Ein Kranich unter Wölfen - June Hur - E-Book

Ein Kranich unter Wölfen E-Book

June Hur

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Beschreibung

1506, Joseon. Das Volk leidet unter der grausamen Herrschaft des tyrannischen Königs Yeonsan, ohnmächtig, ihn von seinem Treiben abzuhalten: Er beschlagnahmt ihr Land für seine eigenen Vergnügungen, verbietet und verbrennt Bücher und entführt Frauen und Mädchen, um mit ihnen auf grauenvolle Weise sein Spiel zu treiben. Die siebzehnjährige Iseul hat trotz der Wirren im Reich ein behütetes, privilegiertes Leben geführt. Als der König ihre große Schwester Suyeon zu seiner Beute macht, lässt Iseul die relative Sicherheit ihres Dorfs hinter sich und reist durch verbotenes Territorium zur Hauptstadt, in der Hoffnung, ihre Schwester zurückzuerobern. Bald muss sie jedoch herausfinden, dass des Königs Macht absolut ist, und wer sie in Frage stellt, spielt mit seinem Leben. Prinz Daehyun hat sein ganzes Leben im Schatten seines beängstigenden, verabscheuungswürdigen Bruders verbracht, gezwungen zuzusehen, wie König Yeonsan unverhohlen seinen räuberischen Trieben frönte. Während all der Hinrichtungen und der zügelosen Misshandlung einfacher Leute sucht Daehyun verzweifelt nach einem Weg, seinen Halbbruder ein für allemal vom Thron zu stoßen. Ging der Putsch fehl, wäre das tödlich, und er wird Hilfe dabei brauchen – nur kann er unmöglich wissen, wem zu trauen ist und wem nicht. Als Iseuls und Daehyons Schicksale aufeinandertreffen, ist nur eins mächtiger als ihre Verachtung füreinander: ihr gemeinsamer Hass auf den König. Gerüstet mit Iseuls Familienverbindungen und Daehyuns Nähe zum Thron schließen sie sich widerwillig zusammen und gehen das größte Wagnis ein, das das Königreich je gesehen hat. Die Schwester retten. Das Volk befreien. Einen Tyrannen vernichten.

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Seitenzahl: 435

Veröffentlichungsjahr: 2025

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INHALT

Anmerkung der Autorin

1 ISEUL

2 DAEHYN

3 ISEUL

4 DAEHYUN

5 ISEUL

6 DAEHYUN

7 ISEUL

8 DAEHYUN

9 ISEUL

10 DAEHYUN

11 ISEUL

12 DAEHYUN

13 ISEUL

14 DAEHYUN

15 ISEUL

16 DAEHYUN

17 ISEUL

18 DAEHYUN

19 ISEUL

20 DAEHYUN

21 ISEUL

22 DAEHYUN

23 ISEUL

24 DAEHYUN

25 ISEUL

26 DAEHYUN

27 ISEUL

28 DAEHYUN

29 ISEUL

30 DAEHYUN

31 ISEUL

32 DAEHYUN

33 ISEUL

34 DAEHYUN

35 ISEUL

36 DAEHYUN

37 ISEUL

38 DAEHYUN

39 ISEUL

40 DAEHYUN

41 ISEUL

42 DAEHYUN

43 ISEUL

44 ISEUL

45 ISEUL

46 ISEUL

Epilog

HISTORISCHE ANMERKUNGEN

DANKSAGUNGEN

Für die, die wagten, in den dunkelsten Momenten ein Leuchtfeuer zu sein

Anmerkung der Autorin

König Yeonsan (Name nach seiner Entthronung: Yeonsangun/) herrschte von 1495 bis 1506 und galt als der schlimmste Tyrann in der Geschichte Koreas. Während der ersten neun Jahre seiner Herrschaft regierte er wohl anständig, begab sich jedoch im Jahre 1504 – nachdem er von der Hinrichtung seiner Mutter erfahren hatte – auf einen Rachefeldzug, der die blutigste Säuberung seiner Herrschaft einleitete.

Ermutigt durch die absolute Macht in seinen Händen, begann er, umfassende Gräueltaten zu begehen: Er stahl Land von seinem Volk, um es zu seinem persönlichen Jagdgebiet zu machen, richtete Mitglieder seiner eigenen Familie hin, ermordete aufs Grausamste Regierungsbeamte und entführte und versklavte Frauen aus jeder Provinz.

Ich halte es für wichtig, die Geschichte so zu erzählen, wie sie war, mit all ihrer Gewalt und Korruption, daher habe ich die Realität von Yeongsans Herrschaft nicht geschönt. Seine Verbrechen waren jedoch so zahlreich, dass ich sie nicht alle in der Handlung erwähnen

konnte. Für die, die ich untergebracht habe, möchte ich jedoch die folgenden Triggerwarnungen voranstellen: Vergewaltigung (erwähnt), sexueller Missbrauch, Misogynie, Entführung von Frauen und Mädchen, Sexhandel, Inzest (erwähnt), Gewalt, Mord, Grausamkeit gegenüber Tieren, Suizid (erwähnt), Kindesmord (erwähnt), psychologisches Trauma, Panikattacken.

Juli 1506

Reise nie weiter als bis zum Berg Samak.

Halmeonis Warnung noch immer im Ohr, fühlte ich mich zur Umkehr getrieben. Aber ich konnte nicht – ich war zu weit gekommen. Kiefernnadeln zerkratzten mir das Gesicht, während ich durch den Wald vorwärtsdrängte, ohne auf die Blasen an meinen Füßen oder meine blutgetränkten Sandalen zu achten. Meine Beine fühlten sich taub an. An tagelange Wanderungen durch steile Felsen, tiefe Schluchten und reißende Ströme waren sie nicht gewöhnt.

Iseul-ah. Wieder die Stimme meiner Großmutter. Du musst dich fernhalten.

Ich riss meinen Umhang aus einem Gewirr aus Ästen los, humpelte weiter den schmalen Pfad entlang und machte schließlich vor einem Turm halt, der am Rand der Waldlichtung wie ein Grabstein aufragte. In den Granit waren die folgenden Worte gehauen:

Eindringlinge werden hingerichtet.

Der verdammte König. Das vorausliegende Gebiet hatte einmal Zehntausenden eine Heimat geboten, doch dann hatte König Yeonsan sie alle vertrieben und diese Hälfte der Provinz Gyeonggi – von der Stadt Yongin bis nach Gimpo, Pocheon und Yangpyeong – zu seinem persönlichen Jagdgebiet gemacht.

»Der Himmel soll ihn verfluchen!«, knurrte ich und stapfte aus dem Unterholz heraus.

Über mir brauten sich Regenwolken zusammen und die Luftfeuchtigkeit hing schwer in der Luft. Vor mir lag eine Straße, die das Grasland durchschnitt. Und jenseits des Nebelschleiers ragten Berge voll üppigen Grüns auf, ruhige Betrachter, die bezeugt haben mussten, wie Dutzende von Männern, Frauen und Kindern in diese Wildnis hineingewandert und ihr nie wieder entronnen waren. Auch ich könnte hier draußen sterben, wenn ich nur einen Augenblick lang unaufmerksam wäre.

Ich fuhr mit einem Finger unter meinen engen, schweißdurchtränkten Kragen.

Wenn ich mich hier draußen verlief, fände sich niemand, der mir den Weg sagen könnte. Ich durfte nirgends falsch abbiegen.

Aus meinem Reisebündel fischte ich meine tuschegezeichnete Karte und studierte sie zum hundertsten Mal. Die Route, die ich nehmen würde, wand sich durch zurückgelassene Reisfelder und zerstörte Dörfer, verlief über kleine Berge und durch Täler, folgte dem Fluss Han und endete schließlich vor den Toren der Hauptstadt. Die Reise zog sich und allmählich wurde ich ungeduldig. Suyeon brauchte mich, ich war ihre einzige Chance auf eine Heimkehr.

»Hab Geduld, Schwester«, sagte ich mit rauer Stimme, während ich weiter der staubigen Straße folgte. »Ich bin fast da.«

Sie und ich hatten schon früher Schreckliches erlebt. Kronsoldaten hatten unsere Eltern ermordet und wir waren zu Großmutter geflohen, ehe man uns auf eine ferne Insel verbannen konnte. Trauer hatte unsere ohnehin schwindende Bindung strapaziert und bald hatten wir wie Fremde unter einem Dach gelebt, unser einziger Austausch gemurmelte Bemerkungen und schneidende Blicke. Wie geschockt musste Großmutter beim Fund meiner Nachricht gewesen sein, dass ich abreisen würde, um nach meiner vermissten Schwester zu suchen.

