Ein Jahr in der Natur - Josephine Johnson - E-Book
SONDERANGEBOT

Ein Jahr in der Natur E-Book

Josephine Johnson

0,0
16,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 16,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Ein frühes Meisterwerk des Nature Writing, zauberhaft bebildert von Andrea Wan.

Ausgehend von ihrer siebenunddreißig Hektar großen Farm in Ohio, die Josephine Johnson und ihr Mann in Wildnis zurücküberführt haben, beobachtet sie Monat für Monat die sich verändernde Landschaft mit der Präzision einer Naturforscherin und der Sprache einer Dichterin. Die Pracht der Landschaft blitzt auf, der unaufhaltsame Zyklus von Wachstum und Vergänglichkeit, es wimmelt von kleinen und großen Lebewesen, die parallel zu den Menschen in und mit der Natur existieren. Es entsteht eine poetische wie lebendige Reflexion, die das Wunder und die Kraft der Natur genauso einfängt wie die Zeichen ihrer Zerstörung, ihre Schönheit und Sterblichkeit ebenso greifbar macht wie die mit ihr verbundene Hoffnung. Ursprünglich 1969 veröffentlicht, hat Josephine Jonson mit diesem Buch eine zeitlose wie brillante Chronik der Jahreszeiten geschaffen.

Das erfolgreichste Buch der Pulitzer-Preisträgerin Josephine Johnson, erstmals auf Deutsch – ein immerwährender Kalender über die Schönheit der Jahreszeiten in zwölf Monats-Kapiteln.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 234

Veröffentlichungsjahr: 2025

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Cover for EPUB

Über das Buch

»Die Kinder sind fort. Die Pferde fort. Das alte Haus fort. Was bleibt? Eine Welt aus Bäumen, wilden Vögeln, wildem Unkraut – eine Welt einzigartiger harscher Schönheit, die währen wird, solange ich lebe. Das Land – mein alderliefest – das Allerliebste, das, woran das Herz schon am längsten hängt.«

Ausgehend von ihrer siebenunddreißig Hektar großen Farm in Ohio, die sie und ihr Mann in Wildnis zurückgeführt haben, beobachtet Josephine Johnson Monat für Monat die sich verändernde Landschaft mit der Präzision einer Naturforscherin und der Sprache einer Dichterin. Es entsteht eine intensive wie poetisch lebendige Reflexion, die die Kraft der Natur genauso einfängt wie die Zeichen ihrer Zerstörung, ihre Schönheit und Sterblichkeit ebenso greifbar macht wie die mit ihr verbundene Hoffnung. Ursprünglich 1969 veröffentlicht, hat Josephine Johnson eine lebendige, zeitlose Chronik der Jahreszeiten geschaffen. Sie erscheint jetzt erstmals auf Deutsch, exzellent übersetzt von Bettina Abarbanell – und zauberhaft illustriert von Andrea Wan.

»Ein großartiges Buch über die Natur, so wie Thoreaus ›Walden‹ eines war. Es sollte von jedem gelesen werden, der noch die Fähigkeit hat, etwas zu empfinden.« NEW YORK TIMES

Über Josephine Johnson

Josephine W. Johnson (1910–1990) erhielt für ihren Debütroman »Die November-Schwestern« mit 24 Jahren den Pulitzer-Preis und war die bis dahin jüngste Preisträgerin der prestigereichen Auszeichnung. Sie studierte an der Washington University und schrieb insgesamt elf Bücher, darunter den Bestseller »The Inland Island« (1969). Aus heutiger Sicht kann sie als Feministin und Umweltschützerin gelten, die geprägt war durch eine Welt der Ungleichheit und Ausbeutung, auf die sie uns mit ihren Werken aufmerksam macht. 

Bettina Abarbanell arbeitet als Literaturübersetzerin in Potsdam. Sie hat u. a. Jonathan Franzen, Denis Johnson und F. Scott Fitzgerald übersetzt. 2014 Übersetzerpreis der Heinrich Maria Ledig-Rowohlt-Stiftung. Für ihre Arbeit an »Niemand verschwindet einfach so« wurde sie mit dem Brandenburger Kunstförderpreis ausgezeichnet.

Andrea Wan ist eine bildende Künstlerin und Illustratorin, geboren in Hongkong, aufgewachsen in Kanada und jetzt in Berlin und Vancouver ansässig. Ihre Kunst verbindet traditionelle erzählerische Ästhetik mit unheimlichen und surrealistischen Qualitäten und stellt eine Welt mit großer Sensibilität dar. Andrea lässt sich inspirieren, indem sie nach außen schaut, um ihre Umgebung wie Menschen und Orte zu beobachten, und nach innen in die dunklen Ecken ihres Unterbewusstseins blickt. 

