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Im gegenwärtigen Feminismus ist der Queer-Feminismus dominant. Queer-Feminismus bezieht sich auf zentrale Begriffe wie Intersektionalität, Rassismuskritik und Critical Whiteness und beansprucht eine machtkritische Position. Dieses Buch setzt sich am Beispiel einer Handreichung zur Mädchenarbeit kritisch mit dem queer-feministischen Ansatz auseinander. Zentraler Kritikpunkt ist, dass der Ansatz nicht konsequent machtkritisch ist, sondern wesentliche und zum Teil bestimmende Einschränkungen in der Lebenswelt von Mädchen nicht benennt.
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Seitenzahl: 83
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Einleitung
Zentrale Begriffe
Anspruch und Intention der Handreichung
Zuschreibungen durch Religion, Tradition und Kultur
Passende Beispiele und Deutungen
Fehlender Bezug auf individuelle und sexuelle Rechte
Selektive Religionskritik
Fazit
Literatur
Als derzeit dominante Strömung im Feminismus hat der Queer-Feminismus weit über den Bereich der Wissenschaft hinaus Auswirkungen auf Wissenschaft, Politik und Pädagogik (s. Linkerhand 2018). Queerer Feminismus grenzt sich vom Feminismus der sogenannten »Zweiten Frauenbewegung« ab, was sich vor allem darin äußert, dass nicht mehr die Unterprivilegierung von Mädchen und Frauen insgesamt das zentrale Thema sind; an ihre Stelle sind Postkolonialismus, Rassismus, Kritisches Weißsein und Intersektionalität als zentrale Kategorie getreten, wodurch sich eine Änderung der Begriffe, der Sichtweisen und schließlich auch der pädagogischen Arbeit ergibt. Verbunden mit dem Perspektivwechsel und der Etablierung des queeren Feminismus ist eine größere Sensibilisierung hinsichtlich verschiedener Dimensionen von Unterprivilegierung und Diskriminierung, allerdings auch eine Einschränkung des kritischen Potenzials feministischer Ansätze. Dieser Zusammenhang kann exemplarisch anhand einer Handreichung für die Mädchenarbeit dargestellt werden:
Die Handreichung »MÄDCHEN*ARBEIT RELOADED« versteht sich als ein »Update für die Mädchenarbeit«, sie wurde auf Grundlage des gleichnamigen Prozesses von 2015–2017 der Landesarbeitsgemeinschaft Mädchenarbeit NRW geschrieben. Die Handreichung fasst die zentralen Punkte und Themen dieses Prozesses zusammen, neben einem Vorwort und einer Einleitung gibt es Kapitel unter anderem zu den Themen queerfeministische und intersektionale Perspektiven in der Mädchenarbeit, rassismuskritische Perspektiven, Heteronormativität und sexismuskritische Perspektiven in der Mädchenarbeit, Privilegienreflexion und Empowerment-Räume; am Ende der Handreichung befindet sich ein Glossar mit einer Erläuterung der Fachbegriffe.
Im Folgenden soll diese Handreichung kritisch diskutiert werden. Dazu werden im ersten Abschnitt Zentrale Begriffe der Handreichung vorgestellt, wie sie von den Autorinnen selbst verstanden und inhaltlich gefüllt werden und von Bedeutung für das Verständnis der verschiedenen Texte sind. Eng damit zusammen hängen Anspruch und Intention der Handreichung, die im zweiten Kapitel dargestellt werden; hier geht es auf Grundlage der zentralen Begriffe um eine Darstellung des Ansatzes, der Ziele, Arbeitsformen und Inhalte, die für die Mädchenarbeit formuliert werden.
Mit Zuschreibungen durch Religion, Tradition und Kultur beginnt die kritische Auseinandersetzung, wobei die Kritik zunächst darin besteht, dass verschiedene, einschränkende Bedingungen für Mädchen in der Handreichung ausgeklammert werden; dies wird im Abschnitt Passende Beispiele und Deutungen näher veranschaulicht, in dem deutlich wird, dass die Beispiele den theoretischen Begriffen folgen und diese nicht in Frage stellen, was dazu führt, dass zum Teil bestimmende (und einschränkende) Bedingungen in der weiblichen Sozialisation nicht vorkommen; kritisiert werden lediglich Phänomene in westlichen, kapitalistischen und christlich geprägten Ländern.
