Versuchungen
am Meer
Nele Sommer
1. Edition, 2025, Nele Sommer
c/o WirFinden.Es
Naß und Hellie GbR
Kirchgasse 19
65817 Eppstein
Für Textentwürfe und sprachliche Optimierungen kam teilweise ein KI-gestütztes Tool (ChatGPT) zum Einsatz. Redaktionelle Prüfung durch die Autorin.
© 2025 All rights reserved.
Independent Publishing
Überraschend erbt Nadine ein Restaurant mit Wohnung direkt am Meer. Ihr zuvor banales Leben bekommt endlich einen Sinn und so tritt sie kurz entschlossen das Erbe an, kündigt ihren Job und zieht Hals über Kopf nach Usedom.
Dumm nur, dass Nadine überhaupt nicht kochen kann. Statt Fisch und feiner Küche gibt es in der alten „Kajüte“ kurzerhand Fastfood. Doch schon bald merkt Nadine, dass ihr Fastfood-Plan doch nicht so grandios ist, wie er klang.
Glücklicherweise joggt regelmäßig die Köchin Kim an ihrer Terrasse vorbei, die schon schnell erkennt, dass Nadine in der Küche ein Totalausfall ist. Sie könnte sich jedoch gut vorstellen, Nadine zu einer respektablen Köchin zu erziehen. Nur dass ihre Erziehungsmethoden alles andere als konventionell sind…
Inhaltsverzeichnis
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 1
Nadine
Nadine sah auf die tosende See, die sich schäumende Gischt und...
„Autsch!“ Nadine wandt sich unter den Schlägen der Gärte. Sie wollte sich fallen lassen. Sich ganz dem Schmerz hingeben. Ein bisschen noch. Solange sie diesen Rhythmus beibehielt, konnte sie es schaffen.
„Gefällt dir das?“
Nadine entließ ein Stöhnen. Drei Schläge später dann ein Gemurmeltes: „Bitte mach weiter.“
Und wieder ein Schlag, und noch einer und dann ein letzter, bevor sie schweißdurchtränkt hochfuhr.
Ihr Herz schlug wild an ihrer Brust. So laut, dass sie glaubte, es zu hören. Es war nur ein Traum. Ein heißer, unerfüllter, feuchter Traum.
Enttäuscht ließ sie sich in ihrem Wohnzimmer in die Polster des roten Sofas sinken. Sie schnappte sich ihre Kuschelrolle und legte sie so um sich, dass es sich wie eine Umarmung anfühlte. Wieder dieser Traum. Seit Monaten träumte sie ständig davon und fragte sich, wann sie endlich den Mut aufbringen würden, ihn wahr zu machen. Nadine war doch auch sonst kein graues Mäuschen. Warum in diesem Punkt?
Eigentlich war sie völlig geschafft von dem langen Tag im Restaurant. Vor zwei Monaten hatte sie die Nachricht bekommen, dass sie ein Restaurant auf Usedom geerbt hatte. Sie! Dabei hatte sie, solange sie denken konnte, kaum Verwandte. Ihr Vater war verstorben, als sie zwei war. Seitdem lebte sie allein mit ihrer Mutter in Regensburg.
Auf Usedom war sie nie zuvor gewesen, aber anscheinend hatte ihr Vater dort einen Onkel gehabt, der nie den Kontakt zu ihnen gesucht hatte. Jetzt war der Onkel gestorben und Nadine offenbar die einzige Erbin. Erst hatte sie das Erbe ausschlagen wollen, aber ein Restaurant auf Usedom. Das klang schon irgendwie cool.
Also war sie hingefahren und war sofort Hals über Kopf verliebt in diesen kleinen Schuppen. Okay, es sah nicht mehr besonders gut aus. Ein bisschen ranzig hier und da. Aber der Blick auf das weite Meer war sensationell. Wahrscheinlich war es ziemlich unklug danach sofort ihren krisenfesten Job bei Edeka zu kündigen, den sie seit zehn Jahren hatte. Seit ihrer Ausbildung war sie da. Aber das erfüllte sie einfach nicht. Sie wollte ihr eigenes Ding durchziehen und hier hatte sie endlich die Gelegenheit dazu. Es gab allerdings ein Problem. Sie konnte nicht kochen.
Also hatte sie Lisa eingestellt, die den Kochpart übernehmen sollte. Doch die war öfter weg, als wirklich in der Küche.
Heute war sie wieder einmal nur kurz vorbeigekommen. Gerade lang genug, um unnütze Deko in Form von Muscheln auf der Theke abzulegen, fünf Burger zu braten und dann mit der Ankündigung, sie hätte noch einen wichtigen Termin, wieder zu verschwinden.
Nadine musste nun noch die restlichen Einnahmen zusammenrechnen, sie in die Tabelle eintragen, die Anteile der verkauften Burger und Getränke dazuschreiben und den Einkauf für morgen planen.
Geld hatte diese seltsame Eigenschaft, zuerst nach ganz viel auszusehen, und dann auf einmal zu versickern. Wie da Wasser im Sandstrand vor ihrer Haustür.
Nadine stellte sich an das Fenster und sah hinaus, beobachtete die Spaziergänger, die vielleicht gern hier ihr Abendessen eingenommen hätte. Wenn es denn jemanden gäbe, der es zubereitete. Und dabei stand die Hauptsaison unmittelbar bevor. Bald würde es Scharen von Touristen geben.
Das einzige Gute war im Moment, dass sich Nadines Wohnung direkt über dem Restaurant befand. So musste sie wenigstens nicht noch zusätzliche Miete abdrücken. Auch wenn selbst die renovierungsbedürftig war. Wie schön könnte dieses Leben am Strand sein, wenn sie sich nicht so viele Sorgen machen müsste?
Dabei wollte sie gerade an ganz andere Sachen denken.
Sie stellte sich vor, wie sie auf dem Boden vor der Frau aus ihrem Traum kniete, die Beine gespreizt und ihr mit erhobenen Armen, aber gesenktem Kopf eine Gerte überreichte, nach der sie gerade verlangt hatte. Nadine spürte die eiserne Fessel um ihr Fußgelenk, die nicht rascheln durfte, solange sie sich ihr darbot. Die Herrin würde die Einhaltung dieser Regeln eisern überwachen.
