Eine Dame außer Rand und Band - Jen Turano - E-Book

Eine Dame außer Rand und Band E-Book

Jen Turano

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Beschreibung

Vier Jahre lang hat Felicia Murdock nur ein Ziel verfolgt: Sie wollte die Frau des örtlichen Pfarrers werden. Als dieser sein Herz jedoch an eine andere verschenkt, beschließt Felicia, dass es Zeit ist, einige Veränderungen vorzunehmen. Sie will nicht länger vorgeben, jemand zu sein, der sie nicht ist: langweilig, angepasst, sittsam. Auch Grayson Sumner, lange das schwarze Schaf seiner Familie, will seine Vergangenheit hinter sich lassen. Er will endlich sesshaft und ein Gentleman der New Yorker Gesellschaft werden. Als Freunde ihn bitten, sich um die von Liebeskummer geplagte Felicia Murdock zu kümmern, muss er zu seiner Überraschung feststellen, dass es sich bei dieser um eine alles andere als am Boden zerstörte junge Frau handelt. Zu seinem Leidwesen ist sie überaus abenteuerlustig - und besitzt einen Hang dazu, sich immer wieder in Schwierigkeiten hineinzumanövrieren ...

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Seitenzahl: 467

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Über die Autorin

Jen Turano wuchs in der Kleinstadt St. Clairsville, Ohio, auf, zog aber später nach Buffalo im US-Bundesstaat New York. Mit dem Schreiben begann sie, als ihr kleiner Sohn ihr erzählte, dass er die Geschichten, die sie sich selbst ausgedacht hatte, genauso sehr mochte wie die in den Büchern.

Jen liebt es, humorvolle Geschichten mit skurrilen Charakteren und spannenden Verwicklungen zu verfassen – und sie schreibt historische Romane, weil sie diese schon als Teenager selbst gern gelesen hat. Von ihr auf Deutsch erschienen: „Die falsche Gouvernante“ und „Zwei wie Katz und Hund“.

Für Al … einfach nur so.In Liebe,Jen

1

New York City, 1881

Miss Felicia Murdock zerfloss in Selbstmitleid.

Normalerweise neigte sie nicht dazu, sich selbst zu bedauern, aber angesichts der traurigen Umstände hatte sie das Gefühl, dass ihr wenigstens eine oder zwei Stunden Selbstmitleid zustanden.

Sie lehnte die Stirn an die kühle Fensterscheibe und beobachtete durch ihr Schlafzimmerfenster den Verkehr, der an dem Haus in der Fifth Avenue vorbeirollte, in dem sie mit ihren Eltern wohnte. Kutschen mit Dienern in Livree bahnten sich mühsam einen Weg zwischen den vielen Lieferwagen hindurch, während gut gekleidete Damen und Herren Arm in Arm den Gehweg entlangschlenderten und diesen schönen Frühlingstag zu genießen schienen. Beim Anblick so vieler fröhlicher Menschen rümpfte sie die Nase, und als eines der Paare auch noch mitten auf dem Gehweg stehen blieb und sich kurz umarmte, wandte Felicia sich abrupt vom Fenster ab, stapfte über den Orientteppich und blieb vor ihrem Bett stehen.

Normalerweise entlockte ihr der Anblick ihres gemütlichen Bettes mit dem blauen Seidenlaken und der kuscheligen elfenbeinfarbenen Quiltdecke ein Lächeln, aber an diesem folgenschweren Tag war ihr nicht nach Lächeln zumute.

Felicia hatte das Gefühl, dass ein wenig Theatralik vonnöten wäre, um weiter in Selbstmitleid baden zu können. Sie drehte sich um, breitete die Arme aus, ließ sich nach hinten fallen und wartete auf den Moment, in dem sie in einem weichen, luxuriösen Kokon aufgefangen und umhüllt würde und ihre so dringend benötigte nächste Runde Selbstmitleid einläuten könnte.

Doch als sie auf dem Bett aufkam, durchbohrte ein stechender Schmerz ihr Gesäß, und alle Gedanken an Selbstmitleid verflogen schlagartig. Sie fuhr hoch, schob den voluminösen Rock des grässlichen rosafarbenen Kleides, der sich um ihre Beine gewickelt hatte, nach unten, rappelte sich auf und erlaubte sich den Luxus, kräftig zu fauchen.

Theatralische Auftritte waren offensichtlich nicht ratsam, wenn man das erforderliche Modeaccessoire dieser Tage trug: die lästige Turnüre, die hinten unter dem Rock einer Dame befestigt war. Mit ungezügeltem Missmut streckte sie die Arme nach hinten und schob das unförmige Teil wieder an seinen Platz zurück.

Sie schleuderte die Schuhe von ihren Füßen und betrachtete erneut das Bett. Da sie auf ihren theatralischen Auftritt nicht verzichten wollte, trat sie ein paar Schritte zurück, schob ihren Rock ein Stück nach oben und nahm Anlauf. Sie sprang ab und landete mit einem dumpfen Aufprall auf der Bettdecke.

Doch es war gar nicht so einfach, Luft zu holen, da ihr eng geschnürtes Korsett gegen eine so anstrengende Tätigkeit protestierte, aber ihr fester Entschluss, in Selbstmitleid zu zerfließen, zwang sie, in kurzen Stößen einzuatmen, während sie den Kopf auf ihren verschränkten Armen barg. Diese Stellung war alles andere als bequem, aber wenigstens befand sie sich in einer angemessenen Körperhaltung, um so richtig in ihrem Schmerz aufzugehen. Sie schloss die Augen und zwang sich, diesen schrecklichen Tag Revue passieren zu lassen.

Pastor Michael Fraser, der Mann, für den sie über vier Jahre lang heimlich geschwärmt hatte, war jetzt verheiratet.

Leider war nicht sie die Braut gewesen, die er geheiratet hatte.

Diese Ehre war Miss Julia Hampton zuteilgeworden, einer jungen Frau, die Felicia wahrscheinlich hätte gut leiden können, wenn sie sich nicht ausgerechnet den Mann geangelt hätte, für den Felicia seit Jahren schwärmte. Dabei hatte sie lange geglaubt, dass Gott diesen Mann dazu bestimmt hätte, sie zu heiraten.

Augenscheinlich hatte es zwischen ihr und Gott in letzter Zeit ein kleines Missverständnis gegeben. Offen gesagt war sie im Moment sogar ein wenig wütend auf ihn.

Dabei war sie so sicher gewesen, dass Gott heute eingreifen und die Hochzeit mit einem Blitz oder etwas ähnlich Beeindruckendem verhindern würde. Damit wäre ein für alle Mal bewiesen worden, dass sie und nicht Miss Hampton für Pastor Fraser bestimmt war. Aber obwohl sie während der gesamten Trauung die Kirchendecke fest im Blick behalten hatte, war weit und breit kein göttliches Einschreiten zu beobachten gewesen.

Ein starkes Unbehagen zwang sie, die Augen zu öffnen.

Gütiger Himmel! Wenn Gott in ihrem Sinne eingegriffen hätte, wäre Miss Hampton, beziehungsweise Mrs Fraser, am Boden zerstört gewesen. Julias Träume und Hoffnungen wären für immer zerschlagen und … Die Selbstsucht ihrer Wünsche verriet nichts Gutes über Felicias Charakter.

Es war kein Wunder, dass Gott ihre vielen Gebete in Bezug auf Pastor Fraser nicht erhört hatte. Sie war ein jämmerliches Exemplar von einer Frau, die doch tatsächlich von sich selbst behauptete, gottesfürchtig zu sein.

Wie hatte sie sich nur einreden können, dass sie dazu bestimmt wäre, die Frau eines Pfarrers zu werden?

Das war vollkommen lächerlich, anders konnte man es nicht beschreiben. Nachdem sie so viele Jahre auf Pastor Fraser fixiert gewesen war, hatte sie inzwischen das reife Alter von vierundzwanzig Jahren erreicht und musste sich eingestehen, dass sie inzwischen ernsthaft in der Bredouille saß.

Keiner der unverheirateten Männer der New Yorker Gesellschaft interessierte sich für eine Frau, die schon so alt war. Das bedeutete, dass es ihr Los war, für immer eine alte Jungfer zu bleiben.

Sie sah im Geiste vor sich, wie sie in zehn Jahren aussehen würde. Dieses Bild trug jedoch nicht dazu bei, ihre Nerven zu beruhigen, besonders, da sie in diesem Bild ein hässliches, schäbiges Tuch um ihre Schultern geschlungen hatte und sich ein Dutzend Katzen um ihre Beine schmiegten.

Und das, wo sie Katzen nicht leiden konnte. In der Nähe von Katzen musste sie niesen. Außerdem schienen sie sie immer gerade dann plötzlich anzuspringen, wenn sie am wenigsten damit rechnete.

Felicia streckte eine Hand aus, zog ein blaues Samtkissen zu sich heran, drückte es sich ans Gesicht und bemühte sich, alles aus ihren Gedanken zu verbannen, was mit Katzen zu tun hatte. Zu ihrem Kummer tauchten immer mehr Katzen vor ihrem inneren Auge auf, je mehr sie versuchte, sie zu verdrängen. Sie schob das Kissen zur Seite und begann, eine fröhliche Melodie zu pfeifen, die sie von einem der Pferdeknechte gehört hatte. Zum Glück verschwanden die Katzen. An ihrer Stelle sah sie jetzt Matrosen auf krummen Beinen durch den Hafen schlendern.

