Eine Ökonomie der kurzen Wege - Fred Frohofer - E-Book

Eine Ökonomie der kurzen Wege E-Book

Fred Frohofer

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Beschreibung

Die Wirtschaft dient der Deckung unserer Bedürfnisse. Wenig davon befriedigt der Markt, vieles die geldlose Bedarfswirtschaft wie seit eh und je auf Gegenseitigkeit. Doch sie gilt als ineffizient, weshalb sie in den letzten hundert Jahren vom Markt zurückgedrängt wurde. Die Ökonomielehre sieht sich heute praktisch ausschließlich als Wissenschaft der Märkte und des ewigen Wachstums. Damit wachsen aber auch Umweltverschmutzung, Klimaerwärmung, Arbeitslosigkeit und die Kluft zwischen Arm und Reich. Diese Probleme bekommen wir erst in den Griff, wenn wir nicht mehr blind der unsichtbaren Hand des Marktes vertrauen. Dieses Buch positioniert die Bedarfswirtschaft nach heutigen Maßstäben neu und zeigt, wie der überlebensnotwendige Systemwandel von uns vollzogen werden kann. Wenn wir zum Beispiel stärker in Nachbarschaftsmodellen nach einer Ökonomie von Dörfern unseren Alltag organisieren, können wir dabei Geld sparen, Zeit gewinnen und wesentlich ökologischer und sozialer leben.

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Seitenzahl: 155

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Diese Publikation erscheint mit finanzieller

Unterstützung der Cassinelli-Vogel-Stiftung.

Der Verlag bedankt sich dafür.

Der Rotpunktverlag wird vom Bundesamt für Kultur mit einem Strukturbeitrag für die Jahre 2021–2024 unterstützt.

© 2021 Rotpunktverlag, Zürich

www.rotpunktverlag.ch

eISBN 978-3-85869-916-9

1. Auflage 2021

Prolog

1Hintergrund und Geschichte

2Ökonomie ist mehr als nur Marktwirtschaft

3Elemente einer zeitgemäßen Wirtschaftstheorie

4Befriedigung unserer Bedürfnisse

5Die hohen Kosten des Marktes

6Die Institutionen des Marktes

7Die Redimensionierung des Marktes

8Der Schlüssel liegt in der Nachbarschaft

9Gelebte Bedarfsökonomie

Anhang

Anmerkungen

Literatur

Die Autoren

PROLOG

Die Marktwirtschaft verbessere unser Leben – das war die Meinung der Professoren, Studierenden und Wirtschaftspolitiker, als ich, Werner Vontobel, vor gut fünfzig Jahren in Basel Ökonomie studierte. Diese einhellige Einschätzung war durchaus fundiert. Jahr für Jahr lebte es sich komfortabler; man konnte sich immer mehr leisten. Erst standen in allen Zimmern Kohleöfen, dann kam die Umstellung auf Zentralheizung mit Heizöl. Man konnte sich einen Kühlschrank, einen Fernseher, ein Auto kaufen, konnte erstmals ins Ausland in die Ferien fahren und erfreute sich an der Fünftagewoche und so fort. Art und Menge der produzierten Güter beeinflussten unser Leben und machten es bequemer.

Wir glaubten an den unaufhaltsamen technologischen Fortschritt und an eine Marktwirtschaft, die für mehr Wohlstand und Freizeit für alle sorgte. Schließlich hatte der berühmte Ökonom John Maynard Keynes1 vor einem knappen Jahrhundert prophezeit, seine Enkel müssten nur noch fünfzehn Stunden pro Woche arbeiten. Und tatsächlich, nach dem Zweiten Weltkrieg waren wir auf dem Weg dorthin. Man sprach vom Wirtschaftswunder; der Manufacturing Belt in den USA oder der Ruhrpott in Deutschland waren dessen Zentren. Doch es kam anders. Sowohl der Manufacturing Belt als auch der Ruhrpott liegen seit Jahrzehnten wirtschaftlich am Boden, wie viele andere ehemals boomende Regionen. Aus dem Manufacturing Belt ist inzwischen der Rust Belt geworden. Die heutige Generation wäre bereits zufrieden, wenn sie das Wohlstandniveau ihrer Eltern halten könnte. Sofern die Zwanzig- bis Dreißigjährigen in Italien überhaupt einen Job haben, ist ihr Salär real rund 30 Prozent tiefer als das ihrer Eltern damals im gleichen Alter. Angestellte in den USA bekleiden oft zwei Jobs, um überleben zu können.