ABONNIEREN SIE DEN NEWSLETTERDER AUFBAU VERLAGE

Einmal im Monat informieren wir Sie über

die besten Neuerscheinungen aus unserem vielfältigen ProgrammLesungen und Veranstaltungen rund um unsere BücherNeuigkeiten über unsere AutorenVideos, Lese- und Hörprobenattraktive Gewinnspiele, Aktionen und vieles mehr

Folgen Sie uns auf Facebook, um stets aktuelle Informationen über uns und unsere Autoren zu erhalten:

https://www.facebook.com/aufbau.verlag

Registrieren Sie sich jetzt unter:

http://www.aufbau-verlage.de/newsletter

Unter allen Neu-Anmeldungen verlosen wir

jeden Monat ein Novitäten-Buchpaket!

Josephine Johnson

Ein Jahr in der Natur

Aus dem Amerikanischen von Bettina Abarbanell

Mit Illustrationen von Andrea Wan

Übersicht

Cover

Titel

Inhaltsverzeichnis

Impressum

Inhaltsverzeichnis

Titelinformationen

Informationen zum Buch

Newsletter

JANUAR

FEBRUAR

MÄRZ

APRIL

MAI

JUNI

JULI

AUGUST

SEPTEMBER

OKTOBER

NOVEMBER

Dezember

Register

Januar

Februar

März

April

Mai

Juni

Juli

August

September

Oktober

November

Dezember

Textnachweis

Die Mitwirkenden

Impressum

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

27

28

29

30

31

32

33

34

35

36

37

38

39

40

41

42

43

44

45

46

47

48

49

50

53

54

55

56

57

58

59

60

61

62

63

64

65

66

67

68

71

72

73

74

75

76

77

78

79

80

81

82

83

84

85

86

87

88

89

90

91

92

93

94

95

96

97

98

99

100

101

103

104

105

106

107

108

109

110

111

112

113

114

115

116

117

118

119

120

121

123

124

125

126

127

128

129

130

131

132

133

134

135

136

139

140

141

142

143

144

145

146

147

148

149

150

151

152

155

156

157

158

159

160

161

162

163

164

165

166

169

170

171

172

173

174

175

176

177

178

179

180

181

182

183

184

185

186

187

188

191

192

193

194

195

196

197

198

199

200

201

202

203

204

207

208

209

210

211

212

213

214

215

216

217

218

219

220

221

223

224

225

226

227

228

229

230

231

232

233

234

235

236

237

238

239

240

241

242

243

244

245

246

247

248

249

250

251

252

253

254

255

256

257

258

259

260

261

262

263

264

265

266

267

268

269

270

271

272

273

JANUAR

Das neue Jahr liegt vor uns. Man steht an einem hohen, festen Ort. Alles ist sauber und klar. Die Luft frisch, nicht frostig. Raureif auf den Bäumen des Tals, graues Eis auf dem Teich und Glanz auf den Grasbüscheln. Die zarten toten Gräser sind gefroren, die gepflügte Erde ist kalt und bitterschokoladenbraun.

Dieser wunderschöne Streifen Land ist alles, was noch bleibt. Er ist mein Lebenselixier. Das alte Haus unten im Tal, wo die Mammutknochen im Steinbruch gefunden wurden, liegt verlassen da. Wir leben jetzt auf dieser Seite des Bergrückens. Die Kinder sind fort. Die Pferde fort. Das alte Haus fort. Was bleibt? Eine Welt aus Bäumen, wilden Vögeln, wildem Unkraut – eine Welt einzigartiger harscher Schönheit, die währen wird, solange ich lebe. Das Land – mein alderliefest – das Allerliebste, das, woran das Herz schon am längsten hängt.

Ich bin eine gebürtige Franklin, mütterlicherseits, und der Franklin war in der angelsächsischen Zeit ein Landbesitzer, ein Freier. Ich habe mein Leben lang Liebe zum Land empfunden, und heute, da alles Leben ein Leben wider die Natur ist, wider das ganze Wesen des Menschen, ist da ein Gefühl von Dringlichkeit, ein Bedürfnis, etwas aufzuzeichnen und in Ehren zu halten und diese Liebe zu teilen, bevor es zu spät ist. Die Zeit vergeht – meine und die des Landes.