Das war nicht viel besser, da sie von Matrosen keine Ahnung hatte, aber Hauptsache, die Katzen waren fort.

„Was pfeifst du denn da?“

Felicia kniff die Lippen fest zusammen, riskierte einen Blick und sah zu ihrem großen Kummer, dass ihre Mutter entschlossenen Schrittes auf sie zukam. Sie drückte die Augen zu und begann, wie sie hoffte, glaubwürdig zu schnarchen.

„Ich weiß, dass du wach bist.“

„Ich bin nicht wach.“

Ein Schmunzeln war Ruth Murdocks einzige Antwort. Dann fühlte Felicia, wie sich die Matratze senkte und dann noch einige Male kräftig schaukelte, während ihre Mutter versuchte, es sich bequem zu machen. Offenbar war sie zu einem gemütlichen Plauderstündchen aufgelegt.

„Es war eine schöne Hochzeit, nicht wahr?“

Das Letzte, worüber sie sich jetzt unterhalten wollte, war die Hochzeit. Die Enttäuschung war noch zu frisch, aber ihre Mutter konnte ja nicht ahnen, dass ihre Tochter heute einen schmerzlichen Tiefschlag erlitten hatte. Felicia hatte nie irgendjemandem gestanden, dass sie Pastor Fraser sehr schätzte.

„Ich fand, Miss Hampton sah sehr hübsch aus.“

Felicia zwang sich, die Augen aufzuschlagen, und schob sich umständlich vom Bett hoch. Sie schüttelte ihr Kleid aus und setzte ein, wie sie hoffte, glaubwürdiges Lächeln auf. „Ja, das stimmt.“

„Du hast auch sehr hübsch ausgesehen.“ Ruths Augen begannen zu leuchten. „Mir ist aufgefallen, dass dir Mister Zayne Beckett viel Aufmerksamkeit geschenkt hat.“

Felicia schaute an ihrer Mutter vorbei und betrachtete sich in dem Spiegel, der neben dem Eingang zu ihrem Ankleidezimmer stand.

„Hübsch“ war wohl kaum das Wort, mit dem sie ihr Aussehen beschreiben würde.

Ihre hellblonden Haare waren straff aus dem Gesicht gekämmt und der strenge Nackenknoten zog ihre tiefblauen Augen mit den langen Wimpern in den Augenwinkeln unnatürlich nach oben. Sie hatte hohe Wangenknochen, und ihre Nase war zierlich, aber ihr Gesicht sah angespannt und blass aus, und sie ähnelte mehr einer Vierzigjährigen als einer vierundzwanzigjährigen jungen Frau. Ihr Blick wanderte über ihre viel zu vollen Lippen und blieb an ihrem Kleid hängen, das so monströs war, dass es die weiblichen Rundungen völlig verbarg, die sie sehr wohl besaß. Sie verzog das Gesicht, als die Sonne ausgerechnet in diesem Moment durch das Fenster schien und den rosa Tüllstoff, den sie trug, grell aufleuchten ließ.

„Hast du vor, Zayne bald wiederzutreffen?“, fragte Ruth.

Felicia wandte den Blick von ihrem abstoßenden Spiegelbild ab. „Mutter, also wirklich! Zayne hat mir nur aus einem einzigen Grund viel Aufmerksamkeit geschenkt: weil ich ihn versehentlich über die Kirchenbank geschubst habe, nachdem du mich mit ein wenig zu viel Enthusiasmus in seine Richtung geschoben hattest. Da Zayne ein Gentleman ist, hatte er Sorge, dass ich in Verlegenheit geraten könnte, weil er so plötzlich abgetaucht war.“

Sie atmete hörbar aus. „Außerdem vergisst du die lästige kleine Tatsache, dass er als Bräutigam nicht mehr infrage kommt, da er mit Miss Helena Collins so gut wie verlobt ist.“

Ruth schaute sie vielsagend an. „Pastor Fraser kam auch schon eine ganze Weile nicht mehr als Bräutigam infrage, aber das hat dich nicht davon abgehalten, für diesen Mann zu schwärmen. Also wirklich, Felicia! Wie du heute während der gesamten Trauung zur Decke gestarrt hast, das war nicht ganz angemessen. Man hätte fast meinen können, du hättest darauf gewartet, dass ein Blitz vom Himmel fährt und die Trauung verhindert.“

Manchmal kannte ihre Mutter sie einfach zu gut, aber … Sie riss die Augen auf. „Du wusstest Bescheid?“

Ruth rutschte zur Kopfseite des Bettes und stopfte sich einige Kissen in den Rücken. „Natürlich wusste ich Bescheid, Liebes.“ Sie faltete die Hände auf ihrem Bauch. „Und ich hege die große Hoffnung, dass du diesen Mann jetzt, da er glücklich verheiratet ist, endlich ein für alle Mal vergisst. Ich hätte auch nichts dagegen einzuwenden, wenn du die züchtige, sittsame Art, die du dir in den vergangenen vier Jahren angewöhnt hast, wieder ablegen würdest.“

„Dich stört meine ‚züchtige, sittsame Art‘?“

Ruth biss sich auf die Lippe. „Oh weh! Vielleicht habe ich mich jetzt falsch ausgedrückt.“ Sie neigte den Kopf zur Seite. „Natürlich erwarte ich von dir, meine Liebe, dass du dich jederzeit wie eine Dame benimmst, aber seit du Pastor Fraser kennengelernt hast, ist von deiner ausgelassenen Lebensfreude immer weniger zu sehen. Ich würde mir wünschen, dass du dein Leben wieder genießt. Ich hätte auch nichts dagegen, wenn du deinen Kleidungsstil drastisch verändern würdest. Deine ausgesprochen ausgefallene Art, dich zu kleiden, bietet zwar bei jedem gesellschaftlichen Anlass ein willkommenes Gesprächsthema, aber sie stört mich seit Jahren.“

„Mein erstes ‚ausgefallenes‘ Kleid hast du mir gekauft.“

„Ich liebe dich wirklich sehr, Schatz, aber ich übernehme nicht die Verantwortung dafür, wie du dich kleidest. Ich habe dir vor Jahren tatsächlich ein etwas unvorteilhaftes Kleid mit vielen Schleifen gekauft, ja. Aber nur, weil die Schneiderin mir versicherte, dass du darin um Jahre jünger aussehen würdest. Wenn du dich erinnerst: Du hattest damals schon das reife Alter von fast zwanzig Jahren erreicht und immer noch keinen Bewunderer.“

„Das lag nur daran, dass mein gesellschaftliches Debüt wegen Großmutters Tod und Großvaters schlechtem Gesundheitszustand verzögert wurde.“

Ruths Lippen verzogen sich zu einem Lächeln. „Die Hingabe, mit der du deinen Großvater gepflegt hast, war wirklich lobenswert, aber das entschuldigt trotzdem nicht das entsetzliche Kleid, das ich dir damals gekauft habe.“ Sie erschauderte. „In dem Moment, in dem du in diesem lächerlichen Kleid aus deinem Zimmer kamst, war mir klar, dass ich einen furchtbaren Fehler begangen hatte. Leider hatten wir keine Zeit mehr zum Umziehen. Mir blieb also nichts anderes übrig, als dir zu sagen, wie reizvoll du aussehen würdest, und zu beten, dass du mir eines Tages vergeben könntest.“

„Du hast mir nie gesagt, dass ich lächerlich aussah!“

„Ich hatte die feste Absicht, es dir zu sagen, Schatz – natürlich erst nach dem Ball. Aber ausgerechnet an diesem Abend hast du Pastor Fraser kennengelernt. Er war so dumm – auch wenn er es bestimmt nett gemeint hat –, dir zu sagen, du würdest entzückend und reizvoll aussehen.“

„Er klang aber, als würde er es auch ernst meinen.“

„Das hat er bestimmt auch getan, schließlich ist er ein sehr freundlicher Mann. Aber von Mode hat er nicht die geringste Ahnung. Ich kann dir gar nicht sagen, wie entsetzt ich war, als du dir am nächsten Tag eine komplett neue Garderobe in einem sehr fragwürdigen Stil bestellt und deine alten Kleider weggegeben hast. Seit jenem Tag hast du nichts mehr getragen, das auch nur ansatzweise modisch wäre.“

Ein Gefühl, das verdächtig an Bedauern erinnerte, regte sich in ihr. „Ich habe versucht, Pastor Fraser zu beeindrucken. Und ich dachte, dass mir das gelingen würde, denn schließlich hat er mir sehr oft Komplimente gemacht.“

„Wie gesagt, er ist ein sehr netter Mann, und er hat wahrscheinlich gedacht, dass er dir besonders viele Komplimente machen müsse, weil du immer so sonderbar ausgesehen hast.“ Ruth seufzte laut. „Ich habe nie verstanden, wie du auf die Idee kommen konntest, dass er der Richtige für dich wäre.“

