Beschreibung

Der erste Band der Pferdebuch-Erfolgsserie von Bestseller-Autorin Nele Neuhaus

Elenas Welt sind die Pferde. Und der Reiterhof ihrer Eltern ist ihr Leben. Besonders liebevoll kümmert sie sich um ihr Pferd Fritzi, das als Fohlen schwer verletzt und von ihren Eltern bereits aufgegeben wurde. Nun trainiert sie ihn heimlich zusammen mit Melike und Tim im Wald. Tim, der ihr Herz höherschlagen lässt – und ausgerechnet der einzige Junge, mit dem sie nie zusammen sein darf. Denn die Familien von Tim und Elena sind seit vielen Jahren verfeindet. Gemeinsam versuchen sie zu ergründen, woher dieser Hass stammt, und kommen einem dunklen Geheimnis auf die Spur ...

In neuer Ausstattung!

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Seitenzahl: 347

oder

Das Buch

Elenas Welt sind die Pferde. Und der Reiterhof ihrer Eltern ist ihr Leben. Besonders liebevoll kümmert sie sich um ihr Pferd Fritzi, das als Fohlen schwer verletzt und von ihren Eltern bereits aufgegeben wurde. Nun trainiert sie Fritzi heimlich zusammen mit Melike und Tim im Wald. Ausgerechnet Tim, der ihr Herz höherschlagen lässt, mit dem sie aber nie zusammen sein darf. Denn die Familien von Tim und Elena sind seit vielen Jahren verfeindet. Gemeinsam versuchen sie zu ergründen, woher dieser Hass stammt, und kommen einem dunklen Geheimnis auf die Spur …

Die Autorin

© Felix Bruegemann

Nele Neuhaus, geboren 1967 in Münster/Westfalen, lebt heute im Taunus. Sie reitet seit ihrer Kindheit und schreibt bereits ebenso lange. Nach ihrem Jurastudium arbeitete sie zunächst in einer Werbeagentur, bevor sie begann, Erwachsenenkrimis zu schreiben. Mit diesen schaffte sie es auf die Bestsellerlisten und verbindet nun ihre zwei größten Leidenschaften: Schreiben und Pferde. Ihre eigenen Pferde Fritzi und Won Da Pie standen dabei Pate für die gleichnamigen vierbeinigen Romanfiguren.

Mehr über Nele Neuhaus: www.neleneuhaus.de

Nele Neuhaus auf Facebook: www.facebook.com/​nele.neuhaus

Der Verlag

Du liebst Geschichten? Wir bei Planet! in der Thienemann-Esslinger Verlag GmbH auch! Wir wählen unsere Geschichten sorgfältig aus, überarbeiten sie gründlich mit Autoren und Übersetzern, gestalten sie gemeinsam mit Illustratoren und produzieren sie als Bücher in bester Qualität für euch.

Deshalb sind alle Inhalte dieses E-Books urheberrechtlich geschützt. Du als Käufer erwirbst eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf deinen Lesegeräten. Unsere E-Books haben eine nicht direkt sichtbare technische Markierung, die die Bestellnummer enthält (digitales Wasserzeichen). Im Falle einer illegalen Verwendung kann diese zurückverfolgt werden.

Mehr über unsere Bücher, Autoren und Illustratoren: www.planet-verlag.de

Planet! auf Facebook: www.facebook.com/​thienemann.esslinger

Viel Spaß beim Lesen!

Für meine Nichte Clara

Prolog

Der Regen hatte aufgehört, die dicke graue Wolkendecke riss auf und Elena Weiland beschloss nach einem kritischen Blick von der Stalltür aus zum Himmel, die regenfreie Stunde für einen Ausritt zu nutzen, auch wenn es bereits später Nachmittag war. Der Sommer war vorüber und in den kommenden Monaten würde sie häufig genug in der Reithalle reiten müssen.

