Eine Reise ins Nichts - null Rahek - E-Book

Eine Reise ins Nichts E-Book

null Rahek

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Beschreibung

Ramona und Gustav sind absolut keine Helden. Jeder kennt solche Figuren. Für beide soll es nur eine nette Urlaubsreise in den Süden werden. Gustav, weil er in Ramona verliebt ist und darauf hofft, dass sie endlich zueinander finden und weil er seit Jahren um sie wirbt. Ramona fährt mit, weil sie Gustav viele Jahre kennt, ohne echte Gefühle entwickelt zu haben und weil sie einfach gelangweilt ist. In Florenz enden die romantischen Ferien abrupt und eine geheimnisvolle Entdeckungsreise beginnt. In Dresden, Potsdam, Naumburg und anderen Orten in Deutschland erkennen sie, dass sie inmitten einer tödlichen Schatzsuche gelandet sind. Es wartet ein echtes Geheimnis auf sie und weit entfernt endet unerwartet ihr spannendes Abenteuer. Ramona und Gustav müssen sich nicht nur großen Gefahren aussetzen, sondern auch ihre Beziehung zueinander klären. Und ihre Beziehung könnten sie mit sinnlicher Erotik zu einem ewigen Glück ausfüllen. Doch das magische Mysterium schreibt seine eigenen Regeln und die verborgenen Wege könnten auch im Nichts enden.

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Seitenzahl: 527

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Rahek

Eine Reise ins Nichts

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Richtung Süden

Florenz

Richtung Norden

Dresden

Potsdam

Naumburg

Briesen

Zugfahrt

Vereinigungszeit

Baden Baden

Erfurt

Hamburg

Kreuzfahrt

Auf hoher See

Kairo

Ägypten

Im innerin der Welt

Ende

Nachtrag

Impressum neobooks

Richtung Süden

Sollte der geneigte Leser keinen Sinn für Erotik, für Humor und Geschichte haben, dann sollte er dieses Buch sofort entsorgen. Ich könnte empfehlen, das Buch schnell zu verschenken, aber Menschen ohne Spaß an Erotik, ohne Humor und ohne das Interesse an Geschichte, haben gewöhnlich keine Freunde, denen sie das Buch schenken könnten. Also sollten sie es einfach entsorgen, ohne auch nur das Buch durchzublättern. Lesen sie etwas anderes! Für den kleinen Rest meiner Leserschaft wünsche ich ein spannendes und anregendes Vergnügen.

RAHEK

Vorfreude

Gustav liebte es seine Umgebung zu verwirren. Es machte ihm Vergnügen in ein langweiliges Wespennest zu stochern bis es summte und wirbelte und wenn ein Völkchen von Schläfrigkeit und Selbstzufriedenheit auf Abwehr und Kampf umschaltete, dann blühte Gustav auf. Unruhestifter nannten ihn die Leute. Chaot und Anarchist! Dabei war Gustav ein liebenswerter Mensch, geradezu ein kleiner Humanist und Komiker. Aber er provozierte gerne Chaos, wenn die Welt um ihn herum in Langeweile erstickte. Die Menschen neigen immer zur Antriebslosigkeit, wenn ihnen kein Antrieb gegeben wird. Nun, Gustav konnte Antrieb geben. Hin und wieder schoss er über das Ziel hinaus und dann verwirrte sein Antrieb, statt zu treiben. Irritationen zu schaffen, blieb aber eine Option und seine eigentliche Motivation war Neugier. Er hatte schon so viele Dinge erlebt. Da war es normal, dass manchmal ein paar Situationen schief liefen. „Nur wer gar nichts macht, vermeidet Fehler!“, war seine Devise. Gustav liebte Bücher, die über die Geschichte der Menschen, über die Geheimnisse des Lebens berichten. Sein Wissensdrang war unersättlich. Tagelang konnte er mit Büchern allein verbringen. Aber ein Langweiler war er absolut nicht und natürlich unterlag auch Gustav Irritationen. All zu oft ließ er sich selber verwirren und ins seelische Chaos treiben. Und genau davon lebt seine Geschichte.

Es war so ein herrlicher Frühlingstag. Voller wohliger Gefühle. Vergessen war der zähe Winter mit dem nassen Wechsel der dunklen Jahreszeiten. Nun lag die Blütenpracht auf den Wiesen und die Luft war geschwängert mit Millionen Tonnen von Pollen und Düften. So verschwenderisch konnte die Natur sein, so üppig und anmaßend. Noch vor wenigen Wochen verharrte alles in Kältestarre, tat so, als ob nie wieder Leben in die Welt kommen könnte. Jeder Tropfen Wasser in den Seen und Bächen war gefroren. Die Erde war steif wie Beton und Grabesstille herrschte über das kalte Land. Doch jetzt summten Insekten durch die Lüfte, Vögel sangen zur Paarung und alle Gewässer plätscherten munter durch eine frische Landschaft.

Gustav atmete tief durch und ließ die Sonne genüsslich über seine Haut gleiten. Auch er begann wieder neu zu leben. Kein Wunder, dachte er, dass die Norweger und Grönländer an Depressionen und Selbstmord leiden. Der Mensch sollte nicht in Finsternis und Kälte leben. Schließlich stammt der Mensch aus dem sonnigen Afrika und irgendwie haben wir alle dort unseren Ursprung. Und es ist auch kein Wunder, dass der Neandertaler in seiner Eiszeitlandschaft ausgestorben ist. Kälte und Finsternis sind keine menschlichen Lebensimpulse. Der Mensch ist ein Sternenkind und unser Stern ist die Sonne.

Man konnte die Frühlingsgefühle der Mitmenschen förmlich riechen. Sein kleines märkisches Dorf schien zu lachen und zu singen. Vielleicht machte auch nur das außergewöhnliche Wetter die Leute verrückt. Gustav ging es nicht anders und ständig ertappte er sich dabei, wie er sich selber streichelte. Schon schauten die Leute ihn ungläubig an.

„Na, Gustav, alles wieder frisch im Schritt?“, riefen sie schon aus einiger Entfernung. Verlegen versuchte Gustav so zu tun, als streife er sich nur Pollen aus der Kleidung. Das wirkte dann noch merkwürdiger.

Und trotzdem blieb er in reiner Hochstimmung, vielleicht auch nur, weil er sich streichelte. Der Hauptgrund war aber der, dass sich Gustav zu einem Abenteuer durchgerungen hatte. Bestimmt lag es an dem Wetter. Dieser verdammte Frühling! Jedenfalls hatte Gustav beschlossen mit einer Freundin in den Süden zu reisen. Verrückte Idee! Die Freundin war jünger als er und dann auch noch hübsch und sexy. Sie waren befreundet, aber auch nicht mehr. Sie hatten noch nie miteinander! Ramona vereitelte jede noch so kleine Gelegenheit seit Jahren. Gustav hatte geglaubt, dass eine Reise mit ihr in den Süden ihn vom Freunde zum Geliebten mache. Naja, Männer denken halt so.

Der Plan war eigentlich gar nicht schlecht: Gemeinsam für viele Tage auf Reisen und romantische Orte und gemeinsame Zimmer. Ein Gläschen Wein und noch ein Gläschen Wein und ein kitschiger Sonnenuntergang. Das wäre perfekt.

Und seine Freundin hatte sogar zugesagt. Wenn da nicht etwas in dieser frühlingsweichen Luft lag! Er musste jetzt nur aufhören sich ständig selber zu streicheln. In panischer Vorfreude stieg er ins Auto, um seine Freundin abzuholen. Auf in das Abenteuer!

Ramona hatte schon gewartet. Ihren Koffer hatte sie mehrmals ein und ausgepackt, bis er endlich zuging. Sie war sich nicht sicher, welche Garderobe geeigneter war. Leicht und aufreizend oder bedeckt und züchtig? Warum hatte sie nur zugesagt? Diese Reise mit Gustav würde sicherlich zu einem Fiasko! Sie wusste, dass es für Gustav eine bedeutungsvolle Beziehungsreise werden sollte. Irgendwie hatte Ramona aber auch Lust auf ein kleines Abenteuer und die Frühlingsluft ließ ihre Paarungsbereitschaft aufleben. Aber Gustav war seit Jahren ihr Freund und Freunde und Sex gehörten einfach nicht zusammen.

Nun war es zu spät.

Vor ihrem Haus fuhr Gustav mit seinem Kleinwagen vor. Panik befiel ihr zartes Gemüt. Nervös streichelte er sich selbst. Gustav stieg aus dem Wagen und er hatte Mühe gerade zu laufen. Er war völlig neben sich. Diese gemeinsame Reise war eine verrückte Idee. Und so standen sich beide in purer Panik gegenüber und versuchten ein unverfängliches Lächeln zu verschenken.

„Hallo Ramona, alles bereit für unsere Reise?“, fragte Gustav mit einer gewissen Säuselstimme. In seinen Beinen vermisste er jedes Gefühl.

„Hallo, Gustav, es ist auch ein schöner Tag.“, wisperte sie und beide drückten sich, wie sie es immer machten.

Richtung Süden – Alpengefühle

Dann ging die Reise los und sie plauderten von ganz belanglosen Dingen wie Krankheiten und blöde Nachbarn. Gustav fühlte sich riesig und hätte er einen Hut aufgehabt, wäre er Indianer Jones. Sie saßen beide tatsächlich in einem Auto und fuhren gemeinsam in den Urlaub. Unglaublich!

Sie kannten sich schon einige Jahre und irgendwie mochten sie sich gegenseitig. Doch niemals zuvor waren sie in einer Situation geraten, die mit Sex endete. Gustav war in sexuellen Dingen zwar erfahren, wusste wann er Aufwand in seinem Werbungstanz benötigte oder wann er einfach und mühelos zum Zuge kam. Er wusste, dass es bei manchen Frauen wenig Sinn machte viel Energie zu investieren und er zog sich dann auch schnell zurück, ohne peinlich zu sein. Trotzdem reagierte Ramona nie auf seine Körperlichkeit. Oh ja, er konnte mit Frauen gut umgehen und wenn er nur wollte, dann war er ein ganz „cooler Typ“.