Was noch? Ach, ja die Nippelpiercings, die er sie ihr vorgeschrieben hatte, würde sie mit Gewichten beschweren, bis der scharfe Schmerz sich wie ein glühendes Messer in ihren Unterleib bohrte.
Dann wandelte sich ihr Traum. Sie spürte sie hinter sich, bedrohlich, alleine aufgrund ihrer Präsenz. Sie packte Nadine an den Oberarmen und warf sie mit Schwung gegen einen Baum. Die Finger der Frau wirbelten wie wild um ihre Klit, bis Nadine mit klopfendem Herzen und angehaltenem Atem kam.
Kapitel 2
Kim
Der Tag endete noch schlimmer, als er begonnen hatte. Warum war das Leben nur so kompliziert? Kim hielt nur mit Mühe ein Stöhnen zurück. Was genau wollte diese Frau eigentlich? Kim hatte sie am Andreaskreuz befestigt. Wie sie es besprochen hatten. Zuerst hatte sie gesagt, Kim dürfe alles mit ihr machen. Es war bekannt, dass Kim auf Schlagwerkzeuge aller Art stand.
Sie hatte zugestimmt.
Bis Kim ihre Schmerzgrenze herausfinden wollte. Da hat sie auf einmal einen Rückzieher gemacht. Ständig war irgendetwas nicht richtig. Die Fessel rechts war zu fest. Etwas drückte und dort zwickte etwas. Jegliche Lust war Kim inzwischen vergangen. Sie hatten die Frage nach Sex offengelassen, wie Kim es meistens tat. Sie wollte sich nicht verpflichten, Sex zu haben.
Diese Frau war eine einzige Enttäuschung. Nach ihrem Profil sehr erfahren, was Kim nur recht war. Kim wollte keine längere Bindung, sondern eine einmalige Sache. Das war ihre wichtigste Bedingung. Sie wollte auf keinen Fall jemanden ausbilden. Das hieß nicht, dass sie das generell nicht wollte. In anderen Lebenslangen war sie eine durchaus gute Ausbilderin. Da brauchte man nur einen ihrer Lehrlinge zu fragen, die sie über die Jahre ausgebildet hatte. Die behandelte sie deutlich besser, als sie selbst während ihrer Lehre zur Köchin behandelt worden war. Dennoch herrschte sie mit eiserner Disziplin in ihrer Küche. In ihrer ehemaligen Küche.
Sie löste die Sub von ihren Fesseln, während sie an früher dachte. Die Küche war ihr Andreaskreuz gewesen, an das sie mit dicken Kettengliedern gefesselt gewesen war.
„Wollen wir nicht gleich zu dem Punkt kommen, in dem...“
„Wer hat dir erlaubt, zu sprechen?“ Kim wollte zumindest versuchen, ein wenig Stimmung aufkommen zu lassen.
„Aber ...“
„Kein aber! Wenn du etwas zu sagen hast, streckst du den Zeigefinger der rechten Hand aus. Falls ich zuhören möchte, werde ich dich ansprechen. Außerdem verlange ich Respekt. Nicht mehr als üblich. Bitte und danke und ein passender Ton. Du darfst es jetzt versuchen.“
„Aber ...“
Kim klatschte auf ihre linke Hinterbacke.
„Autsch! Das tut weh!“
„Das soll es auch! Es wird noch viel mehr weh tun, wenn du dich nicht an meine Anweisungen hältst.“
„Hab ich doch. Ich hab meinen Finger ausgestreckt.“
Kim sah nach. „Das ist deine linke Hand. Ich sagte, rechts. Ich sagte auch, dass ich entscheide, ob und wann du sprechen darfst oder nicht.“ Kim holte ein weiteres Mal mit dem Paddel aus. Ehe sie zuschlagen konnte, rief die Sub Halt.
Mit einem tiefen Seufzer hielt Kim inne. „In diesem Club verwenden wir die Ampelfarben Grün, Gelb und Rot. Halt ist keine Farbe.“
„Ich muss aber aufs Klo.“
Kim öffnete die Fesseln und ließ sie gehen. Ihre Stimmung war endgültig im Eimer. Warum nur war es so schwer, eine Sub zu finden, mit der sie Spaß haben konnte? Seit der Trennung von Lana hatte ihre beste Freundin Katrin sie immer wieder mit hierher geschleppt. Klar, hat Kim es versucht. Aber es war mit keiner Frau mehr so, wie vor ihrer Beziehung. Nicht mehr so locker, nicht mehr so viel Spaß. Dabei hatte Katrin ihr versprochen, dass immer mehr Frauen geben würde, die Spaß an BDSM finden würden und auf der Suche nach einer unverbindlichen Session mit einer erfahrenen Domina waren. Stattdessen traf Kim nicht zum ersten Mal auf völlig unerfahrene Frauen, die ihr Wissen aus Büchern bezogen und auf die große Liebe hofften. Aber nicht mit Kim.
Eine der Subs, die Kim als Dauergast kannte und die sich nur allzu willig und häufig zur Verfügung stellte, stand mit gesenktem Haupt in ihrer Nähe.
Kim hielt einen Moment inne. Sollte sie die Sub sprechen lassen? Immerhin war klar, was sie wollte. Ein süßes Ding, klein und zierlich, aber auch abgehärtet. Vermutlich mit Hornhaut auf dem Hintern. Sie würde ihren Befehlen gehorchen, sich gerne schlagen lassen. Womöglich könnte Kim sie sogar in den Subspace befördern. Sie würde sich fingern lassen oder die Sub dazu bringen, Kims Klit zu lecken oder den Hintern oder die Füße. Genau da lag das Problem. Eine Frau, die alles mit sich machen ließ, sprach Kim genauso wenig an, wie eine Frau, die gar nichts mit sich machen ließ.
Kim schüttelte den Kopf. Die Sub ging mit einer leichten Verbeugung drei Schritte zurück und verschwand ganz zwischen den Menschen, die sich längst abgewandt hatten, um einem anderen Paar zuzusehen.
Kim lag nichts an einer Frau, die keinen eigenen Willen mehr hatte, mit dem sie sich messen konnte. Sie wünschte sich echte Unterwerfung, echte Reaktionen, echte Geilheit.