Die Handreichung erhebt den Anspruch, für sexuelle und geschlechtliche Vielfalt einzutreten, reflektiert allerdings nicht die hierzu notwendigen Voraussetzungen: Fehlender Bezug auf individuelle und sexuelle Rechte, das fünfte Kapitel, bringt den Kern dieser kritischen Auseinandersetzung auf den Punkt. In der Handreichung wird ein theoretischer Rahmen vertreten, mit dem eine konsequente Position, die die Rechte von Mädchen zum Ausgangspunkt von Pädagogik macht, nicht möglich ist; dies wird insbesondere im Vergleich mit Positionen deutlich, die klar Stellung für die Rechte von Mädchen und Frauen beziehen. Dieser Kritikpunkt wird im anschließenden Abschnitt, Selektive Religionskritik, konkretisiert, in dem es darum geht, dass die Texte der Handreichung keine grundsätzlich kritische Position gegenüber einschränkenden Bedingungen beziehen, sondern – wie bei den Beispielen und Deutungen auch – nur eine reduzierte und spezielle Kritik formulieren. Diese Einschränkungen sind vor allem auf den verwendeten Begriff von Rassismus zurückzuführen, der Rassismus einzig in der Mehrheitsgesellschaft verortet und von daher verschiedene Formen von Einschränkungen, Beschneidung und Beschränkung von sexueller und geschlechtlicher Vielfalt – einem Kernanliegen der Handreichung – weder sieht noch benennt. Die in der Handreichung formulierte Religionskritik folgt dabei denselben Einschränkungen wie die passenden Deutungen und Beispiele.
Im abschließenden Fazit werden die zentralen Kritikpunkte zusammengefasst.
Das vorliegende Buch ist eine konkrete Kritik an einer Handreichung zur Mädchenarbeit. Er kann darüber hinaus auch als eine grundsätzliche Kritik an Ansätzen in Sozialwissenschaft und Pädagogik verstanden werden, in deren Mittelpunkt die Begriffe »Critical Whiteness«, »Intersektionalität« oder »Queer-Feminismus« stehen. Bei aller kritisch und radikal scheinenden Terminologie ist deren Kritikpotenzial stark reduziert und einseitig; es wird eine eingeschränkte Kampfzone konstruiert, auf deren Grundlage eine konsequente Position für individuelle (sexuelle) Rechte nicht formuliert werden kann.
Die Handreichung versteht sich als Einführung in theoretische Diskurse, gibt Anregungen und Antworten auf die Frage, wie eine rassismuskritische Mädchenarbeit gestaltet werden kann, und stellt verschiedene Praxisbeispiele und Möglichkeiten der Organisationsentwicklung vor, wobei der Widerspruch benannt wird, dass sich der Begriff Mädchenarbeit auf eine zweigeschlechtliche Norm bezieht, die jedoch in Frage gestellt werden soll. Der Schluss der Handreichung enthält Angaben zu den Referentinnen und ein Glossar.1
Im abschließenden Glossar finden sich Erläuterungen für zentrale Begriffe, die in den Texten durchgehend benutzt werden; einige werden im Folgenden kurz vorgestellt, wobei die Erläuterungen aus dem Glossar übernommen werden:
Kritisches Weißsein bzw. Critical Whiteness »geht davon aus, dass Rassismus von Weißen erfunden und etabliert wurde und deshalb vor allem ein Problem ist, das sie geschaffen haben – konsequenterweise müssen sich also Weiße mit der Konstruktion von Weißsein beschäftigen, um die Wirkungsweise von Rassismus offenzulegen. Weißsein wird als gesellschaftliche Norm konstruiert, wodurch Privilegien, die weiße Menschen genießen, weißen Menschen häufig nicht bewusst sind«2 – es geht folglich um eine Bewusstmachung und kritische Auseinandersetzung mit Privilegien von weißen Menschen.
Eng damit verbunden sind die Begriffe »schwarz« und »weiß«; diese sind »nicht als biologische Eigenschaften zu verstehen, sondern bezeichnen politische und soziale Konstruktionen. Schwarz und weiß sind also keine Hautfarben von Menschen, sondern beschreiben ihre Position als diskriminierte oder privilegierte Menschen in einer durch Rassismus geprägten Gesellschaft.«3
Person of Colo(u)r bzw. People of colo(u)r (PoC) ist eine »Selbstbezeichnung von Menschen, die Rassismuserfahrungen machen.«4
Als Rassismus werden »alle Denk-, Wahrnehmungs- und Redeweisen, Einstellungen, Handlungen, Strukturen und Dynamiken, die Menschen in Gruppen aufteilen (aufgrund von bestimmten Merkmalen wie [zugeschriebener] Herkunft, Namen, Sprache, etc.)«5 verstanden. Entscheidend dabei ist, dass diesen Gruppen bestimmte Eigenschaften zugesprochen werden, wobei die Konstruktionen abwertenden Charakter haben. Rassismus wird als eine Konstruktion von Differenz verstanden, Rassismus schafft Hierarchien, die »Kombination aus Vorurteil und Macht formt somit Rassismus.«6
Intersektionalität bezeichnet die Überschneidung verschiedener Merkmale und sozialer Kategorien. Die intersektionale Ungleichheitsforschung »befasst sich mit der Frage, wie sich unterschiedliche soziale Kategorien wie Geschlecht, soziale Klasse und Ethnizität, aber auch Sexualität, Nationalität, Alter, Religion, Region, Behinderung etc. auf gesellschaftliche Benachteiligungen oder Privilegierungen auswirken. Dabei werden die jeweiligen Kategorien nicht nebeneinander, sondern als miteinander verwoben gesehen, die sich je nach konkretem Kontext gegenseitig beeinflussen.«7
Sexismus bezeichnet »Gewalt gegen und Abwertung bzw. Diskriminierung von Frauen/Mädchen bzw. von Verhaltensweisen, Geschmäckern und Eigenschaften, die als weiblich gelten. Sexismus ist verankert in einer langen Geschichte patriarchaler Ordnung und ist verschränkt mit unter anderem ökonomischer Ungleichheit.«8Heterosexismus meint »jegliche Formen der Gewalt gegen und Abwertung bzw. Diskriminierung von Menschen, die nicht heterosexuell leben, bzw. von Verhaltensweisen, Geschmäckern und Eigenschaften, die als nichtheterosexuell gelten (homo, bi, pan, queer).«9 Heterosexismus bezieht sich auf die Privilegien heterosexueller Menschen.
