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Auf dem Amselhof überschlagen sich die Ereignisse: Elena und Tim feiern Erfolge bei den Deutschen Meisterschaften, während Joana, Brendas Tochter, auf dem Hof auftaucht und Tims Aufmerksamkeit erregt. Auch Farid entfernt sich immer mehr von Elena, da seine Karriere als Fußball-Profi Fahrt aufnimmt. Elena fühlt sich mehr und mehr ausgeschlossen und sorgt sich um ihre Zukunft. Der Sommer wird noch turbulenter, als Brenda unerwartet Elenas Pferd Lenzi kauft. Wird Elena ihren Weg finden und ihre Träume verwirklichen können? Von den Fans sehnsüchtig erwartet: der neue Band der Bestseller-Serie. In dieser Serie bereits erschienen: Elena – Gegen alle Hindernisse (1) Elena – Sommer der Entscheidung (2) Elena – Das Geheimnis der Oaktree-Farm (3) Elena – Schatten über dem Turnier (4) Elena – Ihr größter Sieg (5) Elena – Eine falsche Fährte (6) Elena – In letzter Sekunde (7)
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Auf dem Amselhof überschlagen sich die Ereignisse: Elena und Tim feiern Erfolge bei den Deutschen Meisterschaften, während Joana, Brendas Tochter, auf dem Hof auftaucht und Tims Aufmerksamkeit erregt. Auch Farid entfernt sich immer mehr von Elena, da seine Karriere als Fußball-Profi Fahrt aufnimmt. Elena fühlt sich mehr und mehr ausgeschlossen und sorgt sich um ihre Zukunft. Der Sommer wird noch turbulenter, als Brenda unerwartet Elenas Pferd Lenzi kauft. Wird Elena ihren Weg finden und ihre Träume verwirklichen können?
© Markus Burkhardt
Nele Neuhaus, geboren in Münster/Westfalen, lebt heute im Taunus. Sie reitet seit ihrer Kindheit und schreibt bereits ebenso lange. Nach ihrem Jurastudium arbeitete sie zunächst in einer Werbeagentur, bevor sie begann, Erwachsenenkrimis zu schreiben. Mit diesen schaffte sie es auf die Bestsellerlisten und verbindet nun ihre zwei größten Leidenschaften: Schreiben und Pferde. Ihre eigenen Pferde Fritzi und Won Da Pie standen dabei Pate für die gleichnamigen vierbeinigen Romanfiguren..
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Nele Neuhaus
Lebe deinen Traum
Planet!
Für Eva
Gähnend tastete ich nach meinem Handy und warf einen Blick aufs Display. Zehn nach fünf. Zuverlässig wie immer hatte mich meine innere Uhr fünf Minuten vor dem Klingeln des Weckers aufwachen lassen. Vor den Fenstern dämmerte der Morgen herauf und tauchte das Innere des Wohnwagens in milchiges Zwielicht.
Auf der ausgezogenen Couch schnarchte meine Freundin Melike leise vor sich hin. Ich hatte gar nicht mitbekommen, wann sie in der Nacht in den Wohnwagen gekommen war, so fest hatte ich geschlafen. Um 1:46 Uhr hatte sie mir allerdings eine Nachricht geschrieben: Bitte weck mich unbedingt morgen früh, wenn du aufstehst, auch wenn ich meckere.
Ich musste grinsen. Im Gegensatz zu mir war meine beste Freundin keine Frühaufsteherin. Gestern und vorgestern hatte sie komplett verschlafen und deshalb verpasst, wie Tim mit Fritzi beide Qualifikationen der Youngster Tour gewonnen und Lenzi und ich ihren Freund Niklas und die gesamte Konkurrenz in beiden U25-Springpokal-Qualifikationen hinter uns gelassen hatten. Darüber hatte sie sich schrecklich geärgert.
Ich setzte mich auf die Bettkante und blickte mich um. Im Wohnwagen herrschte nach vier Turniertagen ein heilloses Durcheinander. Vom Fußboden war kein Quadratzentimeter zu sehen; überall lagen Klamotten, Schuhe, Reitsachen und anderes Zeug herum. Heute, am letzten Tag des Turniers, wollte meine Mutter herkommen und hundertprozentig würde sie einen Blick in den Wohnwagen werfen. Sie würde ausrasten, wenn sie dieses Chaos sah. Nachdem vor zwei Jahren unser alter Wohnwagen abgebrannt war, hatten wir diesen vom Geld der Versicherung kaufen können. Er war ziemlich neu und Mamas Heiligtum.
»Hey, Melike!« Ich stand auf, ging hinüber zur Ausziehcouch und rüttelte meine Freundin leicht an der Schulter. »Aufwachen!«
»Hä, was? Wievieluhrisn?«, fragte sie, ohne die Augen zu öffnen.
»Viertel nach fünf.«
»Viertel nach fünf? Oh nee!« Sie wollte sich die Bettdecke über den Kopf ziehen, aber ich hinderte sie daran.
»Du wolltest doch, dass ich dich wecke.«
»Da war mir nicht klar, dass du so früh aufstehen willst«, murmelte sie. »Ich komm gleich nach. Lass mich noch ein bisschen dösen.«
»Nee, nee, nix da!« Ich zog ihr die Bettdecke ganz weg. »Dann pennst du nur wieder ein! Außerdem müssen wir aufräumen, bevor meine Mutter hier aufkreuzt.«
»Ist ja gut! Ich bin ja schon wach!« Melike wälzte sich von der Couch und taumelte mit halb geschlossenen Augen an mir vorbei, stolperte über ihre Schuhe und fiel hin.
»Hast du dir wehgetan?«, fragte ich besorgt, als sie nicht gleich wieder aufstand.