Doch die würde sie bei solchen Treffen vermutlich nicht finden.
Auf dem Weg nach draußen richtete sich ihre Aufmerksamkeit auf einen Kopf mit blonden langen Haaren.
Als sie sich umdrehte, grinste Kim wehmütig. Für einen Moment hatte sie geglaubt, die neue Restaurantchefin der Kajüte zu sehen, die Kim beim Joggen an der Küste morgens immer sah.
Obwohl ... nein, diese Haare waren viel zu brav. Nicht so widerspenstig und zerzaust, wie die der „Möchtegern-Restaurantchefin“, die immer wieder ihren Blick auf sich zog.
Warum eigentlich? Sie entsprach überhaupt nicht Kims Wunschvorstellungen.
Trotzdem. Wäre sie auf der Suche, würde Kim sie auf einen Kaffee einladen. Aber sie verzichtete lieber auf Enttäuschungen. Davon hatte sie in letzter Zeit genug erlebt.
Kapitel 3
Nadine
Ein Knall ließ Nadine erschrocken herumfahren. Sie atmete schwer aus. Es war nur ihre Aushilfe Lisa, die mit Plastiktüten beladen den Wagen betrat.
„Nadine, hilf mir! Ich krieg die Tür nicht auf!“
Lisa hatte sie in den letzten Wochen so oft im Stich gelassen, dass Nadine gar nicht mehr mit ihr gerechnet hatte. Ihr Begrüßungslächeln erstarrte wieder. Sie wollte die Hoffnung, dass Lisa heute wirklich mitarbeiten würde, lieber nicht zu hoch aufkeimen lassen.
„Was hast du denn gekauft?“, fragte sie stattdessen in der naiven Hoffnung, es ginge um die Kajüte.
„Ich habe nur schon meinem Einkauf erledigt. Dann muss ich das nachher nicht mehr machen.“
Toll, dass sie ihre privaten Einkäufe in ihrer Arbeitszeit erledigte, dachte Nadine, sagte aber nichts. Wenn sie Lisa vergraulte, hatte sie niemanden mehr.
„Du bist noch nicht sehr weit gekommen, oder?“, fragte Lisa und starrte sie an.
Lisa kapierte einfach nicht, dass das ihr Job war.
Nadine sank in sich zusammen. Ein Blick auf die Uhr verriet ihr, dass es höchste Zeit war. Sie sollte lieber schnell den Salat schneiden, bevor es gar keinen gab.
Nadine schaffte es tatsächlich, zehn Köpfe Eisbergsalat in einer Viertelstunde zu schneiden. Neue Rekordzeit. Lisa brauchte ebenso lange, um die Tüten abzustellen und sich eine Schürze umzubinden.
Als Nächstes standen Zwiebeln und Gurken auf dem Zettel. Ein einfacher Notizzettel am Kühlschrank listete alle Zutaten für die verschiedenen Burger. An den Tagen, an denen sie arbeiteten, kümmerte sich Lisa ums Fleisch, Nadine übernahm die Beilagen.
Ah ja. Sie sollte die Süßkartoffeln schälen und dann durch den Pommes-Schneider pressen.
Lisa hatte scheinbar genauso wenig Ahnung vom Kochen wie sie, deshalb beließen sie die Essensausauswahl bislang bei Burger und Pommes. Das war wahrscheinlich nicht ideal für ein Restaurant am Strand, an dem es früher Fischgerichtete gegeben hatte. Aber die Zubereitung von ganzen Gerichten, noch dazu mit Fisch, bekam sie leider nicht auf die Reihe. Das Einzige, was sie gerade noch hinbekommen hätte, waren Fischbrötchen. Aber wenn man mit Fisch etwas falsch machte, konnte das schnell gefährlich werden. Es gab auch so schon genug Beschwerden.
Es war Zeit, den Grill anzuheizen, die Burger-Pats hervorzukramen und die Brote vorzubereiten. Wo war nur der Zettel mit der Zusammensetzung des „Chicago Burgers“?
Sie fand den Zettel. Der Rest gestaltete sich aber schwieriger als gedacht.
Natürlich hatte sie sich Barbecue-Soße auf die Bluse gekleckert, den kleinen Finger verbrannt, die Zwiebeln viel zu dick geschnitten. Und dann, weil ihre Augen noch vom Zwiebelschneiden tränten, das Brot so ungeschickt geteilt, dass die Unterseite hauchdünn war.
Die möglichen Katastrophen, mit denen sie täglich kämpfte, schienen endlos. Seit sie den Großteil ihrer Ersparnisse in dieses Geschäft investiert hatte, hatte sie zwar einiges gelernt. Aber ohne Ausbildung, ohne Erfahrung, fand sie einfach nicht den passenden Rhythmus.
Mit jedem Tag bedauerte sie mehr, dass in ihrer Ausbildung Hauswirtschaft nie gelehrt worden war.
„Junge Frau, das kann ich nicht essen!“
„Es tut mir leid. Das hab ich wohl übersehen…“
Wieder eine Rückgabe. Diesmal war der Burger pechschwarz auf der Unterseite. Dabei hatte sie extra viel Soße darunter gestrichen, in der Hoffnung, das Malheur zu übertünchen. Offensichtlich vergeblich.
„Darf ich Ihnen einen neuen Burger zubereiten? Es dauert nur ein paar Minuten.“
„Nein, wenn ich warte, bis sie endlich fertig sind, schaff ich es heut nicht mehr rechtzeitig nach Loddin. Geben Sie mir lieber mein Geld wieder.“ Die Dame im Rentenalter wirkte genervt. Nicht einmal als Rentnerin hatte man Lust, seine Zeit aufs Warten zu verschwenden.
„Okay, natürlich. Es tut mir wirklich sehr leid. Kommen Sie morgen wieder. Ich bereite Ihnen dann einen extra großen Burger zu.“
„Ich lauf doch nicht jeden Tag die Strecke. Morgen ist Strandtag.“
Nadine sah sie verzweifelt an. Was konnte sie der Kundin noch anbieten? „Sie bekommen von mir einen Erdbeermilchshake geschenkt.“
Die Dame runzelte die Stirn. „Na gut. Den würde ich nehmen…“
„Sorry, ich meinte nicht jetzt. Morgen. Die Shakes sind noch nicht so weit.“
„Wie gesagt. Morgen ist Strandtag.“
Leider blieb das nicht die einzige Kundin, die empört abdampfte. Nadine wischte sich den Schweiß von der Stirn, als der letzte Gast sich verabschiedete.
