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Torsten Poggenpohl

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Beschreibung

einfach!ch: schwul.bipolar.positiv. Die Doppeldiagnose HIV und bipolare Störung katapultiert Torsten Poggenpohl aus einem gut bürgerlichen Leben an den Abgrund der Gesellschaft. In diesem Buch lädt er ein, ihn auf die Reise durch seine manischen Gedanken zu begleiten. Ob tiefste Depression, oder die panische Angst vor dem Verlust seines Genies, alles breitet er schonungslos offen und ehrlich aus, bevor er den Leser mit in die Welt seiner Therapien und damit heraus aus diesem Nirvana nimmt. Immer wieder trifft man auf seinen unbändigen Willen zum Leben und seinen Wunsch, das mit seinen Krankheiten verbundene Stigma loszuwerden, denn weder Schwulsein, noch eine bipolare Störung sind ansteckend. Eine behandelte HIV-Infektion unter der Nachweisgrenze auch nicht! Womit dieses Buch aber ganz sicher anstecken wird, ist Zuversicht - also nur Mut.

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Seitenzahl: 602

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Ich widme dieses Buch allen Menschen, die sich ihrer Erkrankung stellen.

Weiterführende Links für Hilfesuchende:

Bipolare Störung: Deutsche Gesellschaft für Bipolare Störungen e.V. www.dgbs.de

HIV/AIDS: Großartiger Podcast der Deutschen Aidshilfe e.V. www.aidshilfe.de unter www.selbstverstaendlichpositiv.de

Weitere Hilfe über örtliche Aidshilfen, die Landesverbände und die Deutsche Aidshilfe: Baden Württemberg: www.aidshilfe-bw.de oder Deutsche Aidshilfe: www.aidshilfe.de

Telefonische Beratung: 0180 33 19411 (bundesweit)

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

01 - Oktober 2013 - Wie alles begann

02 - Der Pakt mit dem Teufel

03 - Einfach!ch extravagantes normales Augsburg

04 - Je eher dahin - je eher davon

05 - Set fire to the rain

06 - Die Wege des!ch sind unergründlich

07 - Secret opening

08 - 88 bunte Jahre

09 - Presseball Augsburg

10 - Wenn sich ein Arzt an Bord befindet

11 - Neutral manisch

12 - Zwölf Apostel

13 - Das rollende Piano

14 - Familie

15 - BaoBaoBag - die Tasche des Lebens

16 - „Aussen Alster“

17 - Club du Nord

18 – Wer freiwillig kommt, darf auch wieder freiwillig gehen

19 - Geschlossene Gesellschaft

20 - Das Zentrum der Macht der Welt

21 - I did it my way

22 - Hausverbot

23 - Einsamkeit

24 - Das Krankenhaus zahlt die Rechnung

25 - Wittenberg und seine Thesen

26 - Es ist wie es ist

27 – Prinz Charming

28 - Supergirl

29 - Red Ladies

30 - Materielle Präklusion

31 - Mach die Augen auf

32 - Vom Arschloch zum König

33 - Immer, wenn Du denkst es geht nicht mehr

34 - Blue Angel

35 - Ein Tag wie jeder andere

36 - Sehnsucht nach Schlaf

37 - Machen Sie mal die Augen zu

38 - Neues Jahr - neues Glück?

39 - Mit dem Nachtzug nach Milano

40 - Nur für eine Nacht

41 - I am all out of clever things to say

42 - Kurhotel Bad Cannstatt

43 - Mehr als ein Freund in der Not

44 - Lieber Matz, dein Papa hat ‘ne Meise

45 - Privatjet nach Rio de Janeiro

46 - Bahnhofsschließfach

47 - Das Wunder von Augsburg

48 - Lebensmittelgutschein

49 - Hello again

50 - Der Herr mit der Kriegskrankheit

51 - There was no fire to set against the rain anymore

52 - Privatpatient

53 - Alte und neue Herausforderungen

54 - Behind the scenes

55 - Mama und Papa

56 - P3b

57 - Mittendrin, statt nur dabei

58 - Nürnberger Straße

59 - Ein Gläschen in Ehren oder auch nicht

60 - Meeting Mr Jean-Paul Gaultier

61 - Back to reality

62 – John Lennon

63 - Fordern & Fördern

64 - Letzter Mittwoch im Monat

65 - Praktika

66 - Arschloch des Lebens

67 - Vater und Sohn

68 - Lieber Gestern als Morgen

69 - Always on my mind

70 - Sie haben einen Tumor

71 - Sanfter Windhauch

72 - Privatier

73 - Stabilität

74 - Heimat

75 - Alle guten Dinge sind drei

76 - Das Juwel von Stuttgart

77 - TOM’S BAR

78 - Positive Begegnungen

79 - Danke Universum

80 - Hello fourty

81 - Freitag der Dreizehnte

82 - Sommer der Freiheit

83 - Die Kür ist gelaufen, jetzt folgt die Pflicht

84 - Ende gut, alles gut?

Nachwort - Das Beste zum Schluss

Nachwort: Prof Dr Dr Bürgy

Vorwort

Schön, dass Sie mein Buch in Ihren Händen halten und somit herzlich willkommen in meiner Welt - in der Welt des einfach!ch.

Mein Name ist Torsten Poggenpohl und ich bin schwul, bipolar und positiv. Während des Schreibens dieses Buches bin ich 41 Jahre alt geworden – sprich, ich stehe in der Mitte meines Lebens, und der Corona Lockdown hat mir etwas beschert, was ich sonst in dieser Kombination in den vergangenen Jahren nie hatte: Muße und Zeit zugleich.

Doch in einer Zeit, in der die ganze Welt zum Innehalten gezwungen ist, bietet es sich an, genau dies zu tun. So habe ich mich hingesetzt und endlich das realisiert, was ich schon so lange vorhatte: Ich habe ein Buch über meine letzten sieben Jahre geschrieben, in denen mich meine bipolare Störung und meine HIV-Infektion auf dem Weg des Lebens begleiten.

Eins ist sicher: Los werde ich beide nie wieder bis ich diese Welt verlasse, aber das ist auch nicht weiter schlimm, denn ich habe gelernt mit ihnen umzugehen.

Und genau darum geht es in meinem Buch: Ich nehme Sie, den werten Leser, mit auf die Reise durch meine Welt der manischen Gedanken. Sie dürfen meinen unbändigen Willen zum Leben kennenlernen, den ich immer hatte - egal wie schlecht die Aussichten standen. Ich lasse Sie an meiner depressiven Phase genauso teilhaben, wie an meiner panischen Angst vor dem Verlust meines Genies und vor allen Dingen nehme ich Sie mit in die Welt meiner Therapien und somit heraus aus diesem Nirwana.

Ich sage es Ihnen direkt: So einfach, wie sich die letzten Zeilen gelesen haben, so einfach war es wahrlich nicht immer in den vergangenen Jahren. Und zugleich ist mein Versprechen an Sie, dass die Maxime meines Schreibens eine erfrischende Ehrlichkeit mit der Thematik (und mit mir selbst) auf der einen und ein charmantes Augenzwinkern auf der anderen Seite gewesen ist. Ob mir dies gelungen ist, dürfen und müssen Sie entscheiden. Interessanterweise hat meine Reise circa sieben Jahre gedauert. Sieben ist eine magische Zahl, die in vielen Zusammenhängen als Zyklus des Lebens beschrieben wird in dem sich alles erneuert.

So sangen Karat in ihrem berühmten Song „Über sieben Brücken musst Du gehen“ von sieben dunklen Jahren, bevor man der helle Schein sein wird. Es gibt sieben Weltwunder und ein zerbrochener Spiegel bedeutet sieben Jahre Unglück. Auf ein Wunder hoffte ich so manches Mal in den vergangenen sieben Jahren, nachdem meine bipolare Störung, bzw. die damals allmächtige Manie, das Porzellan meines Lebens zertrümmert hatte. Es katapultierte mich förmlich aus einem gut bürgerlichen Leben an den Abgrund der Gesellschaft.

Sieben Jahre später bin ich achtsamer mit mir selbst, stärker und reflektierter als jemals zuvor. Wie mir dies gelungen ist dürfen Sie in den folgenden Kapiteln lesen - ich wünsche Ihnen ganz viel Freude dabei.

Aber um eine Frage direkt zu beantworten, welche mir immer wieder in den letzten sieben Jahren gestellt wurde: „Bereust Du das, was in Deinem Leben passiert ist bzw. tut es Dir leid?“ Die einfache, aber klare, Antwort lautet: „Nein“ – denn, und das haben Sie bitte jederzeit im Hinterkopf, bereuen kann man nur etwas, was auf einer bewussten Entscheidung beruht. Ja, es fällt schwer bzw. es ist unmöglich, sich für etwas zu entschuldigen, was man nie selbst bewusst entschieden hat.

Die folgenden Worte nehmen Sie bitte sehr ernst und berücksichtigen diese jederzeit: Entschuldigen Sie sich nicht für ihre Erkrankung. Sie haben es sich nicht ausgesucht. Es ist wie es ist. Aber und das meine ich genauso ernst: finden Sie einen Weg in Frieden mit ihrer Erkrankung zu leben. Wer glaubt, einzig das Lesen eines Buches wird einen wieder heilen, wer glaubt, dieser Weg der Genesung ist ohne Medikamente und professionelle Hilfe machbar, der irrt gewaltig. Im Gegenteil: Er wird aus meiner Perspektive dazu verdammt sein, dass sein Synapsenfasching niemals enden wird und sein Leben zu einer Endlosschleife in einer emotionalen Achterbahnfahrt verkommt.