»Nee, aber guck mal!« Sie zog ein Smartphone-Ladekabel unter einem Berg Klamotten hervor. »Das hab ich seit vorgestern überall wie bescheuert gesucht! Ach, und hier unter der Bank sind übrigens auch die Dinger für deine Weste!«
Sie reichte mir den Karton mit den Ersatzkartuschen für meine AirBag-Weste, nach dem ich gestern vergeblich das Wohnabteil unseres Pferdetransporters und die Sattelschränke im Stallzelt abgesucht hatte.
Während sie in dem winzigen Badezimmer verschwand, schlüpfte ich in Jeans und T-Shirt und band mir einen Pferdeschwanz. Dann zerrte ich meine Reisetasche unter dem Bett hervor, suchte meine Klamotten zusammen und verstaute sie in der Tasche. Mein verknittertes graues Reitjackett hängte ich auf einen Kleiderbügel, die letzte saubere weiße Reithose und das kurzärmelige Turniershirt legte ich ordentlich über eine Stuhllehne. Meine Reitstiefel hatte ich gestern schon geputzt.
Melike kam aus dem Mini-Bad und fing auch an, zu packen. Wir stopften leere Chipstüten, Joghurtbecher, Flaschen und den ganzen Müll, der sich in vier Tagen angesammelt hatte, in einen Müllsack und spülten das benutzte Geschirr.
»Warum bist du gestern Abend eigentlich so früh verschwunden?«, wollte Melike wissen. »Ich hab beim Karaoke-Contest am Schluss zusammen mit Christian Tattoo und Euphoria gesungen, das hättest du sehen sollen! Es war megawitzig!«
»Farid hat angerufen. Wir haben fast eine Stunde gequatscht«, erwiderte ich. »Und dann war ich irgendwie total platt und hatte keine Lust mehr auf Party.«
»Ach!« Melike riss die Augen auf. »Ich dachte, er könnte aus China nicht anrufen!«
»Dachte ich auch. Aber sie benutzen irgendwie ein PVN oder so, und damit können wir über WhatsApp telefonieren.«
»VPN«, korrigierte Melike mich. »Virtual Private Network. Damit kann man seine IP-Adresse verschlüsseln. Clever.«
Mein Freund Farid war Profifußballer und auf dem besten Weg ganz nach oben. Letztes Jahr war er vom DFB mit der Fritz-Walter-Medaille in Gold für besondere fußballerische Leistungen ausgezeichnet worden, und er hatte einen Stammplatz im Kader der deutschen U19-Nationalmannschaft. Zum Ende der Saison war er von seinem bisherigen Verein Eintracht Frankfurt zu Borussia Dortmund gewechselt, einem der besten deutschen Bundesliga-Clubs. Für seine Karriere war das eine Riesenchance, und es war sein Ziel, in der neuen Bundesliga-Saison, die im August begann, fest im Kader des BVB zu sein. Obwohl ich das gut verstand und ihm diesen Erfolg mit einem Teil meines Herzens gönnte, so war ein anderer Teil von mir schrecklich traurig, denn Farid würde in Zukunft nicht mehr in Königshofen bei seinen Eltern, sondern in Dortmund leben, weit weg von mir. Außerdem würde er viel mit der Mannschaft unterwegs sein. Seit einer Woche war er jetzt schon in Fernost, denn der BVB hatte Fans auf der ganzen Welt, besonders in China, Malaysia und Japan, und deshalb war die komplette Mannschaft samt Trainern und Betreuern nach Asien gereist, um dort öffentliche Trainingseinheiten und Freundschaftsspiele gegen chinesische, japanische, aber auch andere europäische Spitzenclubs zu absolvieren.
Nach der Reise hatte Farid Urlaub und wir wollten mit Melike, Niklas und meinem Bruder Christian für eine Woche in Belhedis Ferienhaus nach Südfrankreich fahren. Danach würde es für ihn schon wieder mit seiner Mannschaft in die Schweiz ins Trainingslager zur Saisonvorbereitung gehen.
Er hatte sich in den letzten Wochen allergrößte Mühe gegeben, seine Vorfreude auf die Fernost-Reise vor mir herunterzuspielen, aber ich wusste, wie sehr er darauf brannte, seine neuen Mannschaftskollegen besser kennenzulernen und sein Können auf dem Platz unter Beweis zu stellen. Gestern am Telefon hatte er mir erzählt, dass alles richtig gut lief und er bisher in jedem Spiel zum Einsatz gekommen war, zuletzt hatte er sogar zwei Mal von Anfang an die kompletten neunzig Minuten spielen dürfen.
Melike und ich packten unser Bettzeug zusammen, quetschten es in zwei große Tüten und verwandelten die Schlafcouch mit ein paar Handgriffen wieder in eine Sitzbank.
Zufrieden blickten wir uns um.
»Picobello«, fand ich.
»Da gibt’s echt nix zu meckern.« Melike nickte. »Und das alles vor sechs Uhr morgens, bevor ich auch nur einen Schluck Kaffee getrunken habe.«
Wir hüpften aus dem Wohnwagen. Die Sonne schob sich wie ein roter Ball über den Horizont und versprach einen weiteren heißen Sommertag, aber so früh am Morgen war die Luft noch frisch und angenehm kühl.
Direkt nebenan parkte unser großer Lkw. Die Gardinen der Wohnkabine waren noch zugezogen – Christian, Tim und Niklas schienen noch zu schlafen.
Melike und ich gingen durch die Reihen der parkenden Pferdetransporter und Wohnwagen, die eine richtige kleine Stadt bildeten. Auf internationalen Turnieren waren es meistens die Pfleger, die in den luxuriösen Wohnkabinen der gigantischen Transporter schliefen; die Reiter waren üblicherweise in Hotels untergebracht.
»Hey, zu den Stallzelten geht’s da entlang«, sagte ich, doch Melike marschierte weiter geradeaus.
»Ich brauche jetzt unbedingt einen Kaffee, sonst sterbe ich«, erwiderte sie und steuerte schnurstracks auf den Eingang des großen Zelts zu. Ich folgte ihr.