Sie sah sich um. Wo war eigentlich Lisa?
Wie konnte es sein, dass sie immer verschwand, wenn es ums sauber machen ging? Nadine seufzte. Was soll‘s. Es war Zeit, den Grill mit dem scharfen Spatel abzuziehen.
Das Problem an diesen Job war, dass die Arbeit nach dem letzten Gast längst nicht vorbei war.
Der Busch neben der Terrasse wucherte viel zu hoch. Ein Gast hatte sie neulich darauf aufmerksam gemacht. Überhaupt: der Garten. Alles war verwildert. Aber wenigstens gesund: alles grün und so.
Für einen Moment empfand Nadine Widerwillen gegen diesen riesigen Restaurantklotz, den ihr Onkel ihr vererbt hatte. Doch den Gedanken schob sie rasch beiseite. Sie hatte ein Zuhause und einen Job am Meer. Nur das zählte.
Die Vorstellung, keine Miete zahlen zu müssen und das Erbe als Einnahmequelle nutzen zu können, hatte sich als vollkommen falsch erwiesen. Seit sechs Wochen lebte sie nun allein in einem Haus und Restaurant mit 350 Quadratmetern Wohn- und Nutzfläche, einem Garten und einem Stellplatz in der Einfahrt.
Ein Klappern an der Tür kündigte Lisas Rückkehr an.
Sie erklärte nicht, wo sie sich rumgetrieben hatte. Nur ein Thema interessierte sie. „Wie viel hast du eingenommen?“
„Keine Ahnung. Es war viel los, aber ich war ja ziemlich lange alleine.“
Lisa zuckte die Schultern. „Hatte einen Termin.“
Die Frage, welchen Termin Lisa gehabt hatte, lag ihr auf der Zunge und vor allem, warum sie nicht Bescheid gesagt hatte. Aber Nadine schluckte es herunter. Zwecklos. Lisa hatte noch nie erklärt, wo sie gewesen war.
Nadine fragte sich inzwischen, ob sie nicht besser dran wäre, wenn Lisa einfach komplett wegbliebe. Dann würde sie sich auf jeden Fall weniger ärgern.
„Was starrt die so?“, murmelte Lisa und deutete mit dem Kinn nach draußen.
Nadine musste nicht fragen, wen Lisa meinte.
Sie zuckte mit den Schultern und beobachtete die attraktive, brünette Joggerin, die hier fast täglich entlanglief. Manchmal zweimal. Sonst hatte sie nur aus der Ferne das Restaurant angeguckt. Diesmal studierte sie die Speisekarte.
Lisa rollte die Augen. „Will sie uns etwa ausspionieren?“
„Wie kommst du denn darauf?“
„Das ist Kim Steiger. Eine Köchin. Die war bis vor Kurzem im Berlucci angestellt. Soll eine Spitzenküche hingelegt haben. Alle sollen begeistert gewesen sein. Und dann, von jetzt auf gleich, schmeißt die alles hin.“ Lisa zuckte die Schultern. „Also ist sie jetzt arbeitslos.“
Nadine hatte sie gleich am Eröffnungstag bemerkt. Selbstsicher. Charmant. Ihr Blick aus dunklen Augen wirkte gefährlich sexy.
Jedes Mal, wenn sie vorbei joggte, kribbelte es in Nadines Unterleib. Und jedes Mal, wenn sie den Kopf in ihre Richtung drehte, setzte ihr Verstand aus.
Nadine konnte ihre Augen nicht von ihr lösen.
Eine Köchin, also. Aber arbeitslos? Schade. Dabei wurden doch überall Köche gesucht.
Sie könnte ja für Nadine kochen. Ganz privat. In ihrer Küche. Vielleicht auch mich streicheln, dachte sie.
Sie schüttelte innerlich den Kopf.
Sie war arbeitslos. Und das trotz Fachkräftemangel. Dazu in der Hauptsaison. Hatte sie einfach nur eine schlechte Arbeitsmoral oder hatte sie etwas angestellt? Was es auch war: Für Nadine kam so ein Mitarbeiter nicht in Frage. Ihre reichte Lisas minimale Anstrengungsbereitschaft.
Kapitel 4
Kim
Kim sah von der Speisekarte auf in das Restaurant. Da war sie wieder. Die Frau mit dem wilden, blonden Haar. Den hellen Augen. Waren sie blau? Vielleicht. Das Lächeln und ihre niedlichen Grübchen, die bei jedem Lächeln zum Vorschein traten. Die Art, wie sie schaute. Das Strahlen, das von ihr ausging. Sie wandte den Blick sofort ab, als Kim sie fixierte, wie sie es immer tat.
Kim seufzte. Ja, sie war schön. Aber ein Blick auf die Speisekarte offenbarte ihr Problem. Sie war eine von tausend Möchtegern-Köchinnen, die glaubten, sie könnten in die Gastronomie einsteigen, nur weil ein paar Freunde sie für eine Mahlzeit gelobt hatten. Wozu brauchten Köche eine dreijährige Ausbildung? Warum lernten sie den Beruf von der Pike auf? Diese Frau stand als Sinnbild für die neue Generation an Köchinnen, die Kim sieben Jahre lang ausgebildet hatte. Junge Leute, die nicht auf Befehle reagierten; denen man Sauberkeit, Schnelligkeit und Gehorsam einbläuen musste. Das führte zwangsläufig zu einer hohen Abbrecherquote.
Es nutzte nichts, verständnisvoll und einfühlsam zu sein. Die Grundlagen und Handgriffe mussten sitzen.
Zwölf Jahre lang hatte sie in der Küche verbracht. Als Köchin hatte man, außer mit Küchenhilfen und Bedienungen, nur wenig Kontakt mit Frauen.