Das Mädchen stellte den Fuß in den Steigbügel und schwang sich in den Sattel ihres Schimmelponys. Sirius spitzte die Ohren, als er merkte, dass es hinaus in die Felder und zum Wald ging und nicht in die Reitbahn. Im flotten Trab trug er seine junge Reiterin den sandigen Weg Richtung Waldrand, aber Elena lenkte ihn nach links, zu den abgeernteten Feldern und Wiesen. Sie hob den Kopf und beobachtete die Kraniche, die in V-Formation über den blassgrauen Oktoberhimmel gen Süden zogen, ihr vielstimmiges Trompeten war wie ein wehmütiger Abschiedsgruß des plötzlich so fernen Sommers. Die bunten Farben der Blätter an den Bäumen waren über Nacht blass geworden, leuchtendes Gold und Rot hatten sich in fahles Gelb und knisterndes Braun verwandelt, die Natur verlor ihre Kraft.

Elena wandte ihr Gesicht vom Wind ab und stellte mit einer Hand den Kragen ihrer Jacke auf. In den heftigen Böen, die an den Blättern zerrten, die Bäume schüttelten und den freundlichen Altweibersommer davonjagten, lag eine Ahnung von frostiger Kälte.

Sirius galoppierte an und Elena ließ ihn gewähren. Erst oben auf dem Hügelkamm parierte sie das Pony durch und wandte sich im Sattel um. Sie liebte die Aussicht hinunter auf den Amselhof, der von hier oben so klein aussah wie ein Spielzeugbauernhof. Elena stellte sich in den Steigbügeln auf und ließ ihren Blick schweifen. Rings um die Reithalle drängten sich die verschiedenen Stallgebäude, daneben wie helle, kahle Flecken die Reitplätze. Auf dem Parkplatz zwischen Reithalle, Gaststätte und dem Wohnhaus standen ein paar Autos und weiter vorn, zwischen der Scheune und den zwei großen Kastanien, kroch emsig der Traktor hin und her wie ein glänzend roter Käfer. Wenn sie sich konzentrierte, konnte sie über das Sirren des Windes hinweg Motorengebrumm hören.

Elena war auf dem Amselhof geboren und aufgewachsen, er war ihre Heimat und sie versäumte es nur selten, sich hier an dieser Stelle umzudrehen.

Aber nun wurde Sirius ungeduldig, er wollte weiter. Das Pony kannte jeden Feldweg und jede Galoppstrecke und es mochte einen schnellen Galopp genauso wie Elena.

Nach einer Weile erreichten Pony und Reiterin den Waldrand und tauchten in das dichte Meer aus Bäumen ein. Zwischen den Baumstämmen war es beinahe windstill, nur die Wipfel regten sich im Wind und das Laub auf dem schmalen Pfad dämpfte das Geräusch der Ponyhufe. Lautlos sprang ein Reh auf, schaute erstaunt, verharrte ein paar Sekunden und verschwand mit graziösen Sprüngen im Dunkel des Waldes. Sirius tat, als hätte er sich erschreckt, und galoppierte los. Elena grinste nur und ließ den grauen Wallach laufen.

An einer Wegkreuzung bremste sie seinen wilden Galopp. In Kürze würde die Dämmerung hereinbrechen, zu weit durfte sie nicht reiten. Sie lenkte Sirius nach rechts und parierte durch zum Schritt. Das dichte Fell, das sich das Pony bereits zugelegt hatte, dampfte in der kühlen Luft. Die hohen düsteren Fichten und Douglasien links und rechts der Schneise, die ein heftiger Sturm im letzten Frühjahr in den Wald geschlagen hatte, glichen einer gotischen Kathedrale, wie Elena sie auf der letzten Klassenfahrt besichtigt hatte, und versetzten sie in eine andächtige Stimmung. Ein paar Hundert Meter weiter hatte sie den Waldrand erreicht.

