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In "Ein heroisches Weib" entführt der polnische Schriftsteller Józef Ignacy Kraszewski die Leser in die faszinierende Welt der starken Frauenfiguren des 19. Jahrhunderts. Das Werk kombiniert historische Elemente mit tiefen psychologischen Einsichten und beleuchtet Themen wie Mut, Loyalität und weibliche Identität. Kraszewski, bekannt für seinen ausgeklügelten Erzählstil und seine Fähigkeit, komplexe Charaktere zu gestalten, verwebt feinsinnig das Schicksal seiner Protagonistin mit der turbulentesten Epoche der polnischen Geschichte. Der Roman zeichnet sich durch einen präzisen, jedoch poetischen Sprachgebrauch aus, der den Leser in die Emotionen und Konflikte der Charaktere eintauchen lässt. Józef Ignacy Kraszewski, oft als einer der bedeutendsten polnischen Schriftsteller des 19. Jahrhunderts angesehen, war nicht nur ein talentierter Autor, sondern auch ein leidenschaftlicher Historiker und Studienreisender. Diese vielfältigen Erfahrungen prägten seine Erzählweise und sein Verständnis für die Rolle der Frau in der Gesellschaft. Kraszewski war dreifach beeinflusst von den politischen Kämpfen seiner Zeit, was ihn dazu inspirierte, die Heldentaten und Herausforderungen der Frauen darzustellen, die oft im Schatten der männlichen Protagonisten standen. "Ein heroisches Weib" ist unverzichtbar für jeden, der sich für die polnische Literatur und die Darstellung von Geschlechterrollen in der historischen Fiction interessiert. Kraszewskis Meisterwerk bietet nicht nur eine fesselnde Geschichte, sondern fordert auch dazu auf, über das Platzieren von Frauen in der Geschichtsschreibung nachzudenken. Dieses Buch ist sowohl ein literarischer Genuss als auch ein aufschlussreicher Beitrag zur Diskussion über Geschlechteridentität und Heldenmut.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Betrachtet man die heutige Welt, wie sie grau, langweilig, eintönig und kalt aussieht – und vergleicht man sie mit jenem üppigen, bunten, farbenprächtigen, lebenswarmen Dasein vergangener Tage – so möchten wir Alten schier seufzen über die Verzwergung und Erfrorenheit der jetzigen Menschen. Guter Gott! Was geschah, was geschah nicht alles zu jenen Zeiten, von denen uns die Großväter erzählten! Nicht als wollte ich sagen, daß damals alles besser gewesen, oder behaupten, daß es heutzutage schlimmer sei – aber weiß der Himmel – anders war es! oh! anders! der Mensch lebte und fühlte es, daß er lebte, denn er verbrannte sich manchmal, oder bekam eins über den Schädel; es flammte und kochte in ihm auf in rechtschaffenem Zorn – kam's jedoch dann zum Umarmen und Küssen, so krachten die Knochen im Leibe. Männer und Frauen, alle waren wir im Leben tüchtiger und heißer; fasteten bei Wasser und Brot, tranken aber kannenweise; rauften auf Leben und Tod, liebten aber bis zum Sterben. Heute ist alles blaß, elend, hüstelnd und kränklich; es liebt weder, noch haßt es herzhaft – atmet kaum und schleicht wie leblos herum …
Es wird sich wohl keiner von euch erinnern, noch wird er's gehört haben, was noch unter August II. Herrn Siegmund Pientka passierte; ich aber will's euch erzählen, damit ihr ein Pröbchen von dem Leben bekommt, welches damals fast überall gärte, und damit ihr erkennet, welches Feuer bei uns nicht nur in Männern, sondern auch in Frauen lebte. Doch muß ich ab ovo anfangen und euch vorher über die Familie und ihr Nest berichten.
Es ist bekannt, daß das Geschlecht der Pientka Otschkowitsch aus dem Drohitschischen stammte – aber wie es gewöhnlich beim ärmeren Adel geschah, daß selbst Leute von mittlerer Wohlhabenheit niemals lange auf einem Flecke sitzen blieben, und die jungen Leute sich, ihr Glück suchend, im Lande zerstreuten, um erst später zu heiraten, sich anzusiedeln und nach verschiedenen Richtungen abzuzweigen – so gab's auch wenige Orte, wo man, nachdem sie sich vermehrt, jene Pientkas nicht fand, die einen Nachtraben1 in ihrem Siegel führten. Während sie ein Wappen behielten – da man in den letzten Zeiten bereits keine Kleinodien arbeitete, wie früher –, schrieben sich die Pientkas verschieden, je nach den Dörfern und Anwesen, die sie besaßen; Siegmund Pientka, von dem ich erzählen will, stammte von der Strumilow, des Wappens Dombrowa2; sein Vater oder wohl schon Großvater hatte sich im Krakauischen angesiedelt, wohnte dort, nachdem er ein Dorf erworben, und war wahrscheinlich Oberjägermeister, da man den Sohn den jungen Oberjägermeister nannte, bis er eine kleine Starostei und mit ihr einen selbständigen Titel erwarb.
Nun müßt ihr wissen, daß z. B. Hühner mit einem Schopf denselben schon durch Geburt zu eigen haben. Ob dies nun in der Erbschaft des Blutes liegt oder im Beispiel und häuslicher Gewohnheit – sicher ist, daß der Apfel nicht weit vom Baume fällt und eine Eule niemals einen Geier zur Welt bringt. Sagt, was ihr wollt, wie der Vater, so der Sohn, 's kommt selten anders. Zwar werdet ihr mir einwenden, daß Verschwender Geizhälse und Filze Prasser zu Kindern haben – 's ist wahr; dennoch ist es eine und dieselbe entartete Schwachheit des Geistes und Temperaments, die auch jene Geizhälse und Prasser schafft! – Es gibt ganze Familien von Schwachköpfen und ganze Geschlechter von Verwegenen … bei anderen vererbt sich das kochende Blut von Vater auf Sohn.
