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Was und wer hat das moderne sozioökonomisches Entwicklungsdenken entscheidend beeinflusst? Hermann T. Krobath stellt anhand einflussreicher historischer Sozioökonomen dar, welche sozioökonomisch entwicklungsrelevanten Perspektiven und Problemstellungen sich in der Geschichte der Sozialwissenschaften, der Politischen Ökonomie und der Wirtschaftstheorie lokalisieren lassen. Vorgestellt werden u. a. Persönlichkeiten wie Adam Smith, John Stuart Mill, Karl Marx, Friedrich Engels, Friedrich List, Wilhelm Roscher, Max Weber und Joseph Schumpeter. Neben den inhaltlichen theoretischen und politisch-praktischen Auffassungen der einzelnen Denker wird auch ein lebendiges Bild der Person und ihrer Zeit vermittelt.
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Seitenzahl: 423
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Schäffer-Poeschel Verlag für Wirtschaft - Steuern - Recht GmbH
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
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ISBN 978-3-7910-4882-6
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ISBN 978-3-7910-4883-3
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ISBN 978-3-7910-4884-0
Bestell-Nr. 11515-0150
Hermann T. Krobath
Eine Zeitreise durch die sozioökonomische Entwicklung
1. Auflage, Juli 2020
© 2020 Schäffer-Poeschel Verlag für Wirtschaft · Steuern · Recht GmbH
www.schaeffer-poeschel.de
Bildnachweis (Cover): tguest, iStock
Produktmanagement: Alexander Kühn
Lektorat: Heike Münzenmaier
Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte, insbesondere die der Vervielfältigung, des auszugsweisen Nachdrucks, der Übersetzung und der Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen, vorbehalten. Alle Angaben/Daten nach bestem Wissen, jedoch ohne Gewähr für Vollständigkeit und Richtigkeit.
Schäffer-Poeschel Verlag Stuttgart
Ein Unternehmen der Haufe Group
Die Fragen und Probleme sozioökonomischer Entwicklung bilden seit etwa der Mitte des vorigen Jahrhunderts einen Gegenstands-Schwerpunkt verschiedener Sozialwissenschaften.1 Es gibt seit dieser Zeit − ein Datum, nach dem gemäß überwiegender Auffassung eine eigene Disziplin »sozioökonomische Entwicklungstheorie« entstanden ist − eine fast unübersehbare Anzahl von Arbeiten zu diesem Thema.2
»Entwicklungsprobleme« sind aber keine Erscheinung der jüngsten Geschichte. Es gab zu allen Zeiten Unterschiede im Entwicklungsniveau verschiedener Länder und Regionen – und eine entsprechende (jeweils zeitgenössische wissenschaftliche) Behandlung der in diesem Zusammenhang auftretenden Fragen. Wenn man aber nach diesen historischen Wurzeln des modernen sozioökonomischen Entwicklungsdenkens sucht, ist man vor allem auf Darstellungen der Geschichte der Wirtschaftstheorie3 angewiesen. Diesen erwähnten Wurzeln nachzuspüren, ist das Ziel der nachstehenden Arbeit, also darzustellen, wie sich entwicklungsrelevante Perspektiven, Fragestellungen und auch – jedenfalls historisch-zeitgenössische − Lösungen in der Geschichte vor allem der Wirtschaftstheorie, aber auch damit in Zusammenhang stehender Sozialwissenschaften lokalisieren lassen. Die Methode der Darstellung liegt darin, in der Analyse der Auffassungen von historisch maßgebenden Sozialökonomen jene Perspektiven und Problemstellungen aufzuweisen, die einen Zusammenhang mit der generellen Fragestellung der sozioökonomischen Entwicklung erkennen lassen.
[10]Die nachfolgenden Darstellungen orientieren sich dabei historisch am Beginn der neuzeitlichen Wirtschaftstheorie, die nach überwiegender Meinung4 mit dem Merkantilismus (und seinen Vertretern) anzusetzen ist. In die Analyse einbezogen wurden in der Folge die wirtschaftshistorischen »Klassiker« A. Smith, D. Ricardo, T. R. Malthus und J. St. Mill, sowie die ebenfalls als »klassisch« zu bezeichnenden Autoren K. Marx und F. Engels. Einflussreich – und für spezifisches Entwicklungsdenken relevant – erwiesen sich die historischen Stufenlehren wirtschaftlicher Entwicklung. Hier wurde vor allem auf F. List eingegangen und dessen problemrelevant-thematisch umfassende (Modernisierung!) und an moderne Probleme assoziierenden Überlegungen (»nachholende Entwicklung«!). F. List war gewissermaßen wegweisender Vorläufer der sog. »Historischen Schule der Nationalökonomie« (Vertreter: W. Roscher, B. Hildebrand, K. Knies),5 deren im Vordergrund stehende wirtschaftshistorische Perspektive dann von einer sozusagen »Soziologisierung« des sozioökonomischen Entwicklungsdenkens durch vor allem W. Sombart und M. Weber gefolgt wurde. Der letzte der hier dargestellten Autoren, J. A. Schumpeter ist für unsere Themenstellung deshalb bedeutend, weil bei ihm der Zusammenhang zwischen wirtschaftlichem Wachstum und wirtschaftlicher Entwicklung deutlich zum Aufweis kommt.
