Charlottes Traumpferd 1: Charlottes Traumpferd - Nele Neuhaus - E-Book
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Beschreibung

Ein neues Pferde-Abenteuer von Spiegel-Besteller-Autorin Nele Neuhaus!

Als Charlottes Pflegepferd Gento verkauft wird, ist sie am Boden zerstört. Nie wieder will sie reiten – bis sie auf der französischen Insel Noirmoutier ihr Pferdeparadies findet. So hat Charlotte sich die Ferien gewünscht: Den Strand entlanggaloppieren, mit dem Wind in den Haaren. Und dann begegnet sie ihrem Traumpferd – Won Da Pie. Nur leider ist er völlig verängstigt. Ob Charlotte sein Vertrauen gewinnen und ihn dazu bringen kann, mit ihm das wohl gefährlichste Abenteuer ihres Lebens zu bestehen?

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Das Buch

Als Charlottes Pflegepferd Gento verkauft wird, ist sie am Boden zerstört. Nie wieder will sie reiten – bis sie auf der französischen Insel Noirmoutier ihr Pferdeparadies findet. So hat Charlotte sich die Ferien gewünscht: den Strand entlanggaloppieren mit dem Wind in den Haaren. Und dann begegnet sie ihrem Traumpferd. Nur leider ist Won Da Pie völlig verängstigt. Ob Charlotte sein Vertrauen gewinnen kann, um mit ihm das wohl gefährlichste Abenteuer ihres Lebens zu bestehen?

Die Autorin

© Felix Bruegemann

Nele Neuhaus, geboren in Münster/Westfalen, lebt heute im Taunus. Sie reitet seit ihrer Kindheit und schreibt bereits ebenso lange. Nach ihrem Jurastudium arbeitete sie zunächst in einer Werbeagentur, bevor sie begann, Erwachsenenkrimis zu schreiben. Mit diesen schaffte sie es auf die Bestsellerlisten und verbindet nun ihre zwei größten Leidenschaften: Schreiben und Pferde. Ihre eigenen Pferde Fritzi und Won Da Pie standen dabei Pate für die gleichnamigen vierbeinigen Romanfiguren.

Mehr über Nele Neuhaus: www.neleneuhaus.de

Nele Neuhaus auf Facebook: www.facebook.com/neleneuhausbuecher/

Der Verlag

Du liebst Geschichten? Wir bei Planet! in der Thienemann-Esslinger Verlag GmbH auch! Wir wählen unsere Geschichten sorgfältig aus, überarbeiten sie gründlich mit Autoren und Übersetzern, gestalten sie gemeinsam mit Illustratoren und produzieren sie als Bücher in bester Qualität für euch.

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Viel Spaß beim Lesen!

Heute war der letzte Schultag vor den großen Ferien. Früher einmal hatte ich diesen Tag herbeigesehnt, bedeutete es doch, dass wir für vier herrliche, lange Wochen nach Frankreich an die Atlantikküste auf die Insel Noirmoutier fahren würden. Aber in diesem Jahr war alles anders. Ich freute mich kein bisschen auf die Ferien, und mir graute geradezu davor, vier Wochen lang nicht in den Reitstall gehen zu können.

Als wir vor drei Jahren von Paderborn nach Bad Soden gezogen waren, war ich von uns Kindern als Einzige glücklich darüber gewesen, denn unser neues Haus lag keine fünfzig Meter vom Reitstall entfernt. Mein Traum war in Erfüllung gegangen, als ich mit dem Reiten anfangen durfte, und seitdem verbrachte ich jede freie Minute im Stall. Die Reitanlage lag am Rand des Eichwalds und war ziemlich klein und altmodisch. Es gab gerade mal vierzig Boxen und nur eine Reithalle, die sich die Privatreiter mit dem Schulbetrieb teilen mussten, was im Winter manchmal etwas eng wurde. Die wöchentliche Reitstunde bildete zweifellos den Höhepunkt, aber auch so war es jeden Tag aufregend und lustig, denn es war immer etwas los. Es störte weder mich noch meine Freunde, dass wir als Schulreiter von den Besitzern der Privatpferde kaum wahrgenommen wurden. Wir alle liebten es, im Stall zu sein, und ich hatte seit ein paar Monaten einen neuen, ausgesprochen wichtigen Grund, noch mehr Zeit im Reitstall zu verbringen. Dieser Grund hieß Gento. Gento war ein neunjähriger brauner Wallach, der Herrn Lauterbach, einem Springreiter aus unserem Reitverein, gehörte. Er stand in einer der Außenboxen und war für mich das tollste Pferd der Welt. Herr Lauterbach kümmerte sich leider ziemlich wenig um sein Pferd, denn angeblich ließ ihm die Arbeit in seiner Firma nur wenig Zeit. Die anderen Privatpferde wurden von ihren Besitzern gehätschelt und auf Hochglanz gestriegelt, nicht so Gento, der von Herrn Lauterbach nur zum Reiten aus der Box geholt wurde. Ich bedauerte das Pferd insgeheim, wenn es mal wieder mit schweißverklebtem Fell und schmutzigen Hufen dastand, und fand, es wirkte immer ein bisschen traurig. Vielleicht sehnte es sich ja auch nach jemandem, der es regelmäßig putzte und verwöhnte. Dieser Jemand wäre ich gerne gewesen.