Aber bei Ramona war das kompliziert.

Auf der einen Seite hatte er immer das Gefühl, dass sie mehr verbindet als Freundschaft und auf der anderen Seite gab sie ihm nie eine echte Gelegenheit, um sich ins Zeug zu legen. Bei dieser Reise in den Süden würden zahlreiche Gelegenheiten kommen, da war sich Gustav sicher. Er musste nur seine Ängste unterdrücken und aufhören sich selber zu streicheln.

Ramona konnte ihre Panik auch etwas eindämmen. Nach und nach beruhigte sie sich.

„Was soll’s!“, dachte sie. Schließlich waren sie langjährige Freunde und sie hatte auch keine Versprechungen gemacht. Beide hatten keine feste Partnerschaft und gemeinsam in den Süden zu reisen, war unter Freunden eine ganz normale Sache. Normalität vertreibt jeden Skrupel und jede Panik. Nur ihre Namen entsprachen nicht der Normalität. Ramona und Gustav. So nennen Eltern ihre Kinder nicht, wenn es sich um Wunschkinder handelt. Man könnte glauben, dass sie uralte Leute wären. Doch tatsächlich befanden sie sich im mittleren Alter. Zu alt und erfahren, um naiv und peinlich durch das Leben zu schleudern, aber noch jung genug, um eigene Familien zu gründen.

Kurz, als Blumen standen beide in kräftiger Blüte.

Während der ersten Stunden passierte nicht viel. Doch dann drückte Gustav's Blase. Dieser verdammte Kaffee. Doch er traute sich nicht anzuhalten, um auf die Toilette zu rennen. „Coole Typen“ machten solche Dinge nicht. Auf der anderen Seite sah es auch nicht cool aus, wenn er auf seinem Fahrersitz hin und her zappelte. Um davon abzulenken, drehte er die Musik ein wenig lauter. So konnte er im Takt schwingen. Doch Gustav merkte schnell, dass rhythmische Bewegungen die Blase nicht entlasteten. Langsam schmerzten seine Nieren und Tränen trübten seinen Blick. Verdammt, normalerweise müssen Frauen doch ständig auf Toilette.

Sein Harndrang nahm krampfartige Züge an und die Schmerzen wurden unerträglich. Er musste handeln!

„Ich fahre jetzt mal auf einen Rastplatz, denn eine kleine Kaffeepause wäre doch ganz gut, oder?“

Ramona nickte nur beifällig und so steuerte Gustav erleichtert und mit Übergeschwindigkeit die nächste Raststelle an. Eile war geboten.

Ramona war froh, denn sie musste ganz dringend pinkeln. Sie fragte sich ernsthaft, warum Männer niemals pinkeln müssen, wenn sie verreisen.

Der Rasthof war nicht besonders groß und nicht übermäßig voll.

Gustav pinkelte mit einem breiten Lächeln im Gesicht. Dann wischte er sich die Tränen ab und dankte Gott und der Klofrau gleichermaßen.

Eine halbe Stunde später war auch Ramona von der Toilette zurück. „Warum Frauen immer so viel Zeit auf Toilette verbringen?“, überlegte er. Selbst wenn Gustav beim Pinkeln die Hose runterließ und sich setzte, dauerte es nur unwesendlich länger als am Stehbecken. Er wartete geduldig auf seine Begleiterin und führte sie zu einem Ecktisch am Rande der Raststätte.

„Magst du einen kleinen Imbiss oder etwas Süßes zwischendurch, mein kleiner Hasenpups?“, fragte er höflich in leichter Hochstimmung.

Gustav verwendete oft unglaubliche Kosenamen für Ramona, obwohl sie gar kein Paar waren. Meist reagierte sie nicht einmal darauf. Und eigentlich mochte sie keine Kosenamen, egal wie witzig sie auch waren.

Und „

Hasenpups

“, nachdem sie von der Toilette kam, war völlig unpassend.

„Hör zu, Gustav! Lass diese blöden Kosenamen stecken. Ich heiße Ramona und damit ist es auch gut!“

Sie sagte es mit weit mehr Zorn, als sie es beabsichtigt hatte.

Gustav blieb kurzzeitig der Mund offen und die Stimmung drohte zu kippen.

„Ich wollte nur witzig sein. Musst ja nicht gleich so sauer reagieren, Raaamooona.“, sagte er.

„Nun gut, dann möchte ich einen Burger mit Hackfleisch und Käse und bitte einen Saft.“, entgegnete sie. Gleich hatte Gustav noch schlechtere Laune. Mürrisch lief er durch die Raststätte.

„Sie ist eine launische Zicke und jetzt will sie auch noch einen Hamburger.“, murmelte er vor sich her und stellte sich in die Warteschlange.

„Nein, Burger gibt es an der Selbstbedienung. Hier gibt es nur richtiges Essen.“, sagte die strenge Verkäuferin und noch schlechter gelaunt ging er durch die Selbstbedienungsregale und suchte nach Hamburger.

Gustav aß niemals solche mit Zucker durchtränkte Brötchenpampe mit minderwertigem Fleischersatz. Er hasste Fastfood jeglicher Art und er war sogar stolz darauf. Nach einem Burger zu fragen, empfand er als Demütigung, als hätte er nach dem Weg fragen müssen. Unglaublich, wie sehr er sich nun erniedrigte. Das machte er jetzt auch nur für seine Ramona, seinen kleinen Hasenpups.

Er fand endlich eine Verpackung mit der Kennzeichnung „

Burger

“ und wurde nun unsicher, denn der Hamburger war kalt und schwammig.

„Sie müssen den Burger dort drüben in die Mikrowelle legen, auf den grünen Knopf drücken und dann wird er heiß und fettig.“, erklärte ein junges Mädchen, als Gustav Hilfe suchend alle Leute ansprach, als wäre er von einem fremden Stern. Er ging also zum Zubereitungsschrank der Automatenwand im Selbstbedienungsabteil der kleinen Raststätte.

„Auf einer Raststätte sollte man rasten und nicht kreative Bastel- und Kochkurse ablegen müssen.“, schimpfte er.

Gustav schob nun das weiche Päckchen mit dem Burger in das aufklappbare Fach und drückte den grünen Knopf.

Dann lief heißer und schwarzer Kaffee in das Fach, über den kalten Burger und anschließend auf dem Boden.

„Das ist der Kaffeeautomat, Sie Idiot!“, rief das junge Mädchen durch die Raststätte. Um Gustav herum brach Gelächter aus und die Bedienung kam zornig mit Wischlappen und Eimer angerannt.

„Hat er die Mikrowelle mit dem Kaffeeautomaten verwechselt?“, fragte ein junger Mann, der ungläubig daneben stand. Das junge Mädchen nickte und verschränkte ihre Arme im Stile einer erbosten Lehrerin.

Um halbwegs gestärkt aus dieser Szene herauszukommen, straffte Gustav seine Schultern, reckte sein Kinn hervor und sagte mit lauter und fester Stimme:

„Das tut dem Hamburger aber gut und warm ist er jetzt auch!“

Dann drehte er sich um und verließ das Chaos, als wäre er Sieger einer großen Schlacht. Doch hinter jedem Kriegsheld steht immer auch eine Frau und als sich Gustav umdrehte, stand Ramona mit offenem Mund vor ihm.

„Was tust du da, Gustav? Und was ist das für eine riesige Schweinerei?“, fragte sie misstrauisch.

Schnell packte er sie und drängte hinaus.

„So ein mieser Laden. Stell dir vor, als ich einen Kaffee nehmen wollte, hatte doch so ein Idiot den Kaffeeautomaten mit der Mikrowelle verwechselt und statt einem Becher legte er Essen darunter. Und deinen Burger hatten die auch nicht frisch, sondern nur abgepacktes Zeug. Das wollte ich dir nicht zumuten. Vielleicht halten wir später an einer besseren Raststätte.“, stöhnte er hechelnd.

Als sie wieder im Auto saßen, schaute Ramona immer noch ungläubig zu Gustav. Sie hätte fast gedacht, dass er selbst das Chaos am Kaffeeautomaten verursacht hatte, doch war sie sich jetzt nicht mehr sicher. So ein Trottel konnte ihr Freund doch nicht sein.

Gustav umfasste fest sein Lenkrad und vermied jeden Sichtkontakt.

Unglaublich peinlich war das. Nur gut, dass seine Ramona es nicht komplett gesehen hatte. Außerdem kann so etwas schon mal passieren.

Also holte er tief Luft und sagte im Tonfall eines Schullehrers:

„Was für ein Idiot, der statt die Mikrowelle den Kaffeeautomaten betätigt. Vielleicht hatte er auch schon ein Würstchen oder gar einen Burger hineingelegt?“

Und dann lachte Ramona laut los und wollte sich nicht beruhigen.

„Das geht ja gut los!“, murmelte Gustav vor sich hin und dann ertappte er sich, wie er sich wieder selber streichelte.

Die Berge der Alpen rahmten jetzt die Landschaft und streiften die Wolken am Himmel. Hübsche kleine Ortschaften lagen am Weg und immer wieder erreichten sie malerische Ausblicke. Gustav hatte ein niedliches Hotel gebucht, um für eine Nacht Station zu machen. Der Weg war das Ziel! Sie fanden auch das verträumte Bergdorf mit seinem Hotel.

„Sehr hübsch, mein lieber Gustav. Ein traumhaftes Gasthaus in einer wunderschönen Landschaft.“, schwärmte sie.

Ramona war sichtlich verzückt.