Dieses Stück Land, knapp sechzehn Hektar Waldland, hat steile Hänge, zwei Bäche, Tausende von Bäumen und ein Netz aus kleinen Schluchten oder Senken. Es gibt einen halben Morgen flaches Land, und darauf steht das Haus. Die Fenster, so breit wie die Wände, gehen auf das schmale, von einem Bach mit steilen Lehmufern geformte Tal hinaus. Das Bachbett wächst und weitet sich bei jedem Sturm, mal gen Osten, mal gen Westen. Wenn der Bach sich gen Osten bewegt, unterspült er den Hügel, auf dem das Haus steht. In stürmischen Nächten hört man im rauschenden Wasser die großen Steine knirschen, am Anfang der Welt geborene Steine, einst der Grund gewaltiger Ozeane – jetzt von einem kleinen mittelwestlichen Sturm umgewälzt und flussabwärts gerollt und geworfen.

Unser Stück Land beginnt oben auf dem Hügel mit einem schmalen Eingang zwischen alten Fliederbüschen. Ein Tor gibt es nicht, nur eine Lücke zwischen der alten Scheune und dem Fliederbusch, durch die sich Autos zwängen können, und jeden Tag hört man das Peitschen und Klackern von Fliederzweigen gegen Glas. Was einen ärgern kann und auch wieder nicht – denn ausnahmslos alle, ob Mann, Frau oder Kind, die zum ersten Mal diesen Weg entlangkommen, sagen: »Ach, wie ruhig es hier oben ist, ich wünschte, ich hätte so einen Ort.« Das wünschte ich ihnen auch. Ich wünschte, es gäbe noch große Bäume und es würden weitere gepflanzt. Wer pflanzt heute eine Eichel ein für die Eiche seines Sohnes? Es gibt auf dieser Welt keinen Platz für Eichen. Und bald auch keinen Platz mehr für Söhne.

Die Ulme bei der Einfahrt ist nicht so schön wie die weinglasförmigen Ulmen Neuenglands, aber sie hat sich von einem nässenden Geschwür geheilt und wirft eine kräftige Astfontäne vor den Himmel. Darunter ist der Brunnen, ein Brunnen mit tiefem kaltem Wasser, dessen Pumpe roten Lehm nach oben hustete, wovon der Klempner sie kuriert hat. Der kleine Racker, wie er sie ihres Keuchens wegen sorgenvoll nannte, scheint sein Eigentum zu sein, so sehr ist er zu ihrem Meister geworden, ihrem Übersetzer, Freund und Vater. Er kennt ihre Auslässe und Schnüffelventile in- und auswendig, und nur ein einziges Mal hat sie ihn überrascht. Mit einer Bergnatter im Rotorkasten. »Man lernt ständig etwas Neues«, sagte er. »Für alles gibt es ein erstes Mal.«

Auf dem schmalen Bergrücken, wo unser Land beginnt, befinden sich die alte Scheune, der kleine weidengesäumte Teich und dahinter eine baufällige Hütte, in der die ursprünglichen Besitzer wohnten, als dies noch eine Farm war. Aber unbewirtschaftet, wie es jetzt ist, steil und überwuchert mit Ampfer und Wermut, liebe ich es mit der Liebe eines Menschentiers, nicht mit der Liebe eines Farmers. Dieser Ort mit all seinen Schichten Leben, von den Eiern der Schnecken bis zu den Augen der Bussarde, ist meine Heimat, so sicher, wie es die Heimat des wilden Vogels oder des Spechtes ist. Ich werde es verteidigen, und wenn ich am Ende mit Pfeil und Bogen auf Patrouille gehen muss – eine alte Dame, wie ein großes Waldmurmeltier im braunen Mantel, die diese wie mit dem Messer geschnittenen Hügel rauf- und runterstiefelt und Hunde und Jäger beschimpft, sich einen Weg durch Schlehen und Dornendickicht bahnend, jene raumgreifende Ökologie, die, wie man uns sagte, unausweichlich sei wie die Gezeiten und schneller als sie.

Diese Prophezeiung stammte vom staatlichen Förster, der unsere siebenunddreißig Morgen abschritt und uns auf die Wolfsbäume hinwies, die wild und weit verzweigt in die Höhe wachsen und deren Wurzeln die Nahrung des Wolfs verschlingen und dem Menschen nur ein paar Fuß Stamm bescheren. Nicht geeignet für Nutzholz, dafür Heimat von Waschbären und Spechten, durchlöchert von Würmern und Insekten, Lebensgrundlage im großen Nahrungskreislauf. »Was können wir tun, um hier ein Naturschutzgebiet zu machen?«, fragten wir ihn vorsichtig, weil dieser Titel Größerem wie der Serengeti gehört.

