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Ausgehend von seiner eigenen familiären Situation geht Filmemacher David Sieveking in diesem Buch der Frage nach: Wie nützlich und wie riskant sind eigentlich Impfungen? Er berichtet von seinen Recherchen und Erfahrungen mit dem kontroversen Thema und erzählt von den Herausforderungen, ein Kind aufzuziehen und dabei als Eltern Verantwortung für einen geliebten Menschen zu tragen. Als Zaria auf die Welt kommt, begrüßen die glücklichen Eltern, Jessica und David, ihre Tochter mit liebevoller Zuwendung und sie entwickelt sich prächtig. Nach wenigen Wochen steht der erste Impftermin beim Kinderarzt an. Das kleine Mädchen soll gegen acht verschiedene Krankheiten geimpft werden: Rotaviren, Pneumokokken, Diphtherie, Hepatitis B, Hib (Haemophilus influenzae Typ b), Keuchhusten, Kinderlähmung (Poliomyelitis) und Wundstarrkrampf (Tetanus). Mutter Jessica ist aufgrund ihrer schlechten Erfahrung mit dem Impfen dagegen. Sie hat Angst vor Nebenwirkungen oder gar einem Impfschaden, während David sich viel mehr Sorgen um die drohenden Krankheiten macht, auch wenn viele gefährliche Krankheiten bei uns mittlerweile zurückgedrängt sind. Jessicas Unbehagen bringt David dazu, sich intensiv mit etwas zu beschäftigen, das für ihn nie ein Thema war: Impfen hielt er immer für so selbstverständlich wie Zähneputzen. Impfen gehört in unserer Gesellschaft zur Grundausstattung des Menschen. Von Geburt an finden sich unsere Kinder in einem engen Netzwerk von immer wiederkehrenden Impfungen, dazu gehören auch die Immunisierung gegen Masern, Mumps, Windpocken, Meningokokken und Keuchhusten. Es gilt als verantwortungslos, wenn Eltern sich dagegen sperren oder sich kritisch mit dieser Thematik auseinandersetzen. Impfen wird vom Robert-Koch-Institut und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zu den wichtigsten und wirksamsten präventiven Maßnahmen der Medizin gezählt. Große Erfolge der Seuchenbekämpfung werden auf Schutzimpfungen zurückgeführt und die WHO betreibt ehrgeizige globale Impfprogramme zur Ausrottung von Infektionserkrankungen. Um den Familienfrieden zu wahren beschließt er, das Problem auf professionelle Weise anzugehen: er plant seinen nächsten Dokumentarfilm über das Reizthema. Seine Recherchen zeigen bald, dass Jessicas Bauchgefühl nicht aus der Luft gegriffen ist. Die Frage "Impfen – ja oder nein? Wann und was?" ist ein Dauerbrenner für Eltern auf Spielplätzen, Partys und in den Kitas. Aber auch unter renommierten Wissenschaftlern gibt es eine kontroverse Debatte, wie David bald feststellen muss. Während die kleine Zaria wächst und gedeiht, startet David seine investigative Recherche, die ihn um die halbe Welt führt und mit Forschern, Betroffenen und Ärzten zusammenbringt. Packend und sehr unterhaltsam erzählt David Sieveking von überforderten Eltern im Dschungel der Informationen. Und eröffnet ganz nebenbei völlig neue Horizonte in der Debatte über das Impfen. Zeitgleich zum Erscheinen des Buches läuft der gleichnamige Dokumentarfilm von David Sieveking in den Kinos.
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Seitenzahl: 404
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Die Ausführungen in diesem Buch wurden vom Autor recherchiert und dienen allein Informationszwecken. Sämtliche Angaben erfolgen trotz sorgfältiger Bearbeitung und Kontrolle ohne Gewähr. Insbesondere Angaben über Dosierungsanweisungen und Applikationsformen müssen im Einzelfall vom Anwender anhand anderer Literaturstellen auf ihre Richtigkeit überprüft werden. Eine Haftung des Autors, der Verlagsmitarbeiter, Berater, Vertreiber, Händler für den Inhalt dieses Werks und den eventuellen Folgen, die sich direkt oder indirekt daraus ergeben können, ist ausgeschlossen.
© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2018
Alle Rechte vorbehalten
www.herder.de
Umschlaggestaltung: Designbüro Gestaltungssaal
Umschlagmotiv: © farbfilm verleih GmbH, Christiane Feneberg
E-Book-Konvertierung: post scriptum, Vogtsburg-Burkheim
ISBN E-Book 978-3-451-81181-4
ISBN Print 978-3-451-32974-6
Für Jessica und unsere Kinder
Prolog: Impfmasern
1. Teil: Nestschutz
1. Zurück in die Zukunft
2. Impfung in anderen Umständen
3. Natürliche Kopfgeburt
4. Rätselhafter Kindstod
5. Wie die Medizin auf die Kuh kam
6. Nudging
2. Teil: Impfmüdigkeit
1. Viel Lärm ums Stillen
2. Auf dem Weg zur Vakzi-Nation
3. Angst ist kein guter Ratgeber
4. Interessenkonflikte
5. Impfunglücke
6. Gemeines Wohl
7. Mahnwache
8. Dirty little secrets
9. Totimpfstoffkrimi
10. Schlafentzug
3. Teil: Immuntraining
1. Wellenreiten
2. Ein Virus kommt selten allein
3. Spätfolgen
4. Old man’s friend
5. Schuss in den Ofen
6. Impfdetektiv im Drogenstaat
7. Paradigmenwechsel
8. Wendepunkt
Epilog: Lebenselixier
Anmerkungen zum fehlenden Quellenverzeichnis
Dank
Zum Autor
Ich bin ein Impfversager.
Der Laborbefund in meiner Hand zeigt es schwarz auf weiß. Obwohl ich als Kind gegen Masern geimpft wurde, steht da: »Serologisch kein Anhalt für Immunität«. Das heißt, bei mir war der Impfstoff offenbar wirkungslos oder hat seine Wirkung verloren. Zum Glück bin ich bislang auch ohne Schutz um die Masern herumgekommen. Das heißt aber auf der anderen Seite: Ich kann sie noch bekommen! Und gerade sind hier in Berlin die Masern ausgebrochen, es ist sogar die größte Ansteckungswelle seit zehn Jahren. Wenn ich jetzt eins nicht gebrauchen kann, dann sind das Masern!
Meine Lebensgefährtin Jessica ist hochschwanger, und unsere zweijährige Tochter Zaria (gesprochen Saria) denkt noch immer nicht dran durchzuschlafen! Wir habe wirklich genug Sorgen: Gerade sind wir Hals über Kopf aus unserer Kreuzberger Wohnung an den Stadtrand gezogen und leben inmitten von Umzugskisten. Das neue Haus ist noch eine halbe Baustelle, aus jeder Ecke ruft es »Arbeit! Arbeit!«. Hinzu kommt, dass die Kleine in ihre neue Kita eingewöhnt werden muss. Dabei ist unsere Elternzeit längst vorbei, und als selbstständig Tätige müssten wir uns eigentlich Vollzeit unseren Berufen widmen: Jessica als Filmkomponistin, ich als Dokumentarfilmer und Autor. Jetzt haben wir zwar ein Haus und im Prinzip genug Platz für die Kinder, aber dafür haben wir auch einen Berg Schulden.
Impfen sollte da wirklich noch unsere kleinste Sorge sein! Aber irgendwie haben wir uns in dem Thema festgebissen und die Impfentscheidung für unsere Tochter so lange vor uns hergeschoben, bis es sich zu einer Riesensache aufgeschaukelt hat. Nun geht es auch noch darum, das Neugeborene zu schützen, und der Masernausbruch vor unserer Haustür hängt sowieso wie ein Damoklesschwert über uns.
Während also alle Gedanken und Sorgen um unsere Kinder kreisen, kommt auf einmal dieser Brief aus dem Labor, der mir einen Spiegel vorhält: »DU bist das Problem!« Auf einmal bin ich als gefährliche Virenschleuder identifiziert. Nicht auszudenken, wenn ich unser Baby mit Masern anstecken würde, die gerade bei Neugeborenen zu lebensbedrohlichen Spätfolgen führen können.