Es war vom ganzen Geschlecht der Pientkas vom Wappen der Nachtraben bekannt, daß bei ihnen der Narrenkolben3 von einem auf den andern überging und daß die Pientkas erst beim vierten Kreuzchen4 anfingen sich zu moderieren und gesetzte Leute zu werden. Dann waren sie so ehrbare und treffliche Bürger, sowohl beim Tanz als auch beim Rosenkranz, wie man keine besseren finden konnte – aber in jungen Jahren … keine Kette war so stark, an der du sie hättest festhalten können. Man erzählte sich Wunder von ihren Streichen: der eine entlief nach einem Sicz5 und trieb sich dort mit den Kosaken herum; ein zweiter ging mit ein paar Thalern vom Hause durch, durchwanderte ganz Europa und kam mit einer vollgefüllten Katze zurück; ein dritter endete elend in Konstantinopel, wo er an den Pfahl gespießt wurde. Wo wären sie nicht überall gewesen! In Klöstern und Feldlagern und am häufigsten dort, wo getrunken, gerauft und geliebt wurde, denn dann that es ihnen keiner zuvor. Man könnte sagen, ihr Haus war ihnen eine Hölle, so ungern saßen sie drin auch nur einen Tag, solange sie jung waren; hei! fehlte im Stall ein Pferd und ein Sattel und zu Hause ein Junge, dann kratzte sich der Vater bloß die Glatze – er wußte, was das zu bedeuten hatte. – Das Vögelchen war davongeflattert, und wenn's geschehen war, so war es umsonst, ihn zurückzulocken, zu fangen und zu rufen – der Junge mußte sich frei austoben. Sie kehrten verschieden nach Hause zurück; die einen krumm und lahm gehauen und nackt wie die verlorenen Söhne, die andern in Samt und Seide und goldenem Reitzeug – denn das Glück war gar verschieden gelaunt: selten jedoch einer ohne Schmarre am Kopf.
War der Vater gescheit, so gab er den Sohn beizeiten ins Lager, wo sich jene heiße Phantasie am freiesten austoben und auskochen konnte … Am schlechtesten kam weg, wer sie zügeln wollte, denn dann sprengten sie gar oft den Topf. Man erzählte sich von Hilarius Pientka, der die Güter Szeligs im Drohitschischen hatte, daß er seinen Sohn in ein Jesuitennoviziat steckte, um aus ihm einen Geistlichen zu machen … bis dieser später nach Hause zurückkehrte, aber mit einer Ungarin verheiratet.
Herrn Siegmunds Vater war wohl auch in seiner Jugend nicht besser; glücklicherweise hatte er eine Zeitlang als Soldat gedient, sich in der Rüstung tüchtig herumgeschlagen und manchen Aderlaß wegbekommen … dann heiratete er jene Strumilow, nahm sich voll Eifer der Wirtschaft an und ließ den Ueberschuß an Feuer bei Jagden aus – denn er war in der That de nomine et re ein Jäger von Beruf, besonders auf Wölfe, Bären, Wildschweine – und wo manchmal ein Spieß notwendig war, da bediente er sich desselben mit besonderer Passion. Im übrigen war's ein ernsthafter Mensch, in der Freundschaft beständig, gutherzig und, einmal gerührt, weich wie Wachs. Als der kleine Siegmund zur Welt kam, trug er ihn, da er Kinder über die Maßen liebte, vielleicht mehr auf den Händen herum, als die Amme selbst, spielte mit ihm, schnitt ihm Peitschchen zurecht und trieb seine Wunder mit dem Kleinen.
Einmal, als noch das Bürschchen winzig klein war, fand man ihn dasselbe in Schlaf einwiegend, nur war's schwer zu erraten, worin. An der Wand hing eine schwere eiserne Rüstung, wie sie die Husaren auf der Brust trugen. Weil sie bauchig war, legte er den kleinen Siegmund hinein und wiegte und schläferte ihn so ein; man hielt es für ein Omen, daß er dereinst ein Soldat werden würde, doch bewahrheitete es sich nicht. Weil es das einzige Kind war, von Vater und Mutter gleich verhätschelt, und der Oberjägermeister fürchtete, daß es nicht werde wie alle Pientkas, so sannen und überlegten sie schon beizeiten, auf welche Weise sie es vor Gefahren salvieren könnten. Mit allerlei Mitteln und Maßnahmen suchten sie die heftige, lebhafte und heiße Natur zu sänftigen und zu glätten und dem Kinde ein ruhiges Betragen und die Liebe zu einem stillen Dasein einzupflanzen.
Und richtig begann sich's schon frühzeitig zu offenbaren, daß sich dies Feuer auslodern müsse – Mundi war gut, aber weit über seine Jahre hinaus ausgelassen; kein Tag verrann, an dem er nicht einen Streich spielte oder eine Beule wegbekam, und noch war die eine nicht gefallen, schon setzte er sich einer zweiten aus. Man mußte ihn bewachen und ihm auf Schritt und Tritt nachgehen, – dennoch verstand er es, sich loszureißen. Der Vater nahm einen Schulmeister ins Haus, der im ewigen Nachlaufen hinter dem Jungen seine Füße verlor und es nicht einmal ein Jahr lang aushielt. Der zweite wurde stockheiser vor Schreien; man schickte ihn auf die Schule unter die strenge Zucht von Geistlichen, aber auch dort wußte man von seinen Streichen nicht genug zu erzählen. An jedem Quartal mußte der Vater ansehnliche Schadengelder bezahlen und neue Kleider anschaffen; man prügelte und strafte ihn wohl auch, doch erreichte man nichts damit; tags darauf wiederholte sich dasselbe.
Bekannte und Freunde sagten: Hast ihn doch im Harnisch eingewiegt, so laß ihn nun auch Soldat werden. – Der Vater wollte nicht recht und dachte, das Bier würde sich schließlich ausgären.