Gustav hingegen war sichtlich stolz wie ein Gemsbock. Und erregt war er auch wie ein Gemsbock in der Brunft, denn bald würden sie beide in einem Bettchen liegen und Dummheiten machen.

Als sie ihre Namen und Adressen in der kleinen Rezeption eintrugen, schüttelte die Wirtin mit dem Kopf.

„Sie sind nicht verheiratet?“, fragte sie streng.

Nun schüttelte Ramona ihren Kopf und Gustav lief rot an, …am Kopf.

„Dann können Sie hier kein Doppelzimmer bekommen, denn das geht absolut nicht.“, entschied sie und Gustav schnaufte.

„Hören Sie, gnädige Frau, wir befinden uns im 21. Jahrhundert. Auch wenn es in Ihrem Dorf noch nicht üblich ist, für die restliche Welt gilt, dass es nicht nur Ehepaare bis ins Doppelbett schaffen. Also geben Sie uns das reservierte Zimmer und Danke für Ihren Hinweis.“, entgegnete er entnervt.

Ramona wurde dieses Gespräch sehr unangenehm, denn sie hatte über die Art der Zimmer nicht nachgedacht. Gustav aber hatte ganz in seiner weitsichtigen Absicht ein Doppelzimmer bestellt und nicht, weil es billiger war.

Die alte Wirtin ließ sich aber nicht beirren.

„Sie können zwei Einzelzimmer haben, nebeneinander oder es tut uns leid. Dann müssen Sie sich ein Stundenhotel in der Stadt nehmen, meine Herrschaften.“, sagte sie ziemlich pikiert. Gustav überlegte kurz, ob ein Stundenhotel nicht auch ginge. Hauptsache er lag mit Ramona in einem Bett, doch ein Stundenhotel klang vom Namen her schon schlüpfrig. Da machte Ramona bestimmt nicht mit.

„Hier im Dorf dürfen noch Bruder und Schwester miteinander Kinder zeugen und die Wirtin unterstellt uns zweideutige Absichten. Einfach lächerlich!“, raunte Gustav entmutigt seiner Begleiterin zu.

Und zweideutige Absichten hatte Gustav wirklich nicht, denn er wollte ganz eindeutig mit Ramona in die Kiste.

Nun trug er ihren Koffer in das eine Zimmer und sein trauriges Herz in das andere Zimmer. Verdammte Bergvölker!

Ramona beteuerte, dass es doch egal sei und es wären ja auch hübsche Zimmer. Doch ihm war es nicht egal und er dachte darüber nach, dass es vielleicht dieser Unterschied in ihren Erwartungen sei, wenn es mit ihnen nicht klappen sollte.

Ramona waren angeblich solche elementaren Dinge immer egal. Dabei waren die Umstände, ob sie sich ein Bett teilten oder getrennte Räume benächtigten von unglaublicher Wichtigkeit.

Gemeinsam in einem Bett ersparte nicht nur die aufwendige Schamoffensive im fremden Zimmer, sondern stellte enge Vertraulichkeiten automatisch her. Wenn er sie dann nachts im „Halbschlaf“ abtastete und streichelte, konnte sie im schlimmsten Falle seine freche Hand zurückweisen. In ihrem eigenen Schlafzimmer konnte sie ihn aber hochanständig rauswerfen, was in einem gemeinsamen Bett schlecht ginge. Also war es nicht egal!

Ramona benahm sich immer wie ein Zwitterwesen, was jenseits von Sex und Lust lebte. Tiefer konnte seine Stimmung nicht sinken.

Er musste eine neue Taktik finden und anwenden und seinen schönen Plan erst mal verwerfen.

Nachdem Gustav ihren Koffer abgestellt hatte und das Nebenzimmer aufsuchte, setzte sich Ramona erschöpft aufs Bett. Sie öffnete ihr Gepäck und wühlte in ihrer Wäsche, um passende Kleidung zu finden.

Gustav machte einen genervten Eindruck. Er tat ihr ein wenig leid und er hatte sicherlich von einem Doppelzimmer mit ihr geträumt. Es war wohl nicht sein Tag. Erst der Burger im Kaffeeautomaten und jetzt noch die getrennten Zimmer.

Ramona streifte sich die Kleidung ab und ging unter die Dusche.

Das warme Wasser belebte ihren mädchenhaften Körper, der sie optisch viel jünger machte, als sie war. Ihre Fältchen im Gesicht konnte sie nicht mehr verbergen. Trotzdem! Sie besaß eine verführerische Figur. Kleine und feste Brüste, einen runden Hintern und einen schlanken und fettlosen Bauch mit einer Zierde von Bauchnabel. Nein, sie war zufrieden mit ihrem Äußeren und fühlte sich wohl. Und sie spielte gern mit ihrem Körper, kannte die Stellen genau, die ihre Lust weckten. Ramona lebte allein und war nicht auf fremde Hilfe angewiesen. Und als das warme Wasser so angenehm ihre Haut umspülte, verdrängte sie die Gedanken an Gustav. Mit ihrem Bedürfnis nach Entspannung führte sie ihre Hände sehnsüchtig zwischen ihre Schenkel. Alles um sie herum tauchte in ein warmes, wohliges und feuchtes Universum.

Nur wenige Meter entfernt, getrennt durch eine dünne Alpenzimmerwand, stand Gustav in seinem Bad. Enttäuscht blickte er in den Spiegel. Verdammte Falten! Ohne sie würde er noch als Student durchgehen. Wenigstens hatte er eine anständige Figur. Er trieb immer Sport und war sein ganzes Leben lang ein „

zäher Hund

“. Doch wenn er ehrlich war, dann hatte sein Alter deutliche Spuren hinterlassen. Die Haut war nicht mehr so straff wie in seiner Jugend.

Es dauerte manchmal über eine Stunde, bis seine Schlaffalten verschwanden. Die Furchen in seinem Gesicht verschwanden hingegen nicht mehr. Jeder alte Reifen hatte tiefe Riefen im Profil und das wusste Gustav.

Was soll’s! Er hatte ein erfülltes Leben voller Aufregung und Abenteuer hinter sich und selbst jetzt sah er weit jünger aus als seine Altersgenossen. Doch gegen das schleichende Alter half nichts. Kein Sport, keine Kosmetik und keine Modebekleidung konnten den Altersprozess aufhalten. Dieser Jugendwahn nagte an seinem Stolz.

Er zog seine Sachen aus und wandte sich ab von dem gnadenlosen Spiegel. Gustav betrachtete sich nie nackt im Spiegel, auch dann nicht, wenn er Körperpflege betrieb. So ein Spiegel soll schmeicheln und nicht Realitäten vermitteln.

Er zog eine Flasche Whisky aus dem Gepäck. Das Etikett vermittelte stolz: „Schottisch herb und 18 Jahre im Eichenfass gelagert.“

Er goss sich ein Glas ein und betrachtete es ehrfürchtig. Vor solch einem Getränk zeigte er immer Demut und Respekt, roch genüsslich daran und nahm einen herzhaften Schluck. Rauchiger Torf brannte seine Kehle hinunter und unweigerlich stöhnte er vor Wonne. Junger Whisky war scheiße und umso älter die Sorte, desto teurer und begehrter war er.

Es sollte bei Menschen auch so sein. Aber Gustav war kein Whisky.

Mit einem neuen Glas ging er in die Dusche und drehte heißes Wasser auf. Dann dachte er an Ramona und ihren mädchenhaften Leib, bis er seiner Erregung selber nachgab. Jeder Muskel war in Spannung und sein Herz raste bei den Gedanken an Ramona. Er wusste, wie sie nackt aussah, hatte all ihre Reize im Kopf sicher abgespeichert. Ramona!

Es dauerte auch nur kurze Zeit, bis er seinen Samen im Duschabfluss entließ. Die ganze Spannung des Tages fiel von ihm.

„Das galt zwar jetzt nicht als Sex mit Ramona, war aber auch schön und entspannend.“, sinnierte Gustav, als er sich abtrocknete.

Nachdem er sich angekleidet hatte, ging er zu ihr ins Nachbarzimmer.

Sie stand vor ihrem Koffer und sortierte Sachen. Auch sie war angekleidet und duftete nach frischer Dusche und sie sah entspannt und zufrieden aus. Er ging zu ihr und küsste zärtlich ihre freie Schulter. Sie lächelte und sah zauberhaft aus.

Weder Ramona noch Gustav ahnten, dass sie beide gleichzeitig unter der Dusche kurz zuvor einen Höhepunkt hatten.

Nur eine dünne Alpenzimmerwand hatte sie getrennt.

Verdammte Wirtin!

Das Alpendorf war weit verträumter, als es ihnen recht war. Nur ein einziges Restaurant gab es im Ort und das war eine Art Dorfkneipe für das einfache Bergvolk.

Ramona und Gustav setzten sich etwas abseits der Einheimischen, die sie misstrauisch anschauten. Der Schankwirt war ziemlich raubeinig und mächtig im Umfang. Sein rechtes Augenlid hing etwas schlaff über dem Augapfel und eigentlich sah er mehr einem Piraten ähnlich als einem Alpenwirt. Die Sprache war noch einheimischer als das Inventar und Ramona und Gustav verstanden kaum ein Wort.

„Das kommt davon, wenn über Generationen Schwester und Bruder die Nachkommen zeugen.“, grinste Gustav seiner Ramona ins Ohr.

Manchmal konnte er wirklich witzig sein.

Es gab salzige Hausmannskost, kräftiges Bier und Erdnüsse. Hin und wieder griff Gustav verwegen ihre Hände. Dann empfahl der Piratenwirt einen einheimischen Pflaumenbrand und beide griffen zu. Dadurch konnte er nur lockerer werden und Ramona würde vielleicht etwas hemmungsloser, so sie doch noch in einem Bett landeten.

Und tatsächlich bewirkte der Schnaps eine ausgelassene Stimmung.

