Ein kleines Herz sucht Elternliebe - Lisa Simon - E-Book

Ein kleines Herz sucht Elternliebe E-Book

Lisa Simon

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Beschreibung

Die Familie ist ein Hort der Liebe, Geborgenheit und Zärtlichkeit. Wir alle sehnen uns nach diesem Flucht- und Orientierungspunkt, der unsere persönliche Welt zusammenhält und schön macht. Das wichtigste Bindeglied der Familie ist Mami. In diesen herzenswarmen Romanen wird davon mit meisterhafter Einfühlung erzählt. Die Romanreihe Mami setzt einen unerschütterlichen Wert der Liebe, begeistert die Menschen und lässt sie in unruhigen Zeiten Mut und Hoffnung schöpfen. Kinderglück und Elternfreuden sind durch nichts auf der Welt zu ersetzen. Genau davon kündet Mami.   Fassungslos starrte Dr. Lena Schubert ihre Freundin und Kollegin Dr. Sabine Kalz an. Was sie gerade vorsichtig angedeutet hatte, konnte doch nur ein böser Scherz sein!   »Das kann ich einfach nicht glauben«, murmelte Lena und schüttelte immer wieder den Kopf. »Du siehst bestimmt Gespenster.«   Sabine seufzte. »Das wäre schön, aber leider ist es die Wahrheit. Ich hätte dir auch lieber etwas Angenehmes erzählt.«   Die beiden jungen Ärztinnen saßen im Aufenthaltsraum der Kinderstation des Städtischen Klinikums. Jede hatte eine Tasse Kaffee vor sich, um sich etwas von dem turbulenten Vormittag zu erholen. Da sonst niemand im Zimmer war, hatte Sabine schweren Herzens die Gelegenheit ergriffen und der Freundin reinen Wein über deren Verlobten, den leitenden Stationsarzt der Kinderstation, Dr. Harald Nolte, einzuschenken.   »Wie lange weißt du das schon?« fragte Lena mit tonloser Stimme und unterdrückte die Tränen der Enttäuschung. »Ich bin die einzige auf der Station, die nichts von Haralds Seitensprung weiß, nicht wahr?«   Sabine zuckte die Achseln. »Keine Ahnung, ob die anderen auch Bescheid wissen. Ich habe zufällig ein Gespräch gehört, bei dem sich Schwester Petra mit einer Kollegin über die Vorzüge des Herrn Stationsarztes unterhielt.«   »Ach, Schwester Petra erzählt doch viel, wenn der Tag lang ist. Wahrscheinlich hat sie vor ihrer Kollegin angeben wollen.«   »Lena.« Sabine sah sie eindringlich an. »Warum verschließt du bloß die Augen vor der Wahrheit? Harald ist ein Windhund, und ich bin sicher, daß es nicht das erste Mal ist, daß er dich betrogen hat.«   »Wenn das so ist…« Lena erhob sich schwerfällig und stellte ihre leere Tasse ins Spülbecken, »…dann werde ich

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Seitenzahl: 121

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Mami – 1807 –Ein kleines Herz sucht Elternliebe

Lisa Simon

  Fassungslos starrte Dr. Lena Schubert ihre Freundin und Kollegin Dr. Sabine Kalz an. Was sie gerade vorsichtig angedeutet hatte, konnte doch nur ein böser Scherz sein!

  »Das kann ich einfach nicht glauben«, murmelte Lena und schüttelte immer wieder den Kopf. »Du siehst bestimmt Gespenster.«

  Sabine seufzte. »Das wäre schön, aber leider ist es die Wahrheit. Ich hätte dir auch lieber etwas Angenehmes erzählt.«

  Die beiden jungen Ärztinnen saßen im Aufenthaltsraum der Kinderstation des Städtischen Klinikums. Jede hatte eine Tasse Kaffee vor sich, um sich etwas von dem turbulenten Vormittag zu erholen. Da sonst niemand im Zimmer war, hatte Sabine schweren Herzens die Gelegenheit ergriffen und der Freundin reinen Wein über deren Verlobten, den leitenden Stationsarzt der Kinderstation, Dr. Harald Nolte, einzuschenken.