Die neun Schulpferde des Vereins wurden morgens von den Pflegern geputzt, außerdem hatte jedes von ihnen einen wahren Fanclub. Ich mochte Liesbeth, eine kupferfarbene Fuchsstute mit einer breiten Blesse, einem hellen Schweif und heller Mähne und durfte sie immerhin jeden Donnerstag putzen. Die älteren Jugendlichen wachten mit Argusaugen über »ihre« Pferde, und nicht selten kam es vor, dass sie mich vergaßen und ich gar keine Gelegenheit bekam, Liesbeth zu putzen.

Wochenlang hatte ich gegrübelt, wie ich es anstellen konnte, Gento als Pflegepferd zu bekommen. Es war schon eine atemberaubende Ungeheuerlichkeit für eine dreizehnjährige Schulreiterin, die ungeschriebene Stallhierarchie zu umgehen und den Besitzer eines Privatpferdes anzusprechen, und ich war mir beinahe sicher gewesen, dass ich eine Abfuhr bekommen würde. Doch irgendwann hatte ich meinen ganzen Mut zusammengenommen und Herrn Lauterbach gefragt, ob ich Gento pflegen dürfte. Der Mann hatte mich amüsiert gemustert.

»Ich bin jeden Nachmittag hier im Stall«, hatte ich als Argument vorgebracht. »Ich wohne gleich um die Ecke. Und da dachte ich, ich könnte Gento jeden Tag putzen und vielleicht auch mal grasen lassen, weil Sie doch so wenig Zeit für ihn haben.«

Ich hatte ihm nicht gesagt, dass ich Gento schon seit Monaten mit Möhren und Äpfeln verwöhnte und er sogar schon wieherte, wenn er mich kommen sah.

»Tja, warum eigentlich nicht?«, hatte Herr Lauterbach schließlich geantwortet. »Ich hab ja wirklich zu wenig Zeit. Aber dass du mir keine Dummheiten mit ihm machst, er ist ziemlich wertvoll!«

Mir war vor Glück ganz schwindelig geworden.

»Nein, natürlich nicht«, hatte ich noch gehaucht. Insgeheim hatte ich befürchtet, Herr Lauterbach würde mich auslachen, denn ich wusste, dass sogar Simon und Dani, die Wortführer unter den Jugendlichen, ihn schon wegen Gento gefragt hatten. Damals hatte er abgelehnt. Und es war noch besser gekommen, denn Herr Lauterbach hatte mir einen Zweitschlüssel für seinen Spind gegeben, in dem das Putzzeug für Gento stand. Ein eigener Spind in der zweiten Sattelkammer war ein Privileg, das eigentlich nur den Pferdebesitzern vorbehalten war. Natürlich waren die anderen beinahe vor Neid geplatzt, und erst, als sie merkten, dass ich Gento nur putzen, aber nicht reiten durfte, wurde es ihnen gleichgültig.

