Eine
verhängnisvolle
Verwechslung
Lesbischer
Roman
Nele Sommer
1. Edition, 2025
© 2025 All rights reserved
Nele Sommer
c/o WirFinden.Es
Naß und Hellie GbR
Kirchgasse 19
65817 Eppstein
Für Textentwürfe und sprachliche Optimierungen kam teilweise ein KI-gestütztes Tool (ChatGPT) zum Einsatz. Redaktionelle Prüfung durch die Autorin.
Independent Publishing
Cover-Design: Canva
Inhalt
Die vierundzwanzigjährige Biologin Cassy ist vor kurzem für ihren Traumjob nach Timber Creek in Alaska gezogen. Sie ist glücklich, sehnt sich jedoch nach sozialen Kontakten.
Eines Morgens spürt sie ein Ziehen in ihrer Herzgegend. Ihre Kollegen sind sich sicher, wen sie nun braucht: Sie muss dringend zur Top-Kardiologin im Ort, Dr. Ava Campbell.
Kurze Zeit später sitzt sie besagter Ärztin im Untersuchungszimmer gegenüber. Eine unglückliche Wortwahl sorgt schließlich dafür, dass Dr. Campbell sie nicht für eine gewöhnliche Patientin hält. Die Ärztin hat nämlich ein Geheimnis: Nachts betreut sie Kundinnen, die mehr brauchen als Aspirin oder Baldriantropfen. Sie brauchen etwas Härteres.
Cassy ist hin und hergerissen zwischen Anziehung und Abneigung. Eines kann sie nicht verhehlen: Dr. Ava Campbell hat eine ungeheure Anziehungskraft.
Dieser Text enthält BDSM-Szenen. Bitte lies nur, wenn du offen dafür bist.
Inhaltsverzeichnis
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 23
Kapitel 1
Cassy
Stöhnend trank Cassy einen weiteren Schluck vom Prosecco, den sie sich beim Betreten der Scheune geschnappt hat. Es war eine dumme Idee gewesen, zu dieser Veranstaltung zu fahren. Sie hatte immer noch Schmerzen, weil sie sich gestern beim Aufbau des neuen Schrankes völlig verhoben hatte. Irgendwo war irgendetwas in ihrem Rücken verrenkt. Sie wusste nur nicht, wo genau.
Aber sie wollte trotzdem hierher. Seit ihrem Umzug nach Alaska vor ein paar Wochen hat sie sich ein bisschen verloren gefühlt. Einsam, um präziser zu sein.
Eigentlich gelang es ihr sonst leicht, mit Leuten in Kontakt zu treten. Doch hier war das alles andere als easy. Ihre Kollegin Nora aus dem Labor – sie waren Biologinnen und untersuchten die Wasserqualität der hiesigen Seen – war supernett. Aber mit vierundfünfzig war sie dreißig Jahre älter als Cassy und somit nicht die Frau, die mit ihr ins Kino oder in einem Club gehen wollte. Nora war der typische Couchpotato und verbrachte den Feierabend am liebsten mit ihrem Mann auf dem Sofa. Aber sie hatte Cassy geraten, die Scheunenparty zu besuchen, die jeden Freitag bei den Wilsons stattfand. Da gäbe es auch junge Leute. So hatte sie es gesagt. Cassy war nicht überzeugt, denn bislang war der Altersdurchschnitt hier eher Ü 50 – also Noras Alter. Aber vielleicht kamen die Jüngeren einfach etwas später. Aus Erfahrung wusste sie, dass sie mindestens fünf Prosecco brauchte, bis sie anfing zu torkeln. Dann war allerdings kein vernünftiges Gespräch mehr möglich. Idealerweise tauchten die jungen Leute also nach zwei weiteren Prosecco auf.
Cassy hielt es nur bis zum Dritten aus. Sie mochte weder die Musik – es lief Country – noch die Deko – überall prangten riesige Kunstsonnenblumen, noch hatte sie eine Ahnung, wie sie ein Gespräch mit einem der hier Anwesenden beginnen sollte. Die meisten kannten sich und saßen in Kolonnen an langen Holztischen. Einige standen in Grüppchen und plauderten. Cassy hatte nicht die Muße, sich dazuzustellen. Sie wollte einfach nur nach Hause. Also trank sie den dritten Prosecco auf Ex, brachte das Glas zurück an die Bar und ging.
Als sie aus der Scheune heraustrat, blies ihr ein kühler Wind entgegen. Ihr Rücken schmerzte noch mehr – das kam vielleicht vom Prosecco. Oder von den hochgezogenen Schultern, die manchmal ganz automatisch nach oben wanderten, wenn sie sich unwohl fühlte.
Vermutlich würde ein Spaziergang ihr guttun. Sie lief die einsame Hauptstraße von Timber Creek entlang. Es war grau hier, was an der Jahreszeit liegen mochte. Im März erwachte Alaska erst allmählich aus seinem Winterschlaf. Trotzdem trug es nicht dazu bei, dass sie sich wohlfühlen konnte.
Während sie ging, fiel ihr Blick auf die majestätischen Berge im Hintergrund, deren noch schneebedeckte Gipfel im Abendlicht glitzerten. Das war das Schöne an Alaska. Hier waren überall Berge, Seen und Flüsse. Die gab es vor allem weiter draußen, bzw. gegenüber einer kleinen Pension am Rande von Timber Creek.