Die Jugendjahre werde ich euch nicht beschreiben. – Der Oberjägermeister wurde von einem Eber gefährlich gehauen und kränkelte. Und da er fürchtete, sein Einziger, dem damals schon ein Schnurrbart flaumte, könnte zu lange tollen, so beschloß er, nachdem er sich mit seiner Frau beraten, ihn zu verheiraten. Nun war's aber keine leichte Aufgabe, für ihn ein Weib ausfindig zu machen, denn irgend ein sanftes Geschöpfchen hätte sich mit Mundi keinen Rat gewußt und so mußte man denn eine suchen, die dem jungen Herrn einen tüchtigen Kappzaum anzulegen und ihn stramm zu halten fähig wäre. Mit der Kraft allein hätte sie ihn jedoch nimmermehr gezwungen, es mußte also ein schönes und gescheites Weib gefunden werden, um den rabiaten Jungen zu zähmen.
In der Nachbarschaft wohnte ein Schlachziz, ein gewisser Okon Pienkowski, nicht arm, nicht reich, wohlhabend und arbeitsam und gesegnet mit fünf bildhübschen Töchtern. Zwei davon waren verheiratet und hatten Segen ins Haus gebracht, drei heiratsfähige blieben noch zurück. Die Mutter hatte sie selbst erzogen und sie war eine, was man sagt, verständige Frau von fester Willenskraft; aus ihr konnte die Frau Oberjägermeisterin auf die Töchter schließen, denn fast immer geraten dieselben nach dem Bilde und der Beschaffenheit der Mutter. Sowohl dem Oberjägermeister als auch seiner Frau gefiel das Haus, die Leute und die Mädchen, besonders Elsbeth, das älteste von ihnen. Es war ein Mädel wie eine Hinde, hoch und kräftig gebaut, brünett, mit ein Paar fröhlichen Augen, mutig und lebhaft, von auffallender Schönheit, welche sich in der Farbe von der ihrer Schwestern unterschied; sie war weder eine helle Blondine, noch eine zu dunkle Brünette, hatte kastanienbraunes, goldig schimmerndes Haar und Zöpfe wie eine Königin. Dabei Händchen und Füßchen kleinwinzig, zart und geschickt; mit einem Worte, es hätte selbst der tadelsüchtigste Mensch an ihr nichts Tadelnswertes herausgefunden, höchstens das, daß sie mutig war wie ein Mann und ein bißchen unweibliche Launen hatte. Hätte man ihr gestattet, ein Pferd zu besteigen, sie wäre sicher mit ihm fertig geworden; sie schoß zum Vergnügen aus Muskete und Pistolen und erlangte eine solche Uebung darin, daß man die Treffsicherheit ihrer Schüsse bewunderte. Bisweilen setzte sie es beim Vater durch, daß er sie zur Wolfsjagd mitnahm, worüber jedoch zu Hause nicht gesprochen werden durfte. Ungeachtet dieses Temperaments liebten sie alle, denn sie war gut und aufopfernd wie ein Engel und hätte an Kranke und Arme ihr letztes Kleidchen hingegeben; dagegen durfte man von irgend einem Unrecht, von menschlicher Schlechtigkeit und Nichtswürdigkeit vor ihr nicht sprechen, so wütend ward sie darüber … Die Mutter, die bei den Fürsten Lubomirskis mit den Woiwodentöchtern zugleich erzogen worden war und, wie man zu sagen pflegt, Putz und Politur liebte, hatte ihre Töchter ein wenig parlieren und musizieren gelehrt und ihnen die Köpfe geöffnet; später bekamen sie auch als Bonne die Witwe eines Offiziers, welcher mit Leszczynski nach Lothringen gewandert und dort verstorben war; eine würdige Frau von höfischer Bildung; diese vollendete, was die Mutter angefangen.
Mundis Eltern, die oft zu den Pientkas kamen, konnten sich an Elsbeth nicht sattsehen – wer weiß, ob nicht der alte Oberjägermeister mit dem Untermundschenken6 bei einem Gläschen über die Kinder sprach, nur hörte niemand etwas davon. Mundi mußte dem Mädchen so zugeführt werden, daß er keine Ahnung habe, daß man sie ihm geben wolle, sonst wäre er sicher vor ihr davongelaufen.
Ich weiß es nicht genau, wie man's bewirkt, daß er zu den Okons fuhr und dort Elsbeth erblickte, nur wollte sie ihm anfangs nicht gefallen. Die Eltern waren darüber ziemlich verstimmt. Zum Fasching luden sie die Nachbarn zu sich ein, Mundi die Wirtschaft und den Empfang anvertrauend, denn das verstand er wie einer. Es kamen die alten Okons samt den zwei verheirateten und den drei ledigen Mädchen. Elsbeth erschien wie eine Perle unter ihnen und verdunkelte durch ihre Schönheit und Gestalt nicht nur die Schwestern, sondern alle anwesenden Frauen. Erst jetzt gingen Siegmund die Augen auf, und vielleicht auch das Herz. Die Unterhaltung war überaus lebhaft und die Jugend trank nach Herzenslust. Mundi verwandte kein Auge von Elsbeth, und auch sie zog ihm kein schiefes Gesicht, denn er war ein bildhübscher, lustiger, beredter und geschickter Bursche, der den Tanz anzuführen und alle so merkwürdig zu erwärmen verstand, daß er überall den Vorrang einnahm. Beinahe zu Ende jenes tollen Faschings fand Herr Siegmund, wohl beim Tanzen, wo man die jungen Leute nicht sonderlich beobachtete, Appetit nach Elsbeths Kirschenmund; eine Wendung benützend, bückte er sich, um sie zu küssen und erhielt blitzschnell eine derbe Ohrfeige.
Wenn ich euch sagte, daß dieselbe das Handgeld ihrer gegenseitigen Liebe war, ihr würdet es vielleicht nicht glauben; doch war's in der That so, daß Mundi sich von diesem Augenblicke an rasend in sie verliebte und auch sie ihn mit wohlwollenderen Augen anzusehen begann, denn er war so gescheit, ihr nicht nur nicht zu grollen, sondern sie mit dem Glase in der Hand kniefällig um Verzeihung zu bitten.
