Ein Job - Irene Dische - E-Book

Ein Job E-Book

Irene Dische

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Beschreibung

"Ein Buch wie ein Revolver!" Der Spiegel Ein kurdischer Killer kommt nach New York, spricht kein Wort Englisch und findet die Amerikaner höchst merkwürdig. Er hat einen Auftrag, der ihn noch mehr verstört; er soll die Familie eines türkischen Geschäftsmannes erledigen, aber Frauen und Kinder tötet er nun mal nicht gern. So verliert er die Ruhe, die er allerdings für seinen Job dringend braucht. Ein Job ist ein völlig ungewöhnlicher Thriller, weil Irene Dische ihn geschrieben hat - mit der ihr eigenen Lakonik, mit bissigem Witz und pfeilscharfem Blick für die wundersame Welt New Yorks. Sie spickt ihre Erzählung mit kurdischen Redewendungen, absurden und wahren Lebensweisheiten und erprobtem Ehrverständnis. "Irene Dische lässt sich nicht festlegen. Einen Kriminalroman verspricht sie, hält sie und liefert dazu eine bissige Komödie, ein neues Märchen aus der Schwarzen Serie. Unverhohlenes Lesevergnügen." Die Zeit

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Irene Dische

Ein Job

Kriminalroman

Aus dem Englischen von Reinhard Kaiser

Hoffmann und Campe Verlag

Dies ist eine wahre Geschichte – ich nenne sie:

 

Ein Job

Der Killer begann seine Karriere mit Schneeballwerfen. Seine ersten Ziele waren die grünen Beine und die quietschenden Stiefel der Soldaten, die durch sein kurdisches Heimatdorf im Osten der Türkei patrouillierten. Der Killer war vorsichtig, und oft traf er daneben. Er ging noch in die erste Klasse. Eines Tages schlugen die türkischen Soldaten seinen Vater zusammen. Der Gemüsehändler hatte sich geweigert, strammzustehen, während die Polizeikapelle die Nationalhymne spielte. Danach verbesserte der Killer seine Technik. Er überzog die harten Schneekugeln mit einer Eisglasur, indem er sie mit den bloßen Händen anwärmte und dann gefrieren ließ. Seine Handflächen waren immer rot und rissig.

Je besser er traf, desto mehr Freude machte es ihm. Die Wildheit überkam ihn wie ein plötzliches Fieber in der Abenddämmerung, nach einem Tag kalter Fügsamkeit in der Schule, wo er Türkisch lernen sollte, die Geschichte der türkischen Errungenschaften und türkische Dichtung und die Geographie des türkischen Expansionismus in Europa. Seine Lehrer prügelten ihm den kurdischen Akzent aus und verschafften ihm damit einen Vorteil in seinem künftigen Beruf. Er war höflich, er war gehorsam, er war es gewöhnt, daß die Leute ihm wegen seines hübschen Gesichts Komplimente machten, und er war faul – jedenfalls in der Schule. Sein Ehrgeiz lag anderswo. Er studierte die türkischen Soldaten, ihre imposanten grünen Monturen, die Gewehre, die sie als Prügel benutzten. Aber er stellte fest, daß er die vielen Silhouetten nicht auseinanderhalten konnte. Deshalb wandte er sich von ihren Beinen ab und zielte von nun an in ihre Gesichter. Da konnte er sie identifizieren und erkennen, ob er sie verletzt hatte und wie schwer.

