Spurlos verschwunden - Lisa Simon - E-Book

Spurlos verschwunden E-Book

Lisa Simon

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Beschreibung

Die Familie ist ein Hort der Liebe, Geborgenheit und Zärtlichkeit. Wir alle sehnen uns nach diesem Flucht- und Orientierungspunkt, der unsere persönliche Welt zusammenhält und schön macht. Das wichtigste Bindeglied der Familie ist Mami. In diesen herzenswarmen Romanen wird davon mit meisterhafter Einfühlung erzählt. Die Romanreihe Mami setzt einen unerschütterlichen Wert der Liebe, begeistert die Menschen und lässt sie in unruhigen Zeiten Mut und Hoffnung schöpfen. Kinderglück und Elternfreuden sind durch nichts auf der Welt zu ersetzen. Genau davon kündet Mami. »Trödele nicht so, Michelle«, sagte Renate Schiller lächelnd zu dem kleinen blonden Mädchen. »Wir wollen doch nicht zu spät in den Kindergarten kommen, oder?«   Michelle steckte das letzte Stück Marmeladenbrötchen in den Mund und trank den Rest Milch in ihrem Glas. »Nein, Tante Renate, das wollen wir nicht.« Das sagte sie so ernsthaft, daß die Tante lachen mußte.   Renate Schiller war froh, daß sie sich tagsüber um die kleine Tochter ihrer Nichte Vanessa kümmern konnte. Nach dem frühen Tod ihres Mannes hatte sie sich sehr einsam in der großen alten Jugendstilvilla gefühlt.   Leider war die Ehe von Vanessa Horn, der Tochter ihres Bruders Hubert, nicht so glücklich verlaufen wie ihre eigene. Vor drei Jahren hatte Martin Horn seiner hübschen Frau plötzlich erklärt, daß er sich in eine andere Frau verliebt hätte und war Hals über Kopf aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen. Vanessa hatte lange gebraucht, um über den Schock hinwegzukommen. Dazu kamen massive Geldsorgen, denn Martin zahlte kaum Unterhalt für sie und seine kleine Tochter.   Nachdem Renate Schiller von der Trennung ihrer Nichte hörte, machte sie ihr einen Vorschlag, den Vanessa sofort begeistert aufgriff: Sie schlug vor, die viel zu teure Wohnung aufzugeben und mit der Kleinen zu ihr zu ziehen. Dann könne sich die Tante um das Kind kümmern, während Vanessa sich eine Arbeit suchen konnte.   Nun lebten die drei »Frauen« bereits seit zwei Jahren unter einem Dach, und es klappte vorzüglich. Schnell hatte Vanessa eine Stelle als Büroangestellte bei einer Versicherung gefunden, bei der sie zwar nicht sehr viel verdiente, die ihr aber

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Seitenzahl: 118

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Mami – 1795 –Spurlos verschwunden

Spurlos verschwunden...

Lisa Simon

»Trödele nicht so, Michelle«, sagte Renate Schiller lächelnd zu dem kleinen blonden Mädchen. »Wir wollen doch nicht zu spät in den Kindergarten kommen, oder?«

  Michelle steckte das letzte Stück Marmeladenbrötchen in den Mund und trank den Rest Milch in ihrem Glas. »Nein, Tante Renate, das wollen wir nicht.« Das sagte sie so ernsthaft, daß die Tante lachen mußte.

  Renate Schiller war froh, daß sie sich tagsüber um die kleine Tochter ihrer Nichte Vanessa kümmern konnte. Nach dem frühen Tod ihres Mannes hatte sie sich sehr einsam in der großen alten Jugendstilvilla gefühlt.

  Leider war die Ehe von Vanessa Horn, der Tochter ihres Bruders Hubert, nicht so glücklich verlaufen wie ihre eigene. Vor drei Jahren hatte Martin Horn seiner hübschen Frau plötzlich erklärt, daß er sich in eine andere Frau verliebt hätte und war Hals über Kopf aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen. Vanessa hatte lange gebraucht, um über den Schock hinwegzukommen. Dazu kamen massive Geldsorgen, denn Martin zahlte kaum Unterhalt für sie und seine kleine Tochter.

  Nachdem Renate Schiller von der Trennung ihrer Nichte hörte, machte sie ihr einen Vorschlag, den Vanessa sofort begeistert aufgriff: Sie schlug vor, die viel zu teure Wohnung aufzugeben und mit der Kleinen zu ihr zu ziehen. Dann könne sich die Tante um das Kind kümmern, während Vanessa sich eine Arbeit suchen konnte.

  Nun lebten die drei »Frauen« bereits seit zwei Jahren unter einem Dach, und es klappte vorzüglich. Schnell hatte Vanessa eine Stelle als Büroangestellte bei einer Versicherung gefunden, bei der sie zwar nicht sehr viel verdiente, die ihr aber großen Spaß machte.

  Die Scheidung war damals glatt über die Bühne gegangen. Martin hatte eingewilligt, daß Vanessa das alleinige Sorgerecht bekam. Zum Geburtstag und zu Weihnachten schickte er sogar Päckchen für Michelle, aber ansonsten ließ er nichts von sich hören. Irgendwann war Martin in die USA gezogen und hatte dort ein zweites Mal geheiratet.

*

  Auf dem Weg zum Kindergarten, der nur knapp hundert Meter von Renates Haus lag, hüpfte das kleine Mädchen munter neben der Tante her. Michelle war wirklich ein kleiner Sonnenschein; Renate wußte gar nicht mehr, wie sie ihr früheres einsames Leben gemeistert hatte.

  »Komme ich wirklich nächstes Jahr zur Schule, Tante Renate?« fragte Michelle immer wieder. Das war im Moment ihr liebstes Thema – obwohl die Einschulung erst in einem Jahr sein würde.

  »Sicher kommst du dann zur Schule, mein Schatz«, erwiderte Renate. »Du bist dann sieben Jahre alt. In diesem Alter kommen alle Kinder in die Schule.«

  Mittlerweile waren sie an der Kindertagesstätte angelangt. Die Kleine wollte schon wieder protestieren, daß sie allein den Weg ins Haus finden würde, doch Renate blockte sofort ab.

  »Nichts da. Ich liefere dich bei Ute ab, damit ich weiß, daß du wirklich angekommen bist.«

  »Ich bin doch kein Baby mehr«, maulte die Kleine, wußte aber, daß sie keine Chance hatte, wie einige der anderen Kinder nur bis zum Gartentor gebracht zu werden.

  Renate schüttelte energisch den Kopf. »Du weißt, was ich deiner Mama versprochen habe, nicht wahr?«

  Michelle nickte. Ihre Mutter hatte sie eindringlich gebeten, auf Tante Renate zu hören – was sie im allgemeinen auch tat. Aber hin und wieder zu testen, wie weit man gehen konnte, war wohl erlaubt.

  Die kleine Auseinandersetzung war sofort vergessen, als Michelle feststellte, daß ihre Freundin Jana heute ihr Anziehpuppe mitgebracht hatte. Einmal in der Woche war der sogenannte »Mitbringtag«, da konnte jedes Kind ein Spielzeug von zu Hause mitbringen. Und Michelle liebte diese Anziehpuppe, die wie eine richtige kleine Frau aussah und chice Kleidung trug. Sie selbst hatte ihre Lieblings-Babypuppe mitgenommen – ob Jana wohl die Puppen an diesem Vormittag tauschen würde? Michelle nahm sich vor, ihre Mama darum zu bitten, daß sie ihr zum Geburtstag auch solch eine Modepuppe schenke.

  »Guten Morgen, Frau Schiller«, grüßte Ute Degenhardt freundlich. Sie betreute die Halbtagsgruppe, in der auch Michelle war, und wurde von den Kindern vergöttert.

  Renate grüßte zurück, auch sie mochte die sympathische Erzieherin gern. Michelle würde sie vermissen, wenn sie zur Schule kam.

  Nachdem die Kleine wohlbehalten abgeliefert war, erledigte Renate ihre Einkäufe im nahegelegenen Einkaufszentrum. Sie besaß keinen eigenen Wagen, aber das machte ihr nichts aus. Vanessa fuhr ein Auto, und wenn Renate einen Wagen benötigte, lieh ihre Nichte ihr den ihren aus.

  An diesem Vormittag hatte Renate nur ein paar Kleinigkeiten im Supermarkt zu besorgen, das ließ sich bequem zu Fuß erledigen. Mittags gab es immer einen kleinen Imbiß; richtig gekocht wurde abends, wenn Vanessa von der Arbeit kam. Ob sich Michelle über eine Pizza freuen würde? Die ließ sich schnell warm machen. Renate wußte, daß Vanessa es nicht gern sah, wenn Michelle Gerichte aß, die aus nichts als Kalorien bestanden und gewiß nicht gesund waren – aber welches Kind schwärmte nicht für Hamburger, Pommes

frites und Pizza?

*

  Müde lenkte Vanessa ihren Wagen durch die Straßen. Die Arbeit in der Versicherung war anstrengend, vor allem der Leiter ihrer Abteilung machte den Angestellten das Leben schwer. Immer wieder hatte er kurz vor dem Feierabend noch irgend etwas, was unbedingt noch erledigt werden mußte. Auch an diesem Tag hatte Vanessa wieder eine Stunde länger arbieten müssen.

  Sie war froh, daß sie ihre Tante Renate hatte; ohne sie hätte sie den anstrengenden Job gar nicht annehmen können. Wer hätte sich dann um Michelle gekümmert? Eine Tagesmutter konnte sich Vanessa von ihrem Gehalt nicht leisten, und von dem Geld, das man halbtags verdiente, konnte man nicht leben.

  Michelle hatte das Auto ihrer Mutter vorfahren hören und kam aus dem Haus gestürmt, als Vanessa das Garagentor abschloß.

  »Mamai, Mami!« rief die Kleine und flog förmlich in Vanessas Arme.

  »Hallo, mein Mäuschen! Was ist denn mit dir los? Du reißt mich ja bald um.« Übermütig drehte sich Vanessa mit ihrer Tochter auf dem Arm im Kreis, bis beiden schwindlig wurde.

  »Bekomme ich jetzt auch noch einen Kuß, bevor wir ins Haus gehen?« fragte sie, nachdem sie Michelle wieder abgesetzt hatte. »Du wirst mir langsam zu schwer, mein Fräulein, ich bin ja ganz aus der Puste!«

  Vanessa bekam den erbettelten Kuß, und während sie Hand in Hand zum Haus gingen, sagte Michelle mit bittender Stimme: »Du, die Maren hatte heute ihre Modepuppe mit im Kindergarten.«

  »Aha, und was hast du mitgenommen?«

  »Meine Dolly. Du, Mama, kann ich nicht auch so eine Puppe wie Maren haben?«

  Vanessa lächelte sanft. »Ich werde darüber nachdenken, ja?«

  »Wieso muß man darüber nachdenken, ob man seiner Tochter etwas schenkt?« fragte Michelle altklug und verschränkte die Arme unter der Brust. »Alle Mädchen haben solch eine Puppe – und alle Eltern mußten gar nicht darüber nachdenken.«

  Vanessa seufzte. Den Satz: Alle Kinder außer mir dürfen… kannte sie schon zur Genüge, darauf ließ sie sich nicht ein.

  »Du hast ja bald Geburtstag…«, begann sie und wurde durch Michelles Freudengeschrei unterbrochen.

  »Tante Renate, ich bekomme eine!« schrie sie, kaum, daß sie die Haustür geöffnet hatte.

  »Du bekommst eine was?« fragte Renate aus der Küche, in der es verführerisch nach Hackbraten roch.

  Während Michelle ihrer Groß-tante geduldig von ihrem Herzenswunsch berichtete, nahm sich Vanessa den Stapel mit ihrer Post vor, den Renate immer auf die kleine Konsole im Flur legte.

  Ein Brief ihrer Freundin Claudia war darunter, die vor einiger Zeit in eine andere Stadt gezogen war; ansonsten nur Werbung und eine Rechnung für die nächste Kfz-Steuer.

  Vanessa nahm den Brief, begrüßte kurz ihre Tante und machte es sich schließlich im Wohnzimmer in dem gemütlichen Lehnstuhl, der noch von Onkel Josef stammte, bequem. Sie liebte die kurze Entspannung, wenn sie nach Hause kam und das Essen noch nicht fertig war.

