Émile Durkheim - Daniel Šuber - E-Book

Émile Durkheim E-Book

Daniel Suber

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Beschreibung

Émile Durkheim (1858–1917) gilt – neben Max Weber – als einer der beiden Gründerväter der modernen Soziologie. Er hat durch seine materialen Arbeiten nicht nur so zentrale soziologische Teildisziplinen wie die Religions-, Wissens-, Familien- und Rechtssoziologie begründet, sondern insbesondere durch sein theoretisches Werk der Soziologie als eigenständiger Wissenschaft den Weg geebnet. Hierzu trug er nicht zuletzt auch durch die Begründung einer soziologischen Zeitschrift und Formierung einer eigenen Denkschule bei. Trotz seines internationalen Renommees blieb sein Werk in der deutschen Theoriediskussion stets eigentümlich vernachlässigt. Der erste Einführungsband über das Werk Durkheims in deutscher Sprache beschreibt die zeitgeschichtlichen und biografischen Hintergründe seines Lebens und erläutert die Ausgangsprobleme, die die Soziologie in den Augen ihres Begründers lösen sollte. Die Quintessenz seines soziologischen Werks wird in der Begründung einer rationalen Moral resümiert. Nach der Ausleuchtung der konkreten Gestalt, die Durkheim dem soziologischen Denken übertrug, widmet sich Daniel Šuber eingängig der wissenssoziologischen Relevanz des Durkheim'schen Werks. Gilt er gemeinhin nicht als deren Begründer, wird hier gezeigt, wie tief sein Denkansatz von der wissenssoziologischen Grundidee der 'Seinsbedingtheit allen Denkens' (Mannheim) von Beginn an geprägt war. Die rekonstruierten Fallbeispiele werden dem religionssoziologischen Spätwerk, aber auch seinen früheren Arbeiten zur Familien-, Erziehungs- und Moralsoziologie entnommen. Abschließend wird die über ethnologische Autoren (E.E. Evans-Pritchard, C. Lévi-Strauss, M. Douglas) vermittelte Wirkungsgeschichte des Durkheim'schen Werks in der Nachkriegssoziologie skizziert.

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Seitenzahl: 214

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Klassiker der Wissenssoziologie

Herausgegeben von Bernt Schnettler

Die Bände dieser Reihe wollen in das Werk von Wissenschaftlern einführen, die für die Wissenssoziologie – in einem breit verstandenen Sinne – von besonderer Relevanz sind. Dabei handelt es sich vornehmlich um Autoren, zu denen bislang keine oder kaum einführende Literatur vorliegt oder in denen die wissenssoziologische Bedeutung ihres Werkes keine angemessene Würdigung erfahren hat. Sie stellen keinesfalls einen Ersatz für die Lektüre der Originaltexte dar. Sie dienen aber dazu, die Rezeption und das Verständnis des Œuvres dieser Autoren zu erleichtern, indem sie dieses durch die notwendigen biografie- und werkgeschichtlichen Rahmungen kontextualisieren. Die Bücher der Reihe richten sich vornehmlich an eine Leserschaft, die sich zum ersten Mal mit dem Studium dieser Werke befassen will.