»Zurücklehnen«, sagte er, »und beobachten, wie die Ökologie sich entwickelt.«

Das war alles, und inzwischen ist die Flut dieses seltsamen Wortes gekommen. Seit die Schafe und Pferde fort sind, trampelt und grast hier nichts mehr, und die großen roten und violetten Schlaufen der Brombeerreben, ihre dornenbesetzten Peitschen, wachsen den Menschen über den Kopf. Nichts hält die Holundertriebe und Goldrutenwellen auf. Die jungen Bäume folgen dem Dornengestrüpp, und auf dem Weideland entsteht ein Wald.

Das neue Jahr liegt vor uns. Janus, der Himmelspförtner, eröffnet das Jahr. In Rom war er Gott und Gebieter über die Tore, die zu beiden Seiten schwangen: seine zwei Gesichter. In Zeiten des Krieges standen die Tore seines großen Tempels immer offen. Im Frieden waren sie geschlossen. Nur ein einziges Mal zwischen der Herrschaft von Numa und der Herrschaft von Augusta waren die Tore geschlossen. In diesem Jahr unseres Lebens sind sie offen. Sie sind es seit langer, langer Zeit. Die Armeen strömen hinein und heraus. Der Krieg dauert an.

Im eigentümlichen Kalender des Geistes ist der Januar ein hoher Bergkamm, die Monate fallen davon ab, und die Talfahrt gen Frühling beginnt. Der Winter ist eine Zeit der Klarheit und Schlichtheit. Eine gute Zeit für Anfänge, weil es weniger Belästigung gibt, weniger Ablenkung durch die Sinne. Das Geäst ist kahl und der ferne Bergkamm sichtbar. Und durch das kahle Geäst blitzen die erstaunlichen Helmspechte auf, flach an die schuppige Rinde der Wildkirschen gedrückt. Von hinten sehen sie aus wie riesige Schaben mit roter Haube. Schwarze Krähen quälen sich vorbei: »Hark! Hark!« Und unter dem wütenden Konvoi ihrer Flügel fliegt still ein großer grauer Habicht hindurch und landet auf dem weißen Skelett eines Bergahorns. Er ist vor Kälte zur Größe einer Eule aufgebläht, doch der Habichtkopf bleibt klein und fest, die Augen eisgolden. Er hat Gold auf den Flügeln und der Brust und hockt da, als wäre er in den prächtig gefiederten Mantel eines aztekischen Königs gehüllt. Weiß auf seinen Flügeln, Weiß auf seinem Kopf, Weiß in den enormen Greifkrallen. Der grausame, gebogene Schnabel ist leer. Grausam und gebogen? Hast du mal den Schnabel eines braunen Baumläufers gesehen? Die reinste Sense ist das – ein Krummsäbel! Überleg mal, wie er auf die kleinen Borkenkäfer wirken muss. Gehämmerter Stahl, aus ihrer Sicht. Ein bösartiges Ding und riesig. Gesprenkelt wie ein Ei, der Angelhakenschnabel dieses kleinen Vogels. Sein Ruf ganz dünn und hoch, hörbar höchstens für das allerfeinste menschliche Ohr. In einer Spirale fliegt er um die Winterbäume herum. Unsichtbare Eier und Käfer werden wie mit feiner Nadel aufgespießt. Sein runder, gefleckter Bauch gleicht dem glatten Fell eines Seeleoparden, sein überdimensionaler Schnabel dem Schwert des Narwals – jenes merkwürdigen Einhornwals, aus dessen Elfenbeinstoßzahn, den von Elefanten noch übertreffend, einst die Throne dänischer Könige waren.

Unser Land ist ein Paradies für Spechte. Es wimmelt von verrottenden Baumstümpfen und Bäumen samt deren sich schälender Rinde. Die Luft ist voll von den schwarz-weißen Klaviertastenflügeln der Spechte und hallt wider von ihrem andauernden Trommeln und Klackern, ihrem harschen Getriller und dem Gequassel ihres struppigen Clowns, des Gelbbauchsaftleckers. Dieser einzelgängerische, selbstsüchtige Vogel, der die Bäume mit kreisrunden regelmäßigen Löchern versieht, scheint keinen Partner zu haben. (Vielleicht »mögen sie einander nicht«, wie Dr. E. Laurence Palmer über den Tapir sagt.) Seine Färbung ist verstörend. Gibt einem ein komisches Gefühl im Bauch. Dieses dicke Gelb-Weiß, wie aus der Tube gedrückt, dazu das blutrote doppelte V am Hals wie ein Schnitt und das Schwarz seiner Flügel. Jetzt kommt ein Bild – eine Erinnerung an Karnevalsfiguren, die Skelettform weiß auf Schwarz gemalt, die rot-gelben Clowns bei irgendeinem Fasching oder einem brasilianischen Festival. Da ist er.