Moment mal, was heißt denn dieses Laborergebnis jetzt? Schlagen bei mir vielleicht gar keine Impfungen an? Mein Impfpass ist gut gefüllt, vor allem mit Reiseimpfungen, nachgeprüft hab ich das aber nie. Bis vor Kurzem wusste ich auch gar nicht, dass es so einen Antikörper-Bluttest überhaupt gibt. Hab ich in Indien und Afrika einfach nur Schwein gehabt und hätte ich mir da ohne Weiteres Gelbfieber, Hepatitis oder Kinderlähmung einfangen können? Am Ende ist mein Impfversagen noch erblich, und ich gebe dieses Immundefizit auch noch meinen Kindern weiter!
Dieser enttäuschende Laborbefund kommt zu einer Zeit, in der ich mich sowieso schon als Impfversager fühle. Nicht im medizinischen Sinne, was mein Immunsystem betrifft, sondern in meiner Rolle als Vater. Ich habe bis dato als Erziehungsberechtigter darin versagt, meine Tochter wenigstens gegen Masern impfen zu lassen, und sie somit unnötig in Gefahr gebracht! Damit nicht genug. Dadurch, dass unsere Tochter andere anstecken kann, ist sie auch noch ein Risiko für unsere Mitmenschen. Ich habe also nicht nur privat-individuell, sondern auch öffentlich-sozial versagt. Sie ist zwei Jahre alt und noch gegen gar nichts geimpft. Normalerweise hätte sie nach medizinischem Standard in Deutschland schon über ein Dutzend Impfungen gegen dreizehn verschiedene Krankheiten erhalten sollen.
Gerade hat Zaria im Nebenzimmer ihre allabendliche stundenlange Ich-schlaf-nicht-ein-Arie beendet, und Jessica und ich liegen selber todmüde im Bett. Es sind die ersten Minuten an diesem Tag, in denen wir in Ruhe etwas besprechen können. Meistens schläft Jessica in dieser hochschwangeren Phase schon vor unserer Tochter, aber unser Baby in spe hat wohl Schluckauf und strampelt so ungestüm herum, dass an Ruhe nicht zu denken ist.
»Du, Schatz«, beginne ich vorsichtig, während ich Jessica sanft über das Haar streichele. »Die Kleine ist ja gerade zur Abwechslung mal gesund. Sollten wir da nicht die Gelegenheit nutzen und gegen Masern impfen, bevor sie sich gleich wieder was einfängt?« Leider kann ich dabei nicht ihren Gesichtsausdruck beurteilen, denn seit einiger Zeit können wir wegen ihres Bauchumfangs nur noch in Löffelposition aneinander liegen. »Die haben jetzt den Einzelimpfstoff in der Praxis, und wir sollten es hinter uns bringen, bevor der wieder vergriffen ist.«
Eigentlich sind wir uns ja einig, unsere Tochter Zaria gegen Masern zu impfen, besonders in dieser akuten Ausbruchsituation. Es gibt sogar schon Masernfälle in unserem Bekanntenkreis. Und eine Freundin hat neulich ihren Besuch mit ihrem Baby, das noch zu jung für eine Masernimpfung ist, bei uns abgesagt. Sie hatte erfahren, dass unserer Tochter nicht geimpft ist. Seitdem ein anderthalbjähriger Junge in einer Berliner Intensivstation an den Folgen einer Masernerkrankung gestorben ist, wird über eine Impfpflicht diskutiert.
Wir wollen ja auch gerne impfen! Allerdings ist Jessicas Bedingung, dass die Kleine kerngesund sein muss vor der Injektion, um ihr Immunsystem nicht zu überfordern. Aber kerngesunde Kinder im zweiten Lebensjahr sind meiner Erfahrung nach ein Widerspruch in sich. Unsere Tochter hangelt sich jedenfalls seit einem Jahr von einem Infekt zum nächsten. So gesehen ist sie momentan erstaunlich gut dran! Da hört man ein deutliches Husten aus dem Babyphon. Ich räuspere mich zur Ablenkung, aber es nützt nichts.
»Von wegen gesund!«, bemerkt Jessica.
»Ach das bisschen Husten. Wenn dich das schon stört, dann stell dir mal vor, sie kriegt jetzt die Masern so kurz vor der Geburt. Dann liegt sie wochenlang im Bett und du musst in den Kreißsaal!?« Schweigen. Ist sie beeindruckt? »Und so ein Masern-Lebendimpfstoff«, setze ich nach, »ist ja eigentlich auch richtig gesund und wie eine natürliche Erkrankung! Das wird unsere Kleine nicht nur vor Masern schützen, sondern auch insgesamt widerstandsfähiger machen.«
»Bevor Zaria geimpft wird, sorg du erst mal für deinen eigenen Schutz«, erwidert sie trocken. Autsch!
»Kann ich ja machen! Aber trotzdem, jetzt, wo Zaria in die Kita geht, ist es viel wahrscheinlicher geworden, dass sie sich mit Masern ansteckt.«
Jessica ist zum Glück keine irrationale Impfgegnerin, die irgendwelchen Verschwörungstheorien anhängt oder davon überzeugt ist, dass es keine krank machenden Viren gibt. Sie glaubt schon daran, dass Impfungen im Prinzip funktionieren, aber sorgt sich um die Nebenwirkungen der Präparate. Ihre Einstellung ist vor allem auf ihre eigene schlechte Erfahrung mit Impfungen zurückzuführen. Sie hat auf Spritzen schon immer sehr sensibel reagiert. Überhaupt kenne ich keinen Menschen, der so empfindlich reagiert, selbst auf extrem gering dosierte Substanzen. Sie hat eine Paracetamol-Allergie und nimmt nur sehr, sehr ungern Medikamente. Und wenn doch, dann meist nur eine Dosis für Kleinkinder. Schmerztabletten werden grundsätzlich zerkleinert und portionsweise eingenommen, wenn überhaupt. Ein Glas Wein wirkt bei ihr wie anderthalb Flaschen bei mir. Ihre erste und einzige Erfahrung mit Cannabis klingt wie mein kühnster LSD-Trip.
Damals bei unserem ersten romantischen Abend in einer Bar dachte ich erst, sie sei ein »cheap date«, weil sie schon nach dem ersten Drink so aufgekratzt war. Doch an ihrer Haustür war erst mal Endstation und der Weg in ihr Schlafzimmer noch ein weiter. Auch eine Billigpizza für 1,99, zu der ich sie an einem der folgenden Abende einlud, brachte noch nicht den erhofften Umschwung. Immerhin unterhielten wir uns sagenhafte vier Stunden an einem wackligen Stehtisch. Ich erzählte ihr vom langen Abschied meiner Mutter, die seit einigen Jahren mit Alzheimer diagnostiziert war, und sie berichtete mir vom plötzlichen Herzinfarkt-Tod ihres Vaters vor einigen Jahren. Wir schenkten uns von Anfang an viel Vertrauen, und als es dann nach diversen Kinobesuchen und einer gemeinsamen Reise endlich zur Sache ging, ließ der Kinderwunsch nicht lange auf sich warten.
Eben durchbricht das Husten unserer Tochter die nächtliche Stille.
»Ist sie denn zugedeckt?«, fragt Jessica.
»Ich glaube schon«, flunkere ich, »aber ich guck lieber mal.«
Seufzend stehe ich auf und gehe ins Kinderzimmer. Dort liegt unser Kind, natürlich ohne Decke. Wir haben anfangs versucht, diesen ärztlichen Rat zu befolgen, Neugeborene nicht unter Decken zu legen, sondern in Schlafsäcke zu stecken. Aber Zaria hat dann eine Schlafsackaversion entwickelt und immer verzweifelt versucht, sich den Stoff vom Leib zu reißen, bis wir es aufgaben. Das Risiko, sie könnte ersticken, ist auch gleich null, da sie jegliche Bettdecke in Nullkommanix wegstrampelt. Nun treibt Jessica aber offenbar die Sorge um, Zaria könnte erfrieren. Um sie davor zu bewahren, muss man warten, bis sie tief eingeschlafen ist, dann kann man sie heimlich zudecken. Aber das ist kein Zustand von Dauer. Aber um Jessica den Gefallen zu tun, decke ich sie noch einmal zu.
»Sie hustet bestimmt, weil sie unterkühlt ist«, stellt Jessica fest, als ich zurück ins Bett krieche.
»Unterkühlt? Ihr ist eher zu heiß, ich hab mal das Fenster aufgemacht. Kalte Luft beruhigt den Husten.«
»Das kann ja sein, aber ihr Körper muss dabei warm sein! Hast du ihr Socken angezogen?«
»Noch nicht.«
»Und wann willst du das machen, hast du dir nen Wecker gestellt?« Jessica macht umständliche Anstalten aufzustehen und ächzt mit ihrem riesigen Bauch.