Nun aber ganz viel Vergnügen mit Ihrem neuen Buch „einfach!ch“ - und seien Sie sich ganz gewiss: Weder Schwulsein noch eine bipolare Störung sind ansteckend. Eine behandelte HIV-Infektion unter der Nachweisgrenze im Übrigen auch nicht!

Womit Sie dieses Buch anstecken wird, ist Zuversicht - also nur MUT.

Herzlichst Ihr Torsten Poggenpohl

01 - Oktober 2013 - Wie alles begann

Während ich über den Kapitelnamen nachdenke, fällt mir auf, dass ich gar nicht eindeutig sagen kann, wie oder wann genau alles begann.

Es ist nur sicher, ich befinde mich im Oktober des Jahres 2013 und ab hier beginnt definitiv die Achterbahnfahrt meines Lebens, die man nicht mehr mit normalen Stimmungsschwankungen, sprich guter und schlechter Laune, beschreiben kann.

Eine bipolare Störung wurde früher als manisch-depressiv oder auch als „Himmel-hochjauchzend und zu Tode betrübt“ beschrieben. Sie setzt sich aus den Polen Manie und Depression zusammen und während die meisten Menschen sich unter einer Depression etwas vorstellen können, sieht dies bei der Manie schon anders aus.

Die besten Worte, um den Zustand Manie zu beschreiben, hat meiner Meinung nach Sebastian Schlösser in seinem Buch: „Lieber Matz Dein Papa hat ‘ne Meise“ gefunden, wenn er davon spricht, dass man wie ein Raumschiff durch die Welt fliegt.

Medizinisch gesehen ist das Ganze eine Neurotransmitterstörung im Gehirn, bei der der Dopamin- und Serotoninhaushalt nicht mehr richtig funktioniert.

Es wird vermutet, dass die Erkrankung genetisch veranlagt ist, aber nicht zwangsläufig ausbrechen muss. Hauptauslöser für den Ausbruch der Krankheit ist zu viel Stress - um es mit anderen Worten zu sagen, jeder Mensch besitzt eine sogenannte Stresskante.

Bleibt er darunter passiert nichts, überschreitet er sie und besitzt eben genau diese Veranlagung, bricht die Krankheit aus. Wenn es zum Ausbruch gekommen ist, ist dieser zwar nicht wieder rückgängig zu machen, doch zugleich ist die gute Nachricht, dass diese Erkrankung therapierbar und mit Medikamenten gut einstellbar ist.

So viel zur Theorie. Nun zu mir.

Was war mein Ausgangspunkt im Leben gewesen, was war in Schieflage geraten, was hatte mich diese, meine persönliche Stresskante, überschreiten lassen?

Gut, ich war immer ein Mensch, der das Motto: „work hard - party hard“ umgesetzt hat. Doch das allein kann es ja nicht gewesen sein. Also gehen wir ins Detail.

Im Oktober 2013 war ich 33 Jahre alt. Nach einem langen, schweren Jurastudium an den Universitäten Jena und Tübingen hatte ich im Jahr 2007 nach sieben Jahren endlich mein erstes Staatsexamen bestanden.

Wie viele andere auch aber mit einer Note, die nicht glücklich machte und erst recht den Wunsch Staatsanwalt werden zu können für immer und ewig begrub. Also entschied ich mich gegen das Referendariat und machte einen „Quereinstieg in der Wirtschaft“: Ich arbeitete für unterschiedliche Luxusduftfirmen und nutzte mein Verkaufstalent, welches ich bereits während meines Studiums zur Genüge nebenberuflich unter Beweis gestellt hatte. So führte mich mein ganz eigener Weg und mein Glaube an mich selbst nach eineinhalb Jahren selbstständiger Tätigkeit an den unterschiedlichsten Orten und für die unterschiedlichsten Firmen schließlich zur Festanstellung als Counterleitung in einem Stuttgarter Luxuskaufhaus.

Zwei Jahre später schickte mein Chef mich in die Trainingsabteilung. Mit der Markteinführung unseres neuen Designers in Deutschland gab es für die Verkäuferinnen eine ganz besondere Schulung: Zwar hatten wir keinen echten roten Teppich dabei, aber wir rollten genau diesen imaginär für hunderte Damen der Parfümerien aus und baten sie in die weiße Stretchlimousine. Bei einem Glas Champagner entführte ich die Verkäuferinnen in die Welt unseres neuen Designers. Noch während der Schulungstournee durch ganz Süddeutschland hielt er sein Wort, welches er mir bereits beim Vorstellungsgespräch gegeben und in den letzten zwei Jahren immer wieder erneuert hatte.

Es folgte der innerbetriebliche Aufstieg zum Gebietsverkaufsleiter - Gebiet Augsburg/München – und nie werde ich den Moment vergessen, in dem er mir das mitteilte: Ich saß im Smoking in meiner weißen Stretchlimousine und war mit meinen Gefühlen völlig überfordert. Zugleich stand außer Frage, dass ich diese Chance am Schopf packte und annahm. Und so hieß es dann zum ersten Oktober, mein so geliebtes Stuttgart samt all meiner lieben Freunde hinter mir zu lassen und meine Zelte in Augsburg aufzuschlagen.

Fortan spielte sich mein Leben zwischen Schwäbisch Hall im Nordwesten, Füssen bzw. Oberstaufen im Südwesten, Garmisch-Partenkirchen im Südosten und Ingolstadt im Nordosten ab und es galt den Bedürfnissen von hundert Parfümerien gerecht zu werden. Auch wenn mir während meiner Einarbeitung als Gebietsverkaufsleiter mein direkter Vorgesetzter, und damit auch mein Mentor, verloren ging und ich mich innerhalb der ersten drei Monate in der neuen Position an drei verschiedene Gesichter und damit drei völlig unterschiedliche Denkweisen auf dieser Position einstellen musste, machte mir meine Arbeit unglaublich viel Freude. So war ich zwar gewissen Vorgaben unterworfen, aber doch irgendwie stets mein eigener Herr.

Das Geheimnis eines guten Verkäufers liegt darin, dass er beim Gegenüber Wünsche, Träume und Illusionen weckt, von denen die andere Person gar nicht wußte, dass es diese besitzt. Somit liegt der Erfolg in der Art zu fragen, dem Zuhören und vor allen Dingen in der Beschreibung der Duftwelten. Genau in diesem Punkt, wollten die Verkäuferinnen jedes Mal dazu lernen.

Mit meinen Kunden hatte ich ein gutes Verhältnis, in den Verkaufsrunden schloss ich immer sehr gut ab, meine Umsatzziele erreichte ich nicht nur, sondern erfüllte sie sogar „über“ und auch das viele Autofahren machte mir Spaß. Nun gut, Bilderbuch-Bayern mit einem neuen Audi zu erkunden, es gibt wirklich Schlimmeres.

Um es mit wenigen Worten zu sagen: Es lief alles sehr gut im Job.

Während ich die ersten Monate in einer eher „heruntergekommenen“ Altbauwohnung zwei WG-Zimmer bezogen hatte, fand ich danach eine wunderschöne Altbauwohnung: Erstbezug - nach Luxuskernsanierung mit jeglichem Komfort - von der weißen Lackeinbauküche mit Herd on Block und schwarzem Schieferfußboden, Designbadezimmer mit Badewanne und Fenster, Parkettfußboden jenseits von Küche und Badezimmer und überall schlich man mit warmen Füßen über den durch die Fußbodenheizung geheizten Boden. Neben dem großen Balkon sorgten auf beiden Seiten des loftartig gestalteten Wohnraums die bodentiefen Echtholzsprossenfenster für einen lichtdurchfluteten Wohnraum und damit für eine perfekte Wohlfühlatmosphäre. Abgerundet wurde alles noch durch einen Tiefgaragenstellplatz und die besten Nachbarn der Welt.

Noch nie zuvor hatte ich jenseits meines Elternhauses so perfekt gewohnt. Auch hatte ich wieder Kontakt mit meinen beiden Studienfreundinnen aus meiner Jenaer-Zeit, die damals nach Augsburg gegangen waren als ich nach Tübingen ging. Dank Facebook hatte man sich ja nie ganz aus den Augen verloren, bzw. wiedergefunden. Ebenfalls wohnte mein Lieblingskollege aus meiner Zeit beim europäischen Nachtreisezug - sprich den fünf Jahren, in denen ich neben meinem Studium mein Geld im Schlaf verdient hatte und Europas Metropolen von Kopenhagen über Paris, Venedig, Mailand und Florenz bis hin zu Neapel mein zweites zu Hause gewesen sind, in Augsburg und so konnten wir unsere Freundschaft intensivieren.

In Augsburgs schwuler Disco, dem Fegefeuer, und auf den Lovepop Partys lernte ich neue Leute kennen und manchmal zog es mich auch übers Wochenende zu meinen Freunden nach Stuttgart. Mein großes Glück war, dass mein guter Freund Harald ungefähr zur gleichen Zeit seine Zelte in Stuttgart abgebrochen hatte, um in der Provinz den nächsten Karriereschritt anzutreten. Als neuen Lebensmittelpunkt wählte er eine WG in der Sternengasse am Fuße des Ulmer Münsters. Häufig besuchte ich ihn oder er mich. Unsere so genannten „Regiomeetings“ machten wir immer abhängig vom regionalen Party- und Eventkalender der homosexuellen Umgebung. Wir fühlten uns wie die zwei Großstadtpflanzen, die der Job in die schwule Provinz verpflanzt hatte. Zugleich war geteiltes Leid nur halbes Leid und doppelte Lebensfreude.