Vor ihr lag die große Koppel, auf der die Herde der Jungpferde graste, die hier einen unbeschwerten Sommer verbracht hatten. Schon bald würden die Nächte zu kalt werden und man würde sie hinunter auf den Hof holen, wo sie in großen Laufboxen mit dicker Stroheinstreu den Winter über blieben.

Der Abendnebel stieg aus den Wiesen und es sah so aus, als ob die Pferde schwebten. Eines der jungen Pferde, ein heller Fuchs mit einer breiten Blesse, hob den Kopf, blickte neugierig zu Elena und ihrem Pony herüber und stieß ein helles Wiehern aus. Die anderen taten es ihm nach und schließlich kamen sie näher, erst im Schritt, dann im Trab. Elena kannte jedes Pferd seit seiner Geburt und rief ihre Namen. Sie folgten ihr auf der anderen Seite des Zauns, dann mussten sie zurückbleiben und blickten ihr nach, wie sie den schmalen Feldweg hinab zum Amselhof entlangritt. Elena wusste, dass die Pferde noch eine Weile dort stehen würden, sich dann aber wieder dem Gras zuwenden und allmählich auf der großen Wiese verteilen würden. Unten, auf dem Hof, waren die ersten Lichter angegangen.

Elena lächelte bei dem vertrauten Anblick des Amselhofes. Wie schön es doch war, hier leben zu können!

1. Kapitel

Wie immer, wenn im Leben etwas wirklich Schlimmes passiert, geschieht es meistens ohne jede Vorwarnung und manchmal merkt man es erst gar nicht. An diesem Freitag im Oktober hatte ich auf jeden Fall keine Ahnung, welche Katastrophe der Tag mit sich bringen sollte, ganz im Gegenteil. Zuerst fing alles sogar richtig gut an, denn in der zweiten Stunde bekamen wir die Deutscharbeiten zurück.

»Eine sehr gute Leistung, Elena! Sprachlich und inhaltlich hervorragend und wirklich spannend«, sagte Frau Wernke, unsere Klassenlehrerin, und mir klappte fast der Mund auf, als ich das Heft aufschlug und eine fette rote Eins unter meinem Aufsatz sah. Deutsch war neben Erdkunde und Bio mein Lieblingsfach, aber eine Eins hatte ich noch nie geschrieben.

»Was hast ’n du?« Ariane war sonst nicht besonders scharf darauf, mit mir zu reden, doch jetzt konnte sie ihre Neugier nicht länger bezähmen und drehte sich zu mir um.

»Eine Eins«, erwiderte ich so bescheiden wie möglich.

»Glückwunsch«, brachte sie mühsam hervor und ihre babyblauen Augen funkelten feindselig. Sie warf ihr langes blondes Haar mit einer lässigen Bewegung über ihre Schulter und wandte mir wieder den Rücken zu.

Ariane konnte es nicht leiden, wenn jemand besser war als sie, und schon gar nicht ich. Früher, in der Grundschule in Steinau, waren wir mal Freundinnen gewesen, aber das war lange her.

Außer mir hatte niemand eine Eins gekriegt, Ariane also auch nicht, und das wurmte sie. Mir war klar, dass sie nur auf eine Gelegenheit lauern würde, mir eins auszuwischen, und damit musste sie nicht lange warten.

In der vierten Stunde rief unser Mathelehrer Herr Graubner ausgerechnet mich an die Tafel, obwohl ich betont unbeteiligt in mein Mathebuch geguckt hatte. Ich hasste es, vor der ganzen Klasse zu stehen und von allen angeglotzt zu werden.

»Dividiere das Produkt von 11 und 7 durch die Differenz von 12 und 5 und subtrahiere diesen Quotienten von 15.«

Äh – was? Ich stand mit der Kreide in der Hand da, starrte dämlich auf die leere Tafel und merkte, wie mir das Blut ins Gesicht stieg. Hinter mir kicherte jemand und das machte es auch nicht besser. Mir schoss alles Mögliche durch den Kopf, nur nicht die Lösung für die Aufgabe.