Cisgeschlechtlich bedeutet eine Übereinstimmung der jeweiligen Person mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht, Cissexismus »jegliche Formen der Gewalt gegen und Abwertung bzw. Diskriminierung von Menschen, die sich nicht als cisgeschlechtlich positionieren.«10
In engem Zusammenhang damit stehen Heteronormativität und Heterosexismus: Während Heteronormativität »die gesellschaftliche Norm eine als natürlich angenommene Zweigeschlechtlichkeit (männlich/ weiblich), die in einem hierarchischen Verhältnis zueinander steht und sich gegenseitig begehrt, Liebesbeziehungen und Sexualität erlebt und Kinder zeugt«11 meint, bedeutet heteronormativitätskritisch »die Infragestellung der Naturalisierung und Privilegierung von Heterosexualität und der Annahme von ausschließlich zwei Geschlechtern (männlich/weiblich)«12.
Grundlage für Cissexismus ist das Zweigeschlechtersystem bzw. die binäre Geschlechterordnung, verstanden als ein »System von gesellschaftlichen Normen und medizinischen Zuweisungspraxen, das zweikörperlich definierte Geschlechter als Realität entwirft, die sich gegenseitig ausschließen und als gegensätzlich verstanden werden.«13
Im Gegensatz dazu ist Queer eine Selbstbezeichnung und ein politischer Begriff, »der sich gegen Normen richtet. Er schließt vielfältige Formen von sexueller/romantischer Orientierung und Geschlechtsidentitäten ein, die von Heteronormativität abweichen.«14
Empowerment schließlich »bezeichnet Prozesse, in denen Jugendliche und Erwachsene mit Diskriminierungs- und Ausgrenzungserfahrungen sich selbst und gegenseitig darin bestärken, sich nicht z. B. durch Rassismus definieren und bestimmen zu lassen. Empowermentorientierte Jugendarbeit bietet geschützte Räume, in denen Jugendliche sich unterstützen, ihre Erfahrungen austauschen, um Strategien im Umgang mit z. B. rassistischer Diskriminierung zu entwickeln.«15
1 In den Texten der Handeichung finden sich unterschiedliche Schreibweisen, wie z. B. Lehrer*innen, Lehrer_innen etc.; in diesem Text wird die Schreibweise mit einem »I« in der Mitte benutzt.
2 Glossar, S. 108
3 Glossar, S. 109
4 Glossar, S. 108
5 Glossar, S. 109
6 Glossar, S. 109
7 Glossar, S. 107
8 Glossar, S. 110
9 Glossar, S. 107
10 Glossar, S. 106
11 Glossar, s. 107
12 Glossar, S. 107
13 Glossar, S. 110
14 Glossar, S. 109
15 Glossar, S. 106
Die in dem Glossar erläuterten Begriffe bilden den theoretischen Hintergrund der (queer-)feministischen, rassismuskritischen und differenzreflektierten Mädchenarbeit, wie sie in der Handreichung vorgestellt und ausformuliert wird. Sie sind die Grundlage für deren Anspruch einer machtkritischen Perspektive, wobei es im Kern darum geht, in einer intersektionalen Perspektive diverse Formen von Macht und Diskriminierung im Zusammenhang zu sehen, sichtbar zu machen und sie in die pädagogische Arbeit einzubringen.
Die Texte der Handreichung verstehen sich als queer-feministische Überarbeitung der Mädchenarbeit, als ein »Update für die Mädchen*arbeit« und als eine neue Perspektive, »eine notwendige Bewusstwerdung von Macht- und Herrschaftsverhältnissen in ihrer Interdependenz: die Bewusstwerdung von z. B. Heterosexismus, Rassismus, Ableism und Klassismus in ihrem überschneidenden und ineinander Wirken.«16
Im Gegensatz zur feministischen Bewegung, die sich auf Zweigeschlechtlichkeit bezog und unterprivilegierte Lebenslagen von Frauen und Mädchen kritisierte und bekämpfte, führt die Dekonstruktion von Geschlecht dazu, neue Widersprüche hervorzubringen und gängige Schemata der Einordnung zu überwinden:
