Eiszeit - Ulrich Maurer - E-Book

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Ulrich Maurer

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Beschreibung

Raus aus der Ohnmacht!

Deutschland ist bankrott. Der „Patient“ ist schwerkrank, und den behandelnden Politikern fallen keine neuen Rezepte ein; denn an Gesundung glauben sie wohl selbst nicht. Grundlegende Alternativen sind gefragt.

Ulrich Maurer, langjähriger Vorsitzender der SPD Baden-Württemberg, verließ im Juni 2005 die SPD und trat kurz danach der Linkspartei bei. In einem Brandbrief hatte er sich an das SPD-Präsidium gewandt, dem er vorwarf, sich von sozialdemokratischen Grundsätzen verabschiedet zu haben und bedingungslos eine neoliberale Linie zu verfolgen.

„Eiszeit“ ist eine Abrechnung mit der politischen Grundströmung der vergangenen Jahrzehnte bis hin zur aktuellen Situation. Durch die Politik der etablierten Parteien wird der soziale Zusammenhalt in zunehmendem Maße reinen Kapitalinteressen untergeordnet. Maurer warnt vor dem Verlust des staatstragenden Mittelstandes und dem Zorn der Chancenlosen. Vor allem aber diagnostiziert er eine ideologische Aushöhlung unserer westlichen Gesellschaft. Wenn außer Ökonomismus und Konsum nichts übrig bleibt, degeneriert der mündige Bürger zum Verbraucher. Und wenn einem Staat gemeinsame sinnstiftende Überzeugungen abhanden kommen, erodieren nicht nur seine Sozialsysteme, sondern die Motivation jedes Einzelnen, sich für die Gemeinschaft einzusetzen.

Ulrich Maurer formuliert klare Forderungen für eine politisch-wirtschaftliche Wende. Dazu gehören u.a. die Reform der sozialen Sicherungssysteme, die Einführung gleicher Standards für Unternehmens-, Vermögens- und Einkommensteuern in der EU und die massive Stärkung der Regionen über kommunale Selbstverwaltung. Mit „Eiszeit“ profiliert sich Ulrich Maurer als der Vordenker der „Linken“.

Globalisierung, Sozialabbau, Bedienung des Kapitals und Ökonomisierung allen Lebens stehen heute als Synonyme für neoliberale Politik. Ulrich Maurer, SPD-Urgestein und langjähriges Vorstandsmitglied, hat sich losgesagt von der Alternativ- und Phantasielosigkeit seiner politischen Heimat und ist als zweiter SPD-„Promi“ nach Lafontaine der Linkspartei beigetreten. „Eiszeit“ ist Maurers Abrechnung mit dem Neoliberalismus. Neben einem Rückblick auf historische Parallelen zur heutigen „Brot-und-Spiele“-Kultur beschreibt Maurer einen konkreten alternativen Politikentwurf und entwickelt die Vision einer humanen Gesellschaft.

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Seitenzahl: 288

Veröffentlichungsjahr: 2009

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Inhaltsverzeichnis
 
Vorwort
 
Eiszeit
Im Land des gefrorenen Lächelns
»Generation Golf«
Die Mutation der Christdemokratie
 