Eines Nachmittags im Winter, als seine Kameraden schon heimgegangen waren, beschloß der Killer, noch eine Runde zu drehen. Mit einem Beutel Schneebälle über der Schulter suchte er sich seinen Weg auf den schneebedeckten Dächern der Häuser. Er sprang von einem zum anderen und kam gut voran. Aber es war spät, es wurde dunkel, es war glatt, und einmal verschätzte er sich. Statt auf dem nächsten Dach zu landen, stürzte er kopfüber in eine Schneeverwehung zwischen zwei Häusern. Er spürte, wie er im Pulverschnee versank und wie er durch sein Gestrampel nur noch tiefer rutschte. Der Schnee glühte auf seiner Haut. Die Zeit lief schon langsamer. Er wollte noch etwas sagen und öffnete den Mund. Aber der Schnee quoll ihm in den Mund und bis in die Kehle. Aus den Wörtern wurde ein Würgen: »Auf Wiedersehen, Großmutter.«

Plötzlich spürte er, wie sich ein Schraubstock erst um das eine, dann um das andere Bein spannte. Sein glühender Körper straffte sich. Er glitt wieder nach oben, wurde gezogen. Ihm fiel ein, daß er nach seiner Großmutter gerufen hatte, und an die Stelle der Erleichterung, die er eben noch verspürt hatte, trat ein viel stärkeres Gefühl: er weinte vor Scham. Von einer neuen, anderen Panik erfüllt, rieb er sich die Augen, erblickte einen braunen Lederstiefel und darüber ein grünes Bein. »Wo wohnst du?« fragte eine Stimme.

Er hing mit dem Kopf nach unten, beide Füße von einer Soldatenfaust umklammert. Diese Schande. Obwohl er sich vorkam wie ein gefangenes Kaninchen, beantwortete er die Frage des Soldaten und deutete mit einem verfrorenen Zeigefinger auf das letzte Haus der Straße. An den Füßen, die in Stiefeln aus altem Reifengummi steckten, trug der Soldat seine Trophäe zum Dorfrand. Die Großmutter des Killers wartete ängstlich in der Tür und brach schon in erleichtertes Gejammer aus, als der Soldat mit dem Jungen noch weit weg war. Der Soldat reichte ihr das Kind über die Schwelle und sagte: »Das habe ich in einem Schneehaufen gefunden. Ich glaube, es lebt noch.«

Zur Verwunderung des Killers bat seine Großmutter den Soldaten herein, bedeckte die Handschuhe, in denen seine Hände steckten, mit Küssen und bestand darauf, daß er ein Glas Tee trank und ein Stück frisches Brot aß. Am nächsten Tag war der Killer wieder auf seinem Posten. Diesmal hatte er in jeden Schneeball, bevor er ihn festdrückte und mit Spucke einrieb, einen Stein gesteckt. Er hatte seine Berufung gefunden.

1

Im Winter des kurdischen Jahres 2603, also einige Jahre vor Anbruch des dritten christlichen Jahrtausends, kam Alan mit dem Flugzeug aus Frankfurt am Main nach New York City – ein Mann, der nur sich selbst und der eigenen Erbarmungslosigkeit traute. Hoffentlich mußt du nie nach New York, denn da kribbeln und krabbeln lauter Einwohner ohne Namen herum, und keiner von denen spricht richtiges Englisch wie du und ich. Als Alan in die Halle mit den Schaltern der Einreisekontrolle kam, wurde ihm seine Erniedrigung deutlich. Sie stand an allen Wänden: Plakate, auf denen ungewöhnlich schöne Menschen die allergewöhnlichsten Dinge taten, sich die Zähne putzten oder einen Hamburger aßen. Alan empfand sofort Beschämung: So jung war er nicht mehr, und er sah auch nicht mehr so gut aus. Erschöpft und unfroh erreichte er die erste Hürde, die Paßkontrolle.

Dort schenkte ihm niemand große Beachtung. Überhaupt läßt sich von Alan sagen, daß er Leuten, die ihn nicht kannten, so gut wie nie auffiel. Mit soviel Getöse wie ein Schatten ging er seiner Wege. Alles an ihm war dunkel, der steife Wollmantel und auch seine Gesichtszüge – hila hila!: immerhin waren diese Züge außerordentlich, die Augen schwarz wie feuchte Erde, und der Zweitagebart mit seinen klaren Konturen unterteilte das Gesicht eindeutig in Hell und Dunkel, Oben und Unten. Nase, Mund und Kinn waren so fein geschnitten und so gleichmäßig angeordnet wie die Grabsteine auf einem gepflegten Friedhof. Und doch blieb niemandes Aufmerksamkeit je an ihnen hängen, weil die Zurückhaltung in seiner Miene alle Neugier abgleiten ließ.