Es war klar und frisch; der Duft von Pinien erfüllte die Luft. An einer Ecke entdeckte Cassy das kleine, familiengeführte Restaurant, von dem Nora schon geschwärmt hatte – die Spezialität des Hauses ist fangfrischer Lachs, der aus den nahegelegenen Flüssen stammt. Irgendwann mal wollte Cassy dort essen gehen – sie musste nur noch jemanden kennenlernen, der mit ihr hinging.
Kapitel 2
Wie immer streifte Cassy sich zuerst die Schuhe ab, legte den Haustürschlüssel auf die Kommode im Flur und betrat die Küche. Sie brauchte Schokolade. Das war das Einzige, was ihr jetzt noch Trost spenden konnte.
Ihr Blick blieb auf dem Fotokalender hängen, der neben dem Küchenschrank hängte. Das Bild zeigte sie mit ihrer Mutter – ein Selfi, das sie während einer Shoppingtour gemacht hatten. Als sie ihren Eltern im vergangenen Jahr eröffnet hatte, dass sie ein supergutes Jobangebot aus Alaska bekommen hatte, waren sie erst schockiert. Von Kansas aus war das entsetzlich weit weg. Aber der Schock verflog schnell und der Stolz überwog. Immerhin würde ihre Tochter - die Einzige wohlgemerkt - als Biologin dort arbeiten und endlich den Job ausüben, den sie sich lange erträumt hatte. In Kansas hatte sie zwar auch als Biologin gearbeitet, aber sie war, so kurz nach dem Studium, eher eine Art Assistentin für ihren alternden Chef gewesen. Hatte viel Schreibkram gemacht und kaum selbst Proben analysiert. Dafür war sie nicht Biologin geworden. Deswegen bereute sie den Umzug nach Timber Creek auch nicht, zumindest noch nicht. Sie glaubte fest daran, dass das Schicksal ihr den richtigen Weg zeigen würde.
Cassy schnappte sich die Schokolade aus dem Schrank und ging damit ins Wohnzimmer. Sie setzte sich auf ihre Couch und ließ sich in die Kissen sinken. Auf Netflix startete sie eine neue Folge von Jessica Jones. Sie liebte diese taffe Frau, die wusste, was sie wollte und sich von niemanden einschüchtern ließ. Ihre Ex hatte vor ein paar Jahren gesagt, dass Cassy sie an Jessica erinnerte – optisch wäre sie eine jüngere Version. Cassy hatte zuvor nie etwas von ihr gehört und war geschmeichelt, als sie die Serie schließlich gesehen hatte. Beeindruckender als ihr Aussehen fand sie dann aber Jessicas Selbstbewusstsein. Gerade in der Zeit in ihrem ersten Job nach dem Studium hatte das nämlich ziemlich gelitten. Sie dachte lange Zeit, sie wäre nicht kompetent genug und dürfte deshalb nur die Nebenarbeiten machen. Nie hatte sie etwas für sich eingefordert. Das hatte dann auch ihre Ex ständig kritisiert: Dass Cassy nie etwas getan hatte, um ihre Situation zu ändern. Sie hatte alles immer nur hingenommen. Wer die Dinge nur hinnahm, hatte kein Recht sich aufzuregen. So hatte sie es gesehen.
Cassy war richtig sauer gewesen und es kam zu einem riesigen Streit, in dessen Folge die Beziehung beendet wurde. Einvernehmlich, weil die Gefühle längst nicht mehr dieselben wie in der Anfangszeit gewesen waren. Cassy selbst glaubte insgeheim, sie hatte nie so intensiv geliebt wie ihre Ex. Sie fand es wohl nur gut, so sehr bewundert zu werden. Und ihre Ex hatte sich wahrscheinlich eher in eine Fantasiefigur verliebt, die Cassy nie sein konnte. Am Ende war sie ernüchtert gewesen, weil Cassy ein normaler Mensch mit normalen Schwächen war. Aber eines – das musste Cassy letztendlich zugeben – stimmte: Sie konnte sich nicht fortwährend über ihre Situation beklagen, ohne etwas dagegen zu tun. Also hatte sie ihren Chef gebeten, ein Zeugnis auszustellen, und offen kommuniziert, dass sie sich bewerben wollte. Der hatte das verstanden und ihr wider Erwarten, eine richtig gute Beurteilung gegeben. Cassy hatte sich nicht getraut zu fragen, ob er von dem, was er geschrieben hatte, überzeugt war. Oder ob er ein bisschen übertrieben hatte, um ihr einen guten Weg zu ebnen. Beides wäre richtig toll – also hatte Cassy beschlossen, es einfach positiv zu sehen.
Tja, und nun hatte sie es hierhergeschafft. Ihr Traumjob mit absolut tollen Kollegen, vor allem ihre direkte Kollegin Nora war ein Schatz. Cassy würde die Zähne zusammenbeißen – wie es auch Jessica Jones es tat und die Sache hier wuppen. Das war sie sich selbst schuldig.
Kapitel 3
Das ganze Wochenende hatte sie ihre schmerzenden Schultern und den Nacken eingecremt und sich auch sonst geschont. Spaziergänge an der frischen Luft, Yoga-Einheiten und jede Menge Schokolade. Es wirkte. Was genau, wusste Cassy nicht, aber als sie Montagmorgen ins Labor fuhr, ging es ihr wieder besser. Als sie jedoch auf dem Parkplatz stand und nach ihrer Tasche griff, spürte sie ein Stechen in ihrer Brust. Reflexartig hielt sie sich mit der linken Hand an die Stelle an ihren Rippen, hinter der ihr Herz schlug. Was war das? Stach es in ihrem Herzen? Sie war doch viel zu jung, um Herzprobleme zu bekommen!
Eilig nahm sie ihre Tasche, stieg aus und knallte die Tür hinter sich zu. Wenn sie gleich einen Herzinfarkt auf dem Parkplatz bekam, sollten ihre Kollegen wenigstens wissen, dass sie da war.
Ihr Chef Dr. Fred Helman stand an der Tür und rauchte. Sonst hasste Cassy den kalten Zigarettengestank am frühen Morgen. Heute war sie dankbar, dass er da war.
„Morgen“, rief er schon von weitem. „Hattest du ein gutes Wochenende?“
„Danke“, antwortete sie und stellte erleichtert fest, dass das Stechen verschwunden war. Also würde sie doch keinen Herzinfarkt bekommen, zumindest nicht jetzt und hier auf dem Parkplatz. „Ich hoffe, dein Wochenende war auch schön.“
Er winkte ab. „Ein Waschbär war zu Besuch und hat Debby einen Haidenschreck eingejagt.“ Debby war seine Frau und gleichzeitig ihre Chefin. Sie pflegten ein vertrauliches Verhältnis mit ihren Mitarbeitern und nannten sich alle beim Vornamen.
„Bei euch im Haus?“
„Auf der Terrasse. Debby hat sich mit einer Decke rausgesetzt. In der Sonne ist es inzwischen schon richtig warm.“
Cassy nickte. Sie hatte die warme Sonne beim Spazierengehen am Wochenende auch genossen. „Und dann?“
„Dann begann es auf einmal unter ihren Füßen zu rascheln und ein riesiger Bär tauchte auf. Debby dachte erst, es wäre ein Braunbär.“ Er zwinkerte. „Sie weiß natürlich, dass der gar nicht unter den Tisch passen würde. Aber in dem Moment konnte sie nicht mehr klar denken.“
„Krass! Ich hätte um mein Leben geschrien.“
Fred lachte bitter. „Ja, das hat sie auch. Das hat den Waschbären erst so richtig aggressiv gemacht. Normalerweise haun die, wenns laut wird, einfach ab. Die sind ja scheu.“
„Shit! Aber der nicht? Was macht ein aggressiver Waschbär?“ Als Biologin sollte sie das eigentlich wissen. Aber wie es aussah, war Debbie in dem Moment auch nicht klüger gewesen.
„Zubeißen.“
„Er hat sie gebissen?!“
Er nickte. „Ich hab mir einen Besen geschnappt und konnte ihn verjagen. Aber es hat eine ganz Weile gedauert, bis Debby aufgehört hat zu schreien. Normalerweise ist sie ja gar nicht hysterisch.“
„Nein, gar nicht.“ Ganz im Gegenteil. Debby war eine sehr ruhige Person, die auch bei der Arbeit kaum etwas sagte. Sie war immer hochkonzentriert bei der Sache.
„Muss wohl die Belastung mit ihrer Mutter sein.“ Bei Debbys Mutter wurde im November Darmkrebs festgestellt. Seitdem ging es eigentlich nur noch bergab. „Da standen dann plötzlich drei Nachbarn auf der Terrasse.“
„Die dachten bestimmt, es ging um Leben und Tod.“
„Ja, so in etwa. Ich muss sagen“, er machte eine Pause. „Wir waren froh, dass sie da waren. Wir beide waren so geschockt, dass wir gar nicht wussten, was als nächstes zu tun war. Das kann man eigentlich keinem erzähln. Biologen sollten sich mit sowas auskennen.“
Es war nun mal eine Ausnahmesituation. „Hätte es eure Nachbarn getroffen, wärt ihr sicher auch entspannt gewesen. Man muss zum Arzt, oder?“
„Ja, aber meine Hände haben gezittert. Ein Nachbar hat uns hingefahren.“
In Cassy zog es sich zusammen. Solche Nachbarn wünschte sie sich auch selbst in Timber Creek. Menschen, die sich um sie sorgten und die halfen, wenn es mal nötig war. Würde Cassy jemanden aus ihrer Nachbarschaft kennen, hätte sie wahrscheinlich nie Rückenschmerzen vom Tragen des Schrankes bekommen.
„Wie geht’s Debby jetzt?“
„Schon besser. Der Schock war glaube ich das Schlimmste.“
Ja, das kannte Cassy gut. Die Schmerzen in ihrer Brust gerade im Auto waren gar nicht schlimm gewesen. Ihr Kopfkino war das Problem; der kaum greifbare Gedanke, dass es ihrem Herzen nicht gut gehen könnte, hatten sie kurz in Panik versetzt. Aber jetzt ging es wieder.