Copyright
Vorwort
Quo vadis?
Wo gehst du hin? Das ist eine Frage, die sich jedes SPD-Mitglied und darüber hinaus jeder sozial Denkende heute stellen muss. Auch ich habe sie mir gestellt und habe mir die Antwort darauf gewiss nicht leicht gemacht. Inzwischen allerdings bin ich der festen Überzeugung: Wer Sozialdemokrat bleiben will - und der war ich Zeit meines Lebens -, muss die SPD verlassen.
Die SPD, in die ich 1969 eingetreten bin, vertrat bereits eine »rechte« Sozialdemokratie - jedenfalls gemessen an den kulturrevolutionären Ansprüchen der linken Studentenbewegung. Sie war überaltert und erstarrt, sie hatte es sich abgewöhnt über das System hinaus zu denken, in dem sie sich behaglich eingerichtet hatte. Aber sie hatte eine soziale Basis, in der sie verankert war, hatte Grundwerte und Grund-überzeugungen. Sie repräsentierte die massentaugliche linke Variante jenes rheinischen Kapitalismus, auf den sich die pro-kapitalistischen Kräfte und die SPD aus Angst vor dem Kommunismus geeinigt hatten - letztere allerdings unter Aufgabe ihrer ursprünglichen Utopien. Diese SPD war aber immerhin stark genug, um eine fundamentale Wende in der deutschen Außenpolitik durchzusetzen und vielen aus dem klassischen Arbeitnehmermilieu zum sozialen Aufstieg zu verhelfen. Es ist eine wirkliche Ironie der Geschichte, dass gerade den Begabtesten und Machthungrigsten unter diesen Aufsteigern das »Verdienst« zukommt, jene Partei, die ihren Aufstieg ermöglicht hat, zugrunde gerichtet zu haben.
Auf dem Bundeskongress der Jungsozialisten in Wiesbaden Anfang der 70er Jahre kam es - welche Ironie aus heutiger Sicht - zum Machtkampf zwischen der »linken« Fraktion unter Führung von Bennetter und Schröder und den »rechten« Reformsozialisten mit Wieczorek-Zeul, Schreiner und anderen. Ich selbst war damals im Präsidium des Kongresses und zählte mich zu den »rechten«. Es gelang uns mit Hilfe einer geschickten Regie einen Pyrrhussieg über Schröder und Bennetter zu erringen. Ein Jahr später wurde Schröder allerdings zum Bundesvorsitzenden der Jusos gewählt. Ein geschickter Schachzug verhalf ihm zu diesem Erfolg: Um das Zünglein an der Waage spielen zu können hatte er einfach seinen eigenen Verein, die so genannten Antirevisionisten erfunden. Deren Anhänger vertraten die Theorie eines staatsmonopolistischen Kapitalismus (»Stamokapfraktion«).
Wenige Zeit später war Schröder Bundestagsabgeordneter und der vormals einflussreichste linke politische Jugendverband bedeutungslos. Man sieht an dieser Geschichte: Ein aufmerksamer Beobachter konnte schon damals sowohl Schröders persönlichen Macht- und Karriereanspruch als auch sein Zerstörungspotential erkennen. Bei einigen der damals Beteiligten haben sich diese Vorgänge tief im Gedächtnis eingeprägt, und sie haben Gerhard Schröder seither nie mehr vollständig vertraut. Leider gehörte Oskar Lafontaine nicht dazu. Er war im Juso-Verband kaum aktiv gewesen und seinen eigenen Weg als linker Saarländer und Oberbürgermeister von Saarbrücken gegangen.
Diejenigen, die Schröders Handlungsweise damals sorgfältig studiert haben, wussten seither, dass sein Verhältnis zur Partei und ihren Organisationen immer nur taktisch und instrumentell war. Sie haben in den 80er und 90er Jahren vieles unternommen, um die SPD nicht in die Hand des heutigen Aufsichtsratsvorsitzenden und Medienberaters fallen zu lassen. Das ging so weit, dass der linke Parteiflügel 1993 bei der von Gerhard Schröder mit gewaltiger Medienunterstützung betriebenen Urwahl zum Parteivorsitzenden Heidemarie Wieczorek-Zeul zur Kandidatur neben Rudolf Scharping und Schröder bewegte, um Schröder zu verhindern. Auch ich habe mich damals in diesem Sinne engagiert. Wie man weiß, gewann Scharping, aber auch das war nur ein Pyrrhussieg, denn nur sechs Jahre später riss der damals frisch zum Bundeskanzler gewählte Schröder nach dem Rücktritt Lafontaines von allen Ämtern den Parteivorsitz an sich.
