20,99 €
Soma Morgenstern gehörte zu den zahllosen Schriftstellern, die vom Nationalsozialismus ins Exil gezwungen wurden. Er musste emigrieren, bevor er sich als Schriftsteller einen Namen hatte machen können. Das Exil brachte ihn um die ersehnte literarische Wirkung – ein Autor, der bis zu seinem Tod ohne Leserschaft blieb. Cornelia Weidner legte 2004 die erste große Monographie über diesen feinsinnigen Schriftsteller und sein bedeutendes autobiographisches Oeuvre vor, die jetzt wieder lieferbar ist. Morgenstern hatte dem großangelegten autobiographischen Projekt selbst ursprünglich den Titel »Ein Leben mit Freunden« geben wollen. Was »Freundschaft betrifft«, schrieb er, »habe ich in meinem Leben besonderes Glück gehabt. Ich kann ohne Übertreibung sagen, daß es der Segen meines Lebens war. Mit vielen bedeutenden Menschen lebte ich in ungetrübter Freundschaft, bedeutenden, die später berühmt werden sollten, wie Joseph Roth, Alban Berg, Robert Musil, Otto Klemperer, Josef Frank, Ernst Bloch, um nur einige zu nennen.« Cornelia Weidner vermag in ihrer Studie »Ein Leben mit Freunden« pointiert herauszuarbeiten, was Charme und Größe des Morgenstern’schen Werks ausmacht: die autobiographische Dichtung als Zeugnis der Katastrophe.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2021
»Ich bin kein Biograph, und nicht einmal ein richtiger Autobiograph. Eigentlich sollte das, was ich seit Jahren schreibe, den Titel haben: Ein Leben mit Freunden. Aber leider kann ich diesen Titel nicht verwenden, weil ich zu der unglücklichen Generation gehöre, die in einer Flut von Weltgeschichte verunglückte, aus der nur einige ihr Leben gerettet haben, aber keiner ohne Schaden davongekommen ist.«
Soma Morgenstern, Joseph Roths Flucht und Ende
Abb.1: Soma Morgenstern um 19451
»Was Freundschaft betrifft, habe ich in meinem Leben besonderes Glück gehabt. Ich kann ohne Übertreibung sagen, daß es der Segen meines Lebens war. Mit vielen bedeutenden Menschen lebte ich in ungetrübter Freundschaft, bedeutenden, die später berühmt werden sollten, wie Joseph Roth, Alban Berg, Robert Musil, Otto Klemperer, Josef Frank, Ernst Bloch, um nur einige zu nennen.«
Soma Morgenstern, Alban Berg und seine Idole
Cornelia Weidner
Ein Leben mit Freunden
Über Soma Morgensterns autobiographische Schriften
Zweite Auflage 2021
© 2004 zu Klampen Verlag
Röse 21 · D-31832 Springe
e-mail: [email protected]
www.zuklampen.de
Satz: thielenVERLAGSBÜRO, Hannover
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH
ISBN: 978-3-86674-906-1
Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über ‹http://dnb.ddb.de› abrufbar.
Cover
Titel
Impressum
Vorwort
1.»Freundschaft heißt, gemeinsam einen Sack voll Salz aufessen« – Soma Morgenstern und sein Leben mit Freunden
2.»Ein geistvoller und dem Geiste dienender neuer Dichter« – Leben und Werk Soma Morgensterns
2.1»Ein Intellektueller und Kosmopolit« – Wer war Soma Morgenstern?
2.2»Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung« – Zum Werk Soma Morgensterns
3.»Zu bitterem Salz erstarrte Vergangenheit« – Exil und Autobiographie
4.Soma Morgenstern als Autobiograph und als Chronist seiner Zeit
4.1Ein Leben mit Freunden– Soma Morgensterns ›autobiographische Schriften‹
4.2Der Aspekt des Autobiographischen – Die Jugenderinnerungen In einer anderen Zeit
4.2.1Exkurs: Flaneur und Promenade
4.3Der Aspekt des Chronistischen – Joseph Roths Flucht und Ende und Alban Berg und seine Idole
4.3.1»Als ein Weiser starb er vor der Zeit« – Joseph Roths Flucht und Ende
4.3.2Alban Berg und seine Idole
4.4»In einer Flut von Weltgeschichte verunglückt« – Der ›Romanbericht‹ Flucht in Frankreich
5.Soma Morgensterns ›autobiographische Schriften‹ – »Versuche zur Identitätssicherung«
6.Zeittafel
7.Kartenteil
8.Personenverzeichnis
9.Literaturverzeichnis
9.1Primärtexte
9.1.1Werke von Soma Morgenstern
9.1.2Artikel von Soma Morgenstern
9.1.3Werke anderer Autoren
9.2Sekundärliteratur
9.2.1Rezensionen, Erinnerungen und Nekrologe
9.2.2Handbücher, Nachschlagewerke, Einzelschriften und Aufsätze in Sammelwerken
9.3Abbildungsnachweise
Anmerkungen
»Es ist nur zu bedauern, daß der Tod Soma Morgensterns der Vollendung der Lebenserinnerungen eines Intellektuellen seiner Prägung – jüdischer Herkunft und Überzeugung, im deutschen und jüdischen Kulturgut gebildet, Journalist zum Dichter geworden, Zeuge und Teilnehmer an den stürmischen Ereignissen einer kataklysmischen Epoche, Bekannter und Freund von mehreren Angehörigen der zeitgenössischen geistigen Elite – zuvorgekommen ist« – mit diesen Worten beschließt der amerikanische Literaturwissenschaftler Alfred Hoelzel seinen 1989 verfaßten Essay über den ostgalizischen Journalisten und Schriftsteller Soma Morgenstern.1a Morgenstern war 1976 im New Yorker Exil nahezu unbekannt und von der literarischen Öffentlichkeit so gut wie unbeachtet gestorben. Neben einigen wenigen noch zu seinen Lebzeiten publizierten Romanen hinterließ Morgenstern in seinem Nachlaß eine Vielzahl unveröffentlichter Typoskripte, die als Teile eben jenes autobiographischen Projektes anzusehen sind, dessen Nicht-Vollendung Hoelzel zu Recht in seinem Aufsatz bedauert.
Der zu Klampen Verlag, der es sich seit Anfang der 1990er Jahre zur Aufgabe gemacht hat, Morgensterns nicht unbeträchtliches Werk zu edieren, hob auch diesen verborgenen Schatz aus Morgensterns Nachlaß. Mit den Bänden In einer anderen Zeit, Joseph Roths Flucht und Ende, Alban Berg und seine Idole und dem ›Romanbericht‹ Flucht in Frankreich wurden Morgensterns autobiographische Schriften vor dem Vergessen bewahrt und erstmals einer breiten Leserschaft zugänglich gemacht. Das Erscheinen der Morgenstern-Werkausgabe legte den Grundstein nicht nur für eine größere Verbreitung seiner Schriften, sondern auch für eine wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Schriftsteller Morgenstern und dessen Werk, allen voran mit dessen autobiographischen Schriften, die zahlreiche Ansatzpunkte für eine weitergehende Auseinandersetzung bieten.
Mit der Studie Ein Leben mit Freunden – Über Soma Morgensterns autobiographische Schriften erscheint die erste umfassende Monographie über den ostgalizischen Journalisten und Schriftsteller Soma Morgenstern auf dem deutschen Buchmarkt. Nahezu dreißig Jahre nach dessen Tod liegt hiermit die erste wissenschaftliche Untersuchung vor, die diesen in Vergessenheit geratenen Autor und dessen umfangreiches autobiographisches Œuvre in ihr Zentrum stellt.