Die anderen Gäste im Wirtshaus setzten sich nach und nach an ihren Tisch und erzählten Geschichten der rauen Bergwelt. So wurde die Atmosphäre immer alberner und Gustav spürte den Pflaumenbrand im Blut zirkulieren. Seine Sprache wurde blumiger.

Ramona war als einzige Frau die Minderheit im Raum. Sie war jedoch auch kein Kind von Traurigkeit und versetzte sich in bester Stimmung.

Nun wurden auch noch Witze erzählt, anfangs harmlos und eher niedlich. Man scherzte und lachte und trank „

Pfläumchen

“.

Wurde ein neues Glas eingeschenkt, dann riefen alle gemeinsam:

„Prosit, mein Pfläumchen!“

Und die Männer zwinkerten fröhlich Ramona zu.

Das war ein wenig anrüchig, aber die Stimmung blieb ausgelassen, auch dann noch, als Gustav seine Begleiterin mit „

Hasenpups

“ betitelte.

Zwar war es Ramona unangenehm, dass Gustav wieder so blöde Kosenamen verwendete, doch es war eine so gesellige Runde.

Und hatte er anfangs maßvoll getrunken, kippte er jetzt zahllose Gläser in sich hinein. Gustav wollte mutiger werden. Angetrunken wie er war, konnte er nicht ahnen und schon gar nicht fühlen, dass seine Witze immer zotiger wurden und seine Hände immer hemmungsloser auf Ramonas Schenkel klatschten. Er war so richtig in Hochform und sie versuchte noch immer die Form zu wahren.

Dann erzählte Gustav seinen besten Witz:

Treffen sich zwei Pfläumchen an einer Bar.

Sagt die eine Pflaume: Irgendwas riecht hier nach Sperma.

Sagt die andere Pflaume: Tut mir leid, ich habe nur kurz aufgestoßen und ein Bäuerchen gemacht.

Lautes Gelächter und Schenkelklopfer.

Gustav lachte so ungehemmt, als hörte er den Witz zum ersten Mal. Ramona lächelte, um nicht prüde zu wirken.

„Alois, mein Freund!“, rief Gustav dem Schankwirt lautstark zu, der aber dicht neben ihm saß, „Noch eine Runde Pfläumchen und ich hoffe, dass mein Hasenpups danach kein Bäuerchen machen muss!“

Aus dem Lachen wurde Gegröle, doch Ramona reichte es.

„Du kannst gerne mit deinen neuen Freunden weitermachen, Gustav, aber ich gehe jetzt!“

Wütend warf sie dem verdatterten Gustav einen wirklich bösen Blick zu.

Ihr Blick war so finster, dass jedes Gelächter erstickte.

„Aber Ramona, dass war doch nur ein kleiner Scherz!“, stammelte Gustav, doch Ramona hatte bereits die Wirtschaft wutentbrannt verlassen. Schniefend rannte sie allein zum kleinen Alpenhotel.

Als Gustav später im Hotel ankam, klopfte er zaghaft an ihre Tür. Doch kein Laut kam aus ihrem Zimmer und enttäuscht ging er ins Bett.

Nur eine dünne Alpenzimmerwand von Ramona entfernt.

Und Ramona war stinke sauer und sie war froh, dass sie getrennte Betten hatten und jeder sein eigenes Zimmer. Ihre Tränen sah man nicht und die Alpenzimmerwände sorgten dafür, dass es so blieb.

Gustav wusste, dass er wieder einmal Mist gebaut hatte. Der Morgen danach war stets ein Tribunal. Er kannte die moralische Stimme in seinem schweren Kopf.

„Was hast du gestern Abend getan?“, fragte seine innere Richterstimme.

„Ich hatte zu viel Alkohol und wollte ja nur einen Witz machen:“, war seine haltlose Verteidigung, die schwach und hilflos erschien.

„Geh, und entschuldige dich bei ihr und mache so etwas nie, nie wieder!“, lautete sein innerlicher Richterspruch.

Wie ein geprügelter Hund setzte er sich im Frühstücksraum zu ihr. Sie blickte immer noch finster und sie war beleidigt.

„Es tut mir so leid, Ramona, ich habe zu viel getrunken und ich wollte dich nicht beleidigen. Ich bin ein bisschen verliebt in dich und ich bin ein Idiot.“

Ramona schlürfte ihren Kaffee, ohne auch nur einen Blick auf Gustav zu verschwenden.

„Ja, du bist ein Idiot! Bei deiner nächsten sexistischen Beleidigung fahre ich zurück und wir sind getrennte Leute!“, sagte sie.

Gustav nickte betroffen. Er war so ohne Appetit.

Florenz

Florenz – Reiselust

Gustav war nun übermotiviert. Ständig fragte er, ob Ramona etwas brauche, sie durstig sei oder hungrig, ob die Klimaanlage nicht zu kalt, die Musik nicht zu laut oder die Fahrt nicht zu langweilig sei.

Immerhin ließ sie sich von ihm zu einem Sahnetörtchen einladen.

Er war ausgesprochen charmant und fürsorglich, machte viele Komplimente.

Ramona gefiel es und im Laufe des Tages war ihr Zorn verflüchtigt.

Auf einem Hügel hielt Gustav an, nahm ihre Hand und küsste sie voller Überschwang.

„Sieh, meine liebe Ramona, dort liegt Florenz, die Stadt der Künste und von Michelangelo. Das ist unser heutiges Ziel. Ich habe dort für ein paar Tage ein kleines Hotel gebucht und ich hoffe, es gefällt dir.“

Ramona lächelte ihn an. Sie war noch nie in Florenz.

„Hast du wieder ein Doppelzimmer gebucht? Die machen dann bestimmt wieder Ärger und Ärger brauchen wir nicht mehr, oder?“, bemerkte sie vorwurfsvoll. Gustav errötete.

Verdammte Planung!

Jetzt musste er viel rücksichtsvoller sein, denn Streit wollte er vermeiden.

„Du brauchst keine Angst zu haben, Ramona, ich schlafe auch auf dem Sofa.“, sagte er verlegen und gleichzeitig dachte er, dass sie dann wenigstens gemeinsam duschen und auf dem Bett Rotwein trinken könnten. Doch der mahnende Blick von Ramona verriet ihm, dass sie andere Gedanken hegte. Enttäuscht senkte er seine Stimme.

„Aber vielleicht haben die noch Einzelzimmer, auch kein Problem. Ich kümmere mich darum.“, fügte er hinzu.

„Ach Gustav!“, stöhnte Ramona und doch schmunzelte sie.

Irgendwas lag in dieser italienischen Luft und es knisterte. Und so fuhren sie nach Florenz und es sah fast so aus, als wären sie ein Paar.

Gustav hatte Pech, denn das Hotel besaß ausreichend Einzelzimmer, die noch frei waren, verteilt auf unterschiedlichen Etagen. Ärgerlich, denn Ramona erzählte später ganz beiläufig, dass es ihr selber nichts ausgemacht hätte, wären sie in einem Doppelzimmer untergebracht. Verdammte Italiener!

Die Stadt am Arno war herrlich und so verschwenderisch. Wenn Geschichte fühlbar war und einen eigenen Geruch besäße, dann hier in dieser ehrwürdigen Stadt. Gassen, Winkel und Plätze in einem Labyrinth historischer Details. Beide waren verzückt und liefen vergnügt durch den Trubel der Altstadt.

Vor einem noblen Restaurant blieben sie stehen und betrachteten das Speiseangebot an üppigen Meeresfrüchten und herrlichen Köstlichkeiten.

„Das ist ein sehr schönes Restaurant.“, meinte Ramona.

„Schön teuer!“, dachte Gustav, der sich aber nun nicht als Geizkragen präsentieren wollte. Also betraten sie das hübsche Restaurant.

Es stellte sich heraus, dass es auch eine kleine Terrasse gab, mit wunderbarem Ausblick auf die Altstadt mit ihrem Fluss.

„Dann nehmen Sie bitte dort Platz, auf unserer Terrasse und ich bringe Ihnen die Karte.“, erklärte der nette Oberkellner, mit einer sehr würdevollen Verneigung.

Sie traten durch die Gasträume, bis sie die besagte Terrasse durch ein breites Panoramafenster erblickten.

„Oh, das ist wirklich sehr hübsch und es ist draußen so angenehm warm.“, säuselte Ramona. Nur eine Tür fanden sie nicht auf Anhieb am großen Panoramafenster. Niemand war in ihrer Nähe und beide ein bisschen ratlos.

Gustav wollte kein Trottel sein und suchte weltmännisch den Durchgang.

Es war auch etwas eng. Vorsichtig schob Gustav die Tische beiseite, um besser an das prächtige Panoramafenster zu gelangen. Die großen Blumekübel störten auch. Er begann zu schwitzen.

„Ich finde hier keine Tür und keinen Öffner! Es bleibt mir ein Rätsel, wie man hierdurch auf die Terrasse kommen will!“, flüsterte er Ramona zu.

Nun packte auch sie mit an und gemeinsam rüttelten sie das riesige Panoramafenster. Irgendwo musste es doch einen Mechanismus geben!

Der nette Oberkellner war nirgends zu sehen.

Inzwischen knieten sie beide auf dem Boden und suchten den Fensterrahmen nach Öffnungsmöglichkeiten ab.

Ramona fand schließlich einen großen Riegel, den sie kraftvoll, aber mit weiblicher Würde und voller Eleganz bewegte. Wild rüttelte sie und laut ächzte der Rahmen. Aber das Panoramafenster war so riesig und schwer, dass es sich nicht bewegen ließ. Ramona fluchte.

Schweißperlen formten sich auf ihrer Stirn und sie wollte nicht vor einem italienischen Mechanismus kapitulieren. Gustav war vielleicht zu provinziell, um den Durchgang zu finden, aber nicht Ramona. Verbissen rüttelte sie an allen möglichen Rahmenecken und Kanten, schlug mit ihren Fäusten gegen das Fenster. Nicht einen Millimeter ließ sich die Glasfront zur Terrasse öffnen.

Grob stieß sie Gustav zur Seite und ihre Augen funkelten wild.

„Ich bräuchte nur ein Rohrzange!“, stöhnte sie.

Gustav erhob sich und kratzte sich am Kopf. Waren die Menschen in Italien bessere Türöffner oder kannten sie einfach nur einen Trick, um solche Panoramafenster zu öffnen? Die traumhafte Terrasse lag mit eingedeckten Tischen einladend vor ihnen. Einen Durchgang gab es aber nicht und die Glasfront blieb geschlossen.

Er stand neben Ramona, die noch immer zu seinen Füßen am Boden kniete und wild um sich fluchte, als plötzlich der nette Oberkellner mit den Speisekarten hinter ihnen auftauchte.

„Mein Herr, wenn Sie das, freundlicher Weise, unterlassen würden.“,

sprach er und zeigte auf Ramona, die am Fußboden begonnen hatte, die Teppichkanten am Fensterboden hochzureißen.

„Nehmen Sie bitte das gnädige Fräulein und folgen Sie mir zur Terrasse.“, sagte er ruhig und bedächtig.

Verdattert sprang Ramona auf und hakte sich eingeschüchtert bei Gustav unter.

Der nette Oberkellner trat vorbei am verfluchten Panoramafenster, um einen Pfeiler herum und huschte elegant durch eine breite Nebentür, raus auf die Terrasse.

„Warum haben wir diesen Durchgang nicht gesehen?“, fragte Gustav und zeigte auf das kleine Schild mit der Aufschrift „

Zur Terrasse

“.

Es war wirklich ein bisschen peinlich. Nun machte es auch Sinn, dass vor dem Panoramafenster Tische, Stühle und Blumenkübel standen, die er etwas voreilig weg geschoben hatte. Beide schauten betroffen zu Boden und folgten dem netten Oberkellner in seinem schmucken Frack.

Sie besetzten einen eingedeckten Tisch und der Oberkellner entfernte sich wortlos. Er war ein echter Profi.

Die Terrasse war unglaublich romantisch und das Essen vorzüglich. Niemand sprach über das verfluchte Panoramafenster und beide bemühten sich, dieses Thema zu vermeiden. Mit starrer Mine tauchte hin und wieder der Oberkellner auf.

Nach einem Krug Wein entspannten sich beide Gemüter mehr und mehr und Gustav traute sich wieder mit dem netten Oberkellner einen Blickkontakt herzustellen. Aber ein kleines Lächeln konnte er ihm nicht entlocken. Der Wein schmeckte großartig.

Als Gustav schließlich in Ramonas Augen schaute, schlug sie ihre Hand auf den Tisch und brach in hemmungslosem Gelächter aus.

Kraftvoll pustete sie:

„Gott, sind wir blöde! Fast hätten wir das riesige Panoramafenster ausgehebelt!“

Auch Gustav lachte und schüttelte seinen Kopf.

„Was musst du dich auch gleich so reinknien, wie eine übermotivierte, schmutzige Handwerkerin, du gnädiges Fräulein!“, entgegnete er herzhaft und gackerte los.

„Ich? Du Irrer hattest die Tische doch gleich weg geschoben! Wie kann man so blöde sein!“

Sie erlitt einen echten Lachkrampf und Tränen schossen ihr aus den Augen. Er wollte noch erwidern, dass die Terrasse auch sehr schlecht ausgeschildert war, aber gleichzeitig lachen und sprechen, das konnte auch er nicht mehr.

Es war bereits dunkel, als sie wohl gelaunt und angeheitert ihr Hotel erreichten.

Brav blieb Gustav vor ihrem Zimmer stehen. Sie hatte gerötete Wangen und ihre blaugrauen Augen glitzerten.

„Ich würde gern noch etwas mit dir trinken, aber sicherlich bist du müde, oder?“, sagte Gustav leise. Ramona schaute ihn freundlich an und dann drückten sie sich plötzlich eng aneinander und küssten sich.

Nur kurz und die Zungen im Zaum gehalten. Trotzdem!

Noch nie hatten sie sich so hingebungsvoll geküsst. Der Flur war leer und nur ihr schneller Atem durchschnitt die nächtliche Stille.

„Ich liebe dich, Ramona!“, schnaufte Gustav.

„Ich weiß!“, schnaufte Ramona zurück.

Dann löste sie sich aus seiner Umarmung, wünschte eine gute Nacht und verschwand in ihrem Zimmer. Gustav blieb allein im Flur zurück, der nun noch stiller wirkte und kühle Leere ausstrahlte.

Wie oft hatte er das schon erlebt! Ramona ließ sich niemals in seine Arme fallen, suchte nie von sich aus seine Nähe und würde niemals ihn liebkosen oder gar verführen. Ramona nicht.

Als Gustav in seinem eigenen Zimmer ankam, schenkte er sich einen Whisky ein und hing mit seinen Gedanken an Ramona, deren Duft er noch deutlich verspürte. Sie war wirklich schön. Für ihn war sie die pure Verführung selbst. Ein Kunstwerk, das er als Kunstliebhaber begehrte. Und alles, was man begehrt, war am Ende auch schön. Sie hatte mit ihrer Ausstrahlung absolute Gewalt über Gustav und er konnte nichts dagegen tun. Er wusste, dass jenseits jeder Vernunft, eine schöne Frau auch immer Macht verkörperte. Demzufolge war Hässlichkeit auch die unausweichliche Demut, überlegte er. Sollte er nun demütig oder machtvoll sein? Gustav grübelte darüber nach, fand aber keine Antwort.

Ramona blieb für ihn rätselhaft und verwirrend.

Er fand sie begehrenswert, sie empfand gar keine Gefühle. Warum?

Beide hatten eine kleine Stadtrundfahrt geplant und fuhren mit einem Kleinbus die Sehenswürdigkeiten der Stadt ab. Der lässige Touristenführer, der sie alle mit Vornamen ansprach, als wären sie gemeinsam in einem Sandkasten aufgewachsen, erklärte in blumigen Beschreibungen die wichtigsten Dinge. Gustav wusste über die meisten Sehenswürdigkeiten besser Bescheid und war gelangweilt. Am liebsten hätte er ein Buch herausgeholt und angefangen zu lesen, doch er wollte gegenüber Ramona nicht unhöflich sein und bemühte sich um Fassung.

„Das stimmte so nicht, was unser Sandkastenfreund da erzählt. Michelangelo war doch kein Adoptivsohn der Medici, sondern nur ein begabter Bildhauerlehrling, der gefördert wurde. Und die Künstler mit ihren Lehrlingen wohnten teilweise im Haus der Medicis. Davon gab es vermutlich viele. Die Medici förderten zahlreiche Künstler und manche hatten eigene Gesellen, die noch im Kindesalter waren. Trotzdem wurde Michelangelo nicht adoptiert. Was für ein Idiot, dieser Touristenführer.“, bemerkte Gustav beiläufig.

„Er gibt sich Mühe und so genau wollen es die Touristen auch nicht wissen.“, entgegnete Ramona, „Außerdem stören deine klugen Kommentare.“

Gustav verzog missmutig seinen Mund und schwieg. Er hätte einfach sein Buch lesen sollen.

Anschließend saßen sie in seinem Hotelzimmer und Ramona meinte, dass Gustav manchmal zu seinen Mitmenschen taktvoller sein sollte. Schließlich hatte auch der Touristenführer nur nett sein wollen.

„Die Leute sollten sich gegenseitig ermutigen und nicht lächerlich machen. Es ist egal, ob andere Menschen dümmer sind.“, sagte sie.

„Ich bin ein kühner und forscher Zeitgenosse ...“, widersprach er mit fester Stimme.

„Ein grüner und morscher Mann mit Flosse?“, flunkerte sie.

„Ein kühler und flotter Zweitmann! … Verdammt!“, rief er entnervt.

„Flotter Zweitmann?“

„Nein! Der erster Mann, der frisch und forsch sein kann!“

Gustav fuchtelte wild mit seinen Armen vor ihr Gesicht.

„Ach was?“

Ramona vergnügte sich und ihre Zungenspitze schnellte kurz und flink hervor. Gustav erkannte, dass sie ihren Schabernack trieb.

Entschlossen packte er ihre Schultern und schaute sie an.

„Wirklich, mein Hasenpups. Ich bin ein furchtbar kühner und frischer Zeitgenosse.“

„So frisch siehst du gar nicht mehr aus.“, grinste sie frech.

„Ich meine: forsch!“

„Aaah-ja!“

Sie kicherte unverhohlen und er sackte ein wenig zusammen. Um wieder Zuversicht zu erlangen, zündete sich Gustav eine Zigarette an. Kühn schnippte er den Streichholz von sich und forsch inhalierte er den Qualm. Wie ein lässiger Privatdetektiv aus einem klassischen Schwarzweißfilm stolzierte Gustav vor Ramona hin und her. Sie grinste immer noch. Dann blieb er direkt vor ihr stehen

„Na, Kleines! Alles frisch im Schritt?“, hauchte er mit rauchiger Stimme.

Nun gackerte sie laut los. Gustav verzog keine Miene und pustete Ringe aus Zigarettenqualm durch die Luft. Effektvoll lösten sie sich in Dunst auf. Mit gespielter Gleichgültigkeit schaute er sie tadelnd an.

„Nun, Kleines! Was kann ich für dich tun, bevor du vor Erregung in Ohnmacht fällst?“, brummte er selbstsicher.

„Ich möchte Wein, du forscher, frischer Bursche!“, lachte sie.

„Sage das nochmals schneller und dreimal hintereinander!“, grinste er.

Du froschers, fischers Burste ...

Zum Abendessen verbesserte sich seine Laune mit jedem Glas Rotwein.

„Was machen wir heute Abend?“, fragte er mit spannendem Gesichtsausdruck, der alles Mögliche für den Abend erwartete.

„Ich weiß nicht. Wollen wir etwas spielen?“

„Flaschendrehen mit Kleiderpfand?“, rutschte ihm raus. Ramona wollte kein Risiko eingehen und blieb zugeknöpft.

„Vielleicht Karten? Es war auch nur ein Vorschlag.“, meinte sie.

„Also brauchen wir keine Flasche?“, fragte er enttäuscht.

„Ich habe gerade ein gutes Buch und würde es weiter lesen.“

„Darf ich dir dabei zusehen?“

„Hast du kein eigenes Buch dabei?“

„Bücher habe ich immer dabei. Ich dachte aber, dass wir etwas gemeinsam machen könnten.“, entgegnete er gelangweilt und seine Laune verschlechterte sich wieder.

„Eigentlich bin ich heute viel zu müde und gehe doch lieber schlafen.“, sagte sie und gähnte dabei, um ihre Lustlosigkeit zu unterstreichen.

Gustav hatte noch nie Verständnis dafür, wenn jemand zu müde war, um Sex zu haben. Das war eine lächerliche Ausrede. Niemand wäre dafür zu müde. Er wusste, dass Ramona wieder keine Lust empfand, dass sie jede Ausrede anführen würde, um es zu verhindern. Und hätte sie nicht ganz unerwartet die angebliche Müdigkeit, dann wären es Rückenschmerzen, Kopfweh oder ein dringendes Telefonat, wovon der Weltfrieden abhing.

„Ich habe auch Kopfweh.“, erwiderte er schlecht gelaunt und bestellte einen neuen Krug Wein.

Anschließend begleitete er Ramona zu ihrem Zimmer. Nach einem Küsschen zur guten Nacht und einem freundlichen Lächeln verschwand sie und sie sah wirklich müde aus.

Gustav streifte um das Hotelviertel und wählte irgendeine Kneipe, um noch etwas zu trinken. Als er sich gemütlich an einem Tisch setzte und sein Bier trank, bemerkte er, dass er ausgerechnet eine Karaokebar gewählt hatte. Um ihn herum saßen ausschließlich Engländer im älteren Semester. Ein Mann mit kunterbuntem Hemd ging von Tisch zu Tisch und befragte die Gäste als Showman. Dann zielte er mit seinem Mikrophon auf Gustav und frage nach seiner Herkunft.

„Ich komme aus einem kleinen Hotel, zwei Straßen entfernt.“, antwortete Gustav etwas launisch. Gelächter an den Nachbartischen.

„Sagen Sie uns ein Land.“, entgegnete der Animateur und sah ihn auffordernd an. Sein Grinsen strahlte sehr geheimnisvoll.

„Kaufland!“, erwiderte Gustav stur.

„Kaufland?“

„Dort kann man einkaufen.“

„Sie kommen nicht aus Britannien?“, fragte der kunterbunte Hemdträger.

„Ich hoffe nicht.“

Allgemeines Murmeln im Saal. Gustav hatte keine Lust auf Frageantwortspiele. Die anderen Gäste schauten finster zu seinem Tisch hinüber. Unbeeindruckt blieb der bunte Hemdträger an seiner Seite.

„Was möchten Sie singen?“, fragte der Animateur hartnäckig weiter.

„Ich möchte hier nur in aller Ruhe mein Bier trinken. Aber Sie können mir auch etwas vorsingen, danke.“

„Irgend ein Titel. Machen Sie uns die Freude!“

„Na gut! Die Leute sollen was Französisches singen!“, brüllte Gustav ins Mikrofon. Alle Briten erstarrten und warfen hasserfüllte Blicke zu ihm. Er wollte ja auch nur ein Bier in aller Ruhe genießen.

Tumult. Gläser fielen zu Boden, Frauen kreischten und starke Briten warfen den Deutschen, der so gut englisch sprach, hinaus.

Gustav stand wieder auf der Straße, allein und er durfte nicht einmal sein Bier austrinken. Um die Ecke rauschte ein Polizeiauto mit Blaulicht und Sirene vorbei. Irgendwie taten Gustav die Florentiner Polizisten leid, da sie so spät noch in eine Kneipe gerufen wurden.

Verdammte Engländer!

In bester Laune ging er zu Bett.

Am nächsten Tag gingen Ramona und Gustav gemeinsam durch die Stadt. Hin und wieder besuchten sie einige Läden, ohne etwas zu kaufen. Es war pure Neugier, als sie einen schäbigen und doch sehr antiquarischen Buchladen betraten.

„Hier haben die sogar deutsche Bücher und manche sehen ziemlich alt aus.“, bemerkte Gustav, der Bücher über alles liebte.

Ramona wollte hingegen lieber einen anderen Laden aufsuchen und so verabredeten sie sich für eine Stunde später in einem nahen Restaurant.

Gustav sah auf seine Uhr, um die Zeit nicht zu vergessen. Oft verlor er sich in solchen Bibliotheken.

Er fand einige Bücher, die uralt und eindeutig in deutscher Sprache geschrieben waren. Manchmal musste er richtig wühlen, um an bestimmte Bücher zu kommen. Dem Inhaber störte es scheinbar nicht und wahrscheinlich war es üblich hier zu kramen. Ein Buch fesselte besonders seine Aufmerksamkeit.

Chronik der Weltgeschichte

“, stand auf dem abgegriffenen Einband.

Interessiert blätterte Gustav in den Seiten. Dazwischen lagen einige handgeschriebene Zettel. Irgendwer hatte sie in die Buchseiten gesteckt.

Die ersten Blätter waren einfache Rechnungen und Steuerlisten deutscher Klöster. Sie sahen sehr alt aus. Doch ein Pergament war dabei, was anders war. Gustav war hypnotisiert von dem Inhalt.

Eine in Hamburg 1699 verfasste Handschrift schilderte einen bemerkenswerten Hirschabschuss. Es geschah im Jahre 1696, als der Brandenburgische Kurfürst

Friedrich III.

in einem Wald nahe dem märkischen Dorf Briesen diesen Hirsch erlegte. Das Tier hatte 66 Enden am Geweih und galt als kapitalstes Tier aller Zeiten. Gustav las die historische Schrift und bebte vor Aufregung.

Er kannte diese Geschichte und in Briesen verbrachte er einen Teil seiner unbekümmerten Kindheit. In dem unscheinbaren Dorf lebte damals seine Urgroßmutter und dort waren seine Eltern und er regelmäßig als Feriengäste. Und jetzt entdeckte er hier in Florenz eine alte Weltchronik und eine historische Originalhandschrift über den legendären „

Briesener 66-Ender“

.

Gustav hatte sein ganzes Leben lang großartige Bücher gesammelt und besaß inzwischen eine eigene kleine Bibliothek. Doch dieses Buch, mit den losen Handschriften im Inneren, war ein richtiger Schatz, eine echte Rarität. Er klappte das schwere Buch zu und achtete darauf, dass die interessanten Pergamente im Buchinneren versteckt blieben.

Der alte Ladenbesitzer warf nur kurz einen Blick auf den Einband und sagte gelangweilt:

„Ist ziemlich alt. 40 Euro!“

Gustav bezahlte sofort und verließ glückselig und sehr aufgeregt die staubige Buchhandlung. Er hatte ein prächtiges Geschäft gemacht.

Vermutlich hatte der Händler wenig Interesse an deutschsprachigen Büchern und war schlichtweg ahnungslos über den tatsächlichen Wert.

Er sah nicht den seltsamen Blick des alten Buchverkäufers, dessen blasse Gestalt durch das Fenster schimmerte.

Ramona saß schon im Restaurant und schlürfte einen Espresso.

„Hast du was gefunden?“, fragte sie erstaunt, als Gustav das schwere Buch auf den Tisch legte. Wie ein aufgedrehtes Kind am Weihnachtsabend erzählte er seine Geschichte über die alten Handschriften zwischen den Buchseiten. Dabei streichelte er voller Hingabe seine „

Chronik der Weltgeschichte

“.

Ramona lächelte milde, denn auch sie mochte Bücher.

„Du bist närrisch! Wahrscheinlich sind es nur Handnotizen eines kundigen Lesers der Weltgeschichte. Achtlos im Buch liegengelassen. Vielleicht sind sie gar nicht alt und einfach nur unbedeutend und wertlos?“, sagte sie, nahm vorsichtig das Buch und öffnete es.

Gustav sah ihr gespannt zu und flüsterte:

„Zwischen den Seiten 388 und 389!“

Kurz darauf zog Ramona die Handschrift hervor und betrachtete das handgeschriebene Blatt aufmerksam. Sollte es wirklich aus dem Jahr 1699 sein, dann wäre es ungewöhnlich gut erhalten. Keine Einrisse, kaum Verschmutzungen und keine Spuren von Säureflecken.

Sie teilte Gustav ihre Beobachtungen mit und hoffte gleichzeitig, dass er keine allzu große Enttäuschung erlebte.

„Du hat Recht, mein kleiner Hasenpups. Aber vielleicht liegt die Handschrift schon Jahrhunderte in diesen Seiten. Damit wäre es vor Licht und Zerfall geschützt. Säurefraß war erst im 19. Jahrhundert ein Problem, da in der Papierherstellung Chemikalien benutzt wurden. Ursprünglich wurde Papier nur aus Holz hergestellt, ohne Chlor und dem ganzen Zeug. Aber die Tinte fraß sich in das Papier und war früher schwarz und nicht blau. Der Text wurde mit einem Gemisch aus Ruß und Öl geschrieben und ist sehr alt.

Und die Schrift stammt ebenfalls aus dem 17. Jahrhundert, so wie die Schreibweise.“, erklärte er aufgeregt.

Beide schauten auf das alte Dokument.