Kurzum, nach einer kurzen Zeit der Eingewöhnung und Umstellung war nicht nur alles bestens, sondern perfekt.

Mein Kollege im hohen Norden war schon seit geraumer Zeit krank und so bot ich an blockweise in seinem Gebiet auszuhelfen. Zum einen, da ich in meiner eigenen Verkaufsrunde sehr gut durchgekommen war, zum anderen hatte ich einen Urlaub in St. Peter-Ording geplant. Hilkes Mann Hubert feierte seinen runden Geburtstag, und das wollte ich nicht verpassen. Hilke – seit meinem Zivildienst war sie nicht mehr aus meinem Leben wegzudenken. Kurz nach dem Start meiner Zivildienstzeit in St. Peter-Ording veranstaltete der Chefarzt meiner Rehaklinik für alle Mitarbeiter eine Sommerparty. Genau an diesem Abend lernte ich Hilke bei dem ein oder anderem Glas Sommerbowle besser kennen. Mit ihr trat die Kajüte ihrer Mutter Lotti am Südstrand in mein Leben. Erst half ich nur Samstagsabends in der Küche aus, schnell backte ich auch mal unter der Woche Waffeln oder schälte Kartoffeln.

Unvergessen sind bis heute unsere Feierabendmomente: Die Musik bis zum Anschlag, Beine hoch und den Wodka Lemon in der einen, die Zigarette in der anderen Hand und „Cose della Vita“ dröhnte aus den Boxen über den gesamten Südstrand. Über all die Jahre ist Hilke zu einer mütterlichen Freundin geworden, die ich in meinem Leben nicht missen möchte.

Und so warf ich die Norddeutschlandtour in die Waagschale und nahm mir im Gegenzug ein Wochenende St. Peter-Ording und ein Wochenende Sylt heraus - ein wirklich guter Deal, wie ich fand. Auf meiner Norddeutschlandtournee lernte ich die Parfümerien in und um Hamburg, Bremen, Husum, Heide, Neumünster, Flensburg, Kappeln und sogar Viglahn auf Sylt kennen.

Die Realität war dann jedoch weniger charmant, als meine Vorstellung. Egal wo ich hinkam war ich die Feuerwehr oder der Blitzableiter, denn immer drehten sich die Gespräche um die Schlecht- bzw. Nichtbetreuung der ganzen letzten Monate und immer war man bemüht, mir Retouren aufs Auge zu drücken. Ich gab wie immer mein Bestes.

Immer bemüht mein Gegenüber milde zu stimmen und glücklich zu machen.

Zwei Verkaufsrunden machte ich zwischen Augsburg und Hamburg hin- und herfahrend mit, obwohl es denklogischerweise sehr kräftezehrend war einen Job für zwei ganz alleine zu machen.

Später bot mir meine Firma den Wechsel nach Hamburg an - also in die Stadt, in die ich in meinen Gedanken immer wollte. Hamburg, meine Perle, war immer meine Traumstadt gewesen und so konnte ich dieses Angebot natürlich nicht ausschlagen und zog in den Norden - in der Hoffnung, die Erfüllung zu finden.

02 - Der Pakt mit dem Teufel

Und wie das immer so ist: Firmen zeigen sich generös wenn sie ihren eigenen Vorteil wittern. So wurde mir viel versprochen als es um meinen Wechsel nach Hamburg ging. Im Vorfeld wurde mir nicht nur massive Hilfe bei der Wohnungssuche (unter anderem in Form von Anzeigen in der Zeitung) zugesagt, sondern auch die Übernahme der Umzugskosten sowie ein Übergangsappartement während der gesamten Zeit meiner Wohnungssuche. Na, immerhin wurde die Übergangswohnung bezahlt: Ein Miniappartement, zwar mit Balkon, aber sonst auch nur mit dem Nötigsten versehen, also einer Schlafcouch einem Bar-Tisch, zwei Barhockern und einer Zwei-Plattenherd-Kühlschrank-Spülen-Kombination.

Doch leider war sie weder mit Telefon, Internet noch Fax ausgestattetalso mehr als ungeeignet für einen Gebietsverkaufsleiter. Da mag es sich noch so charmant und erhaben anhören, dass ich in Blankenese logierte - es war weder das eine noch das andere.

Frohen Mutes startete ich trotzdem die Arbeit in meinem neuen Gebiet Hamburg und für ein Wochenende teilte ich meine Schlafcouch mit meiner liebe Freundin Beatrix. Wie schön, wenn der Neubeginn direkt mit dem Besuch einer der besten Freundinnen versüßt wird. Also nicht aus den Augen, aus dem Sinn sondern Seite an Seite in Hamburg. Durch meine Tätigkeit im Luxuskaufhaus war sie wie ein Engel in mein Leben getreten und zu der Zeit immer ein Grund, der mich für einen kurzes Gespräch magisch an den Chanel-Counter zog, an dem sie arbeitete. Aus diesen kurzen Smalltalks zwischen Kollegen entwickelte sich schnell eine tiefe Freundschaft, die uns nicht nur die ein oder andere Mittagspause miteinander verbringen ließ. Von fröhlichen Stunden bis hin zum tiefgründigen Gedankenaustausch über die unterschiedlichste Literatur stand alles in unserem gemeinsamen Freizeitkalender. Besonders sorgfältig widmeten wir uns der Analyse des zwischenmenschlichen Verhaltens der männlichen Soziopathen, die uns so begegneten. Kurzum, es war also nicht irgendeine Freundin, sondern eine meiner Besten, die mich in Hamburg besuchte.

Die Stadt zeigte sich dann auch von seiner schönsten Seite und wir tankten Sonne an der Strandperle am Elbstrand, aßen den wohl besten Kuchen der Stadt unter der schönsten Baumpergola mit Blick auf die Elbe und feierten mit meiner Freundin Ines ihren Geburtstag, in ihrer, von mir so geliebten, WG-Küche in der Kieler Straße. Ines hatte auch ich in meiner Zeit in St. Peter-Ording kennen-, schätzen und lieben gelernt. So absolvierten wir gemeinsam unseren sozialen Dienst für die Gesellschaft im Pflegedienst der DRK-Nordsee-Rehaklinik „Goldene Schlüssel“, sie im Rahmen eines freiwilligen sozialen Jahres und ich als Zivildienstleistender.

Was uns direkt verband war die Tatsache, dass keiner von uns mit einem goldenen Löffel im Mund geboren worden war. Während ich am Südstrand Kartoffeln schälte, pulte Ines nebenbei Krabben in der Seekiste am Böhler Strand.

Auch wenn unsere gemeinsamen Tage in St. Peter-Ording irgendwann endeten, nahmen wir unsere Freundschaft mit ins weitere Leben. Ob nun meine jährlichen Besuche bei ihr in Hamburg, ihr Besuch in Stuttgart, ein Kurztrip in unsere alte Heimat St. Peter-Ording, gemeinsame CSD Besuche in Hamburg oder ein legendäres langes Wochenende in Berlin inklusive des OpenAir Konzerts von Rosenstolz auf der Kindelbühne Wuhlheide: Alles war gelebte freundschaftliche Qualitytime. Und so saßen Beatrix und ich an diesem Wochenende in Ines WG-Küche und feierten ihren Geburtstag.

Nach einem schönen Wochenende mit nicht allzu viel Schlaf, jedoch energiegebender Zeit mit meinen Lieben, reiste Beatrix wieder ab und meine Wohnungssuche ging weiter. Immer wieder aufs Neue fand ich mich mit gefühlt vierzig anderen Menschen in Massenbesichtigungen wieder und letztendlich wurden mir Objekte angeboten, bei denen das Preis-Leistungsverhältnis nicht annähernd passte. Nicht mal meine Eltern, die bei meiner Suche nach einer Bleibe in meinen beiden Unistädten Jena und Tübingen quasi meine Joker im Bereich „Finden einer Wohnung“ gewesen waren, konnten mir in diesem Moment durch ihre moralische und tatkräftige Unterstützung weiterhelfen als sie für ein Wochenende anreisten. Es schien einfach aussichtslos und stresste mich zunehmends.

Der Sommer ging in den Herbst über, eine eigene Wohnung war immer noch nicht gefunden und zu allem Überfluss bereitete mir die Verkaufsrunde nicht nur schlechte Laune, sondern ließ mich, den erfolgsverwöhnten König des Einverkaufs, richtig alt aussehen: Von der Spitze der Umsätze als Gebietsverkaufsleiter in Augsburg mit den besten Zahlen war ich auf den letzten Platz in Hamburg katapultiert worden. Das war ich weder gewohnt noch wollte ich mich daran gewöhnen. (Für alle, die nicht aus dem Vertrieb kommen: Der Gebietsverkaufsleiter verkauft die Ware an die Privatparfümerie ein, und diese verkauft dann an den den Kunden/Endverbraucher weiter.)

