Litten entzieht sich der Verhaftung, in dem er sich zunächst in das amerikanische Konsulat flüchtet. Dies ist der Beginn einer Flucht, die in Berlin endet und für Litten das Ende seiner diplomatischen Laufbahn in Persien bedeutet. Die deutsche Gesandtschaft in Teheran wird 1917 geschlossen und bleibt bis 1923 geschlossen. Litten wird auf Druck der Briten mit anderen deutschen Diplomaten auf eine schwarze Liste gesetzt, so dass er auch nach dem Ende des Krieges nicht mehr nach Persien reisen darf.

Der einzige deutsche Diplomat, der in Teheran verbleibt, ist Rudolf Sommer. Er vertritt unter dem Schutz der spanischen Gesandtschaft die deutschen Interessen. Seine Berichte sind in dem Buch „Wolfgang von Keitz (Hrsg.) Iran und der Aufstieg von Reza Schah – Telegramme und Berichte des Geschäftsträgers der Deutschen Gesandtschaft 1920- 1925 Berlin 2023“ veröffentlicht worden.

Litten beendet sein Manuskript mit dem Satz: „Späteren Geschlechtern wird dieses Buch vielleicht ein anschauliches Bild von den Wirkungen großer Welterschütterungen auf uns Deutsche im Ausland geben. Möge dann die Sonne auf ein freies Deutsches Reich scheinen!“

Das Deutsche Reich ist untergegangen und aus den Ruinen des Deutschen Reiches ist die Bundesrepublik Deutschland entstanden. Das Auswärtige Amt unterhält 225 Vertretungen in nahezu allen Ländern der Welt. Was den iran betrifft scheint die deutsche Diplomatie inzwischen wieder dort angekommen, wo sie 1917 schon mehrfach stand, nämlich kurz vor der Schließung der deutschen Botschaft. Die Gesandtschaft wurde 1917 im Ersten Weltkrieg geschlossen und blieb es bis 1923. Ein weiteres Mal wurde die Gesandtschaft 1941, im Zweiten Weltkrieg geschlossen und erst 1953 wiedereröffnet. 1955 wurde die Gesandtschaft zu einer Botschaft aufgewertet.

Mit der Islamischen Revolution 1979 hat sich das neue Regime vom Westen angewandt und Russland und China zugewandt. Die verschärften Sanktionen der USA und der europäischen Staaten haben die iranische Wirtschaft an den Rand des Zusammenbruchs gebracht. Die Bevölkerung im Iran hat inzwischen die leeren Versprechungen der Regierung durchschaut und mit der niedrigsten Wahlbeteiligung bei den letzten Parlaments- und Präsidentschaftswahlen hat die Bevölkerung gezeigt, dass sie jedwedes Vertrauen in das gegenwärtige Regime verloren hat. Auf den Straßen rufen die Demonstranten „Reza Schah, Reza Schah“. Die Frage, wie lange sich das islamische Regime noch an der Macht halten kann, ist derzeit nicht zu beantworten. Folgt man den Rufen der Demonstranten, so liegt eine Rückkehr zur konstitutionellen Monarchie in Reichweite.

Für uns in Europa bedeutet dies, dass wir uns ernsthaft mit der neueren Geschichte der Konstitutionellen Monarchie Irans befassen müssen. Diese Geschichte beginnt mit der Konstitutionellen Revolution von 1906 und endet mit der Machtergreifung Chomeinis im Jahr 1979. Wilhelm Litten hat die Anfänge der Konstitutionellen Monarchie als Dragoman und später als Konsul selbst erlebt. Seine Schilderungen der damaligen Ereignisse sind die Schilderungen eines Zeitzeugens. Rudolf Sommer hat die weitere Entwicklung bis zur Krönung von Reza Schah im Jahr 1925 in seinen Berichten und Telegrammen beschrieben. Eine Schilderung der Machtergreifung Chomeinis steht noch aus.

Der Begriff der „Machtergreifung“ wird hier ganz bewusst benutzt, denn bei genauerer Analyse der Vorgänge um den „Aufstieg“ Chomeinis zum „Führer“ der islamischen Republik zeigen sich Parallelen zur Machtergreifung Adolf Hitlers am 30. Januar 1933. Der „Rahbar (Führer)“ der Islamischen Republik ist die Person, die alle Macht im Staat in Händen hält, genau so wie es bei Adolf Hitler der Fall war. Mit dem Begriff einer „Islamischen Revolution“ wollten die Anhänger Chomeinis der Welt vorgaukeln, dass es sich bei den Geschehnissen des Jahres 1979 um eine legitime und vom iranischen Volk gewünschte Machtübernahme handelte. Die Propaganda der Nationalsozialisten bezeichnete die neue Regierung als „Regierung der nationalen Erhebung“ oder der „nationalen Erneuerung“ und einer „deutschen Revolution“. In Deutschland feierten die Nationalsozialisten den 30. Januar als „Tag der nationalen Erhebung“. Die Islamische Republik feiert den 22. Bahman (11. Februar) als „Sieg der Islamischen Revolution“, übrigens dem Tag, an dem Mohammad Ali Schah dem Parlament gegenüber schriftlich bestätigte, dass Persien eine konstitutionelle Monarchie (Mashruteh) sei (11. Februar 1907). Mit der Einführung der Islamischen Republik wollte Chomeini die Niederlage wettmachen, die die Geistlichkeit bei der Einführung der Verfassung von 1906 und damit der Abschaffung der absoluten und der Einführung einer konstitutionellen Monarchie erlitten hatten. Choemini wollte das Gesetzgebungsrecht des Parlaments und damit die Volkssouveränität abschaffen, in dem er das Recht, Gesetze zu schreiben, nur bei Gott sah; er wollte die Gewaltenteilung abschaffen, in dem er alle staatliche Gewalt in die Hand eines Führers legte, und er wollte die bürgerlichen Freiheitsrechte der Mashruteh-verfassung abschaffen, in dem er dieScharia einführte. Die Wurzeln der sog. „Islamischen Revolution“ reichen bis zur Konstitutionellen Revolution.