Heute bringt uns der technologische Fortschritt eher Arbeitslosigkeit denn Wohlstand. Unser Lebensglück hängt weniger davon ab, wie viel wir verdienen, als vielmehr davon, ob wir uns vor lauter Angst vor Entlassung die Schikanen von überforderten Vorgesetzten gefallen lassen müssen – oder ob wir in Ruhe arbeiten können. Somit beeinflusst die Wirtschaft unser Leben vor allem durch die Art und Weise, wie sie unsere Gesellschaft desorganisiert.

Wie konnte das geschehen? Was haben wir übersehen? Die herkömmliche Ökonomie gibt auf diese Fragen keine Antwort. Sie lebt immer noch in einer Welt, in der die »unsichtbare Hand des Markts«2 alles zum Besten aller bestellen soll. Was nicht ins Bild passt, wird als »normale konjunkturelle Schwankung« auf einem stetig nach oben führenden Pfad interpretiert. Und es geht ja nach oben – wenn man bloß das BIP3 im Auge hat. Der entscheidende Hinweis kam von einem belgischen Wirtschaftshistoriker. »Ökonomische Gesetze gelten nur so lange, bis sich die stillschweigenden und nie hinterfragten Annahmen ändern, auf denen sie beruhen«, sagte Professor Paul Bairoch in einem Gespräch mit mir.

Eines dieser bis heute nie hinterfragten »Gesetze« geht davon aus, dass sich die Arbeitszeiten mit der steigenden Produktivität verringern. Das hat bis in die achtziger Jahre einigermaßen funktioniert – aber nur, weil die Politik und die Gewerkschaften die unsichtbare Hand des Markts sanft geführt haben. Nach dem Ende der periodischen Arbeitszeitverkürzungen wurde die Erwerbsarbeit zum knappen Gut.

Neue bezahlte Arbeit wurde insbesondere durch die Kommerzialisierung von Pflege und Betreuung geschaffen, was bisher in Haushalten und Kommunen erledigt wurde – nicht gegen Geld, wie in der Marktwirtschaft, sondern in Gegenseitigkeit. Damit wurde ein weiteres unhinterfragtes Gesetz hinfällig, nämlich dass die geldlose Bedarfswirtschaft und die auf Geld beruhende Staats- und Marktwirtschaft sich nicht in die Quere kommen sollen. Bedarfswirtschaft umfasst Tätigkeiten wie das Führen eines privaten Haushalts mit Kochen und Reinigen, das Großziehen von Kindern, aber auch ehrenamtliche Tätigkeiten in Vereinen und/oder Genossenschaften.4

Bis zum Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg störten sich die Bedarfswirtschaft, Markt und Staat nicht. Damals war es tragbar und durchaus sinnvoll, sich auf das optimale Funktionieren des Markts zu konzentrieren. Doch heute leben wir in einer ganz anderen Welt. Der Markt überwuchert und zerstört sowohl die Staatswirtschaft als auch die Bedarfswirtschaft.

Wie soll die auf soziale und räumliche Nähe angewiesene Bedarfswirtschaft gedeihen, wenn der Markt die Menschen zu reinen Arbeitskräften degradiert und etwa von den Müttern und Vätern totale Flexibilität und Mobilität verlangt? Die Stunden, die wir heute im Stau, auf den immer längeren Arbeitswegen oder mit der Stellensuche vertun, konnten wir früher dazu verwenden, mit den Kinder zusammen zu sein, mit Nachbarn zu plaudern oder unsere Pizza selbst zu backen.