Die vorliegende Abhandlung entstand als Dissertation am Institut für Deutsche Sprache und Literatur der Universität Hamburg und wurde dem Fachbereich im Dezember 2002 unter dem Titel Ein Leben mit Freunden – Soma Morgenstern als Autobiograph und als Chronist seiner Zeit vorgelegt. Sie widmet sich den zu Lebzeiten des Autors unveröffentlicht gebliebenen autobiographischen Schriften Soma Morgensterns und greift jenen Titel auf, den Morgenstern ursprünglich für seine Autobiographie vorgesehen hatte: Ein Leben mit Freunden. Damit wird bewußt jener letzte von Alfred Hoelzel angeführte Wesenszuge Morgensterns in den Mittelpunkt gestellt: »Bekannter und Freund von mehreren Angehörigen der zeitgenössischen geistigen Elite«.
Die Freunde, Familien- und Heimatersatz des mehrfach ins Exil getriebenen, ziehen sich wie ein roter Faden durch die autobiographischen Texte. Morgenstern schildert sein Leben im Spiegel der Freunde. Er stellt weniger sich und sein eigenes Erleben in den Mittelpunkt als vielmehr das seiner Freunde, allen voran das Joseph Roths und Alban Bergs. Da sich Morgensterns engster Freundeskreis überwiegend aus der Literatur-, Musik-, und Kunstszene rekrutierte, sind seine Aufzeichnungen zugleich ein lebendiges kulturgeschichtliches Zeugnis ihrer Zeit, es sind Erinnerungen eines »Zeuge[n] und Teilnehmer[s] an den stürmischen Ereignissen einer kataklysmischen Epoche«.
Im Zentrum der Studie steht neben der Erschließung der Texte für die Wissenschaft vor allem die Klassifizierung der literarischen Verfahrensweisen, derer sich Morgenstern in seinen autobiographischen Schriften bedient. Das Spektrum der literarischen Methoden ist hierbei ebenso breit gefächert wie die historischen, biographischen und autobiographischen Bezüge. Die Texte oszillieren zwischen Biographie und Autobiographie, zwischen Generationenbild und Zeitdokument.
Als der aus Ostgalizien stammende Journalist und Schriftsteller Soma Morgenstern im Jahr 1976 sechsundachtzigjährig in New York starb, war sein Name dies- und jenseits des Ozeans so gut wie unbekannt. Sein schriftstellerisches Œuvre war nur in Teilen ediert, und auch diese wenigen Werke hatten kaum internationale Beachtung gefunden.3 In seinem Nachlaß fand sich eine Vielzahl unveröffentlichter und zum Teil druckfertiger Manuskripte, die erst im Rahmen einer neuen Werkausgabe, die zwischen 1994 und 2001 im zu Klampen Verlag erschienen ist, der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden. Es stellt sich hier die Frage, warum Soma Morgenstern und sein nicht gerade unbeträchtliches publizistisches und schriftstellerisches Werk – die Werkausgabe umfaßt elf Bände – bis heute in Deutschland und Österreich noch nahezu unbekannt sind? Selbst in den USA, wo Morgenstern die letzten fünfunddreißig Jahre seines Lebens verbrachte und einen Großteil seiner Werke verfaßte, ist es um seine Bekanntheit nicht wesentlich besser bestellt.
Morgensterns Schicksal ist kein Einzelfall. Er zählt zu der großen Schar von Journalisten und Schriftstellern, die nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahr 1933 zunächst ihre Anstellung und dann ihre Heimat verloren. Der in Wien lebende Morgenstern verließ Österreich nach dem sogenannten Anschluß des Landes an das Deutsche Reich im März 1938. Wie viele ging er ins Exil, zuerst nach Frankreich, dann in die USA und kehrte nie wieder nach Europa zurück. Morgenstern war in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts als Feuilletonkorrespondent der Frankfurter Zeitung zunächst in Berlin, später in Wien tätig. Nach ersten Versuchen als Dramatiker wandte er sich Anfang der dreißiger Jahre gänzlich der Schriftstellerei zu. Sein erster Roman Der Sohn des verlorenen Sohnes, der den Auftakt zu einer Roman-Trilogie bildet, war im Jahr 1934 im Manuskript abgeschlossen, doch die sich überschlagenden politischen Ereignisse erschwerten sowohl die schriftstellerische Arbeit als auch eine Veröffentlichung des Werkes. Morgenstern mußte emigrieren, bevor er sich im deutschsprachigen Raum einen Namen als Schriftsteller hatte machen können. Sein erster Roman konnte 1935 zwar noch in Deutschland im Berliner Erich Reiss Verlag erscheinen, durfte jedoch nur an Juden verkauft werden. Im Jahr 1938 ging Morgenstern endgültig ins Exil nach Paris. Dort setzte er die Arbeit an den Fortsetzungsbänden der Roman-Trilogie fort, doch der Beginn des Zweiten Weltkriegs verhinderte die Vollendung und Veröffentlichung der Werke. Darüber hinaus gingen sämtliche Manuskripte auf der Flucht durch das besetzte Frankreich im Sommer 1940 verloren. Barbara Mauersberg faßt Morgensterns Situation in ihrer Rezension von dessen Erinnerungen an den langjährigen Freund Joseph Roth, Joseph Roths Flucht und Ende, mit folgenden Worten zusammen: »Der Erste Weltkrieg raubte ihm die Jugend, der Zweite die Heimat und die Nachkriegszeit brachte ihn um jede literarische Wirkung.«4
Barbara Mauersbergs Satz trifft auf eine Vielzahl sogenannter Exil-Autoren zu. Vielen Zeitgenossen Morgensterns erging es ähnlich. Hitlers Diktatur machte es regimekritischen und vor allem jüdischen Autoren – beides trifft auf Morgenstern zu – nahezu unmöglich, als Schriftsteller Fuß zu fassen, von der Veröffentlichung und Verbreitung ihrer Werke ganz abgesehen. Wer nicht bereits vor Hitlers Machtübernahme im Jahr 1933 seinen Ruf als Schriftsteller hatte festigen und es zu internationaler Bekanntheit hatte bringen können, wie zum Beispiel Stefan Zweig oder Lion Feuchtwanger, der wurde nach 1933 nahezu sämtlicher Publikationsmöglichkeiten beraubt. Und auch nach dem Krieg, im amerikanischen Exil, war Morgenstern, der zeit seines Lebens in deutscher Sprache schrieb, kein Erfolg als Schriftsteller beschieden. Zwar erschienen in den USA noch einige seiner Romane in englischen Übersetzungen, ohne jedoch auf nachhaltige Resonanz zu stoßen. In Deutschland blieb er so gut wie unbekannt.
Nur wenige der sogenannten Exil-Schriftsteller schafften es, sich nach dem Krieg in ihren Exilländern wieder eine Existenz aufzubauen oder an schriftstellerische Erfolge der Vorkriegszeit anzuknüpfen. Viele mußten sich mit Gelegenheitsjobs ihren Lebensunterhalt verdienen. Nicht wenige, die es in die Vereinigten Staaten verschlagen hatte, verdingten sich als Drehbuchautoren bei einer der großen amerikanischen Filmgesellschaften. Auch Morgenstern war vorübergehend als Verfasser von Untertiteln für fremdsprachige Filme tätig, konnte jedoch keine dauerhafte Anstellung finden. Sein Hauptaugenmerk war auf die Rekonstruktion der auf der Flucht verlorengegangenen Manuskripte und die Vollendung der Roman-Trilogie gerichtet. Ende der vierziger Jahre erschien die gesamte Trilogie in einem amerikanischen Verlag unter dem Titel Sparks in the Abyss in englischer Übersetzung. Anfang der fünfziger Jahre veröffentlichte er noch einen weiteren Roman: The Third Pillar/Die Blutsäule, der ebenfalls in englischer Übersetzung erschien. Doch auch hier sollte sich kein nachhaltiger Erfolg einstellen.