Vielleicht war das der Grund, warum sie sich damals auf Lana eingelassen hatte. Ihrer Sous-Chefin und gleichzeitig Vorgesetzten. Kim hatte ihre Unterwürfigkeit geliebt und gebraucht. Vier Jahre hatten sie es miteinander ausgehalten, obwohl sich zunehmend herausgestellt hatte, dass Lanas Bedürfnis nach Schmerz weit über Kims Geschmack hinausging. Doch das war nicht das eigentliche Problem. Was Kim viel mehr störte, war Lanas Anhänglichkeit. Eine emotionale Abhängigkeit, die Kim nicht mehr ausgehalten hat.
Sie wünschte sich eine selbstständige Frau. Eine, die sich ihr zwar überließ, aber für die sie nicht der Nabel der Welt war. Außer in sexueller Hinsicht wollte Kim keine Sklavin. Kim hatte ihr mehr als einmal gesagt, dass dieser einhundertprozentige Wunsch auf Unterwerfung nicht gesund war. Auch war es nicht okay, sie fast rund um die Uhr in der Küche arbeiten zu lassen, nur damit Lana ihre Phantasien ausleben konnte. Das war zu viel. Aber Lana hatte das nicht hören wollen, also hatte Kim vor ein paar Monaten die Reißleine gezogen.
Sie sah wieder durch das Fenster ins Restaurant. Die Kleine dort schaute kaum zu ihr auf. Dass sie den Blick ständig vor ihr senkte, sprach Kims Instinkte an. War sie submissiv? Stand sie auf Frauen?
Vielleicht… sollte Kim es mal mit einem Vanille-Girl versuchen.
Nur für den Sommer.
Nur um ein wenig Spaß zu haben.
Kapitel 5
Nadine
Nadine sah ihr noch eine Weile hinterher. Sie hatte sehr wohl die Blicke bemerkt, die auf ihr ruhten.
„Kannst du mir einen Vorschuss für nächste Woche geben? Ich will ein bisschen raus.“
„Was?“ Nadine glaubte, sich verhört zu haben. Lisa war ohnehin während der vergangenen Tage kaum anwesend gewesen und verlangte trotzdem den vollen Lohn. Völlig verrückt eigentlich, dass Nadine ihr das zahlte. Aber im Voraus bezahlen?
Nadine sagte ihr nicht zu, den Lohn auszuzahlen. Sie sagte aber auch nicht nein. Das war ihr großes Problem. Nein sagen, war ihr immer schon schwergefallen. Und das, obwohl dass hier ihr Restaurant war. Sie war die Chefin, verdammt nochmal. Warum ließ sie sich dermaßen auf der Nase herumtanzen?
Als sie an diesem Abend allein auf ihrer Terrasse saß, nahm sie den vertrauten Anblick der Kiefern am Hang, die sanft im Wind wiegenden Gräser und das Meer selbst gar nicht mehr wahr. Sie nippte an ihrer Weinschorle als ihr Handy vibrierte. Telefonanruf von ihrer Mama.
„Hallo meine Liebe. Wie geht es dir? Ich haben gerade wunderbar gegessen. Selbstgemachtes Curry Chicken. Solltest du auch mal versuchen. Wie steht es mit dem Haus und dem Restaurant? Ist alles in Ordnung?“
„Das Haus ist in Ordnung. Nur der Strauch müsste geschnitten werden.“
„Das ist ja schnell gemacht.“
Klar, wenn Nadine sonst nichts weiter zu tun hätte, wäre das schnell gemacht.
„Es ist so anstrengend bei der Hitze, aber egal ... Was tust du denn den ganzen Tag?“
„Ich arbeite.“
„Ja, aber was?“
Seit ein paar Wochen traute sich Nadine nicht mehr, von ihrer Arbeit zu erzählen. Immer, wenn ihre Mutter fragte, wie es lief, müsste Nadine eigentlich lügen. Oder aber gestehen, dass sie es vielleicht nicht schaffen würde.
Nicht ohne Koch.
Sie wünschte sich, einfach selbst kochen zu können. Die Vorstellung, wie sie am Herd stand und eine köstlich duftende Mahlzeit zubereitete, verleitete sie, nach dem sie sich von ihrer Mutter verabschiedet hatte, zu einem spontanen Kauf im Internet. Ein Gewürzset mit über 1000 Namen, von denen sie noch nie gehört hatte. Aber mit jedem Klick unterstützte sie kenianische Kinder. Das tröstete sie.
In dieser Nacht träumte sie von einer Köchin, die Kim zum Verwechseln ähnlich sah. Sie stand neben ihr und streute wahllos Gewürze über Burger, die auf dem Grill brutzelten. Ein Albtraum, der Nadine aus dem Schlaf riss.
Doch zurück blieb nicht etwa Empörung darüber, dass sich diese Frau in ihre Arbeit eingemischt hatte, sondern vielmehr Sehnsucht, dass sie wirklich neben ihr stünde.
Wie eine Mentorin würde Kim sie wohl zur Schnecke machen, weil sie sich so ungeschickt anstellte. Aber bestimmt auf eine liebevolle Art, schließlich war es Nadines Traum. Sie konnte ihn gestalten, wie sie wollte.
Doch in ihrem Traum weigerte sich Kim, ihr Verhalten an Nadines Wünsche anzupassen. Sie schaute sie streng an, von oben herab. Selbstsicher und bestimmend. Sie gab ihr Anweisungen, denen sie zu folgen hatte. Je bedrohlicher sie wurde, desto feuchter und erregter wurde Nadine. Als ihre Traumfrau sie auf die Knie beorderte, war es um sie geschehen. Sie massierte ihre Klit, so lange bis ihre letzten Zuckungen abgeebbt waren. Dann schlief sie mit einem glücklichen Lächeln ein.
Kapitel 6
Kim
„Aua!“
Kim, die gerade wieder an der Kajüte entlang gejoggt war, drehte sich um. Eine Frau war von der Treppe des Restaurantgartens gestürzt. Auf der letzten Stufe muss sie abgerutscht sein.
Kim eilte zu der Frau, eine hübsche Blondine mit langen Beinen, die sehr vorteilhaft von einem lockeren Sommerrock umspielt wurden und nun bis zum Schritt entblößt vor ihr lagen.
Von diesem Anblick wurde Kim jedoch erfolgreich abgelenkt. Und zwar durch einen nach Vanille duftenden, dunkelblonden Haarschopf, der sich wenige Sekunden zuvor über die Gestürzte gebeugt hatte.
Die Möchtegern-Köchin.
Sie kam offenbar aus ihrem Restaurant geschossen und tastete nun besorgt Knöchel und Knie der Verletzten ab und sprach ruhig und beruhigend auf sie ein.
„Ist sie verletzt?“, fragte Kim, bemüht, sich nicht nutzlos zu fühlen. Es bot sich nun endlich die Gelegenheit, die Möchtegern-Köchin direkt anzusprechen.
„Es scheint nichts gebrochen zu sein“, sagte die Köchin ruhig. „Möglicherweise ist der Fuß verstaucht. Soll ich einen Krankenwagen rufen?“
„Nein, nein“, mischte sich die am Boden liegende Frau ein. „Ich brauche keinen Krankenwagen. Ich würde mich nur gerne einen Moment setzen.“
„Da drüben ist eine Bank.“ Kim wies auf die vor den Dünen stehende Sitzgelegenheit.
„Ich hole Eis.“
Kim half der Blondinen auf die Bank. Normalerweise löste so ein enger Körperkontakt bei ihr durchaus lebhafte Gedanken aus, aber heute ließ sie das erstaunlich kalt. Ganz im Gegensatz zur Köchin. Die heizte ihr auf ganz andere Weise ein.
„Legen Sie den Fuß hoch“, sagte sie freundlich, als sie zurückkam. „Ich habe Ihnen ein Handtuch mitgebracht. Wir wickeln das Eis darum, dann fixieren wir das Ganze. Sie müssen nur ruhig sitzen bleiben.“
Kim trat zurück und überließ die Verletzte der Fürsorge der Köchin. Die war auf einmal gar nicht mehr schüchtern. Kim mochte das. Eine Frau, die zupacken konnte und die Entscheidungen traf, wenn es darauf ankam.
Endlich konnte Kim die Köchin nun ganz in Ruhe mustern.
Schlank, sportlich, aber nicht muskulös. Die kleinen Brüste hatte Kim schon aus der Ferne als „genau richtig“ eingeschätzt. Der etwas rundere Po wirkte aus der Nähe noch anziehender. Genau die richtige Fläche für ein Paddel, dachte Kim und verbiss sich ein Grinsen.
Dass sie mindestens einen Kopf kleiner war als Kim, aber trotzdem nicht „klein“ wirkte, gefiel ihr ebenfalls. Ihre Beine konnten sich problemlos mit denen der Gestürzten messen. Sie trug eine eng anliegende, weiße Jeans, die sich jeder Muskelkontur anschmiegte und etwa zwei Handbreit über den Knöcheln endete.
Darunter trug sie flache Turnschuhe mit hellblauen Streifen.
„Wie wollen Sie sonst hier wegkommen?“
Die Verletzte gab keine Antwort.
Blaue Augen richteten sich nun endlich auf Kim. Obwohl sie ihr gut gefielen, wanderte Kims Blick sofort weiter zu ihrem Mund. Die Grübchen, aber auch die weichen, von Natur aus fülligen Lippen zogen sie an. Wie konnte eine Frau gleichzeitig so unscheinbar und doch so sexy aussehen?
Ein kurzer Kontrollblick zu der Frau, die sich noch immer den Knöchel hielt. Es gab nur eine Antwort. „Wenn sie keinen Krankenwagen braucht, rufen wir ein Taxi, das ins Hotel bringt. Je nachdem, was sie möchte.“
Während Kim ihr Handy hervorzog, hörte sie bereits die Kleine sagen. „Ein Taxi für die Finkengasse, schnell bitte. Der Fahrer soll sich in der Kajüte melden.“
Erst jetzt fiel Kim auf, dass ihr Haar in der Sonne gar nicht so dunkel wirkte wie von weiten. Es war eher ein dunkles Blond mit vielen hellen Strähnen. Dazu bemerkte sie Sommersprossen, die sich zart um die schmale Nase verteilten.
Sie lächelte. Und Kim war verloren.
In ihren leuchtenden Augen sah sie grüne Sprenkel. Das wirkte absolut faszinierend.
„Es ist alles geregelt“, sagte sie. „Wenn Sie weiter wollen ... ich bleibe bei ihr.“
„Müssen Sie sich nicht um Ihr Geschäft kümmern?“
Sie nickte. „Ja, das stimmt.“ Die Köchin warf einen unsicheren Blick in Restaurant. Es war 11:00 Uhr. Wenn sie pünktlich zur Mittagszeit öffnen wollte, müsste sie längst mitten in den Vorbereitungen stecken.
Dass sie sich Zeit ließ, bewies einmal mehr ihre Unerfahrenheit.
Möglicherweise spiegelte sich Kims wachsender Unmut über diese Unprofessionalität auf ihrem Gesicht, denn die junge Frau trat einen Schritt zurück und senkte den Blick.
„Sie sollten sich vorbereiten“, sagte Kim mit der gleichen Autorität in der Stimme, wie sie es aus der Küche gewohnt war.
„Da haben Sie recht, Frau Haller.“
Ah, sie kennt meinen Namen, dachte Kim.
„Haben Sie Ihren Post vorbereitet?“
Ihr verständnisloser Blick war Antwort genug. Sie hatte offenbar noch nie in einer professionellen Küche gestanden.
„Ich bin ja auch noch da. Sie kann so lange bleiben, bis das Taxi kommt.“ Die zweite Köchin mischte sich ein. „Ich bin sowieso schneller als sie.“ Ihr überheblicher Ton ließ keinen Zweifel daran.
„Also gut“, erwiderte Kim knapp.
Sie nickte und murmelte: „Selbstverständlich.“
Zu gerne hätte Kim sich länger mit ihr unterhalten, aber das war Unsinn. Es genügte, wenn einer herumstand. Sinnvoller wäre es natürlich gewesen, wenn diejenige das Herumstehen übernommen hatte, die ohnehin gerade joblos war. Aber so konnte Kim wenigstens in aller Ruhe nach einen Job suchen. Irgendwo musste es ja einen geben, der ihre Kriterien erfüllte.