Das vorliegende Buch ist eine Darstellung der Geschehnisse aus der Zeit der konstitutionellen Revolution und des nachfolgenden Ersten Weltkrieges aus der Sicht eines deutschen Diplomaten in Täbris. Wilhelm Litten beschreibt nicht nur die Ereignisse, sondern er nimmt auch zu den Fehlern der deutschen Persienpolitik in dieser Zeit Stellung. Auch hier gilt, aus Fehlern lässt sich lernen.

Jugendjahre

Mein ganzes Leben bestand aus Wanderungen und Reisen, wobei ich mich an den einzelnen Orten stets so lange aufhielt, dass ich sie gründlich kennenlernen konnte.

Auf meiner ersten Fahrt, die mich nach St. Petersburg in Russland führte, reiste ich bequem „wie in Abrahams Schoß“, allerdings war ihr Ziel am allerwenigstens von meinem eigenen Willen abhängig. Bald nach ihrem Abschluss wurde ich am 5. August 1880 in der russischen Hauptstadt geboren. Da ich in Deutschland gezeugt und empfangen worden war, habe ich an der Reise doch teilgenommen, wenn auch im Zustand eingeschränkter Beobachtungsmöglichkeit und unentwickelter Urteilskraft, so dass der Leser eine Beschreibung dieser Reise kaum von mir wird erwarten können.

Die Folgen dieser ersten Reise sollten mich mein Leben lang begleiten. Mein Geburtsschein gibt den 24. Juli 1880 als Geburtstag an, denn die Russen, weit davon entfernt, einen nachweislichen Fehler einzusehen, rechneten damals nach dem Julianischen Kalender, weil sie wohl befürchteten, sich durch die Annahme des Gregorianischen Kalenders dem römischen Papst gegenüber etwas zu vergeben. Der Unterschied betrug damals 12 Tage. Da der Julianische Kalender alle vier Jahre einen Schalttag einfügt, während der Gregorianische Kalender in jedem Jahrhundert, dessen Zahl nicht durch 400 teilbar ist, den Schalttag entfallen lässt, erhöhte sich der Unterschied im Jahr 1900 auf 13 Tage. Heute entspricht der 24. Juli des altrussischen Kalenders nicht mehr dem 5., sondern dem 6. August der übrigen christlichen Zeitrechnung,{1} ein Gegenstand, den ich bei allen Behörden, denen ich meinen Geburts- und Taufschein vorzulegen hatte, ausführlich erklären musste.

Ich begegnete Menschen von jener verwerflichen Art, die urteilslos am Alten hängen, nur weil es alt ist, ohne Rücksicht darauf, ob auch noch andere Eigenschaften als bloßes Alter die angebliche Ehrwürdigkeit begründen. Sie versuchten mir kürzlich nachzuweisen, dass ich meinen Geburtstag am 6. August und nicht am 5. zu feiern hätte, da der das Herkommen ehrende Mensch die seit dem ersten Geburtstag vergangene Zeitspanne nur nach dem Julianischen Kalender berechnen dürfe.

Als Folge meiner Geburt in Russland bestand eine weitere Schwierigkeit darin, dass sich die meisten Menschen in Staatsangehörigkeitsfragen unbewusst zu der Lehre des Jus soli bekennen, nach der man die Staatsangehörigkeit des Geburtslandes erwirbt. Selbst deutschen Polizeibeamten schien die Lehre vom Jus sanguinis, der Erwerb der Staatsangehörigkeit durch Abstammung, unbekannt zu sein. Tief erschüttert riefen sie auch nach Einsicht in meine Papiere aus: „Dann sind Sie ja ein Russe!“ Vor der Zulassung zu den preußischen Staatsprüfungen musste ich einen Staatsangehörigkeitsausweis des Regierungspräsidenten in Potsdam vorlegen. Dass meine Mutter in Belgrad in Pommern und nicht in Belgrad in Serbien geboren ist, gelang mir meist glaubhaft zu machen. Wenn ich allerdings während des Krieges mit meiner Frau, die tatsächlich in Belgrad in Serbien geboren ist, die deutsche Grenze überschritt, hätten unsere Pässe wohl schwer Argwohn erregt, wäre ich damals nicht schon mit allen Vorrechten des Diplomatenpasses gereist.

Meine Amme war eine Russin und das Kindermädchen meiner Schwester wohl eine Lettin, was ich daraus schließe, dass meine Schwester von uns wegen ihrer deutschen Aussprache bis zum fünften Lebensjahr geneckt wurde, wenn sie sagte „Haber eite abe hich emden geekelt (Aber heute habe ich Hemden gehäkelt)“. Einfache Letten fällt es oft schwer, im Deutschen das H ab der richtigen Stelle auszusprechen. In einem Gasthaus in Riga fragte mich einmal der Zimmerkellner: „Wünschen Sie Hai gebraten (Wünschen Sie das Ei gebraten)“?

Ich erinnere mich nur an eine einzige Reise nach Deutschland, die in diese Petersburger Zeit fällt, wobei mir zum ersten Mal das Auflehnen gegen die Ungerechtigkeit dieser Welt übel bekam. Der alte Gymnasialdirektor Meffert in Breslau, der eine Schwester meines Vaters zur Frau hatte, hatte sich vor meinen Augen köstlichen Wein eingeschenkt, während ich mit einem Glas Milch vorliebnehmen sollte. Ein kurzer, aber heftiger Wortwechsel zwischen uns beiden endete damit, dass ich ihm mein Glas Milch an den Kopf warf und infolgedessen meine erste und zwar zweistündige Haftstrafe an einem dunklen Ort verbüßen musste.