  Anfangs war Vanessa sofort in die Küche gestürmt, sowie sie das Haus betreten hatte, um Tante Renate beim Kochen zu entlasten. Eine Weile hatte die sich das stillschweigend angesehen, bis sie Va-nessa aus ihrem Domizil vertrieb. Die Zubereitung des Essens wäre einzig ihre Sache, und Vanessa solle sich gefälligst ausruhen, wenn sie aus dem Büro kam und ihr nicht im Wege herumstehen!

  Seitdem hatte es sich ihre Nichte angewöhnt, vor dem Essen ihre Post zu lesen. Neugierig riß sie den Brief der Freundin auf – es war eine Heiratsanzeige!

  Also hatte Claudia doch den Mann ihrer Träume bekommen! Seit sie fortgezogen war, hatten die beiden jungen Frauen nur noch sporadisch Kontakt zueinander; mal ein Anruf, hin und wieder ein Brief. Vanessa wußte, daß Claudia ganz versessen darauf war, zu heiraten und eine Familie zu gründen – Vanessas Fehlschlag schien sie nicht zu beunruhigen.

  Am kommenden Donnerstag war die Trauung; Vanessa war herzlich eingeladen: doch sie würde leider nicht nach Berlin fahren können, da im Moment niemand bei der Versicherung Urlaub bekam. Einem Kollegen war ein Urlaubstag verweigert worden, obwohl er Vater geworden war! Es hieß, daß man auf keinen Mitarbeiter wegen des chronischen Personalmangels verzichten könne. Vanessa wußte, daß sie den Abteilungsleiter Golzer gar nicht fragen brauchte.

  Seufzend steckte sie die Karte in den Umschlag zurück, dann würde sie eben nur ein Geschenk schicken. Tante Renate rief aus der Küche, daß in fünf Minuten das Essen fertig sei, und Vanessa ging hinüber ins Eßzimmer, um den Tisch zu decken.

  Sie liebte diesen Raum mit seinen schweren Eichenmöbeln und dem pompösen Kristall-Lüster an der stuckverzierten Decke. Wäh-rend sie das Tischtuch ausbreitete, Teller und Besteck hervorholte, dachte sie wieder einmal daran, daß sie eigentlich glücklich sein müßte.

  Michelle war ein gesundes, quicklebendiges Kind, Tante Renate der reinste Schatz, und sie hatte eine sichere Stellung – und doch fehlte ihr hin und wieder die Gesellschaft eines Mannes.

  Nicht, daß sie Martin noch liebte, er hatte sie zutiefst enttäuscht. Und es hatte so lange weh getan, an ihn zu denken. Ihre Ehe war ansonsten nicht besser oder schlechter als andere Ehen gewesen, es gab jede Menge schöner Erinnerungen an die fünf Ehejahre.

  Claudias Brief hatte alles wieder aufgewühlt, und Vanessa hoffte inständig, daß die Freundin mehr Glück mit ihrem Mann hatte als sie selbst.

  Zum Glück hatte Michelle kei-nerlei Erinnerungen an ihren Vater, sie war ja damals erst drei Jahre alt gewesen. Sie wußte zwar, daß sie einen Vater hatte, und der schickte ihr auch immer etwas Schönes zum Geburtstag – aber eigentlich interessierte sie sich nicht für ihn. Sie hatte ihre Mama und Tante Renate, und das genügte der Kleinen vollkommen.

  Darüber war Vanessa sehr froh, der Tag, an dem Michelle fragen würde, warum ihr Vater sie beide verlassen hatte, würd enoch früh genug kommen.

*

  »Ich glaube, ich werde Michelle morgen so eine dumme Puppe kaufen«, bemerkte Renate, als Michelle schon schlief. »Sie hat heute von nichts anderem geredet.«

  »Untersteh dich!« rief Vanessa. »Du verwöhnst sie viel zu sehr. Bald hat Michelle Geburtstag, dann bekommt sie meinetwegen so ein Ding.«

  »Ach, nun laß mich doch«, widersprach Renate und nahm ihr Strickzeug zur Hand. »Ich kann es mir finanziell doch leisten, unsere kleine Maus ein bißchen zu verwöhnen.«

  »Ja, und genau das weiß unsere kleine Maus auch.« Die beiden Frauen saßen im Wohnzimmer. Im Fernsehen lief nichts Interessantes, deshalb hatte sich Vanessa das Buch, in dem sie schon seit Ewigkeiten las, aus ihrem Schlafzimmer geholt, und Tante Renate wollte die rote Mohairjacke für Michelle weiterstricken.