Den letzten Tag des Faschings verbrachte man bei Okons und dort merkte man es bereits, daß sie zusammen etwas hatten, worüber sich der Oberjägermeister unbändig freute, wenngleich er so that, als ob er nichts sähe und nichts ahnte.
Während der Fasten riß Mundi sich unter verschiedenen Vorwänden zu Okons los, wo man ihn als den Sohn guter Nachbarn artig, jedoch ziemlich kühl empfing. Auch Elsbeth bezeigte ihm trotz ihrer Freundschaft keine besondere Neigung. Der Oberjägermeister, der auf allen Vieren7 beschlagen war, warf absichtlich mit halben Worten herum, als wäre es nicht nach seinem Wunsch, den Sohn so jung zu verheiraten.
Indessen war Siegmund Feuer und Flamme, seine Liebe wuchs mit jedem Tage, sich ins Maßlose steigernd. Erst vertraute er's der Mutter an und diese versprach ihm, sich beim Vater verwenden zu wollen, um ihn geneigt zu machen. Als kluge Frau verriet sie, ihr Kind wohl kennend, mit keiner Silbe, daß ihr Elsbeth als Schwiegertochter sehr genehm wäre. Durch dieses verständige Vorgehen brachten sie Mundi dahin, daß er das, was die Eltern wünschten, aus eigenem Willen that, noch höchst beglückt von ihrer Einwilligung und ihrem Segen.
So heirateten sie sich denn. Der Oberjägermeister dankte Gott, daß er nun, nachdem er dem Sohne die Wirtschaft übergeben, ihn drin installiert und selbst nur einen kleinen Waldhof behalten hatte, über die Zukunft des Sohnes beruhigt, den Tod erwarten könne. Doch schien Mundi sich noch nicht genügend ausgetobt zu haben. Anfangs war die Liebe zwischen dem jungen Pärchen so groß, daß Mundi seine Elsbeth schier aufgegessen hätte. Er war rein toll mit ihr, überwachte die Wirtschaft und rührte sich nicht einmal aus dem Hause, außer zu den Eltern oder den Okons. Elsbeth nahm, diese Anhänglichkeit benützend, sofort alle häuslichen Angelegenheiten, die Wirtschaft, das Regiment und die Schlüssel in ihre Hand, doch so unmerklich, daß es Siegmund eher für eine Gnade nahm als für ein Unrecht.
Während der ersten Jahre ihres Zusammenseins starb erst die Oberjägermeisterin und, wie sich das bei uns gar oft in glücklichen Ehen ereignet, der an ihr mit der größten Zärtlichkeit hängende Gatte erkrankte bald darauf vor Sehnsucht und folgte ihr nach.
Nachdem Siegmund seine Eltern unter großem Schmerze – denn er hatte ein gutes Herz und liebte sie innig – zu Grabe getragen, begann er das ganze Gut zu bewirtschaften und in seinem großen Schmerze nach und nach Zerstreuungen zu suchen. Schon das war schlimm, daß ihm Frau und Haus dafür nicht genügten, denn er riß sich oft von beiden los, besuchte die Nachbarn, fuhr nach Krakau, blieb dort oft wochenlang mit lustigen Freunden sitzen und machte sich zuletzt unnötigerweise nach Warschau selbst auf, um den Hof zu sehen. König August II. weilte gerade dort, und mit ihm und um ihn trieben sich junge Leute und Soldaten, schöne Weiber, Ausländer und Abenteurer beiderlei Geschlechtes in bunter Fülle herum. Es waren das beweinenswerte Zeiten, denn im Lande herrschten Unordnung und Verwirrung und in der Residenz und bei Hofe allerlei glänzender, schöner, frivoler und sorgloser Leichtsinn.
Ein junger Mensch konnte sehr leicht verdorben werden, wenn er das sah, und war er einmal im Strudel drin, so tollte er unwillkürlich mit.
Siegmund machte bei seiner ersten Anwesenheit in Warschau sofort Bekanntschaft bei Hofe. Zum Unglück hatte er einen Oheim, der sich durch sächsische Gunst aus einem bettelarmen Jungen zu einem Hofamt emporgearbeitet hatte und auch den Neffen mit sich an den Hof zog. Siegmund besaß alle Eigenschaften, um hier gefallen zu können; Gesicht, Gestalt, Kraft, Witz, Humor stimmten ganz merkwürdig zu diesem Kreise. Man trieb's wie besessen, tafelte, unterhielt sich; man konnte keinen Augenblick ruhig aufatmen, wenn man unter diese Höflinge geriet, die selbst in den traurigsten Tagen, wenn alles drunter und drüber ging, an Maskeraden und Bälle dachten. Nach seinem ersten Besuche in Warschau kehrte Siegmund wie trunken zu Elsbeth ins Dorf zurück. Er konnte nicht genug erzählen von dem, was er dort gesehen, getrieben, selbst mitgemacht oder als Zeuge geschaut hatte. Es gefiel ihr nicht sonderlich, aber sie schwieg. Noch war Siegmund zärtlich gegen sie, so hoffte sie denn, daß er sich's aus dem Kopfe schlagen und zu seinen früheren Lebensgewohnheiten zurückkehren würde.
Aber weiß Gott, es ist eine große Wahrheit, daß es Nektar gibt, ohne den der Mensch, wenn er ihn einmal gekostet, nicht mehr leben kann. Siegmund brannten die Lippen, er seufzte, auf dem Lande sitzend, nach jenem Leben, das er versucht, nur wagte er nicht mehr sich darüber zu äußern, denn sein Weibchen sah ihn drohend an, und als er sich einst über eine Sängerin, eine Französin, die mit dem König nach Warschau gekommen war, in Lobpreisungen erging und ihr beschrieb, wie er bei ihr zu Nacht gespeist und welch herrliches Weib es wäre, da stampfte Elsbeth dermaßen mit dem Fuße, daß er sofort verschüchtert schwieg.