Wie soll der Staat seine Aufgaben finanzieren, wenn ihm der Standortwettbewerb die Mittel raubt und ihn außerdem noch zwingt, die Löhne der Privatwirtschaft zu subventionieren? Wie soll die Demokratie funktionieren, wenn immer weniger Menschen längerfristig einen wirklichen Lebensmittelpunkt haben?

Die Wirtschaft umfasst nicht nur den Markt, sondern unsere gesamten Tätigkeiten, also auch die Bedarfswirtschaft und die Staatswirtschaft. Wenn man diese drei Koordinationsmechanismen vergleicht, erkennt man die entscheidende Schwäche des Markts. Die Bedarfsund die Staatswirtschaft reagieren auf Bedürfnisse der eigenen Gemeinschaft: Eltern betreuen ihre Kinder, Nachbarn helfen sich gegenseitig, der Staat baut Schulen für seine Bürgerinnen und Bürger. Der Markt hingegen reagiert lediglich auf die von ihm selbst geschaffene monetäre Nachfrage nach Unbekanntem. So werden Geräte, Fahrzeuge, Lebensmittel und vieles mehr in der Hoffnung produziert, sie irgendwo auf der Welt verkaufen zu können.

Konzerne produzieren nicht am Ort des Bedürfnisses, sondern dort, wo die Arbeit gerade am billigsten ist. Und sie lassen Gebiete – wie den Ruhrpott oder den Rust Belt – zurück, in denen jegliche Strukturen zunichtegemacht wurden, sodass die Bewohnerinnen und Bewohner nicht mehr in der Lage sind, auf die eigenen Bedürfnisse zu reagieren.

Diese Erkenntnisse ließen mich vermuten, dass wir unsere Lebensqualität markant steigern könnten, wenn wir einen großen Teil unserer produktiven Tätigkeiten von der Markt- in die Bedarfswirtschaft verlagern. Dies würde für die allermeisten Menschen die besseren und gesünderen Arbeitsbedingungen ergeben, da sowohl Produktion als auch Konsum auf Augenhöhe erfolgen. Denn die Marktwirtschaft steht unter Konkurrenzdruck und muss möglichst billig produzieren, was sich nicht nur auf das Arbeitsklima, sondern auch auf die Produktqualität niederschlägt und zu Überproduktion führt. Diese Ineffizienz wird noch verstärkt durch die zunehmend ausufernde Bürokratie des Markts. Die Bedarfswirtschaft reagiert hingegen direkt auf unsere Bedürfnisse und erlaubt eine regionalere Ausrichtung, was wiederum die Umwelt schont.

Es bleibt die Frage, wie wir die Umstellung auf vermehrte Bedarfswirtschaft konkret bewerkstelligen können. Tatsächlich liegt uns Bedarfswirtschaft sehr nahe. Sie beginnt ganz einfach und im Kleinen, etwa indem man sich gegenseitig die Kinder hütet, die Haare schneidet, einen Mittagstisch anbietet, das Auto teilt, einen Schrebergarten pflegt und vieles mehr.

Doch wenn man solche Dienstleistungen in größerem Stil betreiben will, werden unter anderem städtebauliche Maßnahmen, Flächen und Räumlichkeiten etwa für Küchen und Produktion vonnöten sein, für Launch, Laundry und Lager; eventuell macht gar eine regionale Währung Sinn. Mein Mitautor Fred Frohofer ist auf diesem Gebiet praktisch und politisch tätig. Er gründete mit Hans E. Widmer und anderen zusammen den Verein Neustart Schweiz, recherchiert und feilt am sogenannten Nachbarschaftsmodell und entwickelt dafür Konzepte.