»Schscht!«, zischte Herr Graubner in Richtung Klasse. »Was ist, Elena? Weißt du es nicht?«

»Nee«, gab ich zu.

Er zog Unheil verkündend die Augenbrauen hoch und streckte stumm die Hand nach der Kreide aus.

»Wer von euch weiß es?«, fragte er, ohne mich weiter zu beachten.

Keiner rührte sich, nur Ariane grinste breit und feixte, als ich mit feuerrotem Kopf an ihr vorbei zu meinem Platz ging.

»Eins in Deutsch, sechs in Mathe«, flüsterte sie vernehmlich und ihre beiden treuesten Anhängerinnen Tessa und Ricky kicherten gehorsam.

»Ariane?« Herr Graubner rief sie auf, genau wie sie es beabsichtigt hatte.

»Wer? Ich?« Sie riss ungläubig die Augen auf und deutete mit dem Finger auf sich. Alles nur Schau. In Mathe war Ariane unbestritten die Klassenbeste, sogar besser als alle Jungs.

»Ja, du, wenn’s recht ist.« Unser Mathelehrer hielt ihr grinsend die Kreide hin und glaubte wohl, er hätte sie endlich einmal drangekriegt.

Ariane tänzelte also nach vorn, warf ihre blonde Mähne zurück und löste die Aufgabe in weniger als zehn Sekunden.

»Sehr gut«, sagte Herr Graubner mit leichter Enttäuschung, weil er jetzt wohl begriffen hatte, dass er reingefallen war.

»War doch total leicht.« Ariane grinste triumphierend in meine Richtung. »Kinderkram.«

Nach der sechsten Stunde wartete ich ungeduldig auf meine beste Freundin Melike, die in die neunte Klasse ging. Der Regen prasselte auf das Dach der Pausenhalle und sammelte sich in großen Pfützen auf dem Schulhof. Pünktlich mit den Herbstferien hatte sich der Sommer endgültig verabschiedet – seit einer Woche regnete es fast ohne Unterbrechung.

Der Bus fuhr um fünf nach eins und wir hatten nur knappe zehn Minuten, um den Busbahnhof zu erreichen. Hunderte von Schülern strömten aus dem Schulgebäude und liefen an mir vorbei. Endlich tauchte Melike auf, als eine der Letzten.

»Der Wilhelm wollte noch mit mir reden.« Sie rollte die Augen. »Ich hab die Lateinarbeit wieder total verhauen, so ein Mist. Stell dir vor, er wollte wissen, ob ich verliebt bin!« Meine Freundin kicherte belustigt.

»Quatsch! Echt? Und was hast du gesagt?« Ich musste grinsen.

»Nichts.« Melike zuckte mit den Schultern und grinste auch. »Aber ich glaube, er denkt, es wäre so. In echt hab ich einfach keinen Bock auf Latein. Wer braucht denn so was?«

Ich zog mir die Kapuze meiner blauen Windjacke über den Kopf. Beeilen mussten wir uns jetzt nicht mehr, der Bus war sowieso weg.

Vorn, am Schultor, standen Ariane und ihre Busenfreundin Laura Baumgarten Arm in Arm unter einem riesigen knallgelben Regenschirm, wie siamesische Zwillinge, die der Länge nach aneinander festgewachsen waren. Ariane musste nie mit dem Bus fahren wie das gewöhnliche Fußvolk, auf das sie verächtlich hinabzusehen pflegte; ihre Mutter oder eines der ständig wechselnden Au-pair-Mädchen der Familie Teichert brachte sie morgens in die Schule und holte sie jeden Mittag wieder ab.

In dem Augenblick, als wir an ihnen vorbeigingen, hielt der schneeweiße Geländewagen von Arianes Mutter am Straßenrand gegenüber.