„Ich dachte, Gott hätte ihn zu mir geschickt.“

„Weil …?“

Felicia ging zu ihrem Sofa und ließ sich so schwungvoll darauf nieder, dass sich ihre Röcke um sie herum aufbauschten. „Als ich von Großvater zurückkam, war mir sehr wohl bewusst, dass ich auf dem besten Weg war, eine alte Jungfer zu werden. Deshalb führte ich unmittelbar vor jenem Ball ein ernsthaftes Gespräch mit Gott. Ich sagte ihm, dass ich an diesem Abend einen passenden Mann finden wollte. Und dann tauchte zu meiner großen Freude Pastor Fraser auf.“

„Ist dir je der Gedanke gekommen, dass du da etwas falsch verstanden haben könntest? Dir muss doch irgendwann aufgefallen sein, dass du dich mit deiner abenteuerlustigen Art kaum für ein Leben als Pfarrersfrau eignen würdest.“

Felicia beugte sich vor und hatte plötzlich eine Wand aus rosa Tüll vor sich. Sie schob den Stoff unwirsch zur Seite. „Ich gäbe bestimmt eine gute Pfarrersfrau ab!“

„Du hast dich auch wirklich sehr bemüht, den Bedürftigen zu helfen und den Gottesdienst zu besuchen. Aber sag mir eines: Tust du das alles, weil du es wirklich willst, oder war das einfach ein Mittel zum Zweck – um in Pastor Frasers Nähe zu sein?“

Mit den Antworten auf diese Fragen wollte sich Felicia im Moment nicht auseinandersetzen. Sie hatte bereits erkannt, dass sie ein furchtbarer Mensch war, weil sie gewünscht hatte, ein Blitz würde vom Himmel fahren und Miss Hamptons Träume zerstören. Sie wollte jetzt auf keinen Fall darüber nachdenken, ob vieles von dem, das sie angeblich aus selbstlosen Motiven heraus getan hatte, in Wirklichkeit nur ein Versuch gewesen war, Pastor Fraser zu beeindrucken.

Ein Klopfen an der Tür bot einen willkommenen Anlass, ihrer Mutter eine Antwort schuldig zu bleiben. Sie erhob sich, marschierte durch das Zimmer und öffnete die Tür, vor der Gladys stand, eines ihrer Dienstmädchen.

Gladys machte einen höflichen Knicks. „Unten wartet ein Mann, Miss Murdock, der Sie sprechen möchte.“

„Ein Mann?“

„Ja. Mr Sumner.“

Sie war sofort auf der Hut. „Sind Sie sicher?“

Gladys nickte und drückte Felicia eine Visitenkarte in die Hand. Felicia betrachtete die Karte. Es sah tatsächlich so aus, als wäre Mr Grayson Sumner zu ihr gekommen. Sie zuckte zusammen, als ihre Mutter ihr plötzlich über die Schulter schaute.

„Ah, wie nett! Mr Sumner – was er wohl will?“

Felicia wandte sich um und bemerkte sofort den unschuldigen Blick, mit dem ihre Mutter sie bedachte. Diesen Blick kannte sie nur allzu gut, da sie ihn oft bei ihrer Mutter beobachten konnte, wenn sie etwas im Schilde führte. „Das wüsste ich auch gern.“

Ruth strahlte Gladys an. „Bitte sag Mr Sumner, dass Felicia gleich kommt.“

„Das glaube ich nicht. Gladys, bitte sag ihm, dass ich indisponiert bin.“

„Sie ist gleich unten!“, wiederholte Ruth.

„Ich bin indisponiert!“

Ruth schien plötzlich größer zu werden und ihr Gesicht rötete sich. „Du bist nicht indisponiert. Du schmollst nur. Das steht dir übrigens überhaupt nicht.“ Sie nickte Gladys zu. „Du kannst Mr Sumner mitteilen, dass Felicia gleich zu ihm kommt.“

Ohne Felicia Gelegenheit zu geben, noch einmal zu widersprechen, machte Gladys einen schnellen Knicks, drehte sich eilig um und verschwand.

„Warum ist Grayson Sumner hier, Mutter?“

„Weil er gern in deiner Gesellschaft ist?“

„Mr Sumner und ich haben uns bis jetzt kaum Gesellschaft geleistet.“

Ruth lächelte. „Jetzt weiß ich’s! Er hat dich heute bei der Hochzeit gesehen. Dabei hat er erkannt, dass er dich besser kennenlernen möchte, und deshalb ist er jetzt hier.“

„Ich glaube dir nicht, dass das der Grund ist, warum ein Mitglied der britischen Aristokratie unten auf mich wartet.“

„Das sehe ich anders.“

„Heraus mit der Sprache, Mutter! Was hast du jetzt wieder angestellt?“

„Ich kann gar nicht verstehen, warum du so misstrauisch bist.“

Felicia zog eine Braue hoch.

Ruth zog ebenfalls eine Braue hoch, gab aber schnell auf. „Also gut! Wenn du es unbedingt wissen musst: Mr Sumner ist gekommen, um dich zu seiner Schwester zu begleiten. Eliza hat beschlossen, Gäste zum Nachmittagstee einzuladen, und hat mich ausdrücklich gebeten, dir ihre Einladung zu überbringen.“ Ruth atmete hörbar aus. „Sie machte sich große Sorgen, als dich nach der Hochzeit niemand finden konnte. Es wird dich freuen zu hören, dass ich deine überstürzte Flucht nach der Hochzeit mit so wenigen Worten wie möglich erklärt und nur angedeutet habe, dass du vom Stoff deines Kleides Ausschlag bekommen hast.“

„Du hast allen gesagt, ich hätte Ausschlag?“

„Nein, nicht allen. Nur Eliza, Grayson und dieser entzückenden Agatha Watson.“ Ruth runzelte die Stirn. „Natürlich ist mir gleich der Gedanke gekommen, dass das wahrscheinlich nicht die beste Erklärung war, da man mit einem Ausschlag gewöhnlich nicht gut aussieht. Aber man hört immer wieder, dass Frauen manchmal einen Ausschlag bekommen, wenn sie viel Tüll tragen, was bei dir heute eindeutig der Fall war. Es war also auf jeden Fall eine glaubwürdige Erklärung.“ Ruths Stirnrunzeln verwandelte sich in ein Lächeln. „Jetzt werden deine Freunde wenigstens auf deine empfindliche Verfassung Rücksicht nehmen. Sie müssen ja nicht den wahren Grund erfahren: dass du wegen deiner unglücklichen Schwärmerei für Pastor Fraser nach der Hochzeit geflohen ist.“

Felicia fiel beim besten Willen nichts ein, das sie auf diesen Unsinn erwidern könnte. Da ihre Mutter von einem Ausschlag gesprochen hatte, begann ihre Haut plötzlich auf unerklärliche Weise zu jucken. Sie kratzte sich am Arm und schaute ihre Mutter fragend an. „Warum kann ich nicht einfach mit dir zu Eliza fahren?“

„Ähm, weil … ich nicht eingeladen bin.“

Ihre Mutter wurde mit jedem Tag unverbesserlicher. „Eliza würde es nie versäumen, dich einzuladen, Mutter.“

„Ich glaube, es ist ein Tee für junge Leute.“

So kamen sie nicht weiter.

„Und wie kam es, dass Mr Sumner gezwungen wurde, mich abzuholen?“

„Ich würde nicht sagen, dass er gezwungen wurde. Ich hatte den Eindruck, dass er sehr gern angeboten hat, dich abzuholen.“ Ruths Augen begannen zu funkeln. „Du solltest dich geehrt fühlen, dass ein Mann von Sumners Kaliber dich abholt. Ein Mann mit einem so entzückenden Akzent und einem so attraktiven Gesicht gefällt doch jeder Frau.“

Jetzt hatte sie den eindeutigen Beweis, dass ihre Mutter tatsächlich etwas im Schilde führte. „Du bist unmöglich, Mutter!“

„Wie bitte?“

„Du schmiedest wieder irgendwelche Ränke, Mutter, und gehst dabei noch nicht einmal sehr subtil vor. Du hast Grayson Sumner als möglichen Ehemann für mich ins Visier genommen.“

„Meine Güte, Felicia! Ich hätte nie gedacht, dass du eine so lebhafte Fantasie hast! Ich habe doch nur gesagt, dass er ein guter Kandidat, äh, Begleiter zu Elizas Nachmittagstee wäre.“

„Grayson Sumner spielt in einer anderen Liga. Er ist ein Aristokrat. Genauer gesagt, ein echter Earl.“

Ruth interessierte sich plötzlich sehr stark für den Ärmel ihres Kleides. „Du würdest eine hübsche Countess abgeben. Und denk doch nur, wie entzückend die Kinder aussehen würden, die ihr bekämt. Wenn du dein gutes Aussehen nicht versteckst, bist du nämlich sehr schön, und Grayson … Muss ich wirklich weitersprechen?“ Ruth schaute sie an. „Wären eure Kinder kleine Lords und Ladys oder haben Kinder von Earls keinen Titel?“

„Mr Sumner hat auf seinen Titel verzichtet.“

„Er kann seinen Titel jederzeit wieder beanspruchen, wenn man ihm die Gründe dafür plausibel macht.“

Dieses Gespräch schlug immer bizarrere Wege ein. „Ich hatte nie den Wunsch, Mitglied der Aristokratie zu werden.“

„Das stimmt nicht ganz. Als zu zehn warst, hast du mir erklärt, dass du Prinzessin werden willst.“