»Thomas Luckmann« von Bernt Schnettler

»Marcel Mauss« von Stephan Moebius

»Alfred Schütz« von Martin Endreß

»Anselm Strauss« von Jörg Strübing

»Robert E. Park« von Gabriela Christmann

»Erving Goffman« von Jürgen Raab

»Michel Foucault« von Reiner Keller

»Karl Mannheim« von Amalia Barboza

»Harold Garfinkel« von Dirk vom Lehn

»Émile Durkheim« von Daniel Šuber

»Claude Lévi-Strauss« von Michael Kauppert

»Arnold Gehlen« von Heike Delitz

»Maurice Halbwachs« von Dietmar J. Wetzel

»Peter L. Berger« von Michaela Pfadenhauer

Weitere Informationen zur Reihe unter www.uvk.de/kw

Inhalt

Einleitung

Émile Durkheim: Stationen einer intellektuellen Biographie

Durkheim im Kontext der Dritten Republik

Durkheims (frühe) Soziologie als Soziologie des Wissens

Durkheims (späte) Theorie und Soziologie des Erkennens

Wirkung

Literatur

Zeittafel

Personenregister

Sachregister

Einleitung

»How well known a person is and how well he is known are two different things«, schrieb der amerikanische Soziologe und Durkheim-Interpret Harry Alpert am Vorabend des Zweiten Weltkriegs (Alpert 1961 [1939]: 213) mit Blick auf Émile Durkheim. Mit dem gleichen Wortspiel charakterisiert über 60 Jahre später Susan Stedman Jones die gegenwärtige Forschungslage: »Durkheim is well-known but not known well« (Stedman Jones 2002: 117). Ein solches Resümee zu einem der meistzitierten Klassiker der Soziologie nach beinahe 100 Jahren Rezeptionsgeschichte vernehmen zu müssen, mag unmittelbar ungläubiges Kopfschütteln auslösen. Durkheims Ruf als enorm wichtiger Proponent einer autonomen Wissenschaft der Gesellschaft, dessen institutioneller Erfolg weit über die Grenzen Frankreichs hinaus strahlt, ist heute ebenso wenig beschädigt wie der klassische Rang seiner Einzelstudien. Durkheims aktuelle Bedeutung lässt sich auch numerisch illustrieren: Von den insgesamt 8353 Artikeln, die zwischen 1895 und 1992 im American Journal of Sociology und der American Sociological Review erschienen sind, werden Durkheims Texte insgesamt von 6,3 % bzw. 526 Artikeln zitiert. Damit liegt in dieser Statistik lediglich Max Weber mit 6,5 % knapp vor dem Franzosen (vgl. Fournier 2005: 41).

Stedman Jones, die zweifelsohne über jeden Verdacht erhaben ist, auf rhetorische Effekte zu spekulieren, erläutert ihre Diagnose mit einem Vergleich zu den beiden anderen Zentralfiguren der Gründergeneration der Soziologie, Karl Marx und Max Weber, die nicht ansatzweise einem solchen »Opprobrium« ausgesetzt würden (ebd., 1).1 Es gibt in der Tat keine soziologische Sünde, deren Durkheim nicht bezichtigt wurde: ein mangelndes Gespür für Macht und Konflikt, ein harmonistisches und statisches Gesellschaftsbild, das Fehlen einer Theorie sozialen Wandels ebenso wie einer Handlungstheorie, Blindheit für methodische Sinn- und Verstehensprobleme der Sozialwissenschaften bei gleichzeitiger Beförderung eines naturwissenschaftlichen Wissenschaftsverständnisses, Ignoranz individueller Problemlagen bei gleichzeitiger Überbetonung der kollektiven Belange, willkürlicher Umgang mit empirischen Daten, polemischer Argumentationsstil, logische Fehlschlüsse, theoretischer Dogmatismus. Bereits von seinen Zeitgenossen wurde er als Advokat einer »verdrießlichen deutschen Pedanterie«2 wahrgenommen, die eine »geistige Krise Frankreichs« ausgelöst habe (Steeg 1910: 643). Seinen unmittelbaren Schülern und Anhängern erscheint er hingegen als »Prophet und Gründer einer neuen (säkularen) Moral« (Fournier 2005: 49).

Bereits die erste Nachkriegsgeneration von Durkheim-Interpreten sah sich aufgrund der Interpretationslage mit einem »fundamentalen Paradoxon« konfrontiert: Wie kann es sein, dass Durkheim angesichts dieser Fehlerliste weiterhin »Aufmerksamkeit, Respekt, Bewunderung und Wertschätzung« (ebd.) auf sich zieht? (Alpert 1974: 198) Einig scheint man sich heute lediglich darüber zu sein, dass ein Konsens über die theoretische Bedeutung von Durkheims Werk nicht in Sicht ist (Lehmann 1996: 289).

Nun ist man sich ebenso einig darüber, dass Durkheim selbst an der Herbeiführung dieser dramatischen Konstellation durchaus nicht unschuldig ist. Sein Denken ist nämlich dadurch charakterisiert, dass es nicht bloß theoretischer, sondern immer zugleich auch politischer und ethischer Natur ist (Strenski 2006: 4). Epistemologische, politische und moralische Aspekte seiner Theorie lassen sich nicht voneinander trennen (Némedi 1998: 173). Entsprechend war für ihn auch Soziologie »ein zugleich deskriptives wie normatives, zugleich theoretisches wie praktisches, zugleich akademisches wie politisches Projekt« (Sellmann 2007: 203). Wäre diese Einsicht, die spätestens mit Steven Lukes’ magistraler Gesamtdarstellung (Lukes 1973) formuliert ist, tiefer in das analytische Bewusstsein der Interpreten eingedrungen, hätte sich die Vielzahl an »›vulgären Durkheimianismen‹« (Stedman Jones 2002: 2) nicht entwickeln können. Denn dann wäre deutlich gewesen, dass jede reduktionistische Formel, auf die man Durkheims Sozialtheorie zurückführen wollte, Durkheims Denkstil von vornherein nicht gerecht werden konnte. Allein die Übersicht von Jennifer Lehman listet folgende, sich wechselseitig ausschließende Ismen auf, mit denen Durkheims Ansatz gelabelt wurde: Strukturfunktionalismus, Sozialkonstruktivismus, Kritische Theorie, Determinismus vs. Voluntarismus, Materialismus vs. Idealismus, Rationalismus vs. Empirismus, Positivismus vs. Relativismus (Lehmann 1996: 289).