Auf all dieser Vorarbeit baut unser Buch auf. In den folgenden Kapiteln gehen wir vertieft darauf ein, was Wirtschaft wirklich bedeutet und welche konkreten Vorteile die bewusste Verlagerung von Tätigkeiten in die Nachbarschaft bringt. So wird unter anderem aufgezeigt, wie ein Paar mit zwei Kindern die bezahlte Arbeit pro Elternteil auf etwa eine Zwanzig-Stunden-Woche reduzieren kann. Auch die unbezahlte Arbeit nimmt merklich ab, da sie im Rahmen einer Nachbarschaft intelligenter organisiert und teilweise auf rüstige Rentner und Rentnerinnen übertragen werden kann. Zudem hat die Nachbarschaft die Funktion eines sozialen Sicherheitsnetzes, das den Sozialstaat entlastet, aber nicht ersetzen soll.

Es wird mit Annahmen operiert, die realistisch sind. Es werden Ansätze verfolgt, die sich bereits bewährt haben. Ob sich der Wandel von der Marktwirtschaft zur Bedarfswirtschaft verwirklichen lässt, ob mehr Bedarfswirtschaft unser Leben verbessern wird, hängt entscheidend davon ab, wie schnell die Ökonomen und Wirtschaftspolitikerinnen verstehen, was Wirtschaft wirklich und umfassend ist – eben längst nicht nur der Markt. Zudem dürfen die Steigerung des BIP und der Wettbewerbsfähigkeit künftig höchstens nachrangige Ziele der Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik sein.

Stattdessen sollte sich die Politik mit der Frage befassen, welche Bedürfnisse wir mit welchen der drei grundlegenden Koordinationsmechanismen – Bedarfswirtschaft, Staat und Markt – am besten befriedigen können. Unser Buch will diese Frage nicht definitiv beantworten. Aber es ist höchste Zeit, dass sie gestellt wird.

1

HINTERGRUND UND GESCHICHTE

Umweltbelastung, soziale Ungleichheit, Arbeitslosigkeit und Massenmigration bilden die großen Problemkreise unserer Zeit. Sie haben eine gemeinsame Ursache – die zu langen Wertschöpfungsketten der globalen Marktwirtschaft. Allein die Waren- und Personentransporte erzeugen über 50 Prozent der gesamten Klimabelastung. Durch die Transportmöglichkeiten kann die Industrieproduktion zunehmend kleinteiliger und auf Effizienz getrimmt werden, etwa mit Automation und Spezialisierung. Doch dies fördert die Bildung von Monopolen. Und das wiederum führt zu Konzentration von Einkommen. Zudem erzeugen globale Märkte einen ungesunden Wettbewerb der Standorte; das führt zu Lohndumping, Arbeitsplatzverlust – und damit letztlich zu Migration: Die Arbeitskräfte müssen sich dahin bewegen, wo ein Auskommen möglich ist.

Eine Ökonomie der kurzen Wege ist in unseren Augen der einzig wirksame und bitter nötige Lösungsansatz, der diese Probleme meistern kann. Kurze Wege bedeuten, dass Produktion und Konsum räumlich nahe beieinander liegen. Das ist wesentlich ökologischer, erzeugt ungeahntes soziales Kapital (mehr dazu später) und rechnet sich unter dem Strich auch ökonomisch: Am Ende ist genau das der Systemwandel, den die Umweltaktivistinnen und -aktivisten unter dem Stichwort »system change« fordern.