Ein paar Leute waren damit beschäftigt, die Überreste der Karaoke-Party von gestern Abend zu beseitigen und die Tische abzuwischen. In der Küche wurden schon Brötchen für das Frühstück geschmiert.
»Kaffee gibt’s leider erst in ein paar Minuten«, sagte die Dame hinter der Theke bedauernd. »Ich habe die Maschine gerade erst eingeschaltet.«
»Dann warte ich hier solange«, beschloss Melike.
Ich bat sie, mir ein Käsebrötchen mitzubringen und verließ das Zelt wieder. Auf dem großen Springplatz, dem Dressurviereck und den Abreiteplätzen liefen Wassersprenger und auf der Haupttribüne kehrte ein Mann den Müll zusammen, den die Zuschauer gestern hinterlassen hatten. Die Stände der Aussteller rings um den Turnierplatz, an denen man beinahe alles kaufen konnte, was das Reiterherz begehrte, waren mit Planen abgedeckt. Auch die Meldestelle war noch geschlossen, aber an der großen Informationstafel hing neben den Ergebnislisten der letzten Tage bereits die Starterliste für die erste Prüfung des Tages: das Finale der Youngster Tour für 7- und 8-jährige Pferde, das um 8:30 Uhr beginnen würde. Tim war mit Fritzi letzter Starter, weil er mit ihm die beiden Qualifikationen gewonnen hatte.
In Stallzelt F hatten wir mit unseren fünfzehn Pferden eine ganze Stallgasse für uns. Eine der Boxen nutzten wir als Sattelkammer und eine als Futterkammer und Heulager. Lenzi brummelte, als ich das Stallzelt betrat, und Fritzi wieherte.
Trotz der frühen Stunde war ich nicht die Erste im Stall: Tim war auch schon da. Er hatte Con Amore auf der Stallgasse angebunden und nahm dem braunen Wallach gerade den Longiergurt vom Rücken.
»Hey«, begrüßte er mich.
»Hey«, erwiderte ich. »Seit wann bist du schon hier?«
»Seit halb fünf. Ich habe erst Fritzi und jetzt Conny longiert.« Tim ging in die Hocke, um dem Pferd die Gamaschen abzunehmen. Er grinste ein bisschen verlegen. »Ich konnte nicht schlafen. Irgendwie bin ich ganz schön nervös.«
»Kann ich verstehen.«
Seine Offenheit freute mich. Ich hatte die Befürchtung gehabt, es könnte schwierig oder irgendwie komisch werden, wenn er auf dem Amselhof arbeiten und ich ihn jeden Tag sehen würde. Aber es war überhaupt kein Problem, ganz im Gegenteil. Vielleicht auch deshalb, weil ich mit Farid zusammen und zwischen Tim und mir nichts mehr war.
»Oh Mann, Elena! Deutsche Meisterschaften!« Tims blaue Augen funkelten. »Wenn mir das einer vor ein paar Monaten gesagt hätte, hätte ich gedacht, der spinnt! Ich habe heute echt die Chance, Deutscher Meister zu werden, und das auch noch mit Conny! Ich hätte nie geglaubt, dass ich dieses Pferd jemals wieder reiten würde!« Er zauste dem braunen Wallach die Stirnlocke und Conny rieb seine Nase an Tims Schulter. Früher einmal war Con Amore eines der besten Springpferde von Tims Vater gewesen und Tim hatte mit ihm seine ersten Platzierungen und Siege in M- und S-Springen geholt. Er hatte Conny sehr gerngehabt und große Hoffnungen in ihn gesetzt, aber Richard Jungblut war Pferdehändler gewesen und als ihm Hans-Dieter Teichert viel Geld für Con Amore geboten hatte, hatte er ihn verkauft, ohne Rücksicht auf die Hoffnungen seines Sohnes zu nehmen.
Ariane Teichert war mit Conny sehr erfolgreich gewesen, aber so, wie sich für Tim das Blatt zum Guten gewendet hatte, hatte es sich für Ariane zum Schlechten entwickelt. Vor ein paar Wochen war nämlich herausgekommen, dass ihr Vater in höchst kriminelle Geschäfte verwickelt war: Man warf ihm Bestechung, Geldwäsche und Steuerhinterziehung in Millionenhöhe vor. Schon lange waren Polizei und Staatsanwaltschaft ihm und seinen Komplizen auf der Spur gewesen, aber ihnen hatten die Beweise gefehlt, und die hatten Melike und ich ganz zufällig gefunden. Jetzt saßen Hans-Dieter Teichert, Bauunternehmer Stefan Roselieb und Notar Dr. Rainer Schwarz aus Königshofen in Untersuchungshaft; eine vorläufige Freilassung gegen Kaution hatte der Haftrichter wegen Flucht- und Verdunklungsgefahr abgelehnt und deshalb mussten die drei bis zu ihrem Prozess im Gefängnis bleiben.
Papa hatte Frau Teichert Con Amore, der offiziell ihr und nicht ihrem Mann gehört hatte, zu einem fairen Preis abgekauft, um zu verhindern, dass sie das Pferd an irgendeinen Pferdehändler verscherbelte, nur weil sie dringend Geld brauchte, denn die Steuerbehörden hatten sämtliche Konten von Teicherts eingefroren, Schmuck, Autos und wertvolle Bilder beschlagnahmt. Ariane und ihre Mutter hatten von ihrer Villa in eine kleine Mietwohnung umziehen müssen.
Papa hatte Tim das Pferd zum Reiten gegeben und die beiden hatten auf Anhieb beim ersten Turnier vor vier Wochen zwei S-Springen gewonnen.