Als ich fünf Jahre alt war, nötigte ein Lungenleiden meinen Vater erst Görbersdorf{2} und dann Italien aufzusuchen. Die Zeit bis zur endgültigen Übersiedlung nach Italien brachte mehrere Reisen zu Verwandten in Deutschland mit sich. So besuchte ich das Hauptgestüt Trakehnen, wo ein Bruder meiner Mutter, Geheimrat Hermann Eichert, beschäftigt war. Ich kam dort zwar nicht zum Reiten, erhielt aber die ersten Stulpenstiefel, die ich nur ungern beim Schlafengehen auszog. Bei einer Schwester meiner Mutter in Kolberger Münde verlebten wir den Winter und trafen dann im Frühjahr 1886 in Neapel ein, wo ich in die Scuola Internazionale aufgenommen wurde, eine Anstalt, in der von Anfang an Deutsch, Italienisch und Französisch gleichzeitig von Angehörigen der betreffenden Länder gelehrt wurde. Mit dem vierten Jahr setzte dann englischer Unterricht ein.{3}

Wir waren nur drei deutsche Schüler in der Klasse. Trotzdem hatten wir in den Pausen das Übergewicht, denn wir wussten zusammenzuhalten und Kränkungen mit den Fäusten zu rächen, andererseits bedurfte man unserer Hilfe bei der Vorbereitung der deutschen Stunde. Der italienischen Stunde sahen wir Deutschen aber ruhiger entgegen, weil wir ja alle, wenn auch nicht italienisch, so doch fliessend neapolitanisch sprachen.{4} Für Gewalttätigkeiten während der Pause rächte sich ein italienischer Mitschüler dadurch, dass er während des Unterrichts unter die Bank kroch und mich mit einer Stecknadel in die Wade stach. Es war sehr traurig, diese Schmach wegen der strengen Schulzucht nicht auf der Stelle durch Schläge rächen zu können. da er seine verdiente Strafe aber in der nächsten Pause erhielt, sann er auf moralische Schädigung. In der nächsten Stunde spuckte er mir auf die Schiefertafel und zeigte mich bei der Lehrerin an: Ich hätte trotz des strengen Verbots Speichel statt Wasser zum Reinigen der Tafel verwendet. Durch das Zeugnis einiger Landsleute, die er für den Plan gewonnen hatte, kam ich in den Verdacht einer schweren Schuld. Dagegen lehnte ich mich mit der Kraft des guten Gewissens auf. Ich hatte mich dank der Einwirkung meiner Mutter bisher von jeder Lüge, selbst Notlüge, reingehalten. Zum Ärger meines Vaters weigerte ich mich, die Schule weiter zu besuchen, wenn ich keine Genugtuung erhielte. Ich hatte mich bei Streitigkeiten mit meinen Kameraden oft darüber geärgert, dass nicht nur die Eltern des fremden Knaben, sondern auch meine eigenen Eltern gegen mich Partei zu nehmen pflegten. In diesem Fall trat aber wider mein Erwarten meine Mutter so entscheiden für mich ein, dass dieser Ehrenhandel in durchaus standesgemäßer Weise geregelt wurde, und ich die Schule weiter besuchte.

Noch ehe der englische Unterricht in der Schule begonnen hatte, wurde ich im Jahr 1889, als meine Eltern nach Genua übersiedelten, nach Deutschland geschickt. „Sonst wird aus dem Jungen ein Italiener und kein Deutscher“, sagte mein Vater. Schade, dass nicht alle Auslandsdeutschen so denken.

Bis zur Untertertia besuchte ich dann das Großherzogliche Gymnasium in Pforzheim. Infolge des Spottes meiner Mitschüler verlor ich in diesen Jahren vollkommen meine pommersche Aussprache und Ausdrucksweise, und als meine Eltern 1893 nach Deutschland übersiedelten, war die Verständigung mit ihnen manchmal schwierig, wenn sie pommersch sprachen und ich schwäbisch.

Die Krankheit meines Vaters hatte sich so weit gebessert, dass er in dem warmen Klima von Neustadt an der Hardt in der Pfalz leben konnte. Ich besuchte dort die 5. Klasse (Obertertia) der Königlich Bayerischen Humanistischen Studienanstalt. Die Pfälzer Mundart bereitete mir keine Schwierigkeiten.

1894 siedelte mein Vater nach voller Genesung nach Steglitz bei Berlin über. 1899 bestand ich am Steglitzer Gymnasium das Abiturentenexamen und bezog nach der Übersiedlung der Familie nach Berlin die Friedrich-Wilhelms-Universität{5} zu Berlin.

Studienjahre

Aus Freude darüber, dass ich mir schon in jungen Jahren eine gute Kenntnis fremder Sprachen – und zwar nicht auf Kosten meiner deutschen Muttersprache – hatte aneignen können und bestärkt durch mein Reifezeugnis, das mir „gutes grammatisches Wissen, scharfes Verständnis für sprachliche Fragen, Übung im Gebrauch des fremden Idioms, Verständnis des gesprochenen Worts, gute Fertigkeit in der Übersetzung der Schriftsteller“ bescheinigte, bestimmte mich mein Vater zum Studium der Philologie. Auch wünschte er, dass ich es einmal besser haben sollte als er. Er dachte dabei an die schönen langen Ferien, auf die die Schulmeister jedes Jahr mit Sicherheit rechnen können, während ihm im freien Beruf fast nie Ruhe gegönnt war.

Aber ich hatte einen Widerwillen dagegen, die verhassten Schulräume, und wären es auch nur als Lehrer, wieder zu betreten. Auch reizte mich bei sprachlichen Studien viel mehr die Beobachtung des lebendigen gesprochenen Wortes und die Erkenntnis der Ausdrucksmöglichkeiten für die feinen Begriffsunterschiede als etwa gerade die Betrachtung des geschichtlichen Werdeganges der Bestandteile einer Sprache. Der größte Violinkünstler braucht kein Meister im Geigenbau zu sein und umgekehrt. Ich entschloss mich daher zum juristischen Studium, um auf diesem Weg zu einer praktischen Verwertung und zu einer Vertiefung und Erweiterung meiner Sprachkenntnisse im Auswärtigen Dienst des Deutschen Reiches zu gelangen.

Der höhere Auswärtige Dienst des Deutschen Reiches gliederte sich damals, als die Bestimmungen über den Eintritt in die diplomatische Laufbahn vom 30. April 1908 noch nicht erlassen war, in folgende drei Laufbahnen:

1.) Diplomatische Laufbahn. Im Allgemeinen genügte dazu ein Offizierspatent, Adel, Geldbeutel oder Zugehörigkeit zu den Bonner Preußen.{6} Die erste juristische (Referendar-) Prüfung war erwünscht, aber nicht unerlässliche Bedingung. Bei Aufnahme fand zwar das sogenannte Attaché-Examen statt, das aber nur als Formsache angesehen wurde. Im Scherz wurde erzählt, dass ein Attaché auf die Frage, ob er stenografieren könne, entrüstet geantwortet habe: „Nee, und ne Klapperschlange habe ich auch nicht bei mir.“ Der Beförderungsgang war: Attaché, Legationssekretär, Botschaftsrat, Ministerresident, Gesandter, Botschafter, Staatssekretär, Reichskanzler. Ein Übertritt in die streng gesonderte Ministeriallaufbahn trat nur selten ein.