Ich war selbst schockiert.

Zuletzt hatte ich mich ihr fern gefühlt, nur eine Last für sie, während sie das unerträgliche Gehabe einer gepeinigten Märtyrerin an den Tag gelegt hatte. Doch während der letzten drei furchterregenden Tage hatte mein Herz sich fest an meine älteren Erinnerungen an sie geklammert. Nun sah ich in ihr nicht länger die große Schwester, der ich böse war, sondern das Mädchen, das unsere Eltern vergöttert hatten, das ersehnte Kind, das Mutter nach acht langen Jahren des Wartens endlich empfangen hatte. Nach ihrer Geburt hatten unsere Eltern sie mit Liebe überschüttet und gehütet, als wäre sie mehr wert als ein Dutzend Söhne. Auch ich hatte sie gerngehabt, als wir noch jünger waren. Mit ihrer natürlichen Albernheit hatte sie es immer geschafft, dass ich in kreischendes Gelächter ausgebrochen war. Sie hatte auch Materialreste gesammelt und daraus wunderliche Puppen gebastelt, mit denen sie dann vor mir, ihrem entzückten Publikum, hinreißende Volkssagen aufgeführt hatte. Ihretwegen hatte ich als Kind sehr viel gelacht.

Und nun war sie fort.

Stirb nicht, Schwester. Du musst am Leben bleiben.

Ich verbat mir jeden Halt, abgesehen von einer kurzen Rast an einem Bach. Seit dem Morgen hatte ich nichts gegessen. Ich hatte nur genug für zwei Tage eingepackt, nicht für drei. Also schöpfte ich Wasser mit den Händen und trank, bis mein Magen sich schwer anfühlte und der Hunger weniger quälend war. Dann wusch ich mir Schweiß, Schmutz und Tränen vom Gesicht. An einen Felsen gestützt kam ich wieder auf die Beine und war dann abermals unterwegs.

Ich kam an einer Lumpenpuppe vorbei, an einer zurückgelassenen Sandale und einer Pflanze, die sich aus einem Riss in der Straße wand.

Dann stand ich vor einem Dorf, in dem sich nichts mehr regte. Die unheimliche Stille ließ mich frösteln. Unkraut kroch über dunkle Hütten, verschlang Wände und Dächer. Einst waren diese Straßen voller Menschen gewesen, voller fröhlicher Stimmen, doch nun war alles verlassen. Familien, Nachbarn, Freunde – sie waren alle fort. Entweder waren sie der Provinz noch rechtzeitig entkommen oder sie waren geblieben, um ihre Häuser zu bewachen, und waren vom König und seiner Armee niedergemetzelt worden.

Ich fragte mich, ob ihre Geister mich gerade beobachteten.

Warum bist du hier?, hörte ich sie fragen. Das hier ist verbotenes Gebiet.

Die Wahrheit war zu unerträglich, um sich ihr zu stellen. Ich versuchte, sie zu verdrängen, doch während ich weitertrottete, holten mich die Erinnerungen ein. Ich war wieder die herzlose und egoistische Iseul, die jüngere Schwester, die es nicht ertrug, mit der älteren unter einem Dach zu leben.

Vor drei Tagen war es geschehen. Es hatte damit begonnen, dass ich nach einem furchtbaren Streit aus der Hütte gestürmt war. Alles war meine Schuld gewesen. Es war immer meine Schuld. Ich ertrage sie nicht!, hatte ich geknurrt, obwohl Gewissensbisse mich plagten. Ich wünschte, sie wäre statt Mutter und Vater tot!

Das hatte ich nicht wirklich ernst gemeint, doch kurz darauf, als hätten meine Gedanken ihn gerufen, war König Yeonsan in unser Dorf gekommen. Der heimtückische König, der zum Zeitvertreib Frauen entführte – Verheiratete und Verlobte, adelige Töchter und Unberührbare gleichermaßen, er machte keinen Unterschied. Und meine Schwester, die mir wohl hinausgefolgt war, war so liebreizend gewesen wie eine Azalee in voller Blüte.

Ich hatte nicht den geringsten Zweifel, dass Seine Majestät sie verschleppt hatte.

»Halmeoni«, raunte ich, die Geisterstadt nun im Rücken. Regentropfen sprenkelten die staubige Straße und die fernen Berge waren in weißen Nebel gehüllt. »Ich werde Suyeon finden. Vorher werde ich nicht heimkehren.«

Mit gesenktem Kopf schleppte ich mich durch den strömenden Regen, bis die Nacht zu einem frühmorgendlichen Grau aufklarte. Ich war über alle Maßen erschöpft und wollte mich nur noch auf dem Boden zusammenrollen. Am Nachmittag sah ich in der Nähe endlich ein kleines Dorf. Hier wand sich kein Unkraut über die Dächer. Sie waren dick mit goldenem Stroh gedeckt, die Wände glatt und makellos. Irgendwo läutete eine Glocke, gefolgt von hastigen Schritten und dem Knarren von Wagenrädern.

Geräusche des Lebens.

Ich holte meinen Jangot hervor und zog ihn über. Im Augenblick trug ich die Überjacke jedoch nicht der Etikette wegen als Schleier, ich wollte vielmehr vermeiden, dass jemand mein Gesicht sah oder es sich gar merkte. Ich war auf der Flucht und ein Dorf bedeutete nicht immer Sicherheit. Die Finger in den Stoff gekrampft und das Reisebündel unter den Arm geklemmt, ging ich weiter, ganz auf meine Schritte konzentriert. Einen Fuß vor den anderen, redete ich mir zu, entschlossen, nicht zusammenzubrechen. Im Dorf erspähte ich überall an den Wänden öffentliche Aushänge. Mit dem gleichen Handzettel hatte man auch Großmutters Dorf zugekleistert. Ich hatte ihn so oft gelesen, dass ich ihn aus dem Gedächtnis wiedergeben konnte.

Der König weist das volk darauf hin, dass ein Mörder frei herumläuft. Alle mögen einander dazu anhalten, nach dem Übeltäter zu suchen …

Angespannt blickte ich auf, als vor mir auf dem unbefestigten Weg eine Frau mit einem Ochsenkarren erschien. Die hölzernen Räder eierten um die Achse. Sie hielt an und erwiderte meinen Blick. Ich wusste, was sie vor sich sah: ein düster dreinblickendes Mädchen mit erhobenem Kinn, in dessen Zügen sich der Hochmut einer Yangban-Adeligen spiegelte, das jedoch ein schmutziges Seidenkleid trug.

»Entschuldigt.« Meine Stimme war heiser, da ich sie lange nicht benutzt hatte. »Wo finde ich bitte das Gasthaus? Falls es eins gibt.«

Wortlos zeigte die Frau einen anderen Pfad hinunter, dann zog sie ihren Ochsen weiter.

Ihrer Anweisung folgend, fand ich mich bald vor einem langen, strohgedeckten Haus wieder, in dessen weitläufigem Hof sich Besucher drängten. Ich zog meinen Schleier enger und musterte die fremden Gesichter. Traue niemandem, flüsterte eine Stimme in mir. Die Erfahrungen der letzten beiden Jahre hatten mich das gelehrt. Nirgendwo ist es sicher. Ich zog den Jangot höher, sodass jeder, der zufällig zu mir herüberblickte, nur ein dunkles Augenpaar sehen würde, in dem die klare Warnung stand: Bleib mir fern.

Ich holte scharf Luft, straffte mich und trat dann auf den geschäftigen Hof, auf dem einige Händler ihre Waren abluden. Zwei Kinder wuschen sich die Gesichter auf der Veranda, die um das Gasthaus verlief. Müde Reisende aßen und sprachen leise miteinander. Aus der Küche quoll Rauch und ein Duft nach Sojabohnenbrühe ließ mir das Wasser im Mund zusammenlaufen.

Mein Magen zog sich zusammen und mit einem Mal schwankte alles. Die Erschöpfung der dreitägigen Reise traf mich wie ein Schlag. Ich wankte rückwärts und die Erde kippte unter mir – doch dann packte mich eine starke Hand am Arm.

»Vorsicht!« Es war eine Frauenstimme.

Meine verschwommene Sicht klärte sich und mein Blick fiel auf eine junge Frau offenbar in meinem Alter. Auf dem Kopf trug sie eine modische Gache-Perücke. Das glänzende schwarze Haar war zu dicken Zöpfen geflochten und zu Schlingen hochgesteckt. Ihre Augen waren ebenso schwarz und funkelnd. Sie hatte schmale Augenbrauen und von der rechten lief eine Narbe abwärts.