„Sieh! Das Wort Kurfürst wurde statt mit einem „

K

“ noch mit „

C

“ geschrieben, ein „

ie

“ gab es noch nicht und wurde nur als „

i

“, das „

t

“ meist als „

th

“ geschrieben…“

Ramona lauschte aufmerksam.

„Und noch ein wichtiges Detail. Der alte Kurfürst krönte sich selber 1701 zum ersten Preußenkönig. Danach nannte er sich nur noch

Friedrich I.

und so wurde er auch immer rückblickend genannt. Unsere Handschrift berichtet jedoch vom Kurfürsten

Friedrich III.

und wurde vor 1701 verfasst!“

Ramona nickte schweigend.

„Nun könnte es auch eine moderne Abschrift eines Dokumentes sein. Dennoch ist das Papier eindeutig alt und die Tinte auch. Vielleicht eine bewusste Fälschung? Warum sollte jemand soviel Mühe verwenden? So ein Text ist öffentliches Gut und kein Geheimdokument aus

Dan Browns

Romanen. Es gibt zahllose Abhandlungen über dieses Ereignis. Ich denke, dass es ein echtes Original ist und es wurde 1699 geschrieben. Leider ohne Namen und Unterschrift.“, erklärte er.

Gustav klappte das Buch mit Genugtuung zu, nahm Ramonas Hand und grinste zufrieden. Er würde das mysteriöse Schriftstück später noch richtig untersuchen und vielleicht gab es noch weitere Geheimnisse.

Nach dem Abendessen trafen sich beide im Zimmer von Gustav. Er hatte irgendwoher eine Kerze besorgt und angezündet, Italienischen Wein entkorkt und sein Bett als Sitzmöbel umfunktioniert. Die Beleuchtung hatte er gedämmt und den lokalen Musiksender eingestellt.

Ramona war entspannt. Gustav war es nicht und etwas nervös. War es sein Abend? Diesmal wollte er nicht zu unsicher wirken. Er strahlte doch stets Sicherheit aus.

Nach dem ersten Gläschen nahm er einfach ihre kleine Hand und streichelte sie wie einen alten Talisman. Aber schon nach kurzer Zeit fand er es albern und kindlich. Er ließ ihre Hand wieder los.

Unbeholfen schenkte er die Gläser erneut voll. Der Rotwein schimmerte durch das Glas auf Ramonas Wangen, sobald sie daran nippte.

Gustav hätte es gern fotografiert, aber dieser Moment war ein stiller Raum in angenehmer Untätigkeit. Jede Bewegung hätte gestört. Gustav mochte solche Momente, die ein Stück zeitlose Ewigkeit waren.

Aber was mochte Ramona? Wäre sie einverstanden, wenn er sie jetzt küsste, ihre kleinen Brüste liebkoste und ihr das Kleid öffnen würde? Gustav hatte keine Ahnung. Umso länger er sie kannte, desto unsicherer wurde er ihr gegenüber.

Von seinen Ängsten wusste Ramona nichts, der Rotwein schmeckte lecker und Florenz war einfach eine tolle Stadt. Ramona fühlte sich wohl.

Da Gustav nur schweigsam neben ihr saß, dachte sie über ihr Verhältnis nach. Eigentlich war er ein toller Freund. Gustav war witzig, klug und gegenüber der restlichen Welt sehr selbstsicher. Nie würde er ihr einen Wunsch verweigern, wäre ihr gegenüber niemals grob oder rücksichtslos und zärtlich wäre er ohnehin. Irgendetwas stand aber immer zwischen ihr und Gustav. Sie konnte es eigentlich nicht erklären, denn sie war gern in seiner Nähe.

Und nun saßen sie gemeinsam auf einem Bett, mit Rotwein und im Kerzenschein, an einem milden Abend unter Italiens Himmel.

Was würde sie machen, wenn Gustav sie plötzlich küssen würde, ihre Brüste streicheln und ihr Kleid öffnen würde? Hätte sie es gemocht und auch genießen können? Ramona dachte nach. Es war schon eine Weile her, als sie den letzten Sex hatte und auch die Enttäuschungen danach. Doch Gustav würde sie nicht enttäuschen.

Er gehörte zu den Menschen, die lieber überraschten, als enttäuschten. Sie konnte es sich fast vorstellen, wie er sie küssen würde, wie er ihre Brüste entblößte, ihr das Kleid öffnete und sie mit seinem Mund berührte. Sie stellte es sich vor und spürte die heimliche und warme Feuchtigkeit ihrer stillen Gedanken.

Jetzt hatte Ramona Lust.

Gustav saß schweigend neben ihr und schien über irgendein Problem zu brüten. Dann schaute er sie an, bemerkte ihre geröteten Wangen und seufzte ganz unmerklich, legte seinen Arm um ihre Hüfte und rückte ganz dich heran.

Sie waren sich nah und Gustav wollte schon seinen ganzen Mut zusammennehmen und sie leidenschaftlich bestürmen, sie küssen und lieben. Jetzt wollte er es wagen!

Beide schreckten hoch, denn es klopfte unvermittelt an seiner Zimmertür.

Verdammte Zimmertür!

Es war ein Junge, der einen Briefumschlag überreichte und gleich wieder verschwand. Gustav öffnete den Brief und las vor:

Mein Herr, Sie haben heute ein Buch bei mir erworben. Leider stellte ich fest, dass ich nicht befugt war, es Ihnen zu verkaufen. Der eigentliche Besitzer bekam das Buch von seinem Vater als persönliches Familienerbstück mit hohem, ideellem Wert und er besteht auf die Rückgabe des Buches.

Als Wiedergutmachung für die Unannehmlichkeiten, die ich Ihnen bereitet habe, erhalten Sie von mir 400 Euro. Bitte kommen Sie allein und bringen sie das Buch am Morgen um 10 Uhr in mein Geschäft, wo ich Ihnen das Geld aushändige.

Hochachtungsvoll, Rigonaldos

Gustav runzelte die Stirn.

„Was soll das?“, fragte er.

Ramona zuckte die Achseln.

„Satte 400 Euro ist kein schlechtes Geschäft. Vermutlich wusste der alte Buchkrämer nicht, welches Buch schon verkauft und welches Buch nur eine Leihgabe war.“, sagte sie und sah zu, wie Gustav das Buch hervor holte.

„Mag sein, dass der Alte die Übersicht verloren hat.“, antwortete er, „Aber wie sollte ein Erbstück, was dem Eigentümer so ideell wichtig war, in ein verstaubtes Bücherregal eines Antiquariats landen?

Viel wahrscheinlicher ist, dass er irgendwie von den Handschriften erfahren hat und diese weit wertvoller sind als lumpige 400 Euro.“, entgegnete er grübelnd. Ramona setzte sich aufrecht, zog ihr Kleid gerade und sagte etwas empört:

„Gustav, willst du das Buch behalten, obwohl du weißt, dass es nicht dir gehört?“

Ihre Wangen wurden noch roter, obwohl ihre Lust längst verflogen war.

Gustav zog ein Päckchen Zigaretten aus seiner Tasche und zündete sich eine an, trotz des Rauchverbotes. Damit zeigte er deutlich, dass er Regeln verabscheute und meist ignorierte, ohne Skrupel zu haben. Gustav war nie ein Mann, der unterwürfig handelte.

„Ich habe es ganz offiziell für 40 Euro gekauft und könnte es einfach behalten.“, antwortete er trotzig, „ Aber gut, wir gehen morgen hin und tauschen das Buch für 400 Euro zurück. Die Handschrift von 1699 behalte ich aber und werde behaupten, dass ich keine Handschrift gefunden habe. Und eigentlich schreibt der Mann auch nur von dem Buch und nicht von irgendwelchen Zetteln, die zufällig drinnen lagen. Ich werde mir das Buch genauer ansehen und die anderen Zettel auch. Irgendwas liegt hier verborgen und scheint wertvoller zu sein, als wir bisher glaubten.“, entgegnete er bockig und beleidigt.

Ramona erhob sich.

„Nun gut. Ich bin müde und gehe ins Bett.“, sagte sie ebenfalls beleidigt.

Dann küsste sie Gustav flüchtig und ging.

Wieder ein Abend ohne Liebe, Sex und ohne Körperlichkeit. Gustav verzog mürrisch das Gesicht, widmete sich aber gleich seinem Buch. Jede einzelne Seite überflog er, suchte nach Notizen und Unstimmigkeiten. Anschließend begutachtete er sämtliche Schriftstücke, die er lose im Buch gefunden hatte. Nichts!

Wie er bereits vermutete, waren es belanglose Steuerlisten aus ehemaligen Klöstern. Zwei Listen mit Zählungen von Einwohnern kleiner Dörfer und eine Rechnungsliste für Bier. Einzig und allein die Schriftakte aus dem Jahr 1699 blieb bemerkenswert, weil sie alt und geschichtlich war. Vielleicht war sie sogar 400 Euro wert, aber viel wertvoller war sie nun auch wieder nicht. Gustav grübelte und Stunde um Stunde verging. Er fand nichts Geheimnisvolles.

Müde und enttäuscht ging er zu Bett.

Er träumte. Ganz sicher, denn er fühlte sich körperlos und war nicht wach. Manchmal erkennt man die Traumwelt, egal wie realistisch sie erscheint. Und dieser Traum war einfach da, ohne Anfang, ohne Vorspiel, ohne Steuerung.

Eine wunderschöne Frau, voller Liebreiz und Anmut, saß an seiner Seite. Tatsächlich erkannte Gustav keine konkreten Formen, keine abspeicherbaren Gesichtszüge und keinerlei Farben. Sie war seine persönliche Empfindung, eine Euphorie seines Traumes.

Trotz der Formlosigkeit war sie eine handfeste Erscheinung. Sie war jung, viel jünger als Ramona, hatte etwas ungemein Vertrautes an sich und wirkte sehr anziehend auf Gustav. Wärme breitete sich aus.