Inwieweit diese Perspektiven, Probleme, und ihre (eben zeitgenössisch gesehene) Lösung für modernes sozioökonomisches Entwicklungsdenken relevant sind, kann in der nachfolgenden Arbeit nicht detailliert rekonstruiert werden. Aber einige große Linien dieses Entwicklungsdenkens, die auch moderne Relevanz haben, werden sich ohne jene detaillierte Analyse erkennen lassen. Zusätzlich sollen im Teil B in einem abschließenden Abschnitt 11 in knapper Form exemplarisch ausgewählte Perspektiven der Anknüpfung der einzelnen historischen Darstellungen an moderne Auffassungen von sozioökonomischer Entwicklung aufgewiesen werden.
Hermann T. KrobathWien 20201 Die etwa um diese Zeit erfolgte Welle der Dekolonisation ließ eine große Zahl selbstständiger Staaten entstehen, die aufgrund verschiedener vor allem wirtschaftlicher und sozialer Indikatoren, zunächst als »unterentwickelt« angesehen wurden, dann aber (ein gewisser Euphemismus) als »Entwicklungsländer« bezeichnet wurden. »Entwicklungsländer« in diesem Sinne gab es schon vor dieser Dekolonisationswelle, aber das politische Gewicht dieser neuen Staaten (z. B. ihre Vertretung in der UNO und anderen internationalen Gremien) lenkte die Aufmerksamkeit einer Reihe von Wissenschaftsdisziplinen, insbesondere der Ökonomik, aber auch der Soziologie, der politischen und Kulturwissenschaften auf die diese »Entwicklungsländer« kennzeichnenden Probleme.
2 Für eine umfassende, allerdings schon etwas ältere Bibliographie vgl. Menzel 1993. Rezenter sind die Bibliografien in Fischer 2010 sowie in Schmidt/Schröder 2016.
3 Abhandlungen zu einer allgemeinen Geschichte wirtschaftswissenschaftlicher Ideen, Auffassungen, Problematisierungen und Theorien reichen manchmal erheblich weiter zurück, bis zu den entsprechenden Themen des Alten Testaments (vgl. Roll 1942). Zu nennen seien hier beispielhaft, neben Roll, etwa Kruse 1959, Blaug 1962, Behrens 1962, Stavenhagen 1964, Schmölders 1967, Recktenwald 1971, Kautsky, Ott/Winkel 1985, Rostow 1990; an rezenteren Arbeiten etwa Backhaus 2012, Holub 2005–2016, Faccarello/Kurz 2016. Für einige (wenige) Arbeiten zum Thema der Vorläufer modernen Entwicklungsdenkens vgl. die in vorstehender Fußnote genannten Werke.
4 So etwa Stavenhagen (vgl. Stavenhagen a. a. O. 15).
5 Genauer: »ältere historische Schule«. Die »jüngere historische Schule« (Hauptvertreter Gustav Schmoller – 1838–1917) konzentrierte sich auf die Bedeutung historischer und empirisch-konkreter Erkenntnisse für alle wirtschaftstheoretischen Erkenntnisse. Sie bereitete somit einer verstärkten soziologischen Perspektive der Wirtschaft, wie sie dann M. Weber einnehmen und vertreten sollte, den Weg (vgl. Stavenhagen 1964, 198).
Das Werk von Adam Smith fiel in eine Zeit, in der die Umgestaltung der europäischen, vor allem aber der englischen Wirtschaft (die gegenüber Smith’s schottischer Heimat einen »Entwicklungsvorsprung« aufwies) bereits begonnen hatte: die »industrielle Revolution« begann sich abzuzeichnen, die Produktionsstrukturen veränderten sich, es erweiterten sich die internationalen Märkte (die zuvor durch gewaltsame oder kommerzielle Eroberung und Kolonisierung erschlossen worden waren); die internationalen Handelsrouten wurden sicherer und konnten, vor allem dank des billigeren Seetransports, über große Entfernungen geführt werden.