»Eine Reisende …« Sie neigte den Kopf zur Seite, als wäre die schwere Perücke federleicht. »Und offenbar kommt sie von weit her.«

»Ja«, krächzte ich und räusperte mich dann. »Ich bin aus …« Chuncheon. Stattdessen nannte ich ihr den Namen eines anderen Dorfs in der Nähe.

»Hm.« Sie musterte mein Kleid und die blutigen Sandalen. Dann sah sie mir in die Augen. »Du bist durchs verbotene Gebiet gekommen, oder?«

»Ich bin auf der Suche nach einer warmen Mahlzeit und Schutz vor dem Regen«, sagte ich steif, »nicht nach einem Verhör.«

»Sei ganz beruhigt. Ich werde es niemandem verraten.« Sie blickte über die Straße und das Schilffeld hinaus vage in die Richtung jenes Steinturms. »Wer durch diesen Teil der Provinz Gyeonggi gereist ist, sieht aus, als hätte er die Unterwelt durchquert. Da ist so ein gewisser Ausdruck in den Augen. Mein Vater hatte ihn auch.« Sie seufzte leise, dann trat wieder ein Lächeln auf ihre Lippen. »Benötigst du Zimmer und Verpflegung?«

Ich musste mich ausruhen. Dringend. »Ja …«

»Dann bist du hier genau richtig.« Sie bot mir ihren Arm an. »In meinem Gasthaus wird man sich gut um dich kümmern.«

»Ich kann allein gehen, vielen Dank«, sagte ich barsch. Doch als ich es versuchte, zitterten meine Knie und ich hielt mich unwillkürlich an ihr fest. Sofort wollte ich mich wieder von ihr lösen, aber sie gab meinen Arm nicht frei.

»Du siehst aus, als könntest du jeden Moment zusammenbrechen.«

Widerwillig ließ ich mir von ihr über den Hof helfen, dann setzte ich mich auf eine erhöhte Terrasse, auf der drei andere Reisende über Tischen mit niedrigen Beinen kauerten und Eintopf hinunterschlangen. Ein vierter Mann, der einen Strohhut trug, hielt sich die blutige Faust. Schwerfällig nahm ich an einem leeren Tisch Platz. Ich war so benommen, dass ich mich an der Tischkante festhalten musste.

»Warte hier«, sagte die Gastwirtin fröhlich. »Ich bringe dir etwas Deftiges zu essen.«

Ich blinzelte in der Hoffnung, das Schwindelgefühl zu vertreiben. Umgeben von Fremden wollte ich nicht das Bewusstsein verlieren. Und dazu zählte ich auch die Gastwirtin. Sie war zu freundlich, das machte mich argwöhnisch. Ich holte die Karte hervor und starrte die Tuschezeichnung meiner Schwester auf der Rückseite an. »Bleib am Leben«, flüsterte ich der Zeichnung zu, »und ich werde es auch.« Der Blick ihrer fein geschnittenen Augen, die ruhige, würdevolle Miene …

Ich spürte ein Kribbeln im Nacken. Jemand sah mir über die Schulter.

Hastig faltete ich die Skizze zusammen und hob den Blick. Die Gastwirtin stellte lächelnd eine dampfende Schale gekochter Kräuter vor mir ab. Nicht ein einziges Stück Fleisch fand sich darin. Es war nicht die Art von Kost, mit der ich aufgewachsen war, aber während der letzten zwei Jahre hatte ich erfahren, dass das halbe Königreich allein von dem lebte, was sich in den Bergen sammeln ließ.

»Und was führt dich nun nach Hanyang?«, fragte sie.

»Was kümmert Euch das?«

»Ich weiß gern, wer meine Gäste sind. Suchst du nach jemandem?«

»Nein.«

»Hast du das gezeichnet?« Sie deutete auf das Papier in meiner Hand.

»Ja.«

»Der Bursche auf dem Bild sieht zu jung aus, um dein Vater zu sein.«

»Das ist eine Frau!«, fuhr ich sie an.

Sie lachte auf eine äußerst unangenehme Art. »Nur ein Spaß! Dann ist das wohl deine Schwester?«

»Selbst wenn sie es wäre«, ich stopfte die Zeichnung wieder in mein Reisebündel, »sollte es Euch nicht kümmern, Ajumma.«

»›Ajumma‹?« Nun wirkte sie noch amüsierter. »Ich bin weder mittleren Alters noch verheiratet. Tatsächlich habe ich auch keinerlei Interesse an einer Heirat, obwohl ich eine stattliche Reihe von Verehrern habe, wenn ich das ganz unbescheiden sagen darf.« Sie unterbrach sich, als warte sie auf mein Lachen. Als es ausblieb, fuhr sie fort: »Ich bin erst neunzehn. Und jetzt sieh mich nicht so böse an. Ich möchte nur helfen. Du bist hier, um nach deiner Schwester zu suchen, und du kannst nicht älter als achtzehn sein.«

Ich war siebzehn.

»Hast du niemanden, der dich auf deiner Suche begleiten kann? Einen Vater? Eine Mutter?«

Sie waren beide tot. Und für eine solche Neugier hatte ich überhaupt nichts übrig. Ich funkelte sie an, während ich nach einer scharfen Erwiderung suchte. Doch dann ging mir auf, dass mir ihre unerbittliche Neugierde auch nützen könnte. Gastwirte waren eine Fundgrube an Wissen und Gerüchten. Und mir mangelte es an Kenntnissen über die Hauptstadt und darüber, wie ich zu meiner Schwester gelangen könnte.

»Du hast das Jagdgebiet von König Yeonsan durchquert und dabei dein Leben aufs Spiel gesetzt«, sagte sie leise, offenbar unbeirrt von meiner Reserviertheit. »Und du bist hier nahe der Hauptstadt. Ist deine Schwester vor etwas davongelau…«

»Nein.« Ich musterte sie wachsam. »Sie wurde vor drei Tagen aus unserem Dorf entführt.«

Die Gastwirtin seufzte. »Du also auch.«

Das war meine Chance. »Ihr wisst von anderen?«

Sie blickte sich um. Niemand war in Hörweite, abgesehen von einem Mann mir gegenüber, doch um den schien sie sich nicht zu scheren. »Viele. Das Dorf hat sogar eine Glocke aufgestellt, die geläutet wird, um die jungen Frauen zu warnen, wenn der König hier durchkommt. Die, die noch übrig sind. Ich habe seit Monaten kein Mädchen in meinem Alter mehr gesehen.«

»Der König kommt selbst durch dieses Dorf?«

Sie nickte.

Wir verfielen in Schweigen und ich bemerkte, dass der Mann mit dem Strohhut uns belauscht hatte. Reglos saß er da und hatte aufgehört, sich die blutigen Knöchel abzutupfen. Er trug zudem einen Strohumhang – dabei hatte der Regen längst aufgehört – und die Krempe seines Huts hatte er ins Gesicht gezogen, sodass ich lediglich einen Blick auf seinen Bart und die vom Alter gezeichnete Haut erhaschen konnte.

»Wie …« Ich grub die Nägel in die Handfläche. Das hier war gefährlich. Was ich vorhatte, konnte leicht zu meiner Einkerkerung und Hinrichtung führen. Vertraue niemandem, hatte ich mir eingeschärft, doch in diesem Moment blieb mir keine Wahl – ich konnte sonst niemanden fragen. »Gibt es vielleicht irgendeinen Weg, meine Schwester zu sehen?« Ich sprach so leise wie möglich, ohne den Lauscher aus den Augen zu lassen. »Nur um mit ihr zu sprechen, ihre Hand zu halten. Sonst nichts.«

Die Gastwirtin kaute auf ihrer Unterlippe. Ihr Blick ging an mir vorbei zu dem Mann. Dann funkelten ihre Augen. »Wusstest du, dass der König seine Kurtisanen mitnimmt, wenn er auf die Jagd …«

Wut kochte in mir hoch. »Ihr meint die Mädchen, die er gestohlen hat!«

»Seine Majestät nimmt Hunderte seiner liebsten Kurtisanen mit«, fuhr sie ungerührt fort. »Sicher würde nicht auffallen, wenn ein Mädchen abhandenkäme – nur ganz kurz.« Das Letzte hatte sie gewiss hinzugefügt, weil sie wusste, dass es im Königreich von Spionen wimmelte. »Um die Hand deiner Schwester zu halten, wie du gesagt hast. Das dürfte doch wohl kein Verbrechen sein. Die Ehemänner lässt der König zwar nicht zu den Frauen, aber von Schwestern hat er nie etwas erwähnt …«

Es dauerte einen Moment, bis mir der Sinn ihrer Worte klar wurde. Ein winziger Hoffnungsschimmer flackerte in mir auf. »Und wann …« Ich schluckte und bemühte mich um einen ruhigen Tonfall. »Wann geht Seine Majestät denn auf die Jagd?«

»Im Sommer recht oft.« Die Gastwirtin stützte das Tablett gegen die Hüfte. »Du müsstest die Dorfglocke gehört haben, als du angekommen bist.«

Ich folgte ihrem Blick und sah hinter mich. Über den fernen Hügel kroch ein dunkles Band und rote Flaggen bauschten sich unter der sengenden Sonne. Ich strich mir eine fettige Haarsträhne aus dem Gesicht und vergrub dann rasch die Hände im Rock, um ihr Zittern zu verbergen.