»Ist ja gut, ist ja gut, ich geh ja schon. Aber ICH mag das nicht, mit Socken schlafen.«
»Aber du liegst auch unter deiner Decke«, ruft sie mir hinterher.
Prinzipiell prallen bei uns zwei Weltsichten aufeinander: Jessica glaubt dauernd, dass dem Kind zu kalt ist und es sich erkältet, weil es zu wenig anhat. Ich hingegen denke, dem Kind ist zu heiß, sodass es schwitzt und es sich dann erst recht unterkühlt. Wie beim Impfen schließen wir beide von uns selber auf unser Kind: Jessica ist ständig am Frieren, und mir ist immer zu heiß. So sind wir als Paar eigentlich eine gute Kombi: Ich bin quasi ihre Wärmflasche, und sie kann mich unter einer warmen Decke angenehm runterkühlen. Aber nach wem kommt nun unser Kind?
Mich bringt man nicht so schnell zum Kochen, während Jessica deutlich schneller in Wallungen gerät – auch wieder eine gute Mischung, im Prinzip. Trotzdem wünschte ich mir in so einer Nacht, wenn das Kind halbwegs schläft, dass wir die kostbare Zeit nicht mit banalen Rechthabereien verschwenden. Mir kommt ein Spruch in den Kopf, der Woody Allen zugeschrieben wird: »Die Ehe ist ein Versuch, gemeinsam mit Problemen fertig zu werden, die man alleine gar nicht hatte.« Wir sind zwar nicht verheiratet, aber der Satz trifft umso mehr auf das gemeinsame Aufziehen von Kindern zu. Nicht in meinen kühnsten Träumen hätte ich mir ausmalen können, worüber Jessica und ich mal streiten würden. Bei Jessica lösen schon Tomatenflecken einen Tsunami aus, die unweigerlich beim Spaghetti-Essen mit Kind entstehen. »Ist doch halb so wild«, versuche ich dann zu beruhigen. »Du hast gut reden, du musst es ja nicht waschen!« »Na, dann lass es halt drin.« »So kann sie doch nicht rumlaufen.«
Kein Wunder, dass Kinder Trennungsgrund Nummer eins sind. Ohne gemeinsamen Nachwuchs würde man wohl kaum mit seiner Geliebten zermürbende Diskussionen über angemessene Kinderbekleidung oder das richtige Spielzeug führen.
Und wer streitet schon mit seiner Freundin übers Impfen, wenn keine Kinder im Spiel sind? Die Frage, ob dem Nachwuchs zu warm oder zu kalt ist, kann man ja noch relativ einfach objektivieren. Aber beim Impfen geht das nicht so einfach. Eine Impfung kann man nicht mehr rückgängig machen. Das Kind kann da auch nicht mitentscheiden und Bescheid geben, ob es diese oder jene Immunisierung wünscht. Eine Einstellung à la »Lieber zu viel als zu wenig geimpft« wäre vernünftig, wenn wir als Ärzte ohne Grenzen in Afghanistan oder Zentralafrika arbeiten würden. Dort wäre die Angst vor tödlichen Infektionskrankheiten nachvollziehbar, die bei uns im Großen und Ganzen extrem selten geworden sind. Dem steht die Angst vor schweren Nebenwirkungen von Impfungen gegenüber. Die seien zwar noch viel seltener und unwahrscheinlicher als die Gefahr, sich mit Krankheiten zu infizieren und die Folgen auszubaden, heißt es offiziell. Aber in Jessicas Augen ist es eben sehr wahrscheinlich, dass sie ihrem Kind die eigene Sensibilität in der Reaktion auf Impfungen vererbt hat.
Ein kurzer Hustenanfall, der in ein klägliches Jammern mündet, holt mich aus meinen Gedanken zurück. Ich will mich aufraffen, doch da hat sich unsere Tochter schon beruhigt.
»In der Kita hat Zaria jeden Tag mit Rotznasen und Husten zu tun«, nehme ich den Faden wieder auf. »Ein Wunder, dass es ihr momentan so gut geht. Wenn wir jetzt nicht handeln, können wir sie nie impfen. Zumindest nicht vor der Geburt.«
»Lass du dich doch impfen, wenn du so scharf drauf bist! Ehrlich gesagt, bist du ja der, der dauernd Leute trifft, mit der U-Bahn rumfährt und uns die Keime ins Haus schleppt.«
»Kein Problem!« Jetzt gerate selbst ich langsam in Wallungen. »Ich lass mich gerne jederzeit impfen, ich mach da nämlich kein Riesendrama draus!«
»Aber ist ja sowieso egal, was man dir spritzt – du reagierst ja eh nicht drauf!«
Obwohl ihr Tonfall grimmig ist und ich ihr Gesicht nicht sehe, spüre ich wie die Stimmung ins Absurde kippt. »Wenn ich gewusst hätte«, setzt sie nach, »dass du ein Impfversager bist!«
Jetzt müssen wir beide kichern.
Zaria schläft auf der Rückbank, während uns eine Brücke über die gemächlich dahinfließende Havel zur anderen Seite von Berlin führt. Wir lassen dicht besiedeltes Gebiet hinter uns und biegen ab auf eine Allee, rechts und links nur noch Wald. Das hier ist zwar offiziell noch Berlin, aber in Kladow ticken die Uhren langsamer. Immobilienmakler werben in dieser Gegend mit einem »anderen« Rhythmus, hier könne man einen Gang runterschalten – Nähe zur Natur und Entschleunigung statt Großstadthektik. Weder Rettungswägen noch eine Notaufnahme erwarten einen am Eingang der Anthroposophischen Klinik Havelhöhe, sondern ein Demeter-Laden und ein Blumengeschäft. Dann erst mal wieder Wiesen und Bäume, bevor weitere Gebäude auftauchen. Krankenschwestern kreuzen in lilafarbener Arbeitskleidung.
Die Gegend hier gilt als gallisches Dorf mit einer der niedrigsten Impfquoten Berlins. Wer sich nicht an die offiziellen Impfempfehlungen hält, wird in der Klinik Havelhöhe nicht unter Druck gesetzt, es ist eher umgekehrt. Hier werden die Sorgen der Eltern um schädliche Wirkung von Impfungen ernst genommen. Sehr ernst. Es ist heute nicht unser erster Impftermin, vor ein paar Wochen waren wir schon mal vergeblich hier. Die Kleine hatte etwas Schnupfen und eine leichte Bindehautentzündung. Die meisten Ärzte würden trotzdem impfen, und auch die Hersteller empfehlen, sich nicht durch einen banalen Infekt abschrecken zu lassen. Hier heißt es: Lieber warten, bis das Kind vollständig gesund ist.
Aber mir reicht es jetzt! Es kann doch nicht sein, dass man drei Stunden Lebenszeit und jede Menge Sprit verbrennt, dann niest das Kind einmal, und alles war für die Katz! Diesmal habe ich einen Plan. Es ist schließlich höchste Eisenbahn: Wir haben Mitte Oktober, und Anfang November soll das nächste Kind kommen. Die Zeit drängt! Meine Idee ist, dass ich mich heute noch vor meiner Tochter impfen lasse. Das wird ihr die Angst und ihrer Mutter die Sorgen nehmen!
»Eigentlich sollte man ein Kind in einem impffähigen Alter«, stellt die Ärztin fest, die sich schon über zwanzig Jahre kritisch mit dem Impfen beschäftigt, »gegen Masern impfen, damit das Neugeborene geschützt ist.«
»Meine Sorge ist halt, sie jetzt zu impfen, wo sie nicht topfit ist«, entgegnet Jessica und ich verdrehe die Augen. »Ich hab einfach Angst, dass es sie dann richtig umhaut.«
»Ach, die hustet doch höchstens einmal am Tag!«, versuche ich zu beschwichtigen.