»Hey, Ariane!«, rief Melike, bevor ich sie davon abhalten konnte. »Wir haben den Bus verpasst! Meinst du, ihr könnt uns mitnehmen?«

»Oh, leider nicht! Wir fahren zum Mittagessen ins La Strada«, antwortete Ariane, die arrogante Pute, ohne uns auch nur anzusehen. »Tut mir echt leid!«

Sie und Laura warfen sich einen kurzen Blick zu, kicherten und stiegen in den protzigen Jeep. Türen knallten, das Auto schoss röhrend davon.

»Blöde Ziege!«, schimpfte Melike wütend und äffte Arianes gezierte Sprechweise nach. »Wir gehen ins La Strada! Vielleicht esse ich ein gaaanz winziges Rinderfilet oder besser Riesengarnelen! Puh!«

Das La Strada war eines der nobelsten Restaurants in Königshofen. Mama war mit Papa einmal dort essen gewesen und hatte erzählt, es sei so vornehm, dass auf der Speisekarte nicht mal die Preise stünden.

»Hätte ich dir vorher sagen können«, bemerkte ich. »Wir haben heute die Deutscharbeit zurückgekriegt und ich hatte die einzige Eins. Ariane kocht vor Wut!«

»Echt? Das ist ja cool!«

Wir trabten durch den Regen Richtung Busbahnhof und ich grinste vor mich hin, während Melike noch eine Weile auf Ariane, Laura und ihren Lateinlehrer schimpfte. Mir war es ziemlich egal, ich freute mich auf Mamas Gesicht, wenn ich ihr gleich das Heft mit der Deutscharbeit unter die Nase halten würde. Ganz lässig natürlich. Die meisten meiner Klassenkameraden hatten sich zu der Reportage »Der aufregendste Tag meines Lebens« etwas ausgedacht, aber ich hatte nicht lange überlegen müssen und die dramatische Geschichte vom Unfall meines Fohlens Fritzi von vor drei Jahren aufgeschrieben.

Als wir am Busbahnhof ankamen, war Melikes Ärger verraucht. Wir holten uns an der Imbissbude jeweils eine Tüte Pommes – Melike mit Ketchup und ich mit Mayo – und setzten uns auf die Stufen der Eisdiele.

»Kommst du heute Nachmittag in den Stall?«, fragte ich und leckte mir die Mayo von den Fingern.

»Ja, klar.« Melike nickte kauend. »Ich weiß zwar nicht, ob meine Mutter heute Morgen schon geritten ist, aber es schadet Dicky nicht, wenn er zweimal rauskommt.«

Dicky, der eigentlich Jasper hieß, gehörte Melikes Mutter, doch die hatte nur selten Zeit für ihr Pferd und war froh, wenn meine Freundin ihn ritt.

»Papa fährt aufs Turnier.« Ich klaubte die letzten Pommes aus der fettigen Tüte. »Wir können also in die große Halle und ein paar Hindernisse aufbauen.«

Papa war von Beruf Springreiter und an beinahe jedem Wochenende auf einem Turnier irgendwo in Deutschland, manchmal sogar im Ausland. Christian, mein älterer Bruder, und ich waren mit Pferden aufgewachsen und ritten natürlich auch beide.

Genau genommen gehörte der Amselhof meinem Opa, der Reitunterricht mit seinen Schulpferden gab und dafür sorgte, dass der ganze Betrieb lief. Oma war die Chefin der Gaststätte »Zur Pferdetränke«, die nicht nur bei Reitern beliebt war und im Sommer einen großen Biergarten hatte.

»Hm, das war gut.« Melike zerknüllte die Pommestüte und schnippte sie in den Mülleimer neben der Treppe. »Ariane wird heute wohl kaum im Stall auftauchen.«

»Glaub ich auch nicht«, erwiderte ich und verzog das Gesicht. »Christian fährt mit aufs Turnier und dann ist keiner da, vor dem sie eine Schau abziehen kann.«

Arianes Vater besaß drei Pferde, die auf dem Amselhof standen, von Papa trainiert und auf Turnieren vorgestellt wurden. Herr Teichert war Börsenmakler oder so etwas Ähnliches und hatte Geld wie Heu. Er und seine aufgebrezelte Frau hatten zwar keinen blassen Schimmer von Pferden, aber sie waren gute Kunden.