»Der König hält seine Frauen nah bei sich«, sagte der Lauscher plötzlich, so schroff, dass ich zusammenzuckte. Er hatte noch immer die Krempe ins Gesicht gezogen, sodass sein Gesicht nur ein unheilvoller Schatten war. »Außerdem bewachen mehrere der besten Schwertkämpfer und Bogenschützen Seine Majestät – und seine Frauen.«

Die Gastwirtin und ich starrten ihn an.

Beiläufig ging er wieder dazu über, seine blutige Faust abzutupfen. »Versuchst du, ihm vor seinen Augen deine Schwester zu rauben, wird das euch beiden den Tod bringen. Du kommst nicht einmal nah genug heran, um sie zu berühren, ehe dich der tödliche Pfeil trifft.«

»Ich habe nicht gesagt, dass ich sie rauben will.« Ich sprach ruhig, während mir eiskalt ums Herz wurde. Dieser Mann könnte ein königlicher Spion sein. »Ich will sie einfach nur sehen.«

»Deine Liebe zu deiner Schwester ist bewundernswert, aber ich habe auf diese Weise schon zahllose Männer zugrunde gehen sehen. An deiner Stelle würde ich mich vorsehen.«

»Das ist Wonsik-ajusshi«, flüsterte die Gastwirtin. »Er ist so etwas wie der Beschützer des Gasthauses und wehrt Mörder und Diebe ab. Hör lieber auf seinen Rat.« Sie machte eine Geste, als wollte sie meinen beklommenen Gesichtsausdruck fortwischen. »Guck nicht so bedrückt«, sagte sie übertrieben fröhlich. »Solange deine Schwester lebt, führt auch ein Weg zu ihr.« Damit wandte sie sich um und ging davon. Den Hoffnungsschimmer, den ich verspürt hatte, nahm sie mit sich.

Mein Blick wanderte wieder zu der dunklen Wolke auf dem Hügel, dem anrückenden Königszug. Mein Magen verkrampfte sich bei dem schrecklichen Gedanken, dass meine Reise vergebens gewesen sein könnte. Dass ich hilflos war und meine Schwester für immer verloren.

»Iss erst mal, Nangja«, unterbrach Wonsik meine düsteren Gedanken. Er legte das blutige Tuch weg, untersuchte die Schnitte an seinen Knöcheln und ballte probeweise die Finger. »Mit leerem Magen kannst du nicht die Heimreise antreten.«

»Das werde ich nicht.« Dennoch löffelte ich begierig die Suppe aus. »Nicht ehe ich meine Schwester gesehen habe.«

Der Lauscher musterte mich weiter, dann verließ er seinen Tisch und zog sich auf sein Zimmer zurück. Ich nahm die Schüssel in die Hände und stürzte die übrige Brühe hinunter. Mit dem Ärmel wischte ich mir den Mund ab und starrte dann in die leere Schüssel. Ich hatte rein gar nichts, um meiner Schwester zu helfen, weder die Stärke und Macht eines Militärgenerals noch die Raffinesse eines großen Strategen. Ich war einfach nur Iseul. Eine Unruhestifterin. Ein Schandfleck im Leben meiner Schwester.

»Madam Yul!«, rief jemand mit panischer Stimme. »Madam Yul!«

Alle im Gasthaus hoben den Kopf. Auch ich blickte mich um und erspähte einen schlaksigen Jungen, der merkwürdig gekleidet war. Er trug ein hellrotes Gewand und eine goldene Schärpe. Er stürmte auf den Hof und schoss dann geradewegs auf die Gastwirtin zu.

»Ein Mord! Gleich vor dem Dorf!« Er war außer Atem und sein Gesicht aschfahl. »Ich habe den Dorfältesten sagen hören, dass er der Polizei in der Hauptstadt Bericht erstattet hat. Er glaubt, Namenlose Blume hat wieder zugeschlagen. Das wäre das zwölfte Opfer!«

Namenlose Blume.

Diesen Beinamen hatte das Volk dem anonymen Mörder verliehen, der im Königreich sein Unwesen trieb und Regierungsbeamte ermordete, die König Yeonsan nahestanden. Andere nannten ihn »Beschützer«, weil er den Reichen Reis stahl und ihn bei hungernden Bauern hinterließ. Namenlose Blume. Dieser Name klang in meinem Kopf nach, während die beiden sich im Flüsterton weiter eilig austauschten.

»Könnte das ein Zufall sein?«, fragte die Gastwirtin. »Dass Namenlose Blume ausgerechnet heute zuschlägt, da der König mit seiner Jagdgesellschaft hier durchkommen soll?«

»Das halte ich ganz und gar nicht für einen Zufall.«

Madam Yul fuhr sich nervös mit der Hand über die Kehle.

»Der Dorfälteste will nicht, dass der König etwas von dem Verbrechen mitbekommt, daher hat er die Leiche ins Schilf gebracht.« Der junge Mann wurde zusehends blasser. »Er fürchtet, dass Seine Majestät vielleicht aus Empörung das Dorf in Brand steckt, wenn man ihm den Jagdtag ruiniert.«

Ich hatte kein Interesse mehr an dem Mörder.

Ich erhob mich halb, um auf mein Zimmer zu gehen, doch die Gastwirtin hatte mir noch nicht gesagt, wo ich unterkommen würde. Als ich mich umwandte, um ihr Gespräch zu stören, sah ich an einer Wand einen weiteren Zettel flattern.

Der König weist das volk darauf hin, dass ein Mörder auf freiem Fuss ist.

An dem Tag, als die Soldaten ihn zum ersten Mal öffentlich ausgehängt hatten, war ich aus Großmutters Haus getreten, um ihn zu lesen. Ich hätte mich lieber in der Hütte verstecken sollen – für die Tochter eines Verurteilten war es gefährlich, in einem Dorf voller Soldaten herumzustreichen –, aber ich hatte mich dennoch hinausgewagt.

Alle Bürger mögen einander dazu anhalten, Informationen bezüglich des Regierungsbeamten Im sowie der zehn anderen weiterzugeben. Er wurde tot aufgefunden, eine blutige Botschaft über das Gewand geschmiert, die Seine allergnädigste Majestät beleidigte. Jeder, der sich in dieser Sache verdienstvoll hervortut, erhält eine fürstliche Belohnung.

»Fürstliche Belohnung«, flüsterte ich bitter.

Diese beiden Worte hatten mich sofort in ihren Bann geschlagen. An jenem Tag war ich zu lange draußen geblieben und hatte mir ausgemalt, was der König meiner Familie alles geben könnte, wenn ich nützliche Informationen fände. Ich hatte mir eine Rückkehr in ein Leben umgeben von sicheren Mauern ausgemalt, auf einem Anwesen, durch das die Düfte eines makellosen Gartens zogen, mit Dienern gesegnet, die jederzeit angelaufen kämen, um mir jeden Wunsch zu erfüllen. Mein Leben würde endlich zur Normalität zurückkehren, beständig in seiner Bequemlichkeit und Langeweile. Meine größten Sorgen wären der Zustand meiner Fingernägel, die Blässe meiner Haut und mit wem man mich wohl verheiraten würde. Auf dem Rückweg zu unserem strohgedeckten Lehmhaus hatte ich zum ersten Mal seit Langem wieder einen Funken Hoffnung verspürt. Doch meine Schwester hatte ihn im Keim erstickt.

Sei nicht dumm, hatte sie mich getadelt. Niemand wird uns retten, schon gar nicht der König.