„Alle kleinen Mädchen wollen Prinzessinnen werden.“

„Und jetzt kannst du dir darüber Gedanken machen, ob du nicht eine Countess werden willst. Das ist fast das Gleiche.“

Felicia atmete so tief ein, dass ihr Korsett ihr den Brustkorb noch stärker einschnürte. Auch das Jucken war seltsamerweise noch nicht verschwunden. „Du musst ihm sagen, dass es mir nicht gut geht. Ich habe tatsächlich das Gefühl, dass ich einen Ausschlag bekomme.“

„Du bekommst keinen Ausschlag und ich werde nichts Dergleichen tun.“

„Dann sag ihm, dass ich nichts Passendes zum Anziehen habe.“

„Dein Kleiderschrank platzt aus allen Nähten.“

„Ich will diese Kleider nicht mehr anziehen.“

„Du willst es mir wirklich schwermachen?“

„Ja.“

Ruth tätschelte Felicias Wange. „Liebes, mir ist bewusst, dass du heute eine große Enttäuschung erlitten hast. Aber es wäre völlig falsch, dich jetzt in deinem Zimmer zu verkriechen. Du musst das Leben wieder genießen und eine Zukunft in Angriff nehmen, die dir erlaubt, das zu sein, was du wirklich bist. Und du musst aufhören, die Rolle zu spielen, die du in letzter Zeit immer gespielt hast.“

„Gehe ich recht in der Annahme, dass ich das alles deiner Meinung nach in der Gesellschaft von Grayson Sumner tun sollte?“

„Er ist ein charmanter Gentleman, Felicia. Und wenn ich euch zusammen gesehen habe, habt ihr immer gelächelt.“

„Ich lächle in seiner Nähe wahrscheinlich nur, um nicht zu zeigen, dass er mich unglaublich nervös macht.“

„Hm.“ Ruths Augen begannen erneut zu funkeln.

Diesem Funkeln folgte gewöhnlich unweigerlich Chaos. Das bedeutete, dass Felicia dieses Thema im Keim ersticken musste, bevor ihre Mutter tatsächlich noch auf verrückte Ideen käme. „Grayson Sumner hat eine sehr geheimnisumwobene Vergangenheit, und ich denke, dass ihn diese Vergangenheit zu einem gefährlichen Mann gemacht hat.“

„Ich hatte schon immer eine Schwäche für gefährliche Männer.“

Mit ihrer Mutter konnte man einfach nicht vernünftig reden. Felicia gab die Hoffnung auf, an diesem Nachmittag ausgiebig in Selbstmitleid baden zu können. „Also gut, ich werde sehen, ob ich etwas zum Anziehen finde.“

„Das ist die richtige Einstellung, Schatz.“ Ruth tätschelte noch einmal Felicias Wange, während ihre Adleraugen über Felicias Haare glitten. „Vielleicht könntest du auch deine Haare etwas anders frisieren, Liebes. Ehrlich gesagt sehen sie furchtbar aus.“ Mit diesen Worten eilte Ruth aus dem Zimmer.

Felicia ließ die Schultern hängen. Sie hatte erkannt, dass ihr nichts anderes übrig blieb, als sich umzuziehen und dann zu Elizas Nachmittagstee zu fahren. Sie marschierte in ihr Ankleidezimmer, wo sie die Tür zu ihrem begehbaren Kleiderschrank aufriss. Sie weigerte sich, sich den Luxus zu gönnen, tief aufzuseufzen, als ihr Blick über Kleider in Rosa, Gelb und Hellgrün und viel zu viele Bänder, Schleifen und – was noch besorgniserregender war – Federn wanderte.

Zu ihrer eigenen Überraschung wurde sie plötzlich wütend. Sie trat in den begehbaren Kleiderschrank und begann, in ihrer Garderobe zu wühlen. Ihr Zorn schlug rasch in Beunruhigung um, als sie begriff, was sie in den vergangenen vier Jahren getan hatte: Sie hatte ihre Persönlichkeit verändert, nur weil sie gehofft hatte, dadurch die Aufmerksamkeit eines Mannes auf sich zu ziehen.

Sie hatte Stunden über Stunden in der Kirche verbracht; überall, wo sie gebraucht worden war, hatte sie ehrenamtlich mitgearbeitet, ob es bei der Verteilung von Essen an Bedürftige oder beim Sortieren von getragener Kleidung gewesen war. Gelegentlich hatte sie sogar die Kirchenbänke geschrubbt.

Sie war stolz darauf gewesen, keinen einzigen Gottesdienst zu verpassen, obwohl sie in Wirklichkeit nur in die Kirche gegangen war, um Pastor Fraser zu sehen.

Sie war eine Heuchlerin. Und es war höchste Zeit, ihr Leben wieder in Ordnung zu bringen.

Ihre Hände erstarrten, als ihr Blick auf etwas Dunkles fiel. Sie wühlte sich in die hinterste Ecke ihres Schranks vor und zog das schwarze Kleid heraus, das sie anlässlich der Beerdigung ihres Großvaters getragen hatte.

Ohne sich die Mühe zu machen, nach einem Dienstmädchen zu klingeln, riss sie sich den rosa Tüll vom Leib. Dann schlüpfte sie in das schwarze Kleid, trat wieder vor den Spiegel und betrachtete sich darin. Hastig zog sie die Nadeln aus ihren Haaren. Ihre Finger bewegten sich schneller und immer schneller, und sie erkannte, dass etwas, das sehr viel Ähnlichkeit mit Panik hatte, sie erfasst hatte.

Sie hatte Jahre ihres Lebens vergeudet.

Felicia war sich selbst fremd geworden, und die Frau, die sie da im Spiegel sah, gefiel ihr ehrlich gesagt auch nicht.

Ihre Mutter hatte recht. Es wurde höchste Zeit, wieder sie selbst zu sein, aber sie hatte keine Ahnung, wie sie das anstellen sollte.

Das Gesicht von Grayson Sumner tauchte vor ihrem inneren Auge auf.

Ihre Mutter hatte nicht die Unwahrheit gesagt: Er war ein attraktiver Gentleman, er war reich, und er hatte einen Titel und einen entzückenden britischen Akzent. Aber er war trotzdem gefährlich. Das hatte sie schon bei ihrer ersten Begegnung mit diesem Mann erkannt.

Sie zog eine weitere Nadel aus ihren Haaren, betrachtete sich mit schief gelegtem Kopf und nickte dann. Vielleicht war ein Hauch von Gefahr genau das, was sie brauchte, um ihr Leben wieder in die richtigen Bahnen zu lenken.

2

Grayson Sumner nahm die dünnwandige Teetasse, die ihm das Dienstmädchen freundlicherweise gebracht hatte, nippte an dem köstlichen Getränk und schaute sich dann in dem gemütlich eingerichteten Wohnzimmer um. In diesem Teil des Murdock-Hauses war er noch nie zuvor gewesen, und er war ehrlich überrascht, dass der Raum so geschmackvoll eingerichtet war. Keine einzige grelle Farbe weit und breit in Sicht.

Aufgrund von Miss Felicia Murdocks exzentrischem Kleidungsstil hatte er etwas Ausgefalleneres erwartet und war fast enttäuscht, dass alles so … gewöhnlich aussah.

Seine Enttäuschung wich schnell einer gewissen Erheiterung, und er musste schmunzeln, als ihm der Gedanke kam, dass man Felicia nie für „gewöhnlich“ halten würde, selbst wenn ihr Zuhause völlig konventionell aussah. Sie hatte sich einer höchst ungewöhnlichen Mode verschrieben. Ihre Kleider waren immer mit Schleifen und Bändern übersät. Doch kurz nachdem er die junge Frau kennengelernt hatte, hatte er entdeckt, dass unter den zahllosen Stoffschichten, die sie verhüllten, ein ganz anderer Mensch steckte, ein Mensch, mit dem man Pferde stehlen konnte.

Er konnte nicht erklären, wie er zu dieser Erkenntnis gelangt war. Sie hatte sich in seinem Beisein nie in irgendeiner Weise unziemlich verhalten. Felicia benahm sich allen gegenüber wie eine züchtige junge Dame, aber ihre Augen funkelten immer wieder schelmisch und verschmitzt, was seinen Eindruck verstärkte, dass in ihr auch noch ein ganz anderer Mensch steckte.

Grayson hatte beim besten Willen nicht begreifen können, warum sie dennoch so zurückhaltend war – ihren sonderbaren Kleidergeschmack natürlich ausgenommen, der alles andere als zurückhaltend war. Aber vor ein paar Stunden waren ihm die Augen geöffnet worden. Er hatte beobachtet, wie sie während der gesamten Trauungszeremonie auf der Kante ihrer Kirchenbank gesessen und den Eindruck erweckt hatte, als würde sie am liebsten die Flucht ergreifen. Als er seiner Schwester Eliza gegenüber eine Bemerkung über Felicias sonderbares Verhalten gemacht hatte, hatte sie sich zu ihm herübergebeugt und ihm zugeflüstert, dass sie zu der Überzeugung gekommen sei, Felicia hege Gefühle für Pastor Fraser und sei womöglich sogar in ihn verliebt.

Das hatte vieles erklärt – zumindest Felicias sittsames Benehmen, nicht jedoch ihren sonderbaren und ausgefallenen Modegeschmack. Was ihn allerdings sehr erstaunt hatte, war der nicht zu ignorierende Unmut gewesen, der sich bei den Worten seiner Schwester in ihm geregt hatte.