Die angedeutete Ausgangskonstellation lässt jeden Versuch einer ausgewogenen Durkheim-Einführung von vornherein als hoffnungsloses Unterfangen erscheinen, was letztlich auch ein Grund dafür sein mag, dass eine solche in deutscher Sprache bislang noch nicht vorliegt. Die hier vorgelegte Darstellung behilft sich mit der Strategie, anstatt einer Gesamtdarstellung des komplexen Werks Durkheims einen bestimmten und damit einseitigen Schwerpunkt zu setzen. Unter Berücksichtigung der thematischen Ausrichtung der Reihe, innerhalb derer sie erscheint, soll der Fokus auf die wissenssoziologische Relevanz von Durkheims Theorie gelegt werden. Obwohl sich einige wenige Spezialisten in der jüngeren Vergangenheit verstärkt dieses Themenaspektes annahmen, bedarf die Schwerpunktsetzung einer näheren Erörterung. Wenn Durkheim als Mitbegründer so eminenter Bindestrich-Soziologien wie der Religionssoziologie, Rechtssoziologie, Moralsoziologie, Sozialisationstheorie, Kriminologie, Thanatosoziologie und Theorie abweichenden Verhaltens gefeiert wird, so gilt Gleiches gerade nicht für die Wissenssoziologie. Obgleich er gelegentlich in den entsprechenden Handbüchern als Vorläufer der Wissenssoziologie auftaucht, so erfolgt eine solche wissenssoziologische Würdigung meist aus einem historischen und praktisch niemals aus einem systematischen Interesse.3 Und selbst wo man erkannte, dass Durkheims Theorien unmittelbare Relevanz für wissenssoziologische Fragen hatten, fiel die Gewichtung dieser Beiträge häufig negativ aus (Hamilton 1974: 119). Als Ausnahme und zugleich als Hinweis auf die später zu entfaltende These kann hier bereits auf Paul Vogts Perspektive verwiesen werden, die auf der Einsicht basierte, dass »virtually all Durkheimian sociology was a sociology of knowledge« (Vogt 1979: 102).

Die rezeptionsgeschichtlichen Hintergründe, die zu der Vernachlässigung der wissenssoziologischen Dimension von Durkheims soziologischen Beiträgen geführt haben, können erst nach der Rekonstruktion der relevanten Arbeiten einsichtig werden und müssen sich an dieser Stelle auf die Aussage beschränken, dass in den Werken, in denen Wissenssoziologie enthalten war, dieses Projekt gegenüber anderen theoriepolitischen Ambitionen Durkheims in den Hintergrund trat. Mit einigem Recht sind die meisten Interpreten dieser Gewichtung Durkheims gefolgt. Dass Durkheim ganz explizit eine Bindestrich-Soziologie begründen wollte, geht am deutlichsten wohl aus dem Umstand hervor, dass er im 11. Jahrgang der von ihm mitbegründeten und organisierten Zeitschrift Année sociologique eine neue Rubrik mit dem Titel »Les conditions sociologiques de la connaissance« begründete.

Die nachfolgende Rekonstruktion wird also statt einer Rekapitulation der klassischen Arbeiten Durkheims eine Gewichtung der wissenssoziologisch bedeutsamsten Beiträge vornehmen.

Im ersten Kapitel werden zunächst die biographischen Hintergründe von Durkheims intellektueller Entwicklung skizziert. Im Anschluss werden die problemgeschichtlichen Beweggründe, die Durkheims Projekt der Neufundierung der Soziologie angeregt haben, rekonstruiert. Nicht zuletzt deshalb, weil die Kenntnis der spezifischen weltanschaulichen und gesellschaftspolitischen Problemlagen, die sich im Prozess der Etablierung und Festigung der Dritten Republik herauskristallisierten, hierzulande nicht vorausgesetzt werden können, werden diese Ausführungen relativ breiten Raum einnehmen. Zuletzt war jedoch ein didaktischer Grund ausschlaggebend für die Entscheidung, tiefer in die zeitgeschichtlichen Kontexte einzudringen. Zwar ist die Ansicht, dass Durkheims Theorieentwicklung als unmittelbarer Reflex auf die seit dem Ausgang der Französischen Revolution perpetuell reklamierte moralische Krise aufzufassen ist, zu den gesichertsten Standpunkten der Durkheim-Interpretation zu rechnen. Praktisch bewähren kann sich diese Hypothese jedoch nur in einem werksübergreifenden Zugang. Daher soll dieses Grundmotiv für die nachfolgende Rekonstruktion die Rolle des orientierungsstiftenden roten Fadens übernehmen. Es sei hier nur daran erinnert, dass sich Durkheims erste wissenschaftliche Arbeiten mit den moralwissenschaftlichen Beiträgen verschiedener deutscher Philosophen und Psychologen befassten sowie daran, dass Durkheim am Ende seines Lebens plante, seine intellektuellen Entdeckungen in einem zweibändigen Opus mit dem einfachen und symptomatischen Titel La morale zu rekapitulieren.

Die beiden darauf folgenden, zentralen Kapitel behandeln die soziologischen Arbeiten Durkheims. Kapitel III wendet sich den drei klassischen Arbeiten zu, die Durkheim zwischen 1893 und 1897 publizierte. Sie standen im Zeichen der theoretischen Fundierung und empirischen Umsetzung der Durkheimschen Soziologie. Ausgehend von der Beobachtung, dass Durkheims soziologisches Erklärungsprogramm in theoretischer Hinsicht einer Strategie folgt, die man als Wissenssoziologie avant la lettre qualifizieren kann, richtet sich die Analyseperspektive nach der Fragestellung, auf welche Weise sich die theoretische Gestalt jeweils auf der Ebene der empirischen Untersuchungen realisiert. Dabei wird sich zeigen, dass Durkheim das vermeintlich strenge Methodenkorsett, welches er in seinen Regeln der soziologischen Methode (1895) niederlegte, keineswegs eins zu eins in seinen materialen Studien übersetzte, sondern diese Regeln darin aus verschiedenen Gründen Modifikationen und Anpassungen erfuhren.

Kapitel IV konzentriert sich auf die späten Arbeiten, die Durkheim nach seinem vielkommentierten Offenbarungserlebnis von 1895 anfertigte, das ihm mutmaßlich die elementare Bedeutung der Religion für soziale Integrationsprozesse eröffnete. Es sind zunächst der gemeinsam mit Marcel Mauss verfasste Artikel Über einige primitive Formen von Klassifikation (1903) und insbesondere sein spätes Meisterwerk Die elementaren Formen des religiösen Lebens (1912), die gemeinhin als repräsentativ für Durkheims Soziologie des Wissens genommen werden. Dabei wird jedoch allenthalben übersehen, dass Religion im Aufsatz von 1903 noch gar nicht als basale Institution fungiert, sondern erst im Spätwerk. Darüber hinaus handeln die beiden, in der Regel als inhaltlich konkordant ausgelegten Schriften von verschiedenen Erklärungsgegenständen, nämlich Klassifikationen zum einen und Kategorien des Denkens zum anderen. Grundsätzlich sollte man hier zunächst statt von einer Wissenssoziologie angemessener von einer Erkenntnissoziologie sprechen. Dafür spricht auch der Umstand, dass die Problemstellungen, wie Durkheim explizit macht, jeweils philosophischer Provenienz sind. Im Vergleich zu den Arbeiten, die im vorausgegangenen Kapitel behandelt wurden, so wird sich zeigen, bestehen die erklärungsprogrammatischen Unterschiede der späteren Schriften eher im Detail als im Prinzipiellen. Aus diesem Grund sei bereits hier herausgestellt, dass die seit Talcott Parsons’ epochaler Durkheim-Interpretation (1949 [1939]) weit verbreitete Behauptung einer radikalen Wende, die sich zwischen den Werken, die vor bzw. nach der Jahrhundertwende entstanden, als haltlos erweisen wird.

Das abschließende Kapitel wird schließlich einige der Wirkungslinien, die von Durkheims hier wissenssoziologisch relevanten Texten wegführen, in den Blick nehmen.

1 Man könnte hier ebenso den Sachverhalt anführen, dass den beiden zuletzt Genannten selbst in Durkheims Vaterland wie selbstverständlich historisch-kritische Gesamtausgaben gewidmet wurden, während von Durkheims Werken bis heute ausschließlich Einzelausgaben existieren.

2 Französische Originalzitate wurden – soweit nicht in deutscher Übersetzung vorliegend – vom Autor übersetzt.

3 Konkrete Verweise und Belege finden sich in den beiden Hauptkapiteln (III und IV) dieses Buchs.

I Émile Durkheim: Stationen einer intellektuellen Biographie

In der soziologischen Literatur zu Durkheim dominierte lange Zeit die Auffassung, Durkheims Biographie sei »fast ereignislos« (König 1976: 314) und die Persönlichkeit Durkheims gehe praktisch vollständig in seiner Arbeit auf (ebd., 317). Seit einigen Jahren wird dieses Bild jedoch von Forschungen konterkariert, die neues Licht auf bislang weitgehend unbeachtet gebliebene Facetten geworfen und einen »neuen Durkheim« (Strenski 2006) entdeckt haben. Zu den neuen Erkenntnissen zählten insbesondere das Rätsel um Durkheims politische Anschauung, der Einfluss des Judaismus auf sein Denken, die Familienverhältnisse im Hause Durkheim, das Verhältnis zu seinen Mitarbeitern und sogar die Frage seiner psychischen Konstitution. Diese Unbekannten, über die in der Zunft seit jeher divergente Anekdoten kursieren, bewogen den kanadischen Soziologen Marcel Fournier vor einigen Jahren dazu, das Projekt einer intellektuellen Biographie zu Durkheim in Angriff zu nehmen. Das nunmehr (auf Französisch) vorliegende, neue Standards setzende und beinahe 1000 eng bedruckte Seiten ausfüllende Opus magnum instruiert das nachfolgende Porträt von Durkheims Leben.

Durkheims Herkunft

Émile David Durkheim kommt am 15. April 1858 in dem lothringischen Städtchen Épinal als Sohn des Rabbi Moses Durkheim zur Welt. Diese Berufstradition, die nach dem Zeugnis Henri Durkheims, einem der beiden Neffen Émils, auf acht Generationen zurückreicht (Filloux 1976: 259), wird erst von Émile unterbrochen werden.

Die ökonomische Situation der Familie ist bescheiden. Mehr als einmal moniert Moses Durkheim gegenüber den Behörden die Unwürdigkeit seines Salaires. Seine Frau muss sogar mit Stickarbeiten für Zuverdienst sorgen. Erbschaften sind es schließlich, welche die Familie in den Stand setzen, im Jahre 1876 ein stattliches Domizil im Stadtzentrum zu erwerben. Rabbi Moses Durkheim erntet durch sein vorbildliches öffentliches Auftreten und sein profundes Wissen allgemein einen sehr guten Ruf innerhalb der jüdischen wie auch der städtischen Gemeinde. Das Ehepaar zeugt insgesamt fünf Kinder, von denen Émile mit weitem Abstand das Jüngste ist. Die späteren Spekulationen um den Gemütszustand Émile Durkheims werden sich um dieses Detail ranken, das manchen Interpreten ein Beleg dafür abgibt, dass er kein Wunschkind war und darunter zeitlebens litt (vgl. Charle 1984: 46). Die Kinder wachsen in einem traditionell jüdischen Klima auf und folgen vorschriftsmäßig den religiösen Anforderungen. Sie werden im Geiste von Pflicht- und Verantwortungsbewusstsein erzogen. Von seinem Vater erbt Émile wohl auch den moralischen Rigorismus, der ihn noch später als Universitätsprofessor intellektuelle Oberflächlichkeit und akademischen Manierismus verurteilen lassen wird. Viele Schilderungen seitens Mitschüler und Kollegen zeichnen von Émile das Bild eines Kopfmenschen, der vergnüglichen Ausschweifungen kaum fähig scheint.

Moses Durkheim gehört innerhalb des französischen Judentums einer modernistischen Richtung an, die sich während der dreißiger Jahre des 19. Jahrhunderts herausbildete. Das französische Judentum hatte als erste jüdische Gemeinde Europas im Zuge der Französischen Revolution am 27.09.1791 per Gesetz die volle bürgerliche Gleichstellung gegenüber dem staatstragenden Volk garantiert bekommen.4 Traditioneller Antisemitismus brodelte gleichwohl auch in den Dekaden nach der Revolution5 insbesondere im Elsass immer wieder auf. Diesem begegneten die sog. régénérateurs mit einer ideologischen Neuausrichtung des Judaismus, um eine reale Integration der jüdischen Gemeinde in die französische Gesellschaft voranzutreiben. Die anvisierte »Symbiose zwischen Judentum und Franzosentum« (Berkovitz 1989: 245) sollte über die Modernisierung der Erziehung, eine Neuausrichtung des wirtschaftlichen Handelns, die Zentralisierung der jüdischen Gemeinde Frankreichs sowie die Eliminierung unzeitgemäßer liturgischer Praktiken erzielt werden. Aufgrund starker traditionalistischer Kräfte und Spannungen innerhalb der jüdischen Gemeinschaft stellten sich manifeste Erfolge jedoch nur sehr allmählich ein (Girard 1976: 134). Neben einem spürbaren Aufstieg in neuen industriellen und handwerklichen Berufszweigen (Hyman 1991: 131ff.) – die Familien Dreyfus und Mauss, in die Émile und seine Schwester Rosine einheiraten, geben dafür Beispiele ab – äußern sich diese insbesondere in einem erstaunlichen kulturellen Wandel (vgl. für den Elsass Hyman 1991: 64ff.). Erachtete die Mehrzahl der jüdischen Bewohner bis dato im Christentum die Wurzel allen Übels (Girard 1976: 157), begann sie nunmehr in einem ungekannten Ausmaß am öffentlichen Leben Frankreichs zu partizipieren und sich sogar offen und enthusiastisch mit der französischen Nation zu identifizieren. Die angedeuteten Sachverhalte erklären, weshalb es sich Moses Durkheim trotz seiner religiösen Funktion leisten konnte, auf den traditionellen Bart zu verzichten, seine Kinder ausschließlich bei ihren französischen Namen zu rufen und selbst im Privaten das Jiddische zugunsten der französischen Sprache aufzugeben. Vor diesem Hintergrund wird auch die Reaktion des Judentums nach der Niederlage Frankreichs im Preußisch-Französischen Krieg von 1870/71 nachvollziehbar, die sich – trotz der kulturellen Nähe der jüdischen Bevölkerung zu Deutschland – kaum von derjenigen der Franzosen unterscheidet. Wie sehr das soziologische Werk des zu diesem Zeitpunkt zwölf Jahre alten Émile Durkheims von der Erfahrung der Niederlage und ihren Konsequenzen geprägt wird, lässt sich kaum unterschätzen. Rückblickend auf diese Kriegsprägung erörtert er in einer seiner letzten Arbeiten die Aufgabe seiner Generation: »Alle guten Bürger waren nur von einem Gedanken beseelt: das Land neu zu errichten« (Durkheim 1975a: 465). Zu diesem Zweck bedarf es nach Durkheim zunächst der »Ausbildung« der Nation durch die »Aufgeklärten« (ebd.), denn: »Eine Demokratie verrät ihre eigenen Prinzipien, wenn sie nicht an die Wissenschaft glaubt« (ebd.). Man hat gelegentlich von einem »übertriebenen Patriotismus« (Strenski 1997: 30) seitens der jüdischen und ganz besonders der Elsass-stämmigen Population gesprochen. Die folgenden Ausführungen werden jedoch erhellen, dass Durkheim und seine jüdischen Generationsgenossen ganz im Strom der allgemeinen politischen Entwicklungen mitschwimmen und dabei die diskursbeherrschenden Themen der Zeit aufgreifen, sodass die Behauptung, die Juden seien ununterscheidbar von anderen Franzosen (Hyman 1979: 4), tendenziell zutreffend scheint.

Es ranken sich diverse Legenden um die Umstände und Gründe, die den juvenilen Émile zu dem Entschluss veranlassen, mit der Familientradition zu brechen und, anstelle der vorgesehenen Rabbinerausbildung, eine wissenschaftliche Karriere anzustrengen. Sicher übermittelt ist jedoch, dass der Schüler seinem Vater seine Entscheidung mit einer Selbstüberzeugung vermittelt, die selbst Letzteren beeindruckt, sodass dieser sich dem Wunsch seines Sohnes, sich in Paris für die Aufnahmeprüfung der intellektuellen Kaderschmiede École normale supérieure (ENS) vorbereiten zu dürfen, schließlich nicht entgegenstellt. Immerhin ließ der schulische Erfolg Émiles für seine zukünftige Entwicklung auch Bedeutendes erwarten. Sein Abitur besteht er ohne Mühen, obwohl er zwei Klassen übersprang. Doch der nächste Schritt wird sich als ungleich schwieriger erweisen. Er verbringt das erste Pariser Jahr an der Institution Jauffret. Er leidet hier permanent unter der Trennung von seiner Familie, dem Gefühl der Einsamkeit und dem strengen Formalismus des Unterrichts. Man quält den schon damals eher (natur)wissenschaftlich als humanistisch interessierten Studenten mit Latein und Rhetorik. Selbst der Philosophieunterricht kann ihn nicht begeistern. Er scheitert zunächst an der Aufnahmeprüfung zur ENS und wechselt deshalb im Herbst 1876 an das Elitegymnasium Louis-le-Grand, um sich von nun ab hier für den Concours général6 vorzubereiten. Es gelingt ihm jedoch auch hier erst im dritten Anlauf, die Aufnahmeprüfung an die ENS erfolgreich zu bestehen – als Elftbester. Mit diesem Erfolg steht Durkheim nach aller Berechenbarkeit, die das starr hierarchische und streng reglementierte französische Ausbildungssystem zulässt, die Tür zur Professorenlaufbahn weit offen. Die 1794 von den Jakobinern gegründete Institution etablierte sich trotz diverser politischer Usurpationsversuche als Frankreichs zentrale Ausbildungsstätte von Lehrern und Hochschullehrern (vgl. Schalenberg 2002: 85).7

Durkheims Studium

Durkheim trifft an der ENS auf eine goldene Generation, aus der hier nur die Namen des Philosophen und späteren Nobelpreisträgers für Literatur Henri Bergson (1859–1941), des Sozialistenführers und späteren Präsidenten Jean Jaurès (1859–1914) sowie von Pierre Janet (1859–1947), einem der wichtigsten Psychologen des 20. Jahrhunderts, genannt sein sollen. Man nimmt den Studenten Durkheim auch hier als verschlossen wahr. Er erscheint seinen Kommilitonen – wohl auch aufgrund seiner physischen Erscheinung – als frühreif und altklug, was ihm den Spitznamen »der Metaphysiker« einbringt. Letzteren verdient er sich auch durch die ungestüme Leidenschaftlichkeit und den logischen Schneid, mit welchem er stundenlang diskutieren kann. Zweifelsohne erntet Émile auch tiefen Respekt für seine intellektuellen Qualitäten, die ihn später als Professor auszeichnen sollten (Davy 1919: 185; 1960: 8). Er macht wenige, jedoch intensive Freundschaften, die zumeist ein Leben lang halten sollten, wie etwa mit Jaurès. Es zeichnet sich hier aber ebenso eine lebenslange Gegnerschaft ab, namentlich zu Bergson, der über den jungen Durkheim sagen wird: »Seine Vorträge waren bereits nichts als Syllogistik« (Maire 1935: 144).