»Sie hustet vor allem nachts!«
»Also etwas Husten«, kommentiert die Ärztin unseren Austausch, »wäre im Prinzip der Ausdruck eines aktivierten Immunsystems, wo man nicht reinimpfen sollte. Ohne Fieber habe ich da aber keine großen Bedenken. Grundsätzlich ist es allerdings so: Bei Lebendimpfstoffen wie gegen Masern, Mumps und Röteln werden zwar nur abgeschwächte Virusstämme verwendet. Aber die können natürlich das Immunsystem aktivieren und zu Fieber führen. Bei der Masernimpfung kann es nach zehn bis zwölf Tagen auch zu Impfmasern kommen. Das ist ein roter Ausschlag, der sich meistens von oben nach unten über den Körper zieht und dann wieder abklingt.«
Ich sehe mit Schrecken, was diese Schilderung bei Jessica auslöst, die mitleidig auf unsere Tochter blickt, die unbedarft in der Spielecke mit einer Holzente zugange ist.
»Wenn man so zum Geburtstermin impft, stellt sich schon die Frage, wie günstig das ist«, fährt die Ärztin mit einem Seitenblick auf Jessicas Bauch fort. »Es kann natürlich sein, dass sie dann nicht so gut dran ist.«
»Und dann sitze ich hochschwanger da …«
»Insofern ist das natürlich«, fährt die Ärztin vorsichtig fort.
»… ein blöder Zeitpunkt. Genau!«
»Letztlich muss so eine Entscheidung immer gemeinsam von den Eltern gefällt werden, weil auch die Konsequenzen gemeinsam zu tragen wären.«
»O Mann, so wird Zaria doch nie geimpft!«, hake ich mich wieder ein. »Denkt mal daran, wie krank die anderen Kinder in der Kita sind. Die sind alle völlig verrotzt und kränker als Zari. Ich sehe jetzt noch ein Fenster, wo man impfen kann, und das geht gleich wieder zu.«
Doch leider verfangen meine Argumente nicht sonderlich, Jessica schaut unbeeindruckt und nimmt Zaria schützend in die Arme. Mein Plan wankt bedrohlich, und ich gehe in die Offensive: »So, wir impfen mich jetzt mal auf jeden Fall!«
Wenigstens für mich kann ich noch selber entscheiden und mich so viel impfen lassen, wie ich will. Entschlossen hole ich meinen Impfpass aus der Tasche und lege ihn der Ärztin vor.
»Da guckt ihr? Papa wird heute geimpft!«
»Das wäre natürlich eine Katastrophe«, konstatiert Jessica kopfschüttelnd, während die Ärztin meinen Impfpass begutachtet, »wenn dann die Geburtswehen losgehen und du mit Fieber zu Hause liegst, wenn ich für die Geburt in den Kreißsaal muss.«
»Papperlapapp, ich hab doch noch nie ernsthaft auf eine Impfung reagiert, mach dir mal keine Sorgen …«
»Ich schlepp dich ins Krankenhaus, ich sag’s dir, nur damit du Bescheid weißt! Ich brauch dich dann, das weißt du.«
»Ja, ich weiß. Ich bin auch für dich da.«
Die Prüfung meines Impfpasses ergibt, dass ich 1979 gegen Masern geimpft wurde, aber bislang nur einmal, somit eine zweite Masernimpfung offiziell empfohlen wird und medizinisch indiziert ist.
»Gibt’s denn Väter«, frage ich, »die dann plötzlich ausfallen wegen einer Impfung vor der Geburt?«
»Es gibt nicht so viele, die genau zehn Tage vor einer Geburt impfen. Aber es gibt auch Väter, die ohne Impfung ausfallen für die Geburt.«
»Ja, klar!«, schaltet sich Jessica ein. »Aber man muss es ja nicht herausfordern. Das ist einfach ein doofes Timing so.«
»Aber jetzt stell dir mal vor, ich krieg richtige Masern. Das wär erst recht Scheiße!«
»Die kriegst du aber jetzt nicht.«
»Wie schnell ist denn die Impfung wirksam?«, wende ich mich an die Ärztin.
»Die Impfung baut ihren Schutz ungefähr nach vierzehn Tagen auf. Da geht’s los.«
Auch keine gute Nachricht für Jessica.
»Na super! Und das Kind soll schon in neun Tagen kommen.«
»Dann musst du halt noch ein bisschen warten«, beschwichtige ich Jessica und wende mich mit einem möglichst entspannten Lächeln zu meiner Tochter: »Guck mal, Zaria, Frau Doktor holt jetzt eine Spritze, wie in deinem Arztkoffer.«
Während die Ärztin den Impfstoff mit einer kleinen Spritze aufzieht, mache ich meinen Oberarm frei. Mit weit aufgerissenen Augen beobachtet Zaria, wie die Ärztin zusticht, und schwuppdiwupp bin ich auch schon geimpft. Herrlich einfach geht das! Und zwickt weniger als ein Mückenstich. Die Kleine würde das bestimmt auch locker wegstecken. Doch leider hat meine demonstrative Motivationsspritze nicht den erwünschten Effekt.
»Na, willst du jetzt auch ne Spritze?«, frage ich Zaria.
»Nee!«
Aber auch bei mir wirkt der Pikser anders als gedacht. Eine Woche nach der Impfung bekomme ich auf einmal heftige Kopf- und Gliederschmerzen, das Fieberthermometer steigt über 39 Grad. Verkehrte Welt: Anstatt dass ich mich um die hochschwangere Jessica kümmere, bringt sie mir Tee und Wärmflasche ans Bett. Sie ist nicht amüsiert. Nur die Kleine hat ihren Spaß und freut sich, mich verarzten zu können. Dauernd will sie Fieber messen. Auf meinem Bett hat sie ihr rotes Arztköfferchen aufgeklappt und die Utensilien auf dem Bett verteilt. Gerade klopft sie mit einem kleinen Reflexhämmerchen auf meinen Kopf. Aua!
Ich muss zugeben, der Schuss ist nach hinten losgegangen, und zwar gründlich. Diese Impfreaktion ist viel heftiger, als ich es jemals erlebt habe! Was ist nur mit meinem Immunsystem los? Dabei passiert eigentlich genau das, was in der Packungsbeilage als häufige Nebenwirkung beschrieben wird. Nach sieben bis zehn Tagen bekommen viele Geimpfte für zwei bis drei Tage Fieber verbunden mit Kopf- und Gliederschmerzen. Ich blicke auf meine Arme: Noch sind keine Impfmasern zu sehen.
»Kannst du bitte die Rollläden runterlassen«, bitte ich Jessica bei ihrem nächsten Besuch, »das Licht tut mir in den Augen weh.«
»Also, wenn das Baby jetzt kommt, musst du Paracetamol schlucken und mit ins Krankenhaus«, bemerkt sie trocken und lässt schlagartig die Rollläden herab.
»Ich verspreche dir, zur Geburt bin ich wieder fit!«
Ich will gar nicht dran denken: Wer sollte Jessica jetzt ins Krankenhaus fahren? Bei der ersten Geburt vor gut zwei Jahren war Hochbetrieb in der Geburtsstation, und die Hebammen hatten alle Hände voll zu tun. Die meiste Zeit waren wir alleine, und ich musste stundenlang im Kreißsaal stehen, mitten in der Nacht, um Jessica festzuhalten, die sich schmerzerfüllt an mich klammerte. Es war unfassbar anstrengend. Ich war am Ende meiner Kräfte und am nächsten Tag ein Wrack. Diesmal bin ich schon vor der Geburt ein Wrack!
»Bitte, bitte, lieber Gott«, flüstere ich nachts unter Schüttelfrost mit gefalteten Händen: »Ich glaub zwar nicht an dich, aber wenn es dich doch geben sollte, hilf uns bitte und mach, dass das Baby ein bisschen später kommt, ja?«
Mein einziger wirklicher Trost in diesem ganzen Schlamassel ist, dass mein Immunsystem offenbar gerade fleißig damit beschäftigt ist, einen Schutz vor Masern aufzubauen.
Von wegen Impfversager!
Eigentlich habe ich nichts gegen Veränderungen. Ich würde mal sagen, ich bin kein ausgesprochenes Gewohnheitstier und passe mich gerne an. Aber ich muss nicht derjenige sein, der die Veränderungen einleitet. Sowieso ist alles dauernd im Wandel in der Welt, dann muss man es nicht forcieren.