Fred drückte seine Zigarette aus und ging mit ihr ins Haus. Das Gebäude war schon ziemlich alt – von außen sah es aus, wie ein unsanierter, hässlicher Quader. Aber innen wurde ein richtig angenehmes Arbeitsumfeld geschaffen. Ausgenommen das Büro des Ches, es war praktisch eingerichtet und stand voller Ordner. An den Wänden hingen alte, teils schon vergilbte Zettel. Oft arbeiteten er und seine Frau aber im Gemeinschaftsraum. Dort gab es einen großen langen Tisch, an dem sie täglich gemeinsam ihre Morgenbesprechung mit Kaffee und Keksen begannen. Außerdem aßen sie dort zu Mittag; jeden Tag um halb eins; da gab es keine Ausnahmen. Im Gemeinschaftsraum stand aber auch ein Sofa mit Kissen und Decken. Nora hatte ihr gleich zu Beginn gesagt, dass die Eheleute nicht nur mit sich selbst, sondern auch mit der Arbeit verheiratet waren. Hin und wieder – wenn es besonders spannend war – blieben sie über Nacht auf der Arbeit. Sie brannten für ihren Job. Cassy konnte das zwar verstehen, trotzdem hoffte sie später, weniger versessen auf ihre Arbeit und stattdessen auf ihre spätere Frau zu sein. Im Moment stand der Job für sie allerdings noch an erster Stelle. Die Arbeit tat ihr richtig gut. Deswegen war sie in den Anfangswochen auch gern bis in die späten Abendstunden im Labor geblieben. Aber dadurch hatte das Ankommen in Timber Creek sich sehr in die Länge gezogen. Sie war nun seit drei Monaten hier und hatte erst am Donnerstag ihren Schlafzimmerschrank aufgebaut. Außerdem war es endlich an der Zeit, Sozialkontakte zu pflegen. Sie wollte mal wieder ins Kino oder Cocktails trinken – am liebsten mit Menschen, mit denen sie sich austauschen konnten. Das Blöde an Nora – so nett sie auch war: Sie und ihr Mann fanden Trump irgendwie gut. Obwohl der von dem, was sie hier taten, nicht die geringste Ahnung hatte. Trump hatte für die Natur nichts übrig. Cassy verstand nicht, dass Menschen, deren Ziel es war, die Natur zu schützen einen Klimawandelleugner wählen konnte. Genau über solche Sachen wollte Cassy sich gern mit Gleichaltrigen austauschen. Vielleicht war es eine Generationsfrage.
Wie dem auch sei – sie mochte Nora trotzdem. Man musste nicht immer alles voneinander verstehen; sich zu respektieren war wichtig, und das taten sie.
Am tollsten an ihrer Arbeitsstelle war übrigens nicht der Gemeinschaftsraum – obwohl der richtig cool und supergemütlich war. Aber am allertollsten war für jemanden, dem die Biologie in den Adern lag, das krasse Labor. Fred und Debbie ließen sich nicht lumpen, wenn es um die Anschaffung neuer Technologien ging. Das Labor war topmodern eingerichtet. Sie hatten also ideale Bedingungen, um das hiesige Ökosystem zu erforschen.
Cassy erforschte zusammen mit Nora unter der Leitung von Debby die Fischerei. Sie überwachten die Gesundheit von Fischpopulationen, insbesondere Lachs. Fred und sein Team untersuchten die Auswirkung des Klimawandels auf die lokale Flora und Fauna und entwickelten Strategien zur Anpassung. Vor allem Freds Team konnte nie sicher sein, ob die Trump-Regierung ihnen finanzielle Zuwendungen strich. Dann war da noch Martha, die für Bildungs- und Outreach-Programme zuständig war. Sie besuchte Schulen und kleinere Gemeinden, um das Bewusstsein für Naturschutzthemen zu schärfen. Gemeinsam waren sie ein tolles Team und arbeiten sehr gut zusammen.
Im Gemeinschaftsraum stand schon eine Kanne mit Kaffee und eine Keksdose. Nora hatte gebacken. Cassy legte ihre Tasche auf den Tisch, schnappte sich einen Keks und setzte sich auf das Sofa. Es war fünf vor acht. Gleich würde der Rest des Teams auftauchen.
Drei vor acht kam Nora, füllte die Kaffeetassen, reichte eine davon Cassy und setzte sich dann neben sie.
„Hast du das mit Debby gehört?“
Cassy nickte. „Ich hätte genauso reagiert.“ In dem Moment, in dem sie es aussprach, kehrte das Stechen hinter ihren Rippen zurück. Sie hielt sich wieder an die Brust.
„Was ist denn mit dir los?“, fragte Nora besorgt.
„Ich habe seit heute Morgen ein Stechen in der Brust.“
„Wo? Dort beim Herzen?“, fragte sie schrill. „Das ist ja gefährlich!“
„Was ist gefährlich?“ Martha betrat den Gemeinschaftsraum, dicht gefolgt von Fred und dem Rest des Teams.
„Cassy hat ein Stechen in der Brust?“
„Wie bei einem Herzinfarkt?“, fragte nun Fred.
Oh, Gott! Selbst ihr Chef dachte, dass es ein Infarkt sein könnte. Sie war verloren. Sie würde mit gerade einmal vierundzwanzig Jahren sterben.
„Du musst sofort zum Arzt!“, befand Nora.
„Es geht bestimmt gleich wieder vorbei. War vorhin auch so.“
„Du hattest es schon einmal und bist trotzdem hierhergekommen? Du hängst wohl nicht sehr an deinem Leben?“ Martha schüttelte mit dem Kopf.
„Doch, natürlich! Aber als es wieder aufgehört hat, dachte ich, es wäre alles okay.“ Cassy atmete tief durch, so dass sich ihre Lungen füllten. Das Stechen wurde weniger. „Seht ihr? Es wird wieder weniger.“
Fred schüttelte mit dem Kopf. „Du musst dringend zum Arzt.“
„Aber ich habe hier noch gar keinen.“ Cassy lebte ja erst seit ein paar Monaten in Timber Creek.
„Es gibt ohnehin nur zwei. Dr. Erikson und Frau Dr. Campbell. Zu ihr würde ich aber nicht gehen. Sie ist…“ Fred war sichtlich bemüht die richtigen Worte zu finden. „Etwas streng. Dr. Erikson dagegen ist ein guter Typ. Sehr freundlich, empathisch.“
„Es geht hier aber nicht darum, ihre Hand zu tätscheln“, schritt Martha heroisch ein. „Es geht um ihr Herz, und da ist sie mit Dr. Campbell besser beraten.“
„Ja“, bestätigte Nora. „Dr. Campbell ist eine Spezialistin auf diesem Gebiet.“
„Sie ist Kardiologin, oder?“ Martha nickte gewichtig.
„Denke schon. Sie hat auf jeden Fall mal in Anchorage in der Herzabteilung gearbeitet.“ Nora nahm einen Schluck von ihrem Kaffee.
„Und da musste sie gehen, weil sie unfreundlich war“, wusste Fred zu berichten.
Martha winkte ab. „Das sind doch alles nur Gerüchte. Ich finde sie sehr liebenswürdig und und darüber hinaus auch fähig.“
„Und darauf kommt es an“, pflichtete Nora bei. „Du gehst zu Dr. Ava Campbell. Sie wird dich durchchecken.“
Alle sahen Cassy erwartungsvoll an. Sie brauchten eine Reaktion. Nur welche? „Ähm, okay. Dann fahr ich nach der Arbeit zu Dr. Campbell.“
„Und bis dahin bekommst du hier einen Herzinfarkt?“ Martha schüttelte mit dem Kopf. „Du musst natürlich sofort los.“
„Was? Jetzt?“ Cassy war entsetzt. Immerhin ging es ihr jetzt wieder gut. Klar, auch sie hatte wieder kurz Angst gehabt. Immerhin liebte sie ihr Herz und wollte noch so lange wie möglich mit ihm leben. Andererseits würde das nur gelingen, wenn sie es pflegte.
„Natürlich jetzt. Am besten ich fahre dich“, sagte Nora fast im Befehlston.
Jetzt reichte es aber, das war definitiv zu viel. „Auf keinen Fall! Ich fahre selbst.“
„Und wenn dir während der Autofahrt etwas passiert? Das könnten wir uns nie verzeihen“, gab Nora zu bedenken.
„Wenn ihr unbedingt wollt, dass ich zum Arzt fahre, werde ich es tun. Aber ich werde mich nicht begleiten lassen. Das halte ich für deutlich übertrieben.“
„Aber…“ Martha wollte wieder etwas einwenden.
Aber Cassy ließ das nicht zu. „Ich verspreche, dass ich im Falle des Falles – also des Ernstfalles – rechts ranfahre und laut hupe. Ich bin sicher, dass mir dann irgendwer hilft.“
Fred nickte ernst. „Das halten ich für eine machbare Taktik.“
Cassy atmete tief durch. Wenigstens konnte sie die begleitete Fahrt abwenden. Jetzt musste sie nur noch die Untersuchung durchstehen.
Kapitel 4
Eine Stunde. So lange saß sie bereits im Warteraum der Praxis und wartete darauf, drangenommen zu werden. Neben ihr hustende, schniefende und schwer atmende Patienten. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich hier etwas einfing, sah sie eher gegeben, als die Möglichkeit einer ernsthaften Herzerkrankung. Natürlich hatte sie heute Morgen, als sie das Haus verließ, keine Maske eingepackt. Denn da ging es ihr ja noch gut. Nun musste ihr Körper alles geben und sich gegen die ganzen herum fleuchenden Viren zur Wehr setzen. Aber sie würde bald Gewissheit haben; und darauf kam es schließlich an.
Die Sprechstundenhilfe schien nicht gerade bester Laune zu sein. Wahrscheinlich weil Montag war und mehr Patienten kamen als an anderen Wochentagen. Der Montag war immer der schlimmste Tag. Nicht nur Erkältungspatienten wurden ausgerechnet an einem Montag krank. Auch Herzpatienten stellten ausgerechnet an einem Montagmorgen sorgenvoll fest, dass ihre Blutdrucktabletten alle waren und sich das ganze Wochenende über recht schlapp gefühlt haben. Es wäre sicherer, das abklären zu lassen.
Cassy hatte keine Ahnung, ob das stimmte. Aber sie war mal an einem Mittwoch bei ihrem Arzt in Kansas gewesen. An dem Tag – vielleicht war es Zufall – war die Praxis beinahe leer.
Nun gehörte Cassy also auch zu den Patientinnen, die ausgerechnet an einem Montag Herzprobleme feststellte. Die Ironie war bitter.
„Cassandra Green“, rief die Sprechstundenhilfe.
Das war ihr Stichwort. Sie stand auf und ging eilig ins Sprechzimmer 1. Das war noch leer. Offenbar arbeite Frau Doktor heute im Akkord. Ganze fünf Minuten saß sie also noch allein im Sprechzimmer, bevor die Tür aufging.
Herein trat eine große, schlanke Frau mit einer hübschen brünetten Kurzhaarfrisur. Normalerweise fand Cassy Kurzhaarfrisuren an Frauen nicht besonders attraktiv. Die meisten Frauen ließ diese Frisur alt wirken. Bei der Ärztin war das aber anders. Sie gehört zu den schätzungsweise fünf Prozent der Frauen, an denen eine Kurzhaarfrisur ausgesprochen attraktiv aussah. Vielleicht lag es an ihren klaren Konturen, ihren großen Lippen oder den gewellten Haaren. Oder sie war einfach eine Frau, die mit jeder Frisur hübsch aussah. Bei ihr würde sogar eine Brille gut aussehen, überlegte Cassy.