Die Tatsache, dass Schröder 1993 gegen Scharping zweite Wahl blieb und auch sein enttäuschendes Abschneiden bei der Wahl zum stellvertretenden Parteivorsitzenden 1995 (auf dem Mannheimer Parteitag, der Lafontaine zum Vorsitzenden machte) belegen immerhin, dass der forsche Niedersachse lange Zeit nicht von der Sympathie der Parteimehrheit getragen wurde. Die erste Wahl war Schröder natürlich schon lange für die deutschen Wirtschafts- und Arbeitgeberverbände sowie für die von wirtschaftsliberalem Gedankengut dominierte deutsche Medienindustrie gewesen, die den telegenen, garantiert ideologiefreien Vorzeigesozi zum neuen Star der Sozialdemokratie aufbaute. Schröder war zugleich der Wegbereiter für jene neoliberalen Aufsteiger, die sich selbst als Netzwerker bezeichnen und nun sein Erbe angetreten haben. Die scheinsozialdemokratische Gruppierung um den heutigen Umweltminister Sigmar Gabriel hat mit ihrem Lehrmeister die Forderung nach immer neuen »Reformen« (Abbau des Sozialstaats, mehr »Eigenverantwortung«) gemeinsam. Außerdem teilen sie mit ihm seine nahezu uneingeschränkte weltanschauliche Biegsamkeit, wenn es um die Eroberung politischer Macht geht. Die Fähigkeit sich links zu geben, um rechts oben zu landen, ist zu einer Kunstform geworden, die in den letzten Jahren immer mehr verfeinert wurde. In einem Fall bin ich sogar selbst darauf hereingefallen.
Auch Schröder und seine Epigoninnen und Epigonen sind aber nur Teil eines umfassenderen gesellschaftlichen Prozesses. Die von der SPD selbst hervorgebrachten Aufsteigerschichten haben unter der kulturellen Hegemonie des Neoliberalismus und unterstützt von der deutschen Medienlandschaft einen gesellschaftlichen Spaltungsprozess bewirkt, dem die SPD nun selbst zum Opfer fällt. Hatten Schröder und die Seinen die Arbeitslosen und die arbeitenden einkommensschwächeren Schichten doch über Jahre konsequent ausgegrenzt. Bis zur Bundestagswahl 2005, als sich aus PDS und WASG eine linke Wahlalternative gründete, waren diese Bevölkerungsteile ohne politische Vertretung.
Die Vorstellung, man könne eine im Wesentlichen nihilistische Aufsteigerschicht auf der einen Seite und die »Working Poor« sowie die sozial Bedürftigen (also klassisches sozialdemokratisches Klientel) auf der anderen Seite langfristig in einer Partei zusammenhalten, ist eine Illusion. Schon gar unter den Bedingungen einer anhaltenden und sich verschärfenden ökonomischen Krise. Beinahe amüsiert habe ich einigen deutschen Gazetten der jüngsten Zeit entnommen, dass der neue Vorsitzende Kurt Beck als Person nun die Versöhnung der beiden Lager bewirken könne, weil er ja aus einfachen Verhältnissen stamme. Ein guter Witz, wenn man bedenkt, dass Schröder aus noch einfacheren Verhältnissen kam. Nein: Die Spaltung der SPD ist unvermeidbar, und sie ist längst dabei, sich zu vollziehen, nicht als einmaliges eruptives Ereignis, sondern als Prozess. Immerhin haben bereits 140 000 Mitglieder die Partei verlassen. Diese allmähliche, aber deutlich zu erkennende Entwicklung wird in die Neuformierung der demokratischen Linken in Deutschland münden, denn die realen gesellschaftlichen (Macht-)Verhältnisse finden unter den Bedingungen eines nicht diktatorischen Staatswesens zwingend ihren Ausdruck in den politischen Organisationen.