Alan kam mit fast leeren Händen nach Amerika, hatte außer einer Stange zollfreier Zigaretten in einer Plastiktüte nichts dabei. Seine Taschen waren leer, bis auf den nagelneuen deutschen Paß. Das kostbare Dokument erregte bei dem amerikanischen Beamten keine Bewunderung – nicht mal Mißtrauen. Der prüfende Blick auf das Paßfoto und das Zuklappen des grünen Büchleins waren eine einzige Bewegung, und schon knurrte der Staatsdiener: »Willkommen in den Vereinigten Staaten.« Er sah auf seine Uhr, es war bald Mittag.

Alan ging zum Ausgang, vorbei an den Gepäckbändern. Was dort vor sich ging, erfüllte ihn mit Grausen – die Gleichbehandlung, die diese Apparatur jeglicher Habe angedeihen ließ. Wie gut, daß er gar nicht in die Versuchung hatte geraten können, seinen Ziegenlederkoffer mit dem Innenfutter aus roter Seide der Demokratie auszusetzen. Als sich die Tür zur Ankunftshalle öffnete, sah er hinter einer Absperrung eine Menschenmenge in seine Richtung starren. Doch im Unterschied zu den Menschenmengen, mit denen er es in letzter Zeit zu tun gehabt hatte, ignorierte ihn diese hier. Er ging weiter.

Ein paar Männer lösten sich aus dem Gedränge und kamen auf ihn zu. Einer sprach ihn auf Kurdisch an: »Hallo. Hier lang.« Mehrere durch die Skijacken aufgedunsen wirkende Körper umringten ihn, lotsten ihn nach draußen, in die Kälte. Keiner sagte etwas, aber schlenkernde Arme und ausholende Schritte nahmen ihn mit sich fort. Ein gelber Wagen wartete am Straßenrand. Geräumig, aber ordinär. Die hintere Tür klappte auf. Alan zwängte sich hinein, stellte seine Tüte mit den Zigaretten auf das häßliche Sitzpolster und saß nun also wieder, wie fast immer in den letzten Tagen. Er mochte diese Haltung nicht – für ihn bedeutete Sitzen Langeweile und Beengung. Einer seiner neuen Gefährten setzte sich neben ihn auf die Rückbank und hielt ihm eine türkische Zeitung vor die Nase – auf der Titelseite war ein Foto, es zeigte den »Schwarzen Stein«.

Alan war kein besonders geübter Leser. Er las den Artikel laut, mit ausdrucksloser Stimme und blickte dabei immer wieder auf das Foto. Es ging darum, daß der berüchtigte Killer »Schwarzer Stein« mit einem waghalsigen Manöver aus dem Zentralgefängnis von Istanbul ausgebrochen war, nachdem ihn kurz zuvor ein türkisches Gericht wegen Mordes an einem türkischen Geschäftsmann zu lebenslanger Haft verurteilt hatte.

»Über deine Presse kannst du dich jedenfalls nicht beklagen!« sagte sein Nachbar, während der Fahrer den Wagen anließ und losfuhr.