2.) Konsulatslaufbahn und Ministeriallaufbahn. Nach der bestehenden Praxis wurden vorzugsweise solche Bewerber zugelassen, die die für Richter und höhere Verwaltungsbeamte in den Bundesstaaten vorgeschriebenen Prüfungen bestanden hatten, also die erste juristische Referendariatsprüfung und die zweite juristische Assessorprüfung. Der Beförderungsgang für diese Konsulatsprüfung war: Hilfsarbeiter im Auswärtigen Amt, Konsul, Generalkonsul. Ein Übergang in den diplomatischen Dienst kam sehr selten vor. Dagegen fand oft, selbst ohne vorhergehenden Aufenthalt im Ausland, ein Übertritt in die Ministeriallaufbahn statt. Der Beförderungsgang war dann: Hilfsarbeiter im Auswärtigen Amt, Legationsrat, Wirklicher Legationsrat, Geheimer Legationsrat (Vortragender Rat), Dirigent, Ministerialdirektor, Unterstaatssekretär.

3.) Dragomanatslaufbahn und Konsulatslaufbahn. Bedingung zur Zulassung war die erste juristische Referendariatsprüfung und die Dolmetscherprüfung. Beförderungsgang: Dragomanatseleve, Konsulatsdragoman, Gesandtschaftsdragoman, Botschaftsdragoman. Nach zehnjähriger praktischer Tätigkeit wurden diese Beamten auf Antrag zur Konsulatsprüfung zugelassen, nach deren Ablegung sie dann in die Konsulatslaufbahn übernommen werden konnten. Dagegen hatte der 1. Botschaftsdragoman meist höheren Rang als die Konsuln und Generalkonsuln.{7}

Bis etwa Mitte der Achtziger Jahre hatte man sich bei den Deutschen Gesandtschaften und Konsulaten meist mit einheimischen Übersetzern beholfen. Die Überstände, die sich daraus ergeben hatten, führten zu dem Gedanken, nach dem Vorbild anderer Staaten sich nicht mehr in die Hand fremder Übersetzer zu geben, sondern von denjenigen Gesandtschafts- und Konsulatsbeamten, die beim mündlichen und schriftlichen Verkehr mit fremden Behörden und Staatsangehörigen zu tun hatten, außer der juristischen Vorbildung auch die Kenntnis der fremden Sprache zu verlangen. Das waren die Dragomane der höheren Laufbahn. Keine solche Dragomane zu haben, sondern sich mit eingeborenen Übersetzern zu behelfen, galt im Orient als das Kennzeichen der Vertretung kleiner und unbedeutender Staaten. Der Dragoman der höheren Laufbahn war also kein Übersetzer, sondern ein sprachkundiger Jurist, ein Beamter, dem diejenigen Referate übertragen wurden, bei deren Bearbeitung die Kenntnis der Landessprache erforderlich war, und von dem man verlangte, dass er ohne Dolmetscher arbeiten könne. Trotzdem führte er den Titel „Dragoman“, der aus dem arabischen „tardschuman“ entstanden ist, was auf Deutsch „Übersetzer“ oder „Dolmetsch“ bedeutet. Also canis a non canendo{8}. Während nicht nur bei Gerichten, sondern auch in anderen Verwaltungszweigen der höhere Beamte an dem Titel „Assessor“ erkennbar war, (Gerichts-, Regierungs-, Forst-, Berg-, Studien-Assessor), musste dieser höhere Beamte, der außer seinen juristischen auch besondere sprachliche Kenntnisse durch Examina nachgewiesen hatte, es sich gefallen lassen, als Entgelt für diese Mehrleistung einen Titel zu tragen, den er im Orient mit Fremdenführern, Hotelportiers und Agenten überl beleumundeter Häuser gemeinsam hatte. Die Bevölkerung im Orient selbst wusste freilich, welche Stellung ein Gesandtschafts- oder Konsulatsdragoman einnahm und achtete ihn sogar manchmal höher als die anderen Beamten, weil sie bei ihm auf größeres Verständnis stieß. Dagegen zeigten sich schon bei durchreisenden Deutschen oft die merkwürdigsten Vorstellungen, und wenn der Beamte nach Deutschland kam, stieß er oft in der Gesellschaft bei denjenigen, die nur etwas von dem oben erwähnten „Hoteldragoman“ wussten, auf Misstrauen.

Dies stand im Missverhältnis dazu, dass von ihm höhere Leistungen als von anderen Beamten des Auswärtigen Dienstes verlangt wurden, und zwar nicht nur auf sprachlichem, sondern auch auf juristschem Gebiet. Denn gerade in den Ländern, in denen er tätig war, übten die deutschen Behörden infolge der Kapitulationen auch die Gerichtsbarkeit aus. Dem Dragoman oblag in diesen Ländern (z.B. in Teheran, Iran) auch das Richteramt, und so ergab sich das Curiosum, dass die in Europa verwendeten Konsuln, bei denen keine Gerichtsbarkeit in Frage kam, meist die für ein Richteramt erforderliche zweite juristische Staatsprüfung, die in den Orient versendeten Dragomane oder aus der Dragomanatslaufbahn hervorgegangenen Konsuln, die das Richteramt in ihren Entsendungsländern ausübten, nur die erste juristische Staatsprüfung abgelegt hatten.