Émiles ständige Versagensängste erweisen sich zunächst als unbegründet. Er arbeitet äußerst hart und entwickelt sich schnell zum Klassenprimus. Die ersten beiden Jahre schließt er die Abschlussexamina nicht nur als Jahrgangsbester ab, sondern erhält auch einen Preis für seinen Fleiß und seine vorbildliche Einstellung. Retrospektiv wird sich Durkheim stets positiv über diese strenge Einrichtung äußern, die bei manchen Zeitgenossen wie etwa Émile Zola8 in schlechtem Ruf steht. Die École ähnelt in der Tat dem, was der Soziologe Erving Goffman zu Beginn der 1960er als »totale Institution« (1961) beschrieb. Den normaliens war es nur am Sonntag und donnerstagnachmittags erlaubt, das Gebäude zu Ausflugs- und Erholungszwecken zu verlassen. Tageszeitungen waren ebenso verboten wie »gefährliche« und »nutzlose Literatur« (Zeldin 1973: 71). Ein weiteres Kennzeichen dieses Institutionentyps sind die starke Reglementierung der erlaubten Tätigkeiten und deren strenge Überwachung: Die Schüler wurden um sechs Uhr geweckt und mussten sich unter Beobachtung mehrere Stunden solitärem Studium widmen. Schließlich wäre hier noch das spezifische soziale Setting totaler Institutionen herauszustellen: Alle Insassen verrichten unter gleicher Behandlung dieselben Arbeiten, sodass man von einer Gesellschaft aus Schicksalsgenossen sprechen kann. Einzelzimmer durfte man erst im dritten Jahr beziehen. Die geschilderte Rigidität der Organisationsstruktur bedingt zugleich die Herausbildung eines von den Schülern der École gemeinsam geteilten, positiv besetzten Gruppenethos, des esprit normalien, den auch Durkheim in späteren Jahren noch als einzigartig glorifizieren wird (vgl. Davy 1919: 184). Trotz einiger Kritikpunkte an der Ausrichtung des Unterrichts, wird er sich für seinen eigenen Sohn keine andere Ausbildungsstätte wünschen.

Durkheims Wertschätzung dieser Ausbildungsphase kommt nicht von ungefähr, denn die intellektuellen Prägungen, die sein Denken nachhaltig beeinflussen sollten, fallen sämtlich in diese Zeit. Er selbst hat die Bedeutung seiner ersten Lektüren herausgehoben (vgl. Fournier 2007: 50). So entwickelt er in den Diskussionen mit seinen Kommilitonen über die tagespolitischen Streitfragen Grundanschauungen, die er in seinen theoretischen Schriften wissenschaftlich beglaubigen und in zahlreichen öffentlichen Vorträgen verteidigen sollte. Er tendiert bereits hier zu den progressiven Kräften, die sich diversen konservativen Strömungen (katholischer und monarchistischer Provenienz) gegenüber gestellt sehen und zeigt bewundernden Respekt für die Führungsfiguren des »liberalen Republikanismus« (Weisz 1983: 95) Léon Gambetta und Jules Ferry. Beide Namen stehen symbolisch für die Reformen des Bildungs- und Unterrichtswesens, worin die sich nach 1877 konsolidierende, republikanische Regierung den Königsweg zur Umgestaltung und Versöhnung der gespaltenen französischen Gesellschaft sieht. Durkheim wird sich über seine ganze akademische Laufbahn in öffentlichen Vorträgen und seinen viel beachteten erziehungswissenschaftlichen Vorlesungen mit diesen Fragen befassen. Gleichzeitig debattiert er bereits als normalien enthusiastisch über sozialistische Ideen und die virulente »soziale Frage«. Wie sein Neffe und wichtiger Kooperationspartner Marcel Mauss (1872–1950) überliefert, handeln deren abstrakte philosophische Ideen, wie sie zu sagen pflegten, über »Verhältnisse von Individualismus und Sozialismus« (Mauss1992: 27). Dass diese für die weitere Soziologiegeschichte so prägende Begriffsformel bereits zu Beginn der 1880er-Jahre auftaucht, ist insofern signifikant, als Durkheim immerzu als sein programmatisches Leitmotiv die Versöhnung beider Weltanschauungen anführen wird.