Die innere Stimme, die mir sagte „Hamburg ist Dein größter Fehler“ wurde von Tag zu Tag lauter. Es ist schon absurd, wenn man bedenkt, dass Hamburg immer meine Traumstadt gewesen ist - aber es half nichts, die Stadt zeigte mir nicht nur wettertechnisch die kalte Schulter.

Ich wollte einfach nur noch weg.

Als ich hörte, dass meine Nachfolgerin in meinem Augsburger Gebiet direkt wieder abgesprungen war, bat ich also reumütig um meine Rückversetzung. Meine schöne Wohnung hatte ich ja noch, denn so war es besprochen. Kündigen sollte ich sie erst, wenn ich in Hamburg eine neue Wohnung gefunden hätte.

Auch wenn mein Wunsch der Rückversetzung für alle Beteiligten der sinnvollste aller Wege gewesen sein mochte, da ich wusste, dass meine Firma für Hamburg zu diesem Zeitpunkt schon eine Alternative hatte - so einfach machte es mir mein Arbeitgeber nicht.

Im Gegenteil.

Auf der folgenden Deutschlandkonferenz stellte mich meine Deutschlandchefin vor versammelter Mannschaft bloß und fragte nur: „Torsten, was glauben Sie? Lösen WIR ihr Problem, oder lösen Sie es selbst?“

Ich antworte: „Das kann ich Ihnen nicht beantworten. Ich hole mir jetzt einen Nachtisch.“

Perplex über meine eigene Antwort, die Gott sei Dank keine weitere Angriffsfläche bot, verließ ich den Tisch.

Eine Woche nach der Konferenz erlöste meine direkte Vorgesetzte mich per Telefon, indem sie mir mitteilte, dass es einen Weg zurückgäbe: Sie offerierte mir den Pakt mit dem Teufel: Meine Kollegin aus dem angrenzenden Gebiet Nürnberg würde Mutter und wenn ich bereit sei für neun Monate 45 Geschäfte von ihr – zusätzlich zu meinen eigenen aus dem Gebiet Augsburg - vollumfänglich zu betreuen, dann dürfte ich zurück.

Ohne mir in diesem Augenblick über die Dimension dieser Zusage bewusst zu sein, stimmte ich direkt zu. Was es tatsächlich bedeutete durfte ich in den kommenden Wochen schnell feststellen: Ständig musste ich aus meinem Gebiet herausfahren um Geschäfte in Nürnberg, Würzburg, Regensburg und Bamberg zu besuchen. Der Arbeitsaufwand spulte sich direkt auf 80 Stunden pro Woche hoch. Meine neue Normalität sah so aus, dass ich morgens um 06:00 Uhr aufstand, mir ein Frühstück in Form von Kaffee und Zigarette „gönnte“, dann bis 08:00 Uhr Angebote bzw. Aufträge für die Tageskunden zusammenstellte und über das Bad ins Auto eilte. Zwischen 20:00 Uhr und 21:00 Uhr kam ich nach Hause, las und beantwortete meine E-Mails und gab Aufträge, die im Fax lagen oder die ich direkt am Tag generiert hatte ins System ein. Wenn es gut lief, schaffte ich es noch ins Bett, wenn nicht, schlief ich völlig erschöpft vor dem Fernseher auf meiner Couch ein. Zwar lief nicht jeder Tag so ab, aber aus heutiger Sicht viel zu viele, um nicht zu sagen fast alle. Wenn man sich selbst für ein Alphatier hält, welches immer bereit ist zu leisten, dann merkt man nicht, dass sich gerade etwas verschiebt in der sogenannten „Work-Life-Balance“.

Trotzdem arbeitete ich diese neun Monate konsequent ab – getreu dem Motto „Koste es, was es wolle“. Schließlich war ich diesen Deal eingegangen und auch diese Konsequenz in der Abarbeitung war ein Zeichen für meinen Hang zur Pflichterfüllung. Wie gesagt, man realisiert nicht in welcher „gefährlichen“ Situation man sich befindet und anstatt an den Wochenenden einfach nur zu relaxen ging ich zur Kompensation des ganzen Stresses, beziehungsweise zur Selbstbelohnung, mit Freunden feiern. Ob in Stuttgart, Augsburg oder München – die Nächte wurden zum Tag gemacht, der Alkohol floss in rauen Mengen – es wurde viel gelacht und wenig geschlafen.

Irgendwann stand „Münchens fünfte Jahreszeit“ im Kalender und die wurde selbstredend zelebriert, wie es sich gehörte: Das Wiesn Opening starteten wir mit Champagner im legendären Hippodrom, dann ging es ins kuschelige Käferfestzelt und endete schließlich im P1. Die schwule Bräurosl stand genauso im Terminkalender wie am folgenden Wochenende ein erneuter Abend im Hippodrom. Hinzu gesellten sich der Pink Monday auf dem Plärrer in Augsburg und das gaydelight beim Wasenwirt in Stuttgart - wie immer galt mein Slogan: “work hard - party hard“.

Doch irgendwann verschob sich alles in meinem Kopf und ich kam auf die Idee, einen Nachtclub in Augsburg zu eröffnen. Ja, Sie lesen richtig.

Ich war wie besessen von dieser Idee. Es sollte ein exklusiver Nachtclub für die oberen Zehntausend sein, die es satthatten, immer nach München fahren zu müssen, um zu feiern.

Und so entstand in meinem Kopf die Idee vom

„einfach!ch – extravagantes normales Augsburg“.

03 - Einfach!ch extravagantes normales Augsburg

„Do whatever you want, but do it with passion!“ sollte das Credo meines neuen exklusiven Nachtclubs in Augsburg lauten.

Ich halte heute noch manchmal die letzte mir gebliebene, sechsseitige schwarze Hochglanz DINA4 Broschüre mit Silberschrift in Händen - ja an Merchandising hatte ich wirklich nicht gespart, damals in meiner manischen Cluberöffnungsphase.

Wenn Sie sich fragen, woher ich das Geld genommen habe: Ganz einfach - mit meinem unbefristeten, gut bezahlten Job als Gebietsverkaufsleiter war es ein Einfaches einen 50.000 Euro Kredit bei meiner Hausbank und darüber hinaus einen weiteren Kredit in Höhe von 25.000 Euro bei einer Internetbank zu erhalten. Darüber hinaus besaß ich unzählige Kreditkarten und bei meiner Hausbank einen Dispositionskredit in Höhe von 7.000 Euro. Wenn man all das zusammenrechnet, hat man eine Menge Geld, mit dem ein manischer Mensch erstmal gehörigen Blödsinn machen kann, bis er pleite und zahlungsunfähig ist. Und eins sei gesagt: Solange man seine Rechnungen bezahlt, hält einen niemand auf. Im Gegenteil: Jeder will sein eigenes Geschäft machen und sein Stück vom Kuchen abbekommen. Man ist überall gern gesehen, niemand sagt nein zu einem Glas Champagner, einem Moscow Mule oder einem guten Gin Tonic. Wobei Gin 2013 noch gar nicht so im Trend gewesen ist - man trank eher Belvedere oder Grey Goose Vodka mit Red Bull. Nachdem ich mit dem ehemaligen Maxim einen der ältesten Nachtclubs Deutschlands als perfekte Location gefunden hatte, ging es los, die Eröffnung zu planen und die unzähligen Ideen umzusetzen, die in meinem Kopf umherschwirrten, um an mein Ziel zu gelangen den Nachtclub zu eröffnen. Und anstatt weniger, wurden es von Tag zu Tag mehr. Mein Kopf drohte manchmal fast zu zerplatzen. Ich traf mich in diesem Zuge der Planung unzählige Male mit der Schwester meines Nachtzugfreundes und ihrem Lebenspartner – sie bildeten quasi mein Marketing- und Merchandisingteam und setzten meine Ideen nicht nur grafisch um. Neben den professionellen Hochglanzbroschüren für Presse und Werbepartner ließ ich über sie Visitenkarten, VIP Einladungen, Einladungen zu einem Secret-Opening, verschiedene Plakate, Hochglanztüten in schwarz mit silberner Kordel und silbernem Logo, gebrandete Dosen gefüllt mit Energydrink, Prosecco und Apfelschorle, Handyputzaufkleber, Laptopmicrofasertücher und Sitzkissen produzieren.

Über einen anderen Bekannten, der für einen Werbemittelvertrieb arbeitete, ließ ich für die Goodiebags des VIP Openings für die Damen Kugelschreiber mit Cholesterinkristallen besetzt und mit einfach!ch Gravur gebrandet produzieren und für die Herren beprintete Edelstahl-Werkzeugsets. Neben den Verhandlungen über schwarze Olymphemden und silberne Krawatten als Dienstkleidung ließ ich zudem auch eine runde Dose mit der Aufschrift „VIP-Buddy-Weekend“ branden. In diesen Dosen befand sich ein USB-Stick in Schlüsselform. Dieser sollte der Schlüssel zu der von mir geplanten Woche der Freundschaft auf Sylt werden. Nebenbei hatte ich den Plan, meinen Geburtstag in ganz großem Stil auf Deutschlands schönster Insel nicht nur zu feiern, sondern regelrecht zu zelebrieren. Auch hierfür hatte ich bei weitem mehr als nur eine Idee im Kopf.