Sowohl die aktuelle Wirtschaftspolitik als auch die herkömmliche Ökonomik setzen Markt und Wirtschaft gleich. Beide beziehen sich auf Adam Smith1, den Gründervater der modernen Ökonomie. Damals, im 18. Jahrhundert, mag diese Simplifizierung noch haltbar gewesen sein. Heute gefährdet sie das Überleben der Menschheit. Es ist notwendig, Markt und Wirtschaft zu unterscheiden. Mit »Markt« oder »Märkte« sind nicht Wochenmärkte mit Gemüse und Früchten gemeint, sondern die Marktwirtschaft, die das Vehikel zur Monetarisierung unseres Daseins bildet. Marktwirtschaft kann in unterschiedlichen Bereichen erfolgen: etwa innerhalb der Rohstoffmärkte, Immobilienmärkte, Finanzmärkte und so fort. Wirtschaft ist hingegen ein Überbegriff. Sie umfasst jegliche Arbeit, passiert überall dort, wo Arbeit geleistet wird; dazu gehört der Abwasch zu Hause genauso wie die Müllabfuhr, aber auch die Lohnarbeit im Büro oder im Homeoffice. Sie teilt sich in drei Sphären auf: Bedarfswirtschaft, Staatswirtschaft und Marktwirtschaft. Doch im heutigen Sprachgebrauch versteht man unter Wirtschaft meist nur die letzten beiden.

Unser Wohlstand und das langfristige Überleben der Menschheit in einer intakten Umwelt hängen entscheidend davon ab, wie wir unsere produktiven Tätigkeiten den drei Bereichen zuordnen.

Bisher haben wir die Lösung dieser Optimierungsaufgabe den Kräften der Märkte überlassen – mit der Folge, dass diese alles überwuchern und möglichst viel Gewinn einzuheimsen versuchen. Wie wir noch im Detail erörtern werden, sind Marktlösungen nun aber in vielen Bereichen ineffizient und mit viel zu hohen sozialen und ökologischen Kosten verbunden. Anders formuliert: Nicht die Markttauglichkeit kann unser Kriterium sein, entscheidend ist vielmehr die Evolutionstauglichkeit. Und das ist – wie wir zeigen werden – durchaus wünschenswert.

Wenn wir also eine Ökonomie der kurzen Wege installieren wollen, müssen wir vorab die lange verdrängte Frage nach der richtigen Dosierung von Markt innerhalb der Wirtschaft stellen: Wie viel Markt erträgt die Welt? Wie viel Markt braucht die Menschheit?

Die Evolution hat uns mit Sinnesorganen ausgestattet, mit denen wir unsere Bedürfnisse erkennen können. Und wir haben den Intellekt ausgebildet, um unsere Handlungen zu steuern und sozial zu koordinieren. In der Bedarfswirtschaft reagieren wir direkt auf unsere eigenen Bedürfnisse oder diejenigen unserer Familie und der Menschen um uns herum. Die Evolution hat es so eingerichtet, dass auch die Arbeit selbst ein Bedürfnis ist – dies wegen der sozialen Kontakte, der intellektuellen und psychischen Befriedigung, wenn man einen Beitrag innerhalb der Gesellschaft leisten und etwas lernen kann. Deshalb wird die Arbeit in der Bedarfswirtschaft meistens so organisiert, dass sie Spaß macht und Kompetenzen erweitert.

Im Marktmodus reagieren wir nicht auf unsere eigenen Bedürfnisse oder die unserer Gemeinschaft, sondern auf die monetäre Nachfrage von Unbekannten, von Kunden und Käufern, zu denen wir keine persönliche Beziehung haben. Darin liegt auch der Vorteil das Markts: Da er rationelle Massenproduktion ermöglicht, kann das im Idealfall dazu führen, dass die Bedürfnisse aller günstiger befriedigt werden. Doch dieser Idealfall ist schwer zu erreichen, denn der Markt reagiert nur auf selbst gemachte Signale. So wird er leicht zum Selbst- und Irrläufer, etwa indem er eine künstliche Nachfrage schafft. Meist geht dies mit einem immensen Werbeaufwand einher, etwa um uns neue Modetrends zu verkaufen oder uns Gadgets unterzujubeln. Das erkennt man gut, wenn man sich beispielsweise zu Hause umsieht. Wie viele Dinge sind um einen herum, die nicht gebraucht werden? Was alles wurde aus einer Laune heraus gekauft oder geschenkt? Oder angeschafft, weil die anderen auch so etwas haben? Das heißt in jedem einzelnen Fall, wir sind dem Markt auf den Leim gekrochen, als er künstliche Nachfrage schuf.