Morgensterns Entdeckung als Schriftsteller begann erst Anfang der neunziger Jahre, genauer gesagt im Jahr 1994 mit dem Erscheinen des ersten Bandes der Werkausgabe im zu Klampen Verlag. Eine Vorreiterrolle spielte dabei Ingolf Schulte, der Herausgeber dieser Ausgabe, der, wie er in einem Artikel über den ›vergessenen Autor Soma Morgenstern‹ schreibt, »beschloß, dem Namen nachzugehen, der mir lange zuvor in einigen Brieferwähnungen begegnet war«5. In den Jahren 1991 und 1992 sichtete Schulte Morgensterns Nachlaß in New York, der schließlich zur Grundlange der elfbändigen Werkedition wurde. Die Ausgabe spiegelt die Vielfältigkeit von Morgensterns schriftstellerischer Persönlichkeit. Sie umfaßt zum einen Morgensterns gesamtes Romanwerk, die Trilogie Funken im Abgrund und den Roman Die Blutsäule, die beide bis zu diesem Zeitpunkt nur in den USA und in englischer Übersetzung erschienen waren und hier erstmals vollständig und in deutscher Originalsprache publiziert wurden. Daneben wurde Morgensterns bislang unveröffentlichter letzter Roman Der Tod ist ein Flop zum ersten Mal ediert. Zwei weitere Bände enthalten Morgensterns in der Frankfurter Zeitung erschienene Feuilletons, Theater-, Film- und Literaturkritiken sowie sämtliche Typoskripte, die sich in seinem Nachlaß in den Vereinigten Staaten befanden, darunter auch Manuskriptvarianten, Tagebücher und Notizhefte.
Der weitaus größte Teil der bis dato unveröffentlichten Typoskripte entstand im Rahmen eines großangelegten autobiographischen Projektes, mit dem sich Morgenstern in den letzten fünfundzwanzig Jahren seines Lebens überwiegend beschäftigt hatte und das ursprünglich den Titel Ein Leben mit Freunden tragen sollte. Es ist kein Zufall, daß die Freunde den Mittelpunkt seiner Lebenserinnerungen bilden sollten, schließlich ziehen sich Freundschaften wie ein roter Faden durch sein gesamtes Leben: »Was Freundschaft betrifft, habe ich in meinem Leben besonderes Glück gehabt«, schreibt Morgenstern in seinen Erinnerungen. »Ich kann ohne Übertreibung sagen, daß es der Segen meines Lebens war. Mit vielen bedeutenden Menschen lebte ich in ungetrübter Freundschaft, bedeutenden, die später berühmt werden sollten, wie Joseph Roth, Alban Berg, Robert Musil, Otto Klemperer, Josef Frank, Ernst Bloch, um nur einige zu nennen.«6
Später verwarf Morgenstern den Titel Ein Leben mit Freunden wieder, da er, wie er in den ›Bemerkungen‹ schreibt, die sich beim Typoskript zu Joseph Roths Flucht und Ende im Nachlaß fanden und als Nachwort in diesem Band veröffentlicht wurden, »zu der unglücklichen Generation gehör[t]e, die in einer Flut von Weltgeschichte verunglückte, aus der nur einige ihr Leben gerettet haben, aber keinesfalls ohne Schaden davongekommen sind.«7 Auch ist es nie zum Abschluß dieses schriftstellerischen Vorhabens gekommen. Morgensterns Autobiographie blieb unvollendet. Dennoch soll der Titel Ein Leben mit Freunden gleichsam Motto und Überschrift der vorliegenden Untersuchung sein, sich mit eben diesem Komplex des Morgensternschen Œuvres auseinandersetzt: den – im weitesten Sinne – ›autobiographischen Schriften‹.8 Ziel der Arbeit ist eine erste wissenschaftliche Erschließung dieser Texte, die bislang im Rahmen der ohnehin noch in ihren Anfängen steckenden Morgenstern-Forschung so gut wie unberücksichtigt geblieben sind. Dieser Umstand ist fraglos auch auf die Tatsache zurückzuführen, daß dieser Komplex seines Gesamtwerkes bis vor wenigen Jahren nur in Morgensterns Nachlaß erhalten und einem breiteren Leserpublikum nicht zugänglich war. Vor allem die Roman-Trilogie Funken im Abgrund, aber auch der Roman Die Blutsäule, die zumindest in den Vereinigten Staaten noch zu Morgensterns Lebzeiten eine Veröffentlichung erfahren hatten, haben auch nach ihrem Erscheinen im zu Klampen Verlag die Aufmerksamkeit der Literaturwissenschaft bereits häufiger auf sich gezogen. Daher ist der Romankomplex in Morgensterns schriftstellerischem Werk nicht Gegenstand dieser Untersuchung.
An dieser Stelle muß auf eine grundsätzliche Problematik hingewiesen werden, die sich bei der Beschäftigung mit Morgensterns ›autobiographischen Schriften‹ ergibt. Der Textkorpus, der dieser Untersuchung zugrunde liegt, setzt sich ausschließlich aus Texten zusammen, die posthum publiziert wurden und die zum Teil nur in fragmentarischer Form in Morgensterns Nachlaß überliefert waren. Bei den ›autobiographischen Schriften‹ handelt es sich, wenn man so will, um Werke aus zweiter Hand, da der Autor selbst nicht für die Veröffentlichung verantwortlich zeichnet. Es muß hier die Frage gestellt werden, inwieweit die Werke in der Form, in der sie in der Werkausgabe vorliegen, Morgensterns Intention entsprechen und wie groß die editorischen Eingriffe des Herausgebers Ingolf Schulte waren.
Eine synoptische Gegenüberstellung der im Exil-Archiv der Deutschen Bibliothek in Frankfurt am Main befindlichen Original-Typoskripte von Soma Morgenstern mit den in der Werkedition vorliegenden Ausgaben der ›autobiographischen Schriften‹ hat gezeigt, daß der Herausgeber sehr sorgfältig mit Morgensterns Vorlagen umgegangen ist und sich weitestgehend an die Original-Typoskripte gehalten hat. Sicherlich ist Schultes Vorgehen nicht bar jeder Kritik und es gibt durchaus Punkte, die zu diskutieren wären. So wurde zum Beispiel im Band In einer anderen Zeit ein längeres Typoskript vom Herausgeber in mehrere kürzere Kapitel aufgeteilt, um, so Schulte, »das Gliederungsprinzip des Buches zu wahren.«9 In Alban Berg und seine Idole ergänzte Schulte den in das Typoskript eingegliederten Briefteil um die in der Musiksammlung der Österreichischen Nationalbibliothek befindliche Korrespondenz aus dem Nachlaß Alban Bergs. Dieses Vorgehen mag als gravierender Eingriff gewertet werden. Schulte erläutert und begründet sein Vorgehen jedoch stets sehr eingehend in den editorischen Notizen des jeweiligen Bandes, so z. B. zu In einer anderen Zeit: ihm sei »der subjektive Charakter seiner jeweiligen Entscheidung durchaus bewußt.«10
Im Falle des ergänzten Briefwechsels im Band Alban Berg und seine Idole kann sich der Herausgeber darüber hinaus auf eine Aussage Morgensterns berufen, aus der eindeutig hervorgeht, daß Morgenstern durchaus darum bemüht war, die gesamte Korrespondenz mit Alban Berg in seinen Erinnerungen zu veröffentlichen. In einem Brief, den er im Jahr 1970 an die Witwe Alban Bergs, Helene Berg, entworfen hat, den er jedoch nie abschickte und der in Alban Berg und seine Idole erstmals veröffentlicht wurde, schreibt Morgenstern: »Es geschah im Jahre 1968, bei meinem letzten Besuch. Du hast mir noch ein paar von meinen Briefen, die ich an Alban geschrieben habe, ausgesucht und versprachst, noch andere zu suchen, obwohl ich genau wußte, daß Du nicht zu suchen brauchtest. Du wußtest sehr wohl, wo sie sind und hattest längst beschlossen, welche Du mir ›aussuchen‹ und welche Du unterschlagen wolltest.«11 Dieses Zitat zeigt, daß Morgenstern selbst versucht hat, den Korrespondenzteil um die in Alban Bergs Nachlaß befindlichen Briefe zu ergänzen und zu vervollständigen.