»Es ist voll korrekt von deinem Vater, dass er mich weiter seine besten Pferde reiten lässt, obwohl er längst wieder fit ist.« Tim führte Conny in seine Box und schloss die Tür hinter dem braunen Wallach. »Er hätte hier ja auch selbst reiten können.«
Mein Vater war ein erfolgreicher Springreiter. In seiner langen Karriere war er unter anderem zwei Mal Deutscher Meister gewesen, er hatte über fünfhundert S-Springen, das Deutsche Derby und den Großen Preis von Aachen gewonnen, war mit Lagunas dritter im Weltcup-Finale und Europameister mit der Mannschaft geworden, außerdem hatte er schon oft in Nationenpreisen für Deutschland reiten dürfen. Auch in diesem Jahr hatte sein Name auf dem Zettel des Bundestrainers gestanden, aber kurz nach Ostern war er unglücklich über meinen Jack Russel Terrier Twix gestolpert und hatte sich dabei einen Bänder- und Kapselriss im Knöchel zugezogen. An Reiten und Turniere war natürlich nicht mehr zu denken gewesen. Weil unser Bereiter Jens, dem ich vor vielen Jahren den wenig schmeichelhaften Spitznamen »Aknefrosch« verpasst hatte, die Arbeit mit all den Pferden unmöglich hätte alleine bewältigen können, hatte ausgerechnet Farid vorgeschlagen, meinen Ex-Freund Tim zu fragen, ob er aushelfen könnte, bis Papa wieder fit war. Tim hatte sofort begeistert zugesagt. Nach dem schriftlichen Abi war in der Schule sowieso nichts mehr los und er fand es erheblich besser, auf dem Amselhof die Pferde meines Vaters zu reiten, als für acht Euro die Stunde in einem Getränkemarkt in Hettenbach zu knechten. Auf dem Maimarktturnier in Mannheim, dem Pfingstturnier in Wiesbaden und in Hagen hatte Tim meinen Hengst Fritz Power, Papas Turnierpferde und einige Nachwuchspferde sehr erfolgreich geritten, und nicht zuletzt deshalb hatte Papa zu Tims Gunsten darauf verzichtet, selbst in Balve um den Titel des Deutschen Meisters zu reiten. Es gab jedoch noch einen anderen Grund, aber den verriet ich Tim nicht. Ich hatte nämlich zufällig vor ein paar Tagen ein Gespräch meiner Eltern belauscht, was zwar nicht besonders fein, dafür aber aufschlussreich gewesen war.
»Der Junge hat eine große Zukunft«, hatte mein Vater zu meiner Mutter gesagt. »Er wird neue Kundschaft mit richtig guten Pferden anziehen, wenn er so weitermacht. Das ist das Beste, was dem Amselhof passieren kann.«
»Mein Vater hat voll Spaß dran, uns zu trainieren«, sagte ich. »Ich glaube, er ist gar nicht so traurig, nicht selbst reiten zu können.«
Tim band Latus Lex, den er gleich im Junioren-Förderpreis, einem Zwei-Phasen-Spezial-Springen, reiten würde, auf der Stallgasse an und zog ihm Longiergurt und Gamaschen an.
»Heu habe ich schon gefüttert«, informierte er mich und schnallte die Trense zu. »Kannst du Kraftfutter geben und die Wassereimer vollmachen?«
»Klar. Mach ich.«
»Danke.« Tim klickte die Longe in den Trensenring und verließ mit Latus Lex das Stallzelt.
Ich öffnete die Futtertonne und begann, die Morgenrationen für fünfzehn Pferde abzumessen und in Schüsseln zu füllen. Elf Pferde hatten wir mit nach Balve genommen, vier Pferde gehörten Brenda Channing-Baxter, der amerikanischen Springreiterin, die seit März ihre Tiere bei uns auf dem Amselhof eingestellt hatte, um die wichtigsten Turniere in Europa zu reiten.
Bisher hatten wir achtzehn Schleifen errungen, darunter sechs goldene – und zwei von ihnen hatten Lenzi und ich beigesteuert, weil wir beide Qualifikationen des U25-Springpokals gewonnen hatten. Mir fehlten nur noch zwei S-Siege, dann würde ich das Goldene Reitabzeichen verliehen bekommen!
Ich schüttete einem Pferd nach dem anderen das Futter in den Trog und bald war das Stallzelt erfüllt vom Geräusch mahlender Pferdezähne. Ich liebte nichts mehr, als auf Turnieren oder zu Hause im Stall bei den Pferden zu sein und mir graute davor, morgen wieder in die Schule gehen zu müssen. Selten hatte ich die Sommerferien so sehr herbeigesehnt wie in diesem Jahr. Seitdem die Noten feststanden, passierte in der Schule nämlich rein gar nichts mehr, wir guckten entweder langweilige Filme oder spielten irgendetwas; eine sinnlosere Vergeudung von Lebenszeit konnte ich mir kaum vorstellen. Glücklicherweise war es jetzt nur noch eine Woche bis zu den Ferien und morgen würden Brendas Tochter Joana und ihr Vater auf den Amselhof kommen. Joana war gerade mit der Highschool fertig und sie wollte den Sommer, bevor sie aufs College gehen würde, nutzen, um ihre Mutter auf Turniere zu begleiten und mit ihrer Großmutter die wichtigsten Hauptstädte Europas zu besuchen. Joanas Vater Chad Channing wollte den Sommer und Herbst über Lehrgänge in Deutschland, Österreich, Belgien, Frankreich, der Schweiz, Italien und England abhalten. Er war ein berühmter Pferdetrainer, der früher in Montana und Wyoming mit Wildpferden und Problempferden gearbeitet hatte, bis ihn ein Fernsehsender entdeckt und einen Dokumentarfilm über ihn gedreht hatte. Diesen Film hatte Brendas Vater Richard Baxter gesehen. Er war so von Chads Methode der gewaltfreien Kommunikation mit Pferden fasziniert gewesen, dass er eine Fernsehserie über ihn produziert hatte. Vier Jahre lang war Chad bei seiner Arbeit von einem Fernsehteam begleitet worden, dabei waren vier Staffeln mit insgesamt 40 Folgen des »Pferdeflüsterers« entstanden, die ihn und seine Methode sehr populär gemacht hatten. Ähnlich wie Dr. Lajos Kertéczy war Chad Channing jemand, zu dem Menschen ihre Pferde brachten, wenn sie nicht mehr weiterwussten. Er hatte immer mehr Anfragen erhalten und im ganzen Land Lehrgänge abgehalten und war längst nicht mehr nur in Amerika, sondern auch in Europa bekannt.