Im Gegensatz zu meinen Schwestern, die gleich nach dem Schulabschluss zu Hause ausflogen, war ich mit Anfang zwanzig der Letzte in meinem Freundeskreis, der noch zu Hause wohnte. Ich hatte mich in einer Uni in Frankfurt am Main nicht weit von meinem Kinderzimmer in Bad Homburg eingeschrieben und lebte ein behagliches Leben als Scheinstudent. Eigentlich war ich als Praktikant in einer Filmproduktion tätig und hatte begonnen, mich an Filmhochschulen zu bewerben. Meine Mutter machte sich große Sorgen, wie ich denn in der unsicheren Filmbranche ein Auskommen finden würde, und sorgte für gutes Essen. Sie hätte es lieber gehabt, wenn ich Jura studiere, um mir zumindest noch ein sicheres Standbein aufzubauen. Ein guter Schulfreund, der diesen Weg eingeschlagen hatte, blies ins gleiche Horn: »David, willst du nicht auch noch was Ordentliches lernen? Es ist ja schön, dass du gerne Filme machst, aber du willst doch mal eine Familie ernähren?« So blieb ich dann auch erst mal sicherheitshalber im Hotel Mama wohnen, bis es mit einer Bewerbung an der Filmakademie klappte und ich den Sprung weit in den Osten nach Berlin wagte.
Die Studenten-WG, die ich für mein Filmstudium bezog, fühlte sich zwar erwachsen und unabhängig an, aber meine Mutter überwies dennoch für das folgende Jahrzehnt die Miete. Einmal in meinem WG-Zimmer eingenistet, sah ich keinen Grund, meinen Standort zu ändern. Die Gegend in Kreuzberg war sowieso heftig im Umbruch, alle paar Jahre änderte sich das Publikum, neue Cafés und Läden schossen aus dem Boden, alte Kneipen und Trödler wichen. Im Grunde schon selber Teil der fortschreitenden Gentrifizierung, wollte ich auf dieser notorischen Veränderungswelle nicht mitreiten. Ich verlegte meinen Wohnort nur einmal nach fünf Jahren um drei Meter, von einem Zimmer ins andere meiner Zwei-Personen-WG. Um mich herum zogen immer mehr junge Leute ein, die alten Mieter verschwanden, und irgendwann gehörte ich selber schon zu den Alteingesessenen. Aber das störte mich überhaupt nicht. Die Mitbewohner kamen und gingen. Die WG-Partys wurden immer seltener. Bis ich meine Zimmernachbarn begann »Untermieter« zu nennen und anfing, mich über laute Musik zu beschweren. Meine Wohnungsgenossen waren auch irgendwie jünger geworden, beziehungsweise, ehrlich betrachtet, war ich älter geworden: Auf einmal schon über dreißig! Im Spiegel konnte man die grauen Haare nicht mehr leugnen, auf dem Boden des Friseurs wurden die letzten rein dunklen Büschel aufgekehrt.
»Ich hab leider überhaupt kein Geld mehr«, entschuldigte sich meine Mutter im Supermarkt bei der Kassiererin und stellte mich vor: »Das ist mein Mann.«
»Oh, da haben sie aber Glück mit dem netten jungen Mann!«, bemerkte die Kassiererin mit den schwarz gefärbten Haaren und lackierten Fingernägeln augenzwinkernd, während ich die Einkäufe bezahlte. Ich hatte es mittlerweile aufgegeben, meiner Mutter dauernd zu widersprechen. Seit mein Vater vor einer guten Woche in den Urlaub gefahren war und ich mich um sie kümmerte, hielt sie mich für meinen Vater und redete mich beharrlich mit »Malte« an. In den ersten Tagen hatte ich ihr noch zigmal erklärt: »Ich bin David, dein Sohn.« Irgendwann kam es mir schon vor wie ein Zitat aus dem Alten Testament: Gewichtig im Klang, aber ohne große Wirkung heutzutage, besonders bei einer überzeugten Atheistin wie meiner Mutter.
»Ich bin dein Sohn David.«
»Wirklich? Und ich dachte, du seist der Vater.«
Irgendwann ließ ich es dann gut sein. Warum sollte ich sie auch dauernd verbessern und darauf bestehen, ihr Sohn David zu sein, wenn sie es sowieso gleich wieder vergessen hatte? Es gab schon genügend Dinge, auf die ich dauernd bestehen musste: »Gretel, bitte! Zähne putzen ist wichtig!« »Komm Gretel, zieh doch eine Hose an, das ist zu kalt so!« »Bitte steh auf, wir müssen zum Arzt!« »Nicht die Serviette essen!«
In den Augen meiner Mutter ihr Mann Malte zu sein, schien auf den ersten Blick auch kein Nachteil. Sie nannte ihn damals, wenn ihr sein Name nicht einfiel, einfach ihren »Wichtigsten«. Und da er nicht da war und ich mich um sie kümmerte, wurde eben ich der »Wichtigste«.
»Wie alt ist sie jetzt eigentlich?«, fragte mich Frau Sukran, die türkische Friseurin, die meiner Mutter schon seit zwanzig Jahren die Haare schnitt und ihren geistigen Abbau in den letzten Jahren miterlebt hat.
»Sie ist 73«, antwortete ich.
»Wer?«, schaltete sich meine Mutter keck ein.
»Na du! Du bist 73.«
»Ach Quatsch!«, winkt Gretel vehement ab, und wir mussten alle lachen.
»Was denkst du denn, wie alt du bist?«, hakte ich nach.
»Na, so wie du!«
Frau Sukran und ich zwinkerten uns zu.
»Und der Papa, lebt der noch?«
»Ja, ja, der ist gerade nur im Urlaub«, erkläre ich der Friseurin. »Er hat das bis jetzt praktisch alleine gemacht mit der Pflege.«
»Sind die verheiratet, dein Papa und die Mama?«
»Ja, die sind verheiratet.«
»Ich?«, wollte Gretel da wissen. »Meinst du mich? Was behauptest du da?«
»Ich behaupte, dass du verheiratet bist.«
»Mit wem? Mit dir vielleicht? Das wär ich gern!«
Mir klopfte das Herz, als ich Jessica zum ersten Mal meiner Mutter vorstellte. Dass meine Mutter meine Frauenwahl begrüßte, war nicht selbstverständlich. Sie hatte immer Sorge, dass die Gutmütigkeit ihres geliebten Sohnes ausgenutzt werden könnte durch die »unverschämten« Ansprüche einer Freundin. In dieser Hinsicht hatte sie bei meinen letzten Freundinnen auch nicht ganz falsch gelegen. Jessica ist die dritte ernst zu nehmende Beziehung in meinem Leben und mit Abstand die liebenswürdigste. Und zum Glück reagierte meine Mutter auf Anhieb mit Begeisterung:
»Oh, ein Engel!«, stellt sie ehrfürchtig fest und war sichtlich beeindruckt von Jessicas langen blonden Haaren, die ihr über die Schultern fielen. Als wir uns umarmten, ließ Gretel uns höflich alleine und später beim Essen kommentierte sie unser Schmusen: »Sehr gut! Weiter so!«
Als Jessica eine Haarlocke ins Gesicht fiel, flüsterte Gretel mir zu: »Guck mal, die Wilde.«
Später, nachdem ich meine Mutter nach einer mühevollen Zahnputzaktion ins Bett gebracht hatte, fragte sie mich:
»Wo sind denn deine Kinder?«
»Ich hab leider noch keine!«
»Du weißt aber schon, wie man sie machen könnte, oder?«
Ich nickte lächelnd und wollte mich eigentlich zurückziehen. Doch sie hielt mich am Arm fest, lächelte mich überschwänglich an und wollte am liebsten, dass ich mich neben sie lege. Aber ich gab ihr noch einen Gutenachtkuss, löste mich sanft aus der Umarmung und schlüpfte durchs Treppenhaus in mein ehemaliges Kinderzimmer, wo meine Freundin schon auf mich wartete. Auch ihr gab ich einen Kuss und kam mir dabei ein bisschen vor wie ein gewitzter Filou.
In dieser Nacht kam mir ein Lieblingsfilm meiner Jugend in den Sinn: »Zurück in die Zukunft«. Darin reist Marty McFly versehentlich mit einer Zeitmaschine in die Vergangenheit. Er trifft dort seine eigene Mutter, die sich in ihn verliebt. Durch diesen Eingriff in die Geschichte läuft er nun Gefahr, selber nicht mehr geboren zu werden, wenn er es nicht schafft, seine Eltern wieder zu verkuppeln. Dabei wird er selbst Konkurrent seines Vaters. Der ungewöhnlich moderne Sohn sticht den etwas unbeholfenen Vater aber spielend aus, gefährdet das Raum-Zeit-Kontinuum und die eigene Existenz in der Zukunft.