Ich traf mich mit dem Herausgeber des Augsburg Journals, sprich der stadteigenen „Bunten“ und gab dann eine Pressekonferenz – diese fand nicht irgendwo statt, sondern selbstverständlich im besten Hotel der Stadt. Geladen waren das Augsburg Journal und die Neue Szene Augsburg. Als die Konferenz endete, hatte ich mit beiden wichtigen Stadtmagazinen Werbedeals abgeschlossen. Meine Werbung erschien im Augsburg Journal an prominenter Position, darüber hinaus fand man mich ebenfalls mit Foto und Konzept des Clubs in der Kategorie „Typ des Monats“ – die Platzierung meiner Kampagne in der Neuen Szene Augsburg war nicht weniger prestigeträchtig.

Die 50 wichtigsten Straßen in Augsburg hatten wir plakatieren lassen und in der ersten Plakatwelle lasen die Leute nicht mehr und nicht weniger als das Clublogo und die Worte: „coming soon - open eyes and ears“. Erst mit der zweiten Welle, die 14 Tage später startete, wurden wir konkreter und offenbarten das Programm der Opening Wochenenden. Für ein paar Tausend Euro hatte ich mich als Hauptsponsor bei der Augsburger Shoppingnacht eingekauft. Auf allen Plakaten und Flyern der Shoppingnacht, welche auf mein zweites Opening Wochenende fiel, war mein Clublogo, größer als jedes andere und damit unübersehbar für jeden, platziert. An diesem Samstagabend sollte der Club unter dem Motto: „Sex and the city - feel free to come with your 3 best girlfriends to have a Cosmopolitan and meet Mr. Big“ stehen. Weiter ließ ich einen Radiowerbespot produzieren, welcher auch on Air ging, denn ich war davon überzeugt, dass Radio ins Ohr geht und im Kopf bleibt. Der VIP-OPENING-ABEND sollte mit einem exklusiven Dinner Hotel der Pressekonferenz beginnen – das Essen sollte musikalisch von einem Künstler begleitet werden, der die Gäste mit seiner Interpretation „der Ode an die Freude“ auf den Abend einstimmen sollte. Die Gäste sollten mit gebrandeten Limousinen aus Stuttgart und München nach Augsburg gebracht werden. Neben meinem Lieblings-DJ, welcher schon in New York oder auch im berühmten Cocoon in Frankfurt aufgelegt hatte, hatte ich Stars der Travestieszene eingeladen und mit verschiedenen Agenturen stand ich wegen unterschiedlichster Stars in Verhandlungen: Verena Kehrt, Kader Loht, Gina-Lisa Lohfink, Jochen Schropp, Florian David Fitz und wen ich nicht alles im Kopf hatte – mein Motto war „je bunter desto besser“ und so viel sei gesagt: „Manch einen hätte ich bekommen, manchen aber auch nicht.“

Ja es sollte ganz groß werden, das Opening am 22.11. um 22.11 Uhr.

Noch bevor ich mit der Umsetzung des ganzen Marketingplans begann, verbrachte ich bereits Anfang Oktober mit meinem Lieblings-DJ ein sensationelles Partywochenende mit viel Champagner und Wodka in Hamburg. Aus meiner Sicht hing der Erfolg eines Nachtclubs entscheidend mit seinem Resident-DJ zusammen. Umso wichtiger war es diesen so früh als möglich an Bord zu wissen. Wir residierten im SIDE Hotel, er in der Suite, ich in einem normalen Doppelzimmer. Unser Streifzug durch Hamburgs Nachtleben begann schlemmend in der Gourmetabteilung des Alsterhauses. Nachdem wir in der Hamburger Spielbank gezockt hatten, feierten wir standesgemäß auf dem Kiez im 136°.

Wir hatten eine Menge Spaß auf meine Rechnung. Aber so ist das Business, wenn man jemanden unbedingt haben will. Ich meinte es wirklich ernst mit der Cluberöffnung. Ich saß mehrfach beim Anwalt, beim Notar, habe eine GmbH gegründet – die einfachich GmbH - die Stammeinlage von 25.000 Euro getätigt, habe mich um alle Genehmigungen gekümmert bzw. kümmern lassen. Meine Studienfreundin hat den Vertrag mit den Clubbesitzern gründlich überarbeitet – soweit so gut. Dieser Club sollte in der Realität noch viel größer und bedeutsamer werden, als er es in meinen Gedanken schon war. Die Philosophie des Clubs, so ist es auch nach wie vor auf Hochglanzpapier für immer und ewig festgehalten, lautete: «In tiefstem Respekt und absoluter Anerkennung widmen wir das „einfach!ch extravagantes normales Augsburg“ dem Lebensgefühl unserer großen Vorbilder: Studio54 - New York, PONY Club – Sylt, P1 – München, Rotes Kliff – Kampen. Inspiriert von den Worten James Deans: “Dream as if you’ll live forever - Live as if you’ll die today“ sind wir uns unserer Verantwortung nicht nur anders, sondern besser zu sein, stets bewusst. Denn: „Das BESSERE ist der Feind des GUTEN“.«

Zu Halloween sollte es mit gebrandeten T-Shirts durch Stuttgarts Nachtleben gehen, um mit meinem Team die Werbetrommel zu rühren. Die extra gebrandeten schwarzen T-Shirts besaßen vorne an der Seite von unten nach oben das Logo in silber und auf der Rückseite die Worte des Clubcredos: „Do whatever you want, but do it with passion“.

Doch bevor wir durch Stuttgarts Nacht des Grauens ziehen konnten, galt es noch im Luxuskaufhaus Nummer eins einen Shoppingbummel zu machen. Meine Freundin Iris, die ich noch aus meiner eigenen Parfümeriezeit kannte, stand uns tatkräftig zur Seite. So galt es für eine Augsburger Freundin, wie ich damals dachte, drei atemberaubende Outfits für ihren Geburtstag, den Augsburger Presseball und das Clubopening zu kaufen. Nicht lange hatte ich überlegen müssen, wer denn eigentlich den Abend des Clubopenings moderieren soll. Meine Wahl fiel auf meinen Freund Sven. Egal um welchen Geburtstag es sich in unserem Freundeskreis handelte, auf eines konnte man sich immer verlassen: Im Laufe des Abends hielt Sven aus dem Stegreif eine Laudatio auf den Jubilar. Somit benötigte er einen edlen Smoking, denn er sollte perfekt aussehen, wenn er das Clubopening moderierte. Während Iris mit besagter „Freundin“ aus Augsburg in den Untiefen der Damenabteilung verschwand, ging es für Sven und mich in den Special Service der Herren. Mein Moderator bekam den geplanten Smoking und ich einen Gucci-Anzug. Die hauseigene Schneiderei bekam den Auftrag, diesen noch ein wenig enger zu machen, da ich bei all dem Stress immer schmaler geworden war. Schlussendlich trafen wir uns alle in der Parfümerie wieder. Hier spendierte ich der Dame noch ein hochwertiges Make-up und allen einen neuen Duft, denn der ist ja bekanntlich das erste Kleidungsstück, welches man anzieht. Nach dieser erfolgreichen Shoppingtour auf meine Kosten, die mich ein paar Tausend Euro kostete, schminkte mein guter Freund André jeden, der es wollte, für die Nacht des Grauens – wenn schon grauenhaft dann wenigstens mit Chanel-Attitude – denn genau diese verkörperte André wie kein anderer. So war er weit über die Stadtgrenzen hinaus als „Mr. Chanel“ bekannt. Dies lag weniger an seinen Accessoires: Ohrstecker, Armbanduhr und Gürtel erstrahlten stets mit einem unübersehbaren CC, sondern vielmehr an dem Image der Firma, welches er auch jenseits des Counters tief in sich verankert hatte. André arbeitete nicht einfach nur für Chanel, sondern er ist „Mr. Chanel“. Passend von ihm hergerichtet konnte es endlich losgehen mit dem Zug durchs Nachtleben. Schließlich waren wir angetreten um auf das „einfach!ch“ aufmerksam zu machen, also zogen wir durch die Nacht: Champagnereskalation auf allen Ebenen: Rubens - Fame - KingsClub.

Mein guter Freund „Mr. Chanel“ - André - wurde auf der Fameparty aus dem VIP Bereich des Clubs verwiesen, da er auf den Tischen tanzte. Auch mich schmissen die Türsteher raus - schon nett, nachdem man unzählige Flaschen Champagner und Wodka nicht nur konsumiert sondern auch bezahlt hat – noch netter, wenn einem beim Rausbefördern aus dem Club die geliebte Gucci Brille kaputt gebrochen wird. Chaos pur.