Das Thema von Smith’s ökonomischem Werk36 ist ein zweifaches: einerseits Allokation, andererseits Akkumulation. Zu Ersterem, auf das hier aber nicht eingegangen werden soll, entwickelte Smith wohl als Erster die grundlegenden Theoreme zur Ressourcenallokation und, daraus abgeleitet, die grundlegenden Strukturen und Funktionsbedingungen und -mechanismen einer Marktwirtschaft und Marktgesellschaft unter den Regulativen des freien Wettbewerbs. Smith’s zweites Thema ist die wirtschaftliche Entwicklung, und im Rahmen dieser eine Theorie selbsttragenden wirtschaftlichen Wachstums.
Der Weg der Entwicklungen erfolgt nach Smith über vier Gesellschaftszustände; er unterscheidet dabei − nach der Subsistenzweise, dem Vorhandensein und dem Anteil von Privateigentum, den Möglichkeiten der Kapitalbildung, und, damit in Zusammenhang, den vorherrschenden politisch-rechtlichen Strukturen in zeitlicher Anordnung:37
Gesellschaft der Jäger und Sammler (kein Privateigentum),Gesellschaft der Hirten (Beginn des Privateigentums u.zw. an den Herden),Ackerbaugesellschaft (Erhöhung des Anteils an Privateigentum durch Eigentum an Grund und Boden),Handelsgesellschaft (volles Eigentum an den Produktionsmitteln).Als treibende Kraft für Entwicklung, aufgefasst als Übergang von einer Gesellschaftsstufe zur nächsten, sieht Smith das individuelle Bemühen des Menschen, seine materielle und soziale Lage zu verbessern.38 Dabei treten auf den einzelnen Stufen, insbesondere im [24]Zuge der wachsenden Heranbildung und Bedeutung von Privateigentum (mit der Möglichkeit, dieses Eigentum zu akkumulieren und zu vererben) und den daraus entstehenden sozialen Über- und Unterordnungsbeziehungen wirtschaftliche und politische Spannungen auf, die die ökonomische Entwicklung in unterschiedlicher Weise beeinflussen, zumeist aber hemmen, wie dies z. B. in allen feudal verfassten Gesellschaften auf der dritten Stufe der Fall war. Erst auf der vierten Stufe39 kann sich dann in breiterem Ausmaß dem menschlichen Grundbedürfnis nach Verbesserung der eigenen Lebensbedingungen ein zweites, ebenfalls dem Menschen eigentümliches Bedürfnis beigesellen und sozioökonomisch entscheidend zur Geltung kommen, nämlich »eine natürliche Neigung des Menschen zu handeln und Dinge gegeneinander auszutauschen.«40 Auf dieser vierten Stufe der Handelsgesellschaft setzt sich die wesentlich auch über Geld vermittelte Tauschwirtschaft durch.41 Der Einzelne erhält für die Nutzung seiner Arbeitskraft, seines Bodens oder seines Kapitals ein monetäres Entgelt als Lohn, Grundrente oder Gewinn, mit dem er die »notwendigen und angenehmen Dinge des Lebens«,42 also alles, was er zur Verbesserung seiner wirtschaftlichen und sozialen Stellung benötigt, kaufen kann.43 Die ökonomischen, sozialen und politischen Strukturen ändern sich in dem Maße, in dem einseitige Abhängigkeiten (die z. B. die vorangegangene Stufe der Agrargesellschaft kennzeichneten) aufgelöst und durch gegenseitige Abhängigkeiten, wie sie im Tausch auf einem Markt auftreten, ersetzt werden, was eine bisher nicht gekannte Ausweitung der rechtlichen und persönlichen Freiheit des Einzelnen und der gesellschaftlichen Schichten mit sich bringt (Liberalismus).44 Diese Freiheit bildet das (sozial) philosophische und ökonomische Konstitutivum der Smith’schen Handelsgesellschaft als Wettbewerbsgesellschaft.