»Hier, dein Käsebrötchen!« Melikes Stimme riss mich aus meinen Gedanken.
»Ah super! Danke! Du kommst gerade rechtzeitig, um mir beim Wasserschleppen zu helfen.«
»Lass dir damit nur Zeit!«, erwiderte Melike und kicherte. »An der Frühstückstheke ist gerade der verschlafene Aknefrosch an mir vorbeigetaumelt. Er kommt garantiert gleich her und dann drücken wir ihm den Wassereimer-Job aufs Auge.«
Jemand räusperte sich hinter ihr und sie zuckte zusammen.
»Weder bin ich getaumelt, noch bin ich verschlafen, Zobeline«, sagte Jens, der plötzlich wie aus dem Boden gewachsen dastand. »Aber wegen deiner verleumderischen Reden kannst du jetzt mal schön selber Wasser schleppen.«
»Ach komm schon, Fröschlein.« Melike schaute ihn treuherzig an. »Wir sind nur zwei schwache, kleine Mädchen und du bist ein starker Mann. Du kannst nicht wirklich wollen, dass wir zu dieser gottlosen Uhrzeit unsere zarten Rücken ruinieren! Für dich ist es doch ein Klacks, die Eimer zu tragen.«
»Deine Schleimerei zieht bei mir nicht«, grinste der Aknefrosch und ließ sich gemütlich auf einem Hocker nieder. »Außerdem schaue ich dir unheimlich gerne zu, wie du Wasser schleppst.«
Es gibt drei Kategorien von Turnieren: Solche, auf denen man immer einigermaßen gut dabei ist und vielleicht mal ein Springen gewinnt. Dann gibt es Turniere, bei denen das kleine Quäntchen Glück fehlt, und entweder gar nichts rundläuft oder man in jedem Springen einen blöden Abwurf kassiert und knapp aus der Platzierung rutscht, obwohl es nicht wirklich schlecht gelaufen ist. Und dann sind da die Turniere, bei denen einfach alles passt. Diese Turniere sind selten und man muss sie sich gut merken. Das Turnierwochenende in Balve fiel eindeutig in diese dritte Kategorie: Tim gewann mit Fritzi auch das Finale der Youngster Tour und wurde mit Latus Lex im Junioren-Förderpreis ganz knapp Zweiter hinter Niklas mit seinem No Doubt.
Niklas’ Eltern und Mama waren natürlich rechtzeitig gekommen, um Tim und Niklas reiten zu sehen, sie hatten Gina, Lajos und dessen Freundin Miriam mitgebracht. Sogar Rudi Weitzel, der Bauer aus Hettenbach, hatte den weiten Weg nach Balve auf sich genommen und saß auf der Tribüne. Und auch Richard und Barbara Baxter waren schon da, obwohl Brenda erst in einem späteren Springen starten würde.
Melike begleitete mich zum Wohnwagen, denn ich musste mich umziehen.
»Juckt es dich eigentlich nicht, Fritzi wieder selbst zu reiten?«, fragte sie.
»Doch, manchmal schon«, gab ich zu. »Aber seitdem er mit mir durchgegangen ist und ich ihn nicht mehr anhalten konnte, habe ich irgendwie … Angst.«
»Du doch nicht!«, sagte meine Freundin voller Überzeugung. »Du hast doch überhaupt nie Angst auf einem Pferd!«
Melike war dabei gewesen, als Fritzi vor ein paar Wochen bei einer Springstunde komplett ausgerastet war und ich ihn nicht mehr hatte anhalten können. Wäre Tim mir nicht geistesgegenwärtig mit Cornado in den Weg geritten, sodass Fritzi hatte bremsen müssen, hätte es womöglich ein Unglück gegeben. Mit der explosiven Kraft meines Hengstes war ich völlig überfordert, und an diesem Tag war mir schmerzlich klar geworden, dass ich nicht die richtige Reiterin für ihn war.
Ich kletterte in den Wohnwagen, schlüpfte in meine weiße Reithose, zog Turniershirt und Reitstiefel an. Melike schulterte den Kleidersack mit meinem Jackett und wir machten uns auf den Weg zu den Stallzelten.
In unserer Stallgasse war viel los. Susan stand auf einem Hocker und flocht Quite Easy, der später im Finale der Mittleren Tour gehen würde, die Mähne ein. Niklas putzte Palais de Danse und mein Vater und Tim standen mit ein paar Leuten vor Latus Lex’ Box.
»Was sind das für Leute, mit denen mein Vater redet?«, erkundigte ich mich beim Aknefrosch, der in der Sattelkammerbox in einem der Sattelschränke herumwühlte und vor sich hin fluchte.
»Kann ich hellsehen?«, knurrte er unwirsch. »Keine Ahnung!«
»Suchst du was Bestimmtes?«, fragte ich.
»Ja! Das neue Nathe-Tandem-Gebiss! Man findet echt gar nichts mehr, weil tausend Leute in den Sattelschränken herumkramen!«
»Tausend Leute?« Melike schlängelte sich an mir vorbei. »Na, da übertreibst du aber mächtig, Fröschlein!«
»Halt dich raus, wenn Erwachsene reden, Zobeline«, schnauzte der Aknefrosch.
»Das Nathe-Tandem-Gebiss habe ich zuletzt im anderen Sattelschrank in der blauen Kiste gesehen.« Ich nahm Lenzis Halfter vom Haken und ergriff meine Putzkiste.