  »Wie lange weißt du das schon?« fragte Lena mit tonloser Stimme und unterdrückte die Tränen der Enttäuschung. »Ich bin die einzige auf der Station, die nichts von Haralds Seitensprung weiß, nicht wahr?«

  Sabine zuckte die Achseln. »Keine Ahnung, ob die anderen auch Bescheid wissen. Ich habe zufällig ein Gespräch gehört, bei dem sich Schwester Petra mit einer Kollegin über die Vorzüge des Herrn Stationsarztes unterhielt.«

  »Ach, Schwester Petra erzählt doch viel, wenn der Tag lang ist. Wahrscheinlich hat sie vor ihrer Kollegin angeben wollen.«

  »Lena.« Sabine sah sie eindringlich an. »Warum verschließt du bloß die Augen vor der Wahrheit? Harald ist ein Windhund, und ich bin sicher, daß es nicht das erste Mal ist, daß er dich betrogen hat.«

  »Wenn das so ist…« Lena erhob sich schwerfällig und stellte ihre leere Tasse ins Spülbecken, »…dann werde ich Harald heute abend darauf ansprechen.«

  »Tu das, aber wundere dich nicht, wenn er alles leugnet. Ich habe schon öfters die Kollegen über ihn tuscheln hören, daß er an keiner Frau vorübergehen kann, ohne ihr schöne Augen zu machen.«

  »Und warum erzählst du mir das erst jetzt? Ich denke, wir sind Freundinnen?«

  »Aber das sind wir doch auch!« Erschrocken sprang Sabine auf. »Meinst du, daß es so angenehm für mich war, dir die Augen zu öffnen? Du warst doch immer blind vor Liebe – wie hätte ich dir denn unverblümt sagen sollen, daß dein Verlobter ein Frauenheld ist?«

  »Schon gut.« Lena knöpfte ihren blütenweißen Kittel zu. »Hat er es bei dir auch schon mal versucht?«

  Sabine stieß ein trockenes Lachen aus. »Das würde er nicht wagen, weil er wüßte, daß ich es dir brühwarm erzählen würde.«

  Lena nickte und sah auf ihre Armbanduhr. »Ich glaube, wir müssen uns jetzt erst einmal wieder um unsere kleinen Patienten kümmern, ändern kann ich das Ganze jetzt sowieso nicht mehr.«

  »Daß du das so gleichmütig hinnimmst«, sagte Sabine verwundert. »Wenn ich in deiner Lage wäre, ich wäre schnurstracks zu ihm hingerannt und hätte ihm die Augen ausgekratzt.«

  Lena lächelte müde. »Und dann? Was wäre dadurch gewonnen? Nein, ich werde heute abend mit Harald darüber reden.«

  »Und dann? Wirst du dich von ihm trennen?«

  »Worauf du dich verlassen kannst. Und jetzt möchte ich nach der kleinen Laura sehen. Du weißt, sie wurde gestern abend mit schlimmen Bauchschmerzen eingeliefert…«

*

  Wie Lena den Rest des Tages hinter sich gebracht hatte, ohne vor Kummer zusammenzubrechen, konnte sie später nicht mehr erklären. Doch auch dieser Arbeitstag war irgendwann zu Ende, und Lena streifte müde den Kittel ab.

  Harald hatte sie den ganzen Nachmittag über nicht zu Gesicht bekommen, aber das war normal bei der großen Kinderabteilung. Sie hatten es sich angewöhnt, gemeinsam nach Feierabend heimzufahren, mal in Haralds und mal in Lenas Wagen.

  An diesem Abend stand Dr. Harald Nolte schon wartend vor Lenas Auto, und ihr Herz schlug schneller, als sie ihn erblickte. Nichts in seinem Gesicht deutete darauf hin, daß er ein schlechtes Gewissen hatte.

  »Da bist du ja endlich, Liebling«, sagte er und zeigte dabei sein strahlendes Lächeln, in das sich Lena seinerzeit verliebt hatte. Er wollte sie in die Arme ziehen, doch sie wehrte ihn schnell ab.

  »Was ist denn mit dir los? Bist du nur müde, oder ist dir eine Laus über die Leber gelaufen?« Noch immer lächelnd nahm er auf dem Beifahrersitz Platz.

  »Wir müssen etwas bereden«, sagte sie mit kühler Stimme. »Aber nicht hier.«

  Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, startete Lena den Wagen. Harald blickte stumm vor sich, als ahne er, über was seine Verlobte mit ihm sprechen wollte.