Ich beobachte Vögel – sie interessieren mich brennend. Eine Vogelfreundin bin ich nicht. Ihre Schnäbel sind zu spitz und ihre runden Augen kalt. Ich bin fasziniert von meinen Mitbewohnern dieser Planetenheimat; aber nicht fanatisch, nicht wissenschaftlich. Wir sind heute so sehr von Spezialisten umgeben, dass wir uns kein profundes Wissen mehr anmaßen können. Wer kann schon die großen Vogelzüge begreifen oder einen Waldlaubsänger anhand des Fehlens einer tief gespaltenen Fransenzunge und der Kiefermuskelstruktur von einem Kappennaschvogel unterscheiden? Können wir die so wichtigen, außer bei ausgewachsenen Flötenstärlingen stets vorhandenen Oberkieferknochen sehen? Der große Laubsängerexperte Ludlow Griscom hat für den prätentiösen Amateur scharfe Worte übrig. »Frühlingsspezialisten sind das, und die Beherrschung der herbstlichen Vogelzüge und die Einbeziehung der gesamten Artenbandbreite verlangt eine Gedächtnisleistung, die ganz und gar jenseits ihrer Möglichkeiten liegt«, schreibt er, »und sie versuchen es auch gar nicht. Ich kenne Menschen, die angesichts einer relativ ungewöhnlichen Art in große Aufregung gerieten, ohne sich zu erinnern, dass sie sie schon verschiedentlich gesehen hatten. Sie befanden sich in dem glücklichen Zustand, permanent die ihr Lebtag nicht geführte Liste zu erweitern. Dieser Mangel an Sachgedächtnis scheint die Hauptschwäche vieler weiblicher Vogelbeobachter zu sein.«

Meine Liebe gilt absurderweise nur den Eulen (neben Warzenschweinen, Nashörnern und Walrossen). Ich bin mit heimischen Vögeln aufgewachsen und spüre bis heute die stechenden Schnäbel nistender Hühner an meinen Händen und habe noch Narben am Bein von wilden jungen Hähnen, die mich, zu Recht, als ihre Feindin betrachteten.

Aber Vögel sind wunderschön und unendlich staunenswert. Es gibt sie in größerer Vielfalt als die Tiere dieses einstigen und künftigen Waldes, und die Sichtung eines neuen Vogels macht glücklich. Durch die welken, eingerollten Ahornblätter, die selbst im Januar noch haften wie orange Fetzen Papier, kommt ein einsamer, zauberhafter Vogel. Schau! Wo? Da. Zwischen den Blättern. Seh ich nicht. Schau. Da drüben jetzt! Wo? Da. Jetzt hat er sich bewegt … Ah, jetzt sehe ich ihn. Da! Hol das Fernglas … hol das Buch. Keine Zeit … Beobachte ihn einfach … Schau doch …

Es ist ein Vogel mit moosgrünem, braun schattiertem Körper wie ein bemooster Stein, mit markant gezeichneten schwarz-weißen Flügeln. Das ist alles. Jeder Idiot mit Augen im Kopf müsste ihn in dem Buch finden. Aber er ähnelt überhaupt nichts aus dem Buch. Er bleibt in der Nähe. Tage vergehen, ohne dass wir ihn sehen, dann taucht er wieder auf. Er erinnert mich an die Scharen von »Schneevögeln«, die in meiner Kindheit in Missouri nach dem ersten Schneefall kamen. Kurz bei uns durchzogen wie in einem Traum. Nur ist er nicht weiß. Vielmehr moosbraun-grün und ganz allein. Schließlich vermuten wir, dass er ein immatures Exemplar einer vor Monaten aufgebrochenen Art ist und dieser eine verlorene goldige Kerl blieb, um uns Rätsel aufzugeben. (Wie wir feststellen, ist es ein Distelfink.)