Hinter diesem Schweigen jedoch verbargen sich noch gefährlichere Pläne und Anschläge, um wieder an den Hof zurückkehren und mit den Taumelnden taumeln zu können. Er ging traurig und finster umher und seufzte, auf dem Lande wollte ihm nichts mehr schmecken, er fing an, sich mit einigen gleichgesinnten Nachbarn dem Trunke zu ergeben. Elsbeth verstand es, zu Hause gastfreundlich zu sein, und verwehrte auch lustiges Zechen in fröhlicher Gesellschaft nicht; aber solche Excesse, die Leben und Gesundheit bedrohten und angesehene Menschen dem Gelächter der Dienerschaft preisgaben, wollte sie nimmermehr dulden. Wollten sie demnach ungehindert trinken, so versammelten sie sich in Kavaliershäusern oder im Städtchen.
Elsbeth befürchtete bei ihm keine Ausartung zur Gewohnheit, denn Pientka trank so merkwürdig, als ob er Wasser schlürfte – es stieg ihm nicht sonderlich zu Kopf, und war er allein, so fühlte er kein Bedürfnis nach Wein, rührte ihn nicht an – er schmeckte ihm nicht. Sie achtete demnach nicht auf diese Streiche, denn sie war überzeugt, sie würden ihm selbst zuwider werden; sie hatte sie sogar lieber, als jene Ausflüge nach Warschau, die ihm den Kopf verdrehten, bis ihr Siegmund eines schönen Tages, ohne ihr ein Wörtchen zu sagen, unter irgend einem Vorwande durchbrannte, nachdem er erfahren, daß der Hof wieder eingezogen. Zwei Wochen ließ er sich nicht sehen, dann kehrte er demütiglich zurück. Wie ihn Elsbeth diesmal empfing, ist unbekannt; doch scheint sie ihm den Kopf gehörig gewaschen zu haben, denn sie schmollten ein paar Tage miteinander; nachdem aber der gar nicht eigensinnige Herr Pientka um Verzeihung gebeten, schlossen sie Frieden, und zwischen den Ehegatten herrschte wieder Einigkeit und wie früher ein musterhaftes Zusammenleben.
Dennoch zeigte es sich, daß Pientka von der Ansteckung des Hofes so weit ergriffen war, daß er sich seiner nicht mehr entschlagen konnte. Er langweilte sich auf dem Lande und gähnte in einem fort. Er versuchte es mit der Jagd, die Nachbarn kamen zusammen, zuweilen ließ man auch Musik kommen – aber diese ländlichen Vergnügungen waren nicht nach seinem Geschmack.
Es war bei dem allem nicht jene Pracht, jener augenbestrickende Glanz, jene elegante Sprache, jene köstlichen Ueberraschungen, nicht jene brausende und berauschende Ausgelassenheit wie bei Hofe. Mit diesem verglichen erschien ihm das ganze Dorfleben läppisch und dazu ging ihm jene Tänzerin, die an ihm seiner schönen Gestalt wegen ein momentanes Interesse gefunden, nicht aus dem Herzen und aus seinem berückten Kopfe.
Es war dies eine Französin, geschickt wie sie alle sind, die eine Zeitlang sogar den Sonnenblick Sr. Majestät des Königs auf sich zu lenken verstanden. Ohne sehr jung und sehr schön zu sein, war sie keck und lustig, verstand es, um jeden Preis zu gefallen, und hatte schon viele auf ihren Fahrten in Frankreich, Brüssel, Dresden und zuletzt in Warschau bestrickt … So auch den unglücklichen Pientka, der, nachdem er sie tanzen gesehen und dann beim Souper plaudern gehört, von ihr wie verzaubert war. Obwohl er ihr gefiel, so verstand es das schlaue Weib doch, ihn von sich fern zu halten.
König August II. hatte sie zufällig kennen gelernt, als er, dem die Politik nicht viel zu schaffen machte, in einer königlichen Laune inkognito unter dem Namen eines Grafen von Torgau in Gesellschaft des Fürsten Eugenius Sabaud und des Herzogs Marlborough eine Reise nach Flandern unternahm. Als er sah, daß sich die Belagerung von Lille in die Länge ziehe, verweilte er nicht lange dort und kehrte über Brüssel nach Sachsen zurück, und dort, einer Vorstellung im Opernhause beiwohnend, sah er jene Tänzerin Namens Duparc.
Man sagte, daß sie ihm damals so gefiel, daß er, nach einem mit ihr in Gesellschaft der Grafen Vitzthum, Bunditz und anderer Herren verbrachten Abende, ohne sein Inkognito zu lüften, ihr eine Stelle beim Dresdener Theater versprach, welches Versprechen er später auch einhielt und die daselbst Ankommende auf das glänzendste zu empfangen befahl. Allein diese königliche Gunst währte nicht lange und die Duparc blieb bei der Bühne, die während der Abwesenheit der Majestät nach Warschau überzusiedeln pflegte. Sie hatte unzählige Freunde bei Hofe und verstand es, durch Witz und Heiterkeit so lange außerordentlich zu fesseln, bis man es durchschaute, daß in dieser Komödiantin alles eine gut gespielte Komödie sei.
Diese hergelaufene Ballerine nun, die man schon in ganz Europa zu wiederholten Malen aus ihrem leichtfertigen Lebenswandel und ihrer Jagd nach wohlgefüllten Börsen kennen zu lernen Gelegenheit hatte, brachte es fertig, den geradherzigen und feurigen Pientka in ihre Netze einzufangen. Er steckte ihr durchaus nicht im Kopfe, sie hörte bloß, daß er ein reicher Schlachziz sei, sah, daß sie auf ihn Wirkung geübt, und so machte sie sich's denn zu nutze, indem sie vor ihm die Ehrbare spielte, die sie niemals gewesen. Die darauf dressierte alte Tante half, gleichsam als strenge Tugendwächterin, der nichtswürdigen Person, Siegmund hinters Licht zu führen. Zwar hätten ihn die Freunde warnen und ihm bedeuten können, mit wem er es eigentlich zu thun habe … aber diese waren mehr ihre als seine Freunde und gehörten zur Verschwörung, sich über den verrückten Jungen gehörig belustigend.