»Das natürliche Streben eines Menschen, seine Lebensbedingungen zu verbessern, ist, wird dafür gesorgt, dass es sich in Freiheit und Sicherheit durchsetzen kann, eine so gewaltige Antriebskraft, dass sie allein und ohne jede Hilfe imstande ist, nicht nur ein Land zu Wohlstand und zur Blüte zu bringen, sondern auch hundert unsinnige Hindernisse zu überwinden, mit denen sich die
[25]Menschen in ihrer Torheit durch Gesetze nur allzu oft hemmen, und das, obwohl die Freiheit dadurch stets mehr oder weniger eingeschränkt oder ihre Sicherheit verringert wird.«
(Smith 1978, 452)
Smith sieht Entwicklung als einen offenen Prozess an in dem Sinne, als dieser Prozess weder Ziele in sich trägt noch solche Ziele vorgegeben sind, auf die der Einzelne oder die Gesellschaft verpflichtet werden könnte. Demnach sollte (und würde) das Interesse und Hauptaugenmerk vorrangig darauf gerichtet sein, politische und soziale Mechanismen zu schaffen und aufrechtzuerhalten, die die heterogenen Ziele einzelner Individuen zum Ausgleich bringen können.45
Erst auf der vierten der oben erwähnten Gesellschaftszustände, also der Stufe der Handelsgesellschaft, ist nach Smith kontinuierliches Wirtschaftswachstum möglich. Als Wachstumszielgröße (bzw. als zu erklärende Variable in seinem Modell) verwendet Smith das »nationale Jahresprodukt« (»annual produce«) − dieses entspricht in etwa dem heutigen Begriff von Nettosozialprodukt oder Volkseinkommen. Bezüglich dessen Wachstum stellt er Folgendes fest:
»Das nationale Jahresprodukt aus Boden und Arbeit kann an Wert lediglich dann zunehmen, wenn die Zahl der produktiv Beschäftigten oder deren Produktivkraft erhöht wird. Es leuchtet ohne weiteres ein, dass ihre Anzahl nur durch vermehrten Kapitaleinsatz oder größere Fonds für ihren Unterhalt zu steigern ist. Die Produktivkraft einer gleichen Zahl Arbeiter wiederum kann nur dann zunehmen, wenn mehr oder bessere Maschinen und Werkzeuge, welche die Arbeit erleichtern oder verkürzen, eingesetzt werden, oder wenn Arbeitsteilung und Arbeitseinsatz zweckdienlicher, effizienter werden. Beides erfordert in der Regel zusätzlich Kapital.«
(Smith, a. a. O. 283)
[26]Sozialproduktwachstum entsteht nach Smith also entweder
durch erhöhte Zahl von Beschäftigten − dies erfordert einen höheren Kapitaleinsatz in Form von »größeren Fonds für ihren Unterhalt« (Lohnfonds), sowie in Form von sonstigem zirkulierendem Kapital (Rohstoffe, Halbfertigfabrikate etc.) oder/auchdurch die Steigerung der Produktivität pro Kopf − auch dies erfordert einen höheren Kapitaleinsatz, z. T. in Form von fixem Kapital (Maschinen, Werkzeuge etc.), z. T. von zirkulierendem Kapital.Die Arbeit bzw. ihre Produktivität ist bei Smith, wie bei allen Klassikern, der grundlegende Produktionsfaktor. Smith’s »Wohlstand der Nationen« beginnt mit den Worten:
»Die jährliche Arbeit eines Volkes ist die Quelle, aus der es ursprünglich mit allen notwendigen und angenehmen Dingen des Lebens versorgt wird, die es im Jahr über verbraucht. … Zwei Faktoren bestimmen nun in jedem Land diese Pro-Kopf-Versorgung: Erstens die Produktivität der Arbeit …, und zweitens das Verhältnis der produktiv Erwerbstätigen zur übrigen Bevölkerung. Von beiden Umständen muß es jeweils abhängen, ob in einem Land das Warenangebot im Jahr über reichlich oder knapp ausfällt, gleichgültig, wie groß ein Land ist oder welchen Boden und reiches Klima es hat.«
(Smith, a. a. O. 3)
Die Schlüsselrolle für die Produktivität der Arbeit kommt dabei nach Smith der Arbeitsteilung zu:
»Die Arbeitsteilung dürfte die produktiven Kräfte der Arbeit mehr als alles andere fördern und verbessern. Das gleiche gilt wohl für die Geschicklichkeit, Sachkenntnis und Erfahrung, mit der sie überall eingesetzt und verrichtet wird.« (Smith, a. a. O. 9)