»Ah, da ist es ja tatsächlich. Danke!«
Seitdem ich ihm und Gloria den Reisegutschein für eine Woche Wellnessurlaub auf Mallorca, den ich als erfolgreichste Reiterin auf dem Osterturnier in Bischofsheim bekommen hatte, geschenkt hatte, war der Aknefrosch meistens richtig nett zu mir.
Weil ich Lenzi vorhin schon gründlich geputzt hatte, musste ich nur noch sein Fell mit einem Lammfell-Putzhandschuh abstauben. Mit Babyöltüchern wischte ich den Staub aus seinen Nüstern und strich über Nase, Maul und Augen, sodass das Fell schimmerte. Lenzi ließ die Prozedur mit halb geschlossenen Augen und hängender Unterlippe über sich ergehen. Wer ihn so sah, konnte ihn leicht für ein altes Pony halten, denn er hatte nur ein Stockmaß von knapp 1,60. Aber er besaß das Herz eines Löwen und wusste genau, wann es darauf ankam. Er liebte Wettkämpfe und war ehrgeizig, und je höher die Hindernisse waren, desto höher sprang er auch. Sein Springvermögen war schier grenzenlos, er mochte es, im Parcours volles Tempo gehen zu dürfen und ich musste mir nie Gedanken machen, ob er einen Abwurf kassieren könnte, weil er wahnsinnig vorsichtig war.
Ich schnallte die Gamaschen und Sprungglocken an Lenzis Beine, sattelte und trenste ihn.
»Alles in Ordnung bei dir?«, erkundigte sich Papa.
»Ja, klar. Waren die Leute wegen Fritzi da?«
»Nein, sie interessieren sich für Latus Lex.«
»Oh, okay.« Ich setzte meinen Helm auf und zog fürs Parcours-Abgehen mein Jackett an.
Tim nahm mir Lenzis Zügel aus der Hand.
»Hast du eigentlich gesehen, dass Rudi Weitzel bei meiner Mutter und Lajos auf der Tribüne sitzt?«, fragte ich ihn.
»Echt?« Tim war erstaunt. »Was will der denn hier?«
»Dir zuschauen, natürlich.« Ich grinste. »Mann, Tim, der feiert dich voll! Der flippt aus vor Glück, wenn wir ihm erzählen, dass Fritzi auf seiner Wiese die ersten Sprünge gemacht hat!«
Rudi Weitzel war der letzte Vollerwerbslandwirt in unserer Gegend. Seitdem er einige Äcker für den Bau des Einkaufszentrums verkauft hatte, war er steinreich. Er galt gemeinhin als Ekel, aber aus unerfindlichen Gründen hatte er einen Narren an Tim und mir gefressen.
»Komm, Elena!« Papa winkte mir und ich folgte ihm und Niklas in den Parcours.
Aus ganz Deutschland waren junge Reiterinnen und Reiter nach Balve gekommen, um am U25-Springpokal teilzunehmen. Die zwanzig besten Reiter-Pferde-Paare, die sich auf vier Turnieren qualifizieren konnten, durften das Finale reiten, das in diesem Jahr Ende August beim CHIO Aachen ausgetragen werden würde. Den Einzug ins Finale hatte ich schon geschafft, aber für Lenzi und mich ging es heute um einen Startplatz bei der Europameisterschaft der Junioren und Jungen Reiter im August.
Die Sonne lachte vom wolkenlosen Himmel, die Zuschauertribünen füllten sich allmählich. Das Finale war ein S***-Springen, die Hindernisse waren dementsprechend hoch und die Linienführung äußerst anspruchsvoll. Ich war noch nie ein so schweres Springen geritten und auch für Lenzi war es das erste Mal.
»Ganz schön hoch, was?«, quatschte mich Sophia Schröder an, als wir uns an Sprung Nummer 8 begegneten. »Da kannst du mit deinem Pony glatt drunter durchreiten.«
Ich beachtete sie nicht und ging einfach weiter, ohne etwas darauf zu erwidern. Diese blöde Kuh war für mich gestorben, seitdem sie im letzten Sommer Tim angegraben hatte und aus Frust, weil er sie hatte abblitzen lassen, das Video von meinem Unglücksritt mit Bittersweet bei YouTube eingestellt hatte. Ihr Vater war auch ein erfolgreicher Springreiter und sie war mit Zintano, seinem besten Pferd, am Start, mit dem er vor ein paar Wochen noch im Großen Preis von Wiesbaden Sechster gewesen war.
Als letzte Starterin konnte ich mir die Ritte der ersten fünf Reiter anschauen. Nicht einer von ihnen blieb fehlerfrei, zwei gaben auf und einer schied sogar aus. Rings um den Abreiteplatz murrten die Eltern und beklagten sich, der Parcours sei viel zu schwer, aber die besseren Reiter kamen noch und tatsächlich gelang Maximilian Behlke aus Baden-Württemberg die erste fehlerfreie Runde. Sophia Schröder blieb auch ohne Abwurf und qualifizierte sich als vierte Starterin für das nachfolgende Stechen.
Ich zog die Sicherheitsweste über und klickte die Reißleine in den Befestigungsgurt am Sattel. Zum Aufwärmen ließ ich Lenzi ein paarmal über den Steilsprung und dann über den Oxer springen. Erst als der vorletzte Starter in den Parcours ritt, hängte Papa die Stangen noch mal ganz hoch. Lenzi sprang elastisch und voller Energie und signalisierte mir, dass er bereit war für jede Herausforderung.
Niklas hatte am vorletzten Sprung einen blöden Fehler kassiert, und ihm stand die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben, als er mir entgegenkam.
»Viel Glück!«, wünschte er mir.
Neben dem Einritt standen mein Bruder Christian, Tim und Melike, Brenda Channing-Baxter und der Schweizer Pferdehändler Gerhard Nötzli, dem Lenzi gehörte, Tammo Eilers, der Junioren-Bundestrainer, und Otto Becker, der Bundestrainer der Erwachsenen, der den U25-Springpokal vor einigen Jahren ins Leben gerufen hatte.