Genug – Pientka fand das zweite Mal Fräulein Duparc nicht mehr in Warschau und erfuhr bloß, daß sie bereits nach Dresden abgereist sei. Wahrscheinlich ließ sie ihm sogar die Post zurück, daß sie ihn dort erwarte. Lange genug kämpfte Pientka mit sich selbst, doch waren seine Augen bereits wie von einem Schleier benebelt, so daß er die hundertmal schönere und reizendere Gattin nicht mehr sah und nur von dieser Duparc schwärmte und träumte.
So mir nichts dir nichts mit einer kleinen Geldkatze zu damaliger Zeit nach Dresden zu fahren und überdies noch hinter einem nach Gelde lüsternen und an allerlei Saus und Braus gewöhnten Weibe – war undenkbar. Obwohl zu Hause Geld vorrätig lag, so konnte er es doch nicht von seiner Frau verlangen, auch hätte sie es ihm sicherlich abgeschlagen; er machte sich also in aller Stille nach Krakau auf und nahm dort bei Wucherern, welche Landbesitz mit räuberischen Schuldverschreibungen erwarben, Geld auf. Die Frau wußte von nichts; sie merkte es wohl aus seinem Humor, daß er etwas Böses vorhabe, ja vielleicht etwas plane – doch argwöhnte sie keine offene Auflehnung, keinen Verrat und keine so schamlose, eines verheirateten Mannes unwürdige Verrücktheit. Es kam ihr nicht einmal in den Sinn, daß er ihr so schmählich entwichen … in einem Augenblick, wo er sich gerade als der fügsamste Gatte benahm und ihr die einstige Zärtlichkeit bezeigte.
Bei Okon, dem Vater Frau Pientkas, lebte schon seit undenklicher Zeit dessen Bruder, welcher – man weiß nicht wie – sein ganzes Vermögen verloren hatte. Unverheiratet und nicht mehr jung, hatte er einst beim Militär gedient, sich dann als Pächter wiederholentlich niedergelassen, wobei ihn Hagelschlag und Ueberschwemmungen zu Grunde richteten, bis er, aus Desperation seinen Kopf verlierend, auch den Rest seines Geldes verbrachte, ohne sich selbst zu erinnern, wie.
Sein Name war Eligius. Nachdem er bis auf eine Schindmähre und ein Wägelchen heruntergekommen war und nicht mehr wußte, wo aus und ein, nahm ihn der Bruder bei sich auf, gab ihm ein schützend Obdach, und nachdem er sich's drin einmal bequem gemacht, ließ ihn die Gewohnheit nicht mehr weiter. Er gab hier einen besseren Oekonomen, Aufseher, Verwalter und was man nur brauchte ab, als einst auf seinem eigenen Grund und Boden. Dieser Onkel hing denn auch sehr an den Okonschen Kindern, besonders an Elsbeth, die er liebte und bei der er, nachdem sie geheiratet, öfter zu gasten pflegte, Als das arme Weib der Schrecken überfiel, daß ihr Mann so liederlich herumtolle, kam ihr der Onkel zu Hilfe und überwachte Siegmund. Er war ein äußerst langsamer Mensch, der es nicht fertig brachte, den Sausewind auszuforschen und auszuwittern, so sehr er auch nach ihm herumfuhr.
So standen die Dinge, und Onkel Eligius war eben nach langem Aufenthalt zum Bruder heimgekehrt, als Siegmund eines Tages unter dem Vorwand einer Reise in die Nachbarschaft von der Frau summarischen Abschied nahm und vom Hause wegfuhr. Bei Einbruch der Nacht sollte er wieder zurück sein, allein es kam der Abend – und von dem Herrchen war keine Spur. Es pflegte gar oft zu geschehen, daß er, in der Nachbarschaft gute Unterhaltung findend, statt abends erst andern Morgens heimkehrte; darum hatte die Frau auch keine Veranlassung, sich darüber beunruhigt zu fühlen. Tags darauf lugte sie gegen Mittag, von Fenster zu Fenster gehend, nach dem ungetreuen Gemahl aus, der sich auch bis zum Abend nicht sehen ließ. Noch war darin nichts Außergewöhnliches; am dritten Tage aber sandte Elsbeth einen reitenden Boten aus, um zu erfahren, ob er nicht etwa bei irgend einem Nachbarn erkrankt wäre. Dort aber, wo er sein sollte, hatte man ihn mit keinem Auge gesehen und der Bote erfuhr bloß so viel, daß Herr Siegmund am ersten Tage auf der zur Residenz führenden Landstraße gesehen worden sei.
Wie schon Elsbeth lebhaften Temperaments war und jede Falschheit haßte – kochte in ihr der Zorn mächtig auf, daß er es gewagt, seine Reise vor ihr zu verheimlichen, was nichts Gutes weissagte. Dennoch durchschaute sie noch nicht die ganze Größe seiner Schuld. Erst eine Woche darauf sagte der aus Warschau kommende Fürst Woiwode scherzweise zu Onkel Eligius, dem er am Wege begegnete: »Erwartet Siegmund Pientka nicht allzurasch; er kam nach Warschau in der Hoffnung, dort die französische Springerin zu finden, nachdem er jedoch erfahren, daß sie bereits nach Dresden zurückgekehrt sei, jagte er ihr wie besessen nach und muß gewiß schon in Schlesien oder will's Gott in Sachsen selbst sein.« Der gute Onkel brauste beinahe auf. Anfangs wollte er die unangenehme Nachricht vor der Nichte verbergen, doch merkte er bald, daß es nichts tauge. Es mußte rasch beraten werden, und da das Weib mutig und resolut war, so ziemte vor ihr kein Verstecken.