Dr. Campbell setzte sich auf einen Hocker mit kleinen Rädern und rollte sprichwörtlich auf Cassy zu. „Was kann ich für Sie tun?“ Dr. Campbell hob die rechte Augenbraue, als würde sie Cassy erst jetzt richtig sehen und sich wundern. Aber warum?
„Ähm.“ Cassy zeigte auf ihre Brust. „Mein Herz.“
„Ihr Herz?“
„Ja, ich hatte heute Probleme. Es war so ein Stechen.“
„Hatten sie schon einmal Herzprobleme?“
Cassy schüttelte mit dem Kopf.
„Okay“, sagte die Ärztin. „Dann machen Sie sich mal frei. Ich höre hinein.“
Cassy stand wortlos auf und zog sich den Pullover über den Kopf.
Auch die Ärztin stand auf, legte die Enden des Stethoskops in ihre Ohren und sagte: „Tief einatmen.“
Cassys Brust hob und senkte sich wieder. Es war eigenartig die Ärztin so nah bei sich zu spüren. Warum wusste Cassy nicht – sie war gar nicht ihr Typ. Außerdem schien sie mindestens zehn Jahre älter zu sein.
„Hmm.“, sagte Dr. Campbell bestätigend. „Jetzt bitte umdrehen.“ Dann hörte sie Cassy auch von hinten ab. „Das klingt jetzt erstmal in Ordnung“, sagte sie, nachdem Cassy vier oder fünf Mal ein und ausgeatmet hatte.
„Wann treten die Probleme auf?“
Cassy zog sich schnell wieder an, als würde sie sich vor ihr verdecken wollen. Normalerweise war sie nicht schüchtern. Aber sie wollte keine Gefühle bekommen, die hier nicht her gehörten. „Also eigentlich erst heute … ähm … heute Morgen.“ Cassy hatte keine Ahnung, warum sie so stotterte. Aber sie wurde absolut nervös unter dem prüfenden Blick der Ärztin. Sie setzte sich wieder auf den Patientenstuhl.
Dr. Campbell nahm auf ihrem Hocker Platz. „Können Sie das näher beschreiben?“
Cassy wünschte, sie könnte. Aber die Worte schwirrten zusammenhangslos in ihrem Kopf. „Also es war so ein Stechen und mir wurden Sie empfohlen.“ Wieder machte sie eine Pause. „Sozusagen als absolute Expertin auf dem Gebiet.“
Nun hob Frau Doktor beide Augenbrauen. „Expertin?“
„Ganz genau. Mir wurde gesagt, dass das, was ich nun bräuchte, nur von Ihnen… ähm … angeboten werden würde.“ Sie war eben die Kardiologin. Aber das Wort fiel ihr in dem Moment beim besten Willen nicht ein. Wahrscheinlich würde Dr. Campbell ihr gleich eine Überweisung zu einem Psychotherapeuten ausstellen.
„Sie meinen also… .“ Diesmal machte die Ärztin eine Pause und suchte sichtlich nach Worten. „Sie meinen, meine Spezialbehandlung.“ Sie betonte es, als wäre es ein Geheimnis, das nur Eingeweihten zustand. Dabei hatte sie doch allgemein einen guten Ruf. Sie wirkte auch recht nett. Das Unfreundliche, was Fred bemerkt haben will, konnte Cassy beim besten Willen nicht erkennen.
„Ich fürchte, ich muss Sie enttäuschen“, begann Dr. Campbell. „Die Spezialbehandlung kann ich nur in den Abendstunden anbieten. Sie sehen ja, was hier los ist.“
Das hatte Cassy doch von Anfang an gewollt. Sie nickte eifrig. „Ich hatte tatsächlich geplant, erst nach meiner Arbeit vorbeizukommen. Aber man hat mir gesagt, dass es in meinem Fall ja sehr dringlich wäre.“ Dringlich? Seit wann benutzte Cassy Worte wie dringlich?
Auch Dr. Campbell hatte offenbar ein Problem mit diesem Wort. Sie öffnete ihren Mund. Der war wirklich sinnlich. Nicht gerade einfach, sich davon nicht ablenken zu lassen. Dann zog die Ärztin eine Augenbraue nach oben. „Nun, wenn es so dringlich ist,“ sie betonte es noch einmal ausdrücklich, „könnte ich Ihnen heute einen kurzfristigen Termin um neunzehn Uhr anbieten.“
Wieder nickte Cassy. „Ich denke, dass ich das aushalten werde. Ich verspreche, bis dahin keine Herzattacke zu erleiden.“ Cassy zeigte einen Zweifingerschwur.
Dr. Campbell lachte. „Das hoffe ich doch sehr!“
Kapitel 5
Das war also ihr Arzttermin. Siebzig Minuten hatte sie darauf gewartet, einen Termin für den Abend zu bekommen. Aber sie hatte sie abgehört. Immerhin.
Um zehn war sie wieder bei der Arbeit. Ihre Kollegen staunten nicht schlecht, als sie Cassy sahen. „Warum bist du wieder da?“, fragte Nora entsetzt, als sie ins Labor trat.