Nachdem ich alle anderen verloren hatte, traf ich meine attraktiven Augsburger Promoboys, Tom und seinen guten Freund, am Tresen des KingsClub wieder. Bei einem Fläschchen Champagner feierten wir erstmal weiter- mit oder ohne Brille, das war dann auch schon egal. Irgendwann ist aber jeder Partynacht zu Ende, und so spendierte ich Tom und seinem guten Freund das eine und mir ein weiteres Doppelzimmer im Motel One. Nachdem wir ausgeschlafen hatten, machten wir uns per Taxi auf den Weg z u Harald um gemeinsam zu frühstücken. Ja, Harald hatte in seinem Leben die Notbremse gezogen und hatte seine Zelte in der Provinz abgebrochen, bevor ihn das Leben jenseits der Landeshauptstadt gänzlich drohte unglücklich zu machen. Auch unsere Regiomeetings hatten ihn nicht über sein sozialisiertes schwules Leben in Stuttgart hinwegtrösten können. Und so hatte er seine Karriere „auf dem Land“ jenseits seines gewohnten schwulen Umfelds aufgegeben, kündigte seinen Mietern in Stuttgart wegen Eigenbedarfs und zog zurück in seine schöne Altbauwohnung. Als Mitbewohner gesellte sich kein Geringerer als unser guter Freund Micha zu Harald in die Wohnung. Micha war einst mein Lieblingsmitbewohner in unserer berühmten WG über dem Ackermanns, einer Fußballkneipe, im Stuttgarter Westen gewesen. Ja die „B20“, wie sie in der Szene genannt wurde, war einst von Harald und Sven gegründet worden und in den unterschiedlichsten Besetzungen immer ein Ort der Lebensfreude. Hier lebte man miteinander und nicht nebeneinander her. Legendär wurde sie durch ihre Partys, auf denen sich regelmäßig 80 bis 100 Menschen auf 120 Quadratmetern verteilten. Jenseits dieser Partys lernte ich gerade Micha als Fels in der Brandung kennen und schätzte immer seine verbindliche, verlässliche Art. Irgendwie war er wie ein großer Bruder für mich mit dem ich über alles quatschen konnte und der mir Techniknull bei allen Problemen rund um Computer und Smartphone immer zur Seite stand. Bei Harald, in dessen traumhafter luxussanierter Altbauwohnung im Stuttgarter Westen mit Blick über die Stadt, zelebrierten wir ein gemeinschaftliches Frühstück. Harald und Micha hatten ganz groß aufgefahren, von Müsli über frisches Obst, Saft, Rührei, Brötchen, Croissants, Aufschnitt, Konfitüre, Nutella, Kaffee, Tee, einfach alles was das Herz begehrt. Und wie wir alle so um den riesigen Tisch versammelt waren, schlemmten und uns über den chaotischen, aber auch gelungenen und witzigen Abend austauschten, checkte ich mein Handy und mich erreichte eine E-Mail von meiner lieben Freundin Katrin aus Hamburg, die mich innerlich erstarren ließ. Ich entschuldigte mich, dass ich telefonieren müsse, nahm meine Zigaretten und ging auf den Balkon.

04 - Je eher dahin - je eher davon

Da stand ich nun auf dem Balkon von Haralds Wohnung mit Blick über Stuttgart, es war eisig kalt, aber meine Bogner Fire&Ice Daunenjacke und mein Burberryschal wärmten mich äußerlich. Innerlich war ich beim Lesen der E-Mail quasi erfroren, besser gesagt zu einer Salzsäule erstarrt.

Ich zündete mir eine rote Gauloises an, nahm ein tiefen Zug, blies den Rauch in die Luft, las nochmals Katrins Worte, schloss das E-Mail-Programm und wählte ihre private Telefonnummer. Es tat so verdammt gut in diesem Moment ihre vertraute Stimme zu hören. Sie entschuldigte sich immer und immer wieder, dass sie mir diese E-Mail schreiben musste, aber sie hatte meine aktuelle Handynummer verlegt und konnte mich anderweitig nicht erreichen. Ich sagte nur, dass sie sich dafür nicht entschuldigen müsse und dass es ist, wie es ist. Ich war erschrocken rational in diesem Moment. Wochen vorher hatte ich im Zuge der geplanten Cluberöffnung und der Finanzierung des Ganzen, einen Kredit in Höhe von ein paar hundert Tausend Euro aufnehmen wollen und als Sicherheit sollte unter anderem eine Lebensversicherung dienen. Für den Abschluss dieser Lebensversicherung benötigte ich einen aktuellen HIV-Test. Für diesen war ich extra nach Hamburg gereist, um ihn bei meiner Freundin Katrin zu machen, die ich aus meiner Zivildienstzeit in St. Peter-Ording kannte und die seitdem quasi meine persönliche Ärztin des Vertrauens war.

Am 01. November 2013 war es somit amtlich: ich hatte HIV. Katrin hatte in ihrer E-Mail bereits liebevoll alle weiteren Informationen zusammengetragen, die in diesem Augenblick von Bedeutung waren, wie die Telefonnummer der Infektiologischen Institutsambulanz des UKE Hamburg Eppendorf, welche mit führend in der HIV-Therapie sind und sie hatte mir ebenfalls mitgeteilt, dass ich nur höchstpersönlich dort einen Termin ausmachen könne. Immer wieder hämmerten ihre Worte in meinem Kopf: „Je eher dahin - je eher davon“, die sie so treffend in ihre E-Mail geschrieben hatte.

Sie gab ihr Bestes um mir Zuversicht zu schenken während der Minuten unseres Telefonates. Wie bereits angesprochen, war ich erstaunlicherweise sehr rational in diesem Moment - immerhin ging es um nichts Geringeres als meine Gesundheit und mein Leben. Aber irgendwie machte sich in mir der Slogan „Es ist wie es ist, und nun müssen wir das Beste daraus machen“ breit und ich versprach Katrin, mich umgehend um einen Termin zu kümmern und sie auf dem Laufenden zu halten.

Nach Beendigung des Telefonates steckte ich mir noch eine rote Gauloises an, nahm mehrere tiefe Lungenzüge, blickte auf Stuttgart, welches mir zu Füßen lag und mir rannen ein paar Tränen die Wangen herunter. Ich ließ die Tränen von der eiskalten Luft trocknen. Nachdem ich zu Ende geraucht hatte, holte ich tief Luft, ging wieder rein, setzte mich an den Tisch zu meinen Freunden, frühstückte weiter, als wenn nichts sei und scherzte und lachte mit ihnen. Denn egal was kommen würde, in diesem Moment wollte ich einfach nur den Moment der Normalität für mich festhalten und so tun, als wäre nichts geschehen.

05 - Set fire to the rain

Irgendwann an diesem 01. November 2013 - Allerheiligen - fuhren Tom, sein Freund und ich zurück nach Augsburg. Ich nahm hinten rechts im Auto Platz und überließ das Steuer meines Audis dem Freund von Tom. Dies galt aber nur für die Fahrt nach Augsburg. Ansonsten war ich nicht gewillt, mich von dieser Schockdiagnose klein kriegen zu lassen, weiterhin alle Zügel in der Hand zu halten und meinen Nachtclub jetzt erst recht zu eröffnen. Innerlich war ich nach wie vor erstarrt von dem Ergebnis des Testes, doch äußerlich versuchte ich mir nichts anmerken zu lassen.

Gemacht hatte ich ihn ohnehin nur wegen dieser Lebensversicherung. Aber es half ja nun alles nichts - auf der Fahrt nach Augsburg und auch den Rest des Tages ging mir so viel durch den Kopf. Ich war nie besonders risikofreudig gewesen und immer auf Safersex bedacht. Aber es reichte offenbar ein geplatztes Kondom mit einem Exfreund und ein sexuelles Erlebnis mit einer Affäre ohne Kondom, um auf der Liste zu stehen.

Im Grunde spielte es auch keine Rolle, denn es war wie es war. Und damit muss man umgehen. Ich glaube dieses im Jurastudium erlernte pragmatische Denken und Handeln hat mir in dieser Zeit nicht nur eine Selbsthilfegruppe erspart, sondern mich auch insgesamt vor noch größeren Dummheiten bewahrt, die ich vielleicht nicht wieder hätte rückgängig machen können. Entgeistert war ich trotzdem. Auch über meine eigene Dummheit nie zuvor einen Test gemacht zu haben. Aber man denkt ja immer, es wird schon alles gut gegangen sein. Es wäre ja ungerecht, sowohl in der einen als auch der anderen Situation, wenn etwas passiert wäre. Dazu lässt sich nur sagen: Auf der Welt geht es nicht fair zu. Dieses Versprechen haben wir aber auch nie bekommen. Keiner von uns. Ganz eindringlich kann ich nur aus meiner Lebensgeschichte heraus den Appell formulieren: Bitte lasst Euch so regelmäßig wie nötig und möglich testen! Wie immer im Leben fand ich Trost in der Musik. Ich glaube die Menschheit lässt sich wirklich in zwei Gruppen einteilen. Während die einen mit ihrer Hilfe Erlebtes verarbeiten und auch Trost im Hören eben dieser suchen und finden, lassen die anderen sie lediglich im Hintergrund zu. Ich gehöre eindeutig zu der ersten Gruppe. Anders ist meine Leidenschaft beziehungsweise mein Hang zu Michelle, Rosenstolz und vielen anderen Künstlern gar nicht zu erklären. Und so fand ich in diesen Stunden Trost in einem Lied von Adele. Sie war nie meine Lieblingssängerin gewesen, eigentlich nicht mal in meiner Playlist vorhanden, aber irgendwie entdeckte ich ihr Lied: „Set fire to the rain“ und es wurde zu meinem Soundtrack der kommenden Monate. An diesem Tag der Heiligen sortierte ich meine Gedanken und mein Leben unter dem Pluszeichen neu. Versuchte Dinge für das Projekt Nachtclub anzuschieben, zu regeln gab es ja noch genug bis am 22.11. um 22:11 Uhr die Tore aufgehen sollten. Meine Freundin Katrin hatte mir direkt eine Krankmeldung ausgestellt - erstmal für die kommenden 14 Tage – wohl wissend, dass das wohl erst der Anfang von allem sein würde.