»Das ist ein altes Fotos, ein neueres haben sie nie bekommen«, sagte Alan und fügte säuerlich hinzu: »Damals hatte ich noch Haare auf dem Kopf!«

»Und dieser tolle Schnurrbart! Neue Haare kannst du dir hier in Amerika besorgen. Für Geld gibt es hier alles«, sagte sein Nachbar und schälte sich aus seinem Parka. Darunter kam ein zweireihiger Nadelstreifenanzug aus Dormeuil zum Vorschein. Ein Knopf am Ärmel war nicht geschlossen, so daß ein handgenähtes Knopfloch sichtbar blieb. Er wechselte mühelos zwischen Englisch, das er mit den anderen sprach, und Kurmanci – dem Kurdisch, das Alan sprach. »In Amerika kann man auch Geld verdienen, wenn man sich anstrengt. Und du hast Glück. Wir haben Arbeit für dich. Du bekommst deine Chance. Diese eine Chance. Machst du es gut, bist du ein freier Mann. Läuft was schief, gehst du zurück nach Istanbul, und da foltern sie dich zu Tode. Wir brauchten jemand Besonderen für diesen Job. Und du bist doch was Besonderes.« Der Wagen schob sich in den vorbeiflutenden Verkehr. »Ich hab den anderen gesagt, es würde Spaß machen, dir bei der Arbeit zuzusehen. Hab ich da etwa zuviel versprochen?« Alan zuckte mit den Achseln. Sein Nachbar schenkte ihm das Raubtierlächeln des Menschheitsbeglückers und sagte: »Wir lassen dir ein paar Tage Zeit, damit du dich zurechtfindest. Wenn du dich am Anfang komisch fühlst – mach dir nichts draus! Das ist der Jetlag. Und jetzt sieh dich ruhig ein bißchen um. Wir sind hier im Land der freien Menschen.« Er deutete nach draußen, wo die düsteren Straßen von Queens vorüberglitten.

»Gehört alles dir«, fuhr er fort. »Dazu ein Apartment in einem angenehmen Viertel. Ein amerikanischer Paß. Und jede Menge Freiheit. Später kannst du machen, was du willst. Kommt dich nicht teuer zu stehen. Übrigens, ich heiße Mr. Ballinger. Freut mich, dich endlich kennenzulernen. Darf ich dir den Fahrer vorstellen und meinen anderen Freund hier vorn – mit ihren Namen will ich dich nicht behelligen. Mit diesen beiden wirst du ohnehin nicht viel zu tun haben, jedenfalls nicht so viel wie mit mir.«

»Worum geht es?« fragte Alan und warf Mr. Ballinger einen messerspitzen Blick zu. Den Amerikaner brachte das nicht aus der Ruhe.

»Ein Auftrag, reine Routine. Nichts, was du nicht schon gemacht hast.«

»Ich spreche kein Wort Englisch, das wissen Sie doch, oder?«

»Aber selbstverständlich. Wir wissen alles über dich – canê.«

Canê bedeutet auf kurdisch »Liebling«. Alan fühlte sich durch diese vertrauliche Art beleidigt. Aber er war unbewaffnet und durfte sich deshalb nichts anmerken lassen.

»Wie soll ich eigentlich heißen?« fragte er und fand seine Fassung in der Geduld wieder, die sein kaltes Herz umwucherte.

Auf der Straße bemerkte er ähnliche gelbe Wagen, in denen hinten Fahrgäste saßen.

»So wie jetzt«, antwortete Mr. Ballinger. »Alan. Mem Alan war der König der Kurden, nicht wahr? Aber Alan ist auch ein guter amerikanischer Name. Mit Nachnamen heißt du Korkunç. Geboren in Ankara. Du hast einen Abschluß in Verwaltungswissenschaft an der Universität Ankara gemacht und arbeitest in der Textilindustrie. Deinen deutschen Paß gibst du besser mir, der kann dich nur in Schwierigkeiten bringen.«

Alan rückte ihn widerstrebend heraus.

»Wir bringen dich jetzt zu einem Apartment. Es liegt von deinem Job ziemlich weit entfernt, aber du wirst das mit dem Autofahren hier schon hinkriegen. Ich habe eine Schwäche für das Viertel, und die Aussicht von diesem Apartment ist einfach herrlich. Der Wagen hier gehört dir, bis du die Sache erledigt hast.«

»Dieser Wagen …?« protestierte Alan. »Das ist ein Taxi!« Ein Chevy – mit billigen Bezügen auf den Sitzen und einem Armaturenbrett aus Plastik. Er hatte immer nur Mercedes gefahren.