Smith betont dabei vor allem die durch die Arbeitsteilung erhöhte Pro-Kopf-Produktivität, wenn er ausführt:
»Die enorme Steigerung der Arbeit, die die gleiche Anzahl Menschen nunmehr infolge der Arbeitsteilung zu leisten vermag, hängt von drei verschiedenen Faktoren ab: (1) der größeren Geschicklichkeit jedes einzelnen Arbeiters, (2) der Ersparnis an Zeit, die gewöhnlich beim Wechsel von einer Tätigkeit zur anderen verloren geht und (3) der Erfindung einer Reihe von Maschinen, welche die Arbeit [27]erleichtern, die Arbeitszeit verkürzen und den einzelnen in den Stand setzen, die Arbeit vieler zu leisten.«
(Smith a. a. O. 12)
Die für das Verständnis der Smith’schen Wachstumsdynamik wesentliche Hauptthese Smith’s besteht nun darin, dass er die oben unter Punkt (1) und (2) erwähnten Determinanten des Wachstums unter dem für ihn dominierenden Aspekt der Arbeitsteilung dermaßen verknüpft, dass im Regelfall Punkt (1) zur Voraussetzung von Punkt (2) wird, d. h.: Eine Erhöhung der Produktivität pro Kopf kann zwar auch (allein) durch eine Erhöhung des Fixkapitaleinsatzes erreicht werden − in der Regel aber ist es eine Erweiterung, Verbesserung oder Vertiefung der Arbeitsteilung, die eine solche Produktivitätssteigerung bewirkt. Für Smith ist also die fortschreitende Arbeitsteilung die wesentliche Ursache von Produktivitätserhöhungen: Die Arbeitsteilung bildet für ihn gewissermaßen ein Äquivalent des technischen Fortschritts;46 Maschinen sind für Smith eher nur eine Ergänzung der menschlichen Arbeit, nicht ein Ersatz für sie.47 Nun erfordert aber eine solche Erweiterung der Arbeitsteilung eine höhere Zahl von produktiv Beschäftigten.48 Ein erhöhter
[28]Kapitaleinsatz führt also zur Erhöhung der Produktivität, aber nicht so sehr durch die erhöhte Fixkapitalproduktivität, sondern in Form der Erhöhung des zirkulierenden Kapitals, vor allem der Fonds, die für die Zahlung von Löhnen zur Verfügung stehen.
»Will man daher mit fortschreitender Arbeitsteilung gleich viele Arbeiter dauernd beschäftigen, muß vorab ein gleicher Vorrat an Lebensmitteln, aber ein größeres Lager an Rohstoffen und Werkzeugen angelegt werden, im Vergleich zum Vorstadium dieser Entwicklung. Allerdings wird auch im allgemeinen die Zahl der Arbeiter in jedem Gewerbe, das sich mehr und mehr spezialisiert, größer, so dass es eher dieser Zuwachs an Arbeitskräften ist, welcher ermöglicht, dass sich die Gewerbe auf ihre Weise gruppieren und weiter unterteilen.«
(Smith a. a. O. 227f.)
Ein erhöhter Kapitaleinsatz führt also zu höherer (produktiver) Beschäftigung und somit zur Vertiefung und Erweiterung der innerbetrieblichen und zwischenbetrieblichen Arbeitsteilung, also zur Erhöhung der Produktivität.
»Jede Zu- oder Abnahme der Investitionen erhöht oder verringert daher den Umfang der Erwerbstätigkeit und damit die Zahl der produktiven Leute. Als Folge verändern sich auch der Tauschwert des Jahresertrages aus Boden und Arbeit eines Landes, der wirkliche Wohlstand und das reale Einkommen aller Einwohner.«
(Smith a. a. O. 278)
Im Smith’schen Modell sind also Kapital, Arbeit und vor allem der »technische Fortschritt« endogen miteinander verknüpft. Grund und Boden, bzw. natürliche Ressourcen treten in Smith’s Auffassung von den Bestimmungsfaktoren des Wachstums gegenüber der Arbeit (und dem Kapital) zurück, wie aus obigem Zitat (»… gleichgültig, wie groß ein Land ist oder welchen Boden und welches Klima es hat«) ersichtlich ist. Im Grunde genommen scheint Smith die natürlichen Ressourcen als Konstante zu betrachten;49 jedenfalls bilden für ihn (im Gegensatz zu seinen klassischen Nachfolgern) die Begrenztheit von Grund und Boden und somit abnehmende Ertragszuwächse in der Landwirtschaft kein unmittelbares Problem.