Ich war glücklich. Von meinem gesparten Taschengeld kaufte ich anständiges Putzzeug, Schweifspray und Huffett, denn mit den alten Wurzelbürsten, die Herr Lauterbach hatte, konnte man nichts mehr anfangen. Seitdem führte mein Weg vom Schulbus mittags nicht direkt nach Hause, sondern erst bei Gento vorbei. Er stand in einer Außenbox, deshalb konnte ich zu ihm, auch wenn der Stall über Mittag geschlossen war. Ich putzte ihn jeden Tag, schrubbte und fettete seine Hufe, verlas seinen prachtvollen Schweif und ließ mir zeigen, wie man eine Mähne verzieht. Mindestens einmal in der Woche putzte ich das Sattelzeug, das bis dahin schrecklich ausgesehen hatte. Die Möhren und Äpfel für Gento wusch ich gründlich und schnitt sie in kleine Stücke, außerdem goss ich immer etwas Sonnenblumenöl über die Möhren, weil ich gehört hatte, dass dadurch das Fell mehr Glanz bekam. Ich führte den braunen Wallach herum, ließ ihn grasen oder saß in seiner Box und unterhielt mich mit ihm.

Musste ich für die Schule lernen, nahm ich meine Schulbücher mit und las ihm vor, und schon bald war es nicht mehr zu bestreiten, dass Gento auf mich wartete.

Eines Tages traf ich Herrn Lauterbach, und er lobte mich für die gute Pflege.

»So hat Gento wirklich noch nie ausgesehen«, stellte er fest und ich wurde vor Glück rot. »Er glänzt ja wie eine reife Kastanie!«

Hin und wieder wurde ich von Simon und den anderen älteren Jugendlichen im Stall verspottet.

»Der Lauterbach nutzt dich doch nur aus«, sagte Simon an einem Nachmittag, als ich Gento am Halfter auf dem schmalen Grünstreifen neben dem Springplatz grasen ließ, damit sein frisch gewaschener Schweif in der Sonne trocknen konnte. »Wenn er dich wenigstens für deine Sklavendienste reiten lassen würde, dann könnte ich das noch verstehen, aber so …«

Auf den Gedanken, Gento reiten zu wollen, wäre ich im Traum nicht gekommen. Das Pferd war ein sehr gutes Springpferd und ich leider keine besonders gute Reiterin. Das Gespött von Simon, Dani, Annika und den anderen Älteren prallte an mir ab. Sie waren ja nur neidisch. Ich war glücklich mit Gento und wenn meine Eltern nicht verlangt hätten, dass ich abends nach Hause kam, so hätte ich glatt bei ihm in der Box geschlafen.

Alles war wunderbar, wäre da bloß nicht der Urlaub in Frankreich gewesen!

An der Bushaltestelle in Bad Soden wartete ich auf meine Schwester Cathrin, die ein Jahr jünger war als ich und mit Pferden genauso wenig am Hut hatte wie meine Brüder Phil und Florian. Cathrin war mit demselben Bus gekommen wie ich, aber sie brauchte eine halbe Ewigkeit, um sich lautstark und tränenreich von all ihren Freundinnen zu verabschieden. Irgendwann ergriff ich ihren Arm und zog sie mit. Sie stolperte rückwärts neben mir her und winkte schluchzend den Mädchen aus ihrer Klasse, als ob sie morgen nach Amerika auswandern und sie niemals wiedersehen würde.

»Kannst du meine Tasche mit nach Hause nehmen?«, fragte ich sie. »Dann kann ich schnell noch in den Stall und mich für eine Reitstunde eintragen.«

Meine Schwester drehte sich um, wischte sich mit dem Handrücken die Tränen von den Wangen und überlegte kurz. Ein berechnender Ausdruck trat in ihre Augen.

»Aber nur, wenn ich heute Nachmittag mitkommen und dir zugucken kann«, entgegnete sie.

Das passte mir gar nicht und das wusste Cathrin genau. Ich mochte es nicht, wenn meine Schwester mich in den Reitstall begleitete. Es mochte eigenartig klingen, aber im Stall war ich ein anderer Mensch und schämte mich in Grund und Boden, wenn meine Geschwister alberne Fragen stellten und mich damit vor den anderen blamierten. Aber heute war Ferienanfang und deshalb zeigte ich mich großmütig. Wahrscheinlich hatte sie es sich in ein paar Stunden sowieso schon wieder anders überlegt, denn meine Schwester änderte ihre Pläne oft innerhalb von Minuten.

»Klar«, sagte ich also. »Wenn ich überhaupt noch einen Platz kriege.«

Cathrin grinste zufrieden über ihr ganzes sommersprossiges Gesicht. An der zweiten Straßenecke ergriff sie meine Tasche, wir trennten uns, und ich marschierte die wenigen Meter weiter zum Reitstall.