Die „Schülersche Reform“{9}, die nach der Revolution unseren Auswärtigen Dienst heimsuchte, hatte zur Folge, dass die oben unter 1 und 3 genannten Laufbahnen von der Bildfläche verschwanden und der im Inland und Ausland beschäftigte „Geheimrat“ auf der ganzen Linie das Feld behauptete, das heißt, Schüler ließ nur die Laufbahn bestehen, aus der er selbst hervorgegangen war. Die alten Diplomaten hatten meist aus Gründen der politischen Überzeugung den Abschied genommen und wurden zunächst durch Ministerialbeamte ersetzt. Später hat sich dann eine neue ebenfalls außerhalb des Rahmens der „Ministeriallaufbahn“ stehende Diplomatenklasse dadurch gebildet, dass Vertreter vom Parlament, Industrie und Handel etwa in ähnlicher Weise bei unserer Vertretung im Ausland berücksichtigt wurden, wie sich früher die alte Diplomatie hauptsächlich aus Personen zusammengesetzt hatte, die dem Herrscherhaus nahestanden. Man soll doch ja nicht glauben, dass der Tüchtige heute freie Bahn hat. Früher halfen die besten Eigenschaften und Kenntnisse nichts, wenn man nicht zu der herrschenden Kaste gehörte – durch Adel oder Geld – und heute ist es noch genauso, nur dass nicht mehr Beziehungen zum Herrscherhaus, sondern zu den heutigen Machthabern, nämlich den Parteien, der Industrie und dem Handel in Frage kommen. Geld aber ist noch immer erforderlich für eine aussichtsreiche Laufbahn.

Die Laufbahn der Dragomane wurde bei der Schülerschen Reform kurzerhand beseitigt. Die Folgen konnten sich zunächst nicht bemerkbar machen, weil wir in jenen Jahren keine Vertretungen in den Ländern des Orients mehr besaßen und die Beziehungen doch nicht wieder aufgenommen hatten.

Im Jahr 1899 hätte man einem zielbewussten, ehrgeizigen und wohlhabenden jungen Mann von einem Eintritt in die oben unter 3 genannten Dragomanatslaufbahn mit Recht abraten müssen. Denn einem mehr an Leistungen auf juristischem und sprachlichem Gebiet, das von ihm verlangt wurde, stand ein Weniger an Ansehen und Beförderungsaussichten gegenüber, dass es mir trotzdem gelingen würde, dank besonders günstiger Umstände mit 33 Jahren unter Überspringen der Stufe eines Vizekonsuls der jüngste etatmäßige Konsul des Deutschen Reiches zu werden, konnte ich damals noch nicht wissen.

Dass ich mich trotzdem während meines juristischen Studiums gerade für diese Laufbahn entschloss, hatte seinen Grund in der Erkenntnis, dass ich nicht Geld genug besaß, um die Kosten der Lebenshaltung während des unentgeltlichen Vorbereitungsdienstes zu einer der beiden anderen Laufbahnen zu tragen. Während der Anwärter der Ministeriallaufbahn nach bestandenem Referendariatsexamen dem Staat noch vier Jahre lang ohne Gehalt bei standesgemäßer Lebensführung dienen musste, bezog ich im Alter von nicht 22 Jahren schon ein jährliches Gehalt von 6.000 Goldmark (übrigens genauso viel wie jetzt nach 22jähriger Dienstzeit).

Da mein Vater sich geweigert hatte, mich durch Geld bei der Vorbereitung zu einem gegen seinen Willen gewählten Beruf zu unterstützen, musste ich mich zu der Laufbahn entschließen, in der ich möglichst bald „zu Brot zu kommen“ Aussicht hatte. In der Zeit, in die die ersten Semester meines Studiums fielen, erschien außerdem der Name „Dragoman“ in den Berichten über die Boxerbewegung in China im Lichte besonderen Glanzes, und als der Oheim meine Freundes und Schulkameraden Dietrich Wilhelm Alberts{10}, Onkel Walter Neitzel{11}, für uns Jüngere der Inbegriff ritterlicher Männlichkeit und Vornehmheit, als Dragoman aus Otsasien zurückkam, um seine Offiziersausübung bei den Gardeschützen zu machen, bestärkte mich seine Erzählungen in dem gefassten Beschluss.

Die Kosten meines Lebensunterhalts erwarb ich mir teils als Parlamentsstenograf im Reichstag, wo ich auf der Tribüne die gesamten Verhandlungen über Heinze stenografisch aufnahm, teils durch meine Tätigkeit als Stenograf und Sekretär des Abgeordneten Eugen Richter{12}. Gleichzeitig besuchte ich nicht nur auf der Universität die Vorlesungen der juristischen Fakultät und über neuere Sprachen (Englisch, Französisch, Italienisch), sondern auch die arabischen und türkischen Kurse in dem Seminar für orientalische Sprachen. Die Durchsetzung des Türkischen mit Bestandteilen persischer Herkunft führten mich aus rein wissenschaftlicher Wissbegierde zum Studium des Persischen, das ich auch fortsetzte, nachdem ich das türkische Dolmetscherexamen bestanden hatte. da ich der einzige Schüler der persischen Klasse des Seminars war, zog ich aus dem Unterricht des pädagogisch geschickten und gelehrten Lektors Vacha schnell großen Nutzen. Meine Vorliebe für orientalische Sprachen fand Anerkennung durch die Gewährung eines Stipendiums von 500 Goldmark in jedem Semester.

Dragoman in der KaiserlichenGesandtschaft in Teheran

Im Frühjahr des Jahres 1902 besuchte Mozaffar ed Din Schah{13} Deutschland. Der deutsche Gesandte Graf Rex{14}, der aus diesem Anlass ebenfalls in Berlin war, hatte im Auswärtigen Amt um die Zuteilung eines neuen Dragomans an die Gesandtschaft in Teheran gebeten, weil der damalige Dragoman Dr. Listemann{15} für den Posten eines Konsuls in Buschehr ausersehen war. Es stellte sich heraus, dass ich der einzige Jurist des Deutschen Reiches war, der zugleich persisch studiert hatte. So sah es nämlich in Wirklichkeit in Deutschland aus, das sich nach der Behauptung unserer Feinde zur Eroberung der Weltherrschaft rüstete. Durch Erlass vom 31. Mai 1902 wurde ich der Kaiserlichen Gesandtschaft in Teheran zugeteilt und trat damit in den Auswärtigen Dienst ein. Ich bin dann mit kurzen Unterbrechungen von 1902 bis Ende 1915, also über 13 Jahre lang in Persien gewesen. Von Juni bis November 1909 war ich dem deutschen Generalkonsulat in Konstantinopel zugeteilt.