Die Art und Weise des Zusammenhangs der angebotsseitigen Faktoren (der Produktionsfunktion) mit der Nachfrageseite bildet die Essenz der Smith’schen Wachstumsdynamik: Den entsprechenden Zusammenhang drückt Smith als Titel eines Kapitels seines Hauptwerks aus, nämlich: »Die Größe des Marktes – eine Grenze für die Arbeitsteilung«.50 Was immer zur Ausdehnung des Marktes, d. h. der wirksamen Gesamtnachfrage führt, bedeutet über die Möglichkeit erweiterter Arbeitsteilung und somit Produktivitätserhöhung einen Wachstumsimpuls für das Sozialprodukt und das Gesamteinkommen. Es wurde schon eingangs dieses Abschnittes über Smith auf die zu Smith’s Zeit erfolgende Ausdehnung vor allem der Auslandsmärkte hingewiesen, und Smith selbst hat in ausführlicher Weise die Vorteile des freien internationalen Handels und der internationalen Arbeitsteilung, und somit auch die Vorteile, die ein Land aus dem Außenhandel zieht, analysiert. Drei solcher Vorteile sind es, auf die Smith immer wieder verweist.51
das Ausnutzen absoluter Kostenvorteile, wobei im Ausland die im Vergleich zum Inland billigeren Produkte gekauft, bzw. gegen jene Produkte eingetauscht werden, die im Inland im Vergleich zum Ausland billiger sind;die Möglichkeit, inländische Produktionsüberschüsse zu exportieren;die Steigerung der Produktivität und des Sozialproduktes durch die Erweiterung des Absatzmarktes.Wichtiger für Smith − und für seine Wachstumsdynamik − ist jedoch die Ausdehnung des Binnenmarktes, d. h. die Erhöhung der Gesamtnachfrage durch das Wachstum der Realeinkommen einer wachsenden Zahl von produktiv Erwerbstätigen und letztlich einer wachsenden Bevölkerung des eigenen Landes. Dieser Zusammenhang ist also wechselseitig, bzw. zirkulär: Einerseits erfordert, wie erwähnt, die Erweiterung der Arbeitsteilung, um ihre produktivitätserhöhende Wirkung zu entfalten, von der Produktionsseite her eine höhere Zahl von Arbeitskräften, andererseits ist diese höhere Zahl der Erwerbstätigen (und längerfristig der Bevölkerung) die wesentliche Voraussetzung auf der Absatz- bzw. Nachfrageseite als Vergrößerung der Gesamtnachfrage. Auch hier muss auf einen entscheidenden Punkt in Smith’s Denken hingewiesen werden: Smith nimmt das Bevölkerungswachstum nicht (nur) als durch autonome Faktoren (»Hang zur Fortpflanzung«) bestimmt an, sondern verknüpft es als abhängige Variable über den Lohn mit der Nachfrage nach Arbeitskräften.
[30]Seine diesbezüglichen Ansichten lassen sich knapp wie folgt zusammenfassen:52
Die Größe der Bevölkerung bestimmt sich nach den verfügbaren Subsistenzmitteln (vor allem Nahrungsmitteln)53.Die Änderungsrate der Bevölkerung wird bestimmt durch die Differenz zwischen dem Marktlohnsatz und dem Subsistenzlohnsatz. Übersteigt der Marktlohn den Subsistenzlohn, wächst die Bevölkerung (vor allem durch sinkende Kindersterblichkeit und frühere Eheschließungen); liegt der Marktlohn unter dem Subsistenzlohn, sinkt die Bevölkerungszahl; sind beide Lohnraten gleich, bleibt die Bevölkerungsgröße konstant.Der Marktlohn hängt von der Nachfrage nach Arbeitskräften ab; diese Nachfrage wiederum hängt, wie erwähnt, vom verfügbaren Kapital, vor allem von der Größe der gesamtwirtschaftlichen Lohnfonds ab, diese wiederum vom jährlichen Gesamtprodukt bzw. Gesamteinkommen.54Für eine wachsende Wirtschaft formuliert Smith die entsprechenden spiralförmig sich selbst verstärkenden Zusammenhänge wie folgt:
»Ganz offensichtlich kann die Nachfrage nach solchen Lohnarbeitern nur insoweit steigen, als auch die Fonds wachsen, die für Lohnzahlungen bestimmt sind. Diese Lohnfonds werden aus zwei Quellen gespeist: Erstens aus den Einnahmen, die nicht für den Lebensunterhalt benötigt werden und zweitens aus dem Kapital, das die Unternehmer nicht für ihre Zwecke verwenden.
(…)
Die Nachfrage nach Lohnarbeitern steigt also zwangsläufig, wenn Einkommen und Kapital in einem Lande zunehmen, aber auch nur unter dieser Voraussetzung. Wachstum von Einkommen und Kapital bedeutet Zunahme des nationalen Wohlstandes, was wiederum die entscheidende Voraussetzung für eine wachsende Nachfrage nach Arbeitskräften ist. Es ist nicht die absolute Höhe des nationalen Wohlstandes, sondern seine kontinuierliche Zunahme, von welcher ein Anstieg der Arbeitslöhne abhängt. Und es sind nicht die wohlhabenden Länder, in denen der Arbeitslohn am höchsten ist, sondern jene, die sich am schnellsten entwickeln oder am raschesten reich werden.«55
(Smith a. a. O. 60f.)
[31]Smith ist also gewissermaßen aus theoretischen Gründen optimistisch bezüglich der Situation der »verbesserten Lebenslage« der »Masse der Bevölkerung eines jeden Landes«, eine Verbesserung, die man »… wohl niemals als Nachteil für das Ganze betrachten kann.«56 Aus seinem Wachstumsmodell mit seiner einzigartigen Auffassung der Beschäftigung schaffenden, produktivitätssteigernden Wirkung der Arbeitsteilung in den zu seiner Zeit vorherrschenden arbeitsintensiven Produktionsverfahren konnte er steigende Reallöhne, jedenfalls aber Reallöhne über dem Subsistenzminimum, ableiten. Mit dem Wachstum des Kapitals in Form des verfügbaren volkswirtschaftlichen Lohnfonds wächst die (erwerbstätige) Bevölkerung und somit das Sozialprodukt bzw. Gesamteinkommen. Wächst die Nachfrage nach Arbeitskräften, eine Nachfrage, die sich eben im Wachstum der verfügbaren Lohnfonds ausdrückt, schneller als die Zahl der Erwerbstätigen, steigt der Reallohn. So kann Smith auch steigende Löhne als Kennzeichen einer wachsenden Wirtschaft ansehen, und gleichzeitig die Empirie zur Bestätigung seiner Theorie heranziehen.
»Die reichliche Entlohnung der Arbeit ist somit nicht nur Folge sondern zugleich natürliches Kennzeichen eines zunehmenden Wohlstandes, während andererseits die schlechte Versorgung der ärmeren Arbeiterschicht ein untrügliches Zeichen für eine Stagnation ist. Hungern gar die Armen, so drückt dies aus, dass sich die Wirtschaft rasch zurückentwickelt. In Großbritannien verdient offensichtlich jeder Arbeiter heute erheblich mehr, als er für den Unterhalt seiner Familie unbedingt braucht. … Viele Anzeichen deuten darauf hin, dass der Arbeitslohn in England nirgends jene Untergrenze erreicht, die sich mit unserer Vorstellung über Menschlichkeit noch vereinbaren läßt.«
(Smith a. a. O. 64)
Im nachfolgenden Schaubild sollen die bisher beschriebenen Zusammenhänge im Smith’schen Wachstumsmodell schematisch vereinfacht graphisch dargestellt werden.
Abb. 1: Schema des Wachstumsprozesses nach A. Smith
Für Smith ist, wie erwähnt, das Zusammenspiel von Markterweiterung und Arbeitsteilung der grundlegende Wachstumszusammenhang, und der dynamische Prozess, der im vorstehenden Schaubild vereinfacht dargestellt ist, lässt sich wie folgt beschreiben: Eine exogene Erweiterung des Absatzmarktes (z. B. durch eine institutionelle Ursache, wie das Aufheben einer dem Export hinderlichen Restriktion) führt dazu, dass neue Investitionschancen, die zu einer erweiterten (betrieblichen, zwischenbetrieblichen, volkswirtschaftlichen) Arbeitsteilung führen, genutzt werden und die Zahl der produktiv Erwerbstätigen steigt. Diese vertiefte Arbeitsteilung, (die bei Smith, wie erwähnt, eine dem technischen Fortschritt analoge Funktion hat) führt zu erhöhter Produktivität pro Kopf und somit zu einem erhöhten Sozialprodukt und Gesamteinkommen. Dieses bedeutet wiederum eine Erhöhung der Gesamtnachfrage (= Markterweiterung) und der spiralförmige Wachstumsprozess kann in die nächste Runde gehen.
Eine wichtige Determinante dieses Ablaufs liegt nun in der Aufbringung der entsprechenden Investitionsmittel. Bei Smith ist im Begriff der Akkumulation Sparen und Investieren identisch.57
[33]»Das Motiv zum Sparen liegt in dem Wunsch, die Lebensbedingungen zu verbessern …«;58 alles, was gespart wird, wird »… unmittelbar als Kapital investiert, um einen Gewinn zu erzielen,«59 und zwar, indem es entweder im eigenen Unternehmen investiert wird, oder einem anderen gegen Zinsen für Investitionszwecke geliehen wird.60 Diese Identität von Sparen und Investieren gilt für Smith auf der Mikroebene der Wirtschaftssubjekte ebenso wie auf der Makroebene der gesamten Volkswirtschaft.