Auf dem großen Reitplatz mit der weißen Umzäunung ritten ein paar Privatreiter auf ihren eigenen Pferden. Die mächtigen Bäume rings um den Platz spendeten Schatten, sodass man auch im Sommer nicht in der prallen Sonne reiten musste. In den sorgfältig geschnittenen Rosenbüschen und dem Kirschlorbeer summten die Bienen. Ich ging langsamer und warf den Reitern sehnsüchtige Blicke zu. Es musste herrlich sein, reiten zu können, wann immer man Lust und Zeit hatte.

»Hallo, Herr Kessler!«, rief ich dem Reitlehrer zu, als er auf Abros, dem großen Fuchswallach, der dem Vater meiner Freundin Bille gehörte, an mir vorbeitrabte.

»Hallo, Charlotte.« Der Reitlehrer parierte das Pferd neben mir durch. »Na, habt ihr endlich Ferien?«

»Ja.« Ich blieb stehen. »Kann ich heute Nachmittag um drei Uhr die Reitstunde mitreiten?«

»Natürlich. Trag dich nur im Buch ein.« Herr Kessler ließ die Zügel lang und fuhr sich mit einer Hand durch das kurz geschnittene dunkle Haar. »Hast du übrigens Lust, am Reitabzeichenlehrgang teilzunehmen?«

»Reitabzeichenlehrgang?«, wiederholte ich und bekam vor Aufregung weiche Knie. Herr Kessler fragte so ganz nebenbei, als sei es eine Selbstverständlichkeit. Beim letzten Mal, als im Reitstall eine Reitabzeichenprüfung abgenommen worden war, hatte er mich nicht angesprochen. Bedeutete dies etwa, dass ich mittlerweile gut genug reiten konnte?

»Ja«, sagte der Reitlehrer. »In der zweiten Julihälfte wollte ich einen Lehrgang anbieten, der mit der Prüfung zum Reitabzeichen abschließt. Ich dachte, dass Dorothee, Inga, Oliver, Karsten und du mitmachen könntet.«

Ich starrte ihn an. Meine Vorfreude verwandelte sich schlagartig in ein Gefühl bitterer Enttäuschung. Das durfte doch wohl nicht wahr sein! In der zweiten Julihälfte war ich nicht da.

»Na ja.« Herr Kessler schien etwas irritiert über meine fehlende Begeisterung. Er nahm die Zügel wieder auf und ließ Abros antraben. »Du kannst mir ja noch Bescheid sagen.«

Ich hörte Gento nach mir wiehern, aber ich stand noch wie betäubt am Geländer des Reitplatzes. Ausgerechnet in den Sommerferien würde ein Reitabzeichenlehrgang stattfinden – ohne mich! Alle meine Freunde würden daran teilnehmen, während ich in Frankreich herumhockte und mich zu Tode langweilte! Es war einfach ungerecht.

Langsam trottete ich zu Gentos Box. Der Wallach erwartete mich mit gespitzten Ohren und machte den Hals lang, um mit seiner Nase meine Taschen zu untersuchen. Ich öffnete die hölzerne Boxentür und strich Gento über den schweißverklebten Hals.

»Ich hab jetzt nichts für dich dabei«, sagte ich. »Ach je, du siehst ja wieder schlimm aus.«

Herr Lauterbach ritt immer spätabends. Wenn er für ein Turnier trainierte, musste Gento die vielen Hindernisse auf dem Platz springen. Nach dem Training hatte Herr Lauterbach es immer so eilig, dass er Gento nicht mehr trocken ritt, sondern einfach in die Box stellte. »Er will nur schnell an den Tresen im Casino kommen«, hatte meine Freundin Dorothee einmal spitz gesagt, und damit hatte sie nicht ganz unrecht. Als »Casino« wurde das Reiterstübchen bezeichnet, in dem sich die Reiter abends gerne trafen, um zusammen ein Bierchen zu trinken und zu quatschen. Durch die großen Scheiben konnte man in die Reithalle hinunterschauen und im Sommer gab es eine kleine Terrasse mit Blick auf den Reitplatz. Hier fanden auch die jährlichen Mitgliederversammlungen des Vereins statt, genauso wie die Nikolaus- oder die Weihnachtsfeier. Auch wir Jugendlichen saßen hin und wieder nach dem Reiten dort, schmökerten in den herumliegenden Pferdezeitschriften und genehmigten uns von unserem Taschengeld die eine oder andere Cola.

