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Die Familie ist ein Hort der Liebe, Geborgenheit und Zärtlichkeit. Wir alle sehnen uns nach diesem Flucht- und Orientierungspunkt, der unsere persönliche Welt zusammenhält und schön macht. Das wichtigste Bindeglied der Familie ist Mami. In diesen herzenswarmen Romanen wird davon mit meisterhafter Einfühlung erzählt. Die Romanreihe Mami setzt einen unerschütterlichen Wert der Liebe, begeistert die Menschen und lässt sie in unruhigen Zeiten Mut und Hoffnung schöpfen. Kinderglück und Elternfreuden sind durch nichts auf der Welt zu ersetzen. Genau davon kündet Mami. »Ich bin mit Ihrer Arbeit sehr zufrieden, Frau Kamrath.« Dr. Günther Kleiber, Rechtsanwalt und Nicole Kamraths Chef, lehnte sich in seinem Ledersessel zurück und sah die hübsche junge Frau aufmerksam an. »Ich bewundere Ihren Fleiß und die Ausdauer – Sie haben als Rechtsanwaltsgehilfin angefangen, wenn ich mich nicht irre?« Nicole konnte eine zarte Röte in ihrem Gesicht nicht verhindern; das ungewohnte Lob ihres Arbeitgebers hatte sie tatsächlich verlegen gemacht! Schließlich nickte sie und sagte: »Ja, das war vor drei Jahren.« Dr. Kleiber erhob sich. »Wenn Sie weiterhin so ehrgeizig sind, können Sie in ihrem Leben noch viel erreichen, Frau Kamrath, Ich werde Ihnen etwas verraten: Ich habe vor, demnächst meine Kanzlei zu vergrößern. Sie wissen ja selbst, daß wir mehr Mandate angeboten bekommen, als wir übernehmen können. Wenn ich einen Partner in die Kanzlei einbringe, dann bedeutet dies, daß dieser Partner auch eine eigene Sekretärin braucht. Wären Sie an diesem Job interessiert?« Nicole war ebenfalls aufgestanden und starrte jetzt ungläubig zu Dr. Kleiber hinüber, der noch immer hinter seinem wuchtigen Eichenschreibtisch stand. Sie brachte kein Wort hervor, so überrascht war sie von diesem verlockendem Angebot. Dr. Kleiber sagte schmunzelnd: »Ich sehe, Sie sind einverstanden. Die neue Arbeit ist natürlich auch mit einem wesentlich höherem Gehalt verbunden – aber sagen Sie bitte den Kolleginnen nichts davon.« Mit diesen Worten war Nicole entlassen, und sie wankte mit weichen Knien zurück an ihren Schreibtisch. Sie teilte den Raum mit drei weiteren Kolleginnen, die genau wie Nicole Gutachten und Gerichtsprotokolle schrieben, und machte sich wieder an die Arbeit.
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Seitenzahl: 127
Veröffentlichungsjahr: 2015
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»Ich bin mit Ihrer Arbeit sehr zufrieden, Frau Kamrath.« Dr. Günther Kleiber, Rechtsanwalt und Nicole Kamraths Chef, lehnte sich in seinem Ledersessel zurück und sah die hübsche junge Frau aufmerksam an. »Ich bewundere Ihren Fleiß und die Ausdauer – Sie haben als Rechtsanwaltsgehilfin angefangen, wenn ich mich nicht irre?«
Nicole konnte eine zarte Röte in ihrem Gesicht nicht verhindern; das ungewohnte Lob ihres Arbeitgebers hatte sie tatsächlich verlegen gemacht! Schließlich nickte sie und sagte: »Ja, das war vor drei Jahren.«
Dr. Kleiber erhob sich. »Wenn Sie weiterhin so ehrgeizig sind, können Sie in ihrem Leben noch viel erreichen, Frau Kamrath, Ich werde Ihnen etwas verraten: Ich habe vor, demnächst meine Kanzlei zu vergrößern. Sie wissen ja selbst, daß wir mehr Mandate angeboten bekommen, als wir übernehmen können. Wenn ich einen Partner in die Kanzlei einbringe, dann bedeutet dies, daß dieser Partner auch eine eigene Sekretärin braucht. Wären Sie an diesem Job interessiert?«
Nicole war ebenfalls aufgestanden und starrte jetzt ungläubig zu Dr. Kleiber hinüber, der noch immer hinter seinem wuchtigen Eichenschreibtisch stand. Sie brachte kein Wort hervor, so überrascht war sie von diesem verlockendem Angebot.