Wir haben unsere Listen. Und wir pflegen sie – »schwache weibliche Vogelbeobachter«, die wir sein mögen. (Wachtel, Kardinal, Weißkehlammer, Hüttensänger, Zaunkönig, Drossel, Spottdrossel, Krähe, Taube, Carolinaspecht, Winterammer, Blaumeise, Chickadee-Meise, Lincolnammer, Rotschwanzbussard, Wanderdrossel, Streifenkauz, Gold- und Dunen- und Haar- und Helmspecht …) Und dann lesen wir die jährliche Januar-Bilanz, eine Bilanz von Profis und Amateuren im Umkreis von sieben Meilen um uns herum, und werden gräulich grün vor Neid und Erstaunen. Die nie gesehenen Enten, seltenen Habichte, weißen Eulen und Sperlinge mit Fransenzunge. Und irgendwer hat immer eine Möwe erspäht. Eine Möwe im Landesinneren? Ja, eine Möwe. (Ich habe mal einen grünen Sittich gesehen, der seinen langen Schwanz durch den Matsch des Scheunengrundstücks zog. Ein erstaunlicher Anblick – aber nichts für die Liste. Irgendjemandes Haustier. Wir wünschten ihm alles Gute, obgleich wir wussten, dass ihm ein früher Tod blühte.)

In diesem Kernlandstaat Ohio, meerlos, berglos, von Flüssen gezügelt, ist der Januar kein wilder Schneesturmmonat. Die Skala seines Wetters ist seltsam und unvorhersehbar. Es gab das Jahr der Güsse, als der Januar nicht nur Schnee, sondern Regen brachte, eine Flut brachte, große trostlose Matschseen brachte. Dann kamen Sonne und Frost und Schneeschmelze, Wind- und Wirbelstürme, Eis, Schlamm, Schneematsch, Sonne, Frost, Nebel und Regen … Die Erde konnte das alles nicht bewältigen. Die Hügel, starr vor Eis, rutschten bei Einbruch der Nacht in die Flüsse. Der Bach toste gelb wie die Wasser des Jangtse in China. Die alten, in devonischer Zeit abgelegten Steine wurden stromabwärts geschleudert und schwärmten wie Fische.

Gewohnheitstiere konnten das verrückte Wetter nicht überleben. Selbst die ordnungsliebenden, programmierten Vögel lernten, sich zu ändern. Die Winterammern, die noch nie zuvor vom Boden gefressen hatten, kamen zur Vogelfutterkrippe und hockten hoch oben in den Bäumen, kampflustig wie die Chickadee-Meisen. Sie verteilten sich, als wüssten sie irgendwoher, dass der Boden aufgleiten und unter dem Gewicht einer einzigen überzähligen zarten Kralle polternd verschwinden könnte. Meilenweit waren die überfluteten Flussniederungen mit grauen Eisscherben bedeckt. Die Flüsse so hoch und geschwollen, dass sie still und vollkommen reglos schienen.

Das gewöhnliche Jahr aber, das gemäßigte Jahr, beginnt hell und milde, und etwas von der Herbstfarbe ist noch da. Moosgrün, Grün vom Geißblatt; hier und da in den Brombeerreben ein tiefrotes Blatt, sein Rost- und Purpurton ein unerwartetes Licht, ein Leuchten, wie der Kardinal in der Winterdämmerung – der letzte Fresser, der im Zwielicht gierig Samen vertilgt, nahezu weißglühend in der am Abend zunehmenden Kälte. Während alle anderen Vögel damit beschäftigt sind, das Leben im Schlaf zu bewahren, tief in den Tannen oder den stacheligen Nestern von Weidenzedern, futtert er weiter.

Und dann, nach und nach, zieht wachsende Kälte die Farbe aus Bäumen, Gras und Boden, bleicht die ungefegten, mit Eichen- und Ahornblättern übersäten Triften. Spatzen picken an dem grauen Eis. Moos wird grau. Der Boden, von Wachtelfüßen geharkt und wieder geharkt, ist staubig grau. Die Weide ist grau gebleicht wie das Fell eines großen haarigen Biests. Kein Schnee. Kein Regen. Graue Falken an einem grauen Himmel unter grauen Wolken. Graue, zwischen den Fensterscheiben gefangene Spinnweben.