Unser Zwist hatte letztendlich zu den bösen Worten geführt, die mich zwei Tage später aus der Hütte hatten stürmen lassen. Ich presste die Finger auf meine Augenlider und wünschte mir, ich könnte die Zeit zurückdrehen. Hätte ich doch nur nie die Hütte verlassen und wäre mein Blick nie auf diese beiden Worte gefallen: Fürstliche Belohnung …

Ich hatte das merkwürdige Gefühl, dass am Rand meines Bewusstseins irgendetwas schwebte. Ferne Gedanken ballten sich wie Wolken zusammen, dann zerstreuten sie sich wieder. Auf der Suche nach dem, was mir da entglitten war, runzelte ich die Stirn. Doch ehe ich es zu fassen bekam, eilte die Gastwirtin über den Hof.

»Onkel Wonsik! Samchon!« Sie klopfte an die Tür des Zimmers, in das sich der Lauscher mit dem Strohhut zurückgezogen hatte. Als sie aufglitt, sprach die Gastwirtin mit leiser Stimme ins Zwielicht: »Ich glaube, der Mörder, nach dem du suchst, hat wieder zugeschlagen.«

Nach einem Moment der Stille kam der Mann mit schweren Schritten aus seinem Zimmer, den Strohhut auf dem Kopf, und richtete sich zu voller Größe auf. Er war hochgewachsen, breitschultrig und athletisch gebaut. Ein feuchter Windstoß hob seinen Strohumhang an, sodass ich das Schwert auf dem Rücken sah. Die Scheide war glänzend schwarz und mit Gold verziert. Dies war kein einfacher Bürger.

»Dem Boten zufolge liegt die Leiche jetzt tief im Schilffeld«, berichtete Madam Yul. »Das Schleifen über den Boden hat eine blutige Spur hinterlassen, also können wir es nicht verfehlen.«

»Zuerst muss ich mit dem Dorfältesten sprechen. Wo ist er?«

»Nördlich des Feldes, hat Yeongho gesagt.«

In diesem Moment begriff ich, was ich zu tun hatte. Furcht durchströmte mich, aber ich schüttelte das Zögern ab und grub mir die Nägel in die Handfläche. König Yeonsan bot eine fürstliche Belohnung. Könnte ich den Mörder fangen, würde mir Seine Majestät vielleicht – nur vielleicht – die Schwester zurückgeben, der ich unrecht getan hatte.

Was der König auch verfügte, ich würde alles, wirklich alles tun, um meine Schwester ein letztes Mal zu sehen.

Der Schamane hatte bei Prinz Daehyuns Geburt prophezeit, dass er noch in diesem Jahr getötet würde. Er kannte weder Stunde noch Tag, doch eins stand fest: Durch die Hand seines Halbbruders, des Königs, würde er ganz gewiss nicht sterben. Falls nötig, würde er den Himmel überlisten, um lange genug am Leben zu bleiben, um noch eine letzte Tat zu vollbringen.

Hochverrat.

»Kleiner Bruder.« Yeonsan saß stolz auf seinem Ross, die Zügel lässig in einer Hand. »Letzte Nacht hatte ich einen Traum.«

»Tatsächlich?«, erwiderte Daehyun, der neben dem König ritt. »War es ein glückverheißender Traum, Jeonha?«

»Ein Albtraum. Oder vielleicht ein dunkles Omen …«

Daehyun wartete, ob mehr käme. Die Sonne brannte auf die Jagdgesellschaft herunter, während sie ein Dorf durchquerte. Regierungsbeamte schnauften und murrten untereinander, während hochrangige Konkubinen des Königs erbost über die Hitze mit ihren Ärmeln wedelten. Es folgten Reihe um Reihe von Gefangenen – die gestohlenen Frauen, ihre Gesichter von Trauer überschattet. Doch Daehyun blieb still auf seinem Pferd, den Blick auf die Dörfler geheftet, die bäuchlings auf dem Boden lagen und zitternd die Stirn in den Staub drückten.

»Ich habe geträumt, einer meiner Brüder stiehlt mir meine Drachenrobe und setzt sich auf meinem Thron, während ich noch lebe.« Yeonsan blickte herüber, eine schwarze Klappe über dem rechten Auge, das fortwährend entzündet war. »Hast du jemals den Thron begehrt?«

Daehyun setzte rasch die einstudierte Maske auf. Er machte große Augen und beteuerte in unschuldigem Tonfall: »Nie, Jeonha! Ich bin der Bastard des vorherigen Königs. Wie könnte ich mir je anmaßen, vom Thron zu träumen?«

Das stimmte nur zum Teil. Den Thron hatte er nie begehrt – es hätte auch nichts gebracht, denn er war illegitim und hatte keinen Einfluss in der Regierung. Macht begehrte er jedoch durchaus. Genug, um seinem grausamen Schicksal zu trotzen. Er weigerte sich, wie die anderen zerfleischt zu werden, und würde sich auch nicht von Yeonsan zu Tode prügeln lassen. Niemand würde ihn nach dem Tod exhumieren, um sein Skelett zu zermalmen, auf dass er keinen Frieden fände. Er wollte die nötige Macht, um König Yeonsan das Grinsen aus dem Gesicht zu wischen. Im Staub kriechen sollte er, so wie alle, die Daehyun geliebt hatte, es vor Seiner Majestät hatten tun müssen.

»Der Himmel hat Euch zum König bestimmt, Jeonha«, fuhr Daehyun fort, die Stimme voller Ehrerbietung. »Wer würde auch nur davon träumen, gegen den Willen des Himmels vorzugehen? In Euren Augen mag ich eine Ameise sein, Jeonha, aber ich bin eine redliche Ameise.«

»Eine redliche Ameise«, wiederholte der König. »Was bin dann ich für dich, kleiner Bruder?«

»Ihr seid der Herrscher der Sonne und des Mondes, der Berge und der zehntausend Flüsse.« Daehyun sprach so laut, dass ein paar Dorfleute den Kopf hoben. Er wusste, was sie sahen, dasselbe wie alle bei Hofe – einen Kriecher.

»Alles gehört Euch, Jeonha«, fuhr er fort und wandte den Blick ab.

Yeonsan lachte schallend. Sogleich saß er aufrechter auf seinem Pferd. Die Sonne schimmerte auf seinem seidenen Jagdgewand und funkelte an der vergoldeten Krone, die seinen Haarknoten zierte. »Du bist mir der liebste Bruder und doch bin ich nicht sicher, ob ich dich kenne.« Das Lächeln Seiner Majestät wurde kälter. »Ein Charmeur bist du, durch und durch. Man weiß nie, was du wirklich denkst oder ob man dir trauen kann. Erst die Zeit wird wohl zeigen, wer du wirklich bist – und ob ich ein Narr war, dir meine Gunst zu erweisen.«

Wer ich wirklich bin? Daehyun sah sich zu Hyukjin um, der königlichen Garde, die ein paar Reihen hinter ihm ritt. Diese Frage stellte ihm sein langjähriger Freund oft. Wo ist der Daehyun hin, den wir beide kannten? Und wer ist dieser Mann, der jetzt vor uns steht, so kalt und ausgehöhlt?

Daehyun kannte den genauen Tag, an dem er sich selbst verloren hatte. Es war der Zwanzigste des dritten Monats vor zwei Jahren gewesen. Der Todestag seiner Ziehmutter.

»Und was die Zeit zeigen wird«, erwiderte er geschmeidig, »ist, dass ich in der Tat eine redliche Ameise bin, Jeonha.«

Als sie in den schattigen Wald kamen, war es endlich etwas kühler, nicht mehr so drückend heiß wie unter freiem Himmel. Vereinzelte Sonnenstrahlen durchbrachen das Zwielicht wie goldene Speere und zeichneten helle Flecke auf den Boden und die angespannten Gesichter des Gefolges. Auch Daehyuns Anspannung wuchs, als Yeonsan mit seiner persönlichen Leibgarde vorausritt. Würde der König ein weiteres Spiel vorschlagen? Das tat er oft bei Ausritten und es endete stets mit mindestens einem Toten.

»Jeonha«, erklang die nervöse Stimme eines anderen Prinzen. »Die Hitze ist heute überwältigend. Bitte achtet auf Euch und verausgabt Euch nicht zu sehr. Bei diesem Wetter solltet Ihr nicht zu lange drau…«

»Still!«, befahl der König.

Alle hielten an.

An der Spitze der Gesellschaft saß Yeonsan wichtigtuerisch auf seinem Ross. Er streckte den Arm aus, die Hand geöffnet – leise sollten sie sein und reglos. Laub raschelte. Zweige knackten. In der Ferne staksten gemütlich ein Reh und sein Kitz aus dem Dickicht, um am Rand eines Stroms zu trinken.