Es ist auch nicht Ziel und Zweck der vorliegenden Arbeit, eine Editionskritik der Morgenstern-Werkausgabe zu schreiben. Es sollte hier lediglich auf die außergewöhnliche Textgrundlage hingewiesen werden, mit der man es im Fall von Soma Morgensterns ›autobiographischen Schriften‹ zu tun hat und die es bei der konkreten Arbeit an den Texten zu berücksichtigen gilt.
Die Tatsache, daß zwei der vier Bände, die im Zentrum der vorliegenden Untersuchung stehen, bereits im Titel direkt auf Freunde verweisen – nicht von ungefähr handelt es sich dabei um die Freunde, die Morgenstern am nächsten gestanden haben dürften, den ebenfalls aus Ostgalizien stammenden Romancier Joseph Roth und den Wiener Komponisten Alban Berg –, zeugt von der zentralen Bedeutung, die den Freunden in den ›autobiographischen Schriften‹ zukommt, selbst wenn er den Titel Ein Leben mit Freunden schließlich verwarf. Diese Signifikanz wird keineswegs durch den Umstand geschmälert, daß die beiden anderen Bände der ›autobiographischen Schriften‹ keinen expliziten Verweis auf Freunde oder Freundschaft im Titel enthalten. Die Titel stammen nicht von Morgenstern, sondern wurden nachträglich vom Herausgeber der Edition, Ingolf Schulte, eingefügt. Daher lassen sich hieraus keine direkten Rückschlüsse auf Morgensterns Intention ziehen.
Morgenstern hat im Laufe seines Lebens zahlreiche, langjährige Freundschaften gepflegt. In seinen Lebenserinnerungen berichtet er denn auch in erster Linie aus der Perspektive des Freundes. Aber auch in den Darstellungen seiner Zeitgenossen und Freunde wird Morgenstern überwiegend in seiner Eigenschaft als Freund – und hier vor allem als enger Freund und Vertrauter Joseph Roths – geschildert, weniger als Schicksalsgefährte und gleichermaßen ins Exil getriebener Autor. So schreibt die Schauspielerin und Schriftstellerin Hertha Pauli, die Morgenstern im Pariser Exil begegnete, in ihrer Autobiographie Der Riß der Zeit geht durch mein Herz: »Nie fehlten dort [an Joseph Roths Tisch im Café Tournon] Roths Jugendfreund Soma Morgenstern, ein Heimatdichter aus Galizien, von wo sie beide stammten, und eine schöne, dunkelhäutige Frau, die Roth wie ein Schatten durchs Exil begleitete.«12 Offenbar waren nicht nur die Freunde ein zentraler Punkt in seinem Leben. Auch umgekehrt wirkte er auf seine Umgebung besonders in seiner Eigenschaft als Freund. Der amerikanische Karikaturist Al Hirschfeld, mit dem Morgenstern in New York befreundet war, bemerkt: »Er war ein seltsamer, kreativer Mensch, ein wundervoller ›companion‹. Er hatte eine große Kapazität für Freundschaften. Viele Menschen hingen sehr an ihm.«13
Bei aller verklärenden Stilisierung, die mit dem Titel Ein Leben mit Freunden verbunden ist, trifft dieser offensichtlich einen wesentlichen Charakterzug Morgensterns. Freunde scheinen tatsächlich eine entscheidende Rolle in seinem Leben gespielt, ihm gar als Familienersatz gedient zu haben. Dabei ist es nicht so, daß Morgenstern keine Familie gehabt hätte. Er war verheiratet und Vater eines Sohnes. Die Ehe bestand nach dem Krieg allerdings nur noch auf dem Papier. Das Ehepaar hatte sich auseinandergelebt. Aussagen des Sohnes Dan zufolge hatten sowohl die Mutter als auch der Vater außereheliche Affären. Die Ehe wurde jedoch nie geschieden. Von Morgenstern ist bekannt, daß er mit der Schauspielerin Lotte Andor und mit der Krankenschwester Nora Koster längere Liebesbeziehungen hatte. Näheres über Morgensterns Privatleben ist aus seinen Lebenserinnerungen nicht zu erfahren. Er selbst blendet diesen Bereich seines Lebens nahezu vollständig aus. Lediglich in den Tagebüchern, die nicht im Hinblick auf eine Veröffentlichung entstanden sind, erwähnt Morgenstern einmal »meine Freundin«, mit der er im August 1949 eine Reise nach Kanada unternahm.14 In den weiteren autobiographischen Texten spielen die eigene Familie und das Privatleben eine, wenn überhaupt, untergeordnete Rolle. Der Leser erfährt mehr Einzelheiten und Details über das Privatleben der Freunde Alban Berg und Joseph Roth, über Alban Bergs Frau Helene und die Frauen in Joseph Roths Leben, denen Morgenstern sogar ein gesondertes Kapitel seiner Erinnerungen widmet, als über Morgensterns Familie. Seine Frau Inge und der Sohn Dan erscheinen nur als Randfiguren, wenn es sich im Kontext einer geschilderten Begebenheit ergibt. Die Lebensgefährtinnen werden überhaupt nicht erwähnt.