Der Niedergang der deutschen Sozialdemokratie ist nur eine der Folgen der alle Lebensbereiche umfassenden Dominanz des Neoliberalismus, die in keinem Land der Welt so wirkungsvoll etabliert wurde wie in Deutschland. Die deutsche Bevölkerung macht seit einigen Jahren die Erfahrung, dass die Herrschaft der transkontinentalen Konzerne und der Finanzmärkte auch ihre vermeintlich sicher geglaubten sozialen Errungenschaften untergräbt. Kinderarmut und Massenarbeitslosigkeit, sinkende Reallöhne, drastische Reduzierung der Renten, zunehmende Chancenlosigkeit der Jugendlichen und zerrüttete Familienstrukturen (weil viele Familienmitglieder den Anforderungen der Wirtschaft an Flexibilität nicht mehr gewachsen sind) markieren auch in Deutschland den Beginn des Niedergangs. Die Botschaft des neoliberalen Systems ist eindeutig: Jeder ist seines Glückes Schmied, und am Ende rette sich wer kann. Mehr denn je hat ein Spruch Gültigkeit, den ich auf der Fassade eines Abbruchhauses in Berlin gelesen habe: »Die Grenze verläuft nicht zwischen den Völkern, sondern zwischen oben und unten.«
Dieses Herrschaftssystem anzugreifen, ist eine Verpflichtung für alle, denen Werte und Menschlichkeit etwas bedeuten. Deshalb ist dieses Buch ein Signal zum Angriff und es ist ein Buch für Idealisten. Wir leben nicht in einer Zeit, in der wir uns Zaudern und Halbherzigkeit leisten könnten. Die Existenzbedingungen der Eiszeit, in der wir leben, sind so empörend, dass kein Raum mehr ist für die ausgefeilte Kunst der Relativierung. Die Herrschenden sind so zynisch und arrogant geworden, dass man mit differenzierter Kritik schon lange nichts mehr bei ihnen ausrichten kann. Auf ihr zerstörerisches und schändliches Regime sind Zorn und Aufruhr die richtige Antwort.
Das Relativieren überlasse ich lieber jenen, die ein Interesse daran haben, sogar die Grenzen zwischen Gut und Böse bis zur Unkenntlichkeit verschwimmen zu lassen. Dabei sind wir gerade jetzt Zeuge, wie aus dem Nebel verlogener und weichgespülter Phrasen die Fratze der bösen und destruktiven Kräfte unseres Planeten unverhüllt hervortritt. Dies ist ein Buch für alle, die inmitten der geistigen Wüste einer visionslosen »Realpolitik« die Kunst des politischen Träumens nicht verlernt haben. Ein Buch für die Freundinnen und Freunde der Farbe, die nicht glauben wollen, dass die Welt nur aus Nuancen von Grautönen besteht. Ein Buch für jene, die wissen, dass die Geschichte nicht erst mit der Erstellung des deutschen Aktienindex begonnen hat. Ein Buch für alle, die unsere Mächtigen aus Politik und Wirtschaft nicht mehr ertragen können und bereit sind, auf die Macht der Ohnmächtigen zu setzen. Nicht zuletzt ist es eine Aufforderung an verständige Mächtige, die Seite zu wechseln.
Eiszeit
Nur wenige Jahre, bevor die Stadt Rom, glanzvolles Haupt der Welt, die über Jahrhunderte keinen Feind gesehen hatte, durch Alarich und seine Westgoten erobert wurde, hatte ein anderes Barbarenheer die Alpen überschritten. Die Menschen der Stadt strömten in Scharen in die Kirchen, beklagten den bevorstehenden Untergang, und manche fragten sogar nach ihrem eigenen Anteil daran. Nachdem der weströmische Oberbefehlshaber den Feind in einer Doppelschlacht bei Verona und Polentia vernichtend geschlagen hatte, kehrte allerdings der Optimismus zurück, und es wurde ein Jahr lang gefeiert. Zu diesem Zeitpunkt bestand eigentlich schon seit einigen Jahrzehnten kein wirklicher Grund mehr zur Zuversicht. Das Imperium war militärisch und politisch überdehnt. Die auf dem Import von Sklaven beruhende Ökonomie befand sich schon seit 200 Jahren in einem schleichenden Prozess des Niedergangs. Die Staatsidee, auf die man Rom einmal gegründet hatte, war längst ausgehöhlt und bis zur Unkenntlichkeit pervertiert, die staatstragenden Mittelschichten waren dezimiert und die Staatsfinanzen ruiniert. Die Bürger Roms lebten in einem Polizeistaat, der die Megareichen vor dem Zorn der Landarbeiter und Erwerbslosen schützte, die Philosophen und Theologen beklagten schon seit langem den Verfall aller Werte und die allgemeine Sittenlosigkeit.