Ich ritt im Schritt in die Bahn und grüßte die Richter mit einem Kopfnicken.
»Als letzte Starter begrüßen wir nun das Siegerpaar der beiden Qualifikationsprüfungen: die Startnummer 488, Lancelot, im Sattel Elena Weiland vom Reitverein Amselhof Steinau«, sagte der Ansager und das Publikum klatschte freundlich.
Ich ließ den braunen Wallach angaloppieren und los ging’s! Mühelos und mit gespitzten Ohren flog Lenzi über Steilsprünge, die beinahe so hoch waren wie er selbst, und Oxer, groß wie kleine Einfamilienhäuser. Er brauchte wegen seiner geringen Größe ein hohes Grundtempo, aber trotzdem hatte ich bei ihm nie das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren. Ich spürte seinen unbedingten Willen, seine Freude am Springen und seine Kraft. Und 56,8 glückliche Sekunden lang fühlte ich mich eins mit diesem wunderbaren Pferd.
»Fehlerfrei in der Zeit! Damit sehen wir Elena Weiland und Lancelot als fünftes Paar im Stechen wieder!«, schallte es aus den Lautsprechern. Die Zuschauer applaudierten, Lenzi schnaubte zufrieden und ich klopfte ihm den Hals.
»Sehr gut geritten, Elena!« Papa erwartete mich auf dem Abreiteplatz. »Eine wirklich tolle Runde!«
»Er ist super gesprungen!« Ich lockerte atemlos den Sattelgurt. »Die Hindernisse könnten ruhig noch höher und breiter sein, das juckt ihn überhaupt nicht!«
Ich ritt Schritt am langen Zügel und prägte mir den Stechparcours ein. Maxi Behlke legte als erster Starter eine ziemlich flotte Nullrunde vor, die von Patrick Dittmer und Antonia Roth noch unterboten wurde.
Ich ließ Lenzi auf dem Abreiteplatz einmal über einen hohen Steilsprung und einmal über einen hohen Oxer springen.
»Willst du noch einen Sprung machen?«, fragte mein Vater.
»Nein«, antwortete ich. »Das reicht.«
Wenn er selbst auf Turnieren ritt, konnte ihn nichts erschüttern, aber als Trainer war Papa jedes Mal, wenn einer seiner Schützlinge in den Parcours ritt, schrecklich nervös. Dieses Turnierwochenende hatte ihn ganz schön Nerven gekostet, ihm aber auch Grund gegeben, stolz zu sein.
»Komm, Lenzi«, sagte ich zu dem kleinen braunen Wallach. »Lass uns mal gucken, was die blöde Sophia da drin so macht.«
Die Ohren des kleinen Vollblüters zuckten kurz nach hinten, dann drehte er sie gleich wieder nach vorne.
Zintano galoppierte schnell und flüssig durch den Stechparcours. Er kam nicht einmal in die Nähe einer Stange und schon bevor Sophia durch die Ziellinie geritten war, wusste ich, dass sie eine wirklich krass schnelle Zeit vorgelegt hatte. Laute Musik dröhnte aus den Lautsprechern, das Publikum applaudierte.
»Mit einer fehlerfreien Runde in 31,2 Sekunden übernimmt Sophia Schröder mit ihrem Zintano die Führung!«, rief der Ansager. »Als letzte Starterin begrüßen wir in der Bahn Elena Weiland mit der Startnummer 488, Lancelot, vom Reitverein Amselhof Steinau.«
Sophia Schröder grinste mich an, als sie an mir vorbei nach draußen ritt.
»Diese Zeit ist unschlagbar!«, hörte ich jemanden sagen.
»Das wollen wir doch mal sehen«, murmelte ich.
Die Zuschauertribünen hatten sich gefüllt, denn gleich nach dem Stechen begann das Finale der Mittleren Tour, eine der schwersten Prüfungen des Turniers. So viele Zuschauer hatten wir jungen Reiter sonst selten, aber mich irritierte das nicht. Sobald ich im Parcours war, blendete ich alles andere aus. In diesem Moment gab es nur noch mein Pferd, die Hindernisse und mich. Sophia und die anderen drei Stechteilnehmer waren nach Sprung Nummer 5 eine Abkürzung geritten, wozu man aber ziemlich viel Tempo rausnehmen musste. Lenzis Wendigkeit war in schwierigen, technischen Parcours wie diesem hier oft von Vorteil, dazu war er sehr gut ausbalanciert und deshalb nach einem Sprung sofort wieder im Gleichgewicht. Dank dieser Eigenschaft hatten wir schon häufig wertvolle Sekunden einsparen können. Ich beschloss, den längeren Weg zu nehmen und Lenzis Schnelligkeit auszuspielen. Es war zwar riskant, eine Oxer-Steil-Kombination in vollem Tempo anzureiten, aber ich vertraute auf das Springvermögen, die Vorsicht und den Mut meines Pferdes.
Die Glocke ertönte – der Parcours war frei.
Ich blickte mich noch einmal um, dann ließ ich den kleinen Wallach angaloppieren.
»Lass uns fliegen, Lenzi!«, flüsterte ich meinem Pferd zu. Und das tat er! Er spürte, welchen Weg ich reiten wollte und reagierte fein auf jede Gewichtsverlagerung. In dem großen Reitstadion herrschte atemlose Stille, als ich nach Sprung 5 einen anderen Weg als alle anderen Reiter vor mir einschlug und Lenzi im Renngalopp gehen ließ. Nur noch zwei Sprünge trennten uns von der Ziellinie: die zweifache Kombination, bestehend aus einem breiten blauweißen Carrée-Oxer und einem sehr hohen Steilsprung. Hier hatte es im Umlauf viele Fehler gegeben.