Er setzte sich also auf die Britschka und kam, während hier noch Ungewißheit herrschte, wie bald der Treulose aus Warschau heimkehren werde, bei seiner Nichte mit der Neuigkeit an.
»Verzweifle nicht, Elsbeth,« sprach er, »raufe nicht dein schönes Haar, weine dir wegen des Windbeutels nicht deine klaren Augen aus; ich will dir's nicht länger verheimlichen: der saubere Vogel ist uns nicht nach Warschau entflohen, sondern hinter jener vermaledeiten Französin nach Dresden echappiert. Gewiß haben sie ihn wo verhext.«
Elsbeth kniff die schönen Brauen zusammen, preßte die Lippen aufeinander, warf dem Onkel einen flammenden Blick zu, richtete sich stolz auf und fragte: »Woher weißt du's?«
Nun beichtete ihr Onkel Eligius, woher er die Neuigkeit bekommen, über die man sich in Warschau lustig machte.
Keine Thräne entrann den Augen des schönen Weibes – sie wurde nur blutrot vor innerem Zorn und ließ sich, ihre Gefühle bemeisternd, vernehmen: »Einer solchen Tollheit gegenüber Nachsicht üben, wäre Sünde; es gilt Rettung suchen. Sagt, was ihr wollt, denkt, was euch gefällt; darüber, was hier zu thun, bin ich der maßgebendste Richter … Es bleibt nichts anderes übrig, als ihm nachzureisen.«
»Wem?« fragte der Onkel – »er wird ja auf niemand hören wollen.«
»Nicht hören! Das möchte ich sehen! Er hat's nicht einmal gewagt, mir ins Auge zu blicken,« setzte Elsbeth hinzu; »oder glaubst du etwa, daß ich jemanden abschicke? Ich fahre selbst!«
Darauf rief der Onkel, daß dies unter keinen Umständen geschehen könne, daß es eine unausführbare Idee sei … Eine junge schöne Frau in einer solchen Stadt, die man Sodom und Gomorrha gleichhielt … nach derselben reisen hieß soviel, als sich umsonst und ohne irgend welchen Nutzen Gefahren aussetzen.
Elsbeth stand damals gerade in der vollsten Blüte ihrer Reize, so daß sie jeden fesseln mußte und niemand ihr widerstehen konnte, höchstens ein solcher Windbeutel wie Siegmund, der ihrer bereits satt war. Nicht umsonst fürchtete deshalb Elsbeths Onkel eine solche Reise nach Sachsen für sie selbst, da er vom Hörensagen wußte, was dort am und um den Hof herum geschah. Er begann sich also standhaft zu widersetzen und abzuraten – umsonst.
Elsbeth erklärte, ihren Mann holen zu wollen und setzte hinzu, daß sie gewiß sei, seine Rückkehr nach Hause zu bewirken.
Onkel Eligius war starr, doch hoffte er noch, daß Vater und Mutter imstande sein würden, sie von diesem Gedanken abzubringen. Er war so außergewöhnlich und aller Sitte zuwiderlaufend, daß der Onkel anfangs an seine Verwirklichung gar nicht glauben wollte. Noch an demselben Tage beschloß er, zu den alten Okons zu fahren, um sich mit ihnen über die Besänftigung der aufs höchste gereizten Elsbeth zu beraten. Schon standen die Pferde vor der Veranda, als sie, dieselben erblickend, zum Fenster hinausrief: »Wohin willst du denn, Onkel?«
»Nach Wulka.«
»Dann warte ein Weilchen, ich übergebe der Flora bloß die Schlüssel, treffe die nötigen Dispositionen und fahre mit dir.«
»Gut denn,« sagte sich Eligius im Geiste, »dort wird ihr's leichter aus dem Kopf zu schlagen sein.« Den ganzen Weg jedoch sprach Elsbeth von nichts, als von ihrer Reise und fragte ihn aus, wie viele Tage man nach Warschau brauche und auf welche Weise man von dort nach dem Sächsischen gelange. Der Wahrheit die Ehre, weiter als bis zur schlesischen Grenze wußte Onkel Eligius keinen Bescheid – dort hörte für ihn die Welt auf; um jedoch seine Nichte abzuschrecken, fing er an zu beschreiben, welch schreckliche Gebirge, Einöden und Ströme man dort zu übersetzen hätte …
Sie hörte ihm mit großer Aufmerksamkeit zu und hatte auf jeden Einwand nur eine Antwort: »Es reisen doch Leute dahin?« Das konnte der Onkel nicht leugnen und so zuckte sie denn lächelnd mit den Achseln, – »hat ja doch der Teufel meinen Mundi hingezerrt; er ist dort angelangt, so bin auch ich imstande, mich so weit durchzuschlagen!«
Onkel Eligius nuschelte etwas von Räubern in den Tarnower Bergen; – Elsbeth versetzte kalten Blutes: »Man muß also gute Pistolen mitnehmen.«
Als er schließlich diesen unerschütterlichen Widerstand sah, rechnete Onkel Eligius nur noch auf die notwendige Abkühlung, – auf die Reflexion, die diese Kühnheit und Verwegenheit zerflattern machen müsse … So kamen sie bis zum Okonschen Wulka. Zu Hause befanden sich der alte Vater, die Frau Mutter und eine von den verheirateten Schwestern – denn zu jener Zeit waren bereits alle an den Mann gebracht. Frau Siegmund sprang vom Wägelchen herab – sie hatte einen vom Regen durchfeuchteten, dicken Mantel an und ungarische Stiefelchen an den Füßen –, warf die Oberkleider ab und lief in das elterliche Haus hinein, auf dessen Schwelle sie ein erneuter Zornes- und Verzweiflungsausbruch zu überfallen schien. Vater und Mutter kamen ihr entgegen.
»Wißt ihr,« rief sie schon in der Thüre mit gerungenen Händen, »was mir begegnet ist? Dieser Galgenstrick Mundi, den mir irgend eine Französin vom königlichen Theatrum verdreht hat, ist mir vom Hause durchgebrannt und ihr nach Dresden gefolgt … der Lump!«
Vater und Mutter schlugen die Hände zusammen.