»Na klar«, sagte Mr. Ballinger. »In New York fahren Leute, die kein Englisch können, Taxi.«

Er beugte sich nach vorn zu den anderen und sagte etwas. Alan hörte ihr schallendes Gelächter. Dieses Gefühl der Isolation, wenn andere lachen und man selbst nicht versteht worüber. »Ich habe ihnen gesagt, daß zumindest dein Führerschein echt ist«, erklärte Mr. Ballinger. »Was unser Fahrer hier von seinem nicht behaupten kann. Und daß du drei Mercedes gehabt hast, einer davon ein Jeep.«

»Ihr Kurdisch ist ausgezeichnet«, sagte Alan. »Aber Kurde sind Sie nicht.«

»Absolut nicht. Ein bißchen jüdisches Blut«, sagte Mr. Ballinger, öffnete die Augen weit – streunende Pupillen vor blauem Hintergrund – und schob die Lippen nach vorn: Stolz. New York ist voll von Typen, deren Gesichter nur dazu da sind, die verschiedensten Gefühle auszustellen, die den Betrachter beeindrucken sollen. Dieser Mr. Ballinger war daran gewöhnt, anderen Leuten zu sagen, wo es langgeht. Sogar die Sachen, die er anhatte, gehorchten ihm. Normalerweise ist es ja umgekehrt: die Leute lassen zu, daß die Kleider mit ihnen machen, was sie – die Kleider – wollen. Mr. Ballingers Anzug dagegen zierte den Körper seines Herrn mit größter Ehrerbietung und war ganz darauf bedacht, sich nützlich zu machen. Selbst sein blondes Haar hatte ihn nicht im Stich gelassen; es war zwar verblaßt, aber immer noch unverschämt dicht. Mr. Ballinger mischte dem Stolz, den er ausstrahlte, einen Anflug von Traurigkeit bei, als er jetzt seinen dröhnenden Bariton senkte: »Homosexuell. Außenseiter. Und meine Großtante ist sogar in einem KZ umgekommen. Deshalb verstehe ich die Kurden. Ich spreche alle vier kurdischen Sprachen. Eigentlich brauchst du über mich nichts zu wissen, aber ich erzähl dir trotzdem was – für Sprachen habe ich eine Begabung. Und vor kurzem bin ich sogar in den Sentinel Club aufgenommen worden.«

Alan sah ihn nicht an und antwortete nichts. Manche Menschen können ihre Abneigung gegen jemanden richtig auskosten – Alan nicht. Er hätte so ziemlich alles dafür getan, dieser Empfindung aus dem Weg zu gehen.

Die Nachmittagssonne legte sich für den Neuankömmling richtig ins Zeug. Während das Taxi einen Highway entlangglitt, sah Alan nach links aus dem Fenster und beobachtete, wie die Feuerkugel langsam hinter dem grauen Schlackenhaufen der Stadt versank. Er kam zu dem Schluß, daß der Wagen nach Norden fuhr – an einer leeren Wasserrinne entlang, die die anderen Fahrgäste East River nannten. Er nahm diese Information mit einem ähnlichen Interesse auf, wie es ein Mann in der Wildnis seinem Kompaß entgegenbringt. Der Wagen verließ den Highway, fuhr zuerst in westlicher Richtung und dann nach Süden, auf einer Straße mit grellbunten Geschäften und Schaufenstern, auf der es von englisch sprechenden Leuten nur so zu wimmeln schien. »Schon mal vom Broadway gehört?« fragte Mr. Ballinger. »Das ist er. Wenn du hier mit jemandem reden willst, kannst du Englisch vergessen, lern lieber Spanisch.«

Das Taxi verlangsamte seine Fahrt auf einer kleinen Straße, von der man auf einen anderen Fluß blickte, so breit wie der Bosporus. Die Sonne sah aus, als wäre sie ins Wasser gestürzt und auseinandergebrochen und als würde sie nun das Wasser dunkelrot färben. Das gleiche machte sie jeden Tag in Istanbul – fauler Zauber. Das Taxi fuhr in eine Tiefgarage, kurvte abwärts und parkte auf einem Platz, der mit einem weißen Schild markiert war: »Reserviert, Nr. 45«.