Die in Morgensterns autobiographischen Texten zu beobachtende Stilisierung und Idealisierung der Freundschaft ist kein Einzelfall in dieser Generation, die, um die Wende zum 20. Jahrhundert geboren, wesentlich durch die Erfahrung von Exil und Heimatverlust geprägt ist. Auch in den Lebenserinnerungen des deutschen Literaturkritikers und Philosophen Ludwig Marcuse findet sich eine ähnlich verklärende Darstellung der Freunde. Wie Morgenstern definierte auch der vier Jahre jüngere Marcuse seinen Lebens- und Wirkungsraum in erster Linie über seinen Freundeskreis und empfand demzufolge den Verlust der Freunde durch Emigration und Vertreibung als besonders schmerzvoll. In Marcuses ›Weg zu einer Autobiographie‹ Mein zwanzigstes Jahrhundert findet sich folgende Passage, die durchaus auch von Morgenstern stammen könnte: »Ich fühlte, wieviel in wenigen Tagen leergeworden war. Wer alt wird, dem bröckelt die Welt jeden Tag etwas mehr ab. Wir waren erst Mitte Vierzig – und schon war mein kleines All, das nicht so sehr von Sternen als von Freunden gerahmt ist, nur noch eine Ruine.«15 Lotte Andor, Morgensterns zeitweilige Lebensgefährtin, geht in ihren Memoiren einer unbekannten Schauspielerin, in denen ihr Verhältnis mit Morgenstern im übrigen ebenfalls keine Erwähnung findet, sogar noch weiter und schreibt: »Und doch bin ich auch in Deutschland nicht mehr zu Hause. Wie könnte es nach all den grausigen Begebenheiten anders sein? Bin ich also heimatlos? Ich glaube es nicht. Meine Heimat ist da, wo meine Freunde sind. Meine Hymne lautet: Freundschaft, Freundschaft über alles, über alles in der Welt.«16
Allen drei Autoren ist das Erlebnis von Exil und Vertreibung gemein. Die Häufung der idealisierenden Darstellung von Freundschaft läßt einen Zusammenhang vermuten zwischen der Exilerfahrung und der Tatsache, daß sie den Freunden und der Freundschaft einen besonders hohen Stellenwert beimessen. Offenbar entspringt die Stilisierung der Freundschaft einem inneren Bedürfnis, das durch die Exilerfahrung hervorgerufen wurde. Die Freunde ersetzen die Heimat in der Fremde. Durch die Konzentration auf die Freunde wird der Verlust von Familie und Heimat weniger schmerzlich empfunden. Besonders deutlich wird dies in der zitierten Passage aus Lotte Andors Memoiren, die ihren Heimatbegriff nicht an ein bestimmtes Land knüpft, sondern ihn über die Freunde definiert. Inwieweit die Konzentration auf die Freundschaft nicht auch einer Wunschprojektion und einem stets retrospektiven Verschließen gegenüber der Realität und der Gegenwart entspringt, kann nur schwer nachgeprüft werden. Zumindest impliziert diese Sichtweise auch eine einseitige, ja strategische und selektive Darstellung des eigenen Lebens, denn die Schattenseiten des Lebens wie zum Beispiel die Existenz von Kontrahenten oder Widersachern – oder wie in Morgensterns Fall die gescheiterte Ehe und die außerehelichen Affären – werden ausgeblendet.
Da Morgensterns ›autobiographische Schriften‹ nicht als ein in sich abgeschlossener Lebensbericht konzipiert sind, sondern als vier einzelne, eigenständige und in sich abgeschlossene Bände, wird der Anspruch einer lückenlosen, chronologischen und detaillierten Darstellung nicht erhoben. In jedem der vier Werke beleuchtet Morgenstern einen besonderen Bereich, eine besondere Phase seines Lebens.
Ziel der vorliegenden Arbeit ist eine Typologie von Morgensterns ›autobiographischen Schriften‹. Es geht hierbei nicht um eine detaillierte Textanalyse – diese würde den Rahmen der Untersuchung sprengen und sollte Aufgabe einer weiterführenden Beschäftigung mit diesem Komplex des Morgensternschen Œuvres sein –, sondern um eine Klassifizierung der Texte und um das Herausarbeiten der unterschiedlichen Herangehensweisen und literarischen Techniken, derer sich Morgenstern in den einzelnen Teilen seiner autobiographischen Aufzeichnungen und Veröffentlichungen bedient. Autobiographie, Memoiren, Erinnerungen – keine dieser Bezeichnungen vermag, den besonderen Stil Morgensterns autobiographischer Schriften hinreichend zu charakterisieren. Die unter dem Motto Ein Leben mit Freunden entstandenen Texte nehmen vielmehr eine Zwitterstellung ein zwischen Autobiographie, Lebenserinnerungen, Generationenbild, Biographie und Zeitdokument, die sich nicht eindeutig einer Kategorie zuordnen läßt, was im übrigen zu den formalen Eigenheiten der Autobiographie an sich gehört. So schreibt Georg Misch in seinem Beitrag über ›Begriff und Ursprung der Autobiographie‹: »Die Selbstbiographie ist keine Literaturgattung wie die andern. Ihre Grenzen sind fließender und lassen sich nicht von außen festlegen und nach der Form bestimmen. […] Und keine Form fast ist ihr fremd.«17
Zur Charakterisierung der unterschiedlichen thematischen Schwerpunkte und literarischen Herangehensweisen, derer sich Morgenstern in den einzelnen Teilen seiner Lebenserinnerungen bedient, werden die Begriffe ›autobiographisch‹, ›chronistisch‹ und ›autofiktiv‹ eingeführt. Sie umreißen schlagwortartig die formale Spannweite, innerhalb derer sich Morgensterns autobiographische Texte bewegen. Die Dopplung des Begriffs ›autobiographisch‹ als generischer Überbegriff für alle vier Werke zum einen und als spezifische Klassifizierungskategorie für die Kindheitserinnerungen In einer anderen Zeitläßt sich hier nicht vermeiden. Sie resultiert aus der Tatsache, daß alle vier Werke einen autobiographischen Hintergrund haben, jedoch nur eines, eben die Kindheitserinnerungen, deutliche Züge einer Autobiographie trägt.
An dieser Stelle sei noch auf eine Problematik hingewiesen, die sich grundsätzlich bei der Beschäftigung mit autobiographischen Texten ergibt – die Frage nach der Glaubwürdigkeit und Wahrhaftigkeit der Darstellungen. Autobiographisches Schreiben impliziert eine Grundspannung zwischen dem Anspruch des Autobiographen, eine historische Realität wiederzugeben, und seiner subjektiven Autorposition. Diese steht zuweilen einer dokumentarischen und objektiven Schilderung entgegen. Morgenstern war sich offensichtlich dieser Problematik bewußt. So schreibt er in einem Manuskriptentwurf zu Alban Berg und seine Idole: »Damals war ich schon alt, meine besten Freunde waren tot. Sie vertrugen bereits die ganze Wahrheit. Dennoch beschloß ich eine Autobiographie zu schreiben die erst nach meinem Tode veröffentlicht werden sollte. Da stand der ganzen Wahrheit noch ein Freund entgegen: ich. Erst als ich beschloß, von mir selber so rückhaltlos zu schreiben als bestünde keine Wahrscheinlichkeit, mir selbst auf einem anderen Planeten zu begegnen, floß mir die Wahrheit so ungehemmt aus der Feder […].«18
Nach außen hin vertritt Morgenstern den Anspruch, nach bestem Wissen und Gewissen zu schreiben und die Dinge wahrheitsgemäß darzustellen. Inwieweit ihm das wirklich gelingt, wo ihn das Unterbewußtsein, das Gedächtnis oder auch die konkrete Absicht dazu verleiteten, Sachverhalte und Ereignisse beschönigend darzustellen, zu seinen Gunsten auszulegen oder ganz zu verschweigen, kann nicht mehr nachvollzogen werden. Es wurde bereits darauf hingewiesen, daß mit der Stilisierung der Freundschaft auch eine Vernachlässigung anderer Lebensbereiche einhergeht. Es ist überdies ein bekanntes Phänomen, daß der Mensch dazu neigt, im Rückblick Dinge zu verklären und vor allem positive Erlebnisse im Gedächtnis zu behalten, wohingegen die negativen verdrängt werden. Darüber hinaus besteht häufig eine Diskrepanz zwischen dem Selbstbild, das ein jeder – auch der Autor einer Autobiographie – von sich hat, und dem Bild, das die Umwelt von dieser Person entwickelt. Jeder autobiographische Text muß vor dem Hintergrund dieser grundlegenden Problematik gelesen werden.