Auch heute sind wir wieder Zeitzeugen des Untergangs eines Imperiums. Die Menschen spüren dumpf, dass die von den USA dominierte selbsternannte »Erste Welt« ihren Zenit überschritten hat. Volkes Stimme ist verräterisch: Der Satz »Es kann so nicht weitergehen!« bringt auf die kürzeste Formel, wie viele Menschen seit Jahren die Situation von Staat und Gesellschaft empfinden. Die Machteliten setzen diesem Gefühl ihre kurzatmigen Optimismuskampagnen entgegen: »Das Glas ist halbvoll!« oder »Du bist Deutschland!«, aber sie vermögen nicht die Massen zu begeistern. Zu unübersehbar sind die Zeichen des Niedergangs, zu eisig ist die von der Mehrheit der Menschen gefühlte Betriebstemperatur unserer Wirtschaftsmaschinerie. Zu offensichtlich ist es, dass die Herrschenden zu einer wahrheitsgemäßen Beschreibung der Lage und zur Umkehr nicht bereit sind.
Zeitzeugen wissen nicht, an welchem Punkt eines historischen Prozesses sie sich befinden, sie können nur die Richtung und Dimension dessen, was geschieht, erahnen. Aber da Entwicklungen nie absolut vorhersehbar sind, gibt es auch immer die Möglichkeit zur freudigen Selbsttäuschung - vergleichbar der Partystimmung, die im Römischen Reich wenige Jahre vor dessen Untergang herrschte. Doch gerade angesichts der Ungewissheit über Tendenz und Tempo des Niedergangs müssen wir eine genaue Positionsbestimmung versuchen und uns der verbliebenen Chancen zur Umkehr vergewissern.
Wir müssen uns fragen, ob das American Empire - der Nachfolger des Römischen Weltreiches - seine politische und militärische Machtausübung überdehnt hat. Wir müssen uns fragen, ob der für das Imperium essentielle Zugriff auf die Rohstoffe, vor allem auf das Öl, noch garantiert werden kann. Wir müssen uns fragen, ob das Imperium noch auf einer Staatsidee basiert, die von der Mehrheit seiner Bevölkerung geteilt wird. Wir müssen uns fragen, ob der auf immerwährendes Wachstum und ebenso permanente Ausbeutung von Menschen angewiesene Kapitalismus über die nötige Integrität oder auch nur über ausreichende Funktionstüchtigkeit verfügt, um noch länger die Geschicke unseres Planeten zu bestimmen. Wir müssen uns fragen, ob wir uns länger einem System anvertrauen wollen, das die Kapitalkonzentration in den Händen von immer weniger Superreichen und die Enteignung, Verarmung und Entrechtung immer größerer Bevölkerungsschichten nicht nur duldet, sondern vorantreibt. Einem System, das die Erosion aller Werte und Bindungen fördert, die bislang unsere Gesellschaft zusammengehalten haben.
Nur wenn wir uns diese Fragen stellen und wenn wir versuchen, sie ehrlich und selbstkritisch zu beantworten, können wir wieder Hoffnung schöpfen und realistische Chancen auf Besserung erkennen und ergreifen. Keine Hoffnung liegt dagegen in der Aufrechterhaltung eines Weltherrschaftssystems, in dem die Regierungen eines Siebtels der Menschheit den ganzen Rest dazu zwingen, sich kulturell und politisch zu unterwerfen und ökonomisch ausbeuten zu lassen. Nichts ist ewig auf unserem Planeten, schon gar nicht Weltreiche. Auch der Untergang des US-amerikanisch dominierten neoliberalen Weltreichs wird kommen, ob wir ihn herbeisehnen oder ihn zu verhindern suchen. Wir haben als Menschheit lediglich die Wahl, wie sich dieser Prozess vollziehen wird: als Katastrophe oder als geordneter Übergang zu einer neuen Epoche.