  Die Fahrt verlief schweigend; erst, als sie vor dem modernen Mehrfamilienhaus hielt, fand Ha-rald seine Stimme wieder. »Willst du mir nicht endlich sagen, was los ist?«

  »Warte bitte, bis wir oben sind.«

  Harald warf ihr einen mißtrauischen Blick zu. »Hat jemand dummes Zeug über mich erzählt?«

  »Ich glaube keineswegs, daß es sich um dummes Zeug handelt, was ich gehört habe.«

  Harald schien also zu wissen, um was es ging. Er sagte nun gar nichts mehr, bis sie in Lenas Wohnung waren. Es schien, als würde er angestrengt darüber nachdenken, wie er sich aus der Sache herausreden konnte.

  Kaum hatte er die Wohnungstür hinter sich geschlossen, baute er sich vor der um einen Kopf kleineren Lena auf. »Hör mal, das kleine Techtelmechtel mit Schwester Petra kannst du doch nicht ernst nehmen.«

  Lena starrte zu ihm empor. »Was sagst du da? Ich soll einfach so hinnehmen, daß du mich betrogen hast? Das kann doch nicht dein Ernst sein!«

  Wütend warf sie ihren Schlüssel auf das kleine Garderobentischchen und riß sich die Jacke von den Schultern. »Das kannst du mit mir nicht machen!«

  Sie stürmte kopflos in die Küche, ohne zu wissen, was sie da wollte. Harald kam hinter ihr her. »Also, du machst aus einer Mücke wieder einmal einen Elefanten. Außerdem war sie es, die mir schöne Augen gemacht hat.«

  »Zum Fremdgehen gehören immer zwei!«

  »Mein Gott, jetzt stell dich doch nicht so an!«

  Lena wirbelte herum. »Was würdest du sagen, wenn ich mit einem Kollegen dasselbe täte wie du mit dieser Petra? Würde dir das etwa gefallen?«

  Haralds Augen blitzten auf. »Das ist doch etwas ganz anderes – außerdem verspreche ich dir, daß so etwas nicht mehr vorkommt.«

  »Ach nein? Wie oft ist es denn in der Vergangenheit schon vorgekommen?«

  »Äh…«

  »Siehst du, genau das meine ich. Nein, Harald, so kann ich nicht leben – immer mit der Angst, daß du dem nächsten Rock hinterherjagst.«

  Er stand mit hängenden Schultern da. »Heißt das, daß du die Verlobung lösen willst?«

  »Genau das.« Sie streifte den Verlobungsring vom Finger und steckte ihn in Haralds Jackentasche. »Ich möchte, daß du dein Rasierzeug aus dem Badezimmer holst und aus meiner Wohnung verschwindest.«

  »Du machst es dir sehr einfach«, erwiderte er mit unterdrückter Wut. »Wenigstens eine Chance könntest du mir geben.«

  »O nein, ich habe es mir sehr schwergemacht, Harald. Den ganzen Nachmittag habe ich dar-über nachgedacht, ob unsere Beziehung noch einen Sinn haben könnte – aber ich will nicht den Rest meines Lebens mit einem Frauenheld verbringen.«

  »Und was sollen die Kollegen von mir denken, wenn sie hören, daß du mir den Laufpaß gegeben hast?«

  Sie lachte unfroh. »Erzähle ihnen doch einfach die Wahrheit! Die meisten der Kollegen wissen sowieso, daß du nicht treu sein kannst.«

  Damit drehte sie sich demonstrativ um und nahm den Wasserkessel vom Herd. Für sie war alles gesagt, was gesagt werden mußte. Auch, wenn die Tränen wieder in den Augen brannten, würde sie hart bleiben.

  Harald stand noch eine Weile stumm an der Küchentür, dann drehte er sich wortlos um. Wenig später hörte Lena, wie er im Badezimmer herumkramte.

  Lena setzte sich an den Küchentisch und starrte auf das schwarzweiße Karo der Tischdecke. Bevor Harald die Wohnung verließ, sagte er vom Flur aus leise: »Wir sehen uns morgen auf Station. Mach’s gut.«

  Die Tür schnappte ins Schloß, und dann war nur noch Stille. Schluchzend schlug Lena die Hände vor ihr Gesicht. Jetzt konnte sie endlich weinen…

*

  »Du siehst aus, als hättest du nicht viel geschlafen heute nacht«, raunte ihr Sabine am nächsten Morgen zu. »Hast du mit Harald geredet?«

  Lena nickte. »Und die Verlobung gelöst.«

  Sabine machte große Augen. »Das hast du wirklich getan? Eines muß man dir lassen, du machst wirklich Nägel mit Köpfen.«

  »Was blieb mir denn anderes übrig? Glaubst du etwa, ein Mann wie Harald ändert sich im Laufe seines Lebens?«

  »Wahrscheinlich nicht.« Sabine wollte noch etwas hinzufügen, schwieg aber, weil zwei Kolleginnen den Umkleideraum betreten hatten.