Melikes Klassenkameradin Laura hatte ebenfalls ein Pferd bei uns stehen, allerdings ein Dressurpferd.

Ich hatte meine Pommes inzwischen auch aufgegessen und betrachtete unser Spiegelbild im Schaufenster der Eisdiele. Gegen die zierliche Melike mit ihrem braunen Teint, den sie dem Erbe der türkischen Vorfahren ihres Vaters verdankte, ihren großen dunkelbraunen Augen, schneeweißen Zähnen und dem glänzenden schwarzen Haar kam ich mir vor wie eine hässliche bleiche Bohnenstange. Ich beneidete meine Freundin glühend um ihr Äußeres. Ich sehnte den Tag herbei, an dem ich meine Zahnspange und die Pickel los sein würde. Das Einzige, das ich an mir mochte, waren meine Haare. Wie Mama war ich blond. Überhaupt sah ich ihr auf Fotos von früher ziemlich ähnlich und deshalb hegte ich noch einen Rest Hoffnung, dass ich eines Tages so aussehen würde wie sie.

Während ich über mein Äußeres nachdachte, bremste direkt vor uns ein schmutziger dunkelgrüner Jeep.

»Ach du Schande, Tim Jungblut und sein Vater«, sagte ich und zog die Kapuze bis in mein Gesicht. »Bloß nicht hingucken!«

Mich hätten sie vielleicht nicht bemerkt, aber es war völlig unmöglich, Melike mit ihrer knallgelben Jacke zu übersehen. Sie strahlte an diesem grauen Tag wie ein Leuchtturm im Nebel.

Die Scheibe des Jeeps wurde heruntergelassen und ein dunkelblonder Junge beugte sich heraus. »Habt ihr den Bus verpasst?«, fragte er grinsend.

»Nee, wir sitzen nur so aus Spaß im Regen rum«, entgegnete Melike bissig.

»Na los, steigt ein!« Der Junge sprang aus dem Auto und hielt einladend die Tür auf. »Wir fahren sowieso durch Steinau.«

»Das kann ich nicht machen«, raunte ich meiner Freundin zu. »Wenn Papa rauskriegt, dass ich mit Jungbluts mitgefahren bin, bringt er mich um.«

»Das erfährt er schon nicht.« Melike zog mich einfach mit. »Besser, als noch eine Stunde im Regen herumhocken.«

Das fand ich schließlich auch. Und irgendwie war es aufregend, gerade weil es so absolut verboten war, mit einem Mitglied der Familie Jungblut auch nur ein Wort zu wechseln. Ich murmelte »Hallo« und quetschte mich neben Melike auf die Rückbank zwischen einen Sattel und einen Stapel Pferdedecken.

»Tach, die Damen.« Tims Vater musterte uns kurz und brauste los.

Richard Jungblut war Pferdehändler und auch Springreiter wie Papa. Ihm gehörte der Sonnenhof in Hettenbach, einem Örtchen auf der anderen Seite des Waldes. Die Feindschaft mit den Jungbluts hatte in unserer Familie Tradition und beruhte auf Gegenseitigkeit. Besonders die Männer konnten sich nicht ausstehen. Woher dieser Hass stammte, wusste ich nicht und hatte nie darüber nachgedacht. Es war eben so.

Natürlich kannte ich Tim von klein auf, schließlich waren wir auf derselben Schule und begegneten uns beinahe jedes Wochenende auf irgendeinem Reitturnier, aber es wäre mir niemals auch nur im Traum eingefallen, mit ihm zu reden, denn er war eben der Sohn von Richard Jungblut und somit ein Feind. Er ging in die Zehnte, in Christians Parallelklasse, und konnte zweifellos göttlich reiten. Mit den Verkaufspferden seines Vaters hatte er im letzten Sommer zahlreiche M-Springen und sogar drei S-Springen gewonnen.