Für mich gab es eigentlich ein ganz ähnliches Dilemma. Ich war für einige Zeit zurück in mein Kinderzimmer gezogen, um meinen Vater bei der Pflege meiner Mutter zu unterstützen. In seiner Abwesenheit geriet er dann in Vergessenheit, und ich rückte ganz an seine Stelle. Aber was war mit meinem Leben und meiner Freundin im fast 600 Kilometer entfernten Berlin, mit der ich momentan nur noch eine Fernbeziehung führte? Nun hatte sich meine eigene Mutter in mich verliebt, und ich musste sehen, wie ich sie wieder mit meinem etwas veralteten Vater verkuppelte, bevor es zu spät war und ich nicht mehr in mein eigenes Leben zurückkonnte!
Am nächsten Morgen lief ich dann mit zwei Frauen an den Händen durch die Fußgängerzone. Rechts Gretel, links Jessica.
»Schatz, guck mal, das wär doch was für dich?«, fragte mich Jessica beiläufig beim Bummeln im Kaufhaus, und erst fühlte ich mich gar nicht angesprochen. »David guck mal!« Dann erst bemerkte ich, dass Jessica mich meinte und ein Hemd hochhielt. Für mich waren Kosenamen wie »Schatz« noch gewöhnungsbedürftig.
»Danke Spatz«, antwortete ich unsicher und versuchte nicht ironisch zu klingen. »Das sieht zauberhaft aus. Ich kann es ja mal anprobieren.«
Die antiautoritäre Erziehung, die ich bei meinen Eltern genossen hatte, beinhaltete auch die Idee, sich zu Hause beim Vornamen zu nennen. Weder Mama, Papa noch irgendwelche Kosenamen wurden benutzt. Für Jessica dagegen ist es völlig ungewohnt, seine nahen Angehörigen nur beim Vornamen zu rufen, so wie alle Welt sie nennt.
Wenig später an der Kasse zog Gretel ungeduldig an meinem Ärmel: »Komm, wir gehen nach Hause, Schatz!«
Da sag einer, dass man mit einer Alzheimer nichts mehr lernen kann!
Jessica ist meine erste Freundin, die sehr viel Wert auf romantische Nähe legt. Händchen halten, Schmusen, Arm umeinander legen und »Ich liebe dich« sagen. Für mich war das anfangs sehr ungewohnt. In meiner Familie hat man sich eigentlich nie direkt gesagt, dass man sich gernhat. Wir waren eher distanziert und ironisch im Umgang. Vor allem über die eigenen Gefühle wurde selten bis nie geredet. Das Wort »Liebe« war für mich etwas sehr Spezielles, was im täglichen Umgang eigentlich nicht vorkommt.
»Liebe braucht man nicht zu sagen, das muss man spüren«, beschrieb mir mein Vater mal seine Haltung. »Und wenn man es spürt, braucht man es nicht mehr zu sagen. Wenn das Gefühl nicht da ist, nützt es ja auch nichts, es zu sagen.« Meine Mutter hatte mir erklärt, sie halte nichts von »emotionaler Erpressung« dadurch, dass man dauernd seine Gefühle zeigt und so seine Mitmenschen unter Druck setzt, sich so zu verhalten, wie es einem passt. »Warum sollte ich eifersüchtig sein auf meinen Mann, wenn er das selbstverständliche Bedürfnis hat, auch noch jemand anderen gut zu finden?«, erklärte meine Mutter mir einmal. »Eifersucht ist die Eigenschaft, die mit Eifer sucht, was Leiden schafft.« Das Schillerzitat habe ich von meinem Vater. Der hatte mir auch mal erklärt, sie hätten damals in den Sechzigern am liebsten die Eifersucht abgeschafft, dieses selbstgerechte Besitzdenken einem Menschen gegenüber.
Doch die Zeiten hatten sich geändert, und die alten Überzeugungen meiner Mutter waren offenbar vergessen. Als sie versuchte, mich nach dem Essen von Jessicas Seite weg in ihr Zimmer zu ziehen, zeigte sie sich deutlich eifersüchtig. Sie wollte mich in Beschlag nehmen, und als ich dies ablehnte, reagierte sie beleidigt. Schmollend verzog sie sich in ihr Zimmer. Man mag »emotionale Erpressung« nicht gut finden – funktionieren tut sie! Ich folgte meiner Mutter reumütig und nahm sie in den Arm. »Ich liebe dich!«, ging es mir durch das Training mit Jessica jetzt schon viel leichter von den Lippen.
»Ja? Wirklich?«, strahlte meine Mutter zurück. »Das ist schön. Ich danke dir!«
Seit der Erfahrung mit der Demenz meiner Mutter, denke ich über ultimative Redensarten, die mit Gedächtnis zu tun haben, anders. »Das werd ich nie vergessen«, mag ich gar nicht mehr sagen. Ich denke jetzt automatisch: Woher soll man das wissen? Man wird mit Sicherheit so ziemlich alles vergessen, wenn man nur genügend alt und senil wird und Alzheimer kriegt. »Ich werde dich für immer lieben!«, ist leicht gesagt. Doch was ist mit all den Geschichten von Demenzerkrankten, die sich in einem Pflegeheim neu verlieben, befreit vom schweren Ballast einer jahrzehntealten Beziehung?
»Wie kann ich die Liebe meiner Eltern wieder neu entfachen?«, fragte ich Jessica vor dem Einschlafen in der letzten Nacht ihres Wochenendbesuchs.
»Haben sie sich denn wirklich geliebt?«
»Ich glaube schon.«
»Bedingungslos geliebt?«
»Bedingungslose Liebe? Was soll das sein?«
»Eine Liebe ohne Anfang und Ende, ohne Maß, eine Liebe, die alle Fehler des anderen akzeptiert und auch die schlechten Seiten liebt, wie die Liebe einer Mutter zu ihrem Kind.«
»Das ist eine schöne Utopie, aber wirklich gibt’s das doch gar nicht.«
Jessica ärgerte sich immer, dass ich bei praktisch jedem Gedanken ein »aber« anhänge. Aber für mich ist halt nichts absolut. Alles sollte man diskutieren und kritisch überdenken. Jede Theorie besteht so lange, bis sie widerlegt wird. Wahrscheinlich habe ich diese wissenschaftliche Haltung von meinem Mathematiker-Vater geerbt. Für Jessica gibt es da aber Sachen, die man nicht diskutieren kann.
»Bedingungslose Liebe ist Liebe ohne Aber!«
»Aber was ist dann zum Beispiel«, erwidere ich, unfähig, ohne »aber« zu antworten, »wenn man einen Unfall hat und sein Gedächtnis verliert? Amnesie, und schwupps, ist auch die Liebe vergessen. Oder wenn mein Partner mich missbraucht oder gewalttätig ist? Dann kann es doch gut sein, dass meine Liebe vergeht. Ich würde das sogar schwer hoffen! Es gibt sogar Eltern, die ihre Kinderliebe über Bord werfen, wenn eine Schmerzgrenze überschritten wird.«
»Bei dir geht Liebe durch den Kopf, bei mir eben durchs Herz. Es ist wie mit der Musik. Das ist einfach da, ohne Anfang, ohne Ende.«
Das liebe ich so an Jessica. Wenn sie etwas mag oder sich für etwas begeistert, ist das ohne Wenn und Aber. Sie ist Filmkomponistin, hat als Pianistin mehrere Alben aufgenommen, und als Tochter von Musikern ist ihr das Talent schon in die Wiege gelegt worden.
Leider lag über Jessicas Abreise am nächsten Morgen eine Dissonanz durch unser nächtliches Zwiegespräch. Mir war jedenfalls klar, dass es so nicht weiterging mit unserer Fernbeziehung und mir diese ganze Situation über den Kopf zu wachsen drohte. Um aus meinem Kinderzimmer rauszukommen, war es Zeit, meine Eltern wieder zusammenzubringen.
Am Ende des Urlaubs meines Vaters fuhr ich mit Gretel in die Schweizer Alpen, um ihn abzuholen. Der Anblick der schneebedeckten Gipfel versetzte Gretel in Hochstimmung, und ich war voller Zuversicht. Doch als sie schließlich meinem braun gebrannten Vater gegenüberstand, reagierte sie erstaunt:
»Wer ist denn das?«
Mein Vater ging auf sie zu, um sie zu umarmen.
»Ich bin Malte, dein Mann.«
Gretel schüttelte verdutzt den Kopf.