  »Stell dir vor: Claudia heiratet nächste Woche!« sagte Vanessa plötzlich, nachdem sie eine Weile gelesen hatte.

  »Ach, das freut mich aber. Claudia ist wirklich eine sympathische junge Frau.«

  Vanessa gab nur ein langezogenes »Jaaa« von sich, was Renate aufstehen ließ. »Du solltest dich auch nach einem neuen Partner umsehen, mein Kind. Auch für Michelle wäre es besser, mit einer männlichen Bezugsperson aufzuwachsen.«

  »Du willst uns wohl loswerden, was?« sagte Vanessa lachend.

  »Unfug!« beschwerte sich die Tante. »Aber du bist eine junge hübsche Frau, das ist doch normal, mit einem Mann zusammenleben zu wollen. Da siehst du es: Vor Schreck habe ich eine Masche fallenlassen!«

  »Das war doch bloß ein Scherz«, lenkte Vanessa ein. Sie wußte, daß sie und Michelle der Lebensinhalt ihrer Tante waren. Natürlich hatte sie recht, nur mit Frauen aufzuwachsen, war wohl nicht das Richtige für ein kleines Mädchen. Doch aus solch einem Grund würde Vanessa nie heiraten – vielleicht tauchte ja unverhofft irgendwann einmal der Richtige auf…

*

  Am nächsten Morgen entschloß sich Renate, der Kleinen eine Freude zu machen: Sie würde in dem Spielzeuggeschäft, das im Einkaufszentrum lag, eine dieser Modepuppen kaufen und Michelle nach ihrer Rückkehr aus dem Kindergarten präsentieren!

  Renate freute sich schon auf das staunende Gesicht, das das Mäd-chen machen würde, wenn ihre Traumpuppe auf dem Küchentisch neben dem Eßteller lag.

  Wieder plapperte die Kleine auf dem Weg zur Tagesstätte nur von dieser Puppe. »Ob Mama mir wirklich so eine schenkt?«

  »Warte es ab«, erwiderte Renate betont gleichgültig. »Wenn du ganz artig bist und deiner Mutter nicht dauernd mit deinem Wunsch auf die Nerven gehst, bekommst du bestimmt bald eine.«

  Michelle zappelte aufgeregt an der Hand der Tante. »Weißt du, wie ich sie nennen werde?«

  »Nein, erzähl.«

  »Sie wird Vanessa heißen – Mama!«

  Renate mußte lachen. »Ich weiß nicht, ob Mama so begeistert sein wird. Sie mag diese Art von Puppen nicht sonderlich.«

  »Glaubst du, daß sie böse sein wird?«

  »Sicherlich nicht. Sieh mal, wir sind schon da.«

  Diesmal beharrte Michelle nicht auf den Wunsch, allein das Gebäude zu betreten. Sie war viel zu aufgeregt und mußte sofort Jana berichten, daß auch sie bald stolze Besitzerin einer Modepuppe sein würde.

  »Heute werden alle Kinder gemeinsam frühstücken«, verkündete Ute. »Die Kinder lieben es, mit denen aus den anderen Gruppen zusammen zu essen.«

  »Das ist eine schöne Idee«, sagte Renate. »Wie sind Sie darauf gekommen?«

  »Nun, wir haben mehrere Kinder, die befreundet sind, aber in getrennten Gruppen betreut werden. Sie wissen ja, daß manche Kinder nur vormittags und andere den ganzen Tag über hier sind. Vor einiger Zeit machte mich ein Junge darauf aufmerksam, daß er den ganzen Vormittag von seinem besten Freund getrennt ist, weil der in einer anderen Gruppe ist. Es ist aber unmöglich, alle Kinder in einem Raum zu betreuen. Die Räume sind zu klein, und bei so vielen Kindern verliert man leicht die Übersicht.«

  »O ja, das kann ich mir gut vorstellen.« Renate nickte. »Es ist sicher schon anstrengend genug, die Kinder einer kleinen Gruppe zu betreuen.«