„Sie hat mich abgehört und gesagt, dass sich mein Herz erstmal ganz gut anhört.“
„Und dann hat sie dich wieder weggeschickt?“
„Nein. Ich soll später noch einmal hin. Sie hat gesagt, für die Behandlung würde sie sich später mehr Zeit nehmen. Das Sprechzimmer war ja brechend voll.“
Nora nickte verstehend. „Naja. Immerhin hat sie dich abgehört. Ich nehme an, du wirst uns nicht so schnell abklappen.“
Cassy grinste. „Auf keinen Fall! Dass habe ich der Ärztin auch versprochen.“
„Und war sie so schlimm, wie Fred gesagt hat?“
„Nein, gar nicht. Sie war super nett.“
„Das gleiche hat Martha auch gesagt. Vielleicht ist sie nur zu Männern unfreundlich.“
„Kann schon sein“, überlegte Cassy und konnte sich kaum vorstellen, wie diese ausgesprochen höfliche Ärztin wirkte, wenn sie unfreundlich war.
Während der Mittagspause – pünktlich um 12:30 – saßen sie wieder zusammen. Fred bekräftigte ebenfalls die Vermutung, Dr. Campbell könnte eventuell ein Männerproblem haben. Ansonsten waren alle erst mal froh, dass Cassys Herz normal schlug und sie zur weiteren Behandlung bei Dr. Campbell sein würde. Das nächste Thema war dann Debby, die ja wegen des Waschbärbisses erstmal ausfiel.
„Wie lange wird sie denn weg sein?“
„Eigentlich sollte sie sich mindestens eine Woche schonen. Aber ihr kennt sie ja.“
„Tu nicht so, als wärst du da anders, Fred. Du bist genau so ein Workaholic.“
„Ja, ja. Ich sag ja nichts.“ Er stocherte mit seiner Gabel in seiner aufgewärmten Lasagne. „Das Problem ist ... den Termin am Pinecook River morgen kann sie auf keinen Fall wahrnehmen. Da braucht sie eine Vertretung.“
„Ich kann das übernehmen“, bot Cassy übereifrig an, ohne im Einzelnen von dem Projekt zu wissen. Aber sie wusste, dass Debby Lachse mit einem externen Dienstleister beobachten wollte.
„Du mit deinen Herzproblemen“, wendete Martha laut ein.
„Ich kann sie ja begleiten“, bot Nora an. „Wir kennen uns ohnehin beide nicht aus. Gemeinsam kriegen wir das sicher hin.“
„Das klingt nach einem guten Plan.“ Fred nickte. „Ich denke, sie wird nachher mit euch telefonieren wollen. Dann kann sie euch direkt briefen.“
Aus dem geplanten Telefonat wurde am Ende ein Video-Anruf über WhatsApp. Im Grunde genommen war es wie immer: Debbie berichtete von ihren Plänen und erklärte die Vorgehensweise. Genau so besprachen sie es auch in der Morgenrunde. Anders als sonst war diesmal aber, dass nun Kollegen ihre Pläne umsetzen sollten. Das war für alle ungewohnt. Besonders Debbie hatte ein Problem damit, dass jemand in ihrem Revier unterwegs war. Cassy konnte das verstehen, weil jeder hier sein Arbeitsgebiet hatte. Man half sich natürlich bei Bedarf, aber die Verantwortung oblag immer dem Projektkoordinator.
Heute arbeitete Cassy bis nach achtzehn Uhr. Das war nicht ungewöhnlich. Alle Kollegen blieben länger, wenn ein Projekt gerade besonders interessant war, oder aber Termindruck herrschte. Diesmal mussten Nora und sie den morgigen Termin vorbereiten; allein das rechtfertigte ihre Mehrarbeit. Aber sie hatte aufgrund ihres heutigen Arzttermins schon viel Zeit verloren und musste auch an ihrem eigenen Projekt weiterarbeiten. Hinzukam, dass sie vor dem Termin bei Dr. Campbell nicht noch einmal nach Hause wollte. Das wäre ein Umweg gewesen.
Also blieb sie und bestellte mit den Anderen Pizza, die sie halb sieben im Gemeinschaftsraum aßen. Es gab eine extra große Pizza Margherita, eine Normale mit Schinken, die Hälfte Hawaii, und eine Tonno mit extra viel Thunfisch, von der meistens die Hälfte übrigblieb und in der Nacht ihren Kühlschrank voll stank. Cassy blieb bei Margherita, auf die sie noch etwas geraspelten Parmesan streute. Es war lecker, sehr sogar. Aber als sie vom Sofa aufstand, um nach ihrem Glas Wasser zu greifen, kehrte das Stechen in ihrer Brust zurück. Ruckartig zog sie die Hand zurück und erntete daraufhin einen besorgen Nora-Blick. „Sind die Herzschmerzen wieder da?“
Cassy nickte.
„Mein Gott, Mädel. Es wird Zeit, dass du an diese Herzmaschine angeschlossen wirst.“
„Was denn für eine Herzmaschine? Pff“, machte Martha. „Du meinst sicher ein EKG.“
„Was auch immer“, winkte Nora ab. „Wichtig ist, dass es beobachtet wird.“
Alle waren sich am Ende einig, dass mit Herzproblemen nicht zu spaßen wäre. Martha bot sogar an, statt Cassy am morgigen Termin teilzunehmen. Bei einem Langzeit-EKG könne man schließlich nicht durch die Gegend stromern.
Stromern. Cassy musste lachen bei diesem Wort. „Das sagt mein Grandma immer, wenn der Kater sich eine Woche lang nicht blicken lässt. Der stromert auch immer.“
„Ich glaube, für das, was der tut, gibt’s noch ein anderes Wort“, vermutete Fred.
Die Frauen lachten.