Daehyun spürte förmlich, wie beim Grinsen Seiner Majestät die Temperatur im Wald abfiel. Mit derselben Miene hatte der Tyrann auf die königliche Gemahlin Jeong herabgeblickt, jene Frau, die Daehyun als ihr eigenes Kind angenommen hatte. Abermals sah er sie vor sich – ihren reglosen Leichnam, der Sack über dem Kopf, das Rinnsal aus Blut.

Schweiß trat ihm auf die Stirn. Verbanne die Erinnerung, ermahnte er sich. Lass dich nicht von ihr vereinnahmen.

Er brauchte einen Moment, um sich zu sammeln. Lächelnd wandte er sich wieder Yeonsan zu. Seine Majestät hob den Bogen, legte einen Pfeil an und zielte auf das Reh. Das Tier hob den Kopf, als spüre es etwas. Seine Ohren zuckten. Dann schoss es mit seinem Jungen auf die Bäume zu.

Lauft, hatte die Dame Jeong am Abend der blutigen Säuberung geraunt. Der König wird uns alle umbringen …

Der Pfeil zischte durch den Wald und traf mit einem grässlich dumpfen Laut sein Ziel. Das Reh brach zusammen. Es kam kein Schrei, nicht einmal ein Wimmern.

Lächle, befahl sich Daehyun.

Er zwang seine Lippen in einen starren Bogen, während Trommeln geschlagen wurden, um das vortreffliche Jagdgeschick des Königs zu feiern. Das verängstigte Kitz verschwand blitzschnell im Dickicht, fortan eine Waise.

»Heute ist ein guter Tag für die Jagd!«, verkündete Yeonsan strahlend. »Seht Ihr das nicht ebenso?«

»Ja, Jeonha«, erwiderte das gesamte Gefolge im Chor, »ein ganz wunderbarer Tag!« Ringsum neigten sich die Häupter devot. Die Regierungsbeamten krümmten sich unter dem Gewicht der demütigenden Shineonpae, die Seine Majestät ihnen aufgezwungen hatte, kleine Tafeln um den Hals mit der Inschrift:

Ein Mund ist ein Tor, das Unheil einlässt. Eine Zunge ist ein schwert, das einen Kopf abschlägt. Ein Leib hat seinen Frieden, solange der Mund geschlossen bleibt und die Zunge tief darin verborgen.

Der König breitete die Arme aus, sodass seine Seidenärmel sich in der Brise bauschten, und wandte sich zu den Prinzen um, die mit eingezogenem Kopf im Sattel saßen. »Meine Brüder, ich bin ausgezeichneter Laune!« Erregung blitzte in seinem einen Auge auf. »Spielen wir doch ein Spiel, was meint ihr?«

Daehyun packte seine Zügel fester und wappnete sich.

»Haltet Pfeil und Bogen bereit, Prinzen. Wer von euch bis Sonnenuntergang ohne Kadaver heimkehrt, soll hingerichtet werden.« Seine Majestät bleckte die Zähne zu einem bösartigen Grinsen. »Lasst die Jagd beginnen!«

Ausgefranste Wolken zogen über den blauen Himmel und ringsum raschelte das Schilf, während ich still dastand, den Umhang vor die Nase gedrückt. Ein Toter lag zusammengerollt zu meinen Füßen. Ich konnte nicht bestimmen, ob er fünfzehn oder fünfzig war. Sein Gesicht war nur noch Haut und Knochen, so ausgemergelt war es. Eine Mähne schwarzen Haars hing ihm offen über die Schultern.

Ich blickte mich um und fragte mich, ob der Schwertkämpfer noch immer mit dem Ältesten sprach. Hoffentlich dauerte es länger. Ich drehte ein Schilfrohr von seinem Stängel ab, stupste damit die Leiche an und strich dann ihr Haar beiseite. Es war offensichtlich, wie sie gestorben war: Man hatte ihr mit einer Klinge die Kehle aufgeschlitzt. Auf ihrer Brust lag eine rote Blume, wie bei jedem Opfer zuvor, und auch die blutige Botschaft prangte auf dem Gewand.

Eure Majestät, Ihr haltet Euch für so klug, doch seid Ihr ein Narr.

Ein trunkener Narr, der mit seinen Konkubinen tanzt, während das Volk hungert. Ihr und Eure Getreuen werdet gestürzt, es ist nur eine Frage der Zeit.Denn schreite ich zur Tat, werde ich herabfahren wie ein Blitz.

Der Gestank des Todes in der Sommerhitze war so stechend, dass ich kaum atmen konnte. Ich wäre geflohen, wäre ich nicht so entschlossen gewesen, meine Schwester zurückzuholen, selbst wenn das bedeutete, eigenmächtig nach Namenlose Blume zu suchen.

»Wie spürt man überhaupt einen Mörder auf?«, murmelte ich zu mir selbst.

Ich faltete das Rohr, damit es stabiler wurde, und schob damit das Gewand beiseite. Da bemerkte ich, dass die linke Hand des Toten zur Faust geballt war. Etwas Gelbes lugte zwischen seinen Fingern hervor. Ich verzog das Gesicht, legte mein Reisebündel beiseite, streckte die bloße Hand aus, zögerte und stemmte schließlich die blutverkrusteten Finger einen nach und dem anderen auf. Etwas rollte heraus.

Zwei Perlen – eine rot und eine gelb.

Ich sah genauer hin. Es waren glatte Wachsperlen mit einem Loch. Ich wollte sie genauer untersuchen, hörte jedoch, dass sich hinter mir Schritte näherten. Hastig steckte ich die rote Perle in mein Jolitmal. Für die Reise hatte ich das Brustband besonders straff gebunden, daher bestand keine Gefahr, dass die Perle herausfallen würde.

»Die Polizei wird nicht erfreut sein«, hörte ich eine Männerstimme sagen, richtete mich auf und sah Wonsik und Madam Yul das Schilffeld betreten, »wenn sie herausfinden, dass wir die Leiche vom Tatort entfernt haben …«

Über dem schwankenden Gras trafen sich unsere Blicke.

»Wie bist du hierhergekommen?«, fragte er, als er nah genug heran war.

Ich richtete mich gerader auf. »Ich habe die Wegbeschreibung mitbekommen.«

»Und … warum bist du hier?«

»Ich bin hier, weil ich hier sein möchte, Ajusshi.«

Nachdem er mich lange gemustert hatte, seufzte er erschöpft. »Der jungen Generation fehlt es ebenso an Tugend wie an Respekt vor den Älteren.«

»Aigoo, Samchon.« Yul stieß ihren Onkel mit dem Ellbogen an. »Du sprichst wie ein alter Knacker. Dabei bist du gerade erst vierzig geworden.«

Mit zusammengezogenen Brauen sah uns Wonsik an, als wären wir lästige Kinder. »Wir haben keine Zeit, um über mein Alter zu diskutieren. Seid jetzt still, alle beide, und rührt nichts an.«

Meine Fingerspitzen strichen über die Perle in meinem Brustband. »Dürfte ich denn fragen, warum Ihr hier seid? Gehört Ihr zur Polizei?«

Als Wonsik nicht antwortete, kam Yul näher und flüsterte: »Mein Onkel hat früher für den Uigeumbu gearbeitet und in Hochverratsfällen ermittelt.«

Ich erstarrte. Die Leute vom königlichen Untersuchungsamt … Das waren diejenigen, die meine Eltern hingerichtet hatten.

Als ich einen Schritt zurückwich, stolperte ich beinahe über mein Reisebündel. Ich hob es auf und drückte es fest an die Brust. »Wann ist er von seinem Amt zurückgetreten?«

»Vor zwei Jahren.«

»Wann vor zwei Jahren?«

Sie runzelte die Stirn, dann kehrte das Lächeln zurück. »Im Frühling.«

Meine Schultern entspannten sich. Die Beamten waren im Herbst in unser Zuhause eingedrungen. Wonsik konnte also nicht daran beteiligt gewesen sein.

»Nun komm schon, Samchon«, rief Yul. Ich war ihr dankbar für die Ablenkung. »Erzähl ihr von dem gruseligsten Fall, mit dem du je zu tun hattest.«

Wonsik untersuchte weiter den Toten und beachtete uns nicht.