Im Falle der Morgensternschen Erinnerungen wird die Sachlage noch durch den Umstand erschwert, daß es kaum verläßliche Quellen gibt, anhand derer sich seine Schilderungen überprüfen ließen. Der informative und dokumentarische Gehalt ist seinen ›autobiographischen Schriften‹ bei allen Vorbehalten jedoch nicht abzusprechen und soll im Zuge dieser Arbeit aufgezeigt werden. Als ein Zeitzeuge der ›Wiener Moderne‹, der in den intellektuellen Kreisen verkehrte und mit zahlreichen prominenten Zeitgenossen aus Literatur, Musik, Architektur und bildender Kunst befreundet war, sind seine Erinnerungen ein unschätzbares Dokument ihrer Zeit.
Zum Abschluß dieses Einleitungskapitels sei kurz die weitere Vorgehensweise erläutert. Morgensterns vergleichsweise geringe Bekanntheit erfordert es, den Lebensweg des Autors nachzuzeichnen und sein schriftstellerisches Gesamtwerk dem Leser vorzustellen. Dies wird in Kapitel 2 geschehen. Das dritte Kapitel versucht, den literaturgeschichtlichen Hintergrund – den Bereich der sogenannten Exilliteratur – und insbesondere das Genre der Exil-Autobiographie in großen Zügen zu umreißen. Es kann sich hierbei nur um eine erste Annäherung an den Themenkomplex handeln, da das Gebiet der Exilliteratur Gegenstand eines eigenständigen Forschungsbereichs innerhalb der Literaturwissenschaft darstellt und eine auch nur annähernd erschöpfende Darstellung desselben im Rahmen dieser Untersuchung nicht möglich wäre.
Das vierte Kapitel bildet das Zentrum der Arbeit und nimmt dementsprechend den größten Raum innerhalb der Untersuchung ein. Es werden zunächst Kriterien zur Klassifizierung von Morgensterns ›autobiographischen Schriften‹ und eine Typologie derselben entwickelt, bevor die vier Werke vor dem Hintergrund dieser Einteilung und in Hinblick auf die unterschiedlichen autobiographischen Verfahren im einzelnen vorgestellt und ihre besonderen stilistischen und formalen Merkmale erörtert werden.
Salomo Morgenstern wurde am 3. Mai 1890 als jüngstes von insgesamt fünf Kindern des Gutsverwalters Abraham Morgenstern und dessen Frau Sara in einem Dorf der ostgalizischen Gemeinde Budzanów geboren. Das Dorf lag etwa fünfzig Kilometer südlich der Stadt Tarnopol am Fluß Sereth im österreich-ungarisch-russischen Grenzgebiet. Galizien gehörte seit der ersten polnischen Teilung von 1772 als Kronland zur österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie. Nach der Einnahme Lembergs durch die polnische Armee im Jahr 1918 wurde dieses Gebiet zunächst Teil des unabhängigen Polen. Heute ist nur noch der westliche Teil Galiziens polnisch. Morgensterns Heimat, das frühere Ostgalizien, fiel nach dem Zweiten Weltkrieg an die UdSSR und gehört heute zur Ukraine. Die im Anhang befindlichen Karten 1 und 2 zeigen die Situation im südöstlichen Europa um die Wende zum zwanzigsten Jahrhundert und die Lage der heutigen Ukraine. Sie sollen dem Leser das Gebiet, in dem Morgenstern seine Kindheit und Jugend verbracht hat, anschaulich machen.21
Morgensterns Vater, ein streng gläubiger und gelehrter Chassid, ließ seine Kinder nach den Lehren der jüdisch-orthodoxen Tradition erziehen. Ab seinem dritten Lebensjahr wurde Salomo durch einen jüdischen Hauslehrer unterrichtet, danach im Cheder.22 Der junge Salomo wuchs mehrsprachig auf. In der Familie wurde Jiddisch gesprochen. Die vorherrschenden Umgangssprachen in Ostgalizien waren Polnisch und Ukrainisch. Da Salomo von einer ukrainischen Amme großgezogen wurde, war die erste Sprache, die der Knabe sprechen lernte, Ukrainisch, so daß er zeit seines Lebens einen leichten ukrainischen Akzent behielt, gleich welche Sprache er auch erlernte. In seinen Kindheitserinnerungen, die 1995 unter dem Titel In einer anderen Zeit erschienen, beschreibt Morgenstern die Vorteile und Nachteile, die ihm diese Erziehung bereitete: »Ich habe früher vom Nachteil und vom Vorteil dieses Familienzuwachses gesprochen. Der Nachteil war, daß die erste Sprache, die ich gelernt habe, nicht meine Muttersprache, sondern die Sprache meiner Amme war, nämlich Ukrainisch. Mit dem Erfolg, daß ich sämtliche Sprachen, die ich später gelernt habe – und es sind nicht wenige –, mit einem ukrainischen Akzent sprach. Jiddisch lernte ich schon als zweite Sprache teils von meiner Mutter, teils von meiner Schwester, die die Älteste in der Familie war, um zehn Jahre älter als ich.«23 Da der Vater eine besondere Vorliebe für die deutsche Sprache hegte, ließ er seine fünf Kinder bereits vor der Schulzeit im Hausunterricht auch in Deutsch unterweisen. Daneben lernte Salomo bereits ab seinem dritten Lebensjahr die Bibelsprache Althebräisch, ein obligatorischer Bestandteil einer jeden jüdischen Erziehung. Später sollten noch Griechisch, Latein, Französisch und Englisch hinzukommen.
Gegen den erbitterten Widerstand des Vaters, der den Richtlinien der jüdisch-orthodoxen Erziehung folgend den Besuch einer weltlichen Schule ablehnte, setzte Morgenstern seinen innigsten Wunsch durch und besuchte von 1904 bis 1912 das Gymnasium in Tarnopol. Der Vater hatte sein Einverständnis zum säkularen Bildungsweg des Sohnes allerdings nur unter der Bedingung gegeben, daß dieser auch weiterhin vor der Schule am morgendlichen Gebet in einem Bethaus teilnehme und nach Abschluß des Gymnasiums Jura studieren und Richter werden würde.
Im Jahr 1908 starb Abraham Morgenstern an den Folgen eines Schlaganfalls. Der frühe und unerwartete Tod des Vaters, dem Morgenstern besondere Liebe und Verehrung entgegengebracht hatte, traf den achtzehnjährigen Salomo schwer. Zudem befand sich der junge Gymnasiast zu jener Zeit in einer Phase der Orientierungslosigkeit. Die Lektüre von Ludwig Büchners Buch Kraft und Stoff hatte ihn in eine tiefe Glaubenskrise gestürzt, ihm »zeitweise seinen Glauben genommen.«24 Die Bekanntschaft mit dem Atheismus ließ ihn an seinem Glauben zweifeln. Er vernachlässigte die morgendlichen und abendlichen Gebete. Auf der anderen Seite wirkte in ihm immer noch die tiefreligiöse Atmosphäre seines Elternhauses nach. Morgenstern selbst bezeichnet die Wirkung, die die Lektüre dieses Buches auf ihn ausübte, als »traumatisch«.25 Der Tod des Vaters verschärfte den Gewissenskonflikt des jungen Gymnasiasten noch zusätzlich. Als gläubiger Jude hätte er nach dem Vater Kaddisch, das jüdische Totengebet, sagen müssen. Da er sich selbst nicht mehr als Gläubiger empfand, wäre das Beten dem Aufsagen einer leeren Formel gleichgekommen. So suchte er in den ersten Jahren einen Mittelweg zwischen dem Atheismus und der Achtung gegenüber dem toten Vater. Erst im dritten Jahr nach dem Tode des Vaters fand er zu seinem Glauben zurück und war in der Lage, »in aller Inbrunst meiner Sohnesliebe« Kaddisch zu sagen.26
Nach Beendigung des Gymnasiums ging Morgenstern im Herbst 1912 nach Wien und nahm dort, dem Wunsch des Vaters folgend, sein Jurastudium auf. In Wien begegnete er Joseph Roth wieder, den er bereits im Jahr 1909 in Lemberg auf einer Konferenz der zionistischen Mittelschüler Galiziens kennengelernt hatte. Es entwickelte sich eine enge Freundschaft zwischen Morgenstern und dem vier Jahre jüngeren Roth. Die beiden in Wesen und Charakter so unterschiedlichen Männer verband zum einen ihr großes Interesse an Literatur, zum anderen aber auch die Liebe zu ihrer ostgalizischen Heimat. Roth stammte aus Brody, das etwa 50 km nordöstlich von Lemberg und 60 km nordwestlich von Tarnopol, nahe der damaligen österreichisch-russischen Grenze liegt.31 Beider Freundschaft sollte drei Jahrzehnte, bis zu Joseph Roths Tod im Jahr 1939, dauern.