„Wie auch immer“, unterbrach Cassy die lustige Runde. „Ich beabsichtige nicht, den Termin morgen ausfallen zu lassen.“ An ihre Kollegin gerichtet sagte sie: „Nora, du kannst auf mich zählen. Solange mich heute Nacht kein Herzinfarkt dahinrafft, werde ich da sein.“
Die gläubige Martha bekreuzigte sich bei diesen Worten. Erst der stromernde Kater – das war noch lustig – aber nun der Tod. Das war definitiv zu viel für ihre religiöse Seele.
Cassy warf einen Blick auf ihre Uhr. In einer viertel Stunde hatte sie ihren Termin bei Dr. Campbell. Sie musste sich sputen. Eilig trank sie noch einen Schluck Wasser. „Ich muss los.“ Sie ging Richtung Ausgang. „Macht nicht mehr so lange.“
Kapitel 6
Als sie pünktlich um sieben die Praxis betrat, war es draußen schon dunkel. Die Praxis war zwar beleuchtet, aber nicht so grell wie am Vormittag. Das Licht war gedimmt. Eine auf der Kommode stehende Lampe, in welcher Bücher und Zeitschriften gestapelt waren, sorgte für ein warmes Licht. Es sah nun viel gemütlicher aus als heute Morgen. Dank des Sofas herrschte fast Wohnzimmeraffäre. Die Praxis war leer. Offenbar waren die Arzthelferinnen schon im Feierabend. Ganz schön nett von Dr. Campbell ihren Feierabend extra für Cassy nach hinten zu verschieben.
Sie blickte nach rechts, in Richtung des Untersuchungszimmers. Die Tür war geschlossen.
„Hallo?“, rief Cassy, um sich irgendwie bemerkbar zu machen.
Eine Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. Dr. Campbell öffnete die Tür, verschloss sie direkt wieder und kam mit einem Blick, den Cassy nicht so recht deuten konnte, auf sie zu.
„Einen Moment. Ich sperre noch kurz ab, damit wir nicht gestört werden.“
Wer klopfte um diese Zeit noch an der Tür einer Praxis, überlegte Cassy. Dann wurde ihr klar, dass vielleicht viele wussten, dass Dr. Campbell manchmal Extrastunden einschob, um Patienten wie sie zu helfen. Sie lebte ihren Job, das war offensichtlich. Wahrscheinlich kam es nicht selten vor, dass Patienten selbst um diese Zeit noch vorbeikamen, um einen Husten oder ein Kribbeln im Arm abklären zu lassen.
Dr. Campbell kehrte zu ihr zurück und sah sie noch immer mit einem merkwürdigen Blick an. Einem Vorfreudigen, als würde sie gern hier ihren Feierabend mit einer Patientin verbringen. Offenbar brannte sie für ihren Job.
Cassy musste zugeben, dass dieser Blick sie irgendwie anmachte. Sie sollte aufpassen, dass sie ihrerseits nun nicht die Ärztin anmachte. Sonst war es vielleicht das letzte Mal, dass Dr. Campbell für sie nun Extrastunden einschob.
„Sind Sie bereit?“, fragte sie und schenkte ihr einen noch intensiveren Blick, der ein Kribbeln in Cassy verursachte.
„Klar“, sagte Cassy überschwänglich. Wenn sie immer so nett empfangen wurde, kehrte sie gern öfter mit Herzproblemen zurück.
„Dann los.“ Die Ärztin ging voran und öffnete die Tür, ließ auch Cassy eintreten und verschloss die Tür wieder.
Cassy musste zugeben, dass sie überrascht war. Der Untersuchungsraum sah völlig anders aus, als heute Morgen. Nicht nur das Licht hatte sich geändert – hier brannten Teelichter und die Schreibtischlampe. Es roch auch angenehm. Entweder waren es Aromateelichter, oder sie hatte hier irgendwo Duftöl aufgestellt. Wahrscheinlich zur Entspannung, denn Cassy fühlte sich auf einmal sehr entspannt. Seltsamerweise glich das Zimmer nun aber einem Museum. Als hätte sie nach diesem Termin noch einen mit einem Museumsmenschen, oder so. Auf dem Tisch und der Pritsche lagen Relikte aus längst vergangenen Zeiten. Auf der Untersuchungsliege lag eine weiße, weiche Decke – die schien als einzige aus der aktuellen Zeit zu sein. Darüber lagen jedenfalls an den Enden braune, lederne Gürtelschnallen. Es erinnerte Cassy ein wenig an einen Film, den sie mal gesehen hatte, in dem eine Psychiatriepatientin am Bett fixiert wurde. Ein bisschen gruselig war das schon.
Auf dem Tisch lag eine kupferfarbene, antike Spritze. „Krass! War das früher eine Spritze?“
„Das ist eine Klistiere“, erklärte Dr. Campbell. „Damit wurden früher Einläufe gemacht. Wollen Sie es ausprobieren?“
Cassy hob die Augenbrauen und sah sie entgeistert an. „Äh. Nein. Ich bin nur wegen meiner Brust hier.“
Sie blickte wieder nach unten und sah sich die weiteren Dinge an. Da lag ein dünner, langer Stock, daneben ein breiterer Holzstab, der wie ein Rührstab und ein Paddel aussah.
„Gerne.“ Dr. Campbell zeigte auf einen, ebenfalls auf dem Tisch befindlichen, eisernen Ring an denen vier Schrauben befestigt waren.
---ENDE DER LESEPROBE---