»Was jemand von seinem Einkommen spart, fügt er seinem Kapital hinzu, indem er entweder selbst damit neue Arbeitskräfte beschäftigt, oder einem anderen einen solchen Einsatz ermöglicht, indem er es ihm gegen einen Zins, also einen Teil des Gewinns, leiht. So, wie das Kapital eines Einzelnen nur dadurch vermehrt werden kann, dass er etwas von seinem Einkommen oder Verdienst im Jahr spart, so kann auch das Kapital eines Landes, das sich mit dem aller Bürger deckt, nur auf gleiche Weise zunehmen.«
(Smith a. a. O. 278)
Dennoch formuliert Smith keine explizite, quantitative Sparfunktion, insbesondere keine Beziehung zwischen Sparen und Gewinn oder Sparen und Marktzinssatz, sondern er sieht das Sparvolumen − wiederum sowohl auf der Mikro- wie auf der Makroebene − als vom jährlichen Einkommen abhängig.
»Denn das Kapital eines Volkes wird auf die gleiche Weise begrenzt wie das eines einzelnen, so dass man es nur für ganz bestimmte Zwecke einsetzen kann. Gleiches gilt für die Ausweitung des Kapitals, die in beiden Fällen fortlaufend durch die Ersparnis aus dem Einkommen erfolgt. Aus diesem Grunde wird es wahrscheinlich am raschesten zunehmen, wenn es auf eine Weise eingesetzt wird, die zum höchsten Einkommen für alle Bewohner eines Landes führt, da diese dann in der Lage sein werden, am meisten zu sparen.«
(Smith a. a. O. 301)
Für Smith variiert die Sparneigung zwischen den Individuen – er unterscheidet den sparsamen vom verschwenderischen Menschen, sowie zwischen dem Staat, der nach ihm tendenziell zur Verschwendung neigt – und dem privaten Wirtschaftssektor; insbesondere aber nahm Smith an, dass die Sparneigung zwischen den verschiedenen [34]Einkommensarten der verschiedenen Klassen der Gesellschaft, der Bezieher von Grundrenten, Löhnen und Gewinnen, unterschiedlich sei. Aus Löhnen könne, so Smith, wenig oder nichts gespart werden,61 die Grundbesitzer würden ihr Einkommen in der Regel auf den Konsum von Waren oder den Unterhalt von unproduktiver Arbeit (Dienstleistungen, Bewirtungen etc.) verwenden. Für das Sparaufkommen wesentliche Gruppen sind nach Smith vor allem Gewerbetreibende, Kaufleute und Handwerker, mit gewissen Einschränkungen auch Bauern (bzw. Landpächter), also Gruppen, deren Einkommen auch aus Gewinn besteht.
Bei Smith als dem Begründer des wirtschaftlichen Liberalismus müsste eigentlich vergeblich sein, nach einer entwicklungsfördernden optimalen Investitionsstrategie zu suchen; die »unsichtbare Hand« regelt die gewinnmaximierenden Verhaltensweisen der einzelnen Investoren so, dass auch die maximale volkswirtschaftliche Wohlstandssteigerung daraus resultiert.62 Für ein »sich entwickelndes Land«,63 das nach Smith vor allem durch Kapitalmangel gekennzeichnet ist,64 formuliert er jedoch so etwas wie einen optimalen Investitionspfad, wobei zunächst vier Investitionssektoren unterschieden werden65:
Erzeugung von Nahrung und Rohstoffen (Landwirtschaft, Bergbau);Verarbeitung von Rohstoffen »für den unmittelbaren Gebrauch und Bedarf« (gewerbliche Produktion);Großhandel (hierunter fasst Smith auch das Transportwesen);Kleinhandel.Diese Aufzählung stellt für Smith gleichzeitig eine Reihung der Investitionen nach ihrer Beschäftigungswirkung (d. h. wieviel produktive Arbeit durch das investierte Kapital mobilisiert wird) und ihrer Outputwirkung (d. h. in welcher Höhe die Investitionen zum jährlichen Sozialprodukt beitragen) dar: Beide Wirkungen sind nach ihm am größten in der Landwirtschaft (hier »arbeitet die Natur gleichsam mit dem Menschen zusammen«66) dann folgt der gewerbliche Sektor, und danach die Handelssektoren (und Dienstleistungssektoren). Smith betont zwar die grundsätzliche Komplementarität aller vier Investitionsarten bzw. -sektoren (»Jede dieser vier Investitionsarten ist grundsätzlich für die Existenz oder die Ausweitung der anderen drei notwendig und trägt allgemein zur Wohlfahrt eines Volkes bei.«);67