»Ich versteh nicht ganz.« Sie zeigte auf mich. »Ich hab jetzt den hier.«
Wir lachten, und ich fragte: »Aber Gretel, wer ist denn dein Mann?«
»Duuu!«
Es stand also nicht besonders gut um die Wiedervereinigung meiner Schöpfer. Abends kochte mein Vater uns anschließend ein leckeres Essen. Und als er mit dem Geschirr in der Küche verschwunden war, stupste mich meine Mutter an und bemerkte: »Das ist aber ein Netter!«
Am nächsten Tag gingen wir auf die Wiese vor unserer Hütte mit herrlicher Aussicht auf einen See, dahinter Berge. Gretel war der Abhang zu steil und sie suchte meine Hand.
»Komm, Malte!«
»Ich bin dein Sohn David.«
»Und? Das gefällt dir nicht?«
»Doch, doch, das gefällt mir sehr.«
»Na also, dann ist doch gut …«
Wenig später saßen meine Eltern nebeneinander im Sonnenstuhl und hielten Händchen, wie es sich gehört. Es war der Beginn einer neuen Romanze, und mein Vater geriet ins Schwärmen: »So eine Art von Liebe habe ich noch nie erlebt, wir brauchen gar nichts sagen!«
Ich hatte meine Mission erfüllt! Das Raum-Zeit-Kontinuum war wieder hergestellt, und ich konnte mich meinem eigenen Leben zuwenden.
Bei der Trauerfeier nach der Beerdigung meiner Mutter kam ich mit einer Frau ins Gespräch, die beim Pharma-Multi Eli Lilly arbeitete, der seinen deutschen Hauptsitz in Bad Homburg hat. Meine Mutter hatte eine Zeitlang jährlich dem amerikanischen Vorstandvorsitzenden des Unternehmens Deutschunterricht gegeben, um ihn auf seine Weihnachtsrede vorzubereiten. Die Pharmamitarbeiterin, die auch noch in den letzten Jahren Kontakt zu meiner Mutter hatte, erzählte mir, dass Lilly schon seit Längerem an einem vielversprechenden Alzheimer-Medikament arbeite, der Wirkstoff heiße Solanezumab. Es sei eine Art Impfung. Allerdings eine passive Impfung. Man rege nicht das Immunsystem an, selber Antikörper herzustellen, sondern spritze Antikörper als Serum. Diese würden die für Alzheimer typischen Eiweißablagerungen im Kopf binden und deren Abbau auslösen. Man sei schon in der finalen »Phase 3« der Zulassungsstudien und hoffe, es werde ein »Arzneimittel-Blockbuster«. Sie verriet mir auch, dass sie zwar von dieser Alzheimer-Antikörper-Therapie überzeugt sei, ihre Kinder aber nicht geimpft habe, wie offiziell empfohlen. Sie höre da lieber auf ihre Heilpraktikerin, die sich richtig gut auskenne und auch über Impfkomplikationen Bescheid wisse, was Schulmediziner gerne unter den Teppich kehrten. Eine impfkritische Pharmamitarbeiterin? Damals ahnte ich noch nicht, dass mich das Thema einmal brennend interessieren würde, und ich dachte nur: Was für ein märchenhafter Name: Solanezumab, und wie schade, dass diese Alzheimerimpfung für Gretel zu spät kommt!
In den nächsten Monaten bestand meine Trauerarbeit darin, den Film und das Buch über meine Mutter fertigzustellen. Es war ein großes Glück, dass ich Jessica kennengelernt hatte, denn sie war die ideale Komponistin für meinen Familienfilm. Durch die Erfahrung mit dem Tod ihres Vaters brachte sie großes Verständnis für meine Situation mit. Ihre Musik war zwar melancholisch angehaucht, aber voller Lebensfreude, und machte Mut. Ich hatte früher von einem Leben als Jazztrompeter oder Mundharmonikaspieler geträumt und mir schon immer eine Musikerin an meiner Seite gewünscht. Und mit einem Liebes-Lebens-Partner wie ihr war auf einmal alles Melodie in meinem Dasein! Was konnte es schöneres geben, als gemeinsam an Herzblutprojekten zu arbeiten? Wir genossen die besten Croissants der Stadt beim Franzosen gegenüber, sie lernte Cello, und ich versuchte tapfer, sie an der Gitarre zu begleiten. Durch das Dachfenster ihrer romantischen Maisonettewohnung konnte man die Sterne sehen, und wir genossen das Glück, verliebt zu sein. Von mir aus hätte es ewig so weitergehen können!
Jessica und ich hatten zwar noch alles andere als Familienplanung im Kopf, aber damals fragte uns eine Bekannte, ob wir uns denn Kinder wünschten. Wenn wir das vorhätten, sollten wir nicht erwarten, dass es auf Anhieb klappen würde. Sie wäre damit nämlich jetzt schon zwei Jahre lang beschäftigt. Auch meine 97-jährige Großmutter erinnerte mich regelmäßig an dieses Thema: »Nicht jeder muss Kinder haben, keine Frage. Aber wenn ihr euch Kinder wünscht, dann fangt bitte, bitte nicht zu spät damit an!« Sie sah mit Sorge, wie die Mütter heutzutage immer später ihre Kinder zur Welt brachten. Klar wollte ich noch mit meinen Enkelkindern Fußball spielen, aber Jessica und ich kannten uns ja noch nicht mal ein Jahr, und die Frage war erst mal, wo wir uns ein gemeinsames Leben aufbauen wollten. Jessica fand es eigentlich viel zu kalt und dunkel in Berlin, sie zog es zurück nach Kalifornien, wo sie die letzten sechs Jahre gelebt hatte. Ich fand unser Leben aber gerade eigentlich viel zu schön, um es drastisch zu ändern, und es war auch nicht so, dass die Hollywood-Studios bei mir Schlange standen. Bei einigen meiner Kollegen hierzulande hatte sich mittlerweile auch schon rumgesprochen, dass Jessica eine versierte Filmkomponistin ist, und so bekam sie immer mehr Anfragen und Aufträge für deutsche Produktionen. Zum Glück gabe es also gute Gründe, in Deutschland zu bleiben. Es war auch Zeit für mich, wieder ein neues Projekt auf die Beine zu stellen. Karrieretechnisch fühlte ich mich eigentlich noch nicht bereit, eine Familie zu gründen. War dieser Zeitdruck denn berechtigt?
Da fuhr ich dann doch lieber mit Jessica in den Urlaub. Wir hatten eine herrliche Zeit, und zurück in Berlin standen eines Tages auf einmal winzige gehäkelte Babyschuhe auf meinem Teller. Ich hatte mich schon gewundert, warum Jessica heute mehrmals ohne Erklärung nach draußen verschwunden war und an einem x-beliebigen Abend Kerzen angezündet hatte. Meinen fragenden Blick erwiderte sie mit einem feierlichen Lächeln.
»Heißt das, du bist …«, stotterte ich.
»Wir sind fruchtbar«, folgerte sie strahlend und zeigte mir einen Schwangerschaftstest. Da waren zwei deutliche Striche sichtbar. Das hieß, er war positiv? »Stimmt das denn?« Jessica nickte, sie hatte schon zwei weitere Tests gemacht, um sicherzugehen. Bei aller Ungewissheit überwog bei Weitem das Glücksgefühl, und wir lagen uns mit Freudentränen in den Armen. Wenn wir so problemlos und schnell ein Kind zeugen konnten, musste es einfach passen! Einziger Wermutstropfen war für Jessica die Tatsache, dass wir uns, noch bevor sie bemerkt hatte, dass sie schwanger geworden war, nach der deutschen Festivalpremiere unseres Films kräftig einen hinter die Binde gekippt hatten. Dummerweise hatte Jessica sich obendrein noch eine Mittelohrentzündung eingefangen, für sie als Komponistin ein Albtraum. Sie nahm also Antibiotika, was sie normalerweise vermied. Und nun stellte sie sich vor, dass ihr Baby nach einer Alkoholvergiftung auch noch eine Chemotherapie aushalten musste! Sie haderte in diesen Tagen damit, ob sie die Packung, wie dringend vom Arzt geraten, wirklich noch zu Ende nehmen sollte. Bei jeder Tablette wuchs ihr schlechtes Gewissen. In diesen ersten Wochen der Embryonalphase gilt ein Alles-oder-nichts-Prinzip: Entweder die Schädigung durch die eingenommene Substanz ist so groß, dass es zu einer meist unbemerkten Fehlgeburt kommt, oder der Keimling trägt gar keine Schäden davon beziehungsweise kann sich wieder vollständig regenerieren. Zum Glück überstand unser kleiner Spross diese Anfangshürden. Doch um ihrem Kind nicht noch mehr zuzumuten, nahm sich Jessica von da an vor, umso vorsichtiger sein.