»Für einen Parkplatz bringen sich die Leute hier gegenseitig um«, warnte Mr. Ballinger. Seine Kumpel vorn machten besorgte Gesichter und fingen an, aufgeregt miteinander zu reden. Amüsiert lauschte Alan den weichen Silben. Gespräche hatte er noch nie wichtig genommen. Deshalb war es ihm egal, wenn er nichts verstand. »Crime!« sagte einer von ihnen mit Predigerstimme, während er aus dem Wagen stieg. Er wiederholte das Wort mehrere Male, dann griffen es auch die beiden anderen auf. Schließlich schnauzte Mr. Ballinger dazwischen: »Maul halten!«, worauf sie verdattert schwiegen. Er beruhigte sich und sprach leiser weiter. »Alan, vergiß deine Nummer nicht: 45. Wie dein Alter. Letztes Jahr mußte ich jemanden entlassen, weil er ständig auf dem falschen Platz parkte.«

Sie gingen zu einem Aufzug, aber Alan sträubte sich. Aufzügen mißtraute er. Sie konnten ihn gefangennehmen. »Gehen wir lieber zu Fuß«, meinte er. Mr. Ballinger übersetzte – zum Vergnügen der anderen. Aber sie taten Alan den Gefallen und nahmen die Betontreppe. Bald standen sie auf einer sauberen kleinen Straße, die von roten, mit Feuerleitern behängten Backsteinhäusern gesäumt war. Die Straßenlampen brannten schon, aber die Abstände zwischen ihnen waren so groß, daß sie die Düsternis kaum erhellten, die von Osten herübersickerte – aus der Türkei, wo die Düsternis herkommt. Mr. Ballinger blieb stehen, streckte einen Arm aus und erklärte: »Hier ist dein Zuhause. Probier das mal auf englisch: home, home.« Sein Mund formte ein »O« und machte einen langen Ton daraus.

Zuhause war ein sauberer, sechsstöckiger Backsteinbau. Zuhause lag in der obersten Etage, und wer Angst vor Aufzügen hatte, konnte sich abregen – es gab nämlich keinen. Die Bewohner mußten die Treppe benutzen, auf der sich ihre Schritte anhörten wie trockener Reizhusten. Zuhause war ein einziges Zimmer mit einer Liege und einem schwarzglänzenden Plastiknachttischchen, abgetretenem Parkett und kahlen Wänden, auf denen die Zeit ein Netz aus Rissen gesponnen hatte. Eine nackte Glühbirne baumelte von der Decke. Vor dem Fenster war ein schwarzes Gitter angebracht, zum Schutz vor Einbrechern. Zuhause hatte eine fensterlose Küche mit einem größeren schwarzglänzenden Plastiktisch, einem dazu passenden Stuhl, einem Herd und einem bibbernden Kühlschrank. Mit einer Handbewegung lud Mr. Ballinger den neuen Bewohner ein, auf dem Küchenstuhl Platz zu nehmen. Alan setzte sich, während die anderen in der Tür stehenblieben. Er nahm eine Schachtel Zigaretten aus seiner Plastiktüte, zündete eine an und entspannte sich. Er paffte, statt zu inhalieren, und die Küche füllte sich mit Dunst.

Mr. Ballinger warf eine pralle Brieftasche auf den Tisch, außerdem zwei Schlüsselbunde, einen Zettel mit einer Telefonnummer, einen Plan von Manhattan, auf dessen Rand ein Name und eine Adresse gekritzelt waren, und ein großes Foto.