Im Jahr 1913 wechselte Morgenstern aus unbekannten Gründen die Universität. Er ging nach Lemberg und absolvierte dort das Wintersemester 1913/14 und das Sommersemester 1914. Die politischen Ereignisse vom 28. Juni 1914 zwangen ihn zur Unterbrechung des Studiums. Überstürzt flüchtete er im August 1914 mit seiner Mutter und einer der beiden Schwestern vor den anrükkenden russischen Truppen aus der ostgalizischen Heimat und kehrte nach Wien zurück. Dort sah er sich mit einem Male mit der Situation konfrontiert, zu den Tausenden meist jüdischen Kriegsflüchtlingen aus den östlichen Grenzländern des Kaiserreiches zu gehören, mittel- und heimatlos: die erste Exilerfahrung.
In Wien schrieb sich Morgenstern erneut an der Juristischen Fakultät ein, konnte das Wintersemester 1914/15 jedoch nicht abschließen. Im Dezember 1914 wurde er zum Kriegsdienst in der österreichischen Infanterie berufen. Sein Regiment, das Tarnopoler Hausregiment I.R. No. 15, war im steiermärkischen Wildon stationiert. Ab August 1915 war das Regiment an der Ostfront im Einsatz. Er überstand den Kriegsdienst in Ungarn und Serbien unversehrt und kehrte im Januar 1918 nach Wien zurück. Drei Jahre später, im Mai 1921, schloß Morgenstern sein Studium mit der Promotion zum doctor juris ab. Von diesem Titel sollte er allerdings keinen Gebrauch machen, hatte er doch niemals ernstlich erwogen, den Beruf des Juristen praktisch auszuüben. Vielmehr hatte er die Studienjahre in Wien dazu genutzt, seinen wahren Interessen nachzugehen. Neben den obligatorischen Juravorlesungen hatte er bereits in den ersten Studiensemestern auch Vorlesungen in Literaturgeschichte und Philosophie besucht. So heißt es in Joseph Roths Flucht und Ende: »Zum Beginn des Wintersemesters 1913 trafen wir uns [Morgenstern und Joseph Roth] bei den Vorlesungen über griechische Philosophie von Professor Heinrich Gomperz, dem berühmten Verfasser des Werks: Griechische Denker.«32
Der Herausgeber Ingolf Schulte merkt zu dieser Schilderung Morgensterns an: »Im Typoskript steht: Leopold Gomperz. Morgenstern dürfte aber wohl den berühmten Gräzisten und Philosophen Theodor Gomperz, von dem das genannte Werk stammt, im Sinn gehabt haben. Der jedoch war bereits Ende August 1912 gestorben. Roth kam erst im Herbst 1913 nach Wien. So war es wohl Theodor Gomperz’ Sohn, der Philosoph Heinrich Gomperz (1873–1942); er lehrte seit 1904 als Privatdozent an der Wiener Universität und hatte im selben Jahr begonnen, sein dreibändiges Werk Die Lebensauffassung der griechischen Philosophen zu veröffentlichen. Bei ihm hatte Morgenstern schon in seinem ersten Semester, im Winter 1912/13, philosophische Prolektionen zur Ästhetik belegt, wie seine erste ›Nationale‹ (Stammrolle) für ordentliche Hörer der juristischen Fakultät aufweist.«33 Das starke Interesse an den geisteswissenschaftlichen Fächern war bei Morgenstern offensichtlich bereits sehr früh ausgeprägt und das Jurastudium von Anfang an ein eher halbherziges Unterfangen, um dem Wunsch des Vaters zu entsprechen.
Nach Beendigung des Studiums änderte Morgenstern seinen Vornamen in ›Soma‹. Welche Beweggründe ihn dazu veranlaßt haben, den ursprünglichen Namen Salomo abzulegen, ist nicht überliefert. Morgenstern hat sich in seinen Texten nie dazu geäußert. Da er sich zu diesem Zeitpunkt endgültig dazu entschlossen hatte, eine literarische Laufbahn einzuschlagen, liegt die Vermutung nahe, daß er in der zunehmend antisemitischen Atmosphäre Mitteleuropas Repressalien infolge des jüdischen Vornamens Salomo befürchtet hatte, die ihm den Einstieg in die Literaturbranche erschwert hätten. Dieser Schritt, das Ablegen des jüdischen Vornamens, ist zudem Ausdruck jener assimilierten Lebensweise, die Morgenstern im Wien der zwanziger und dreißiger Jahre und auch später in New York pflegte.
Morgenstern verdiente sich seinen Lebensunterhalt zunächst als Lehrer für schwerbehinderte Kinder.34 Er lebte zu jener Zeit »das Leben eines gemäßigten Bohémiens«, wie er es selbst in den Erinnerungen an Alban Berg nennt.35 Den fünf Jahre älteren Komponisten und Schönberg-Schüler Alban Berg lernte Morgenstern in eben jenen Jahren des Wiener Bohème-Lebens, im Herbst 1920, kennen. Es entwickelte sich eine enge Freundschaft, die 1935 durch Bergs frühen und unerwarteten Tod ein abruptes Ende fand.
Morgenstern verkehrte in diesen Jahren in den zahlreichen Kaffeehäusern, die im Wien der Nachkriegsjahre Treffpunkt vieler namhafter Literaten, Musiker und Maler waren, und nahm rege an deren intellektuellen Auseinandersetzungen teil. Durch die Freundschaft mit Alban Berg hatte er zudem im Jahr 1923 die Bekanntschaft mit Alma Mahler gemacht, der Witwe des Komponisten Gustav Mahler und geschiedenen Ehefrau des Architekten und Bauhaus-Begründers Walter Gropius. Alma Mahler pflegte freundschaftlichen Kontakt zu prominenten Größen aus Musik, Literatur, Architektur und bildender Kunst. Ihr Salon in der Elisabethstraße war Treffpunkt zahlloser Künstler und Intellektueller der Wiener Zwischenkriegsjahre. Zu dem Zeitpunkt, als Morgenstern Alma Mahler kennenlernte, war sie mit dem Schriftsteller Franz Werfel liiert, mit dem sie im Jahr 1929 ihre dritte Ehe eingehen sollte. Auch Morgenstern verkehrte in Alma Mahlers Salon und blieb ihr bis zu ihrem Tod im Jahr 1964 in enger Freundschaft verbunden.