Im Land des gefrorenen Lächelns

Sie sind überall. Sie sitzen in den Stabsabteilungen der Konzerne. Sie sitzen bei den Verbänden. Sie organisieren sich in den Parteien CDU, SPD, FDP und Grüne. Sie fühlen sich in Banken und Beraterfirmen wie McKinsey oder Roland Berger zu Hause. Sie makeln Finanzprodukte und sie durchforschen die Unternehmen nach Kostensenkungsmöglichkeiten. Sie arbeiten intensiv und sind stolz auf ihre 10- bis 12-Stunden-Tage. Vor allem lächeln sie unentwegt.
Sie lächeln auch dann, wenn sie konsternierten Betriebsräten erklären, warum 8000 Mitarbeiter der betreffenden Firma entlassen werden müssen. Sie lächeln, wenn sie einem um seine Existenz kämpfenden mittelständischen Zulieferer erklären, dass seine Preise um 20 Prozent gesenkt werden müssen. Sie lächeln, wenn sie Mieter zum Verlassen ihrer Wohnung auffordern. Sie lächeln, wenn sie einer älteren Dame eine Geldanlage verkauft haben, die sie nicht braucht. Sie sind so wohlerzogen, höflich und korrekt, dass sie sogar dann lächeln, wenn sie gerade selbst gefeuert worden sind.
Sie treffen sich in den immer gleichen Bars und Cafés, wo sie über ihren Geschäftserfolg und den Rotwein des Monats sprechen. Sie haben die Umschlagseiten der angesagtesten Buchveröffentlichungen gelesen. Sie verfügen über gute Tischmanieren. Sie haben Medientraining und Mentaltraining absolviert. Sie sind dezent, geräuschlos, wohlriechend, und sie sind immer gut drauf. Sie haben eine eigene Sprache entwickelt, die sich aus Versatzstücken des Deutschen und des Englischen zusammensetzt. Sie haben neue Begriffe erfunden: Wenn sie zum Beispiel Menschen entlassen, dann nennen sie das »freisetzen«, und wenn sie Betriebe zertrümmern, nennen sie das »restrukturieren«. Sie haben gelernt, dass sich drittklassige Vorschläge besser verkaufen, wenn man sie mit »Masterplan« überschreibt. Sie sind tolerant und gegenüber Fremden aufgeschlossen, solange diese nützlich sind - und auch Fremde, die für ein Überangebot von Arbeitskräften sorgen, sind nützlich. Sie sind in vielen Dingen überaus liberal und sorgen dafür, dass jeder tun und lassen kann, was er will - solange er es sich leisten kann. Ohnehin glauben sie, dass jeder aufgrund der ehernen Gesetze des Marktes genau das bekommt, was er verdient.
Sie sind garantiert ideologiefrei und in der Regel kinderlos. Soziologen haben deswegen sogar schon einen neuen Namen für sie erfunden: DINKs, eine Abkürzung für »Double Income No Kids«. Sie versuchen gar nicht erst, von einer besseren Welt zu träumen, und laufen somit auch nie Gefahr, enttäuscht zu werden. Sie vermeiden den Kontakt mit idealistischen »Spinnern«. Zu gute Menschen sind ihnen verdächtig, und sie haben es sogar geschafft, den Begriff des guten Menschen zu einem Schimpfwort zu machen. Als »Gutmenschen« bezeichnet man ja heute solche Personen, die sich mit den von den Neoliberalen geschaffenen Realitäten nicht abfinden wollen und sich erdreisten, deren Kreise zu stören.
Sie meiden die Begegnung mit Krankheit, Schmerz und Tod, solche Vorkommnisse sind unangenehm. Selbst Leidenschaft ist in ihren Augen viel zu sehr mit Leid (und vielleicht sogar mit Mitleid) verbunden, als dass man sich ihr aussetzen sollte. Sie glauben selten an Gott: Ihr Gott ist der Markt, ihm allein dienen sie, er allein ist es, der sie erhöht oder zu Boden wirft, der sie erlöst oder der Verdammnis ausliefert und der ihnen die Gesetze ihres Handelns vorschreibt. Sie sind uniform und angepasst, halten sich aber selbst gern für kreativ und originell. Man erkennt sie neben ihrem Lächeln daran, dass sie dieselben Anzüge aus denselben Designer Factory Outlets tragen, oder daran, dass sie aussehen wie ihre eigenen persönlichen Referenten.
Im Normalfall sind sie Einzelkämpfer, aber sie können durchaus zusammenhalten, so lange dies für sie von Nutzen ist. Sie würden es weit von sich weisen, wenn man dergleichen als »Kumpanei« oder »Seilschaft« bezeichnet. Vielmehr handelt es sich um »Netzwerke«. Sie sind so schwer zu fassen, dass man so phantasievolle Begriffe wie »Generation Golf« oder »Neue Mitte« erfunden hat, um ein Phänomen zu beschreiben, das sich jeder herkömmlichen ideologischen Zuordnung entzieht.