Die Produkte einer künstlich geschaffenen Nachfrage können sich allerdings nur Menschen leisten, die genug verdienen. So gesehen, müsste der Markt darum besorgt sein, dass möglichst alle Marktteilnehmerinnen und Marktteilnehmer über ein genügend großes Einkommen verfügen. Doch weit gefehlt: Die Einkommensunterschiede auf dem Arbeitsmarkt sind gigantisch und zeigen, wie sehr die Marktökonomie außerhalb der Realität agiert. Die ärmere Hälfte der Bevölkerung verfügt über weniger als 20 Prozent der Kaufkraft. Viele Menschen wie Alleinerziehende, Alte und Kranke sind vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen, können sich also keine Kaufkraft erwerben; oft überleben sie nur aufgrund ihrer sozialen Zugehörigkeit.

Wir müssen uns der Grenzen der Marktwirtschaft bewusst werden. Diese Wirtschaftsform erfüllt nur einen Bruchteil unserer Bedürfnisse. Außerdem tut sie das auf eine sehr aufwendige Weise. Ein immer größerer Teil der Arbeitszeit und der Arbeitskapazität wird von der zunehmenden Komplexität dieses Prozesses beansprucht – man denke nur an die Werbeindustrie, befasst damit, neue Bedürfnisse zu suggerieren.

Die heute übliche, globale Produktion wird immer komplizierter. Jeder Arbeitsschritt wird dort ausgeführt, wo er am billigsten zu haben ist. So legt etwa eine Jeans durchaus 50’000 Kilometer oder mehr zurück, bis sie getragen wird. Die Baumwolle wird nicht dort zu Garn versponnen, wo sie angebaut wird; das Garn wird wieder in einem anderen Land zu Stoff verwebt, der Stoff wiederum an einem vierten Ort zugeschnitten und so fort.2 Das ist ein lukratives Geschäft für die Transportunternehmen, denn sie werden nach wie vor für die Treibhausgasemissionen, die sie verursachen, nicht belangt, und die Benutzung der Straßen, der Ozeane und der Luft kostet sie ebenfalls nichts. Würde das alles in Rechnung gestellt, wäre die Rentabilität nicht gegeben; eine weitverzweigte Produktionsweise würde sich nicht mehr lohnen.

Bei jedem Arbeitsschritt dieser globalen Produktionsweise werden die Kosten möglichst tief gehalten, immer, um den Gewinn zu steigern. Bei besagter Jeans ist die Kostenverteilung auf der Rechnung interessant. Der Detailhandel sackt die Hälfte des Kaufpreises ein, ein Viertel wird in die Werbung gesteckt, die Materialkosten machen 13 Prozent des Kaufpreises aus, die Transporte 11 Prozent. Wer nicht profitiert, sind die Arbeiterinnen und Arbeiter, die die Jeans produziert haben; ihr Lohn wird von dem einen restlichen Prozent berappt.3

Globales Produzieren drückt die Preise in der eigentlichen Produktion und schafft einen riesigen Aufwand in der Administration. Von der Erarbeitung von Kennzahlen über die Marketingkonzepte bis hin zum Controlling sind viele hochtrabend klingende Jobbeschreibungen entstanden, Arbeit eigentlich gar nicht notwendig ist; der Anthropologe David Graeber bezeichnet sie als »Bullshit-Jobs«4.

Marktökonomen erkennen die Kosten für diesen ganzen Aufwand nicht, da sie einerseits das komplexe Verwaltungsgeflecht nicht wahrnehmen, andererseits kommen sie nicht auf die Idee, die vielen sinnlosen Managerposten zu hinterfragen. Beides ist aus marktökonomischer Sicht nicht relevant. Da auch sinnlose Aufwendungen zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) gezählt werden, haben sie in der Perspektive von Marktökonomen ihren »Leistungsausweis«.