Schließlich fällt in die prägende Studienphase an der ENS auch Durkheims Entdeckung der Soziologie als potenzielles Mittel, um die institutionellen und ideellen Fundamente der Dritten Republik zu festigen. Es ist allerdings müßig zu bestimmen, welche Quelle oder gar welcher Autor Durkheim dazu inspiriert hat, auf eine dazumal in Verruf stehende und institutionell ungefestigte Disziplin zu setzen. Als Durkheim zu Beginn der 1890er der Prüfungskommission das Thema seiner zweiten, französischen These ankündigt – eine Studie über Arbeitsteilung –, soll ihm nach Aussage von Mauss einer der Prüfer erwidert haben: »Comte war ein Verrückter und Sie müssen auch ein Verrückter sein, wenn Sie uns eine ›soziologische‹ These vorlegen« (Murray & Mauss 1989: 164). Gesichert ist immerhin, dass Durkheim zwischen dem zweiten und dritten Jahr seines Studiums die Schriften Comtes (1798–1857) und Spencers (1820–1903) kennenlernt. Dennoch hat die Frage, welche Personen Durkheim während seiner Ausbildungsphase zu seinen Vorbildern nahm, gerade aktuell wieder Konjunktur. Die seit Langem dominierende Ansicht proklamiert – auf Basis der Überlieferung von Davy (1919: 187) –, dass Comte sowie der Philosoph Charles Renouvier den tiefsten Eindruck auf Durkheim hinterlassen. Jüngst wurde diese Sichtweise von Wissenschaftshistorikern revidiert, die unter Verweis auf die 1995 entdeckten, ersten Philosophie-Vorlesungen Durkheims feststellten, dass darin keinerlei Hinweis auf Comte oder die Position des sozialen Realismus auffindbar sei (vgl. Jones 1999: 7, Gross 2004: 7). Stattdessen vermutet man dessen Wurzeln zum einen in dem Spiritualismus der Schule um den zeitgenössisch einflussreichen Philosophen Victor Cousin (Schmaus 2000: 27ff., 2004: 101) und zum anderen in der Begegnung mit der sozialwissenschaftlichen Diskussion in Deutschland, die Durkheim während seines sechsmonatigen Forschungsaufenthaltes zwischen 1885 und 1886 kennenlernt (Gross 1996: 417ff., Jones 1999: 178ff.).

Durkheims Lehrer

Einig ist man sich weitgehend in der Ansicht, dass Durkheims Lehrer an der École einen zentralen Einfluss auf die Entwicklung seines Denkens nehmen. Unter diesen ist zunächst der Historiker Numa Denis Fustel de Coulanges (1830–1889) hervorzuheben, dem Durkheim seine lateinische These9 über die Methodologie bei Montesquieu widmet. Fustel versammelt in seiner Person alle intellektuellen Eigenschaften, die Durkheims Idealvorstellungen eines Lehrers entsprechen. Er beeindruckt seine Schüler durch einen streng wissenschaftlich-methodischen Geist, der das bodenlose philosophische Phrasieren als dilettantisch ablehnt.10 Entsprechend erwartet er von seinen Schülern eine gewissenhafte intellektuelle Disziplin bzw. einen methodischen Umgang mit historischen Quellen. Nicht Fantasie und Einfühlungsvermögen in historische Personen seien vom Historiker verlangt, sondern das objektive Analysieren, Vergleichen und In-Beziehung-Setzen von Daten. Fustels Auffassung von Geschichtswissenschaft zeichnet sich gegenüber den traditionellen, ereignis-, personen-, und politikgeschichtlich orientierten Formen der Geschichtsschreibung durch eine soziologische Ausrichtung aus, in welcher Institutionen im Zentrum stehen. Er bezeichnet die Geschichte einmal als »Wissenschaft der sozialen Tatsachen« (vgl. Fournier 2007: 47). Bekanntlich wird Durkheim exakt diesen Begriff zur Bezeichnung des Gegenstandsgebiets der Soziologie in Anschlag bringen und diese – offenbar in Anlehnung an Fustel – als »Wissenschaft von den Institutionen, deren Entstehung und Wirkungsart« (Durkheim 1965: 100) definieren. Auch Fustels Hauptwerk, La cité antique (1864), adressiert Themenstellungen, die Durkheim in seiner wohl bedeutendsten Studie über Die elementaren Formen des religiösen Lebens aufgreifen wird, nämlich die Frage nach der integrativen Funktion von religiösen Gemeinschaftspraktiken. Ähnlich wie sein Lehrer wird Durkheim die Ansicht vertreten, dass alle Formen der menschlichen Assoziation letztlich religiösen Ursprungs sind (vgl. Jones 1999: 163, 166).

Neben Fustel ist es der Philosoph Émile Boutroux (1845–1921), bei dem Durkheim mit dem größten Gewinn hört. Diesem widmet er seine französische These über die Arbeitsteilung. Boutroux ist Schüler von Jules Lachelier (1832–1918), der sich die Bewahrung der Philosophie Immanuel Kants (1724–1804) zur Lebensaufgabe gemacht hat. So lässt sich auch das Grundanliegen Boutroux’ als Vermittlungsversuch der Wissenstheorie Kants und des Positivismus Comtes mit der zeitgenössischen Philosophie begreifen (Nye 1979: 113). Seine Promotionsschrift von 1874 De la contingence des lois de la nature