»Generation Golf«

Im Jahr 2000 erschuf der FAZ-Redakteur Florian Illies einen Namen für die charakteristischen Bewohner des Landes des gefrorenen Lächelns: »Die Generation Golf« nannte er seine Altersgenossen, die nach der Angabe im Klappentext seines gleichnamigen Buches zwischen 1965 und 1975 geboren wurden (wobei wohl 1960-1975 passender wäre). Illies beschreibt recht eindrucksvoll die Gedankenwelt, in der er und seinesgleichen sich bewegen: »Die Generation vor uns trieb der Gedanke an eine bessere Zukunft um, und sie versuchte mit viel Energie die Gesellschaft zu verändern (…) Man glaubte an das Gute im Menschen (…) An lauter Sachen eben, die davon ausgingen, dass sich die Welt verändern lasse. Die Generation Golf hat früh gelernt, dass das zu anstrengend ist. Sie sagt sich: Ich will so bleiben, wie ich bin.«1 Das Bekenntnis zur Egozentrik ist von gnadenloser Offenheit, und besonders bemerkenswert ist, dass der Autor seine Charakterisierungen offensichtlich als positiv empfindet: »Die Freiheit nehm ich mir - das ist als Spruch für unsere Generation mindestens genauso wichtig, wie das, weil ich es mir wert bin (…) Wenn jeder an sich selbst denkt, ist an alle gedacht.«2 Bei den Eiszeit-Bewohnern bestimmt offenbar das Design das Bewusstsein: »Der Marsch durch die Institutionen hat endlich auch die Fischers und Schröders zum Herrenausstatter geführt. Es war ja auch nicht mehr länger mit anzusehen (...)«3
Drei Jahre später legte Illies ein Fortsetzungsbuch vor. »Die Generation Golf muss zum TÜV«, konstatierte er. »Wir sind ins Schlingern geraten - durch die Wirtschaftskrise, den II. September, die ersten Kinder und die ersten Falten.«4 Ein Anflug von Katzenjammer streift den früheren Yuppie: »Alles ist vorbei. Die New Economy. Die Spaßgesellschaft. Die Popliteratur.«5 Doch am Ende setzt sich wieder der pausbäckige Optimismus durch: »Das Buch stimmt nicht ein in das ewige Krisengejammer (…) Wir suchen leicht verkatert, aber trotzig zuversichtlich nach einem neuen Lebensgefühl, und bis wir es gefunden haben, erklären wir erst einmal: ›Ich könnte mir vorstellen, auch mal was ganz anderes zu machen.‹«6
Dieses »ganz andere« schließt - im Unterschied zur Zeit vor dem II. September - Ansätze politischen Engagements mit ein, allerdings in seiner pervertiertesten Form: als Kampfansage der jüngeren an die ältere Generation, die angeblich zu sehr am Sozialstaat hängt. »Wir wissen, dass wir den Wohlstandszenit überschritten haben. Doch die Älteren müssen das erst noch kapieren. Und das (…) ist unwahrscheinlich, weil die Politik zurzeit ausschließlich von Menschen verantwortet wird, die gewohnt sind, Besitzstände fortzuschreiben und mehr zu verteilen, als eigentlich da ist.« Bezeichnend ist, wie sorglos und unreflektiert Herr Illies neoliberal eingefärbte Halbwahrheiten nachplappert. Der Wohlstandszenit ist überschritten? - In einer Volkswirtschaft, die auch in der jetzigen Krise konstant weiterwächst und als Exportweltmeister fungiert, in einem Land, in dem das Privatvermögen sich in den letzten zehn Jahren auf vier Billionen Euro verdoppelt hat, kann man zumindest feststellen, dass die großen Kapitalvermögen ihren Zenit noch längst nicht erreicht haben (vgl. Seite 50f.). Vielmehr schießen sie weiter scheinbar unbegrenzt nach oben - und die Zeche zahlen die Bezieher kleiner und mittlerer Einkommen, in der Regel die eigentlichen Leistungsträger der Gesellschaft, deren Lebensstandard auf tatsächlicher Wertschöpfung beruht.
Zustimmend zitiert Illies seinen Altersgenossen Hans Martin Bury, einen von Gerhard Schröder zum Staatsminister beförderten Ex-Juso: »Wenn die Jungen von heute den ergrauten Achtundsechzigern nicht ebenso Druck machen, wie es die Achtundsechziger ihrerseits vermochten, sind sie selbst schuld.«7 Druckmachen müssen Illies, Bury und ihre Mitstreiter freilich erst noch lernen. »Es gibt nur eine einzige Protestform, die unsere Generation mit Leidenschaft herausgebildet hat: Kandidaten per Telefon aus dem Big-Brother-Container herauszuwählen.«8 Drei Demonstrationsformen kann sich der smarte Jungautor immerhin vorstellen: eine gegen die Telekom wegen sinnlosem Herumhängen in ihren Warteschleifen, eine gegen die Kartenautomaten der Bahn und die dritte »gegen die deutschen Gewerkschaften«. Besonders nervt den Feingeist »das ästhetisch unterirdische Niveau der deutschen Streikenden«: »immer nur frierende Grauhaarige mit Klobrillen, die von Mutti watt Warmet auffen Streik jebracht kriegen. Im Medienzeitalter törnt das echt ab.« Manche finden so etwas lustig. Ich finde es eher traurig - und fühle mich erinnert an eine Analyse von Theodor W. Adorno: »Welch einen Zustand muss das herrschende Bewusstsein erreicht haben, dass die dezidierte Proklamation von Verschwendungssucht und Champagnerfröhlichkeit, wie sie früher den Attachés in ungarischen Operetten vorbehalten war, mit tierischem Ernst zur Maxime richtigen Lebens erhoben wird.«9