Ich vertröstete Gento auf später und ging hinüber in den Stall. In der Sattelkammer, die gleichzeitig das Stallbüro war, lag auf dem Schreibtisch das dicke Buch, in das die Reitstunden eingetragen wurden. Um drei Uhr waren nur vier Namen vermerkt. Meine Freundinnen Dorothee und Inga hatten dieselbe Idee wie ich gehabt. Oliver und Karsten, die sonst immer mit uns zusammen ritten, waren heute gleich nach der Schule mit ihren Eltern für zwei Wochen in den Urlaub entschwunden. Ich beneidete sie nicht, wobei sie noch Glück hatten, denn ich musste sogar für vier unendlich lange Wochen nach Frankreich fahren. Früher hatte mir das Spaß gemacht, aber jetzt, wo ich Gento hatte, war der Gedanke an eine vierwöchige Trennung kaum auszuhalten. Ja, ich wäre viel lieber hiergeblieben, um mit meinen Freunden den lieben langen Tag im Reitstall sein zu können. Und nun würde ich auch noch den Reitabzeichenlehrgang verpassen! Ich war den Tränen nahe, als ich meinen Namen in das Buch schrieb, und machte mich niedergeschlagen auf den Weg nach Hause.

»Was machst du denn für ein Gesicht?«, fragte meine Mutter, nachdem sie mein Zeugnis gelesen hatte. »Bis auf Mathe ist doch alles ganz gut.«

Ich sah sie einen Moment lang verständnislos an. Das Zeugnis hatte ich über die Aussicht, was ich alles verpassen würde, völlig vergessen. Sie ging zurück in die Küche, wo unser Mittagessen schon auf dem Herd vor sich hin köchelte. Ich folgte ihr und setzte mich auf den Hocker, der vor dem Fenster stand.

»Herr Kessler hat mich gefragt, ob ich am Reitabzeichenlehrgang teilnehmen möchte«, erwiderte ich.

»Tatsächlich? Das ist doch schön.« Mama öffnete die Spülmaschine. »Kannst du die bitte mal ausräumen?«

Mit einem Seufzer erhob ich mich wieder, nahm das saubere Geschirr und Besteck aus der Maschine und sortierte es in Schränke und Schubladen. Dabei kam mir eine Idee.

»Der Lehrgang findet in der zweiten Julihälfte statt. Kann ich nicht hierbleiben?«

Mama zog die Augenbrauen hoch und musterte mich, als hätte ich den Verstand verloren oder hohes Fieber.

»Du willst wegen eines Lehrgangs nicht nach Noirmoutier?«

Ich zuckte mit den Schultern und nickte.

»Auf Noirmoutier hocke ich doch nur sinnlos am Strand herum«, antwortete ich. »Doro und Inga werden auch beim Lehrgang mitmachen, vielleicht dürfen sie dann sogar im September am Turnier teilnehmen. Ich verpasse das alles!«

»Es wird sicher mal wieder ein Lehrgang stattfinden.« Mama warf einen Blick auf die Küchenuhr über der Mikrowelle.

Das war also alles, was sie dazu zu sagen hatte! Ich konnte es nicht fassen.

»Würdest du bitte noch den Tisch decken? Es gibt gleich Essen.«

Erst wollte ich protestieren, immerhin hatte ich schon die Spülmaschine ausgeräumt, aber ich hatte Hunger. Außerdem hoffte ich in einem Winkel meines Herzens, dass ich meine Mutter durch meinen Arbeitseifer milde stimmen und davon überzeugen konnte, ohne mich nach Frankreich zu fahren.

Vielleicht konnte ich direkt nach dem Essen zu Dorothee gehen. Sie war meine beste Freundin und wohnte mit ihrer Familie direkt neben uns. Ich hatte beschlossen, sie zu fragen, ob ich, für den Fall, dass meine Eltern sich erweichen ließen, in den Ferien bei ihr bleiben konnte. Dorothees Eltern würden das ganz sicher erlauben. Allein der Gedanke an diese wunderbare Lösung vertrieb meine trübe Stimmung.

Um kurz vor eins begann Alissa, unser Berner-Sennenhund-Mischling, draußen wild zu bellen. Papa war eingetroffen. Als Landrat hatte er von morgens bis abends einen Termin nach dem anderen, sogar an den Wochenenden, aber wenn er es einrichten konnte, kam er mittags für eine Stunde nach Hause.