  »Die kleine Laura ist gestern abend noch operiert worden«, sagte sie daher. »Es war doch der Blinddarm.«

  Lena atmete erleichtert auf. »Gott sei Dank, dann wissen wir jetzt wenigstens, woher die Bauchschmerzen kamen. Wie geht es ihr jetzt?«

  »Nun, wie es einem Kind nach einer Operation eben geht. Sie ist noch sehr schwach, fühlt sich aber schon wieder viel besser.«

  »Ich werde sie nachher auf der Intensivstation besuchen. Wenn keine Komplikationen auftreten, kann sie morgen wieder auf unsere Station.«

  Lena war froh, daß sie ihre Gedanken nun auf die kleinen Patienten richten konnte. Sie war mit Leib und Seele Kinderärztin, wollte diesen Beruf schon als kleines Mädchen ausüben.

  Später konnte sie sich mit den erleichterten Eltern der kleinen vierjährigen Laura unterhalten und sie beruhigen. In einer Woche konnten sie ihren Schatz wieder zu sich nach Hause holen.

  Gegen Mittag lief Harald Lena über den Weg, sie sah absichtlich in eine andere Richtung und er machte keinerlei Anstalten, ein paar Worte an sie zu richten.

  Lena wußte nicht, ob sie sich darüber freuen oder verärgert sein sollte. Gerade, als sie nachher nachdachte, wie lange es wohl dauern würde, bis sie über ihren Liebeskummer hinweg war, wurde sie über den Lautsprecher ausgerufen.

  »Frau Dr. Schubert bitte dringend in die Notaufnahme!«

  Sofort eilte Lena zum nächsten Fahrstuhl, der sie in die Notaufnahme bringen sollte. Sie war zwar ausgebildete Kinderärztin, hatte jedoch eine weitere Ausbildung als Notärztin absolviert und darum gebeten, bei Unfällen, die Kinder erlitten hatten, gerufen zu werden.

  Außer Atem erreichte sie die Notaufnahme, auf dessen Flur ein junger Mann hektisch hin- und hereilte. Ohne ihn weiter zu beachten, stürmte Lena in das Untersuchungszimmer.

  Auf der Liege lag ein bewußtloser blasser Junge mit einer blutenden Kopfwunde.

  »Was ist passiert?« fragte sie knapp.

  »Der Kleine ist mit seinem Fahrrad direkt unter ein fahrendes Auto geraten«, kam prompt die Antwort von Schwester Annemarie. »Sieht nach inneren Verletzungen aus.«

  Lena beugte sich über den kleinen Körper und untersuchte ihn gewissenhaft und gründlich.

  »Die Kopfwunde sieht schlimmer aus als sie ist, nur eine Platzwunde. Aber der Junge hat auf jeden Fall eine Gehirnerschütterung und möglicherweise innere Blutungen und Knochenbrüche. Schwester Annemarie, das Kind muß sofort zum Röntgen, dann sehen wir weiter.«

  »Alles schon vorbereitet, Frau Doktor. Ich habe auch schon ein Chirurgenteam angefordert und einen Operationssaal herrichten lassen.«

  »Sehr gut. In der Zwischenzeit werde ich ein paar Worte mit dem Vater des Jungen reden. Das ist doch der junge Mann, der da draußen herumläuft?«

  »Nein, das ist der Autofahrer, der den Kleinen angefahren hat.«

  »Oh, haben wir denn den Namen und die Adresse von dem Kind?«

  Schwester Annemarie zuckte die rundlichen Schultern. »Wir haben bei seiner Kleidung leider nichts gefunden. Vielleicht weiß der Autofahrer ja, wohin der Junge gehört.«

  »Hoffentlich – schließlich müssen die Eltern benachrichtigt werden.«

  Sie verließ das Untersuchungszimmer, als der kleine Patient in den angrenzenden Röntgenraum gebracht wurde.

  »Schwester, können Sie mir sagen, was mit dem Jungen ist?«

  Sofort stürzte der junge Mann mit den hektischen Flecken im Gesicht auf Lena zu.