»Pass auf!«, raunte ich Lenzi zu und schon waren wir über den Oxer hinweg. Es genügte, mich leicht in den Sattel zu setzen und meinen Oberkörper ein wenig aufzurichten, damit Lenzi den Galoppsprung verkürzte und es perfekt für den Steilsprung passte. Danach legte ich mich flach auf den Hals meines Pferdes und als wir durchs Ziel schossen, dröhnte die Musik aus den Lautsprechern und das Publikum applaudierte und pfiff begeistert. Ein solch spannendes Stechen war ganz nach dem Geschmack der Zuschauer! Überglücklich klopfte ich mit beiden Händen Lenzis Hals und parierte ich ihn durch zum Trab.
»Das war eine fehlerfreie Runde in … halten Sie sich fest, meine Damen und Herren … in neunundzwanzig Komma acht Sekunden!«, verkündete der Ansager. »Das ist der Sieg in dieser Prüfung für Elena Weiland vom Reitverein Amselhof Steinau mit Lancelot!«
Das dritte Mal an diesem Wochenende standen Lenzi und ich bei der Siegerehrung ganz rechts, Sophia Schröder machte gute Miene zum bösen Spiel und lächelte säuerlich. Der Richter, die Dame von der Turnierleitung, der Bundestrainer der Springreiter und Tammo Eilers, der Juniorentrainer, gratulierten mir.
»Das waren drei wirklich sehr gute Ritte an diesem Wochenende, Elena«, lobte der Bundestrainer. »Und das Stechen war einfach fantastisch! Dein Lancelot hat das Zeug zu einem Championatspferd.«
»Vielen Dank!« Das Lob aus dem Mund des Bundestrainers machte mich stolz.
»Du bekommst die Einladung noch schriftlich«, sagte Tammo Eilers zu mir. »Aber ich möchte Lancelot und dich auf jeden Fall bei der Euro im August dabeihaben. Für das Finale vom U25-Springpokal seid ihr ja sowieso qualifiziert.«
Mein Blick wanderte über die Zuschauer, bis ich Mama, Gina und die anderen entdeckt hatte. Ich war rundum glücklich. Dieser Tag war einfach perfekt.
»Elena!« Die Stimme meines Vaters drang aus weiter Ferne an mein Ohr. »Aufwachen! Wir sind zu Hause.«
Ein kühler Lufthauch streifte mein Gesicht, dann knallte eine Autotür zu und ich schreckte hoch. Ich brauchte ein paar Sekunden, um zu begreifen, dass ich nicht in meinem Bett lag, sondern auf der Rückbank in der Fahrerkabine unseres großen Pferdetransporters. Dumpf polterten Pferdehufe und der Lkw schwankte leicht, als ein Pferd nach dem anderen die Verladerampe hinuntergeführt wurde. Gähnend streckte ich mich, setzte mich auf und tastete schlaftrunken nach meinen Turnschuhen, meiner Fleecejacke und meinem Handy. Es war fast elf Uhr! Ich musste zwei Stunden tief und fest geschlafen haben! Tim hatte diesem erfolgreichen Turnierwochenende die Krone aufgesetzt, denn er hatte mit Con Amore nach zwei spannenden Umläufen nicht nur den Großen Preis von Balve für sich entschieden, sondern war dadurch außerdem gegen starke Konkurrenz Deutscher Meister geworden!
Wir hatten uns die feierliche Meisterehrung angeschaut und zugesehen, wie die anderen Reiter Tim zur Meisterschaftsdusche in den Wassergraben geworfen hatten. Das war ein Ritual bei Meisterschaften, so ähnlich wie beim Fußball, wo es eine Bierdusche für den Trainer gab.
Endlich fand ich meine Turnschuhe und zog sie an. Ich kletterte aus der Fahrerkabine und blinzelte ins helle Licht des Strahlers über der Stalltür. Das Be- und Entladen des Lkw vor und nach einem Turnier war Routine für uns alle, jeder Handgriff saß und alle wussten, was sie zu tun hatten. Tim und Christian rollten den großen Sattelschrank aus dem Lkw und stellten ihn vor die Tür der Sattelkammer. Ich hätte im Stehen einschlafen können, so müde war ich, trotzdem räumte ich den Sattelschrank aus. Papa spritzte den Pferden die Beine ab, der Aknefrosch brachte sie anschließend in ihre Boxen. Christian fuhr eine Schubkarre die Rampe hoch und machte den Lkw sauber. Das alles musste heute erledigt werden, denn der Wetterbericht hatte ein paar Tage Hochsommerwetter angekündigt, und das hieß: Heuernte! Opa und Heinrich hatten gestern und heute schon die ersten Wiesen gemäht, morgen würde weitergemäht, dann gewendet und schließlich gepresst. Die Heuernte war immer ein Wettlauf gegen die Zeit, denn das Heu musste gepresst und ins Trockene gebracht werden, bevor Gewitter kamen und das gemähte Gras nass geregnet wurde.
Tim lief mit einem Dauergrinsen im Gesicht im Stall herum. Sein Smartphone klingelte und bimmelte ohne Unterbrechung. Selbst jetzt, fast um Mitternacht, beglückwünschten ihn alle möglichen Leute zu seinem Meistertitel.
»Da will irgendwer ein Interview mit mir machen«, sagte er kopfschüttelnd.
»Derjenige wird nicht der Letzte sein«, entgegnete Papa. »Du bist immerhin der jüngste Deutsche Meister im Springreiten, den es je gegeben hat.«
»Am besten mach ich einfach mein Telefon aus«, meinte Tim.
»Oder du gibst es meiner Mutter«, schlug Christian vor. »Die weiß, wie so was geht.«
»Gute Idee«, fand Tim.
»Hat sich dein Vater bei dir gemeldet?«, wollte ich wissen.
»Ja, er hat angerufen. Ich hab ihn aber gleich abgewürgt. Er hat meinen Ritt und die Meisterehrung wohl bei ClipMyHorse gesehen.«