»Sieh dir das Foto genau an. Du kümmerst dich bloß um die Leute auf diesem Foto, nicht um Mr. Erkal, der auch bei ihnen herumhängt. Süleyman Erkal. Du weißt doch, wer das ist? Ex-Gouverneur von Kurdistan. Deine Gegend. Als Kind wirst du ihn gehaßt haben. Aber jetzt bist du ein erwachsener Mann. Ein Profi. Also, Hände weg von ihm. Du nimmst dir die anderen vor. Hier steht ihre Adresse. Heute ist Sonntag. Morgen besorgen wir dir das nötige Werkzeug. Am Freitagnachmittag fliegt Süleyman übers Wochenende nach Istanbul. Und jetzt hör genau zu. Du hast fünf Tage Zeit, um alles vorzubereiten, dann erledigst du deine Aufgabe und verschwindest. Keine Faxen, du arbeitest diese Woche durch. Du wirst sehen, in Amerika macht den Leuten das Arbeiten Spaß. Weil sie besser sein wollen als ihre Nachbarn, jawohl.«

Alan hockte rauchend auf seinem Küchenstuhl und hörte sich Mr. Ballingers Vortrag mit geschlossenen Augen an. Jetzt ließ er die Augenlider langsam aufklappen.

Mr. Ballinger zischte: »Paß auf, wenn ich mit dir rede!« Alan sah ihn uninteressiert an, Mr. Ballinger schien besänftigt und fuhr in leiserem, aber immer noch sehr entschiedenem Ton fort: »Am Freitagnachmittag holt ein Wagen Süleyman bei seinem Haus ab. Das ist dein Zeichen: Du gehst rein, mit diesem Schlüssel hier, und nimmst sie dir vor – alle, die du findest. Wie du es machst, bleibt dir überlassen. Was wir sehen wollen, sind die Ohren, als Beweis. Du lieferst sie uns zusammen mit den Wagenschlüsseln. Ansonsten läßt du alles, wie es ist – es soll für Süleyman eine Überraschung werden, wenn er am Montag zurückkommt. Und paß auf, daß du nichts verwechselst! Ihm selbst soll kein Haar gekrümmt werden, verstehst du? Nichts. Wir brauchen ihn. Aber ohne seinen Größenwahn. Wir müssen ihn da ein bißchen herunterholen. Und diese Leute auf dem Bild, die sind sein Rückhalt – ohne die wird er das Maul nicht mehr so aufreißen.« Besonders neugierig war Alan nie gewesen. Er sah sich das Foto gar nicht an.

»Kein Problem«, sagte er zu Mr. Ballinger.

»In dem Haus gibt es eine Alarmanlage. Der Code ist 1923 – das Geburtsjahr eurer Republik. Etwas Besseres ist ihnen nicht eingefallen. Nimm das Taxi und den Plan, um hinzukommen«, sagte Mr. Ballinger. »Ach ja, und hier im Haus heißt noch jemand so wie du – Allen –, aber das braucht dich nicht zu stören. Du kümmerst dich um niemanden.«

»Noch ein Alan?« fragte er mißtrauisch.

»Genau. Aber kein Kurdenkönig, wie du einer bist. – Das hier ist unser Gästeapartment. Ich komme gern ab und zu hierher, denn das ist nicht ungefährlich. Gegen Routine muß man in jedem Beruf was tun. Du kommst hier schon klar, für die paar Tage. Wenn du den Job erledigt hast, bringen wir dich woanders unter. Und nicht vergessen, du bist Einzelgänger. Wir wollen keinen Ärger mit irgendwelchen Randfiguren. Keine Freunde, keine Flittchen, nichts. Du wirst mit mir vorliebnehmen müssen. Ich rufe dich gelegentlich an. Oder komme vorbei, wenn es zu lange dauert. Hier hast du ein Telefon. Wenn du mich sprechen willst, drückst du diesen Knopf. Kannst du dir das merken? Wenn du das Telefon aufladen mußt, nimmst du das hier – ach, du weißt, wie das geht?«