Yul ließ sich davon nicht beirren. »Der grässlichste Fall, von dem er mir je erzählt hat, war der Fall mit dem Totengarten.«

Ich biss an. »Totengarten?«

»Vor einer Weile erfuhr Wonsik-samchon, dass eine Mutter in ihrem eigenen Garten begraben lag. Auch winzige Tiergerippe waren dort verbuddelt. Es stellte sich heraus, dass ihr gewalttätiger Ehemann – eine königliche Garde im Ruhestand – sie umgebracht hatte.« Sie schauderte theatralisch. »Oh, mir fällt gerade ein noch viel fürchterlicher Vorfall ein: der Fall mit dem fehlenden Kopf! Mein Onkel hat einmal einen Hochverräter gejagt. Er fand ihn in einer Sänfte – ohne Kopf. Der wurde dann später unter einem Schreibtisch entdeckt …«

Yul plauderte weiter mit kaum verhohlener Begeisterung, da bemerkte ich, wie Wonsik sich versteifte. Er hatte endlich die kleine gelbe Perle bemerkt, die ich zurückgelassen hatte. Er zupfte an seinem kurzen Bart und sah aus, als hinge er einem Gedanken nach – einem beunruhigenden, den Furchen auf seiner Stirn nach zu urteilen.

»Habt Ihr etwas gefunden?«, fragte ich neugierig.

»Ich erkenne das Opfer.« Über die Perle verlor er kein Wort. Merkwürdig. »Dieses zwölfte Opfer ist der junge Herr Baek, der achtzehnjährige Sohn eines königsnahen Beraters. Vor Kurzem bestand er sein Examen und erhielt einen Regierungsposten.« Als Nächstes überprüfte Wonsik die Schädeldecke der Leiche, den Rücken, die Kehle und sogar Ohren und Nasenlöcher. »Der junge Herr ist vor drei Wochen bei der Reise durch einen Wald verschwunden. Er hatte zwei Diener bei sich. Einer wurde an Ort und Stelle umgebracht, der andere verwundet, aber er hat es auf seiner Flucht noch bis ins Dorf Jamsil geschafft, ehe er verstarb.«

»Ist das weit von hier?«, erkundigte ich mich.

»Zu Fuß mindestens eine Stunde. Hanyang wäre näher gewesen.«

In meiner Vorstellung sah ich einen verwundeten Diener. Voller Angst rannte er durch die hereinbrechende Nacht. Das Herz hämmerte ihm in der Brust, er bekam keine Luft und über ihm drehte sich der Himmel. Wir müssen zu Großmutters Haus finden! Eine Erinnerung drängte sich plötzlich in diese Vorstellung. Meine große Schwester und ich, Hand in Hand, auf der Flucht vor den Soldaten, die Mutter und Vater ermordet hatten.

Ich blinzelte und die Schatten verschwanden.

»Ich frage mich …« Meine Stimme zitterte. Ich räusperte mich, um sie zu festigen. »Ich frage mich, warum der Diener in ein anderes, so entlegenes Dorf gelaufen ist statt nach Hanyang, wo es einen Arzt gibt.«

Wonsik blickte über die Schulter, als würde er mich mit neuen Augen sehen. Er schien meine Frage sorgsam abzuwägen. »Wenn man dich angreifen würde, wohin würdest du fliehen?«

»Nicht wohin, sondern zu wem«, flüsterte ich. »Ich würde zu jemandem gehen, dem ich vertraue und der mir nichts Böses will.«

Er nickte. »Vielleicht ist der Diener also zu einem geliebten Menschen geflohen. Der in Jamsil lebt.« Er drehte sich wieder um und fuhr mit der Untersuchung der Leiche fort. Dabei vermerkte er alles so genau und detailliert in seinem Notizbuch, dass ich an die Schreiber meines Vaters denken musste, der Magistrat gewesen war. »Wie kommt es, dass du angesichts eines Toten so ruhig bleibst?«, fragte er plötzlich.

Nachdem ich Mutter und Vater hatte sterben sehen, konnte mich nur noch wenig schrecken. »Tote sind ein alltäglicher Anblick in diesem Königreich, oder etwa nicht?«

Er presste die Lippen zusammen und nickte. Dann fragte er: »Du bist auf der Suche nach deiner Schwester so weit gereist und nun stehst du da und machst dir Gedanken über diesen Toten. Warum bist du hier, Nangja?«

»Das sollte Euch wohl kaum küm…«

»Diesen Satz liebt sie!« Yuls Augen funkelten amüsiert. »Ich habe ihn auch schon zu hören bekommen.«

Meine Abneigung gegen die Gastwirtin verstärkte sich. Doch dann sah ich Wonsiks finsteren, besorgten Blick und mein Ärger wich Panik.

»Suchst du womöglich nach dem Mörder, um den König als Belohnung um deine Schwester zu bitten?«

»Ich weiß nicht, was Ihr meint …«

»Also habe ich recht.«

Ich schauderte. Er hatte meine innersten Gedanken erraten. »Ihr maßt Euch an, mich zu kennen, dabei wisst Ihr gar nichts.«

»Du hast recht, ich weiß nichts – abgesehen von der Tatsache, dass du zum Yangban-Adel gehörst«, murmelte er, während er seine Untersuchung fortsetzte. »Deine Eltern sind verstorben und du bist eine Art Flüchtling. Aber sonst weiß ich nun wirklich gar nichts.«

Ein weiterer Schlag, diesmal mit lähmender Wirkung. »Sind … sind wir uns schon einmal begegnet? Ihr stellt diese Mutmaßungen mit solcher Gewissheit an.«

»Das ist doch offensichtlich, oder nicht? Du scheinst dich selbst recht wichtig zu nehmen. Das erkenne ich daran, wie du deinen Kopf hältst, wie du gehst … Und deine Hände haben keinen Tag Arbeit gesehen, so blass und schwielenlos, wie sie sind. Du trägst ein Seidenkleid, obwohl Seide nur Yangban-Adeligen gestattet ist. Am Zustand des Stoffs erkenne ich jedoch, dass du in Not geraten bist. Und du hast ohne Begleitung das verbotene Gebiet durchquert, was mich zu dem Schluss führt, dass du ganz allein bist und dich an niemanden wenden kannst. Ich würde vermuten, dein Familienname ist entweder von einem Skandal befleckt oder von einer Straftat, da du keinen einzigen Freund oder Verwandten um Hilfe gebeten hast. Ich habe mich für ›Flüchtling‹ entschieden, weil du dein Gesicht sehr tief unter deinem Jangot verbirgst und ständig über die Schulter blickst – als hättest du Angst, dass dich jemand erkennt. Doch wie du sagst: alles bloße Mutmaßungen.«

Versteinert stand ich da und beobachtete jeden seiner Handgriffe, während ein Teil von mir fürchtete, er würde mich zur Obrigkeit schleifen. Er war jedoch weiterhin so sehr mit der Leiche beschäftigt, dass meine Panik allmählich abnahm. Er schien keinerlei Interesse an mir zu haben.

»Was auch immer dir widerfahren sein mag«, Wonsik stand auf und ich zuckte zurück, »mit dem König einen Handel treffen zu wollen, ist eine vermessene Idee. Aber du scheinst nicht die Art Mensch zu sein, die einen Rat beherzigt.«

»Wie bitte?« Ich starrte ihn mit offenem Mund an. So hatte, abgesehen von meiner Schwester, noch niemand gewagt, mit mir zu reden. »Es scheint mir ein äußerst vernünftiger Plan. Der König bietet eine fürstliche Belohnung …«

»Hoffentlich vergewisserst du dich wenigstens erst, dass deine Schwester tatsächlich in der Hauptstadt ist, ehe du weitere Schritte unternimmst. Hast du sie im Gefolge des Königs gesehen?«

»Nein …« Meine Stimme bebte noch immer. »Wo sind die Frauen des Königs untergebracht?«

»Im Wongaksa-Tempel, nahe dem Gyeongbok-Palast, aber er ist so schwer bewacht, dass man unmöglich hineinkommt. Es gäbe allerdings einen anderen Weg, sie zu sehen. Nahezu ausnahmslos nimmt der König seine Kurtisanen täglich zu seiner Unterhaltung mit zur königlichen Akademie Sungyungwan. Es dürfte ein Leichtes sein, über die Mauer hinweg deine Schwester zu suchen.«

Wonsik umkreiste erneut die Leiche, dann hockte er sich auf der anderen Seite hin. »Und ich weiß das«, sagte er in gleichbleibendem Ton, »weil meine Tochter dort war.«

War. Und Yuls Reaktion – sie kaute auf ihrer Unterlippe und sah in eine andere Richtung – ließ mich vermuten, dass diese Tochter tot war. Mit einem Mal tat mir der Mann leid, doch ich schüttelte das Gefühl ab. Nach Mutters und Vaters Tod hatte ich mir geschworen, nie wieder jemandem mein Herz zu öffnen.