Die Äste der Bäume spannen sich wie graue Nerven über den Himmel. Der junge Waschbär kommt zum letzten Mal. Er ist nicht größer geworden, sein erstaunlicher schneeweißer Pelz aber grau. Er hinkt und hält eine kleine graue Pfote in schmerzhaftem Krampf. Seine großen schwarzen, geistlosen Augen wirken umwölkt. Er hätte besser daran getan, sich schlafen zu legen, als die Spechte es taten, anstatt umherzuwandern und sich in der Frühling vortäuschenden Nacht zu verletzen. Zuerst sahen wir ihn an den frühen Winterabenden, winzig klein und perfekt, ein Ball aus schneeweißem Fell von der Größe eines Meerschweinchens, jedes Haar in schwarze Tinte getaucht, die Augen riesengroß und glänzend. Er war vollkommen angstfrei, wie er da entenfüßig über die nassen Ziegel lief, sich auf die Hinterbeine stellte, die Nase himmelwärts hielt, schnuppernd, die Vorderpfoten wie rosa Hände mit angriffslustigen Fingern dicht vor der Brust. Er versuchte, am Vogelhaus hochzuklettern, indem er den glatten, kalten Pfosten mit seinen kleinen Armen umfing und aufwärtsbuckelte wie eine Raupe, nur um wieder abzurutschen und herunterzuplumpsen. Nach einer Weile gab er es auf und fand ein Stück Toast auf dem Boden, hielt es in diesen seltsamen Pfoten, die wie aus schwarzen Handschuhen sprießende rosa Wurzeln aussahen (die Beiwurzeln von Mais oder Binsen, die den Stängel knapp über dem Boden säumen). Er fraß mit der nervösen Hast von Nagern, und als er fertig war, watschelte er langsam auf den Wald zu. Der schiefe Gang, die nach außen gekehrten Zehen, die ganze Fellkugel ein komischer und berührender Anblick. Es war traurig, ihn so überschattet zu sehen.

Wenn die Winterkälte anzieht und sich verschärft, beginnt die graue Welt, auch ohne Schnee, weiß zu werden. Der Teich friert zu, eisweiß, Milchglas. Die Weiden werden weiß. Kiesel klirren. Der Sand am Bachufer bricht auf. Der Schotter ist trocken und weiß. Alles ist trocken wie von der Sonne verbrannt. Das Gras weiß. Die Rohrkolben weiß. Die Bergahorne große weiße Gerippe. Alles schrumpft, soweit es schrumpfen kann. Die Steine sind kleiner. Kiesel schrumpeln. Es schneit versuchsweise, und der Schnee ist nur Silberstaub in der Luft. Die Lungen prickeln. Die Wangen werden fest wie Talg. Fingernägel blauweiß. Es ist eine von der Kälte weiß gebrannte Welt.

In anderen Jahren habe ich mir im Januar die Zeit damit vertrieben, über eine Entschädigung für den Winter nachzusinnen, der mir damals als ein kalter, kapriziöser Tyrann erschien, ohne Vorzüge und Verstand. Könnte er doch irgendeinen üppigen Gewinn abwerfen, etwas aus seinem eigenen bitteren Kommen Geborenes. Einen Chor aus Schneeeulen in der riesigen Tanne vor dem Fenster. Eine Herde wilder Pferde, weiß vor Schnee, die es aus dem Norden am eisigen Bach entlang zu uns heruntertreibt. Und in großer, runder, kindlicher Sprache dachte ich an üppige Geschenke. Einen Strom von Früchten aus südlichen Orten. Einen Überfluss, wie wenn warme Strömungen in ein kaltes Vakuum dringen – und große Ponderosa-Zitronen träfen ein, grüne Avocados, Orangen, Grapefruits, Mangos … all diese Früchte würden im grauen Graupel und vereisten grauen Briefkasten auftauchen, jede an einem anderen grauen Tag. Noch feuchte und warme Pakete, farnsüß und nach der Sonne anderer Sphären duftend. Einer heißen roten Sonne, nicht dem kalten grauen Wal, der in Zelten aus Segeltuchwolken über unseren Himmel schwimmt. Auch mit einem einzelnen Walross im Teich hätte ich mich begnügt. Damit, dieses große, dicke, schnurrbärtige Gesicht mit den hängenden Stoßzähnen schwerfällig aus dem kalten Wasser heraufkommen zu sehen, wo sich zuvor nie etwas Größeres zeigte als ein Ochsenfrosch. Es heraufkommen und wieder abtauchen zu sehen, während das Wasser des kleinen Teichs in einer mächtigen Welle hangabwärts den Damm überschwemmen würde, im Fall terrassenförmig gefrierend.