»Oh! du lieber Gott! Was ist da zu beginnen! Beruhige dich, teure Elsbeth …«
Und die ungeheure Aufregung der Tochter sehend, flüsterte die Mutter beunruhigt der anderen Tochter zu: »Larendogra! Larendogra!«8
»Ah! was brauche ich Larendogra!« brauste Elsbeth auf und stieß mit ihrem eisenbeschlagenen Stiefelchen auf den Boden; »ich will diesen Taugenichts lehren, wie man mit einem anständigen Weibe umgehen soll! Ich lasse ihn nicht so ruhig und frei in der Welt herumflattern … Wir wollen sehen!«
»Wie das? Willst du ihn vor Gericht laden?« fragte der Vater, »oder vors Konsistorium?«
»Was? Ich? Um die Leute lachen zu machen? Kann ich mir etwa nicht selbst Rat schaffen?« rief Elsbeth, »bin ich denn ein Kind, daß ich ihn verklagen soll?«
»Was willst du ihm sonst thun?«
»Was?« schloß Frau Siegmund zornig, »eben komme ich her, um von euch Abschied zu nehmen, teure Eltern, euren Segen zu erbitten, und morgen oder übermorgen nehme ich Onkel Eligius in Requisition, die Pistolen in den Gürtel und wir reisen dem Nichtsnutz nach Dresden nach – ja selbst bis ans Ende der Welt. Irgendwo werde ich ihn doch finden – kommt er zur Besinnung und bittet mir's kniefällig ab, so bringe ich ihn mit, wenn nicht – so brenne ich ihm eins auf den Schädel, wie einem Hund – damit sich das erbärmliche Geschlecht nicht auf der Welt fortpflanze!«
Frau Okon schrie mit lauter Stimme auf: »Und das Wort ist Fleisch geworden!« Der alte Okon stand sprachlos … Elsbeth jagte ihnen mit ihrem erhobenen Haupt, ihren wie zwei Fackeln brennenden Augen beinahe Entsetzen ein, so hatte sie die Wut gepackt.
»Um der Liebe Gottes willen,« sagte die Mutter weinend und sie an sich drückend, »fasse, beruhige dich, – was ist dir, mein teures Kind! Das ist nicht Sache einer Frau … so wehrt sich ein Weib nicht …«
»Mein liebes Mütterchen,« unterbrach Frau Siegmund, »ich weiß ganz wohl, daß es uns Frauen nicht geziemt, bei der ersten besten Gelegenheit aufzubrausen, doch wenn im Hause solches Aergernis vorfällt … dann muß man Willen und Entschluß aufraffen und dem Ehemann den Kopf zurechtsetzen! Was kann ich dafür, daß ich an solch einen Narren geraten? Für ihn gibt's kein anderes Mittel, als ihn kurz nehmen und kurz halten … Er hat mich schön hingestellt. Läuft mir durch um einer Dirne willen, so wenig wert wie er selbst! Und was werden die Leute von mir denken? Höchstens, daß ich noch weniger wert sei als diese Französin. Nein! Ich will ihnen zeigen, daß Pientkas Frau besser ist als Pientka.«
Alle, wie sie sich dort befanden, erstarrten über die Worte Elsbeths: keiner wagte zu widersprechen, denn jeder sah ein, daß ihre Empörung Grund habe … Sie sah aus, wie eine wahrhaftige heidnische Göttin. Gestalt, Auge, Antlitz, Lächeln, Händchen, Füßchen, während jene Duparc – wie Leute erzählten, die sie gesehen – neben ihr eine wahre Fratze sein sollte … nur färbte sich das Ding rot und weiß an, schmierte und schnürte sich, und weil das Schleierspringen von Kindheit auf dasselbe zu allerlei halsbrecherischen Künsten zurechtgebogen hatte und ihm dabei ein tüchtiges Mundwerk zu statten kam, so konnte es einem verdorbenen Menschen munden, wie einem Trinker der Schnaps nach dem besten Tokayer.
Sie ließen Elsbeth sich aussprechen und austoben, wie sie nur wollte; trotzdem glaubte der Vater, daß dem Verflammen des ersten Feuers Thränen, Bedenken, weibliche Furcht und Unsicherheit folgen und daß die Sachen damit schließen würden, daß Elsbeth bei den Eltern verbleiben und Onkel Eligius, mit Reisegeld ausgerüstet, dem Treulosen nachgeschickt werde. Aber den ganzen Abend hindurch sprach Elsbeth nur von der Reise, und nachdem der erste Zorn verraucht war, von der Reiseausrüstung, dem Fuhrwerk, von dem hierzu notwendigen Gelde und der Anzahl der mitzunehmenden Dienerschaft.
Die Mutter tuschelte dem Vater ins Ohr: »Mag sie nur reden – so was redet sich aus und – vergeht.«
Sie gingen schlafen; am anderen Morgen begann man wieder bei Warmbier und Kaffee sich zu besprechen und glaubte, sie würde anderen Sinnes sein. Gott bewahre – sie blieb standhaft und sprach nur von der Eile der von ihrer Seite fest beschlossenen Reise; es war ihr bloß um den väterlichen Rat zu thun, wie es besser wäre: bescheiden und sparsam zu reisen, oder sich herrschaftlich zu equipieren. Denn es konnte ja so weit kommen, daß man gezwungen wäre, bei Hofe Zuflucht zu suchen … ja sogar bis an den Thron Seiner Majestät des Königs zu appellieren …
Jetzt merkten es schon die Eltern, daß sie keinen Spaß verstehe, und machten sich ans Abraten, doch wollte sie sie gar nicht anhören … und was schlimmer, sie riß mit ihrer Beredsamkeit so hin, daß die Mutter in Thränen ausbrach und der Vater auf ihre Seite trat, bevor man sich zum Mittagstisch setzte.