Werner v. Arnim{16}, Oschatzer Ulan, mit dem ich im Mai 1902 zusammen im Gefolge von Graf Rex die Reise nach Teheran machte, da er als Offizier zur dortigen Gesandtschaft kommandiert war, hatte mir versprochen, mir das Reiten in in Persien beizubringen. Aber noch ehe er sein Vorhaben ausführen konnte, erlag er in Teheran am Todestag des Heiligen Ali zu Weihnachten 1902 einer Dysenterie{17} mit tödlichem Leberabszess. Sein Tod war wohl darauf zurückzuführen, dass er auf einer Reise nach Mazandaran schlechtes Wasser getrunken hat. Die Perser freilich brachten seinen Tod in Zusammenhang mit einer Sommernacht, die er im August 1902 allein in den Bergen verbracht hatte, um ganz früh auf Steinböcke zu jagen, während es sonst in Persien üblich ist, die Nacht unter allen Umständen unter einem Dach zu verbringen. Es war ihm damals tatsächlich gelungen, ein wildes Bergschaf zu schießen. Er hatte sich nur das Gehörn und den Lauf abgeschnitten, da er den Körper allein nicht tragen konnte. Mein Diener Abbas erklärte mir den Zusammenhang seines Todes mit dieser im Gebirge verbrachten Sommernacht wie folgt: „Wer während der Nacht allein im Gebirge bleibt, muss sterben! Der Hamsad tötet einen. (Ham=zugleich, sad=geboren). Der Hamsad ist der böse Geist des Menschen, der gewöhnlich ebenso aussieht wie man selbst. Ist man aber in einer solchen Nacht allein im Gebirge, so hat er die Bosheit, einem in Gestalt eines Steinbocks oder wilden Bergschafes zu erscheinen. Schießt man ihn, so schießt man sich selbst und stirbt band darauf an der eigenen Kugel. Mein Onkel schoss einst, als er allein jagte, einen großen starken Bock. Als er heimkam, war seine ganze linke Seite schwarz, und in drei Tagen war er tot. Der Herr General v. Arnim (ausländische Offiziere sind in den Augen der Perser mindestens Generäle) hat sich zugleich mit der Kugel den unentrinnbaren Tod ins eigene Gebein geschossen.“

Ein dauerndes Andenken hat Werner v. Arnim in Persien durch seine Teckel{18} hinterlassen, die sich mit Hilfe derjenigen des Grafen Rex und später des Freiherrn Hartmann v. Richthofen derartig vermehrt hatten, dass eine Zeit lang fast jede deutsche Familie und zahlreiche europäische Familien in Persien Teckel besaßen. Ein Teckel war geradezu das Wahrzeichen der deutschen Familie. Man konnte sie in Persien sehr gut auf der Stachelschweinjagd verwenden. Ich erinnere mich noch des Tages, als wir mit den Teckeln in Baku im Hotel d’Europe zu Mittag aßen, wo uns ein deutscher Kolonist von der Wolga als Kellner bediente. Er sagte uns voller Erstaunen, er habe solche Teckel oft in den Fliegenden Blättern abgebildet gesehen, habe aber immer geglaubt, dass es sich nur um einen Scherz handele, und sich nie träumen lassen, dass es derartige Hunde in Wirklichkeit tatsächlich gebe. Graf Rex beruhigte ihn aber, indem er erklärte, er selber sei der Herausgeber der Fliegenden Blätter und habe diese Hunde erfunden.

Arnim ist auf dem protestantischen Friedhof in Ekberabad bei Teheran begraben. Neben ihm liegen jetzt noch zwei Gesandtschaftsmitglieder, das eine ist Otto Petzel, Hauptmann im 3. Kgl. Sächsichen Regiment No 32, geboren den 12. März 1872 in Crossdorf, der am 25. November 1909 in Teheran den Pocken erlag, und von dem andern werde ich demnächst noch zu sprechen haben.

Wenn man einen Perser fragt, ob er reiten könne, sieht er einen etwa so erstaunt an wie ein deutscher Junge, den man gefragt hat, ob er Schokolade essen könne.{19} Da der Perser von Jugend an mit Pferden zusammen aufwächst, kann er sich einen Menschen, der noch nie auf einem Pferd gesessen haben sollte, gar nicht vorstellen. Das Reiten der Perser ist etwa das Gegenteil von dem, was wir beim Reiten für vorbildlich halten. Auf dem Pferd liegt der Sattel meist auf einem hölzernen Gestell, das so eingeschnitten ist, dass der Reiter etwa im Spalt steht. Die Bügelriemen sind so kurz oder lang, dass der Reiter in den Bügeln stehend gleichzeitig mit dem Spalt im Sattel gestützt wird. Die Bügel selbst sind so breit und lang, dass sie den ganzen Fuß aufnehmen, und dienen gleichzeitig als Ersatz der fehlenden Sporen zum Antreiben des Pferdes. An dem vorderen Sattelbaum ist meist ein großer, messingener Sattelknopf oder eine dicke runde Messingstange angebracht, an die der Reiter den Oberkörper anlehnen kann, wenn er, im Satteln und Bügel stehend und sich umdrehend, nach hinten mit dem Gewehr schießt, eine Kunst, in der es die Perser zu großer Fertigkeit gebracht haben. Statt der Kinnkette trägt das Pferd einen eisernen Ring um den Unterkiefer, der innerhalb des Maules mit einem Hebel oder Stachel in Verbindung steht, der grausam stark auf den Gaumen wirkt. Die Zügel sind oft nur lose um den kleinen Finger gelegt, und eine kleine Fingerbewegung genügt, um die schärfste Einwirkung auf das Gebiss auszuüben. So gerittene Pferde weichen daher dem schmerzhaften Gebiss furchtsam aus, tragen die Schnauze meist hoch in der Luft, manchmal geradezu als Verlängerung des Halses, schlagen mit Kopf und Hals oft nach hinten, zappeln, tänzeln und sind fortwährend unruhig, was in Persien für besonders schön gilt. Infolge des harten und steinigen Geländes tragen die Pferde an den Hufen statt unserer Hufeisen geschlossene Blechplatten, die das Eindringen spitzer Steine in die Hufe verhindern sollen. Dabei sind die Perser verwegene und sichere Reiter. Auf dem felsigen und steinigen Boden jagen sie in voller Carriere dahin, schießen mit der Büchse aus dem Sattel und bringen das Pferd durch einen Druck auf die mörderische Ringstachelkandare auf einen Ruck krachend zum Stehen, wobei das Pferd meist in der Hinterhand etwas zusammensinkt, einen Vorgang, den man kaum noch als „durchparieren“ bezeichnen kann und einem deutschen Reiter durch Mark und Bein geht. Ansererseits ist nicht zu verkennen, dass die Perser auf ihren Pferden, namentlich wenn sie Schotterhänge steiler Berge hinauf- und hinuntergaloppieren mit einer Sicherheit reiten, die auf unseren Pferden wahrscheinlich kaum möglich wäre.