Er konnte beim besten Willen nicht sagen, was diesen Unmut ausgelöst hatte, aber er war während der Feier richtiggehend einsilbig gewesen, was sehr sonderbar war, da ihn Hochzeiten gewöhnlich fröhlich stimmten.

Grayson nippte an seinem Tee, stellte die Tasse auf einen Tisch neben seinem Sessel und holte seine Taschenuhr heraus. Er fragte sich, wann Felicia auftauchen würde, beziehungsweise, ob sie sich überhaupt blicken ließe.

Vielleicht hatte sich ihr Ausschlag verschlimmert.

Sollte er sich nach ihrem Ausschlag erkundigen, wenn sie käme, oder einfach so tun, als hätte Mrs Murdock diese ausgesprochen intime Information nicht verraten?

Er kam zu dem Schluss, dass es in dieser Situation wahrscheinlich das Beste wäre, so zu tun, als wüsste er von nichts. Grayson lehnte sich zurück und streckte die Beine aus, sprang aber einen Augenblick später schnell auf, als Mrs Murdock mit ihrem gewohnten Lächeln ins Zimmer rauschte. Er trat vor, ergriff die Hand, die sie ihm hinhielt, und führte sie an seine Lippen, was Mrs Murdock ein Lächeln entlockte und eine leichte Röte auf ihre Wangen trieb.

„Bitte verzeihen Sie, dass ich Sie so lange warten ließ“, entschuldigte sich Ruth Murdock, als er ihre Hand losließ. „Felicia wird jeden Moment hier sein.“

„Ich hoffe, sie konnte das … äh, kleine Problem, das Sie erwähnten, zu ihrer Zufriedenheit beheben.“

Ruth verzog leicht das Gesicht, lächelte dann aber. „Ja, das konnte sie, aber es wäre vielleicht besser, wenn Sie diese Sache ihr gegenüber nicht erwähnen. Damen sind in solchen Dingen sehr empfindlich.“ Sie ging zu einem Sofa, das mit einem wasserblauen Seidenstoff überzogen war, und winkte ihn zu sich. „Wir können es uns ja bequem machen, bis sie kommt.“ Sie setzte sich und deutete auf den Platz neben sich.

Grayson kam ihrer Aufforderung lächelnd nach. Als sie sich zu ihm herüberbeugte und mütterlich sein Knie tätschelte, wurde sein Lächeln breiter.

„Ich muss Ihnen noch einmal dafür danken, dass Sie Felicia heute Nachmittag abholen. Ich weiß, dass sie sehr enttäuscht gewesen wäre, wenn sie den Tee mit ihren Freunden verpasst hätte.“

„Ich habe meine Dienste sehr gerne angeboten.“

Ruth beugte sich noch näher zu ihm herüber und senkte verschwörerisch die Stimme. „Kommen Sie, Mr Sumner. Ich weiß ganz genau, dass Sie Ihre Dienste nur deshalb so schnell angeboten haben, weil Eliza Ihnen auf den Fuß getreten ist.“

„Das haben Sie gesehen?“

„Ich bin Mutter, ich sehe alles.“ Sie tätschelte erneut sein Knie. „Zerbrechen Sie sich darüber aber nicht den Kopf. Sie sind ein Mann, und Männer sehen die Gelegenheiten, die sich ihnen bieten, normalerweise nicht so schnell wie wir Frauen.“

„Gelegenheiten?“

„Ja. Deshalb ist es ja so ein großes Glück, dass Ihre Schwester eine so gute Beobachterin ist. Sie hat gewiss nur Ihr Bestes im Sinn. Sie sollten sich also unbedingt bei ihr dafür bedanken, dass sie Ihnen auf den Fuß getreten ist, wenn Sie sie das nächste Mal sehen.“

Er hatte keine Ahnung mehr, worum es bei diesem Gespräch ging oder worauf diese Frau hinauswollte.

Ruth sprach unbeirrt weiter. „Sie legen Eliza gegenüber sehr viel Nachsicht an den Tag, nicht wahr?“

Er öffnete den Mund, um ihr zu antworten, aber sie sprach weiter, als hätte sie ihm nicht soeben eine Frage gestellt. „Verraten Sie mir, mein Lieber: Glauben Sie, dass diese Nachsicht daher rührt, dass Sie Ihre Schwester so viele Jahre vernachlässigt haben?“

Dem konnte er nicht widersprechen.

Er hatte seine Schwester jahrelang vernachlässigt, und die Schuldgefühle, die ihn deshalb quälten, waren wahrscheinlich der Grund, warum er Eliza jeden Wunsch erfüllte.

Er hatte sie und seinen Vater verlassen, ohne sich von ihnen zu verabschieden, und seiner Verantwortung einfach den Rücken gekehrt, als er nach dem Abschluss seines Studiums in Oxford zum Abenteuer seines Lebens aufgebrochen war. Er war nie auf den Gedanken gekommen, dass sein Vater sterben könnte, dass der Verwalter seiner Familie ihr gesamtes Vermögen stehlen und Eliza völlig allein dastehen würde.

Sie hatte geglaubt, er wäre tot.

Seine Schwester hatte um ihn getrauert, während er in China damit beschäftigt gewesen war, mit zweifelhaften Methoden ein Vermögen zu machen. Allein schon aus diesem Grund quälten Grayson immer noch große Schuldgefühle.

Das Bedauern war sein ständiger Begleiter, denn das, was am Ende in China passiert war, war allein seine Schuld gewesen. Er war schuld daran gewesen, dass seine Frau und ihre gesamte Familie auf brutale Weise ums Leben gekommen waren.

Nur ihm und Ming, dem Kind, das er nun als seine Tochter aufzog, war es gelungen, diesem schrecklichen Schicksal zu entgehen.

Plötzlich hustete Ruth und erinnerte ihn so daran, dass er sich eigentlich mit ihr unterhalten sollte. „Bitte entschuldigen Sie, Mrs Murdock. Was haben Sie gerade gesagt?“

„Ich habe mich nach Ihrer entzückenden Tochter erkundigt. Ich habe sie heute bei der Trauung vermisst.“

Mrs Murdocks Talent, von einer Sekunde auf die andere das Thema zu wechseln, war wirklich erstaunlich.

„Ming geht es gut. Danke der Nachfrage. Aber da sie erst vor Kurzem drei geworden ist, hielt ich es nicht für ratsam, sie heute mitzunehmen. Sie ist in einem Alter, in dem man nie genau weiß, was sie als Nächstes anstellt.“

„An dieses Alter erinnere ich mich sehr gut. Felicia war damals schrecklich.“

Schweigen breitete sich im Zimmer aus. Wahrscheinlich, weil Mrs Murdock die Lippen zusammenkniff und den Teppich betrachtete, als hätte sie dort etwas sehr Interessantes entdeckt.

Grayson konnte sich nur mit Mühe ein Lachen verkneifen und legte die Hand auf ihren Arm. „Ich bin sicher, dass Miss Murdock als Kind ein wahrer Engel war.“

Ruths Kopf fuhr hoch und sie nickte lebhaft. „Selbstverständlich. Wenn sie irgendetwas angestellt hatte – natürlich kam das so gut wie nie vor –, schaute sie mich mit großen Augen an, und ich konnte ihr nicht lange böse sein.“ Sie lächelte. „Eliza hat zweifellos in ihrer Kindheit Ihnen gegenüber die gleiche Taktik angewandt.“

Eliza war mit ihren roten Haaren und den großen blauen Augen wirklich zum Verlieben gewesen. Sie hatte ihn, den großen Bruder, verehrt, sie war ihm überallhin gefolgt. Das verschlimmerte allerdings seine Schuldgefühle darüber, weil er sie so verantwortungslos alleingelassen hatte.

„Sie brauchen eine Mutter für die kleine Ming.“

Und genau das passierte, wenn man im Gespräch mit einer Mutter, die ihre Tochter verkuppeln wollte, nicht auf der Hut war. Diese Mütter waren in ihrer Entschlossenheit, ihre Töchter gut zu verheiraten, unerbittlich und schlugen zu, wenn ein Mann es am wenigsten erwartete.

Grayson betrachtete Mrs Murdock einen Moment und erkannte am Funkeln in ihren Augen, dass diese bereits Pläne schmiedete. Er mochte Mrs Murdock und fand ihre Verkupplungsversuche ausgesprochen amüsant, auch wenn er selbst im Moment ihr neuestes Opfer war. Sie war unübersehbar eine Frau, die ihre Familie und besonders ihre Tochter sehr liebte. Das schätzte er an ihr, auch wenn er nicht die Absicht hatte, sich dem raffinierten Plan zu beugen, den sie offensichtlich gerade ausheckte.

Er wollte ehrlich zu ihr sein und musste ihr unmissverständlich begreiflich machen, dass er weder der richtige Mann für Felicia noch für irgendeine andere Frau wäre. Er hatte sich geschworen, nie wieder zu heiraten, und er hatte die feste Absicht, diesen Vorsatz auch zu halten. Er hatte zu viel Schuld auf sich geladen und war zu verdorben, auch wenn niemand die Wahrheit über ihn wusste. Er wäre nie gut genug, um einer Frau ein guter Ehemann zu sein, vor allem nicht einer Frau wie Felicia, die sehr reizvoll und faszinierend war.