Doch jetzt bringt die extreme Kälte ihr wahres, angemessenes Geschenk – die Beschränkung. Zieh dich in ein Zimmer zurück. Setz deine Lesebrille auf. Wie staunenswert die einzelnen Maschen eines Stoffs! Wundervoll die kristalline Struktur einer Honigwabe im Glas. Betrachte die klaren geriffelten Kliffs zerbrochener Gelatine, die gelben Eisschollen, kaum je zuvor gesehene topasene Zersplitterung. Schau in die hellroten Augen der aus reifenden Bananen geborenen Fruchtfliegen. Begutachte den Staub in den Schrammen des Tisches, die groben goldenen Poren von Zitronen, die wolkigen Muster kalten Kaffees am Boden weißer Tassen. Eine Welt, die sich hier offenbart. Und die eigenen Hände. Die Wirbel, Runzeln, kleinen moosigen Flecken Braun, die starken dünnen Knochen, die den Stäben eines Fächers ähneln, die Dornenkratzer und die blauen, dicht unter der Oberfläche tunnelnden Adern. (Das Ratespiel der Kindheit: »Welche Hand habe ich nach unten gehalten?« »Die!« »Woran erkennst du das?« »Am Blut in den Adern natürlich, du Dummkopf!« Das war Zauberkunst und Wissenschaft in einem. Und etwas, das man selber machte. Das war das Beste daran. Kind, Zauberkünstlerin und Wissenschaftlerin im Jetzt …)

Die Innenflächen unserer Hände unterscheiden sich deutlich vom äußeren Terrain. Dreh die verwitterte und poröse Schicht herum. Die Handteller sind noch jung und rosa, die Adern blass und schmal und die Lebenslinien zart, aber unheilvoll. »… ein langes Leben – doch am Ende wird es dir nicht sehr gut gehen …« Ein langes Leben, das in einer langen Krankheit endet. Nein. Das nicht, nicht für mich. Das habe ich gesehen. Wie ein unermüdliches Herz das bösartige Fleisch weiter und weiter durch Jahre des Leidens trägt. Wie die Familie sich versammelt, zerstreut, wieder versammelt. Wie die schmerzlichen Entscheidungen den Lebenden überlassen bleiben, denn man ist nicht am Leben und man ist nicht tot, sondern im unaussprechlichen Limbus dazwischen. Wie viel Zeit, Geld, Pflege und große Wissenschaft in die Verlängerung dieses quälenden Dämmerzustands fließen muss, es bleibt den Lebenden überlassen. Weisheit vom Arzt zu erbitten, der es auch nicht weiß, Antworten vom Chirurgen, der keine hat, Schwestern und Brüder, Ehefrauen und Ehemänner zu fragen: Was sollen wir tun? Und niemand wagt die Antwort zu geben, die das kranke Fleisch sich wünscht. Lasst mich sterben.

Dreh die Handflächen um und versteck sie. Dann doch lieber die ehrlichen blauen Adern und knotigen Knochen. Sieh dir die Knospen von Knoblauchzehen an. Die sind schön. Gemeißelt und präzise mit einem prickelnden Duft. So sollte man altern. Braun, trocken, wie Gewürz.

Die Kälte währt eine Woche, dann hebt sich die schwere Eishand. Der stumme, unsichtbare Wind, der die Straße heruntertoste wie ein Fluss aus Eis (»Ich atme jedes Mal den Tod, wenn ich die Straße hier runterkomme«, sagte der Müllmann), hat gedreht. Der Morgenhimmel ist bewölkt. Er wirkt wie das Innere einer enormen Muschel. Blassblau und rosa, und der Teich reflektiert sein perlmuttfarbenes Licht. Mäßigende Einflüsse sind während der Nacht einwärts gewandert. Keine aufrecht in Gletschern eingefrorenen haarigen Mammuts werden in diesem Binnenland je gefunden werden. Nur die Knochen in Kiesgruben.

In der Wintersonne saß ich neben einem alten Bruder im Walnusshain: einem gerundeten Stein, feldsteingroß, der fest in einer schmalen Rinne klemmte. Ist es Granit, Sandstein, Felsit oder sogar Kalkstein, von dieser rosé-grünen Oberfläche getarnt, als wären uralte Flechten zu einer milchigen Glasur gebrannt und geschmolzen worden? Ich kratzte rundherum mit einem Stock, um seine Form zu erkennen, die einer grob geschnittenen Kartoffel zu gleichen scheint. Nicht sehr groß, aber für den Menschen zu schwer. Ein Bildhauer würde ihn nach seiner verborgenen Form untersuchen, Katze, Löwe, Stier … aber ich mag den Stein so, wie er ist. Die grobe runde Form ist wohltuend. An der Seite hat er eine orange Narbe, und überall um ihn herum liegen feine Kalksteinkiesel, die von meeresartigen Tierchen wimmeln; brüchige Kiesel, pfeilförmig oder flach wie graue Flundern. Muscheln gibt es nicht auf diesem Stein, und er glitzert vor Kristallen, woraus ich schließe, dass es ein Granit ist, liegen geblieben, als die Gletscher schmolzen; alt, sehr alt und ungefähr das einzig Farbige jetzt in der hässlichen Stunde dieses speziellen Stücks Land.

Denn es ist