Wir jungen Europäer hatten durchaus nicht den Ehrgeiz, nach dieser persischen Art zu reiten, vielmehr galt es als Ehrensache, dass man den persischen Gaul nach europäischer Art zuritt, ihm mit viel Mühe die Scheu vor dem Gebiss nahm und ihn „zusammenstellte“. Oft gelang dies erst nach einiger Zeit und mit Hilfe von Martingal und Hilfszügeln.

Trotzdem hatte die persische Auffassung der Reitkunst als einer dem Menschen angeborenen Fähigkeit soweit auf mich abgefärbt, dass ich die erste Einladung, an einem Ritte teilzunehmen, sofort annahm, ohne überhaupt daran zu denken, dass ich noch nie auf einem Pferd gesessen hatte.

Mit herzlicher Dankbarkeit gedenkt wohl mancher Reisende, der in den letzten 50 Jahren Teheran besucht hat, der Persönlichkeit des gelehrten, gütigen und klugen Generals Houtum-Schindler.{20} Er war von Haus aus wohl Österreicher, war in jungen Jahren als Telegrafenbeamter in englischen Diensten nach Persien gekommen und auch englischer Staatsangehöriger geworden. Als ich ihn im Jahr 1902 kennenlernte, war er Ministerialdirektor im persischen Ministerium des Äußeren im Range eines Generals (sartip) und schwedischer Generalkonsul. Er war damals zum zweiten Mal verheiratet, und zwar mit einer Engländerin. Sein Sohn aus erster Ehe war in Persien Beamter der Imperial Bank of Persia und dann Beamter der amerikanischen und später der belgischen Finanzverwaltung Persiens. Als ich dem alten General Houtum-Schindler damals meinen Besuch machte, lebte er schon ziemlich zurückgezogen. Er war jeder geistlosen Geselligkeit abhold, und bloße Neugier klopfte auch vergebens an seine Tür. Dagegen war er von geradezu rührender Bereitwilligkeit, aus dem reichen Schatz seines Wissens mitzuteilen, wenn er wirklich ehrliches Streben und Suchen wahrzunehmen glaubte. Er war schon ein alter Herr mit grauem Bart, als ich als 22-jähriger junger Mann ihm meine Aufwartung machte. Er kam mühsam angeklettert, litt unter Neuralgie und hatte das Zipperlein im linken Bein. Im Äußeren hatte er eine gewisse Ähnlichkeit mit Eugen Richter{21}, hatte auch wie dieser kompilatorisches Talent und Sinn für Statistik und sammelte Material über alle denkbaren persischen Fragen mit ameisenartigem Fleiß. Seit Jahrzehnten hatte Angaben über die wirtschaftliche und sprachliche persische Fragen gesammelt. Nur ein Teil dieser Sammlungen ist veröffentlicht worden. Er hat Persien sehr oft durchquert und war in Teheran, wo weder Volkszählung noch irgendwelche statistischen Erhebungen stattfanden und überhaupt kein Aktenmaterial von den Persern gesammelt wurde, für die Gesandtschaften geradezu ein lebendiges Lexikon. Er erzählte mir bei diesem Besuch von seinen kurdischen Studien. Auf seinen Bericht hin sei auch ein deutscher Gelehrter, „ein sehr tüchtiger Feldherr seines Faches“, Professor Oskar Mann{22} aus Berlin, nach Persien gekommen, der gegenwärtig Kurdistan bereise, um die kurdische Mundart zu studieren. Er sprach auch vom Orientalischen Seminar und fragte mich nach Professor Foy{23}, von dem er kürzlich einige Aufsätze gelesen hatte. Houtum-Schindler stand in enger Verbindung mit der gelehrten Welt in Europa. Er unterstützte die meisten Orientalisten mit großer Selbstlosigkeit, auch zu dem großen Werk von Lord Curzons{24} soll er wichtige Beiträge geliefert haben. Gleichzeitig hielt er sich dauernd auf dem Laufenden über alle europäischen Neuerscheinungen, die Persien betrafen. „Wissen Sie, und da lese ich alles, was über Persien erscheint, ganz religiös Wort für Wort durch, und wenn es der größte Mist ist.“ Eine Schwäche von ihm war, dass er das Monokel nicht leiden konnte und diesem Unwillen manchmal durch ein anzügliches Zitat von George Ohnet Ausdruck gab. Ich selbst schulde ihm großen Dank, er hat mich trotz des großen Altersunterschieds immer in der liebenswürdigsten Weise empfangen und mich fast ein ganzes Jahrzehnt lang stets auf meine vielen Fragen bereitwillig aus dem reichen Schatz seines Wissens, seiner Aufzeichnungen und seiner Werke väterlich und freigiebig beschenkt. Einmal nahm er mir sogar eine Arbeit ab: Als ich ihn um einige Angaben für die Korrektur des diplomatischen Jahrbuches des Gothaischen Hofkalenders bat, machte er mir die Arbeit fix und fertig und fügte lächelnd hinzu: „Das mache ich nun schon jedes Jahr seit dem Jahr 1872.“