Alan nickte begeistert. »Ich habe selbst eins, in Istanbul.«

»Du hattest eins«, berichtigte ihn Mr. Ballinger. »Wenn es klingelt, geh ran. Das bin dann ich, sonst niemand. Wir wollen, daß du jederzeit erreichbar bist. Also nimm das Telefon überallhin mit, auch aufs Klo, canê!«

Dann starrten sie ihn der Reihe nach durchdringend an, machten einer nach dem anderen kehrt und verließen die Küche. Alan hörte, wie die Wohnungstür leise hinter ihnen ins Schloß fiel, und danach ihre Schritte im Gang, wie ferner Beifall.

 

Später ging Alan in sein Schlafzimmer und setzte sich auf die Liege. Die Federn knarrten in der gleichen Sprache wie seine Gefängnispritsche in Istanbul. Er verlagerte sein Gewicht, um sie noch einmal zu hören. Niemand sah ihm zu, und es machte Spaß. Bald hopste er wie wild, so hoch er konnte. Dann hörte er auf und vertiefte sich in die eigene Reglosigkeit. Er seufzte so laut, daß es sogar die deprimierten Gefängniswärter in seiner Heimat mitbekommen mußten, die jetzt für ihre Fahrlässigkeit bestraft wurden. Ihm taten die Füße weh, und das kann auch der stärkste Mann nicht lange ignorieren. Er beugte sich nach vorn und zog die Schuhe aus, sein Lieblingspaar. Er trug auch noch die gelben Socken von Joop, die er sich gewünscht und die ein Bewunderer in den Gerichtssaal geschmuggelt hatte. Bei der Urteilsverkündung hatte er sie getragen. Er betrachtete die Socken. Andere hatte er nicht. Er seufzte noch einmal, und es klang wie ein Lied – Schwermut will singen. Er streckte sich auf dem Bett aus und war im nächsten Augenblick eingeschlafen. Es wurde dunkel, und die Kakerlaken kamen zum Spielen heraus.

Als blinder Mann wachte er wieder auf und fragte die Wände: »Wo haben die Amerikaner ihre Lichtschalter?« Die Wände lotsten ihn in die Küche. Er öffnete den Kühlschrank, und aus dem Inneren sickerte schwaches, segensreiches Licht in die Finsternis ringsumher. Eine Schnur hing von der Decke. Er zog daran, und über ihm flammte die Glühbirne auf. Die Kakerlaken verdrückten sich. Er sah ihnen ohne Bosheit zu. Er rieb sich die trockenen Augen und überlegte, ob sie womöglich verquollen aussahen. Der Stoppelbart war außer Kontrolle geraten. Ausnahmsweise war Alan froh darüber, daß es in der Wohnung keine Spiegel gab. Er nahm Milch, Butter und eine Packung Schnittbrot aus dem Eisschrank, riß den Milchkarton auf, setzte ihn an den Mund und trank, während er mit der anderen Hand die Brotpackung zu öffnen versuchte. Er stopfte sich eine Scheibe in den Mund. Während er aß, fiel sein Blick auf das Foto, das auf dem Tisch liegengeblieben war. Es zeigte zwei kleine Mädchen, ungefähr fünf und sieben Jahre alt, die von einer jungen Frau, offenbar ihrer Mutter, umarmt wurden.

Er war immerhin so überrascht, daß er einen Moment lang aufhörte zu kauen und aufstand. So geriet er in die Reichweite eines Schranks, öffnete ihn und fand darin Plastikteller, Plastikbesteck und Styroporbecher. Nun deckte er den Tisch, setzte sich wieder, goß Milch in den Becher und versuchte, das Brot mit Butter zu bestreichen. Amerikanisches Brot jedoch kann den stärksten Mann zur Verzweiflung bringen. Es ging in Fetzen, als Alan mit dem Plastikmesser darauf herumfuhr. Schließlich gab er auf, biß direkt in die Butter, dann in das Brot und ließ es sich schmecken.