Richard Jungblut sprach während der ganzen Fahrt kein Wort. Zweimal begegnete ich seinem forschenden Blick aus stechend blauen Augen im Rückspiegel und guckte sofort woandershin. Ob er wusste, wer ich war? Wahrscheinlich nicht, sonst hätte er mich wohl mitten auf der Strecke aus dem Auto geworfen. Ich saß wie auf glühenden Kohlen. Noch nie waren mir die zwölf Kilometer nach Steinau so lang vorgekommen, obwohl Tims Vater wie der Teufel durch Königshofen und die Landstraße entlangbrauste.

Melike quatschte fröhlich drauflos, so wie es ihre Art war, aber ich brachte keinen Ton über die Lippen. Was hätte ich auch schon sagen können? Also sprach außer Melike niemand und nach einer Weile fiel auch ihr nichts mehr ein. Ich war heilfroh, als der grüne Jeep an der Bushaltestelle vor dem Rathaus bremste.

»Danke fürs Mitnehmen«, murmelte ich und schlüpfte wie der Blitz hinaus in den Regen.

Herr Jungblut nickte, Tim rief uns noch »Tschüss!« nach, dann knallte die Autotür zu und der Jeep verschwand mit aufheulendem Motor.

Ich kramte in den Taschen meiner Jacke nach dem Schlüssel für das Schloss, mit dem ich jeden Morgen mein Fahrrad an den Fahrradständer neben der Bushaltestelle kettete. Melike wohnte nur ein paar Straßen vom Rathaus entfernt, sie konnte zu Fuß nach Hause laufen, aber ich hatte ungefähr zwei Kilometer zu fahren, denn der Amselhof lag außerhalb von Steinau am Waldrand, umgeben von Feldern und Wiesen.

»Also bis später!«, rief ich meiner Freundin zu.

»Ich bin um drei da!«, rief sie zurück.

2.Kapitel

Ich setzte mir die Kapuze auf und radelte die Wiesenstraße entlang, vorbei am Sportplatz und an der Mehrzweckhalle, und versuchte, nicht in den schlammigen Traktorspuren auszurutschen. Der trostlose Winter stand vor der Tür, bald konnte nur noch in der Halle geritten werden und abends würde es um fünf Uhr dunkel sein. Die Pferde mussten geschoren und mit dicken Decken gegen die Kälte geschützt werden. Wir Menschen würden trotz Daunenjacken, Schals und Handschuhen im Stall und in der Reithalle frieren.

Hinter mir hupte es. Ich warf einen Blick über die Schulter und wich auf den schmalen, aufgeweichten Grasstreifen aus, damit der große Pferdetransporter mich überholen konnte. »PFERDE– CHEVAUX– HORSES« stand in fetten Buchstaben auf der Rückseite des Lkw, und darunter »Pferdehandlung Nötzli– Adliswil, Schweiz«. Ich trat kräftiger in die Pedale. Vielleicht kamen neue Pferde auf den Amselhof!

Lesen Sie weiter in der vollst?ndigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollst?ndigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollst?ndigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollst?ndigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollst?ndigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollst?ndigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollst?ndigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollst?ndigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollst?ndigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollst?ndigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollst?ndigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollst?ndigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollst?ndigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollst?ndigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollst?ndigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollst?ndigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollst?ndigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollst?ndigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollst?ndigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollst?ndigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollst?ndigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollst?ndigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollst?ndigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollst?ndigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollst?ndigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollst?ndigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollst?ndigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollst?ndigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollst?ndigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollst?ndigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollst?ndigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollst?ndigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollst?ndigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollst?ndigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollst?ndigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollst?ndigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollst?ndigen Ausgabe!