  »Meine Name ist Dr. Schubert.« Lächelnd reichte sie ihm die Hand.

 »Entschuldigung, ich dachte, Sie wären eine der Schwestern. Mein Name ist übrigens Köhler, Bernd Köhler.«

  »Und Ihnen ist der kleine Unglückswurm also vors Auto geraten?«

  Der Mann hob hilflos die Hände und ließ sie gleich wieder sinken.

  »Es ging alles so schnell. Ich fuhr auf der Hauptstraße, als plötzlich aus einer Seitenstraße dieser Steppke mit seinem Kinderfahrrad geschossen kam. Ich habe natürlich sofort gebremst, aber es war leider zu spät. Bitte glauben Sie mir, wenn ich den Jungen nur ein paar Sekunden früher gesehen hätte, wäre das alles nicht passiert.«

  »Beruhigen Sie sich, und machen sich um Himmels willen keine Vorwürfe«, sagte Lena schnell. »Das passiert immer wieder, daß die Kinder nicht auf den Verkehr achten und dann bei uns landen.«

  »Was ist denn jetzt mit dem Kleinen?« fragte Bernd Köhler mit banger Stimme.

  »Noch kann ich Ihnen nichts Genaues sagen«, gab sie zurück. »Ich habe außer der Platzwunde an der Stirn eine Gehirnerschütterung festgestellt. Eine genaue Diagnose kann ich Ihnen erst geben, wenn das Röntgenergebnis vorliegt.«

  »Muß er operiert werden?«

  »Tja, das wird sich wohl nicht vermeiden lassen. Ach, wissen Sie eigentlich, wer das Kind ist?«

  Bernd Köhler sah ratlos aus. »Nein, ich habe den Jungen

noch nie gesehen, aber ich woh-

ne auch am anderen Ende der Stadt.«

  »Hm, wir müssen unbedingt seine Eltern benachrichtigen, sie werden sich sicherlich schon Sorgen um ihren Sohn machen.«

  »Die Polizisten, die den Unfall aufgenommen haben, wollten sich darum kümmern.«

  »Frau Doktor, kommen Sie bitte? Das Röntgenergebnis steht fest.«

  »Ich komme sofort, Schwester Annemarie«, sagte Lena, und zu Köhler gewandt: »Wenn Sie noch einen Moment warten, kann ich Ihnen in ein paar Minuten Näheres sagen.«

  »Ja, bitte!«

  Lena ging mit schnellen Schritten zurück in das Untersuchungszimmer.

  »Hallo, Herr Kollege!«

  Dr. Wolf, der Unfallchirurg, trug schon seine grüne OP-Kleidung.

  »Guten Tag, schöne Frau Kollegin.«

  »Sie wollen den Kleinen operieren?«

  »Ja, sehen Sie hier die Aufnahmen: Es handelt sich um ein paar Rippenbrüche sowie einen Bruch des linken Oberschenkels. Sorgen macht mir dieser Fleck hier oben.«

  »Hm, sieht nach einem Milzriß aus.«

  »Genau, wenn wir den nicht schnellstens beheben, verblutet uns der Knirps noch.«

  »Auf was warten Sie denn noch?«

  »Der Kleine ist schon im Operationssaal. Ich wollte Ihnen nur Bescheid geben, Frau Kollegin.«

  »In Ordnung. Halten Sie mich bitte auf dem laufenden. Ich werde inzwischen dem Unglücksfahrer Bescheid sagen.«

  Nachdenklich verließ Lena zum wiederholten Mal den Untersuchungsraum, hoffentlich fanden die Chirurgen nicht noch mehr innere Verletzungen.

  »Und?« Wie aus dem Nichts stand Bernd Köhler plötzlich neben ihr, er mußte direkt an der Eingangstür gewartet haben.

  Mit knappen Worten berichtete Lena, um welche Verletzungen es sich bei dem unbekannten Jungen handelte, und was die Kollegen von der Chirurgie gerade machten.

  »Um Gottes willen«, stöhnte der Mann, »was ist, wenn die Milz nicht mehr gerettet werden kann?«

  Lena lächelte beruhigend. »Ohne Milz kann man prima leben – wenn andere innere Organe betroffen sind, ist das Risiko viel höher.«

  Bernd Köhler starrte immer wieder auf die jetzt geschlossene Tür zum Untersuchungszimmer der Notaufnahme. »Wie lange wird die Operation wohl dauern, Frau Doktor?«