Die Liste der Dinge, auf die Jessica in der Schwangerschaft verzichten wollte, war erstaunlich lang: Rohmilchkäse, roher Schinken, roher Fisch, Räucherfisch, generell Buffet-Essen, vor allem Salatbuffets und nicht hartgekochte Eier. Hier ging es darum, gefährliche Bakterien und Salmonellen zu vermeiden. Kaffee ist zwar in Maßen für Schwangere erlaubt, aber Jessica verzichtete tapfer ganz darauf, auch wenn sie ihn unter allen Lebensmitteln am meisten vermisste. Beim Alkohol bestand nun null Toleranz für Jessica. Klassisches Käsefondue konnten wir jetzt leider vergessen und mussten uns mit Apfelsaft anstatt leckerem Weißwein begnügen.
Als ich ihr eines schönen Morgens einen Bio-Pfefferminztee ans Bett brachte, von dem ich gelesen hatte, dass er ein gutes Mittel gegen Übelkeit wäre, zögerte Jessica vor einem Schluck und zückte ihr Handy: »Das muss ich erst mal nachschauen.« Und tatsächlich: Pfefferminz sei nicht erlaubt, das sei »wehenfördernd«, genauso wie Salbei. »Dieser die Gebärmutter stimulierende Effekt kann im ungünstigsten Fall zur Fehlgeburt führen«, las sie mir von der Seite Pfefferminztee.org vor. Arme Schwangere im digitalen Informationszeitalter! Die Liste der in der Schwangerschaft bedenklichen Kräuter und Gewürze ist zu lang, um sie hier aufzuführen. Überall lauern versteckte Gefahren, und als ich dieser Tage einen Schreckensschrei hörte, stürzte ich, auf das schlimmste gefasst, ins Badezimmer. Dort fand ich Jessica, die panisch aus der Badewanne gesprungen war, nachdem sie die Packung des Badezusatzes studiert hatte. Ätherische Öle eines Entspannungsbades sind zwar theoretisch entkrampfend, aber können auch das Gegenteil bewirken und Frühwehen auslösen oder dem Ungeborenen schaden! Schöne Vorstellung: Man chillt gemnütlich im Wellness-Kräuterbad und plötzlich geht die Geburt los? Ich frage mich, wie gesund diese Flut von Warnhinweisen eigentlich ist für Schwangere, die ja auch keinen Stress haben dürfen, wie in Studien deutlich nachgewiesen wurde.
Unsere Mütter haben zwar kein Schwangeren-Yoga gemacht und nicht meditiert, lebten in vieler Hinsicht aber um Welten entspannter. Sie haben nicht auf Rohmilchkäse, Schinken oder Pfefferminztee verzichtet und sich keinen Stress wegen Handy- oder WLAN-Strahlung machen müssen. Sicherlich wurden Alkohol und Nikotin damals viel zu sehr verharmlost, aber der Zeitgeist ist mittlerweile derart fanatisch auf dem Gesundheitstrip, dass es schon wieder ungesund ist. Im Bio-Fenchel-Anis-Kümmel-Tee, den wir gerade dauernd trinken, ist irgendwas Giftiges gefunden worden, Lebkuchen ist neuerdings krebserregend, genauso wie Pommes, Chips und sowieso alles, was geröstet, frittiert und lecker ist.
Kein Wunder jedenfalls, dass Jessica nicht erfreut war, als ihre Frauenärztin im zweiten Schwangerschaftsmonat feststellte, dass ihr Impfschutz gegen Tetanus und Diphtherie aufgefrischt werden musste. Das hätte man eigentlich schon vor Beginn der Schwangerschaft bei einer Vorsorgeuntersuchung bemerken können, aber da war es der Ärztin nicht aufgefallen. Jessica hatte in den ersten Schwangerschaftsmonaten mit viel Unwohlsein zu kämpfen gehabt und ihr ganzes Leben schon sensibel auf Impfungen reagiert. Von der Doppelimpfung, die ihr die Frauenärztin nun dringend anriet, wollte sie eigentlich nichts wissen. Dieselbe Ärztin, die ihr Null-Toleranz bei Alkohol und Nikotin empfohlen hatte, wollte ihr jetzt diese Spritze mit Krankheitserregern verpassen? Dass es sich um einen »Totimpfstoff« handele, der in der Schwangerschaft unbedenklich sei, klang für Jessica nicht sehr beruhigend.
»Wir warten jetzt erst mal ganz entspannt das erste Schwangerschaftsdrittel ab«, versuchte die Ärztin sie zu beruhigen, »da gibt es die meisten Komplikationen. Und impfen dann gemütlich im zweiten Trimenon.« Ganz entspannt im zweiten Drittel der Schwangerschaft impfen? Da war die Ärztin bei Jessica an die Falsche geraten. Sie nutzte ihre Galgenfrist und begann sich zu informieren.
»Totimpfstoff, bist du sicher?«, fragte ich völlig unbedarft, als Jessica mir von ihrem Dilemma erzählte. »Klingt irgendwie ja nicht so toll.«
»Es gibt wohl auch Lebendimpfstoffe, aber die darf man in der Schwangerschaft nicht benutzen.«
»Lieber tot als lebendig? Haha! Na, die Ärztin wird es schon wissen.«
Verschwommene Erinnerungen aus dem Biologieunterricht kamen in mir hoch: Eine Impfung ist eigentlich eine absichtlich herbeigeführte milde Infektion, die dem Körper helfen soll, sich vor richtigen Erkrankungen zu schützen. Wie war das noch mit den Gedächtniszellen? Und Antikörper, Fress- und Killerzellen: Waren die jetzt gut oder böse? Meine grauen Zellen ließen mich im Stich!
Mitten in der Nacht fand ich Jessica im Bett sitzend auf ihr Smartphone starrend. Es war nicht die übliche Schwangerschafts- oder Baby-Site, sondern der Onlinezugang eines Koch-Instituts. Klar, dachte ich, Ernährung ist halt DAS Thema gerade. Für eine Kochschule oder Rezeptsammlung sah die Seite allerdings verdammt nüchtern aus. Und warum geht es da um Bakterien – ist das ein Artikel über Rohmilchkäse? Erst langsam kapierte ich, dass es sich beim Robert Koch-Institut um Deutschlands Bundesoberbehörde für Infektionskrankheiten handelt. Der Name geht auf Robert Koch zurück, einen Pionier der Mikrobiologie, der Bakterien und deren Rolle als Krankheitserreger erforschte.
Jessica las auf der Website des Instituts über Diphtherie, eine schwere Atemwegserkrankung, die noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Hauptursache für Kindersterblichkeit in Deutschland gewesen war. Die Erkrankungen waren aber nach dem Zweiten Weltkrieg stark rückläufig gewesen, und der letzte Todesfall bei uns durch eine eingeschleppte Diphtherie lag über zwanzig Jahre zurück und hatte zu keiner Verbreitung geführt. Warum musste sie sich ausgerechnet jetzt dagegen impfen lassen? Sie hatte ja auch nicht vor, nach Russland oder in die Ukraine zu fahren, wo es noch in den Neunzigerjahren große Ausbrüche gegeben hatte. Ähnlich überschaubar schien das Risiko einer Erkrankung an Tetanus, auch als Wundstarrkrampf bekannt. Für eine Infektion mit diesen Bakterien müsste sich Jessica eine tiefe, mit Erdreich verschmutzte Wunde zuziehen oder von einem Tier gebissen werden. Die Bakterien können auch nur wirklich gefährlich werden, wenn sie von Sauerstoff abgeschlossen sind, was in einer tiefen, für längere Zeit unbehandelten Wunde der Fall wäre. Jessica arbeitete aber nicht im Garten, wir lebten in einer Stadtwohnung mit ein paar Zimmerpflanzen. Und sollte sie aus irgendeinem Grund im Streichelzoo bei uns im Park von einem Tier gebissen werden, könnte sie sich immer noch im Krankenhaus akut mit einem Tetanusserum behandeln lassen.