Eine Schweißperle trat auf seine Stirn und lief über sein Gesicht, während ihn eine plötzliche Unruhe packte. Es war ein wenig besorgniserregend, dass ihm die Worte „reizvoll“ und „faszinierend“ in den Sinn kamen, als er an Felicia dachte. Zugegeben, das erklärte vielleicht, warum er bei der Hochzeit plötzlich schlecht gelaunt gewesen war, aber er sollte wohl lieber eilig das Weite suchen, bevor ihm noch Worte wie „verführerisch“, „charmant“ und „atemberaubend“ durch den Kopf spukten. Aber offensichtlich war es dafür schon zu spät.

Auf der Suche nach einer Entschuldigung, die es ihm ermöglichen würde, dieses Haus sofort zu verlassen, rieb er beiläufig über den Arm und fragte sich, ob Felicias Ausschlag vielleicht ansteckend war und sich in Windeseile unter den anderen Hochzeitsgästen ausgebreitet hatte. Er beugte sich nach unten und beäugte seine Haut, konnte aber nicht die geringste Rötung entdecken. Er kratzte sich trotzdem.

„Meine Güte, Mr Sumner, was haben Sie denn?“

Den starken Wunsch zu verschwinden, aber das konnte er schlecht sagen, wenn er Mrs Murdock nicht den perfekten Grund für weitere Spekulationen liefern wollte. Da er ihre abwegigen Gedanken kannte, wollte er das auf keinen Fall. Ein ungleichmäßiges Stapfen vor dem Wohnzimmer riss ihn aus seinen panischen Gedanken. Grayson wandte sich zur Tür. Sein Atem stockte abrupt, als Felicia ins Zimmer rauschte. Bei ihrem Anblick fiel seine Kinnlade nach unten, während ihm mit einiger Verzögerung einfiel, dass die Etikette verlangte, dass er sich erhob, wenn eine Dame das Zimmer betrat.

„Ach du meine Güte!“, flüsterte Ruth, die ebenfalls aufstand.

Mrs Murdocks Ausruf fasste die Situation perfekt zusammen. Die Frau, die jetzt vor ihm stand, hatte nicht die geringste Ähnlichkeit mit der Felicia, die er bis jetzt gekannt hatte. Er hatte es hier mit einer Frau zu tun, die ganz in Schwarz gekleidet war. Der Schnitt des Kleides betonte Rundungen, die ihm bisher nie aufgefallen waren und die er sich ganz gewiss nie hätte vorstellen können. Ihre Haare waren offen und fielen bis auf ihre Taille hinab, die unglaublich schmal war und ihre weiblichen Reize betonte.

Sein Mund wurde trocken, während eine weitere Schweißperle auf seine Stirn trat und über sein Gesicht lief. Wer hätte je gedacht, dass unter den Unmengen an Stoff, die Felicia gewöhnlich trug, eine so reizvolle Figur versteckt war?

Plötzlich wurde ihm bewusst, dass er Felicia anstarrte, und das, obwohl eine Mutter, die ihre Tochter unbedingt unter die Haube bringen wollte, direkt neben ihm stand. Deshalb wandte er den Blick schnell von Felicias unerwarteten Reizen ab und beschloss, dass es ungefährlicher wäre, wenn er seinen Blick auf ihre Haare richtete. Zu seinem Pech erregten einige Haarnadeln, die aus ihren Locken ragten, seine Aufmerksamkeit, und er verzog den Mund zu einem Grinsen, das er jedoch schnell zügelte, als Felicias Augen tödliche Pfeile auf ihn abschossen.

Ruth wählte diesen Moment, um sich laut zu räuspern. „Felicia, was denkst du dir nur dabei, ausgerechnet dieses Kleid anzuziehen? Und wo sind deine Manieren geblieben? Du hast Mr Sumner noch gar nicht begrüßt.“

„Mr Sumner“, sagte Felicia mit einer belegten Stimme, die fast wie ein Schnurren klang. Sein Mund fühlte sich plötzlich an, als wäre er voll Sand.

„Miss Murdock“, brachte er mühsam über die Lippen, verzog aber das Gesicht, als ihm bewusst wurde, dass seine Stimme unnatürlich hoch klang. Er schluckte, atmete tief ein und setzte erneut an, wobei er seine Stimme bewusst um einige Oktaven senkte. „Sie sehen entzückend aus.“ Felicia runzelte die Stirn, kniff die Augen zusammen und verschränkte die Arme vor der Brust.

Irgendwie schien sie an dem Wort „entzückend“ Anstoß zu nehmen. Er unternahm einen erneuten Versuch. „Charmant?“

Sie kniff die Augen noch stärker zusammen.

„Anders?“

Felicias Stirnrunzeln verschwand, und ihre Lippen verzogen sich zu einem atemberaubenden Lächeln, das ihm die Fähigkeit raubte, auch nur einen einzigen vernünftigen Gedanken zu fassen.

Sie war umwerfend, wenn sie lächelte.

„Danke, Mr Sumner.“

„Ehrlich gesagt, Felicia, bin ich mir nicht sicher, ob er dir wirklich ein Kompliment machen wollte“, murmelte Ruth, bevor sie fuchtelnd auf Felicias Kleid deutete. „Hättest du die Güte, mir zu erklären, warum du ganz in Schwarz gekleidet bist? In letzter Zeit ist niemand gestorben.“

Felicia hob das Kinn. „Ich hatte nichts anderes anzuziehen. Und es ist jemand gestorben: mein altes Ich. Ich habe beschlossen, eine neue Identität anzunehmen, wenigstens für heute. Heute bin ich Clara.“

Grayson wechselte einen schnellen Blick mit Ruth, die tief besorgt wirkte, bevor er seine Aufmerksamkeit wieder Felicia widmete. Er war neugierig. „Warum Clara?“

Felicia strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Einige Haarnadeln glitten dabei unabsichtlich zu Boden, was sie aber völlig ignorierte. „Wenn Sie es unbedingt wissen müssen: Clara war eine Romanfigur, die ich vor Jahren in einem zerfledderten, alten Buch entdeckt habe. Sie versprüht eine unglaubliche Lebensfreude. Deshalb bewundere ich sie schon lange.“ Sie lächelte. „Clara brachte alles durcheinander und fand ein sehr trauriges Ende, aber sie war eine unglaublich faszinierende Gestalt. Sie war so faszinierend, dass ich beschlossen habe, sie mir zum Vorbild zu nehmen.“

„Sie wünschen sich ein trauriges Ende?“, war alles, was Grayson dazu einfiel.

„Falls es ein interessantes Ende ist, ja.“

Was sollte er nur zu einem solchen Unsinn sagen? Er öffnete den Mund, doch ihm blieb eine Antwort erspart, als Ruth plötzlich einen leisen Ton von sich gab, ihn ziemlich grob am Arm packte und zur Tür zerrte.

„Vielen Dank, dass Sie uns heute besucht haben, Mr Sumner, aber ich fürchte, der Ausschlag meiner lieben Tochter muss viel schlimmer sein, als ich anfangs dachte. So kenne ich sie gar nicht. Sie ist überhaupt nicht mehr sie selbst. Sie sollten lieber gehen, bevor Sie sich mit der schlimmen Krankheit anstecken, die Felicia sich offenbar zugezogen hat.“

„Entschuldigen Sie, Mrs Murdock, aber ich glaube nicht, dass ihr Verhalten durch einen Ausschlag hervorgerufen wurde. Es sieht eher nach geistiger Verwirrung aus, und ich glaube nicht, dass geistige Verwirrung ansteckend ist.“

Ruth verstärkte den Griff um seinen Arm. „Wir sollten trotzdem kein Risiko eingehen.“

Sie gingen auf den Flur hinaus und hastig in Richtung Haustür, als hinter ihm Schritte widerhallten. Obwohl Ruth den Versuch unternahm, ihn weiterzuziehen, wurde er langsamer, blieb schließlich stehen und drehte sich um. Felicia humpelte ihnen nach. Er warf einen Blick auf ihre Füße und konnte sich ein Grinsen nicht länger verkneifen. Sie hatte zwei völlig verschiedene Schuhe an, einen mit einem hohen Absatz und einen mit einem niedrigen Absatz, was ihren schiefen Gang erklärte.

„Sie hätten weitergehen sollen“, flüsterte Ruth ihm zu, bevor Felicia auf unsicheren Beinen vor ihnen zum Stehen kam und die Hände in die Hüften stemmte. Ruth stieß ein theatralisches Seufzen aus. „Ist dir eigentlich bewusst, meine Liebe, dass du zwei verschiedene Schuhe trägst?“

Felicia hob ihr schwarzes Kleid ein Stück hoch, warf einen kurzen Blick nach unten, ließ den Rock wieder fallen und zuckte die Achseln. „Du hast recht. Wie sonderbar!“

„Ja, das ist wirklich sonderbar. Genauso wie dein Verhalten. Deshalb wirst du dich jetzt von Mr Sumner verabschieden und wieder auf dein Zimmer gehen. Ich schlage vor, dass du einen schönen langen Mittagsschlaf machst.“

„Ich bin aber nicht müde.“

„Das mag sein“, erwiderte Ruth jetzt mit knirschenden Zähnen. „Aber es wird höchste Zeit, dass Grayson zu Eliza fährt.“

„Ich fahre mit ihm.“

Ruth schüttelte den Kopf. „Das wäre nicht weise.“

„Ich kann Elizas Einladung doch nicht ausschlagen, und es wäre sehr unhöflich gegenüber Mr Sumner, wenn er den weiten Weg gekommen wäre, um mich abzuholen, und jetzt gezwungen wäre, ohne mich wieder zu fahren.“ Sie wandte sich an ihn. „Ich bin gleich zurück. Ich muss nur andere Schuhe anziehen.“ Mit diesen Worten begann sie, wieder den Flur entlangzuhumpeln.