Die Mutation der Christdemokratie

Angesichts der Wertelosigkeit und des Zynismus der »Generation Golf« ist man beinahe geneigt, den Zeiten konservativer Herrschaft nachzutrauern. Hatten die nicht wenigstens ein paar soziale Prinzipien? Doch die Konservativen sind längst zu Strukturkonservativen degeneriert. Sieht man von gelegentlichen Sonntagsreden über das christliche Menschenbild ab, findet man sie allenfalls noch in kirchlichen Institutionen und Bewegungen. Die CDU ist eine so sehr dem Kapitalismus verpflichtete Partei geworden, dass sie selbst angesichts der Zerstörung ihrer Kernwerte durch das System keinerlei politische Regung zeigt.
Norbert Blüm, einer der letzten Vertreter der alten CDU, klagt, dass seine Partei »von der neoliberalen Epidemie infiziert« sei: »Die CDU war einst deshalb zur großen Volkspartei erstarkt, weil sie konservative, liberale und christlich-soziale Ideen zu einer produktiven Synthese vereint hatte. Von den Christlich-Sozialen sind nur noch nostalgische Relikte übrig geblieben.« Und weiter: »Die christlich-soziale Bewegung ist heimatlos geworden. Von der SPD fühlt sie sich nicht angezogen, von der CDU im Stich gelassen. Die großen liberalen Ideen sind zu einem Wirtschaftsrezept verkümmert. Kopfpauschale und Einheitssteuer widersprechen elementaren Gerechtigkeitsvorstellungen der christlichen Soziallehre. Sie sind Schablonen, mit deren Hilfe alles über einen Kamm geschoren werden soll. ›Gleiches gleich und Ungleiches ungleich behandeln‹ ist der Kern des uralten Gerechtigkeitsgedankens. Das Gerechtigkeitsprinzip ist das Prinzip der Differenzierung - und nicht der Nivellierung.«10
Verfolgt man die Geschichte der Unionsparteien bis in ihre Ursprünge zurück, mag man kaum glauben, dass es sich um ein und dieselbe Partei handelt. In ihrem Ahlener Programm vom Februar 1947 hatte die gerade gegründete CDU postuliert: »Das kapitalistische Wirtschaftssystem ist den staatlichen und sozialen Lebensinteressen des deutschen Volkes nicht gerecht geworden. Nach dem furchtbaren politischen, wirtschaftlichen und sozialen Zusammenbruch als Folge einer verbrecherischen Machtpolitik kann nur eine Neuordnung von Grund auf erfolgen. Inhalt und Ziel dieser sozialen und wirtschaftlichen Neuordnung kann nicht mehr das kapitalistische Gewinn- und Machtstreben, sondern nur das Wohlergehen unseres Volkes sein (…) Die neue Struktur der deutschen Wirtschaft muss davon ausgehen, dass die Zeit der unumschränkten Herrschaft des privaten Kapitalismus vorbei ist.«11 Wären die Verfasser dieses Programms heute noch politisch aktiv, könnte man sie gut und gern als Mitglieder einer neu aufgestellten vereinigten Linken begrüßen. Ganz offensichtlich ist der Verrat an fundamentalen Werten, die in den Anfängen die Identität und die Daseinsberechtigung einer Partei konstituierten, nicht allein eine Spezialität von SPD und Grünen. Alle diese Parteien waren auf ihrem »Marsch durch die Institutionen« einem Prozess der gnadenlosen Systemanpassung unterworfen, in deren Verlauf sie eher zu Attrappen und schlechten Parodien dessen mutiert sind, was sie früher einmal waren.
Gerade eines der zentralen Leitbilder der CDU, die Familie, landet derzeit in atemberaubendem Tempo auf dem Schutthaufen des Systems. Denn der moderne Kapitalismus kann weiß Gott nichts weniger gebrauchen als ortsfeste, in tragende Familienstrukturen eingebundene, der Verantwortung für Familie und Gemeinde verpflichtete Väter. Vor allem nicht solche, die auch noch so viel verdienen wollen, dass es für Haus, Frau und mindestens zwei Kinder reicht. Der entfesselte Kapitalismus braucht flexible, zu jedem Ortswechsel
 
 
 
I. Auflage
© 2006 Riemann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH
Redaktion: Roland Rottenfußer
Grafiken: Ingrid Schobel, München
 
eISBN : 978-3-641-01481-0
 
www.riemann-verlag.de
 
Leseprobe
 

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