Dr. Kleiber sagte schmunzelnd: »Ich sehe, Sie sind einverstanden. Die neue Arbeit ist natürlich auch mit einem wesentlich höherem Gehalt verbunden – aber sagen Sie bitte den Kolleginnen nichts davon.«
Mit diesen Worten war Nicole entlassen, und sie wankte mit weichen Knien zurück an ihren Schreibtisch. Sie teilte den Raum mit drei weiteren Kolleginnen, die genau wie Nicole Gutachten und Gerichtsprotokolle schrieben, und machte sich wieder an die Arbeit. Es fiel ihr schwer, sich ihre Freude nicht anmerken zu lassen. Dies war nun das Ziel, für das sie jahrelang Abendkurse besucht und Fernlehrgänge belegt hatte!
Auf dem Weg nach Hause in ihr schickes Apartment summte Nicole laut die Melodie mit, die im Autoradio gespielt wurde. Rainer würde Augen machen, wenn er erfuhr, welchen Karrieresprung sie bald machte! Seit fast zwei Jahren war Nicole nun mit dem Finanzberater Rainer Gauer zusammen; sie lebten zwar in getrennten Wohnungen, trafen sich aber, so oft es Rainer bei seinen vielen Geschäftsterminen einrichten konnte.
Das luxuriöse Leben hatte Nicole, die aus bescheidenen Verhältnisse stammte, bei Rainer kennengelernt. Sie waren im Urlaub auf den Malediven und in Neuseeland gewesen, und bald würde Nicole auch so viel Geld wie Rainer verdienen!
Sofort, als Nicole ihre Wohnung erreicht hatte, wählte sie Rainers Nummer, stellte aber enttäuscht fest, daß der Anrufbeantworter lief. Ja, Rainer war ein vielbeschäftigter Mann. Sie war stolz auf ihn! Lange würde es nicht mehr dauern, dann konnte er auch auf sie stolz sein.
Nicole wußte, daß ihr Freund Karrierefrauen schätzte – und ein bißchen hatte sie es auch ihm zu verdanken, daß sie fleißig gelernt hatte. Nicole ließ sich in die Polster des Ledersofas plumpsen – ach, war das Leben nicht herrlich?
Als Rainer eine gute Stunde später bei Nicole klingelte, hatte diese schon geduscht, sich umgezogen und ein leichtes Abendbrot gezaubert. Kaum, daß der Mann im Flur stand, flog ihm Nicole um den Hals und erzählte ihm überschwenglich von dem Gespräch mit Dr. Kleiber.
Rainer wirbelte die zarte Frau herum. »Siehst du, ich habe dir gesagt, daß es sich auszahlt, wenn man immer am Ball bleibt!«
»Stell dir vor, wie die Kolleginnen vor Neid erblassen werden, wenn ich diese begehrte Stelle bekomme!« Nicole freute sich wie ein Kind.
Der gutaussehende junge Mann lachte: »Das hast du dir aber auch verdient – so, und jetzt habe ich einen Bärenhunger!«
*
Nicole fieberte dem Tag entgegen, an dem Dr. Kleiber den Mitarbeitern mitteilen würde, daß die Kanzlei Kleiber/Sondermann demnächst einen neuen Partner bekommen würde. Vier Wochen nach dem Gespräch mit ihm rief er sie zu sich. Nicole war nicht wohl. Gleich, als sie Dr. Kleiber sah, wußte sie, daß etwas Unangenehmes passiert sein mußte. Der einzige Gedanke, der Nicole durch den Kopf fuhr, war der, daß sie jetzt doch nicht die begehrte Stelle bekommen würde. Doch so schlimm war es dann nicht.
»Unser neuer Partner, Herr Dr. Benedikt, ist leider erst in einem Jahr abkömmlich. Ich hoffe, Frau Kamrath, daß Sie uns trotzdem treu bleiben – die Stelle als Chefsekretärin ist selbstverständlich für Sie reserviert.«
»Natürlich werde ich bleiben.« Nicole spürte einen dicken Kloß im Hals, versuchte dennoch, ihre Enttäuschung nicht zu zeigen. »Ich freue mich, daß Sie mir auch weiterhin die Chance geben.«
Als sie wieder an ihrem Schreibtisch saß, tat sie so, als hätte Dr. Kleiber sie nur zu einem Diktat in sein pompöses Büro geholt. Frau Singer, dessen Sekretärin, war seit ein paar Tagen krank. Da war es üblich, daß eine der Tippsen, wie Dr. Kleiber seine Schreibkräfte scherzhaft nannte, wichtige Arbeiten von Gisela Singer übernahm.
Mechanisch legte Nicole eine neue Kassette in das Diktiergerät und arbeitete bis zum Feierabend, ohne auch nur einmal aufzusehen.
Erst abends, zu Hause vor dem Fernseher, kamen die Tränen. Rainer war für drei Tage geschäftlich in einer anderen Stadt, und zu allem Überfluß fühlte sich Nicole so schlapp und schwindelig, als würde eine deftige Grippe im Anmarsch sein. Fieber hatte Nicole noch nicht, aber wenn das Schwindelgefühl in ein paar Tagen nicht fort war, würde sie einen Arzt aufsuchen. Sie konnte es sich unmöglich leisten, krank zu werden!
Sie fühlte sich auch in den Tagen danach nicht besser – im Gegenteil, ihr war jetzt sogar öfter übel. Morgens wagte sie kaum aufzustehen, weil ihr fast augenblicklich schlecht und schwindelig wurde.
Sogar Rainer fiel auf, daß Nicole immer blasser wurde. Anfangs sah er den Grund darin, daß sie wegen ihrer versprochenen Stelle so enttäuscht war, daß sie kaum noch Appetit hatte. Doch dann fuhr er sie nach Feierabend kurzerhand zum Arzt.
Wie betäubt verließ Nicole eine gute Stunde später die Praxis wieder. Ihr fehlte überhaupt nichts, hatte der freundliche Arzt gesagt und ihr freudestrahlend gratuliert, daß sie ein Baby bekommen würde! Nein, das konnte doch nicht möglich sein!
Rainer wartete im Auto auf dem Parkplatz um die Ecke. Nicole ging wie durch einen dichten Nebel, wäre beinahe mit einem dicken Mann, der ihr entgegenkam, zusammengestoßen.
»Was ist denn mit dir los?« fragte Rainer lachend, als sich Nicole neben ihn auf den Beifahrersitz plumpsen ließ. »Du siehst aus, als hättest du ein Gespenst gesehen!« Er hörte auf zu lachen, als er die Tränen in Nicoles Augen sah.
»Rede doch!« fuhr er sie fast an. »Was hat der Arzt gesagt? Bist du ernsthaft krank, oder was ist passiert?«
Nicole griff in ihre Handtasche, fingerte nach einem Taschentuch und putzte sich geräuschvoll die Nase, bevor sie stockend zu sprechen begann.
»Rainer, ich bekomme ein Kind…« Dann versagte ihre Stimme, und sie sah hilflos zu dem Mann neben ihr. Der starrte durch die Windschutzscheibe und schüttelte den Kopf. »Das kann doch nicht wahr sein.«
»Ich wollte es auch nicht glauben, aber der Arzt hat es mir sogar schriftlich bestätigt.«
Rainer startete den Wagen und sagte mit tonloser Stimme: »Laß uns zu Hause darüber reden.«
Schweigend fuhr das junge Paar zu Nicoles Wohnung; jeder hing seinen Gedanken nach. Kaum hatte Rainer die Wohnungstür hinter sich geschlossen, sagte er: »Also, wenn du jetzt glaubst, daß ich Familienpapa spiele, hast du dich mächtig geirrt. Ich habe noch viel vor, kann und will mich nicht mit Frau und Kind abplagen!«
Nicole stand mit hängenden Schultern da. Ihr kam die Schwangerschaft genauso ungelegen wie Rainer, aber sie sagte nichts. Er war so aufgewühlt – ja, richtig wütend, als wäre Nicole mit Absicht schwanger geworden, damit er sie heiraten würde! Dabei hatten sie nie von Heirat gesprochen.
»Soll ich dir etwas zu essen machen?« fragte sie verschüchtert.
Rainer lief in der Küche wie ein Tiger im Käfig nervös auf und ab. »Ich will jetzt nichts essen! Ich will nur Klarheit schaffen – ich werde auf keinen Fall für dieses… Kind sorgen, damit du das weißt!«
Nicole fühlte erneut dieses unsympathische Schwindelgefühl und setzte sich vorsichtig auf die äußerste Kante eines Küchenstuhls. Sie wollte Rainer sagen, daß er auch Schuld daran hatte, daß sie schwanger war, aber der aufgebrachte Mann ließ sie gar nicht zu Worte kommen. Er baute sich vor Nicole auf.
»Also, hör zu! Heutzutage muß keine Frau mehr ein Kind zur Welt bringen, wenn sie es nicht unbedingt will – du verstehst?«
Nicole nickte.
»Gut, dann werde ich jetzt gehen; und wenn du die Sache aus der Welt geschafft hast, kannst du mich anrufen, okay?«
Fassungslos starrte Nicole den Mann an, von dem sie gedacht hatte, sie würde ihn kennen.
»Du willst mich also verlassen, mich im Stich lassen?«
»Herrgott, Nicole! Du darfst das nicht so eng sehen; wenn du Kinder haben möchtest, dann laß uns in ein paar Jahren noch einmal darüber sprechen. Aber jetzt ist es zu früh – und zwar für uns beide! Denk an die Stelle, die dir Dr. Kleiber versprochen hat – willst du die ganze Arbeit und Mühe nur für ein Kind aufgeben?«
Nein, das wollte Nicole natürlich nicht, aber bevor sie den Mund aufmachen konnte, verließ Rainer mit hastigen Schritten die Küche. Nicole ging hinterher und sah, daß er seine Jacke anzog und im Begriff war, die Wohnung zu verlassen. An der Tür drehte er sich nochmals um.
»Denke an die Worte, die ich dir gesagt habe. Laß das Kind wegmachen, dann können wir wieder zusammensein. Ich will mit der Sache nichts zu tun haben.« Dann klappte die Tür zu, und Nicole war allein.
Sie lehnte sich gegen den Türpfosten und ließ ihren Tränen freien Lauf. Sie fühlte sich so einsam und verlassen. Warum benahm sich Rainer so herzlos?
Nicole ärgerte sich plötzlich über sich selbst. Warum hatte sie ihm nicht gesagt, daß auch sie dieses Kind nicht haben wollte? Rainer mußte ja denken, daß sie ganz verrückt danach war, Mutter zu werden, dabei hatte sie doch noch soviel vor in ihrem Leben…
*
Gleich am nächsten Tag suchte Nicole wieder die Praxis von Dr. Lorenz auf. Der Mediziner war erstaunt, die hübsche Frau schon wieder zu sehen, er hatte ihr doch
gesagt, daß sie erst in vier Wochen zur Vorsorgeuntersuchung kommen brauchte.
Nicole druckste ein wenig herum, bevor sie auf den Punkt kam. Sie kam sich direkt schäbig vor, machte dem Arzt aber klar, daß sie als alleinstehende Frau nicht in der Lage wäre, für ein Kind zu sorgen.
»Ich möchte gern eine Abtreibung haben«, sagte sie schließlich so leise, daß Dr. Lorenz kaum verstand, was sie sagte. Sie wagte nicht, dem Arzt in die Augen zu sehen.
Der blickte sie mit gerunzelter Stirn über den Rand seiner Brille an. »Ja, haben Sie denn nicht den Entbindungstermin auf Ihrer Bescheinigung gelesen?«
Nicole schüttelte verständnislos den Kopf. Worauf wollte Dr. Lorenz hinaus?
»Frau Kamrath«, sagte er, »es tut mir sehr leid, aber für einen Abbruch ist es zu spät.«
»Wieso?« Nicoles Augen weiteten sich vor Entsetzen.
»Weil Sie bereits in der fünfzehnten Woche schwanger sind, da ist ein Abbruch nicht nur verboten, sondern auch noch gefährlich. Ich würde Ihnen aus diesem Grunde auch nicht raten, ins Ausland zu einer dieser fragwürdigen Kliniken zu fahren.«
»Aber… ich kann dieses Kind unmöglich bekommen!« Fast hätte sie hinzugesetzt, daß sie dann den Mann ihrer Träume für immer verlieren würde.
Dr. Lorenz griff zu einem Notizblock und schrieb etwas darauf. Dann gab er Nicole den Zettel mit den Worte: »Ich habe Ihnen hier die Adresse einer Beratungsstelle für werdende Mütter aufgeschrieben. Vielleicht gibt es eine Möglichkeit, daß man Ihnen dort hilft. Allerdings wird man dies nicht bezüglich eines Abbruchs tun.«
Resigniert nahm Nicole den Zettel an sich und verabschiedete sich schnell. Gegenüber der Parxis war ein kleines Café, in das Nicole nun mit schweren Schritten ging und sich an einen Tisch direkt am Fenster setzte. Sie starrte auf den belebten Gehweg vor dem Café und bemerkte kaum die freundliche Serviererin, die nach ihren Wünsche fragte. Nicole bestellte ein Kännchen Tee. Es war egal, was sie trank – ihr schmeckte im Moment sowieso nichts.
Draußen ging eine junge Frau mit Kinderwagen vorbei, und an der Hand hielt sie ein kleines Mädchen von etwa zwei Jahren. Man sah, daß die Frau in wenigen Wochen wieder Mutter werden würde.
Schaudernd wandte sich Nicole ab. Nein, so wollte sie nicht leben! Nie eine freie Minute haben, nur für die Kinder leben – und ständig war das Geld knapp. Nicole stellte sich ihre Zukunft ein wenig anders
vor.
Sie nahm den Zettel von Dr. Lorenz und las die Anschrift darauf. Die Beratungsstelle lag nur ungefähr zehn Gehminuten entfernt, und Nicole entschloß sich, noch an diesem Tag dorthin zu gehen.
Der Weg führte Nicole vorbei an schicken Modegeschäften, an deren Schaufenster sie sich sonst fast die Nase plattdrückte. An diesem Tag hatte sie jedoch keinen Sinn für die neuesten Kreationen aus Paris oder Mailand…
»Beratungsstelle für werdende Mütter« stand mit großen Buchstaben auf dem weißen Blechschild an dem gepflegten Backsteinhaus. Zögernd stieg Nicole die Stufen zu der braunen Eingangstür empor. Sie streckte die Hand nach dem Türgriff aus und hielt inne. Sollte sie sich wirklich wildfremden Menschen anvertrauen? Doch was blieb ihr anderes übrig – sie hatte keine engen Freunde, ihre Eltern lebten nicht mehr – und von Rainer brauchte man gar nicht reden.
Zehn Minuten später saß Nicole einer sympathischen Frau mittleren Alters gegenüber. Margret Berkefeld hörte aufmerksam zu, ohne Nicole auch nur ein einziges Mal zu unterbrechen.
Als diese schließlich ihre ganze Geschichte erzählt hatte, lächelte Frau Berkefeld freundlich. Es war kein Vorwurf in ihrem Blick, nur Verständnis.
»Glauben Sie bloß nicht, daß Sie ein Einzelfall sind«, sagte sie. »Täglich kommen verzweifelte junge Frauen zu uns, die kein Kind bekommen möchten, ihr Baby aber auch nicht abtreiben lassen wollen.«
»Und… was kann man in solch einem Fall tun?« Nicoles Stimme war wieder etwas fester geworden, die Gegenwart der anderen war beruhigend. Endlich war Nicole nicht mehr mit ihrem Problem allein; ab jetzt würden sich auch andere mit ihrem Schicksal befassen.
»Tja, Frau Kamrath, in Ihrem Fall kann man nur eines tun: Sie bekommen das Kind und geben es gleich nach der Geburt zur Adoption frei. Es gibt sehr viele Ehepaare, die sich nichts sehnlicher wünschen als ein Kind.«
»Ich soll das Kind zur Welt bringen?« rief Nicole entsetzt aus. »Aber das geht doch nicht. Meine Arbeitskolleginnen würden etwas bemerken – und vielleicht verliere ich dadurch meine Stellung!«
Frau Berkefeld hob die Hände. »Jetzt beruhigen Sie sich. Wegen einer Schwangerschaft darf hierzulande keiner Frau gekündigt werden, das ist gesetzlich geregelt. Natürlich müssen Sie Ihrem Chef von der Schwangerschaft erzählen, das ist Ihre Pflicht; aber wenn Sie ihm auch gleich sagen, daß Sie das Kind nach der Geburt nicht behalten möchten, werden Sie danach nicht Ihre Arbeit verlieren.«
Nicole zögerte. Der Gedanke, dieses Kind austragen zu müssen, behagte ihr ganz und gar nicht. Doch sie sah ein, daß es keine andere Möglichkeit gab. Frau Berkefeld ließ Nicole Zeit, mit der neuen Situation fertig zu werden.
»Es gibt allerdings auch viele werdende Mütter, sie sich anfangs für eine Adoption entschieden haben – und wenn das Baby erst einmal da ist, geben sie es nicht mehr her. In diesem Fall geht natürlich das Recht der leiblichen Mutter vor.«
»Das wird bei mir ganz bestimmt nicht geschehen!« rief Nicole hastig aus. Frau Berkefeld lächelte nur. Sie kannte diese empörten Äußerungen, wußte aber auch, daß sich jede zweite Frau meist noch während der Schwangerschaft dafür entschied, ihr Kind doch nicht wegzugeben.
»Gehen Sie jetzt erst einmal nach Hause und denken in Ruhe über meine Worte nach«, sagte Margret Berkefeld und erhob sich. »Sie werden sehen, die Schwangerschaft geht schneller herum, als Sie glauben.«