„Wenn du dir diesen Unsinn wirklich nicht ausreden lassen willst“, rief Ruth ihr nach, „solltest du noch einen Hut aufsetzen.“

Felicia schaute sich um. „Aber Clara hat nie einen Hut getragen.“

Ruth schloss einen Moment die Augen, öffnete sie wieder und schüttelte den Kopf. „In manchen Momenten ist es mir unbegreiflich, warum Menschen Kinder haben wollen.“

„Damit sie ihnen im Alter Freude und Trost bringen“, erklärte Felicia knapp, bevor sie sich wieder umdrehte und eilig im Flur verschwand.

„Sie ist in einer ungewöhnlichen Stimmung“, bemerkte Grayson, um das Schweigen zu füllen, das Felicias Abgang hinterlassen hatte.

„Da kann ich Ihnen leider nicht widersprechen.“ Ruth seufzte. „Ich hätte nicht einwilligen sollen, dass Sie sie abholen, denn ich wusste ja, welche Enttäuschung sie heute erlitten hat. Ich denke, es ist am besten, wenn ich meine Kutsche vorfahren lasse und Felicia persönlich zu Ihrer Schwester begleite. Immerhin hat Eliza mich auch eingeladen, aber …“ Plötzlich wirkte Ruth ein wenig unsicher. „Es wäre vielleicht besser, wenn Sie das Felicia gegenüber nicht erwähnen.“

„Darf ich fragen, warum Sie Ihre Tochter glauben ließen, Sie wären nicht eingeladen?“

Ruth fächelte sich mit der Hand Luft zu. „Lieber nicht und das spielt jetzt auch keine Rolle mehr. Jetzt ist es wichtig, Sie vor meiner etwas verwirrten Tochter zu schützen.“ Ruth hielt inne. „Bitte vergeben Sie mir. Sie haben natürlich keine Ahnung, wovon ich spreche. Aber ich kann leider keine Einzelheiten preisgeben.“

„Eliza hat mir von Pastor Fraser und von Felicias Zuneigung zu ihm erzählt.“

„Ich hatte den Eindruck, diese Zuneigung wäre ein gut gehütetes Geheimnis.“

„Das war sicher auch Felicias Absicht, aber Eliza war schon immer neugierig, und sie ist eng mit Agatha befreundet, einer aufstrebenden jungen Reporterin. Es kostete die beiden wahrscheinlich keine große Mühe, Felicias Geheimnis auf die Spur zu kommen. Ich muss zugeben, dass auch mir einiges klar wurde, als ich von Felicias Interesse an Pastor Fraser erfuhr. Jetzt weiß ich auch, warum sie nie Interesse an einem der Männer zeigte, mit denen Sie sie verkuppeln wollten.“

Ruth blickte ihn verschlagen an. „Ich glaube, an Ihnen hat sie durchaus ein wenig Interesse gezeigt.“

Er hatte schon wieder vergessen, dass er es hier mit einer ausgesprochen entschlossenen Mutter zu tun hatte. „Sie wissen ganz genau, dass das nicht zutrifft. Ich will offen zu Ihnen sein, Mrs Murdock: Ich bin nicht auf der Suche nach einer Frau.“

„Sie brauchen eine Mutter für Ihre Tochter.“

„Ich habe mehrere Kindermädchen eingestellt, die sehr wohl in der Lage sind, sich um sie zu kümmern.“

„Diese Frauen leisten sicher eine bewundernswerte Arbeit, aber es geht doch nichts über die Liebe einer Mutter, nicht wahr?“

Grayson lachte. „Sie sind ganz schön hartnäckig, wissen Sie das?“

„Das verstehe ich als Kompliment.“

„Es war auch als Kompliment gedacht, aber ich möchte Ihnen keine falschen Hoffnungen machen. Wie ich aus ihrer Zuneigung zu Pastor Fraser schließe, strebt Ihre Tochter die Heirat mit einem ehrbaren, gottesfürchtigen Mann an. Ich gebe offen zu, dass ich alles andere als ehrbar bin, und als gottesfürchtig würde ich mich ganz gewiss nicht bezeichnen.“

„Ich bin sicher, dass das nicht stimmt.“

„Mutter, glaubst du, dass du es irgendwann schaffen könntest, nicht zu versuchen, mich irgendeinem armen, ahnungslosen Mann aufzudrängen, sobald ich das Zimmer verlasse?“

Grayson blickte auf und sah, dass Felicia auf sie zumarschierte. Ihre Haare waren zu seiner Überraschung unter einem giftgrünen Hut verborgen, obwohl hier und da noch einzelne Strähnen hervorlugten, und mit einer Hand umklammerte sie einen Schirm in einem leuchtenden Orange. Fest entschlossen, keine Bemerkung über ihre Garderobe zu verlieren, trat er lächelnd auf sie zu. „Ihre Mutter hat eigentlich nicht versucht, Sie mir aufzudrängen.“

Felicia schaute ihn wütend an. „Wie Sie wollen! Stellen Sie sich nur auf ihre Seite.“ Sie hob das Kinn. „Vielleicht sollte ich einfach allein zu Eliza fahren.“

„Das kommt leider nicht infrage, da ich Eliza und Agatha versprochen habe, mein Möglichstes zu tun, um Sie aufzumuntern, während –“

In diesem Augenblick wurde ihm klar, dass ein Mann schlagartig vergaß, was er sagen wollte, wenn er von einem plötzlichen Schmerz durchbohrt wurde.

„Sind Sie etwa gerade mit Ihrem Schirm auf mich losgegangen?!“

„Warum sollte man Ihnen ein solches Versprechen abnötigen?“

„Also, ähm …“ Er warf einen Hilfe suchenden Blick zu Ruth, die ihn aber nicht weiter beachtete, sondern die Zimmerdecke betrachtete, als wären ihr die fröhlichen Putten, die über ihren Köpfen schwebten, soeben zum ersten Mal aufgefallen.

„Was haben Sie Eliza und Agatha sonst noch versprochen?“, beharrte Felicia.

Er setzte ein, wie er hoffte, freundliches Lächeln auf. „Ich habe ihnen versprochen, charmant zu sein.“

Felicia atmete hörbar ein und ging auf ihre Mutter los. „Ich dachte, du hättest allen nur erzählt, dass ich einen Ausschlag hätte!“

Ruth unterbrach ihre Betrachtung der Zimmerdecke und richtete den Blick auf ihn. „Genau das habe ich Ihnen auch gesagt, nicht wahr?“

„Ist es mir erlaubt zuzugeben, dass mir diese sehr intime Information durchaus zu Ohren gekommen ist?“

Felicia begann, auf eine leicht bedrohlich wirkende Art und Weise mit dem Schirm auf den Boden zu tippen. „Ich habe keinen Ausschlag. Nun ja, vielleicht einen ganz leichten, aber ich vermute, dass er erst anfing, als meine Mutter gesagt hat … Ach, vergessen wir das!“ Sie schaute Ruth mit zusammengekniffenen Augen an. „Warum sollten Eliza und Agatha Grayson hierher schicken, um charmant zu mir zu sein, wenn sie nicht die Wahrheit wüssten? Und woher sollten sie es wissen, wenn du es ihnen nicht erzählt hättest?“

Grayson versuchte, dem Drang zu widerstehen, eilig das Weite zu suchen, als Felicia aufhörte, mit dem Schirm auf den Boden zu tippen, und stattdessen drohend damit in seine Richtung fuchtelte. Da er den Eindruck hatte, dass es Ruth die Sprache verschlagen hatte, räusperte er sich. „Ihnen ist doch bestimmt bewusst, dass Eliza und Agatha sehr neugierig sind. Wahrscheinlich haben sie es einfach selbst herausgefunden.“

Felicias Augen weiteten sich. „Ich dachte, ich hätte meine Gefühle gut verborgen.“ Ihre Schultern sackten nach unten, doch dann straffte sie sie schnell wieder und nickte. „Das lässt sich jetzt nicht mehr ändern. Was geschehen ist, ist geschehen. Ich muss einfach damit leben, dass mich alle bemitleiden.“

„Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie mit Grayson viel mehr Mitleid haben als mit dir, meine Liebe, besonders wenn du verkündest, dass du heute Clara sein willst“, murmelte Ruth.

Felicia schaute ihre Mutter an, schob das Kinn noch höher, trat neben ihn und ergriff seinen Arm. „Wir sollten jetzt lieber fahren. Ich möchte nicht unhöflich sein und zu spät zum Tee kommen.“ Mit diesen Worten zog sie ihn zur Tür und ließ dem Butler kaum Zeit, ihnen diese zu öffnen, bevor sie Grayson energisch aus dem Haus bugsierte.