Am 02. November machte ich mich dann mit dem Auto auf den Weg nach Wolfsburg. Dort lebte mittlerweile Julius, der wohl charmanteste Flirt aus meiner Studienzeit in Tübingen. Rückbetrachtet kann ich Ihnen nicht erklären, warum ich unbedingt zu ihm wollte, aber irgendetwas zog mich in diesem Augenblick magisch in seine Nähe. Und so fuhr ich von Augsburg Kilometer für Kilometer gen Norden, die Republik zog an mir vorbei und Minute für Minute kam ich Julius näher. Ach ja, Julius. Vor Jahren, als ich in Tübingen studierte, schauten wir nicht nur zusammen „Brokeback Mountain“ im Kino an - und 2005 war die Welt in Tübingen noch lange nicht so liberal wie sie es heute ist.

Ja es ging mehr als ein Raunen durch die Reihen, als die vermeintlich heterosexuellen Cowboys auf die gegenseitige homoerotische Entdeckungsreise ihrer Körper und Gefühle gingen.

Am liebsten erinnere ich mich an den fast durchsichtigen gelben Pullover und ein oberkörperfreies Candlelight Dinner. Seine Karriere hatte ihn in „die.Stadt“ Wolfsburg geführt und nach ewig langer Fahrt kam ich um 21:13 Uhr endlich vor seiner Haustür an. Es war so herrlich schön, diesen Sonnenschein meines Lebens in diesem Moment zu sehen. Er hatte eine leckere Brotzeit vorbereitet. Wir tranken Crémant, dann kamen ein paar Freunde vorbei und es ging weiter zu einer der VIP Partys des Jahres. Auf „der.Party“ schmiss ich eine Flasche Ruinart Rosé Champagner, die Party begann, doch es stellte sich bei mir einfach keine Feierstimmung ein. Nach kürzester Zeit verspürte ich nur noch den Wunsch zu gehen.

Aufs Taxi wartend schiss mich Julius im wahrsten Sinne des Wortes auf dem Parkplatz für meine Unlaune zusammen. Tränenüberströmt stand ich vor ihm und brachte das allererste Mal einem Menschen gegenüber die Worte: „Ich bin HIV-positiv“ über die Lippen. „Ich weiß es seit gestern und Du bist der Erste, dem ich es sage. Entschuldige, dass ich Dir die Party versaut habe.“ Julius nahm mich in den Arm, drückte mich ganz fest an sich und das nicht nur auf dem Parkplatz, sondern auch die gesamte Nacht auf seinem Sofa. Dies sind unbezahlbare Momente. Einen solchen Freund in einer der schlimmsten Stunden des Lebens, kann kein Bankkonto aufwiegen. Am nächsten Morgen gingen wir bei „das.Brot“ zusammen frühstücken und als wir draußen im Sonnenschein saßen fragte er mich, was ich denn am liebsten heute tun würde und was mir wichtig wäre. Wen ich unbedingt sehen wollen würde. Ich musste gar nicht nachdenken und sagte: „Ich möchte meine Oma Käte sehen.“ In meinem Kopf fiel mir ihre Reaktion zu meinem Outing Jahre zuvor ein, als sie mit ihren über 80 Jahren ganz gelassen geantwortet hatte: „Ich sag immer, das Leben ist wie ein Kessel Buntes. Öfter mal was Neues.“ Und mir dann immer wieder „schwule Artikel“ aus ihrer „Welt am Sonntag“ ausschnitt und per Post nach Tübingen schickte. Oma, dafür danke ich Dir noch heute! Und so kaufte ich Kuchen, setzte mich ins Auto und fuhr in meinen Heimatort zu Oma. Ich verbrachte einen herrlichen Nachmittag mit ihr und ihrer Schwester. Ich glaube, ich wollte einfach nochmal mit meiner Oma lachen, bevor es weiterging in eine ungewisse Zukunft. Und wo ich schon mal in der Heimat war, überlegte ich, wen ich noch besuchen könnte. Jeder, außer meinen Eltern, kam in Frage – sie weilten zu dieser Zeit in ihrem wohlverdienten Urlaub auf Norderney.

06 - Die Wege des!ch sind unergründlich

In dem Moment als ich meine Oma in den Arm nahm um mich von ihr zu verabschieden, wusste ich ehrlich gesagt nicht, wie es weiter gehen sollte. Dass es irgendwie gehen musste, war klar. Doch ich merkte, dass ich nun etwas für mich tun musste.

Ich benötigte einen Gesprächspartner, welcher mir in dieser Situation zur Seite stehen würde und das mit mehr als guten Ratschlägen. So ist es auch in hastigen Zeiten immer gut, einen Moment innezuhalten. Ich stieg in meinen Audi, drehte den Schlüssel im Zündschloss und wusste instinktiv wohin meine Reise gehen sollte.

Für diese Adresse benötigte ich kein Navigationssystem, denn sie gehört zu den BIG SEVEN meines Lebens - meine Schulfreunde. Dieses Gefühl, man knüpft - egal wie lange das letzte Gespräch her ist - einfach nahtlos an den letzten Satz an, gepaart mit dieser unglaublichen Vertrautheit, das habe ich fast ausschließlich mit meinen Schulfreunden. Wahrscheinlich liegt es daran, dass wir in unserer Jugend nicht nur den ersten Alkohol getrunken und die erste Zigarette miteinander geraucht haben, sondern auch der erste Hangover gemeinsam durchstanden wurde.

Wir erlebten in unserer norddeutschen Heimat eine wahrlich beschauliche Jugend, in der sogenannten „heilen Welt“ auf dem Weg zum Abitur oder, um es mit anderen Worten zu sagen, auf dem Weg vom Kind zum Erwachsenen. Ob nun die großen Ereignisse, wie Scheunenpartys oder Oster- und Pfingstbälle, Heimatfeste oder die alltäglichen Dinge, wie Tennisunterricht, Siedler von Katan Abende, Inline-Skating – irgendetwas fiel uns immer ein, um der Langeweile auf dem Dorf zu entgehen. Ja wir hatten sie, diese oft gesuchte glückliche Kindheit und Jugend und das schweißt auf ewig zusammen. Nach kurzer Fahrt parkte ich mein Auto vor Julias Elternhaus.

Warum gerade Julia? Es hätten auch noch Kai, Steffi F., Rhea, Nina, Lena oder Steffi E. zur Auswahl gestanden. Aus den BIG SEVEN hat jeder seine ganz eigene Daseinsberechtigung in meinem Leben und ich möchte auch niemanden missen. Dennoch sind sie alle total unterschiedlich und das ist auch gut so. Eine Sonderstellung in dieser Truppe nimmt für mich Steffi F. ein. Wieso, Weshalb, Warum? Sie war 2002 der erste Mensch überhaupt vor dem ich mich outete und dieses Kamingespräch bei ihren Eltern im Hotel, beziehungsweise ihr Umgang damit, hatte für den weiteren Verlauf meines Lebens eine zentrale Bedeutung gehabt. Nach mehreren Drinks, noch mehr Zigaretten und einmal Zigaretten holen unterbrach mich Steffi in meinem mittlerweile mindestens 45-minütigen Monolog um den heißen Brei und sagte: „Sag mal Torsten, willst Du mir jetzt seit einer Dreiviertelstunde sagen, dass Du schwul bist?“ Ich antwortete: „Ja“ - sie stand auf, nahm mich in den Arm und sagte: „Das ist doch schön.“