Nicht nur bei den Ökonominnen und Ökonomen, sondern auch in den Medienhäusern und Wirtschaftsämtern lautet der Tenor unisono: Steigt das BIP, ist alles gut. Doch das BIP repräsentiert weder Bedürfnisbefriedigung noch Zufriedenheit – und schon gar nicht den Zustand unserer Umwelt. Das BIP ignoriert die wahren Probleme und stellt angesichts dieser lediglich eine Zahl dar, deren Aussagekraft gegen null tendiert.

Auf Zahlen fußt sowohl die Marktökonomik als auch die Wirtschaftspolitik. Umweltschäden, Unzufriedenheit, Gewalt, Hunger und Elend lassen sich in diesen Zahlen nicht ausdrücken. Wenn sie relevante Werte anstelle der reinen Umsätze bezeichneten, hätten wir wohl eine Weltgesellschaft auf Augenhöhe, die sich fair verhalten könnte und für alle Lebewesen lebenswert wäre.

Doch solange wir die Märkte und den Glauben ans BIP aufrechterhalten, wird die Ausbeutung von Mensch und Natur weitergehen – da ja die Kassen der Marktmächtigen gefüllt werden. Wie lange noch? Wann werden die Marktmächte einsehen, dass sie viel zu kurzfristig und einseitig denken? Wann werden sie erkennen, dass die Marktwirtschaft in Bezug auf die Umwelt- und Umverteilungsprobleme völlig versagt hat – und auch künftig keine brauchbaren Antworten finden wird?

Weshalb lassen wir das zu? Warum legen wir dennoch Wert auf ein steigendes BIP? Ein Grund liegt darin, dass der Markt seinen Erfolg beziehungsweise seine Macht auch der Tatsache verdankt, dass man Angestellten mit Entlassung drohen kann. Arbeitslosigkeit bedeutet nicht nur den Verlust einer Stelle, sondern auch den der gesellschaftlichen Stellung; wer arbeitslos wird, hat nicht genügt und ist in Gefahr, aus dem sozialen Zusammenhang zu fallen. Diese Drohung treibt Menschen zu Höchstleistungen an. Die Evolution hat uns mit einem starken Bedürfnis nach Zugehörigkeit und sozialer Integration ausgerüstet. Ein großer Teil der persönlichen Identifikation und des praktizierten Soziallebens hängt mit der Arbeitsstelle zusammen. Hier vermischen sich unsere Bedürfnisse nach sozialer Anerkennung mit den Bedingungen des Markts. Das ist zwar von großer Bedeutung, hat aber keine Relevanz für die Zahlen.

Die bezahlte Arbeit wird inzwischen von der Politik als einzige Möglichkeit zur sozialen Integration und zur Vermeidung von sozialen Unruhen gesehen. Auch deshalb wurde die Arbeitslosigkeitsziffer zu ihrem zentralen Maßstab. Firmen werden angelockt, weil sie Arbeit schaffen und damit sozialen Anschluss ermöglichen. Was und wie produziert wird, ist Nebensache.

Den Markt müssen wir nicht abschaffen. Aber wir dürfen ihn nicht mehr als alternativlos betrachten. Viele unserer produktiven Tätigkeiten, wie Betreuung, Bildung, Haushaltung oder Lebensmittelproduktion, sollten wir von den Marktzwängen befreien, indem wir sie über die Bedarfswirtschaft ermöglichen – Bedarfswirtschaft ist das Hauptthema dieses Buches. Ob sich für eine Tätigkeit die Markt- oder die Bedarfswirtschaft besser eignet, erkennen wir, wenn wir unsere historischen Erfahrungen zu Rate ziehen und wenn wir die Fiktion des Homo oeconomicus über Bord werfen und zur Kenntnis nehmen, was uns Soziologinnen, Verhaltensforscher und Neurologinnen über das Wesen der Menschen zu sagen haben.

Wohl erscheint die Bedarfswirtschaft hinsichtlich der