Auf der ganzen Strecke bis zu ihrer Wohnung ließen sie die Düfte nicht mehr los: Vanille und Sternanis.
Kapitel 7
Nadine
Sie träumte von ihr. Kims Stimme, ihren Augen, ihrem Mund. Die Erinnerung an den missbilligenden Blick schob sie beiseite.
Wieder einmal verpasste sie den richtigen Zeitpunkt zum Wenden der Burger. Lisa war mal wieder bei einer längeren Toilettenauszeit. Und trotzdem hatte sie den Nerv Nadine hinterher zu belehren.
„Du musst lernen, wie das geht.“
Warum sollte sie das lernen? Lisa war doch die Köchin. Nadine verdrängte den Gedanken, sie einfach rauszuwerfen.
„Hast du über meinen Vorschuss nachgedacht?“
Das mit dem Verdrängen war gar nicht so einfach, wenn man immer wieder daran erinnert wurde. Es war nicht so, dass sie ihr nichts im Voraus zahlen wollte. Sie konnte es schlichtweg nicht.
„Im Moment habe ich einfach noch nicht genug Einnahmen, um mir dieses Vorschuss leisten zu können.“
„Warum willst du diese blöde Wohnung überhaupt behalten? Es ist viel zu groß für dich allein. Wenn du sie verkaufen würdest -“
„Es ist eine eigene Wohnung und dann auch noch mit Meerblick. Davon habe ich immer geträumt.“ Kaum zu glauben, dass sie sich vor Lisa deswegen rechtfertigte. Das ging sie nicht das Geringste an.
„Jetzt sag bloß, du träumst auch noch von einer Familie mit einer Schar Kinder, die mit dir in diesem Haus wohnen. Dazu Großmutter und Großvater und womöglich eine ganze Sippe, die jeden Sonntag zum Kaffee vorbeikommt. Was für ein ...“
Kapitel 8
Kim
Kaum spürte Kim die aufsteigende Übelkeit, wusste sie es schon. Das eben Gehörte bot tausend Gründe, sich jeden Gedanken an die Kleine aus dem Kopf zu schlagen. Sie stand neben dem angekippten Fenster der Kajüte und ... ja, sie lauschte. Fein war das nicht. Aber wichtig, um die Schöne ein für alle Mal zu vergessen.
Allein die Vorstellung von Familie, Kindern und Verwandtschaft schrumpelte ihre Lust auf Nähe auf Regenwurmgröße zusammen.
Nicht für sie. Oh, nein.
Es hatte eine Zeit gegeben, da war genau das ihr Ziel gewesen. Aber seit dem Zusammenleben mit Lana verging ihr die Lust auf jede Art von fester Partnerschaft.
Nach sechzehn Stunden täglich in der Küche, praktisch festgewachsen zwischen glänzendem Edelstahl, fand sie die Aussicht auf ein Zuhause mit Kindern und Frau nur noch einengend.
Schade. Das Vanilla-Girl hatte ihre dominante Ader angesprochen. Deswegen war Kim unter dem Vorsatz hergekommen, sich nach dem Befinden der Dame zu erkundigen.
„Wenn du nicht verkaufen willst, versuch wenigstens, einen Kredit aufzunehmen. Sprich einfach mit der Bank. Schau, was sich machen lässt. Vielleicht solltest du dich etwas seriöser geben, dann klappt das auch.“
Die Köchin bearbeitete immer noch die Kleine. Warum gab sie ihr eigentlich Ratschläge, wie die Chefin mit ihrem Restaurant umgehen sollte? Es war schließlich ihres.
Was soll’s. Das ging Kim überhaupt nichts an. Sie sollte so schnell wie möglich wieder verschwinden. Auf keinen Fall wollte sie sich in ein Gespräch über Geld hineinziehen lassen. Bei der Unternehmensphilosophie der Möchtegern-Köchin war das Ende eh vorprogrammiert.
Sie wollte gerade gehen, als eben diese Köchin unvermittelt vor ihr stand und sie anstarrte.
Kim lächelte gequält. „Äh, ist die Touristen vorhin gut weggekommen.“
Sie nickte verhalten.
„Prima.“
Die andere schaute um die Ecke. „Kim Haller. Na, sowas.“
„Sie kennen mich?“
„Sie haben im Berlucci gearbeitet, richtig?“
„Das ist richtig.“
„Lisa Hartwig. Ich habe im Joggsta gelernt.“ Sie legte eine Pause ein, als erwarte sie ein Lob für diese Ansage.
Kim hatte Gerüchte gehört, dass es im Joggsta seit letztem Jahr wieder aufwärtsging, aber das Niveau entsprach nicht dem des früheren Besitzers. Kein Grund zum Loben.
Lisa merkte, dass Kim nicht auf ihr Ankündigung eingehen wollte.
„Sie sind nicht ganz unbekannt in der Gegend. Eine Frau, die so erfolgreich ist … und einfach aufhört? Man munkelte sogar von einem Stern.“
„Brauche ich nicht und wollte ich auch nicht.“ Das war nicht ganz richtig. Gefreut hätte sie sich schon, aber die Rahmenbedingungen haben einfach nicht gepasst.
Sie würde einen Teufel tun und dieser Göre erzählen, welche Beweggründe sie zu dieser Entscheidung getrieben hatten. Seit sie begonnen hatte, ihr Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen, verzichtete sie auf jegliche Rechtfertigung.
„Ich gebe zu, auch ich habe andere Pläne, als in der Küche zu versauern.“ Lisa steckte die Hände in die Taschen. „Trotzdem … eine Frau wie Sie lebt doch für den Erfolg. Nicht wie meine Kollegin. Die lebt nur für ihre Familie ... die sie noch gar nicht hat.“ Sie grinste, als hätte sie einen besonders geistreichen Witz gemacht.
„Ich habe eine Familie.“ Nadines Stimme war zwar leise, aber gerade an ihrem Mut, sich einzumischen, erkannte Kim ihre Entschlossenheit.
„Jeder Mensch hat ein Anrecht auf eigene Ziele.“
„Klar“, bestätigte Lisa.
Die Kleine errötete bis unter die Haarwurzeln.