Eine Sekunde später blieben sie abrupt stehen, als drei Männer, die alle eine unübersehbare Ähnlichkeit mit Felicia hatten, die Stufen heraufschlenderten und ihnen den Weg versperrten. Er hörte, wie ein Seufzen über Felicias Lippen kam.

„Meine Güte, Felicia, du siehst heute ein bisschen Furcht einflößend aus!“, rief Jeffrey Murdock, der älteste Sohn der Familie. „Ist dir klar, dass du ganz in Schwarz gekleidet bist?“

Felicia verstärkte ihren Griff um Graysons Arm. „Sei nicht lächerlich! Natürlich weiß ich, was ich anhabe, Jeffrey. Und ich wäre dir dankbar, wenn du mich nicht ‚Felicia‘ nennen würdest.“

Jeffrey sah sie verwirrt an. „Wie soll ich dich denn dann nennen?“

„Clara.“

Jeffrey schaute sie einen Moment mit halb offenem Mund sprachlos an, dann wandte er sich an Grayson. „Darf ich ‚Grayson‘ zu dir sagen oder hast du auch eine neue Identität angenommen?“

„Er ist Frank“, verkündete Felicia, bevor Grayson auch nur ein Wort erwidern konnte.

„Entschuldigen Sie, Felicia, aber ich kann mich nicht erinnern, dass ich eingewilligt hätte, Frank zu heißen. Auch nicht heute“, stellte Grayson seinen Standpunkt klar.

„Haben Sie Ihrer Schwester versprochen, charmant zu mir zu sein, oder nicht?“

„Doch, aber dazu gehört nicht, dass ich jemand zu sein behaupte, der ich nicht bin.“

Ihre Augen funkelten verschmitzt, was ihn völlig aus dem Konzept brachte.

„Wollten Sie nicht alles in Ihrer Macht Stehende tun, um nett zu mir zu sein?“

Er stellte plötzlich fest, dass er viel mehr tun wollte, als nur nett zu ihr zu sein. Diese Feststellung veranlasste ihn, sich sofort wieder von ihr abzuwenden und auf ihren Bruder Robert zuzugehen. Dadurch rutschte ihre Hand von seinem Arm.

„Es freut mich, dich wiederzusehen, Robert.“

„Die Freude ist ganz meinerseits, Grayson, aber verrate mir eines: Hast du dich wirklich einverstanden erklärt, zu meiner kleinen Schwester nett zu sein?“ Robert beäugte ihn misstrauisch.

„Das war Elizas und Agathas Idee.“

Felicias dritter Bruder, Daniel, trat mit einem breiten Grinsen vor. „So wie ich die beiden kenne, glaube ich das sofort.“ Er schüttelte Grayson die Hand. „Sie müssen herausgefunden haben, dass Felicia für Pastor Fraser geschwärmt hat, und wollten sie bestimmt aufmuntern.“ Daniel erschauderte, als er einen Blick auf seine Schwester und dann wieder auf Grayson warf. „Ich könnte nicht behaupten, dass ich dich im Moment beneiden würde. Zu Felicia nett zu sein könnte heute eine gewisse Herausforderung darstellen.“

Grayson konnte ihm in diesem Punkt nicht widersprechen, besonders als aller Übermut aus Felicias Augen verschwand und ihr deutlich anzusehen war, dass sie die Geduld verlor.

„Du wusstest von Pastor Fraser?“, fragte sie und versetzte Daniel einen kräftigen Stoß mit ihrem Schirm.

Daniel schaute sie kurz an, streckte schnell die Hand aus und nahm ihr zu Graysons großer Erleichterung den Schirm aus der Hand. Dann lächelte er. „Mach das nie wieder! Und ja, wir wissen schon die ganze Zeit von Pastor Fraser.“ Er schaute an ihr vorbei und sein Lächeln wurde breiter. „Seht nur, da kommt Mutter! Und ich glaube, hier riecht es verlockend nach einem köstlichen Braten. Ich habe einen Bärenhunger.“

„Ich auch!“, verkündete Robert. Ohne ein weiteres Wort drehten sich die beiden Brüder um, begrüßten Ruth mit einem schnellen „Guten Tag“ und flüchteten ins Haus.

„Feiglinge!“, rief Felicia ihnen nach.

„Felicia, also wirklich! Es gehört sich nicht, dass du deine Brüder beleidigst“, sagte Ruth, die jetzt zu ihnen trat. „Jeffrey, was für ein Glück, dass du hier bist! Du kannst Felicia und Grayson zu Eliza begleiten. Sie trinken dort Tee.“

Grayson hielt das für einen wunderbaren Vorschlag. Er nickte zustimmend, brach aber abrupt ab, als Felicia den Kopf schüttelte.

„Jeffrey wurde nicht eingeladen. Und du auch nicht, Mutter.“

Ruth tat ihre Bemerkung mit einer Handbewegung ab. „Eliza mag Jeffrey, und wenn er mit euch fährt, seid ihr nicht allein.“

„Ich bin vierundzwanzig, Mutter. Ich brauche seit Jahren keinen Aufpasser mehr.“

„Er soll auch nicht dich beschützen, sondern Grayson. Der arme Mann kann augenscheinlich jede Hilfe gebrauchen.“

Grayson bot Felicia, der es für einen Moment die Sprache verschlagen hatte, grinsend seinen Arm an und nickte Ruth zu. „Wir kommen auch ohne fremde Hilfe heil zu Eliza, Mrs Murdock, aber trotzdem vielen Dank.“ Er schaute Felicia an. „Können wir gehen?“

„Natürlich können wir gehen, Frank.“

Grayson half Felicia die wenigen Stufen hinab und hörte Ruth noch etwas sagen, das verdächtig nach „Eure Schwester hat den Verstand verloren und wir können nichts dagegen tun“ klang. Augenblicke später wurde die Haustür hinter den beiden geschlossen.

„Ich mag Ihre Mutter“, sagte er und berührte Felicias Hand, die in einem schwarzen Handschuh auf seinem Arm lag. „Sie ist sehr humorvoll.“

„Das würden Sie nicht sagen, wenn Sie mit ihr zusammenleben müssten.“

„Ich habe nur gesagt, dass ich sie mag. Mit ihr zusammenzuleben würde ich wahrscheinlich nicht ertragen.“

Felicia lachte und klang wieder viel mehr wie die Felicia, die ihm vertraut war. Dann steuerte sie auf seinen Phaeton zu, und er musste an die wenigen Male denken, als er mit ihr getanzt und sie ihn über die Tanzfläche geführt hatte.

Felicia blieb neben seinen Pferden stehen und stieß zu seiner Überraschung ein leises Pfeifen aus. „Ein schöner Phaeton! Ist er schnell?“

Er war sofort beunruhigt. „Phaetons sind dafür bekannt, dass sie ziemlich schnell fahren.“

Sie trat näher an den Wagen heran und strich mit dem Handschuh über die polierte Oberfläche. „Erlauben Sie mir, ihn zu fahren?“

„Ähm …“

Sie wandte den Kopf und setzte ein verschlagenes Lächeln auf. „Haben Sie nicht heute einiges versprochen?“

„Ja, aber dabei ging es nicht darum, Ihnen zu erlauben, meinen Phaeton zu fahren.“

„Ein so schönes Gefährt zu lenken würde sehr dazu beitragen, mich wieder aufzumuntern.“

Sie war manchmal nicht nur atemberaubend, sondern schien auch richtig hinterlistige Züge zu besitzen.

„Können Sie denn überhaupt fahren?“, hörte er sich fragen, ohne über die Folgen seiner Worte nachzudenken. Doch dann war es schon zu spät.

„Meine Mutter erzählt allen, wie gut ich einen Wagen lenken kann.“

Als Grayson sich fünf Minuten später an seinen Sitz klammerte und um sein Leben fürchtete, wurde ihm bewusst, dass Mrs Murdock in Bezug auf die Talente ihrer Tochter zu Übertreibungen neigte.

3

Am nächsten Morgen war Felicia zu ihrer eigenen Überraschung bestens gelaunt. Obwohl sie nur sehr wenig geschlafen hatte – sie hatte viel zu viele Stunden damit verbracht, sich den Kopf über ihre Zukunft und über die beunruhigenden Geschehnisse bei der Hochzeit und über Graysons Verhalten zu zerbrechen –, fühlte sie sich so gut wie schon seit Wochen, vielleicht sogar seit Monaten nicht mehr.

Leider hielt diese gute Laune zu einem etwas ungünstigen Zeitpunkt Einzug, da sie gerade ihre neue Garderobe anprobierte. Sie sollte also völlig regungslos dastehen, während die Änderungsschneiderin mit ihren Nadeln auf sie losging. Aber sie war so gut gelaunt, dass es ihr sehr schwerfiel, ruhig stehen zu bleiben.

Sie sollte lieber an etwas denken, das sie ablenkte, an etwas, bei dem sie sich entspannte. Am besten wäre etwas, das sie aufheiterte.

Und im nächsten Moment fiel ihr auch schon die perfekte Ablenkung ein.

Es lohnte sich, etwas genauer über Grayson nachzudenken, besonders, da er ihr deutlich bewiesen hatte, dass Männer wirklich sehr theatralisch sein konnten.