Dafür werde ich meiner Steffi auf ewig dankbar und verbunden sein, denn wer weiß, wie alles gekommen wäre, wenn sie in diesem Gespräch anders reagiert hätte. Aber in diesem Moment lebte sie hochschwanger in Köln, freute sich auf ihren neuen Lebensabschnitt als Mutter, und war in dieser Situation sicher nicht die beste Wahl für meinen inneren Trouble. Mein einzig wirklicher heterosexueller männlicher Freund Kai lebte mittlerweile mit Frau und Kind in Frankreich, auch dies war für mich mehr als unpraktikabel. Ach, wie gerne erinnere ich mich auch heute noch an unsere gemeinsamen Studienjahre in Tübingen – er Zahnmedizin und ich Rechtswissenschaft. Die Abende auf meinem Balkon beim „Mensch ärger Dich nicht“ spielen – auch wenn wir 20 Runden hintereinander spielten, warf ich die sechsen teilweise mit Ansage und am Ende ging ich als Sieger ins Bett. Tja nach Sieg sah es derzeit nicht aus. Meine liebe Rhea, meine Schwester im Geiste, hatte von uns allen die international bedeutsamste Karriere gemacht – sie arbeitete für die Vereinten Nationen und war nach sieben langen Jahren in Kenia endlich dort angekommen, wo sie immer hinwollte – im European Headquarter in Genf. Von dort aus bereiste sie, mit ihrem Diplomatenausweis im Gepäck, auf verschiedensten Missionen mindestens die halbe Welt. Lena, Nina und Steffi E. waren noch relativ neu in ihrer „Mama“- Rolle und hatten somit alle Hände voll zu tun sich um ihren Nachwuchs zu kümmern. Irgendwie war es schon ein Treppenwitz meines Lebens, der jedem Klischee entsprach: Während meine Schulfreundinnen ihre Männer fürs Leben gefunden hatten und Kinder bekamen, hatte ich weder das eine noch das andere, dafür aber HIV im Gepäck. Das ist weder Neid noch Kritik, sondern ein Fakt, der zeigt, an welch unterschiedlichen Punkten wir in diesem besagten Herbst standen. Unabhängig von der Großartigkeit aller meiner BIG SEVEN im Allgemeinen und den unterschiedlichen Lebenssituationen jedes Einzelnen im Besonderen hatte ich nicht lange nachdenken müssen und war intuitiv in dieser Situation zu Julia gefahren. Neben unserer tiefen Verbundenheit hielt ich es für sehr hilfreich, dass Julia von Berufswegen das Zuhören gelernt hatte. So hatte sie einst nicht nur ihr Psychologiestudium mit Bestnote bestanden, sondern auch für ihre Doktorarbeit die Auszeichnung „summa cum laude“ erhalten. Mittlerweile verfolgte sie ihre Therapeutenausbildung, um danach als Psychologische Psychotherapeutin arbeiten zu können. Mich an ihren Pragmatismus erinnernd, klingelte ich. Wenn überhaupt jemand diesen Berg von Problemen in diesem Moment ertragen und mit mir tragen konnte, dann war es Julia. Als wenn es erst gestern gewesen wäre, hatte ich unseren Spaziergang, einen Tag nach meinem Outing bei Steffi, vor Augen und Julias darauffolgende Antwort: „Etwas anderes würde gar nicht zu dir passen.“ klang in meinen Ohren. Genau diese Klarheit der Gedanken brauchte ich jetzt dringend. Julia öffnete die Tür, nahm mich in den Arm und drückte mich ganz fest an sich. Was folgte war ein sehr langes, schonungslos offenes und ehrliches Gespräch über all den Mist, der mir widerfahren war. Natürlich konnte sie meine Probleme auch nicht wegzaubern, aber wie sagte bereits meine Oma immer: „Reden ist so wichtig.“ In gewisser Weise ist es auch so, denn in dem Moment, wenn Du deine Probleme mit jemandem teilst, wiegen sie nur noch halb so schwer. Es ist einfach was dran an den Worten: „Geteiltes Leid ist halbes Leid“.

Doch Julia wäre nicht Julia, hätte sie mir neben dem Teilen meiner Last, nicht auch noch einen Impuls mit auf den Weg gegeben, in welche Richtung ich meine Reise fortsetzen sollte. Ganz ihrem Ratschlag vertrauend verabschiedete ich mich, nahm sie und ihre Freundin und auch ihre Mama in den Arm – drückte sie alle ganz fest an mich, bestieg meinen Audi und steuerte mein nächstes Ziel an.

Als nächstes klingelte ich bei dem Menschen, den ich länger kenne als jeden anderen auf dieser Welt : Meinen fünf Minuten älteren Zwillingsbruder Jens. Vielleicht stehen die 5 Minuten für unsere Beziehung, denn es gibt es keinen Menschen auf der Welt dem ich gleichermaßen so nah und doch so fern bin. Kein Mensch, der sich sowohl optisch als auch im Denken und Handeln mehr von mir unterscheidet, als er. Viele behaupten es gäbe ein magisches Band unter Zwillingen. Oftmals habe ich es angezweifelt, doch in ein oder zwei Situationen meines Lebens schien es ein solches zu geben. In unserer Kindheit trieben wir als „Duo Infernale“ unsere Mama oftmals in den Wahnsinn, doch mit zunehmendem Alter wurden wir selbständiger. Diese Entwicklung stellte sich nicht nur im Tragen unterschiedlicher Pullover dar. Tja, da saß nun dieses „Duo Infernale“ im November des Jahres 2013 – der eine frisch verheiratet und der andere Single, dafür auf ewig mit seiner HIV-Diagnose verbunden. Wir sprachen über mein Leben und meine HIV-Diagnose, genauso wie über seine Hochzeit im Sommer in Las Vegas. Stolz präsentierte er mir all die Fotos in der Sonne Nevadas inklusive Elvis Presley Double, Casino und was sonst so zu einer typischen Vegas Hochzeit gehört. Noch heute erinnere ich mich daran, wie sauer unsere Mama gewesen war, dass er einfach am anderen Ende der Welt geheiratet hatte. Für mich hatte er damit ja an Format gewonnen. Denn, das stand für mich außer Frage, lieber den eigenen Traum von Vegas leben, als das Geld für eine ländliche „Bauernhochzeit“ ausgeben.

Dann hörten wir „Helene Fischer“ Musik - es war wohl unser kleinster gemeinsamer Nenner in diesem Moment. Für mich war er ja auch irgendwie „mein Copilot fürs Leben“. Irgendwann an diesem Abend kam seine Frau von der Arbeit und sie war ebenfalls sehr bewegt, doch sie versuchte, sich ihren Schock nicht anmerken zu lassen. Sie kümmerte sich ums Essen und zauberte Pizza, denn Pizza geht und schmeckt ja auch einfach immer und überall.

Es war auch nicht der richtige Moment, dass sich irgendjemand stundenlang in die Küche stellen sollte. Das Essen musste schmecken und satt machen und keinerlei Gourmetansprüchen genügen. Im Wohnzimmer bereitete sie mir später ein Schlaflager und völlig erschöpft, ja gar entkräftet schlummerte ich ein. Am nächsten Tag blieb mein Auto in Norddeutschland, denn ich hatte versprochen, es für ein paar Tage Julias Bruder zu leihen, weshalb mein Zwillingsbruder mich nach Augsburg fahren wollte. Doch vor der Abreise stand noch ein Besuch in unserem Elternhaus auf dem Plan. Ich hatte es mir in den Kopf gesetzt von dort unbedingt noch ein paar Sachen mitzunehmen. Mit einer Engelsgeduld ging er auf meine Wünsche ein und fuhr mich danach, samt des ganzen Krempels, welchen ich für wichtig erachtete, nach Augsburg direkt vor „meinen“ Nachtclub. Dort hatte ich ein Treffen mit meinem Team anberaumt, denn mittlerweile war bereits November und am nächsten Tag sollte das „Secret Opening“ stattfinden. Der Geburtstag meiner sogenannten „Freundin“, mit der ich wenige Tage zuvor auf Shopping-Tournee in Stuttgart gewesen war, stand im Kalender und sollte gebührend gefeiert werden. Mein Bruder fuhr auf direktem Wege zurück Richtung Heimat - er wollte sich weder den Club anschauen, noch wollte er die Leute treffen oder kennenlernen, die mich in diesem Projekt unterstützten. Er wünschte mir alles Gute und viel Erfolg und dann war er auch schon wieder weg. Ich war so in meinem eigenen Film, dass ich die Verstörtheit meines „Copiloten“ überhaupt nicht wahrnahm. Nun gut, ich hatte auch gar keine Zeit, denn es musste ja vorwärts gehen, HIV hin oder her, morgen war ein wichtiger Tag und den galt es zu besprechen. Denn mein eigens gewähltes Motto lautete ja: „Do whatever you want. But do it with passion and honesty“. Mein Team hatte sehnsüchtig auf meine Rückkehr nach Augsburg und die Ankunft im Club gewartet. Was folgte war die Besprechung des kommenden Abends mit ihnen.

07 - Secret opening

Während ich die Eröffnung des „einfach!ch extravagantes normales Augsburg“ für den 22.11 um 22:11 Uhr geplant hatte, sollte am 5. November ein sogenanntes „secret opening“ stattfinden. Zu Ehren einer, wie ich damals dachte, guten Freundin von mir, wollte ich ihren Geburtstag in meinem Nachtclub ausrichten. Sozusagen ein Probelauf für meinen Nachtclub.

Geladen waren die 40 „wichtigsten“ Augsburger respektive die, die sich dafür hielten: Geschäftspartner, andere Club - und Barbetreiber, Freunde und Menschen, die in Zusammenhang mit diesem Projekt standen. Ebenfalls hatte ich die lokale Augsburger Presse, namentlich die Neue Szene Augsburg und das Augsburg Journal eingeladen. Zusammen mit den Getränkelieferanten hatte ich es in kürzester Zeit geschafft, dass die Kühlschränke gefüllt waren mit Bier, Softdrinks, Wein, Sekt und Champagner. Alles war vorhanden, von günstig bis teuer. Sogar der gerade erst in Mode gekommene Moet Ice Champagner, den ich im Sommer auf Sylt im Roten Kliff genossen hatte, war in meinem Nachtclub zu bekommen.

Auch beim Wodka, der 2013 noch vielmehr in Mode war, als Gin es heute ist, hatte ich mich nicht lumpen lassen: So gab es Magnum Flaschen von Grey Goose und auch Belvedere stand in den verschiedensten Ausführungen verfügbar an der Bar. Das Geburtstagskind hatte ich ja bereits Tage zuvor in Stuttgart mit einem exklusiven Geburtstagsoutfit ausstaffieren lassen. Meine Spendierlaune kannte in diesen Tagen wirklich keine Grenzen. Ich schmiss mit dem Geld nur so um mich und verlor den Bezug zu eben diesem völlig aus den Augen. Heute weiß ich, dass genau dieser Realitätsverlust zum Geld eines der Hauptwarnsignale einer Manie ist. Damals hielt ich mich einfach nur für charmant großzügig. Gemeinsam mit meinem Nachbarn holte ich in einer schwarzen Stretchlimousine erst die drei besten Freundinnen samt Partner und dann das Geburtstagskind ab. Julian