Kim schätzte sie auf Mitte zwanzig oder nur wenig darüber. War sie so sehr auf Familie fixiert, dass sie sich ganz auf die Rolle der Hausfrau und Mutter vorbereitete? Warum sich dann ein Restaurant aufbürden? Das passte doch hinten und vorne nicht zusammen.
Kim musste zusehen, dass sie Land gewann. „Also dann. Ich habe heute noch einiges vor. Von daher ...“ Sie winkte kurz.
„Schönen Tag noch“, rief Nadine ihr noch eilig hinterher.
Kapitel 9
Nadine
Nadine wälzte sich in der Nacht von einer Seite auf die andere. In ihrem Kopf kreisten tausend Möglichkeiten. Sollte sie aufgeben? Allein weitermachen? Einen Koch einstellen?
Einer nach dem anderen fielen die Gedanken durch wie in einem Karussell. Und keiner davon wirkte machbar. „Kommt nicht in Frage“, murmelte sie. „Wie soll ich das schaffen?“
Sie konnte nun mal nicht kochen. Auf keinen Fall würde sie einen Kredit aufnehmen, um zukünftigen Lohn an Lisa auszahlen zu können.
Am ehesten würde sie kochen lernen.
Je mehr sie über das Kochen nachdachte, desto deutlicher wurde das Bild von Kim. Diesmal nicht mit strengem Blick oder dominanter Haltung, sondern mit Schürze und Grillzange. Dieser Gedanke war zumindest angenehm, fast tröstlich.
Der Traum, der sie so angeheizt hatte, flackerte erneut auf. Wie wäre es, mit ihr in einer Küche zu arbeiten? Trotz ihrer schlanken Figur streifte Nadine ständig mit Lisa zusammen, wenn sie sich aneinander vorbei drängten.
Doch jetzt stellte sie sich Kim an Lisas Stelle vor.
Ihre Arme würden sich berühren, wenn sie nebeneinanderstanden. Ihr Hintern Kims Intimbereich streifen, sobald sie sich an ihr vorbei drängte. Beinahe konnte sie schon ihren knackigen Hintern an ihren Händen spüren, wenn sie Kim zur Seite schob, um an die Schränke zu gelangen. Ein letztes Bild hielt sie fest, ehe sie in Schlaf versank.
Am nächsten Morgen war sie allein in der Kajüte. Lisa kam nie vor zehn. Worke-Life-Balance und so.
Als Nadine sich hinhockte, um die Servietten aus der untersten Schublade zu holen, hörte sie ein Räuspern und sah auf. Kim war über ihr. Die Arme verschränkt, den Kopf leicht zu ihr geneigt einen strengen Ausdruck auf ihrem schönen Gesicht. Ihr Herz macht einen Satz, als sie sich ihrer Anwesenheit bewusst wurde. Sie zwang sich, zu ihr aufzuschauen.
„Hallo, ich möchte mich für mein gestriges schnelles Verschwinden entschuldigen. Ich werde nur ungern auf meine Michelin-Vergangenheit angesprochen. Verpasste Chancen und so ...“
Deswegen war sie hergekommen? Um sich zu entschuldigen? Irgendwie klang es wie ein Vorwand. Ein bisschen wünschte Nadine sich, dass es genauso war. Es kribbelte in ihrem Unterleib. Diese Stimme. Ihr Blick. Von dem, was Kim sagte, bekam sie kaum etwas mit. Die Erinnerung an ihren gestrigen Traum drängte sich auf.
Nadine schlang beide Arme um ihre Mitte, damit sie nicht in Versuchung geriet, die Berührungen aus diesem Traum umzusetzen. Wenn sie jetzt noch einen Bratenwender in die Hand nehmen würde. Oh, je.
Kim schien ihre Anspannung zu spüren. „Woran denken Sie gerade?“
Nein. Nein! Auf keinen Fall durfte Nadine jetzt die Wahrheit sagen. Sie zwang sich zu einer neutralen Miene, ihr Gesichtsausdruck blieb reglos.
Hamburger-Patties. Brötchen. Strohhalme.
Sie ging in rasender Geschwindigkeit jeden einzelnen Artikel im Restaurant durch, in der verzweifelten Hoffnung, ihre wahren Gedanken zu verbergen.
Holzlöffel. Bratpfanne. Messer...
„Ich muss kochen lernen!“, platzte es plötzlich aus ihr heraus.
Der einzige Gedanke, der ihr noch kam. Vielleicht war er ihr schon vor ihren träumerischen Fantasien über eine dominante Köchin durch den Kopf gegangen.
„Keine schlechte Idee, wenn man in der Gastronomie arbeiten will.“ Kim runzelte die Stirn. Das klang sarkastisch, aber Nadine konnte ihr nur zustimmen.
„Ja, genau. Lisa ist eigentlich fürs Kochen zuständig ... aber sie ... hat ständig andere Pläne. Meistens muss ich das übernehmen und ... naja. Ich kann’s nicht.“ Dann durchzuckte sie der bisher beste Gedanke ihres Lebens. „Sie könnten mir das Kochen beibringen. Also ... falls sie Zeit haben.“ Wo sie doch gerade ohnehin arbeitslos war. Als Köchin konnte sie sich Kim auf gar keinen Fall leisten. Sie verlangte ganz sicher ein astronomisches Gehalt.
Kim schreckte nicht zurück, aber brachte sichtbar Distanz zwischen sie. Als wäre plötzlich eine Scheibe zwischen ihnen hochgefahren.
Instinktiv wusste Nadine, was sie tun musste.
„Ich bitte Sie. Helfen Sie mir. Zeigen Sie mir, wie man kocht. Geben Sie mir Tipps, Ratschläge, Rezepte, an denen ich mich orientieren kann. Ich bin unsicher und unerfahren. Wenn Sie mir eine Art Trainingsplan aufstellen könnten, würde ich mich Schritt für Schritt verbessern.“
Sie sprach nicht unterwürfig, glaubte sie zumindest. Aber es ging hier nun mal um Zukunft. Da konnte man schon mal ein wenig wehleidig werden.
„Warum sollte ich das tun?“ Ein leicht schiefes Grinsen erschien auf ihrem Gesicht, aber nicht spöttisch.
---ENDE DER LESEPROBE---