Nach ersten literarischen Versuchen mit der Übersetzung von Stanislav Wyspiańskis Drama Sȩdziowie – Die Richter aus dem Polnischen ins Deutsche versuchte sich Morgenstern schließlich als Bühnenautor. Er verfaßte zwei Theaterstücke, für die sich allerdings keine Bühne fand und die beide unveröffentlicht blieben. Die Liebe zum Theater war bei Morgenstern bereits sehr früh geweckt worden. In den Kindheitserinnerungen beschreibt er den fahrenden Händler Jukel, der den Kindern im Dorf chassidische Geschichten vorlas. »Er [Jukel] war der erste Schauspieler, den ich als Kind erlebt habe. Er erzählte keine Geschichte. Er spielte Szenen. […] Kurzum, Jukel war, er allein, ein Volkskabarett. Ihm danke ich die erste Verführung zum Zauber des Theaters, namentlich meine Leidenschaft für die Kunst des Schauspielers.«36 Diese Leidenschaft verstärkte sich noch in den Jahren, da Morgenstern als Gymnasiast in Tarnopol lebte, wo er zunächst vorwiegend Gastspiele des jiddischen Theaters aus Lemberg besuchte. Später, »mit wachsender Leidenschaft für die Bühne«37, wie er es in den Erinnerungen bezeichnet, sah er auch Stücke polnischer und ukrainischer Wandertruppen. In seinen Erinnerungen widmet er allein vier Kapitel den Theatererlebnissen seiner Jugend, ein Zeichen dafür, wie nachhaltig ihn diese beeindruckt und geprägt haben. Resümierend heißt es dort: »Alle diese Theatererlebnisse meiner Jugendzeit habe ich in dankbarer Erinnerung. Sogar die, die ich in späteren Jahren im Wachsen der Erfahrungen und Reifen des Geschmacks als ›Schmieren‹ belächeln mußte, möchte ich nicht vermißt haben. Es waren meine Theaterlehrjahre.«38
Angesichts dieses früh geweckten Interesses für die Bühne verwundert es nicht, daß es sich bei Morgensterns literarischen Erstlingen um Dramen handelt. Sein erstes Stück, das ›Spiel in 4 Akten‹ ER oder ER, entstand in den Jahren 1921/22. Das Stück spielt vorwiegend in der Traumwelt der weiblichen Hauptfigur Elva Blinde, einer kunstliebenden Frau, wie das Personenverzeichnis Aufschluß gibt. Die von ihrem Leben an der Seite ihres Mannes, des Psychoanalytikers Dr. Richard Blinde, gelangweilte Elva träumt sich während ihrer Nachmittagsruhe in eine opernhafte Welt hinein. Dort erscheinen ihr die vom Tod für kurze Zeit auferstandenen Gestalten der Kunstfiguren Don Juan Tenorio, bekannt aus Tirso de Molinas Schauspiel Der Wüstling und Wolfgang Amadeus Mozarts Oper Don Giovanni, und der historische Giacomo Girolamo Casanova, Chevalier de Seingalt. Im Traum wetteifern die legendären Frauenhelden um die Gunst der Schlafenden: der kalt berechnende Don Juan, ein »Feldwebel der Liebe«, wie Casanova ihn im Stück abschätzig bezeichnet39, »liebesleer, doch voller Gier«, für den nur der schnelle Erfolg zählt, um die Liste der von ihm verführten Frauen um eine weitere Trophäe erweitern zu können, und der stolz von sich behauptet, keine der unzähligen Frauen je geliebt zu haben – »ich habe immer mit kalter Nadel gearbeitet«40 – und der heißblütige Casanova, »Ritter der Sehnsucht«, von nie gestillter Sehnsucht getrieben und jede einzelne seiner zahllosen Frauen inbrünstig liebend. Sie stellen Elva vor die Wahl: ER oder ER. Diese entscheidet sich für die moderne Form der Liebe: Er UND Er – denn als praktisch denkende Frau weiß sie: »Lieber zwei als keiner.«41
In der Gestalt des Ehegatten, des Psychoanalytikers Dr. Blinde, der Elvas Traum sofort fachmännisch als »erotische Traumarbeit« deutet, flicht Morgenstern einen parodistischen Seitenhieb auf die Psychoanalyse Sigmund Freuds ein, die zu jener Zeit immer größere Bekanntheit erlangte. Morgenstern stand Freud und dessen Lehre nicht so bedingungslos ablehnend gegenüber wie sein Freund Joseph Roth. Aus seinen Lebenserinnerungen geht allerdings auch hervor, daß er kein großer Verfechter oder gar Anhänger dieser neuen Wissenschaft war.
Morgensterns zweiter Bühnentext, das dreiaktige Drama Im Dunstkreis, spielt in den Wiener Künstlerkreisen zwischen den Weltkriegen. Nach eigenen Angaben hatte Morgenstern das Stück im Jahr 1924 beendet.42 In den Erinnerungen an Alban Berg findet sich auch der Hinweis, daß er sein zweites Stück ursprünglich Im Kunstkreis hatte nennen wollen. Den endgültigen Titel erhielt es erst später. Alban Berg war im übrigen so angetan von dem neuen Drama des Freundes, daß er es sogleich vertonen wollte. Dazu ist es jedoch nie gekommen, da Morgenstern mit dem Stück noch nicht vollends zufrieden war, so daß er dem Freund diese Idee ausredete. Zudem befürchtete er, als Librettist abgestempelt zu werden und infolge dessen nur noch als solcher arbeiten zu können.
Der ›Dunstkreis‹, den Morgenstern in seinem Drama beschreibt, ist das Milieu, in dem er sich zu jener Zeit selbst bewegte. Er läßt den ersten Akt des Stücks in einem Wiener Kaffeehaus spielen, einem »Künstlercafé«, so Morgensterns Regieanweisung. Mit scharfem, sarkastischem Blick zeichnet er die künstlerische Gesellschaft seiner Umgebung nach – mit all ihren moralischen und geistigen Abgründen. Der ›Glossentisch‹ repräsentiert die oberflächliche und klatschsüchtige Wiener Kaffeehausgesellschaft. Auch auf seine eigene Zunft, die der Feuilletonisten und Kritiker, wirft er einen äußerst kritischen Blick. Nicht von ungefähr heißt der im Stück vorkommende Literatur- und Theaterkritiker Willy Besser, der zudem noch die Meinung vertritt: »Ein richtiger Kritiker muß sich vor Objektivität hüten.«43 Womöglich schlägt sich bereits hier jene Unzufriedenheit mit der eigenen Tätigkeit als Journalist nieder, die wenige Jahre später zur endgültigen Abkehr von diesem Metier führen sollte. Die bitterböse Satire auf das Milieu, in dem Morgenstern sich selbst bewegte, endet tragisch mit dem Selbstmord des jungen Schriftstellers Hans Einhold, der zum Opfer der ehrgeizigen und karrieresüchtigen Bestrebungen seines älteren Liebhabers und Mentors, des bereits etablierten Schriftstellers Franz Gavor, wird. »In diesem Drama handelt es sich hauptsächlich um die Beziehung zwischen Meister und Schüler, die ein fatales Ende für den Schüler nimmt«, formuliert Morgenstern in Alban Berg und seine Idole den Plot des Dramas.44 Auch die immer stärker werdende antisemitische Stimmung dieser Zeit greift Morgenstern in seinem Stück auf. Nicht Franz Gavor wird für Einholds Tod zur Rechenschaft gezogen, sondern der Außenseiter der Gesellschaft, der Jude Gad Jahir, der nach einem der zwölf Stämme Israels benannt wurde.