Er wollte sie berühren, seine Arme um sie legen und sie nie mehr loslassen, aber sein Traum ließ es nicht zu.

„Geh morgen nicht allein!“, hauchte sie in sein Herz.

Dann verblasste der kurze Traum und endete ohne Rückkehr.

Gustav erwachte.

Ihr Hotel besaß ein kleines, aber gepflegtes Restaurant und Ramona wartete schon mit dem Frühstück. Obwohl sein Traum nur kurz war, schwirrte er noch immer verwirrend in seinen Gedanken.

Geh nicht allein!

“, hallte es in seinem Kopf. Verstehen konnte er es nicht.

„Ich würde mich freuen, wenn du mich zum Buchhändler begleitest. Anschließend lade ich dich zu einem Vormittagsgläschen roten Weines ein.“, sagte er liebenswürdig zu Ramona.

„Für 400 Euro sollte es mehr als nur ein Gläschen sein!“, lachte sie und der gestrige Abend war irgendwie verflüchtigt.

„Hast du noch etwas Interessantes gefunden oder gibst du dein Buch kampflos zurück?“, fragte sie weiter. Gustav schüttelte nachdenklich seinen Kopf. Nein, er sollte alles zurückgeben.

Etwas später schlenderten beide durch die Labyrinthe der Innenstadt. Inzwischen kannten sie sich etwas aus und weil es ein phantastisches Wetter war, wollten sie die knapp 5 Kilometer gemütlich laufen. Gustav hatte sein Buch im Rucksack verstaut und hatte seine Hände frei, um ab und zu Ramona anzufassen und zu berühren.

„Hast du, kleiner Hasenpups, keine Hemmungen schon am Vormittag die 400 Euro mit Wein zu versaufen?“, fragte er im neckischen Tonfall.

„Wenn es sein muss, dann betrinke ich mich auch zum Frühstück! Wärst du nicht so ein Geizhals, könnte jeder Vormittag schön sein!“, entgegnete sie und gab Gustav keck einen herzhaften Klaps auf den Hintern. Das machte sie sonst nie!

Lachend zog er sie an sich heran und küsste sie flink.

„Nachdem ich das Buch zurückgegeben und das Geld habe, mache ich dich betrunken, mein kleiner Hasenpups. Dann bist du endlich willenlos und verführbar!“, gab Gustav zurück und kniff ihr übermütig in ihren süßen Po. Es gab absolut keine Zweifel, denn für die vielen Passanten waren sie ein frisch verliebtes Pärchen. Ramona und Gustav hätten das natürlich anders gesehen.

Unbekümmert alberten sie die Straßen entlang.

„Wir kommen gleich ins Touristengebiet. Benehmen wir uns dann?“, fragte sie schelmisch.

„Ich weiß nicht, was du meinst. Ich bin ein seriöser Mann mit viel Würde.“, entgegnete er lachend.

„Apropos Würde! Würdest du bitte deine Hand von meinem Hintern nehmen? Das sieht nicht sehr seriös aus.“, sagte sie mit erhobener Nase.

„Du hattest zuerst deine Hand an meinem unschuldigen Arsch!“, versuchte er sich zu rechtfertigen. Beide sahen sich lauernd an wie spielende Welpen. Ramona grinste frech.

Immer wenn sie das tat, steckte sie ein wenig ihre Zungenspitze raus. Vermutlich bemerkte sie es nicht einmal, aber es passierte regelmäßig. Und nur, wenn sie leicht hinterhältig und mit geschlossenem Mund lachte. Gustav erkannte dadurch immer, wenn sie frech und spitz eine beiläufige Situation für sich beurteilte. Bei keinem anderen Menschen hatte er so etwas beobachtet. Nie hatte er gesehen, dass jemand beim Grinsen seine Zungenspitze flüchtig durch die Lippen stieß. So gern hätte er es fotografiert, aber es war eine so spontane Situation, dass sie nicht nachgestellt werden konnte. Für ihn hätte sie immer so herum laufen können mit herausgestreckter Zungenspitze, denn es stand ihr ausgezeichnet. Und in diesem Zustand war die Macht mit ihr. Manchmal überlegte er, ob er sich nur darum in sie verliebte, weil sie mit der kleinen Zungenspitze wirklich süß aussah.

Am Buchladen angekommen, stutzten sie.

Gestern war es ein anderer Anblick. Alles an diesem Laden war anders! Die schwere Ladentür war verschlossen. Der alte Buchhändler war nicht zu sehen. Das ganze Haus sah verlassen aus.

Gustav schaute auf seine Uhr, aber es war bereits nach 10 Uhr.

Im gegenüberliegenden Straßencafe fragten sie beim Personal nach.

„Das Geschäft ist schon seit Jahren verschlossen. Früher war dort eine wunderschöne Buchhandlung mit großem Antiquariat. Doch eines Tages fand man den armen Rigonaldos. Er wurde grausam ermordet und die Polizei konnte niemals herausfinden, wer diese Tat begangen hatte und warum. Rigonaldos hatte keine Nachkommen und keine Erben und so blieb das Geschäft versiegelt und geschlossen. Schade, denn damals kamen viele Buchliebhaber hierher und belebten das Viertel.“, berichtete der Inhaber des Cafes.

Ramona kräuselte ihre Stirnfalten und schaute fragend zu Gustav.

„Wir waren doch erst gestern dort …“, stammelte sie, doch Gustav schnitt ihr das Wort ab. Irgendetwas stimmte nicht!

Freundlich bedankte er sich für die Auskunft und zog Ramona mit sich fort.

„Ramona, hast du gesehen, dass die Eingangstür der Bücherei ein altes Polizeisiegel hatte? Es war ungebrochen! Und die Fenster waren verdreckt von innen, als wären tatsächlich seit 20 Jahren keine Menschen im Haus gewesen. Gestern sah es hier anders aus! Ich war drinnen und ich habe wirklich das Buch gekauft. Gestern war es ein offenes und fast normales Geschäft! Entweder haben sich hier alle gegen uns verschworen, oder wir sind beide über Nacht verrückt geworden, wahrscheinlich weil wir noch keinen Sex hatten. Allein das macht mich schon ziemlich verrückt!“, raunte er ihr laut zu.

Gustav holte tief Luft. Er war innerlich ziemlich aufgewühlt.

„Vielleicht bist du ja wirklich irre geworden!“, entgegnete Ramona aufgeregt, „Doch ich bin normal und ich sehe auch, dass hier etwas nicht stimmt. Sollen wir zur Polizei? Wir haben das Buch und den Brief und wir müssen herausfinden, was hier läuft!“

„Nicht zur Polizei! Die sperren auch dich in die geschlossene Anstalt, wenn du unsere Geschichte erzählst. Dann kann uns niemand mehr helfen. Wir brauchen einfach mehr Informationen. Lass uns erst einmal aus diesem Viertel heraus und uns ein ruhiges Restaurant suchen, um nachzudenken.“, erwiderte er. Ramona war einverstanden.

Gustav hatte sich wieder ein wenig beruhigt und eilig suchten sie nach einem geeigneten Ort, der abseits lag.

Endlich fanden sie ein winziges Restaurant und einen Tisch, der einsam genug stand. Gleich kam eine freundliche Kellnerin und stellte zuvorkommend eine große Flasche Wasser und zwei Gläser auf den Tisch.

„Wir wollen uns nicht waschen, sondern wir haben Durst!“, bemerkte Ramona spitzfindig und wandte sich fordernd an Gustav.

„Denke nicht, dass ich jetzt keinen Wein mehr möchte. Los, ich trinke erst ein kühles Bier und danach einen Rotwein.“, befahl Ramona.

Gustav liebte sie dafür.

Ähnlich wie er, achtete Ramona selten auf die Etikette. Die freundliche Kellnerin sah etwas beleidigt aus. Sie überlegte, ob und wie sie Ramona waschen sollte.

Zügig bestellte Gustav zwei Bier und eine Flasche Wein, gleichzeitig, …

„…und ja, auch für die Dame ein Bier.“

Ramona atmete erleichtert durch.

„So, mein Gustav, was soll das mit diesem Buch und dem verstorbenen Händler, dem lebenden Händler und seinem Brief? Hast du wirklich nichts Ungewöhnliches am oder im Buch entdeckt?“

Gustav kramte in seinem Gedächtnis und schüttelte enttäuscht den Kopf.

Das Bier kam und auch der Wein. Beide tranken ihre Biere in einem Zug aus. Gustav zündete sich eine Zigarette an. Er konnte sich dabei auch körperlich entspannen. Ramona mochte keine Zigaretten, aber bei Gustav störte es sie nicht.

„Wir gehen ins Internet und suchen nach dem Buch und der Buchhandlung. Irgendwas werden wir finden und vielleicht auch Antworten.“, schlug sie entschlossen vor. Er verzog sein Gesicht.

„Das Internet ist ein eigenes Universum, unendlich weit und unendlich voll gepackt mit menschlichem Geistesgut. Und so, wie sich im unendlichen Universum die kleinen Planeten verlieren, so verliert sich auch die Wahrheit im Internet.“

Ramona grinste, als sie Gustav zuhörte.

„Ja, mein kleiner Philosoph, aber im Internet finden sich trotzdem Wahrheiten. Man muss nur wissen wonach und wo man sucht und wir beide wissen genau wonach.“, sagte sie und dann hob sie ihren Zeigefinger und raunte in mystischer Tonlage:

„Mordsache Rigonaldos“.

Die Flasche Wein hatten sie schnell geleert und eilten zum Hotel zurück.

Ihr Zimmer war mit einem Internetcomputer ausgestattet und sofort gingen sie ans Werk. Tatsächlich fand Ramona auf Anhieb die lokalen Nachrichtenseiten und zwei Klicks weiter fand sie die Meldung von „

Rigonaldos

tragischem Ende“

.