Im Januar 1905 traf Professor Dr. Oskar Mann in Teheran ein, und blieb eine Zeit lang. Auch er weilt nicht mehr unter den Lebenden. Er ist während des Krieges gestorben und hat eine schmerzliche Lücke in der deutschen Wissenschaft hinterlassen. Ich freundete mich in Teheran sehr mit ihm an. Der Grund lag in der Verehrung für sein Wissen. Denn er sprach nicht persisch wie ein deutscher Universitätsprofessor, sondern wie ein richtiger Perser. Außerdem sprach er, wenn er wollte, das reinste, waschechte Berliner Deutsch, was mich sehr anheimelte, da die Gesandtschaft damals nur aus Sachsen und Bayern bestand. Als er in Teheran eintraf, hatte er schon einen Teil von Kurdistan und Persien durchquert und zahlreiche kurdische und persische Sprachschätze gesammelt. Aus Liebhaberei hatte er auch eine ganze Anzahl persischer Flüche aufgezeichnet, die im allgemeinen Bezug auf drastische Ausdrucksweise und verwegene Vorstellungen nichts zu wünschen übriglassen. Auf dem Ritt nach Teheran war er wohl etwas ermüdet und schweigsam. Als der Karawanenführer gewechselt wurde, merkte die Mannschaft daher nicht, dass der Europäer persisch verstand. Unterwegs machten sie plötzlich auf freiem Feld halt und verlangten von dem persischen Diener des Professors Mann höheren Lohn, sonst würden sie nicht weiter mitgehen. Einer sagte zu dem Diener: „das ist doch wieder so ein dummer Farangi, der eben erst in unser Land gekommen und ganz auf uns und dich angewiesen ist. Wenn du mitmachst, können wir ihm abnehmen, was wir wollen.“ In diesem Augenblick fing Dr. Mann persisch zu reden an, und zwar gab er die ganze Sammlung seiner persischen Flüche zum Besten. Die Karawanenführer aber gaben nach und sagten: „Bei Gott, der kann besser persisch als wir!“

Auf seiner Reise durch Kurdistan hatte ihm ein Kurdenfürst zwei Pferde geschenkt, und als er mich in Teheran eines Tages aufforderte, mit ihm auszureiten, sagte ich voller Begeisterung zu. Er wollte mir das eine Pferd in die Gesandtschaft schicken, und dann sollte ich ihn in seinem Quartier abholen. Mit dem Gottvertrauen der Jugend glaubte ich, dass man schon werde reiten können, wenn man erst im Sattel sitzt.

Ich war schon gestiefelt und gespornt, als mir das Pferdegetrappel im Garten wie Musik in den Ohren klang. Im Garten aber ging der Gesandte, Graf Rex, wie er es oft nachmittags zu tun pflegte, in seinem großen Hut und mit seinem großen, dicken Stock auf und ab und murmelte vor sich hin: „Große Schweinerei, so’ne Schweinerei!“, womit er gar keinen besonderen Fall meinte, sondern nur der allgemeinen Auffassung Ausdruck geben wollte, dass das ganze Leben eine große Schweinerei sei. Gleichzeitig gab ihm solches Gebaren ein knorriges und mürrisches Äußeres, das dazu dienen sollte, schamhaft die Weichheit seines Empfindens zu verbergen, und die strahlende Güte seines goldenen Herzens zu verschleiern. Ich mag dies nicht im Einzelnen ausführen, sonst könnte ich dieses ganze Buch damit füllen. Er war mit einem Wort das, was man einen Grand Seigneur der alten Schule nennt. Dies zeigte sich in der rührendsten Rücksicht auf den letzten seiner Dienstboten. Wie oft habe ich dies an ihm bewundert und in den letzten Jahren als Gegensatz die Art der „neuen Reichen“ empfunden, die mit ihren Leuten nicht umzugehen verstehen und in dem Drangsalieren ihrer Dienstboten eine besondere Vornehmheit zu sehen scheinen. Für uns junge Beamte war er mehr als ein Vater. Er ersetzte uns beide Eltern, den Vater durch seine tatkräftige männliche Art, die Mutter durch seine treue Fürsorge und sein mitempfindendes Herz. Auf sich selbst nahm er gar keine Rücksicht. Sein Vermögen hat er zum großen Teil dem Reichsdienst geopfert. Sein Bestreben, es beim öffentlichen Auftreten an nichts fehlen zu lassen. Bei der Ausstattung seines Hauses, seiner Dienerschaft und seiner Wagen und Pferde es allen anderen fremden Vertretern zuvorzutun, entsprang niemals persönlichem Ehrgeiz, sondern der für ihn selbstverständlichen Dienstauffassung, dass das Allerbeste für die Reichsdienst gerade noch gut genug sei. Nach seiner Auffassung war ein Gesandtschaftsmitglied zu Pferde nur denkbar, wenn es durch seine Haltung die Ausländer zur Bewunderung deutscher Reitkunst veranlasste. Ein junger deutscher Beamter, der etwa wie „eine gesenkte“ ritt, war also eine Vorstellung, die mit solcher Auffassung nicht zu vereinen war.

Ich hörte ihn draußen in meinem Korridor mit meinem Diener sprechen. Noch ehe ich hinauseilen konnte, bückte er schon seinen hünenhaften Körper etwas, um durch die Tür in mein Zimmer zu gelangen. Dann richtete er sich auf. „Sind Sie verrückt geworden?“ – „Nein, Herr Graf.“ – „Haben Sie schon einmal auf einem Pferd gesessen?“ – „Nein, Herr Graf.“ – „Dann ist der Professor verrückt geworden, das werde ich ihm auch heute noch sagen. Die Pferde schicken Sie zurück, und ich verbiete Ihnen dienstlich, jemals ohne meine Erlaubnis zu reiten.“

Ich war damals 22 Jahre alt. Jeder echt deutsche Knabe wird mir nachfühlen, wie mir nun zu Mute war, als ich den Fuß sozusagen schon halb im Bügel hatte und mit starker Faust zurückgehalten wurde.

Lange Tage, während ich mich in die Arbeit gestürzt hatte, um alle meine Träume zu vergessen, waren vergangen, als der große Graf wieder bei mir eintrat: „Sie möchten wohl sicher gern einmal reiten?“, sagte er und weidete sich an meinen strahlenden Augen. „Ziehen Sie sich schnell an und kommen Sie in den Garten, ich habe den Fuchs satteln lassen.“