»Und Ihr, Ajusshi?«, wechselte ich gezielt das Thema. »Ermittelt Ihr auch wegen der Belohnung?«

»Ich unterstütze jemanden dabei, den Mörder zu finden. Und derjenige hat kein Interesse an der Belohnung.«

Zum Glück, dachte ich. Vielleicht konnte ich Wonsik beschatten und die Belohnung für mich beanspruchen.

»Und was will dieser Mensch, den Ihr unterstützt, stattdessen?«

»Ich kann nur sagen, dass der Mörder in der Hauptstadt mehr Chaos als Gutes verursacht.« Er winkte mich näher. »Komm. Wenn du den Mörder finden möchtest, kannst du nicht nur danebenstehen. Du musst dir selbst ein Bild machen und darfst nicht zulassen, dass die Untersuchung eines Fremden deine Sicht trübt.«

Ich trat vor und strengte die Augen an, sah jedoch nichts als eine entsetzliche Leiche.

Wonsik zeigte auf verschiedene Körperteile. »Anhand der Wunden und der Starre der Gliedmaßen erkenne ich, dass er heute bei Tagesanbruch gestorben ist. Nun bist du dran. Sag mir, was du siehst.«

»Ich?«

»Du hast doch gesagt, du willst den Mörder finden.«

Yul stieß mich vorwärts. Ich umrundete das Opfer, beobachtete Wonsik aus dem Augenwinkel und hockte mich schließlich hin. Ich sah mir den Hinterkopf des Opfers genauer an. Von Weitem hatte ich nur das Haar bemerkt. Doch nun erkannte ich, dass Haare und Kopfhaut mit getrocknetem Blut verkrustet waren. »Er hat einen Schlag gegen den Kopf bekommen?«

»Ja. Und die Wunde sieht so aus, als wäre sie Wochen alt.«

»Also muss das schon passiert sein, als er entführt wurde.« Mein Blick wanderte zu dem blutigen Schnitt an der Kehle. »Umgebracht hat ihn allerdings diese Wunde.«

»Ich werde dich nicht mit Details langweilen, aber er war irgendwo eingesperrt und musste wochenlang hungern. Erst kurz bevor er ohnehin gestorben wäre, als er kaum noch atmete, haben sie ihn umgebracht.«

»Verhungern zu müssen, ist das schlimmste Schicksal.« Yul schauderte. »Das allerschlimmste.«

Ich ignorierte sie und fragte: »Woran erkennt Ihr das alles, Ajusshi?«

»Hinweise gibt es immer – man muss sie nur finden.« Wonsik klopfte sich den Staub vom Gewand. »Tatsächlich findet sich die Wahrheit oft in den trivialsten Details …«

Unser Gespräch wurde von Hufgeklapper unterbrochen. Ein dunkler Schemen aus Reitern näherte sich zügig.

»Halt die Augen offen«, mahnte Wonsik. »Der Mörder kehrt oft an den Tatort zurück.«

Wir wandten uns den Reitern zu. Als sie ein Stück näher heran waren, sah ich, dass sie allesamt blutrote Uniformen trugen.

»Das sind die Beamten des Uigeumbu«, murmelte Wonsik und sah mich dann an. »Sie werden ausgesandt, wenn der König die Ermittlung in einem bestimmten Fall anordnet. Im Allgemeinen geht es dabei um Hochverrat.«

»Ich weiß«, raunte ich. Ja, das wusste ich nur zu gut.

Halt dich stets verborgen, Iseul-ah! Jäh fiel mir die Warnung meiner Schwester wieder ein. Wir müssen leben, als wären wir tot. Wir müssen leben, als hätte es uns nie gegeben.

Der Wind wehte mir ins unverhüllte Gesicht. Der Jangot musste heruntergerutscht sein, als ich abgelenkt gewesen war. Er hing mir von den Schultern, nur noch von dem Band um meinen Hals gehalten. Ich zog ihn schnell wieder über meinen Kopf, während ich davoneilte.

»Wo willst du hin?«, rief Yul.

An das Feld grenzte ein Wald. Sofort duckte ich den Kopf unter die wogenden Schilfrohre und rannte auf die Baumgrenze zu.

Üppiges Grün wuchs ringsum empor und schloss mich in einem Schattenland ein, in das nur dünne Lichtstrahlen drangen. Ich hastete tiefer in den Wald und blieb nur hin und wieder stehen, wenn ich merkwürdige Geräusche hörte, geisterhafte Echos, die in der Luft nachhallten. Gerade eilte ich an weiteren Bäumen vorbei, da hörte ich es wieder, deutlicher diesmal: ferne Männerstimmen, panisch und verzweifelt, und das Donnern eines wilden Galopps.

Versteck dich.

Mein Puls beschleunigte sich.

Versteck dich. Sofort!

Ich hob den Rock an, stieg einen Abhang hinauf und eilte einen schmalen Trampelpfad entlang. Direkt vor mir brach ein Pferd aus dem Dickicht. Ich stolperte hinter einen Baum und blickte zu dem Reiter auf. Furcht hatte seine Miene zu einer bleichen Maske verzerrt. Eilig ritt er davon, ein blutiges Kaninchen im Griff.

Ich packte mein Reisebündel fester und rannte weiter, vorbei an einem moosbewachsenen Felsen und durch verworrene Äste. Dann stolperte ich an einem Bach entlang. Als ich kaum noch einen Schritt tun konnte, blieb ich reglos stehen und spitzte die Ohren. Nichts. Ich schien weit genug entfernt zu sein von dem, was den Reiter so erschreckt hatte.

Mit einem Seufzer setzte ich mein Reisebündel ab und sank neben dem Bach auf die Knie. Einmal blickte ich mich noch um, dann schöpfte ich frisches Wasser und spritzte es mir ins Gesicht, um die unerträgliche Hitze zu vertreiben. Ich wollte erneut Wasser schöpfen, hielt jedoch inne und starrte mein Spiegelbild an, das im schwindenden Licht rötlich gefärbt war. Das Mädchen, das mir entgegenblickte, wirkte ängstlich und einsam.

Ich kämpfte diese Gefühle nieder. »Reiß dich zusammen, Hwang Iseul«, flüsterte ich. Ich spritzte mir so lange kühles Wasser ins Gesicht, bis die Nervosität fortgespült und ich wieder ruhig war.

Blätter raschelten.

Panisch sprang ich auf, huschte zwischen die Bäume und versteckte mich hinter einem Gebüsch. Tief geduckt stand ich da und starrte zwischen den Blättern hindurch.

Pferdehufe ließen die Erde erzittern. Sie kamen näher und näher.

Ich umschlang meine Knie fester. Bitte verschwindet, flehte ich mit jedem Herzschlag. Bitte lasst mich in Frieden!

In einem rötlich goldenen Lichtstrahl erschien ein weiterer junger Mann mit Pfeil und Bogen gute zwanzig Schritte entfernt von mir. Hoch aufgerichtet saß er im Sattel. Sein silbrig blaues Gewand schimmerte wie Mondstein und schmiegte sich an seinen schlanken, doch kräftigen Körper. Und seine Augen, seine dunklen Augen … wirkten so scharf wie die eines Falken.

Ich stieß kaum hörbar den Atem aus.

Sofort fuhr er herum und blickte in meine Richtung. Ich schlug mir die Hand vor den Mund. Mit hämmerndem Herzen flehte ich den Himmel an, den Mann von mir wegzuführen. Doch er legte mit einer geschmeidigen Bewegung einen Pfeil an und schwang den Bogen in meine Richtung. Mir stockte der Atem. Hastig wich ich zurück und prallte mit dem Rücken so hart gegen einen Baum, dass ringsum das Laub erzitterte …

Mit einem bösartigen Zischen schoss der Pfeil auf mich zu.

Das darf nicht sein. Meine Gedanken rasten. Das darf nicht …

Ein heftiger Schlag warf mich nach hinten. Sengender Schmerz verzehrte mich. Ich wollte schreien, biss mir jedoch auf die Zunge. Blut füllte meinen Mund. Über meiner rechten Schulter steckte ein Pfeil im Stamm, und als ich genauer hinsah, bemerkte ich – zu meinem Entsetzen –, dass ein Fetzen meiner Haut daran hing. Ich riss den Blick los und versuchte, mich aufzurappeln, während der Reiter näher kam. Doch meine Jacke war an den Baum genagelt.

Ihr dürft nicht sterben, drängte Mutters Stimme, und wieder spürte ich ihren festen Griff um meine Hand. Was auch komme, ihr müsst beide überleben und aufeinander aufpassen. Ihr habt sonst niemanden.